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Verlorene Hühnerfedern

von zimtia
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Charlotte Slättberg /Sprotte Frieda Goldmann Friedrich Baldwein / Fred Melanie Klupsch Trudhild Bogolowski / Trude Wilma Irrling
25.05.2019
14.04.2021
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14.04.2021 3.678
 
„Wuah!“ Aus dem nichts kam jemand von hinten auf sie zugesprungen und packte sie bei den Schultern.

Sprotte zuckte zusammen und ließ vor Schreck das Kleiderbündel fallen.
Dann hörte sie wie jemand leise lachte. Aber es war laut genug um ihr bekannt vorzukommen. Vorsichtig tastete sie nach dem Lichtschalter. Statt des Lichtschalters ertasteten ihre Finger aber nur etwas, dass sich wie ein Arm anfühlte. Dann wurde es plötzlich wieder hell.

„Also, ich hab zwar nichts dagegen von dir abgetastet zu werden, aber ich glaube, du hast das hier gesucht, oder?“ Mit einem schelmischen Grinsen zeigte Fred auf den Lichtschalter neben dem Eingang.

„Musst du mich so erschrecken?“, platzte Sprotte heraus. Ihr Herz klopfte immer noch wie wild von dem Schreck. „Ich weiß, du findest das vielleicht witzig, aber beschwer dich nachher nicht, wenn ich ‘nen Herzinfarkt bekomme oder so was.“

„Ach, für so was bist du doch viel zu jung,“ sagte er abwehrend und griff vorsichtig nach ihrer Hand. Probehalber zog er daran, sodass sie einen Schritt auf ihn zu stolperte. Ärgerlich funkelte sie ihn an, wehrte sich aber nicht, als er einen Arm um sie legte und sie an sich zog. Wie die letzten Male auch, fühlte sich seine Nähe einfach zu gut an. Gerade nach einem so anstrengend langen Schultag. Ein bisschen war es wie, als würde sie sich in ihre Bettdecke kuscheln und gleichzeitig jeden Gedanken daran verdrängen, dass sie irgendwann aufstehen und die wohlige Wärme verlassen musste.

„Ich hab ‘ne Idee,“ flüsterte Fred leise und erinnerte sie dabei merkwürdigerweise an Wilma, die vorhin fast genau das gleiche geflüstert hatte. „Ich erschreck dich einfach so lange, bis du dich daran gewöhnt hast.“

Sprotte stieß ihn von sich und fragte sich in Gedanken, wie er es hinbekam so unverschämt zu grinsen.

„Ich hab gehört man kann sich auch daran gewöhnen vom Pferd zu fallen,“ gab sie bissig zurück. Und bereute es im gleichen Moment schon wieder.

Wie ein Karpfen, der nach Luft schnappte, öffnete und schloss sich Freds Mund.

„Das war…“, sagte er schließlich, „nicht nett.“

Sprotte biss sich auf die Lippen, als könnte sie die Worte damit wieder zurücknehmen. „Tut mir Leid. Das hab ich nicht so gemeint.“

Mit einem dramatischen Seufzen streckte Fred die Hand aus und holte aus dem Regal rechts von ihr ein kleines Glasfläschchen heraus, das mit einer giftgrünen Flüssigkeit gefüllt war.

„Was ist das?“, fragte Sprotte neugierig.

„Gift,“ entgegnete er schwermütig, „Wenn ich schon nicht reiten kann wie Romeo, bleibt mir nichts anderes übrig, als dich mit diesem Gift von meiner tiefen Zuneigung zu überzeugen.“ Mit einem gequälten Gesichtsausdruck öffnete er das Fläschchen und kippte sich die giftgrüne Flüssigkeit in den Rachen. Dann sank er wie eine menschengroße Marionette, der man die Fäden durchtrennt hatte, nach vorne. Hätte Sprotte ihn nicht instinktiv aufgefangen, wäre er auf dem Boden gelandet.
Vorsichtig lugte er nach oben, um ihre Reaktion zu erhaschen.

„Gift? Ich glaub eher das war die Essenz des Wahnsinns,“ murmelte Sprotte kopfschüttelnd.

„Gib zu, du fandest es überzeugend,“ sagte Fred beharrlich, während er immer noch halb in ihren Armen hing. „Wenigstens ein bisschen.“

Anstelle zu antworten half Sprotte ihm sich wieder aufzurichten und schnaubte belustigt. „Wenn das Frau Holzeisen gesehen hätte, hätte sie dich glatt zur Probe mitgeschleppt und mit Nora ausgetauscht.“

Interessiert legte er den Kopf schief. „Meinst du… ich würde einen guten Romeo abgeben?“

An irgendetwas erinnerten Sprotte diese Worte. Richtig. Der Nachmittag am Wohnwagen, bevor die Hühner zum Reiterhof aufgebrochen waren. Da hatte sie sich bei dem Gedanken ertappt, dass Fred bestimmt auch einen guten Romeo abgeben würde. Und sie hatte sich selbst gewundert wo dieser absurde Gedanke hergekommen war.

Eine Ewigkeit schien das her zu sein. Seitdem war so viel passiert. Von all dem Durcheinander, was wenig später in ihrem Herzen toben würde, hatte sie damals nicht die geringste Ahnung gehabt. Und jetzt… wusste sie zumindest, warum ihr damals dieser seltsame Gedanke gekommen war. Wie lange hatte sie Fred wohl schon gemocht, ohne es selbst zu wissen? Und was sie noch viel neugieriger machte… wie lange hatte er sie gemocht?

„Also… dass du so lange darüber nachdenken musst…“ Er schüttelte den Kopf. „Muss ich mich jetzt beleidigt fühlen?“

Sprotte runzelte die Stirn. „Ich hab an was anderes gedacht.“

„An was denn?“ Er beugte sich vor und schaute ihr forschend in die Augen.

„Nichts besonderes.“ Sie konnte ihn schließlich nicht einfach so fragen, seit wann er sie schon mochte… „Also, was ist das denn nun?“ Um von ihren Gedanken abzulenken, griff sie nach dem Fläschchen in Freds Hand, schraubte den Verschluss ab und lugte hinein.

„Sag ich doch. Gift,“ antwortete er wieder.

„Warum wirkt es dann nicht?“

„Naja… manche Gifte wirken eben langsam,“ sagte er ernst. Dann fing er wieder an zu grinsen. „Aber weil du es bist, verrate ich dir ein Geheimnis.“ Er lehnte sich noch etwas weiter vor und flüsterte beinahe lautlos: „Eigentlich war das überhaupt kein Gift.“

„Ach was?“, entgegnete Sprotte mit gespieltem Erstaunen.

Fred nickte eifrig. „Schau mal, siehst du die Innenseite?“ Er zeigte auf das Innere des kleinen Fläschchens. Obwohl es bereits leer war, schien es von innen leicht grün zu leuchten. „Die haben wir grün angemalt, damit es von außen so eklig giftig aussieht. Siehst du? Selbst wenn man nur Wasser reinkippt. Cool oder?“

Sprotte besah sich das Fläschchen und nickte zustimmend. „War das deine Idee?“ So wie er prahlte, hatte sie eine leise Ahnung.

Wieder nickte er. Beinahe stolz wirkte er. Sprotte lächelte.

„Und hier, guck mal, das haben wir auch gemacht.“ Er trat an ihr vorbei und zog ein silbrig schimmerndes Schwert aus dem selben Regal.

Es sah wirklich täuschend echt aus, aber als Sprotte mit dem Finger über die Klinge fuhr, stellte sie fest, dass es aus Holz war.

„Das hast du alles heute Nachmittag gemacht?“, fragte sie halb neidisch, halb beeindruckt.

„Naja… bei dem Schwert hat Willi mir geholfen,“ gab er zu. „Gefällt es dir?“

„Auf jeden Fall weiß ich jetzt, dass ich mir die falsche Gruppe ausgesucht hab. In der blöden Kostüm-Gruppe, hab ich mir nur die ganze Zeit die Finger durchlöchert.“ Unwillkürlich betrachtete sie ihre Hände.

Auf ihre Worte hin, legte Fred das Schwert beiseite, nahm ihre Hände und betrachtete sie eingehend, während er sie nach allen Seiten drehte. „Hm, stimmt. Wie ein Schweizer Käse siehst du aus.“

„Tu ich gar nicht,“ lachte sie, „Man sieht doch überhaupt nichts!“

„Und hier hast du auch ein Loch!“, sagte er mit gespieltem Entsetzen und tippte auf ihre Nase. „Zwei sogar. Und hier auch!“ Er zog an ihrem linken Ohrläppchen.

„Du spinnst ja,“ sagte sie amüsiert, „Wo hast du das Gift? Diesen Wahnsinn halte ich nicht länger aus.“

Gerade wollte sie nach dem Fläschchen greifen, das wieder im Regal neben ihr stand, da kam Freds Hand ihr zuvor. Er hielt es hinter seinem Rücken versteckt. Und in seinen blauen Augen leuchtete der Schalk.

„Weißt du was Romeo gemacht hat, als er Julia vergiftet in ihrer Grabkammer gefunden hat?“, fragte er, den Kopf zur Seite gelegt.

Sprotte schüttelte den Kopf. Sie hatte sich nicht mehr als nötig mit der leidigen Geschichte beschäftigt. Es war schon genug, dass Trude und Wilma ständig mit Zitaten davon um sich warfen.

„Ist er wahnsinnig geworden?“, fragte sie scherzhaft.

„Hm… vielleicht. Jedenfalls wollte er sich auch vergiften… aber,“ er drehte das Fläschchen auf den Kopf und tat als würde er es auskippen. „Die Flasche mit dem Gift war schon leer.“

„Und?“, hauchte sie, während ein nervöses Kribbeln, ihre Haut überzog. Irgendwie war die Atmosphäre plötzlich ganz anders geworden. „Was hat er dann gemacht?“

Er machte einen Schritt auf sie zu und selbst wenn Sprotte hätte zurückweichen wollen, war da nur das Regal in ihrem Rücken.

„Er dachte, dass es noch einen Rest Gift an einem anderen Ort geben könnte.“

„Wo?“, fragte sie leise, obwohl sie sich eigentlich kein bisschen für die Geschichte interessierte.

„Schließ die Augen,“ flüsterte er geheimnisvoll.

Sprotte tat wie ihr geheißen. Dann, ummantelt von Stille und Dunkelheit, spürte sie wie etwas daunenweich und ebenso warm ihre Lippen berührte. Eine Hand legte sich an ihre Taille und ohne darüber nachzudenken, schmiegte sie sich noch enger an den Jungen, der sie so hingebungsvoll küsste, als würde er wirklich nach einem Tröpfchen Gift suchen, weil er ohne sie nicht leben wollte. Beinahe hätte sie bei dem Gedanken laut aufgelacht. Was für ein Quatsch. Fehlte nur noch, dass sie bald Shakespeare-Zitate von sich gab, wie Wilma.

Sie schnaubte und löste sich für einen Moment von dem Kuss.
Fragend sah er sie an. „Was denn?“ Ein bisschen stand sein Mund offen. Wie rot seine Lippen waren.

Nur schwer konnte sie dem Drang widerstehen, sich nach oben zu lehnen und ihn weiter zu küssen. „Ich glaube,“ Mit ihrem Zeigefinger stupste sie seine Unterlippe an. „das war wirklich die Essenz des Wahnsinns.“

Das brachte ihn zum Lachen. „Verdammt. Da hast du mich wohl erwischt,“ sagte er dramatisch, „Mein schöner Masterplan.“

Sprotte kicherte. „Tja. Da musst du das nächste Mal wohl früher aufstehen.“

„Früher als du? Ich glaub das krieg ich hin,“ neckte er sie schmunzelnd. Wie gemein. Es lag schließlich nicht nur an ihr, dass sie so oft zu spät kam. Schmollend verzog sie den Mund.

Aber irgendwie schien Fred das als Einladung misszuverstehen und küsste sie. Sprotte konnte sein Lächeln auf ihren Lippen spüren. Gerade hatte sie die Augen geschlossen, um das Gefühl noch mehr zu genießen, da öffnete sich mit einem Mal die Tür.

„Was ist das denn für ein Chaos?“, beschwerte sich Frau Holzeisen, die plötzlich im Türrahmen stand. Keinen Ort gab es an dem sich Sprotte verstecken konnte. Hinter ihr war das Regal. Und von allen anderen Seiten umgab sie Fred. Obwohl die Lehrerin sie wahrscheinlich schon gesehen hatte, versuchte Sprotte sich hinter ihm zu verstecken.

„Oh, tut uns Leid, das wollten wir nicht.“ Entschuldigend, sah er auf den Kostümhaufen am Boden. Stimmt ja. Die Kostüme hatte Sprotte fallen gelassen, als er sie erschreckt hatte. Schnell bückte sich Fred und hob die Kleidungsstücke wieder auf.

„Wo kommt das hin?“, fragte er, während Sprotte sich peinlich berührt gegen das Regal drückte.

Mit einem Funkeln in den Augen musterte Frau Holzeisen die beiden. Dann stahl sich ein kleines Lächeln auf ihren Mund.

„Ach, das kannst du mir geben,“ sagte sie und streckte auffordernd die Arme aus. „Ich hab euch überhaupt nicht gesehen.“ Sie zwinkerte einmal.

„Wirklich? Aber sollen wir nicht noch beim Aufräumen helfen?“

„Ach was.“ Die Lehrerin machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ihr wart schon lange genug heute hier. Bestimmt müsst ihr noch Hausaufgaben machen.“ Als sie ‚Hausaufgaben sagte, zog sie bedeutsam die Augenbrauen hoch.

„Oh, stimmt. Dann… äh – gehen wir mal,“ entgegnete Fred und zog Sprotte am Ärmel. Verlegen schob sie sich an Frau Holzeisen vorbei und vermied es tunlichst sie direkt anzusehen.

Zögernd sah Sprotte sich den immer noch unaufgeräumten Kunstraum an. Vielleicht sollten sie doch noch beim Aufräumen helfen…

„Na los, raus mit euch! Sonst behalt ich euch noch eine Stunde länger hier,“ scheuchte sie die Lehrerin lachend hinaus. Und das ließen sich die beiden nicht zweimal sagen.

Gespensterhaft leer war das Schulgebäude. Klar. Bestimmt war es schon nach vier Uhr. Wer würde schon freiwillig so lange in der Schule bleiben?

„Und was jetzt?“, wollte Fred wissen, als sie auf dem verlassenen Schulhof entlang schlenderten, „Fährst du nach Hause?“

Sprotte nickte. „Mam kommt bald nach Hause. Und nachher muss ich nochmal zum Wohnwagen.“

„Ach so,“ entgegnete er leise, beinahe enttäuscht und versenkte seine Hände in seinen Hosentaschen.

„Fahren wir noch ein Stück zusammen?“, fragte Sprotte und stupste ihn mit der Schulter an.

Da schenkte er ihr ein breites Grinsen. „Klar! Wer zuerst bei den Fahrradständern ist!“
Ohne ihr eine Chance zu geben, seine Worte zu verarbeiten, rannte er schon los.
Sprotte hatte keine Wahl als ihm hinterherzurennen.

„Gewonnen!“, verkündete Fred, als sie fünf Sekunden nach ihm bei den Fahrrädern ankam.

„Das zählt nicht. Du hast geschummelt,“ grummelte sie.

Zwinkernd pustete er sich ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht. „Ach bei deinen langen Beinen, hätte ich doch sonst überhaupt keine Chance gehabt.“

Sprotte schüttelte belustigt den Kopf. „Wann bist du eigentlich so viel gewachsen? Ich kann mich noch an die guten Zeiten erinnern, als ich zwei Köpfe größer war als du.“

Fred stellte sich auf die Zehenspitzen. Was gar nicht nötig gewesen wäre. Er überragte sie so schon um bestimmt zehn Zentimeter. „Ein Kopf vielleicht. Mehr nicht.“

Sprotte kicherte. „Genug um dir auf den Kopf spucken zu können.“

Er schnaubte spöttisch. „Das hättest du dich sowieso nicht getraut.“

„Hätte ich nicht?“

„Hm… andererseits… warst du ja schon immer wahnsinnig mutig.“

In Sprottes Ohren klang das wie ein Kompliment. Fred trat einen Schritt auf sie zu und zupfte an ihrer Haarsträhne. Dann lehnte er sich wie beiläufig vor und küsste sie auf die Wange. „Was bekomme ich als Gewinn?“, fragte er leise und wickelte sich die Strähne um den Zeigefinger.

„Pah, wer schummelt, bekommt rein gar nichts,“ entgegnete sie prompt.

Weil sein Gesicht ihrem so nah war, konnte sie genau beobachten, wie sich seine Augenbrauen wie zwei haarige Raupen zusammenzogen. Das sah so komisch aus, dass sie nicht anders konnte als zu kichern.

„Na gut. Vielleicht… spendier ich dir ein Eis oder so,“ sagte sie schmunzelnd.

„Wirklich?“ Er wirkte halb überrascht und halb erfreut. „Ich nehm dich beim Wort, Oberhuhn.“

Oberhuhn. Es klang einfach am schönsten, wenn Fred sie so nannte. Er sagte es als wäre sie etwas besonderes. Ein bisschen bewundernd beinahe. Aber es lag immer auch etwas neckendes darin.

„Abgemacht. Beim nächsten Mal dann, ja? Jetzt muss ich erstmal nach Hause.“

Fred nickte. Dann befreiten die beiden ihre Räder von den schweren Schlössern und machten sich gemeinsam auf den Heimweg.

Als Sprottes Wohnhaus in Sicht kam, bremste Sprotte plötzlich ab.

„Was ist?“, fragte Fred, der ebenfalls stehen blieb.

„Da,“ antwortete sie und wies mit einer Kopfbewegung zu dem Taxi, das nur ein paar Meter weiter am Straßenrand parkte.

„Deine Mutter?“, fragte er, was Sprotte mit einem kurzen Nicken bejahte.
Im nächsten Moment ging auch schon die Autotür auf und ihre Mutter stieg aus dem Auto.

Schnell drehte Sprotte sich zu Fred um und fuchtelte hektisch mit den Armen.

„Schnell, fahr bevor sie dich sieht!“

„Was?“ Er war sichtlich überrumpelt.

Obwohl Sprottes Mutter bereits von ihr und Fred wusste, hatte Sprotte wenig Lust auf eine direkte Konfrontation mit ihr. Das konnte doch nur peinlich werden. Am Ende kam ihre Mutter noch auf die Idee ihn wirklich zum Essen einzuladen.

Schnell,“ sagte Sprotte wieder, diesmal noch eindringlicher. Aber wie es aussah, hatte Sprottes Mutter sie schon entdeckt. Fröhlich winkend, kam sie zu ihnen herüber.

„Hallo ihr beiden!“, grüßte sie gutgelaunt.

„Hallo Frau Slättberg,“ entgegnete Fred höflich.

Sprotte sah nur beunruhigt zwischen den beiden hin und her.

„Na, wart ihr heute verabredet?“, fragte sie mit unverhohlener Neugier.

„Wir hatten heute länger Schule,“ sagte Sprotte hastig.

„Ach was, wirklich?“, fragte Sprottes Mutter zweifelnd.

Aus dem Augenwinkel bemerkte Sprotte wie Fred sie leicht verwundert ansah.

„Ja, wirklich. Erzähl ich dir später,“ erklärte sie, dann schaute sie Fred bedeutsam an, „Meintest du nicht, dass du noch was wichtiges erledigen musst?“

Er begriff überraschend schnell, was sie vorhatte. „Ach, ja genau,“ stimmte er zu. „Ich muss leider ganz schnell nach Hause. Es ist wirklich dringend,“ fügte er dramatisch hinzu. Vielleicht ein wenig zu dramatisch.

Sprottes Mutter schmunzelte. „Wie schade. Aber nett, dass du Sprotte noch nach Hause gebracht hast.“

Sprotte wusste nicht, ob sie die ganze Situation lustig oder unendlich peinlich finden sollte.

„Vielleicht hast du ja am Freitag etwas mehr Zeit?“, fragte Sprottes Mutter, „Gibt es irgendetwas, dass du nicht isst?“

Fred schien kurz zu überlegen, dann schüttelte er den Kopf. „Hm… nein, eigentlich nicht.“

Sprotte ahnte nichts Gutes.

„Dann komm doch am Freitag zum Abendessen vorbei, ja?“, lud Sprottes Mutter ihn ein. „Oder hast du schon etwas anderes vor?“

Fred warf Sprotte einen unsicheren Blick zu. Die zuckte ratlos mit den Schultern. Wahrscheinlich war es sowieso nur eine Frage der Zeit, bis sie ihre Einladung wiederholte. Vielleicht war es einfacher, es einfach hinter sich zu bringen.

„Ähm… nein, da hab ich noch nichts vor,“ antwortete Fred zögernd.

„Schön! Dann will ich dich nicht länger aufhalten. Du sagtest ja, du hast noch etwas wichtiges zu erledigen.“

„Äh genau… ähm… dann fahr ich mal.“ Seine Finger spielten unruhig mit seiner Fahrradklingel. „Danke für die Einladung Frau Slättberg.“ Sein kleines schüchternes Lächeln, rührte etwas in Sprottes Herz.

„Keine Ursache. Wir freuen uns schon. Das wird bestimmt nett,“ sagte Sprottes Mutter amüsiert. Nett. Das war jedenfalls nicht das Wort, das Sprotte dazu eingefallen wäre.

„Also, dann, bis Freitag!“, verabschiedete sich Sprottes Mutter fröhlich.

„Ähm – ja, wiedersehen, Frau Slättberg,“ entgegnete Fred schnell.

Dann wandte sich Sprottes Mutter an ihre Tochter. „Hilfst du mir noch mit dem Einkauf, Sprotte?“

„Mhm, ich komme gleich,“ murmelte Sprotte leise.

Sprottes Mutter zog die Augenbrauen hoch und versuchte nicht zu grinsen. Vielsagend tippte sie mit dem Finger auf ihre Armbanduhr, ehe sie sich umdrehte und dann zurück zum Auto ging.

Sprotte stellte ihr Fahrrad ab und ließ sich erschöpft gegen die Häuserwand hinter ihr sinken. „Genau das wollte ich eigentlich vermeiden,“ beklagte sie sich seufzend.

Fred gesellte sich zu ihr. „Hätte ich nein sagen sollen?“, fragte er unsicher.

Müde schüttelte sie den Kopf. „Es ist nur… kannst du dir vorstellen wie unglaublich unangenehm das sein wird?“ Sie wartete gar nicht auf seine Antwort. „Wahrscheinlich kommt der Klugscheisser auch noch. Und Mam löchert dich mit Fragen und erzählt peinliche Geschichten aus meiner Kindheit.“ Sie stöhnte entnervt.

Fred legte beruhigend einen Arm um sie. „Ich weiß gar nicht warum du dir darüber Sorgen machst. Deine Kindheitsgeschichten kenn ich doch eh schon alle. Und das Windelbild kann sowieso nichts mehr übertreffen,“ fügte er grinsend hinzu.

Sprotte funkelte ihn böse an. Aber eigentlich… hatte er ja recht.

„Wann hast du deiner Mutter eigentlich erzählt, dass wir… zusammen sind?“, fragte er leise. Sanft strichen seine Finger über ihren Rücken. Irgendwie war es wirklich beruhigend. Obwohl sie bei dem Wort zusammen schon wieder ein Anflug von fiebriger Nervosität überkam. Wie konnte er das so einfach sagen?

„Ich hab‘s ihr nicht erzählt.“ Sie schmiegte ihren Kopf an seine Schulter und versuchte ihr Gesicht dort zu verstecken. „Sie hat uns gesehen. Gestern.“ Die Erinnerung daran ließ ihr das Blut in die Wangen schießen.

„Gestern?“

„Da vorne unter der Straßenlaterne… Weißt du noch?“ Sie nickte in die ungefähre Richtung. Dort hatte er sie gestern zum Abschied geküsst. „Von unserem Küchenfenster aus hat man die perfekte Aussicht.“

„Oh.“

Sprotte reckte ihren Kopf etwas nach oben, damit sie seine Reaktion sehen konnte. Eine Spur von Rot zog sich auch über sein Gesicht.

„Also hat sie mich eingeladen… um mich dafür umzubringen?“

Sprotte schnaubte. „Du hältst dich wirklich für Romeo, was?“

Er grinste schief. „Also… wenn du mich so fragst…“

Sie rollte mit den Augen. Jetzt übertrieb er es aber ein bisschen. „Mam kann keiner Fliege was zuleide tun. Du solltest dich eher vor meiner Oma in Acht nehmen.“

Er schluckte nervös. „Ach stimmt ja. Deine Pistolen-Oma hab ich ganz vergessen. Die bleibt aber am Freitag zu Hause… oder?“, fragte er unsicher.

„Hm… ich weiß nicht… Ich kann sie ja mal fragen…“, erwiderte Sprotte grinsend.
Beunruhigt scharrte Fred mit den Füßen auf dem Boden.

Da kicherte sie. „Ich mach bloß Spaß. Oma kommt bestimmt nicht. Sie kann doch den Klugscheisser nicht ausstehen.“

Merklich erleichtert ließ er einen Schwall Luft aus seinem Mund strömen.

„Du kannst also heute Nacht ganz beruhigt schlafen,“ fügte sie spöttisch hinzu.

„Ach was, mit deiner Oma wäre ich schon fertig geworden,“ entgegnete er. Gerade setzte Sprotte zu einer Antwort an, da hörten sie beide ein lautes Hupen.

„Das… war dann wohl mein Zeichen,“ sagte Sprotte enttäuscht.

„Hm… so sieht‘s wohl aus,“ stimmte Fred zu und schlang auch den anderen Arm um sie. „Komm gut nach Hause, Oberhuhn.“

Sie verdrehte die Augen, was er natürlich nicht sehen konnte, weil ihr Gesicht zwischen seinem Kopf und seiner Schulter verborgen war. „Komm du gut nach Hause.“ Noch fester drückte sie sich an ihn, als ob sie damit verhindern könnte, dass sie ihn gleich loslassen musste. Wenn sie wenigstens seinen Geruch mitnehmen könnte…

Wieder ertönte ein Hupen. Scheinbar wurde ihre Mutter ungeduldig.
Widerstrebend entwand sich Sprotte aus der Umarmung und wandte sich zu ihrem Fahrrad.

„Warte!“

Sprotte drehte sich noch einmal um.

„Hast du nicht was vergessen?“, fragte er mit Unschuldsmiene.

Kopfschüttelnd machte sie einen Schritt auf ihn zu. „Hast du das nicht gestern auch schon gesagt?“

„Hm… hab ich das?“ Er grinste. „Dann sag ich es eben so oft, bis du es nicht mehr vergisst.“ Auffordernd zog er an ihren Fingern. Dieses verschmitzte Grinsen… Wieder einmal fragte sich Sprotte wie viele Mädchenherzen er damit schon zum Schmelzen gebracht hatte.

Bevor sie zu viel darüber nachdenken konnte, reckte sie sich ein Stück nach oben und küsste ihn. Zu gerne hätte sie den Moment noch länger ausgekostet, aber sie hatte keine Lust, dass ihre Mutter gleich anmarschiert kam und sie von Fred wegzerrte. Also löste sie sich von ihm und sprang flink hinüber zu ihrem Fahrrad. Einmal drehte sie sich noch um, bevor sie losfuhr. Er lehnte immer noch an der Hauswand und schaute ihr beinahe verwundert hinterher.

„Bis morgen,“ rief sie lachend.

„Bis morgen,“ antwortete er leise.

Als Sprotte schließlich ihre Mutter erreichte, wappnete sie sich schon gegen spitze Bemerkungen und spöttische Blicke. Aber zu ihrem Erstaunen sagte sie gar nichts. Sie lächelte Sprotte nur an und wuschelte ihr durch die Haare. Dann wies sie auf eine Packung Spaghetti und eine Tafel von Sprottes Lieblingsschokolade im Kofferraum. Den Rest hatte sie schon alleine hoch getragen.

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A/N: Und... da ist die Fortsetzung :) Ich hoffe die Spannung war noch zum Aushalten.

Übrigens... ich hab mir die Wilden Hühner und das Leben als Hörbuch angehört! An sich fand ich den Schreibstil gar nicht mal schlecht und teilweise sogar ganz schön. Nur die Handlungen der Charaktere waren 'etwas' daneben. Ich glaube der einzige Handlungsstrang, den ich nachvollziehbar fand, war der von Torte. So vieles war auch von den vorherigen Büchern einfach nochmal wiederverwertet (Die Streiche mit den Küken hätten auch kreativer sein können...) und neu verpackt.
Warum hab ich mir diese Farce also angetan? Vielleicht, weil ich an einer neuen Story arbeite? Wer weiß ;)
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