"Wollen Sie wetten?"

OneshotFreundschaft, Sci-Fi / P12
24.05.2019
24.05.2019
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Ich drehe das Bild in Richtung des Lichts, als könnte ich dadurch mehr Details erkennen.

Der Ausdruck selbst ist sehr undeutlich. Er wurde von einem Amateur geschossen.  

Ich sehe auf und bemerke das Schmunzeln, das in Elizas Mundwinkeln liegt. Eine Augenbraue ist fragend in die Höhe gezogen, aber mein System erkennt Schadenfreude in ihrem Ausdruck.

Sie glaubt, ich könne die Wette nicht gewinnen.

Die Kiste auf dem Tisch vor mir, enthält alle möglichen Utensilien, verpackt in durchsichtige Folien, die in einem richtigen Fall niemals verwendet würden, weil sich in den Pergaminhüllen Feuchtigkeit ansammeln und die Beweise verfälschen würde.

Es sind 4 Gegenstände, die mir helfen sollen, diesen Fall zu verstehen und – wenn möglich – korrekt zu lösen.

Die „Beweise“ sind allesamt Attrappen, die Eliza hergestellt hat, um einen echten Fall nachzustellen. Einer, der nie gelöst wurde, sie aber bis heute beschäftigt. Es war einer ihrer ersten. Ihr Frust darüber war ihr deutlich anzusehen, weshalb ich dieser Wette ob der geringen Wahrscheinlichkeit eingegangen bin.

„Was siehst du?“, fragt sie.

Sie ist aufgeregt, muss ihre Finger immerzu damit beschäftigen, auf dem Tisch zu trommeln. Diese Angewohnheit stört Norman, aber ich finde sie interessant. Angewohnheiten sind im Prinzip nur Programmierungen für Menschen. Auf diese Art sind wir uns also ein Stück weit ähnlicher.

„Er wurde nicht niedergetrampelt.“

„Was siehst du?“  Ihre Ungeduld spiegelt sich in ihrer Stimme wieder.

„Da liegt ein Mann im Schlamm. Um ihn herum befinden sich Abdrücke von Pferdehufen. Sein Gesicht ist vor Schmerzen verzerrt.“ Eliza nickt, während sie meinen Ausführungen lauscht. „Er weist keine Abdrücke auf, dass er niedergetrampelt wurde, sonst würde seine Kleidung Spuren dafür aufweisen. Auch hat der Reiter nicht gestoppt, sondern die Leiche im Ritt abgeworfen, sonst wären die Abdrücke deutlich tiefer.“

„Sehr gut. Erste Diagnose?“

„Ich kann nicht-“, will ich einwenden, doch Elizas Blick verfinstert sich.

„Konzentrier dich auf den Fall. Todesursache?“

Ich schaue mir das Foto genau kann, kann aber nichts dergleichen entdecken. In der Kiste mit Hinweisen ist 3A allerdings ein mit Blut kontaminiertes Messer. „Tod durch eine Stichwaffe?“

„Ist das eine Frage?“ Eliza schnalzt genervt mit der Zunge. „Komm schon, du musst das Spiel ein bisschen mitspielen. Ich dachte du bist dafür ausgebildet!“ Der Vorwurf in ihrer Stimme wird von meinem System registriert.

„Das bin ich tatsächlich.“

„Dann stell dich nicht so blöd an. Das kann man sich ja nicht ansehen!“ Sie lehnt sich in den Stuhl zurück und betrachtet das vor uns ausgebreitete Material. Sie scheint zu überlegen und tippt dann gegen ihre Stirn. „Ich hab das alles sehr gut durchdacht. Du musst nur die Augen aufmachen.“

„Ich verstehe.“ Mein System suggeriert Enthusiasmus und ich klatsche in die Handflächen. „Das dürfte für einen so fortschrittlichen Androiden wie mich kein Problem darstellen.“

Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie sich Elizas Miene sichtlich aufhellt. „Sehr gut, das will ich hören!“

Ich nehme die Liste der Beweismittel zur Hilfe und überfliege sie grob.

Neben dem Messer, gibt es noch ein ebenso blutbeflecktes Seil, ein Säckchen mit Knete und einen mit dem angeblichen Mageninhalt des Opfers, einen Stein.

„Mir scheint, als fehle ein Beweisstück, Eliza.“

„Vielleicht hat es ja der Täter?“, merkt sie beiläufig an.

„Es gibt also einen echten Mord?“

„N-nein! Einen… Spieltäter.“ Sie lacht leise und lehnt sich auf den Tisch. „Der Täter befindet sich unter uns.“

„Dann sind Sie der Täter“, sage ich. Denn außer uns ist niemand in der Wohnung.

„Hey, was habe ich über das Ausschlussprinzip gesagt?“, rügt sie mich.

„Wir benutzen das Ausschlussprinzip nur, wenn es um Filmabende geht."

„Exakt. Du darfst unsere Wohnung auf den Kopf stellen und die fehlenden Beweisstücke gern suchen“, ermunterte sie mich, fügte aber kleinlaut hinzu: „Aber Hände weg von meiner Schublade!“

Ich stehe auf und sehe mich in der Wohnung um, die mir so vertraut ist wie die Labore bei Androtech. Eliza hat mich das erste Mal vor einem halben Jahr in ihre Wohnung gelassen, ohne meine Absichten zu kennen. Seitdem gehe ich so regelmäßig ein und aus, dass ich das freie Zimmer ihres mittlerweile ausgezogenen Mitbewohners Jake bekommen habe.

In dieser Wohnung würde ich mich auch ohne meine Sensoren blind zurechtfinden.

Ich überlege, wo ich mit meiner Suche zuerst beginnen will und entscheide mich für das Badezimmer. Im Waschbecken befindet sich eine rote Flüssigkeit, die ich bei näherer Betrachtung als gefärbtes Wasser-Mehl-Gemisch identifizieren kann. „Hier ist…“

„Blut!“

„Es ist ein Wasser-Mehl-Gemisch“, korrigiere ich Eliza.

„Nein, es ist Blut!“ Sie malt mit ihren Fingern Anführungszeichen in die Luft.  „Kunstblut.“

Sie möchte den Fall also so realistisch wie möglich gestalten. Wahrscheinlich ist das kontaminierte Messer mit derselben Flüssigkeit beträufelt wie die im Waschbecken befindliche Farbe. „Bei der Menge an Blut schließe ich nicht aus, dass das Opfer verblutet ist. Auf dem Foto war es bereits recht blass. Totenblass, um genau zu sein.“

Eliza grinst und beobachtet mich dabei, wie ich den Blutspuren folge. Sie sind mir vorher nicht aufgefallen, aber jetzt sehe ich sie deutlich vor mir. Sie führen in Vincentos Schlafzimmer. An der Tür ist ein blutiger Handabdruck. Aber etwas ist anders.

Ich bleibe vor der Tür stehen und betrachte den Abdruck. „Das ist kein Kunstblut, Eliza.“

„Na klar ist das Kunstblut. Das haben doch Vince und ich heute Morgen erst abgekocht.“ Sie drängt sich an mir vorbei, holt eine kleine Stiftlampe aus ihrer Brusttasche und leuchtet auf das langsam verklumpende Blut an der Tür.  „Unmöglich.“

Sie drückt langsam die Türklinke herunter und betritt Vincentos Zimmer. Es ist aufgeräumt und sauber, bis auf das rot besprenkelte Laken auf seinem Bett. Die Bettdecke liegt am Boden. „Vince?“, ruft Eliza ins Zimmer hinein.

„Wir sind doch allein“, erinnere ich Eliza daran, dass sie Vincento hier nicht finden wird.

Sie überhört mich und reißt alle Schranktüren auf. „Vince!“

Von jetzt auf gleich erhöht sich ihr Puls auf 130, sie hört meine Einwände nicht. Etwas stimmt nicht. Ihr Stresspegel steigt und das Spiel findet sein jähes Ende, als sie auf ihrem Schreibtisch einen Zettel findet.

„Wenn du deinen Bruder lebend zurückhaben möchtest, solltest du die Anweisungen auf der Rückseite befolgen.“ Die bunten Buchstaben sind aus verschiedenen Papier-Printmedien ausgeschnitten, vermutlich um ihren Absender zu verschleiern.

Als Eliza das Papier umdreht, stehen Koordinaten auf der Rückseite, die ich sofort einspeichere. „Es ist in der Innenstadt.“

„Da steht aber nicht, was der Erpresser fordert.“ Angst lässt Elizas Stimme zittern und sie fummelt in ihrer Hosentasche nach einem Handy. „Ich werde die Polizei alarmieren.“

Bevor sie jedoch die Nummer tippen kann, habe ich ihr das Handy aus der Hand genommen. „Sie sind die Polizei, Eliza.“

Sie schaut mich aus großen Augen fragend an. „Wir sind die Mordkommission.“

„Lassen Sie uns doch erst mal schauen, was wir an Ort und Stelle vorfinden. Wir können immer noch Verstärkung rufen, wenn es wirklich brenzlig wird.“

Ich kann Eliza ansehen, dass sie mit dieser Entscheidung nicht einverstanden ist. Weil es um ihren Bruder geht, will sie lieber alle Hebel in Bewegung setzen und auf Nummer sicher gehen.

Sie will nach ihrem Handy greifen, doch ich stecke es kurzerhand in meine Hosentasche.

„Aber das Blut!“, protestiert sie. „Wir müssen jemanden informieren.“

Es dauert eine ganze Weile, sie von dem Vorhaben abzubringen, gleich die ganze Sippschaft vom DCPD für diesen ‚Fall’ abzustellen. Auf der Fahrt zu den Koordinaten sieht man ihr die kreisenden Gedanken schon an. Mein System erkennt, dass die Sorge ihr ins Gesicht geschrieben steht. Sie knabbert auf ihren Fingernägeln herum und schaut wie gebannt auf die Straße. „Wie weit ist es noch?“, fragt sie.

Ich umklammere das Lenkrad und werfe einen Blick auf die Karte in meinem eingebauten GPS. „Wir sind gleich da.“

Als ich ein Klicken höre, sehe ich kurz zu ihr hinüber. Sie überprüft ihre Dienstwaffe. Die Dienstwaffe, die sie eigentlich gar nicht mit nach Hause nehmen darf. Ein Glück, dass wir Norman nicht informiert haben, denn er würde sie dafür beim Captain auflaufen lassen.

„Stecken Sie die weg, Eliza“, bitte ich sie.

„Clay, halt die Klappe. Du hast mich schon auf die irrsinnige Idee gebracht, völlig unvorbereitet zum Treffen mit diesem… Abschaum zu gehen. Du wirst mir nicht die letzte Sicherheitsmaßnahme mit deiner vorbildlichen Scheiße ausreden. Wer auch immer meinen Bruder hat, kriegt eine Kugel genau zwischen die Augen.“

Kaum zu glauben, dass sie sich zu Beginn unserer Zusammenarbeit mal davor gefürchtet hatte, eine Waffe überhaupt in die Hand zu nehmen.

An den Koordinaten angekommen, parke ich in einer Nebenstraße und lotse Eliza in die Richtung, die uns vom Erpresser-Brief vorgegeben wurde. „Da vorne ist es.“

Sie beobachtet aus der Ferne angespannt die Bank, die vor dem Park steht. Die so unscheinbar wirkt und offensichtlich der Treffpunkt ist. „Bleib du hier, du bist meine Verstärkung“, knurrt sie, während sie mit ihrem Finger gegen meinen Brustkorb tippt. „Wenn irgendwas faul an der Sache ist, kommst du und brätst diesem Mistkerl eins über, verstanden?!“

„In Ordnung.“

„Und ruf ja Verstärkung, wenn die Situation eskaliert!“

Ich bleibe stehen, wo sie mich zurückgelassen hat und beobachte, wie sie strammen Schrittes zur Parkbank läuft, die Hände in der Lederjacke vergraben. Bereit, jederzeit loszuschlagen, wenn sich jemand nähert, der ansatzweise verdächtig wirken könnte.

Aber die Zeit verstreicht und nichts geschieht. Eliza wird zunehmend nervös.

Und dann klingelt auch noch ihr Handy in meiner Hosentasche. Ich überbrücke die kurze Distanz zu Eliza und wedle damit vor ihrem Gesicht herum.

„Weitere Anweisungen?“, frage ich.

„Das können wir zurückverfolgen!“ Ein Hoffnungsschimmer huscht über ihr Gesicht.

„Und?“, frage ich neugierig.

Die Hoffnung wandelt sich in Unverständnis, als sie vom Bildschirm aufschaut. „Ich soll in das Restaurant gegenüber kommen.“ Sie fängt wieder an, auf ihrem Daumennagel herum zu knabbern. „Irgendetwas stimmt hier nicht.“

„Was meinen Sie?“ Ich beobachte, wie sie mir einen eindringlichen Blick zuwirft, den weder ich noch mein System wirklich deuten können.

Sie öffnet zwar den Mund, um etwas zu sagen, schließt ihn aber wieder. „Gehen wir rein?“

„Wie Sie wollen.“ Ihre Kiefermuskeln spannen sich an. Als wir die Straße überqueren, beobachtet sie mich aus dem Augenwinkel heraus. Ich frage mich, ob sie das Rätsel gelöst hat.

Im Restaurant kommt ein Kellner auf uns zu und fragt, ob wir eine Reservierung haben. „Crimi“, antworte ich statt Eliza, denn sie scheint ihre Sprache verloren zu haben.

„Folgen Sie mir bitte.“ Und er führt uns durch das vordere Abteil bis nach hinten in ein Nebenzimmer. Eliza zieht ihre Waffe unauffällig, aber nicht unauffällig genug.

Oddio, das hat aber ganz schön lange gedauert, Schwesterherz!“

Der Kellner zieht sich in die Dunkelheit zurück und hinterlässt eine sprachlose Eliza.

Vincento sitzt, wie abgesprochen, auf den großen bequemen Stühlen am Tisch. „Du siehst aus, als hättest du ein Gespenst gesehen.“

Neben ihm sitzen Norman und Olivia, die sich eben noch angeregt unterhalten haben. „Sie sieht tatsächlich etwas blass aus. Wie war die kleine Schnitzeljagd?“

„Ganz gut“, antworte ich beim Betreten des Raumes. „Nicht wahr, Eliza?“

Sie schaut noch immer entgeistert drein, als könne sie die Geschehnisse nicht verarbeiten. Als würde ein entscheidender Funke fehlen.

„Du warst so mit dem Fall beschäftigt, dass du ganz vergessen hast, dass du heute mit Kochen dran bist. Da hab ich kurzerhand deine Kollegen eingeladen und mit Clay diese kleine Änderung im Plan besprochen.“ Vincent erhebt sich und breitet seine Arme aus, um seine große Schwester in die Arme zu nehmen, doch die weicht ihm aus.

„Das war alles geplant?“, fragt sie mit zitternder Stimme.

„Das Blut in meinem Zimmer und dass dich Clay hierher lockt?  Sì, das war geplant. Sorry.“ Vincento strahlt über das ganze Gesicht, wie ein Unschuldsengel.

„Du bist ein Schwein, Vince.“ Ein Grollen entweicht ihrer Kehle.

Sie schließt die Augen und atmet einmal tief durch, bevor sie ausholt und Vincento so sehr in die Seite knifft, dass er wie ein kleines Mädchen aufschreit.

„Wofür war das?“, fragt er, sich seine schmerzende Seite reibend.

„War doch nur ein Spaß!“ Elizas Worte triefen nur so vor Sarkasmus.

„Wow. Tut mir leid. Aber ich war hungrig. Du weißt doch, wie ich bin, wenn ich hungrig bin.“ Vincento zuckt entschuldigend mit den Schultern. „Essen ist heilig für mich.“

Eliza schenkt ihm den tödlichsten Blick, den sie auf Lager hat. „Soll dich doch der Teufel holen! Verräter!“

Den Abend geht Vincento nach eigenen Angaben hungrig ins Bett. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb er mitten in der Nacht schweißgebadet aufwacht,  durch die Wohnung streift und alles plündert, was der Kühlschrank hergibt.

Eliza und ich stehen im Wohnzimmer und beobachten von dort, wie er alles Essbare in sich hineinstopft, ohne Sinn und Verstand.

„Das ist Karma“, flüstert Eliza trotzig und verschränkt die Arme vor der Brust zusammen. „Ich habe Gott nur um ein kleines bisschen Gerechtigkeit gebeten und siehe da.“

Das Flackernde Licht des Kühlschranks, das bis zu uns hinüber scheint, lässt ihr Gesicht bedrohlich wirken. „Das nächste Mal lasse ich mich von keinem von euch verarschen.“

Die nächste Wette beginnt so unbedacht, wie die erste. „Wollen Sie wetten?“

„Deal.“
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