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Verlorene Hühnerfedern

von zimtia
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Charlotte Slättberg /Sprotte Frieda Goldmann Friedrich Baldwein / Fred Melanie Klupsch Trudhild Bogolowski / Trude Wilma Irrling
25.05.2019
14.04.2021
13
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11.04.2021 3.735
 
Der Matheunterricht am nächsten Morgen hielt eine kleine Überraschung bereit. Neben Frau Rose erwartete Sprottes Klasse Frau Holzeisen, die Leiterin des Theaterclubs.

„Was macht denn Frau Holzeisen hier?“ fragte Frieda leise. Im nächsten Moment wurde ihre Frage schon beantwortet.

„Wir haben heute Morgen einen Gast,“ erzählte Frau Rose. „Für diejenigen, die sie noch nicht kennen – das ist Frau Holzeisen. Sie leitet unter anderem unseren wunderbaren Theaterclub und unterrichtet Kunst und Deutsch. Sie hat eine kleine Bitte an euch, aber das erklärt sie euch am besten selbst.“ Frau Rose trat beiseite und bedeutete der kleinen, dunkelhaarigen Frau, dass sie das Wort hatte.

„Genau, wie Frau Rose eben schon gesagt hat, leite ich unseren Theaterclub,“ berichtete Frau Holzeisen eifrig, „Ihr wisst ja bestimmt, dass unser Mittelstufenstück nächste Woche Premiere hat. Nun gab es dummerweise ein paar Missverständnisse bei der Planung und wir sind ein bisschen hinterher mit der Fertigstellung des Bühnenbilds und der Kostüme.“ Sie seufzte ärgerlich und stemmte dann die Arme in die Hüfte. „Wie auch immer. Damit alles rechtzeitig fertig wird, brauchen wir noch ein paar helfende Hände. Und da hat Frau Rose netterweise angeboten, dass ich mir aus ihrer Klasse ein paar Helfer ausborgen könnte.“ Frau Holzeisen sah zu Frau Rose herüber, die ihre Worte mit einem Nicken bestätigte.

Wie ein Pfeil schoss Wilmas Hand in die Luft.

„Ja, Wilma?“, sagte Frau Holzeisen mit einem wohlwollenden Lächeln.

„Also, ich würde gerne auch mithelfen, nur habe ich mich gefragt, ob sich das nicht mit unseren Proben überschneidet?“, fragte Wilma.

Frau Holzeisen nickte. „Sehr gute Frage. Am besten wäre es, wenn wir schon heute Nachmittag nach dem Unterricht anfangen könnten. Und wie du ja weißt, haben wir zu dieser Zeit auch unsere reguläre Probe, weshalb ich die Mitglieder des Theaterclubs natürlich auf der Bühne brauche.“

„Ach so, schade,“ murmelte Wilma enttäuscht.

„Was will Wilma sich denn noch alles aufhalsen?“, flüsterte Sprotte leise. „Man könnte fast meinen ihr Tag hätte 48 Stunden und nicht nur 24.“

Frieda kicherte.

„Ach, Charlotte, meldest du dich freiwillig?“, fragte Frau Rose mit hochgezogener Augenbraue. Verdammt. Sie hatte doch nicht leise genug gesprochen.

„Ähm also… ich…“, druckste Sprotte zögernd.

„Wie schön.“ Strahlend klatschte Frau Holzeisen in die Hände. „Wer möchte sonst noch seine hartarbeitenden Mitschüler unterstützen?“ Fragend sah sie in die Runde. „Sicherlich können wir das auch positiv im Zeugnis vermerken, oder Frau Rose?“

Die Mathelehrerin nickte zustimmend. „Ich denke das sollte möglich sein.“

Diesen Worten folgend, schossen gleich ein paar mehr Hände nach oben.

„Wunderbar. Das freut mich!“ Frau Holzeisen wandte sich an Frau Rose. „Dann treffen wir uns am besten nach der letzten Stunde vor dem Kunstraum.“

Frau Rose nickte und bemerkte beinahe drohend. „Ich sorge dafür, dass meine Pappnasen es nicht vergessen.“

„Danke dir, Sarah. Ich will auch nicht weiter stören. Bis später zusammen!“ Frau Holzeisen hob eine Hand zum Abschied und verließ dann das Klassenzimmer.

„Schön, dann wollen wir uns mal wieder unserem Dreisatz widmen, ja?“, verkündete Frau Rose fröhlich und schlug ihr Mathebuch auf, was der Großteil der Klasse mit einem entnervten Stöhnen kommentierte. Ehrlich, wie konnte irgendjemand nur so gutgelaunt über Dreisatz sprechen?


Am Ende brachte Frau Rose es fertig, dass beinahe die gesamte Klasse – ausgenommen vom Theaterkurs natürlich – sich bereit erklärte, nach dem Unterricht länger zu bleiben, um dem Theaterclub zu helfen. Den ganzen Rest der Woche wollte sie ihnen keine Hausaufgaben aufgeben. Aber natürlich nur unter der Bedingung, dass sich genug Schüler meldeten um Frau Holzeisen zu unterstützen. Nur diejenigen mit einer guten Entschuldigung ließ Frau Rose früher nach Hause gehen. Sprotte wunderte es beinahe ein bisschen, dass sich Melanie nicht mit irgendeinem Termin herausredete.

„Hast du gar keinen Termin heute?“, wollte Sprotte von ihr wissen, als sie nach der letzten Stunde die Treppen zum Kunstraum hinaufstiegen.

Melanie schüttelte den Kopf. „Ich war doch gestern erst beim Hautarzt. Sehe ich so aus, als würde ich jeden Tag zum Arzt rennen?“
Sprotte hüstelte vielsagend.
„Ach, hör du mir auf. Davon verstehst du ja eh nichts,“ Melanie rollte mit den Augen. „Erzähl doch lieber mal, wie‘s gestern mit Fred gelaufen ist. Hat ihm dein Outfit gefallen?“
„Mann, Melli, nicht so laut!“, ermahnte Sprotte, während sie sich hastig nach allen Seiten umsah, ob sie jemand von ihren Klassenkameraden gehört hatte. Dabei fiel ihr Blick auch auf die zwei übrigen Pygmäen, die scheinbar gelangweilt an der Wand neben der offenen Kunstraumtür lehnten.

Als Fred ihren Blick bemerkte, grinste er sie schief an und hob fragend eine Augenbraue. Ganz so als wollte er sagen, ‚Na, habt ihr über mich geredet?

Am liebsten hätte sie spöttisch zurück gegrinst – oder ihn einfach nur angelächelt – aber Melanie lief direkt neben ihr. Und wie ein Habicht schien sie jede von Sprottes Regungen ganz genau im Blick zu haben. Also blieb ihr nichts anderes übrig als schnell den Kopf wegzudrehen, so als hätte sie ihn gar nicht gesehen.

„Ach komm, was hast du denn?“ Leicht stieß Melanie sie mit ihrer Schulter an. „An deiner Stelle würde ich lieber ganz schnell den anderen Mädels klar machen, dass dein Fred vergeben ist, damit keine von denen auf dumme Ideen kommt.“ Immerhin hatte sie sich diesmal die Mühe gegeben leise zu sprechen.

Böse funkelte Sprotte sie an. „Er ist nicht mein Fre– was meinst du damit?“ Sie wusste auch nicht genau warum. Aber irgendwie füllte sie der bloße Gedanke an Fred mit einem anderen Mädchen mit einer inneren Unruhe, die sie weder verstand noch einfach so vertreiben konnte. Ein unangenehmes Gefühl.

„Na du weißt schon. Was man eben so hört auf der Toilette… in der Umkleide…“ Melli zuckte mit den Achseln. Dann hüpfte sie die letzten paar Stufen hinauf, flitzte zu den Jungs hinüber und drückte Willi einen schnellen Kuss auf die Wange. Während sie ihm lautlos etwas ins Ohr flüsterte, warf sie Sprotte einen herausfordernden Blick zu. Was sollte das denn jetzt?

Sprotte wagte es nicht auch nur für eine Sekunde zu Fred herüberzusehen. Starr wie eine Salzsäule stand sie da auf der Treppe und wartete, bis alle anderen aus ihrer Klasse an ihr vorbeigerauscht waren, wie ein plapperndes Schülermeer.

Als Frau Holzeisen als letzte an ihr vorbeizog, sah Sprotte endlich auf.

Fred stand immer noch da. Wie ein einziger Fels in der Brandung. Als er ihren Blick auffing, legte er den Kopf schief und sah sie neugierig an. Wartete er etwa auf sie?

Da gab Sprotte sich einen Ruck, stieg die letzten Treppenstufen hoch und ging langsam auf ihn zu. Außer ihnen beiden waren sowieso schon alle im Kunstraum versammelt. Zögernd blieb sie vor ihm stehen, als er blitzschnell nach ihrer Hand griff.

Bevor sie auch nur ein einziges Wort der Verwunderung hervorbringen konnte, presste er ihre Hand mit der Innenfläche auf ihren Mund und legte sie sich dann schelmisch grinsend an die eigene Wange. Wie warm seine Haut war.

Es war… als hätte sie ihn indirekt geküsst.

Fragend hob er eine Augenbraue, ganz so als wollte er wissen, ob das okay war.

Ein leises Lachen entlockte ihr das. Auf solche Ideen konnte einfach nur Fred kommen.

Wie er sie angrinste, konnte man meinen, er hätte irgendetwas gewonnen, von dem nur er wusste, dass man es überhaupt gewinnen konnte.


„Na du bist aber rot um die Nase,“ begrüßte Melanie sie, als Sprotte sich auf dem Platz neben ihr niederließ. Vor ihr auf dem Tisch lag ein Berg bunter Stoffe, die nur darauf warteten in wunderschöne Kostüme verwandelt zu werden. Flink griff Sprotte sich eine funkelnde Nadel vom Tisch nebenan und hielt sie Melli ins Gesicht.

„Was höre ich da? Du möchtest ein drittes Nasenloch?“, fragte Sprotte, woraufhin sich Melanie so weit nach hinten lehnte, dass sie beinahe von ihrem Stuhl kippte.

„Bist du verrückt?“, kreischte sie fast.

„Was denn? Hast du etwa Angst vor so einer kleinen Nadel?“

Wie aus dem Nichts flogen Melanies Finger nach vorn und entwanden ihr die Nadel.

„Eher vor der Verrückten, die damit Leute bedroht.“

Sprotte verdrehte die Augen. Aber ein bisschen kichern musste sie trotzdem. Melanies Grimasse, als sie vor der Nadel zurückgewichen war, hatte einfach zu komisch ausgesehen.

„Ach ja? Ich bin verrückt?“

Melli nickte belustigt. „Total übergeschnappt.“ Dann hielt sie sich die Nadel prüfend vor die Augen. „Obwohl… vielleicht ist das gar keine so schlechte Idee. Nasenpiercings sind gerade total in. Vielleicht lass ich mir eins stechen. Was meinst du?“

Sprotte fühlte sich bei so einer Frage schrecklich fehl am Platz. Redete sie nicht normalerweise mit Trude über solche Sachen? Aber das war es ja. Melanie und Sprotte waren die einzigen Hühner, die nicht Mitglieder des Theaterclubs waren. Und folglich… mussten sie sich mit der Gesellschaft der jeweils anderen begnügen.

„Warum spielst du eigentlich nicht mit?“, wollte Sprotte wissen.

„Bei Romeo und Julia?“, fragte Melanie zurück, „Ach das ganze Auswendiggelerne ist einfach nichts für mich und außerdem…“ Leicht runzelte sie die Stirn. „hab ich für so was keine Zeit.“

Klar. Bei den tausenden Terminen, dachte Sprotte und nickte.

„Und was ist mit dir? Nicht abenteuerlich genug für dich?“, wollte Melanie wissen. „Wenn es um unsere Bande geht, bist du doch fast schon so dramatisch wie Wilma.“

Sprotte zuckte mit den Achseln. „Hast du schon vergessen wie gern ich Gedichte vortrage?“

Das war natürlich ironisch gemeint. Sie hasste nichts so sehr wie Gedichte vor der ganzen Klasse vorzutragen. Melanie kicherte. „Stimmt. Was hat Herr Grünbaum nochmal beim letzten Mal gesagt? ‚Bei deiner Version vom Erlkönig, hätte sogar der Erlkönig selbst das Grausen gekriegt‘?“

„Ich mag es einfach nicht, wenn mich alle so dabei anstarren,“ grummelte sie leise.

„Aber beim Theater geht es doch gerade um das.“ Eine fremde Stimme mischte sich plötzlich von hinten in ihr Gespräch ein. „Die große Bühne! Das glänzende Rampenlicht! Das dir zujubelnde Publikum!“

Die Mädchen drehten sich um und fanden Frau Holzeisen hinter sich stehen. Sterne funkelten in ihren braunen Augen. Langsam verstand Sprotte, warum Wilma sich in letzter Zeit so seltsam verhielt.

„Also, die Kostüme sind jedenfalls total hübsch,“ entgegnete Melanie und hielt ein dunkelrotes Kleid in die Höhe, dass über und über mit Schleifchen und Rüschen versehen war.

„Nicht wahr?“ Begeistert klatschte Frau Holzeisen in die Hände und beugte sich zu den beiden vor. „Leider sind sie aber ein bisschen mitgenommen. Schau, hier zum Beispiel.“ Sie zeigte auf ein großes Loch auf der Rückseite des Kleides. „So kann das natürlich niemand tragen. Und hier seht mal.“ Sie zeigte ihnen eine ebenfalls kaputte Hose.

Wie es sich herausstellte war der Großteil der Kostüme in wirklich hilfsbedürftigem Zustand. Scheinbar hatte Frau Holzeisen sie bei der letzten Entrümplungsaktion eines nahegelegenen Theaters ergattert. Schön waren die Kostüme zwar, aber allesamt auf irgendeine Weise beschädigt. Nachdem sie ihnen genauestens erklärt hatte, was ihre Aufgaben waren, verschwand die Lehrerin um sich um die Proben zu kümmern.

„Das schaffen wir ja nie heute Nachmittag,“ murmelte Melanie mit Blick auf den riesigen Kostümberg vor ihnen. Ausnahmsweise stimmte Sprotte ihr zu. Es hatten sich zwar noch zwei ihrer Klassenkameradinnen dem Kleiderflicken angeschlossen, aber trotzdem waren es einfach zu viele Kostüme.

„Au!“ Sprotte zog ärgerlich ihre Hand zurück. Sie hatte sich schon wieder in den Finger gestochen. Das war bestimmt schon das siebte Mal. „Warum müssen wir uns überhaupt um die blöden Kostüme kümmern! Bei den Requisiten pikst man sich bestimmt nicht ständig in den Finger.“ Sie warf einen ärgerlichen Blick zum anderen Ende des Kunstraums, wo die Gruppe saß, die sich um die Requisiten kümmerte.

Melanie hob die Augenbrauen. „Ach, du möchtest lieber in die Requisiten-Gruppe? Ich frage mich warum bloß?“, sang sie mit einem spöttischen Grinsen.

Beinahe hatte Sprotte gewusst, dass sie so etwas in der Art sagen würde. In der Requisiten-Gruppe war… zufälligerweise auch Fred. Es erforderte erstaunlich viel von Sprottes Selbstbeherrschung Melanie nicht die Zunge herauszustrecken.

„Ganz einfach. Damit ich mich endlich von deiner furchtbar angenehmen Gesellschaft befreien kann,“ giftete sie stattdessen zurück.

Daraufhin rollte Melli nur amüsiert die Augen.

Antonia und Patrick, die ebenfalls mit ihnen am Tisch saßen, sahen sich verwundert an.

„Seid ihr zwei nicht in ‘ner Bande oder so?“, nuschelte Patrick etwas eingeschüchtert.

„Ja, wieso?“, fragte Sprotte. Eigentlich wusste sowieso die ganze Klasse davon.

„Äh… müsstet ihr euch dann nicht besser verstehen?“, fragte er und schob sich unsicher die Brille zurecht.

Daraufhin sahen sich Sprotte und Melanie einmal kurz an und brachen dann zur gleichen Zeit lauthals in Gelächter aus.

„Die gackern ja sogar wie Hühner,“ murmelte Antonia leise. Das brachte die beiden nur noch mehr zum Lachen.

„Wir sind ja auch Hühner,“ entgegnete Sprotte und grinste Melli verschwörerisch zu. Genau in diesem Moment öffnete sich die Kunstraumtür und schickte die restlichen Hühner herein. Zusammen mit den anderen Mitgliedern des Theaterclubs und Frau Holzeisen.

„So! Ich glaube wir haben uns alle eine kleine Pause verdient, oder?“, verkündete die Lehrerin mit den hellbraunen Locken fröhlich und stellte ein Tablett mit drei kleinen Kuchen auf dem Lehrerpult ab. Trude und Frieda stellten zwei große Thermoskannen und zwei Flaschen Orangensaft dazu. Darauf folgten noch ein Teller voller Kekse und eine Schale mit Brezeln. Im Nullkommanichts, stürzten sich die Schüler in der Nähe des Pultes auf das Buffet.

„Pause?“, wiederholte Melanie wenig begeistert, „Ich dachte wir machen Schluss für heute.“

„Na! Wie sieht‘s aus? Sind die Kostüme fertig?“, fragte Wilma eifrig, nachdem sie sich stürmisch neben Sprotte niedergelassen hatte. Hungrig riss sie mit ihren Zähnen ein Stück von der Brezel in ihrer Hand ab. Wie eine Wildkatze. Wilma die Wildkatze… Irgendwie passte das.

„Die hier sind fertig.“ Sprotte zeigte auf einen kleinen Kleiderhaufen rechts von ihr. „Die da vorne müssen noch geflickt werden.“ Sie nickte zu einem Haufen dahinter, der etwa viermal so groß war.

„Oh.“ Wilma vergaß ganz weiterzukauen.

„Hoffentlich kommt die nicht auf die Idee uns morgen wieder hierzubehalten.“ Melanie ließ stöhnend ihr Gesicht auf den Tisch sinken. Wie durch Magie tauchte neben ihrem Kopf ein Glas Orangensaft auf. Dann ließ sich Willi auf den Stuhl neben ihr fallen.

„Für dich,“ murmelte er leise und rüttelte leicht an Melanies Arm.

Sie hob mit einem Mal den Kopf und schenkte ihm ein zuckersüßes Lächeln. „Danke dir.“

Normalerweise hätte Sprotte bei diesem Anblick eine Grimasse ziehend weggesehen. Aber irgendwie… ertappte sie sich dabei wie sie stattdessen lächelte.

Dann wurde der Tisch mit einem Mal schrecklich voll. Frieda und Trude gesellten sich zu ihnen und stöberten neugierig die Kostüme durch.

„Werden die heute noch fertig?“, fragte Trude besorgt, „Am Wochenende sind doch schon Kostümproben!“

„Also, länger als eine Stunde bleib ich bestimmt nicht mehr hier,“ meldete sich Melli zu Wort.

„Wir proben heute auch nicht mehr länger,“ sagte Frieda und nippte an ihrer Tasse Tee. Sie hatte die Haare wieder zu einem Dutt hochgebunden. Wie schön sie damit aussah. Und reifer als sonst irgendwie. „War doch nett von Frau Holzeisen mit dem Buffet, oder? Am besten holt ihr euch noch was, bevor es nichts mehr gibt.“

Das ließ Sprotte sich nicht zweimal sagen. Gerade war sie aufgestanden und wollte zum Pult herübergehen, da sah sie aus der Ferne, dass das Tablett mit dem Kuchen schon bis auf ein paar winzige Krümel leer war. Enttäuscht ließ sie sich wieder auf ihren Stuhl plumpsen. Wie gemein! Wie gierig waren bitte ihre Klassenkameraden?

Da schob sich plötzlich ein Stuhl zwischen ihren und Wilmas und vor ihr auf dem Tisch erschien ein Teller mit vier großen Kuchenstücken.
Verdutzt blickte sie nach links.

„Ich hoffe du magst Schokoladenkuchen. Ich hab mir aus Versehen ein bisschen zu viel genommen,“ erklärte Fred, während er beiläufig eine Tasse Tee neben den Teller stellte. „Ach, und der Kaffee war auch schon leer. Da hab ich Tee genommen, aber… dann ist mir eingefallen, dass ich überhaupt keinen Tee trinke.“ Unschuldig grinsend schüttelte er den Kopf. „Verrückt, oder?“

Verrückt war auf jeden Fall das Flattern in Sprottes Brust, beinahe so als wollte ihr Herz davonfliegen. Sie wünschte sie könnte sich wenigstens dazu bringen Fred anzulächeln. Oder ihm auf irgendeine andere Weise zeigen, wie sie sich über diese Geste freute. In Gedanken lehnte sie sich nach vorne und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Aber einen echten diesmal. In Wirklichkeit jedoch saß sie regungslos wie eine Statue da und betrachtete verlegen ihre Hände. Bestimmt starrten sie schon wieder all ihre Mitschüler an.

Bevor die Stille noch unangenehmer werden konnte, stand Fred auf und stützte die Arme auf den Tisch. Er musste gemerkt haben, wie sehr sie die Situation überforderte.

„Schon gut,“ flüsterte er so leise, dass nur sie es hören konnte. Dann fuhr er etwas lauter fort: „Ich geh dann mal wieder zu meinen Requisiten. Schau sie dir doch nachher mal an, ja?“

Sprotte nickte ohne Aufzuschauen. Und dann war er auch schon weg. Nur den Kuchen hatte er dagelassen. Und die Tasse Tee.

„Ach ja, Sprotte?“ Wilma rutschte auf den Stuhl, auf dem vor wenigen Sekunden noch Fred gesessen hatte.

„Hm?“, machte Sprotte, während sie nach der Tasse griff und vorsichtig einen Schluck Tee probierte. Ein bisschen zu süß. Aber ansonsten schmeckte der Früchtetee wirklich gut. Bei Früchtetee konnte man ja sowieso nicht viel falsch machen.

„Mir ist etwas gutes für unseren Abschlussstreich eingefallen,“ flüsterte Wilma eindringlich, während sie sich ein Stück nach vorne beugte, damit auch die anderen Hühner sie verstehen konnten. Alarmiert sah Sprotte zu Willi herüber, aber der saß mit Melanie am Fenster und fütterte sie mit Keksen. Komisch sie hatte gar nicht gemerkt, dass die beiden aufgestanden waren.

„Also, ihr wisst doch noch wie die Küken unser Zimmer mit Klopapier eingedeckt haben, oder?“, fuhr Wilma begierig fort.

„Klopapier? Willst du etwa das Baumhaus mit Klopapier einwickeln?“, fragte Trude wenig begeistert.

Wilma schüttelte den Kopf. „Nein, das wäre ja viel zu langweilig. Ich hab nur gedacht… wir könnten etwas ähnliches machen.“ Sie brach sich ein Stück von Sprottes Schokoladenkuchen ab und steckte es sich genießerisch in den Mund. „Oh, darf ich?“, fragte sie dann etwas verspätet. Sprotte nickte. Dann brach sie sich selbst ein Stück mit schmelzender Schokoladenglasur ab und probierte es. Wie wunderbar schokoladig es war.

Zögernd sah Trude, die gegenüber von ihnen saß auch zu ihrem Teller herüber.

„Bedien dich,“ sagte Sprotte lächelnd und wies mit der Hand auf den Kuchen. Fred hatte ihr wahrlich mehr als genug mitgebracht. Dankbar nahm Trude sich auch etwas von dem Kuchen. Es war sowieso viel schöner leckeres Essen zu teilen.

Frieda, die auf Sprottes anderer Seite saß, griff sich kichernd auch ein Stück.

„Irgendwie fies,“ sagte sie, „da essen wir den Kuchen, den Fred dir gebracht hat und reden gleichzeitig darüber, wie wir ihm einen Streich spielen können.“

„Ach was, meine Mutter sagt immer man muss privates und geschäftliches voneinander trennen,“ wandte Wilma ein.

Sprotte schnaubte. „Ich glaube nicht, dass deine Mutter das so gemeint hat.“

„Ist doch auch egal!“, warf Wilma ein, „Jedenfalls… was ich sagen wollte – zuerst dachte ich, es wäre ganz lustig das Baumhaus mit Klopapier zu umhüllen, aber dann kam mir eine noch bessere Idee!“ Wilmas Augen leuchteten wild, woraufhin Trude nervös schluckte. „Wir könnten das Baumhaus verstecken! Nicht mit Klopapier, sondern mit Spiegeln, die wir drum herum stellen. Dann sehen die Pygmäen ihr Baumhaus vor lauter Bäumen nicht mehr! Was meint ihr?“ Erwartungsvoll, sah sie von einer zur anderen, bis ihr Blick an Sprotte hängenblieb.

„An sich ist das gar keine schlechte Idee,“ überlegte Sprotte, „aber dann bräuchten wir ziemlich viele große Spiegel. Wo wollen wir die alle herkriegen?“

Wilma sank enttäuscht in sich zusammen. Dann richtete sie sich entschlossen wieder auf. „Oder… wir verstecken es mit ganz vielen Zweigen und Blättern, dann sieht es aus wie ein riesiges Vogelnest!“

„Das würde bestimmt Tage dauern,“ entgegnete Frieda zweifelnd.

Schmollend verschränkte Wilma die Arme. „Na schön. Hast du eine andere Idee?“

Nachdenklich starrte Frieda zur Decke hoch. Dann schüttelte sie langsam den Kopf.

„Nein. Mir fällt auch nichts gutes ein.“

„Was, wenn wir uns Pocken auf die Haut schminken und ihnen erzählen, irgendeine Zombieseuche wäre ausgebrochen?“, meldete sich Trude zu Wort. Drei paar Augen sahen sie erstaunt an. So eine Idee erwartete man überhaupt nicht von der sanftmütigen Trude.

„Was denn? Das haben die auch in dem Film gemacht, den ich mir mit Paolo damals angeschaut habe,“ fuhr sie fort, „Da haben die auch so Schutzanzüge angehabt, wie Astronauten oder so. Wenn wir so was hätten, könnten wir den Jungs echt ‘nen Schrecken einjagen.“

„Hm, das mit den Pocken ist gar nicht mal schlecht,“ kommentierte Sprotte und tippte sich mit dem Finger ans Kinn. „Das behalten wir auf jeden Fall im Kopf. Hat sonst noch jemand ‘ne Idee?“

Ihre Frage wurde durch ein gemeinschaftliches Schweigen beantwortet. Wilma notierte etwas in ihrem kleinen, schwarzen Notizbuch. Sie nahm das mit dem Protokoll führen wirklich ziemlich genau.

„Na dann…“ Aus dem Augenwinkel sah Sprotte wie Frau Holzeisen aufstand und versuchte die Aufmerksamkeit der Schüler zu erlangen. „Ich glaube eure Probe geht weiter.“

Und damit behielt Sprotte recht. Die Mitglieder des Theaterclubs genehmigten sich noch eine letzte Stärkung, bevor sie sich wieder zum Musikraum aufmachten, in dem sie immer probten.

Und Melanie und Sprotte blieb nichts anderes übrig, als sich wieder ihrem Kostümberg zu widmen.

Eine dreiviertel Stunde später, hatte Sprotte es geschafft sich noch fünfmal mehr in den Finger zu stechen. Auch Melanie verlor die Lust und gönnte sich irgendwann einfach selbst eine Pause. Statt die Kleider zu flicken, fing sie an ihre Fingernägel zu lackieren.

Als Frau Holzeisen schließlich den Raum betrat, um sie alle nach Hause zu schicken, ließ Melli das kleine grüne Nagellackfläschchen geschwind in ihrer Tasche verschwinden und tat so, als hätte sie die ganze Zeit fleißig an den Kostümen gearbeitet. Auf die Idee hätte Sprotte auch kommen können. Wie auf ein stilles Kommando packten ihre Mitschüler ihre Sachen zusammen und begannen den Raum zu verlassen.

„Seid ihr so lieb und räumt die Requisiten und Kostüme noch in den Vorbereitungsraum?“, fragte Frau Holzeisen, ehe sie mit zwei anderen ihrer Mitschüler das benutzte Geschirr in die Küche zurückbrachte.

Suchend sah Sprotte sich um. Außer ihr hatten bereits alle anderen den Kunstraum verlassen. So ein Mist! Sollte sie das jetzt etwa alles alleine aufräumen? Mit einem tiefen Seufzen, hievte sie den Haufen mit den fertigen Kostümen in ihre Arme und schlurfte verärgert in Richtung Vorbereitungsraum. Der Vorbereitungsraum befand sich direkt hinter dem Pult und enthielt normalerweise Dinge wie Ersatzpinsel, Farben, Leinwände, Kittel und manches mehr. Alles was man für den Kunstunterricht brauchte eben. Aber zur Zeit wurden dort auch die Requisiten und Kostüme des Theaterclubs aufbewahrt.

Gerade hatte Sprotte den kleinen Raum betreten, da ging plötzlich die Tür zu und schlagartig wurde es dunkel um sie herum.


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A/N: Ciffhanger! Was wohl als nächstes passiert? Hehe... das ist zwar eine fiese Stelle, aber ich hab das nächste Kapitel so gut wie fertig, also müsst ihr nicht lange warten ;)
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