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Verlorene Hühnerfedern

von zimtia
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P12
Charlotte Slättberg /Sprotte Frieda Goldmann Friedrich Baldwein / Fred Melanie Klupsch Trudhild Bogolowski / Trude Wilma Irrling
25.05.2019
21.08.2020
10
22.578
6
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Dieses Kapitel
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30.05.2019 3.294
 
Bevor Sprotte nach Hause fahren konnte, musste sie noch einmal bei Oma Slättberg vorbeischauen. Die verdonnerte sie dazu im Gemüsebeet das Unkraut zu jäten, gab ihr aber als Belohnung frische Zucchini, Tomaten und eine Dose ihrer berühmten Schokoladenkekse mit.

Als sie sich nach getaner Arbeit endlich auf den Heimweg machte, nahm sie die Abkürzung durch den Wald, in welchem das Baumhaus der Pygmäen stand. Zu ihrer Oma hatte sie extra den anderen Weg genommen, weil sie einer zufälligen Begegnung mit einem gewissen Jungen entgehen wollte. Aber jetzt wollte sie nur noch nach Hause. Es war sowieso zu spät als dass die Pygmäen sich noch in ihrem Baumhaus aufhalten würden. Morgen war schließlich wieder Schule. Und daran wollte Sprotte wirklich nicht denken.

Wie erwartet schien das Baumhaus verlassen. Glück gehabt, dachte sie erleichtert. Sie war froh, dass sie wenigstens noch einen Tag hatte um sich auf die Begegnung mit dem Pygmäenchef vorzubereiten.

Am Ende des Waldes konnte sie unscharf eine Gestalt ausmachen, die auf dem Waldpfad stand und aus irgendeinem Grund gegen ihr Fahrrad trat. Je näher sie der Person kam, desto bekannter erschienen ihr die Konturen und der verräterisch rote Haarschopf.

So ein Mist, dachte sie als sie den Jungen erkannte. Es war Fred. Natürlich war es Fred. Wieso hatte sie nicht den anderen Weg genommen? Und blöderweise konnte sie auch nicht einfach an ihm vorbeifahren, weil sein Rad mitten auf dem Pfad stand und ihr den Weg versperrte.

Sie bremste und kam mit einem Quietschen zum Stehen, dass seine Aufmerksamkeit auf sie lenkte. Sprottes verräterisches Herz machte einen freudigen Hüpfer bei Freds Anblick. Schnell blickte sie zur Seite wo sein Fahrrad stand.

„Du stehst im Weg“, war alles was ihr als Begrüßung einfiel.
Zur gleichen Zeit sagte Fred: „Sprotte! Du bist meine Rettung!“
Nun… das war jetzt unangenehm.

Der Junge runzelte die Stirn und folgte dann ihrem Blick zu seinem Fahrrad. „Oh“, sagte er, als wäre ihm dieses kleine Detail gar nicht bewusst gewesen, „Du hast Recht“, er grinste, „du hast nicht zufällig ne Pumpe dabei?“

Sprottes Blick fiel auf sein Hinterrad, das ziemlich platt aussah. Es war so typisch für ihn, dass er nicht einmal eine Fahrradpumpe dabei hatte. Mit einem Seufzen, stieg sie von ihrem Rad, stellte den Ständer auf und löste die kleine schwarze Pumpe von ihrem Rahmen. Mit zwei Schritten ging sie zu ihm und reichte dem Jungen ihre Pumpe. „Hier“, sagte sie. Sie konnte sich den spöttischen Unterton einfach nicht verkneifen.

Er war immer noch Fred, wurde ihr klar. Und sie war immer noch Sprotte. Es musste sich nichts ändern nur weil er ihr einen kleinen Zettel zugesteckt hatte. Oder weil er sie geküsst hatte. Oder weil ihr Herz neuerdings doppelt so schnell schlug, wenn sie ihn sah. Oder weil es sich so anfühlte als würden Schmetterlinge ihren Bauch bewohnen, wenn er sie so anlächelte.

„Super, danke“, sagte er erleichtert, als er die Pumpe entgegennahm. Er kniete sich vor seinem Fahrrad hin und drehte die kleine Verschlusskappe von seinem Ventil. „Hoffe nur, dass das nur ‘n Platten ist und kein Loch“, murmelte Fred, während er Luft in den Reifen pumpte. Er kehrte ihr den Rücken zu, wodurch sie freie Sicht auf einen kleinen Marienkäfer hatte, welcher langsam an seinem T-Shirt hoch krabbelte. Beinahe hätte sie die Hand ausgestreckt und ihn auf ihre Finger gelockt.

„Und? Sind alle Hühner wieder sicher in ihrem Hühnerstall angekommen?“, fragte der Junge ohne sich umzudrehen.
Sprotte verdrehte die Augen. Er konnte es einfach nicht lassen mit seinen blöden Hühnerscherzen.

„Warum siehst du nicht selber nach? Du weißt doch wo unser Gehege steht“, antwortete sie giftig, „An deiner Stelle wär ich aber vorsichtig. Die Hühner sind heute besonders bissig.“

In einer fließenden Bewegung stand Fred auf und drehte sich zu ihr um. „Oho. Ich merk schon. Was für ne Laus ist dir denn über die Leber gelaufen?“
„Mir ist keine blöde Laus über die Leber gelaufen!“, entgegnete sie ungeduldig. Was war nur los mit ihr? Warum fühlte sie sich plötzlich so gereizt?

Fred runzelte verwundert die Augenbrauen. „Ach so. Der Reiterhof. Ist es… weil es dir da so gefallen hat? Vermisst du… die Pferde?“ Bei diesem letzten Satz klang seine Stimme irgendwie zögerlich, als traue er sich nicht recht zu fragen. Oder als wollte er eigentlich nach etwas anderem fragen.

„Das ist es nicht“, sagte sie leise, „Oder… doch – klar vermiss ich die Pferde, aber…“ Sie zuckte mit den Schultern. Sie wusste auch nicht warum sie sich so benahm. Wenn Frieda nur hier wäre. Die wüsste was man in so einer Situation tat.

„Also, ich bin ganz froh, dass ihr alle wieder da seid. Es ist einfach zu langweilig hier ohne ein paar verrückte Wilde Hühner.“ Er schmunzelte. Dann scharrte er mit den Füßen auf dem Boden. „Und zumindest gibt es hier keine blöden Romeos die allen Hühnern den Kopf verdrehen.“

Sie wollte etwas Bissiges entgegnen, weil ihr die Sache mit Maik immer noch irgendwie peinlich war. Aber der unsichere Blick den er ihr zuwarf hielt sie davon ab.

„Das war jetzt das dritte Mal, dass du ‚Hühner‘ gesagt hast“, sagte sie stattdessen.
„Tja, was soll ich sagen? Ich mag Hühner eben“, erwiderte er schulterzuckend, während er sie auf eine Weise angrinste, bei der ihr ganz warm wurde.

„Idiot“, murmelte sie kichernd.
„Ha! Du hast gelacht!“
„Hab ich nicht.“
„Hast du doch!“
„Nein, das musst du dir eingebildet ha – hey! Lass das!“

Der Pygmäenchef hatte ihr mit der Pumpe Luft ins Gesicht gepustet, was ihre Haare komplett zerzaust hatte.

„Sehr witzig“, knurrte sie, während er natürlich wieder nur blöd kicherte.
Ärgerlich versuchte sie das Wirrwarr wieder in Ordnung zu bringen, aber ein paar widerspenstige Strähnen klebten ihr immer noch im Gesicht.

Fred machte einen kleinen Schritt auf sie zu und streckte seine Hand nach ihrem Gesicht aus. Vorsichtig strich er die verbliebenen roten Strähnen hinter ihr Ohr, sodass sie wieder freie Sicht hatte. Und was für eine Aussicht das war. Der Junge war ihr so nahe, dass sie nichts außer seinem Gesicht sehen konnte. Sie hatte nie darauf geachtet wie blau seine Augen waren. Oder wie lange Wimpern er hatte. Irgendwas war anders. Da lag plötzlich diese Spannung in der Luft, als wäre sie elektrisch aufgeladen.

Er ließ seine Hand wieder sinken und betrachtete ihre Schulter. „Sprotte, ich…“ Er biss sich auf die Lippen und atmete tief ein. „Weißt du, ich hab mich gefragt ob… es da vielleicht etwas gibt, dass… du mir sagen möchtest?“ Er sah auf und schien in ihren Augen nach einer Antwort zu suchen. Eine Antwort, die so tief in ihrem Herzen verborgen war, dass selbst Sprotte sie die ganze Zeit über nicht bemerkt hatte. Ob er sie wohl finden würde?

„Ich…“ begann sie. Ihr Herz pochte so wild, dass er es bestimmt hören konnte. War das nicht Antwort genug? Was hatte Frieda gesagt? Sie sollte ihm einfach sagen was sie fühlte? Aber wie sollte sie das beschreiben? Wenn er sie so direkt ansah, konnte sie einfach nicht klar denken. Sie schüttelte den Kopf. Mellis Stimme hallte in ihrem Kopf wieder. Weil du nämlich lieber deine eigenen Lippen verschlucken würdest, als sowas zu sagen. Deshalb wirst du auch mal alt und einsam sterben. Jede Wette
Das stimmte nicht. Wie konnte Melli nur so was Gemeines sagen? Sie ballte ihre Hände zu Fäusten. Oder? Stimmte es doch? Etwas anderes, dass Melli gesagt hatte fiel ihr wieder ein.

„Stimmt das was Melli gesagt hat?“, hörte sie sich selbst fragen, „Dass du mit drei Mädchen gleichzeitig zusammen warst, die alle nichts voneinander wussten?“ Sie hatte das eigentlich schon wieder vergessen gehabt. Warum musste sie es jetzt erwähnen? Nun. Angriff war ja bekanntlich die beste Verteidigung.

Sie konnte genau beobachten wie alle Farbe aus seinem Gesicht wich. „Das… das war…“ Sein Mund hing offen, während er panisch nach einer Erklärung zu suchen schien. Seine Wangen blähten sich während er sich mit einer Hand übers Gesicht fuhr und danach durch sein rotes Haar, sodass es leicht nach oben abstand. „Also das war so. Tina aus der Parallelklasse hat sich mit Willi angelegt und irgendwas Blödes über Melli rumerzählt. Und bevor er was Dummes anstellen konnte – du kennst ja Willi – hat Torte vorgeschlagen, es ihr auf eine andere Weise heimzuzahlen. Und weil jeder weiß, dass Torte nur Augen für Frieda hat… hab… ich mich dazu bereit erklärt die Angelegenheit zu übernehmen.“

Tina also. Blond, blaue Augen, aber nicht so groß wie Melli. Hatte Melli sich nicht mal beschwert, dass das Mädchen ihr immer die Klamotten nachkaufte?

Sprotte verschränkte die Arme. „Aha“, kommentierte sie unnachgiebig, „Und die andern zwei?“

„Naja also… Lena war so nett uns ihre Anlage für das Baumhaus zu überlassen und… da fand ich es irgendwie fies sie einfach so abzuweisen. Und Maya…“ Er zögerte. Sprotte kniff bedrohlich die Augen zusammen. „Die Jungs wollten mir nicht glauben, dass ich es schaffen würde mit noch einem Mädchen auszugehen ohne dass eine von ihnen was davon merkt.“ Er kratzte sich am Hinterkopf und betrachtete verlegen seine Schuhe.

Sprotte konnte es einfach nicht fassen. „Das ist es also“, murmelte sie, „Hat dich etwa auch jemand angestiftet mir diesen blöden Zettel zu schreiben? Oder mich zu küssen?“ Da waren sie plötzlich. Die Worte. Wie Pfeile schoss sie sie auf ihn ab. Verletzend. Aber hatte er nicht damit angefangen? Nie zuvor hatte sie sich so verletzlich gefühlt. So verunsichert. Er hatte sie glauben lassen, sie sei etwas Besonderes für ihn und dann… hatte sie das mit seinen drei Freundinnen erfahren.

Fred riss die Augen auf und legte eine Hand auf ihren Arm. „Sprotte – das – das würde ich nie, nie – das war total idiotisch von mir damals – ich weiß das – aber sowas würd ich doch niemals mit dir machen!“

„Bist du dir da sicher?“, fragte sie skeptisch, „Bestimmt haben Tina oder Maya auch nicht damit gerechnet, dass du neben ihnen noch andere Mädchen triffst.“

Sprotte“, in der Art wie er ihren Namen sagte lagen so viele Emotionen. Das Wort schien ihr wie eine Bitte. Er versuchte ihr etwas zu erklären. Wollte, dass sie ihn verstand. „Wirklich, du musst mir glauben. Das liegt alles in der Vergangenheit. Mit dir ist das was komplett anderes.“

„Ach ja?“ Sie zog ihren Arm weg und machte einen Schritt zurück. „Und wieso ist das was anderes?“

„Na weil“, er brach ab, sichtlich um Worte ringend. Seine Augenbrauen waren so stark gerunzelt, dass sie sich beinahe trafen. „Deinetwegen hab ich mich fast von diesem Höllenpferd fressen lassen.“

Sie konnte nicht anders. Die Erinnerung an diesen Zwischenfall ließ sie schmunzeln. Sie biss sich auf die Lippen, obwohl Fred es wahrscheinlich schon gesehen hatte.

Seine Gesichtszüge entspannten sich ein wenig. „Und außerdem, selbst wenn ich tausend Mädchen treffen würde, würd ich mit keiner von ihnen ausgehen.“

Sprotte zog eine Augenbraue hoch. „Und warum nicht?“

„Na, ich hab doch eben gesagt, dass ich Hühner mag.“
Sprotte schnaubte belustigt, was ihm ein Grinsen entlockte.

„Und ein wildes Huhn mag ich ganz besonders gerne“, seine Finger tasteten vorsichtig nach ihrer Hand, als warte er ab ob sie sie zurückziehen würde. Sie hielt ihre Hand ganz still.
Wenn er sie so ansah, mit seinen warmen blauen Augen vergaß sie beinahe, warum sie eigentlich so wütend gewesen war. Beinahe.

„Wenn du auch nur ein anderes Mädchen ansiehst, bist du erledigt“, schärfte sie ihm ein, während ihre Finger sich wie von selbst seiner Hand entgegenstreckten. Daraufhin lachte Fred laut und verschränkte seine Finger mit ihren. Wie das kribbelte!

„Außer dir gibt es sowieso kein Mädchen mit dem ich zusammen sein will“, raunte er ihr zu und gab ihr einen sachten Stups auf die Nase. Sprotte könnte schwören in diesem Moment wuchsen ihr Flügel. Aus Hühnerfedern vielleicht.

Sie kniff die Augen zusammen. „Das hoff ich für dich. Immerhin weiß ich wo Oma Slättberg ihre Pistole versteckt.“
Fred grinste breit. „Aber die ist doch ungeladen.“
„Kann ja nicht so schwer sein sich Munition dafür zu besorgen“, gab sie zurück, ihr Kinn trotzig nach oben gereckt. Er lachte wieder. Ihr war vorher nie aufgefallen, wie schön sein Lachen war.

„Also. Was denkst du, Oberhuhn?“
Sie dachte… Was dachte sie? Sie dachte, wenn ihr zehnjähriges Selbst sie jetzt sehen könnte, würde das jüngere Mädchen ihr die Hühnerkette vom Hals reißen und sie eine Verräterin nennen. Aber sie war nicht mehr zehn. Und überhaupt, war es ihr Herz gewesen, dass sie verraten hatte. Ihr zehnjähriges und ihr jetziges Ich. Aber vielleicht war das ja gar nicht so schlimm?

„Ich denke“, begann sie stirnrunzelnd, „dass, Melli mich bis in alle Ewigkeit damit aufziehen wird.“ Mit einem Seufzer sank ihr Kopf nach vorne.
Das brachte Fred erneut zum Lachen. Sie lächelte. Wie schön es klang. Da spürte sie einen leichten Druck auf ihrem Rücken und plötzlich fand sie sich eng an seinen warmen Körper gedrückt. Er roch nach Wald und irgendwie… nach Fred. Es fühlte sich fast so schön an, wie mit ihren wilden und den echten Hühnern beim Wohnwagen zu sitzen und die Sommersonne zu genießen.

„Wir erzählen es ihr einfach nicht“, flüsterte Fred in ihr Ohr. Das kitzelte. „Und wenn sie es doch rauskriegt, muss sie erstmal an mir vorbeikommen.“
Sprotte kicherte. „Bist du jetzt mein persönlicher Beschützer oder was?“
Sie spürte wie er nickte. „Bin ja nicht umsonst Häuptling der Pygmäen.“
Sprotte schnaubte. „Wohl eher Häuptling der blöden Sprüche“, sagte sie spöttisch, während sie sich sanft von ihm löste, damit sie ihn ansehen konnte.

„Autsch. Das war mein Stolz den du da grade beschädigt hast.“ Er sah zutiefst verletzt aus. „Und ich hab gedacht du magst mich.“
Die Versuchung weiter mit ihm zu scherzen war groß. Aber Sprotte fühlte, dass es nicht schaden konnte, dieses eine Mal nachzugeben.
„Tu ich doch“, sagte sie also, „Und wie.“

Genau in diesem Moment, der ihr irgendwie bedeutsam vorkam, ertönte ein lauter Krach. Fred zuckte überrascht zusammen und drehte sich nach dem Lärm um. Sein Fahrrad war umgefallen.

„Blödes Teil“, ärgerte er sich, während er sein Rad wieder aufstellte.
„Hast dus denn jetzt aufgepumpt?“, fragte Sprotte, weil ihr nichts besseres einfiel. Sie verschränkte die Arme vor der Brust, damit sie etwas zu Tun hatten. Es war wirklich armselig, dass sie sich bereits wünschte er würde sie wieder umarmen.

„Fast“, entgegnete der Pygmäenchef und machte sich daran seinen Reifen fertig aufzupumpen. Womit sie wohl wieder in der Normalität angekommen waren.
„So. Das sollte genügen“, verkündete Fred, sprang auf und reichte ihr die Pumpe. Sprotte gab sie ihm gleich wieder zurück.

„Behalt sie ruhig erstmal. Falls du doch wieder nen Platten kriegst.“
Er grinste verlegen. „Hm. Vielleicht hast du Recht.“ Behände klemmte er die Pumpe auf seinen Gepäckträger und schwang sich auf sein Fahrrad. „Wolln wir dann?“

Sprotte wurde rot. Wollte er sie etwa noch nach Hause bringen? Naja… sie hatten schließlich einen ähnlichen Heimweg, also war nichts daran einzuwenden, dass sie noch ein Stück gemeinsam fuhren.
Sie nickte und setzte sich auf ihr Rad.

Während die beiden so dahinfuhren und sich die Abendsonne ins Gesicht scheinen ließen, dachte Sprotte, dass irgendwie alles passte. Sie hatte nicht mal das Bedürfnis krampfhaft nach irgendeinem Gesprächsthema zu forsten. Allein neben dem Pygmäen herzufahren und seine Gesellschaft zu genießen, gab ihr ein tiefes Gefühl von Zufriedenheit. Sie spähte rüber zu Fred, um zu sehen ob er diese Empfindung teilte.

Er warf ihr ein verschmitztes Grinsen zu, mit dem er mit Sicherheit schon hunderte Mädchenherzen gebrochen hatte. Sprotte schüttelte den Kopf um diesen Gedanken zu vertreiben. Warum dachte sie schon wieder an andere Mädchen? Er hatte doch gesagt, dass er mit ihr zusammen sein wollte.

Sie richtete den Blick wieder nach vorne und bemerkte, dass sie ihre Abzweigung erreicht hatten.
„Hier muss ich links“, sagte sie widerstrebend.
„Oh. Richtig“, gab er zurück. Er hatte angehalten. „Soll ich dich noch nach Hause bringen?“
„Lass mal. Den Weg find ich schon alleine“, entgegnete sie, während sie ebenfalls abbremste und neben ihm stehen blieb.

Fred öffnete den Mund und so wie er grinste, wusste Sprotte schon was er als nächstes sagen wollte. „Ein blindes–“
„Tu uns den Gefallen und spar dir deinen Hühnerwitz, ja?“ Sie verdrehte genervt die Augen.
„Sicher, dass du ihn nicht hören möchtest?“
„Hundertprozentig.“

Fred seufzte dramatisch. „Wenn das so ist…“ Er sah sie nachdenklich an als wollte er ihr noch etwas sagen.
„Naja, ich fahr dann mal“, sagte sie schließlich, da er nichts weiter sagte.
„Wart mal ne Sekunde.“ Er biss sich auf die Lippen, stieg von seinem Rad und stellte es ab. Dann kramte er eine kleine weiße Papiertüte aus seinem Rucksack hervor, lief zu ihr herüber und blieb auf der anderen Seite ihres Lenkers stehen.

„Hier, für dich.“ Er hielt ihr das Tütchen vors Gesicht. Reflexartig griff sie danach.
„Was ist das?“
„Erdbeeren“, antwortete der Junge, „Aus dem Garten von meinem Großvater.“
„Oh. Danke.“ Vorsichtig lugte sie in die Tüte, wo sie ein paar kleine rote Erdbeeren entdeckte. Hatte er die extra für sie mitgebracht? Aber er hatte doch gar nicht gewusst, dass er sie treffen würde.

„Kann ich die wirklich alle haben?“, fragte sie unsicher.
„Klar“, entgegnete er, „Ich hatte schon genug von den Dingern.“
Sprotte lächelte. Das war irgendwie süß von ihm. Vorsichtig, damit sie nicht zerquetscht wurden, packte sie die Erdbeeren in ihre Tasche zusammen mit dem Gemüse, dass sie von Oma Slättberg bekommen hatte.

Sie drehte sich wieder zu ihm um. Wollte er noch etwas?
„Äh… ich kann so nicht fahren, wenn du da stehen bleibst“, informierte sie ihn höflich.

Fred lachte. „Vielleicht war das ja die ganze Zeit mein Plan“, raunte er.
Sie rollte mit den Augen. „Du kannst dir diese blöden Sprüche einfach nicht verkneifen, was?“

Er zuckte mit den Achseln, als könnte er überhaupt nicht verstehen, was sie hatte. Sacht stupste sie ihn in Richtung seines eigenen Rads.
„Verfahr dich nicht“, sagte sie fröhlich, als sie sich vom Boden abstieß und ihm nochmal zum Abschied zuwinkte. Gerade wollte sie in ihre Straße einbiegen, da –

„Sprotte, warte!“, hörte sie ihn rufen, dann tauchte er direkt vor ihren Augen auf.
„Bist du verrückt?“ Sie bremste ruckartig. Beinahe hätte sie ihn umgefahren!
„Ich hab doch noch was vergessen“, entgegnete er, während er sich mit den Armen auf ihren Lenker stütze und zu ihr lehnte.
„Was denn?“, fragte Sprotte stirnrunzelnd und leicht irritiert.

Fred grinste nur schelmisch. Dann beugte er sich vor und küsste sie auf den Mund. Sie erstarrte. Damit hatte sie nicht gerechnet. Die Schmetterlinge in ihrem Bauch flatterten kurz auf, als hätten sie sich ebenfalls erschreckt. Sie lächelte. Seine Lippen schmeckten nach Erdbeeren.

„Damit du mich nicht zu sehr vermisst“, sagte er leichthin. Wo kramte er nur immer diese schnulzigen Sprüche hervor? Sie schüttelte sich. Er war so ein Idiot.

„Also dann. Komm gut nach Hause, Oberhuhn.“ Mit diesen Worten schlenderte er zu seinem Fahrrad und fuhr in die entgegengesetzte Richtung davon. Sprotte sah ihm noch einen Moment nach, während er immer kleiner wurde. Bevor Fred ganz aus ihrem Sichtfeld verschwunden war, drehte er sich noch einmal um und winkte ihr zu.

„Schau lieber nach vorn!“, rief sie lachend. Sein Fahrrad machte einen kurzen Schlenker und bog dann schließlich um eine Ecke. Weg war er. Sprotte konnte es gar nicht erwarten ihn morgen in der Schule wieder zu sehen.

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A/N: Hallo liebe Hühner-Freunde! Mich hat irgendwie die Nostalgie gepackt. Also hab ich logischerweise eine WH FF geschrieben. Wow. Eigentlich sollte das auch gar nicht so angsty werden aber... ich hatte das Gefühl dass Sprotte mit ihrer Eifersucht, die Sache mit Freds drei Freundinnen nicht einfach so ignorieren könnte. Vielleicht, war das ja sogar die Ursache dafür?  Und mal ganz ehrlich. Hallo? Fred? Wie kommt man auf so ne dämliche Idee? Ich würd echt mal gerne wissen was er sich dabei gedacht hat.
Achtung: Spoiler für die Wilden Hühner und das Leben!!
Nichtsdestotrotz kann mir keiner erzählen, dass er Sprotte ernsthaft betrogen hätte. Das passt einfach nicht zu ihm. Wie auch immer. Bevor das jetzt weiter ausartet... bis zum nächsten Kapitel! Und danke fürs Lesen :)
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