Verlorene Hühnerfedern

von zimtia
GeschichteRomanze, Freundschaft / P12
Charlotte Slättberg /Sprotte Frieda Goldmann Friedrich Baldwein / Fred Melanie Klupsch Trudhild Bogolowski / Trude Wilma Irrling
25.05.2019
21.08.2020
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25.05.2019 1.506
 
Wilma hatte heute Nachmittag eine Einzelprobe zur Verfeinerung ihrer Fechttechnik. Trude hatte sich bereit erklärt als Souffleuse bei den Proben des Theaterclubs auszuhelfen. Melli war mit Willi verabredet. Das hatte Sprotte extra nachgeprüft. Melli war wirklich die Letzte von der sie wollte, dass sie von dieser Sache mitbekam. Lediglich Frieda und die Hühner leisteten ihr an diesem Nachmittag Gesellschaft. Wie die Hühner sich gefreut hatten, als sie und Frieda sie begrüßt hatten. Sprotte hatte ihre gefiederten Schwestern wirklich vermisst! Wie sie glucksten und zufrieden durch ihr Grasgehege stapften. Vorsichtig zog sie ein braun gefiedertes Huhn – Ronja – auf ihren Schoß und streichelte die weichen Federn. Das leise Gurren war ihr so vertraut wie der leichte Geruch nach Stroh. Sie war wieder zu Hause.
„Wie es scheint haben sich die Jungs gut um unsere Hühner gekümmert“, bemerkte Frieda, die neben ihr im Gras saß. Sie lächelte leicht, aber in letzter Zeit war da immer eine Spur von Traurigkeit in ihren Augen. Sprotte wünschte sie könnte sie irgendwie vertreiben.
„Au!“, schrie ihre beste Freundin auf, „Isolde hat mich gebissen.“ Sie kicherte und hielt sich verwundert ihren blutenden Zeigefinger vors Gesicht.
„Vielleicht hat sie dich nicht erkannt“, erwiderte Sprotte. „Wir waren wohl zu lange weg.“
Frieda schmollte. „Und dabei war sie immer mein Lieblingshuhn.“ Die schwarz-weiß gefleckte Henne legte den Kopf schief und gluckste. Dann machte sie einen zögerlichen Schritt auf Frieda zu, welche kurzerhand die Arme ausstreckte. „Ach komm her, du Süße“, sagte sie und strich dem Huhn behutsam über den Kopf als es sich an ihre Seite schmiegte.
Sprotte merkte, dass sie lächelte. Vielleicht würde es ihrer besten Freundin doch mit der Zeit besser gehen.
„Wir sollten uns irgendwie bei ihnen bedanken, findest du nicht?“
„Hm?“ Wovon sprach Frieda?
„Dafür dass sie so gut auf unsere Hühner aufgepasst haben“, erklärte sie.
„Aber dafür haben wir doch den Gutschein benutzt“, warf Sprotte ein.
„Trotzdem“, beharrte sie schulterzuckend, „Ich finde das gehört sich einfach.“
Frieda. Sie war so ein warmherziger und aufmerksamer Mensch. Sprotte wäre niemals auf die Idee gekommen sich nochmal extra bei den Pygmäen zu bedanken. Nun ja. Vielleicht hätte sie sich bei einem bestimmten Pygmäen bedankt.
„Wenn du das sagst“, murmelte sie während sie spürte wie ihr das Blut in die Wangen schoss. Sollte sie es ihr jetzt erzählen? Aber wo sollte sie anfangen?
„Wir könnten ihnen einen Kuchen backen. Mit den Eiern von den Hühnern. Oder wir veranstalten eine Feier zur Premiere von unserem Stück.“
Sprotte nickte nur gedankenverloren. Sie musste ständig an den Zettel denken, der sich wie eine permanente Erinnerung an die Innenseite ihrer Hosentasche presste. Wie von selbst legten sich ihre Finger auf die Tasche, als wollten sie überprüfen, dass er noch da war. Er war noch da.
Hatte Frieda das bemerkt? Sie war verstummt. Ein sanftes Lächeln hatte sich auf ihre Lippen gelegt, während nichts außer dem leisen Glucksen der Hühner die Stille durchbrach. Jetzt war der Moment gekommen. Sie wusste es. Aber wo sollte sie bloß anfangen?
„Frieda?“, fragte sie vorsichtig, während ihr Herz begann wie wild zu klopfen.
„Hm?“, machte Frieda. Sie legte den Kopf schief so wie Isolde es nur einen Moment zuvor getan hatte.
„Ich… weißt du – auf dem Reiterhof – da…“, begann sie ohne recht zu wissen wo sie überhaupt hinwollte. Ihre Finger krallten sich in das frische Gras und rupften ein paar Büschel aus. „Auf dem Reiterhof… da… weißt du – als die P-Pygmäen wieder gefahren sind, da…“ Sie konnte es nicht. Wenn sie nicht einmal mit Frieda, ihrer besten Freundin darüber reden konnte wie sollte sie da –
Wie sollte sie da mit ihm darüber sprechen?
Frieda rutschte ein Stück näher an sie heran und legte ihre Hand auf ihren Arm. Sprotte war dankbar, dass sie sie nicht mit Fragen drängte. Sie war einfach da. Und wartete darauf dass Sprotte sich ihr anvertraute. Reiß dich zusammen, Sprotte, dachte sie und atmete einmal tief durch. Dann kramte sie den Zettel aus ihrer Hosentasche und reichte ihn Frieda, die sie fragend ansah.
Sprotte nickte ihr zu. Sie spürte, dass sie schon wieder rot wurde. Aber es half nichts. Gleich war alles vorbei.
Während Friedas Augen stumm über den kleinen Zettel huschten, hörte Sprotte die Worte im Kopf, als hätte er sie ihr eingeflüstert anstatt sie aufzuschreiben. Sie bezweifelte, dass sie sie jemals vergessen würde.
Wenn ich dichten könnte würde ich was über dich dichten… über deine Haare oder die Augen…
Sprotte beobachtete wie Friedas Augen konzentriert hin und zurück glitten. Sie schmunzelte. Welchen Teil sie wohl gerade las?
Torte klaut jetzt alles bei Shakespeare… das lass ich auch…
Frieda lachte kurz auf, als ihre Augen zur Ruhe kamen. Hatte sie zu Ende gelesen?
Ich zeichne dir ein Herz. Das krieg ich gerade noch hin. Fred
PS: Verdammt, ist das ein schlechter Liebesbrief. Aber besser kann ich es einfach nicht. Sorry
Sie konnte sich genau vorstellen, wie er dagesessen und sich den Kopf zermartert hatte. Wo er das wohl geschrieben hatte? Zu Hause? Oder in Rübezahls Hütte?
Frieda sah auf, ein warmes Lächeln auf ihren Lippen. „Das klingt einfach so nach Fred“, sie kicherte, „Wann hat er dir den gegeben?“
Sprotte betrachtete ihre Hände. „Auf dem Reiterhof“, flüsterte sie, „Bevor die Jungs wieder gefahren sind.“
„Und?“, wollte Frieda wissen, „Hast du ihm schon geantwortet?“
Sprotte schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht–“, sie seufzte, „Ich weiß einfach nicht was ich ihm sagen soll.“
Frieda stützte ihre Wange in ihre Hand und sah sie für einen Moment an. „Wie hast du dich denn gefühlt, als du den Brief zum ersten Mal gelesen hast?“
„Naja ich…“ Wie hatte sie sich gefühlt? Es war so viel passiert an diesem Tag. Maiks Freundin… die Abreise der Pygmäen… Freds Kuss. Ihr erster Kuss. Und dann hatte sie den Brief von Fred bekommen. Sie hatte sich gefühlt als würde sie irgendwo über den Wolken schweben. Leicht und losgelöst von allem Anderen.
„Glücklich“, verriet sie ihr, „und irgendwie… kribbelig. Ich… ich konnte es gar nicht wirklich glauben.“ Sie schielte zu dem Zettel rüber, den sie bestimmt hundert Mal gelesen hatte in den letzten Tagen. Ganz zerknittert war er. Aber trotzdem real. Frieda gab ihr den kleinen Zettel zurück.
„Also magst du ihn?“, fragte Frieda mit einem Grinsen das Sprotte verriet, dass es eigentlich keine Frage war. Wie es schien hatte jeder von ihren Gefühlen gewusst bis auf sie selbst.
Sie versteckte ihr Gesicht in ihren Händen und nickte.
„Dann weißt du doch schon, was du ihm sagen kannst“, flüsterte Frieda mit einem verschwörerischen Grinsen.
Vorsichtig sah sie auf. „Aber ich kann ihm das doch nicht einfach so sagen.“ Die bloße Vorstellung war einfach zu peinlich. Plötzlich schoss ihr etwas das Melli gesagt hatte durch den Kopf. Vielleicht sollte ich ihn endlich mal darüber aufklären, dass du schon ewig lange in ihn verschossen bist. Weil du nämlich lieber deine eigenen Lippen verschlucken würdest, als sowas zu sagen. Deshalb wirst du auch mal alt und einsam sterben.
„Wieso nicht? Bist du nicht die Mutige von uns?“ Sie zog sacht an Sprottes Kette mit der Hühnerfeder und hielt sie ihr vors Gesicht. „Wohin deine Abenteuerlust uns nicht schon überall geführt hat.“
Sie runzelte die Stirn. „Das ist was anderes“, murmelte sie.
„Vielleicht. Aber es gehört trotzdem eine große Portion Mut dazu jemandem sein Herz zu öffnen.“
Sprotte wusste nicht was sie darauf antworten sollte.
Frieda musterte sie für ein paar Sekunden, dann ließ sie die Feder los, sodass sie über ihrem Herzen ruhte und sagte: „Für Fred war es bestimmt auch nicht leicht den ersten Schritt zu wagen.“
Frieda hatte Recht. Daran hatte Sprotte noch überhaupt nicht gedacht. Was wenn er schon seit Tagen nervös auf ihre Antwort wartete? Mit einem Mal fühlte sie sich schuldig. War es denn wirklich so eine große Sache? Was Fred konnte, konnte sie doch schon lange. Das wär ja gelacht. Sie faltete den Zettel wieder zusammen und steckte ihn zurück in ihre Hosentasche. „Na schön. Ich werds ihm sagen“, verkündete sie entschlossen.
Frieda grinste. War das die ganze Zeit über ihr Plan gewesen? Und wenn schon. Sprotte war von einer wilden Entschlossenheit gepackt. Sie war noch nie vor einer Herausforderung zurückgeschreckt.
Ihre beste Freundin griff nach ihren Händen und strahlte sie an. „Ich freu mich so für dich, Sprotte! Ich fand schon immer das ihr zwei super zusammenpasst.“
Sprotte sah verlegen zur Seite. „Noch ist ja gar nichts passiert“, sagte sie leise. Bis auf den Kuss, dachte sie. Aber das konnte sie Frieda auch ein anderes Mal erzählen.
„Das wird schon“, erwiderte sie wohlwollend, „Ich würd ja liebend gern noch bleiben und mit dir Pläne schmieden, aber“, sie seufzte mit einem Blick auf ihre Armbanduhr, „ich hab noch Probe. Wir sehen uns dann morgen, ja?“ Sie zwinkerte ihr verschwörerisch zu, strich noch einmal über Isoldes weiches Gefieder und erhob sich.
Und Sprotte? Die saß einfach da im Gras, umringt von gackernden Hühnern und wusste immer noch nicht so Recht was sie genau tun sollte. Aber es hatte gut getan ihr Geheimnis mit Frieda zu teilen. Jetzt brauchte sie nur noch einen kleinen Funken Mut, der ihr half ihr Pygmäenproblem zu lösen.
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