REQUIEM - 5. Akt: König, Dame, Ass, Spion

GeschichteDrama, Thriller / P16
Albus Dumbledore Cornelius Fudge Dolores Umbridge Harry Potter Lord Voldemort / Tom Vorlost Riddle Severus Snape
24.05.2019
31.05.2019
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Der Grimmauldplatz war das Hauptquartier des Orden des Phönix und zugleich Haus der Familie Black. Ein schmales Haus magisch hineingepresst in die londoner Innenstadt. Drinnen herrschte selbst nach Wochen immer noch das pure Chaos. Kein Wunder, das Haus stand fast fünfzehn Jahre leer. Es hatten sich eine stattliche Menge Staub und Ungeziefer angesammelt.

Wie Sirius Black sagte: „Das einzig sinnvolle, was ich beitragen konnte.“ Er war immerhin noch ein gesuchter Mörder. Glücklicher Weise jedoch hatte Blacks Familie das Haus mit allen erdenklichen Schutzzaubern versehen. Für den Orden perfekt, auch wenn für Severus Snape jeder Aufenthalt in dieser Bruchbude eine Qual war. Nicht zuletzt deshalb, weil er und Black sich jedes Mal gegenseitig in die Mangel nahmen. Severus hatte bisher Blacks ständige Beleidigungen mit einem müden Lächeln beantwortet. Black hingegen führte sich jedes Mal auf als seien sie noch immer in der Schule.

Severus saß an dem langen Tisch in der Küche des Hauses. Neben ihm las Lupin in der aktuellen Ausgabe des Tagespropheten, der reißerisch titelte: Dumbledore – Blöd oder bedrohlich?

Sie waren seit Wochen unter medialen Beschuss. Seit Dumbledore öffentlich gemacht hatte, dass er Harry Potter Glauben schenkte, der behauptete der Dunkle Lord sei zurück. Für einen Politiker war es immer einfacher alles zu leugnen als die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass etwas wirklich außergewöhnlich Schlimmes vor sich ging. Letzteres hätte bedeutet, dass die Tagesordnung im Ministerium nicht mehr gewährleistet war. Wäre eben echt blöd, wenn Voldemort einen beim Tee störte.

Severus saß nur noch hier, weil Dumbledore ihnen einen Patronus schickte in dem er schilderte, dass er zu Potters Anhörung unterwegs sei. Der Junge hatte sich einmal mehr in etwas reinziehen lassen. Andererseits war das auch zu erwarten gewesen.

„Warum bist Du noch hier, Schniefelus?“, fragte Black, der gerade die Küche betrat.

Die Jahre in Askaban hatte ihn  sichtlich gezeichnet. Dennoch war in seinem Gesicht schon wieder die gleiche selbstsichere Arroganz zu sehen, die Severus schon während ihrer Schulzeit so genervt hatte. Sein Haar hatte er inzwischen auch restlos vom Filz befreit. Er trug eine Jeans, Hemd und Pullover. Ein Zeichen, dass irgendwo im Hause Black noch Klamotten existierten, die noch nicht den Motten zum Opfer gefallen waren.

„Sirius!“, sagte Lupin streng, ohne jedoch von seiner Zeitung aufzusehen.

Severus lehnte sich zurück und verschränkte die Arme.

„Ich bin bestimmt auch nicht glücklich darüber noch hier zu sein.“, antwortete er.

In der Tat, doch Dumbledore hatte ihnen aufgetragen die Stellung zu halten bis Potter wieder hier eintrudelte.

Black setzte sich Lupin gegenüber. Er taxierte Severus schräg über den Tisch hielt aber den Mund. Severus wusste, dass Black ihn verdächtigte – schon aus Prinzip. Für ihn war er immer noch der Schniefelus aus der Schule. Der Außenseiter, den sie zu viert fertig machen konnten. Dass die Dinge sich geändert hatten ging nur schwer in Blacks Kopf, ebenso dass Dumbledore ihm vertraute.

Es rumpelte im Flur und auf einmal fing das Gemälde von Mrs Black im großen Salon an zu kreischen: „Halbblüter! Werwölfe! Was ist nur aus diesem einst führnehmen Haus geworden!?“

Black verdrehte die Augen und erhob sich, um seine Mutter zu bändigen.

„Tonks!“, sagte Lupin leise.

Das Trollbein über das die Aurorin regelmäßig stolperte war auch schon Severus einige Male fast zum Verhängnis geworden. Das Problem war das jeder Krach Mrs Black aus ihrem Schlummer im Salon weckte. Und leider hatte die Aurorin Tonks ein gewisses Talent dazu unerwarteten Krach zu erzeugen.

Die junge Frau mit den knallpinken Haaren und der Motorradjacke kam in die Küche gestürzt.

„Tut mir echt leid.“, sagte sie. „Habt ihr es schon gehört? Sie haben Harry freigesprochen.“

Severus erhob sich.

„Wo willst du hin?“, fragte Lupin.

„Ich geh dann mal.“, sagte er. „Nicht das ich das Familienglück noch störe.“

Sicher würden Arthur und Potter bald auftauchen. Er hatte keine Lust auf Friede, Freude, Eierkuchen. Schon gar nicht, wenn Black in der Nähe war.

Severus nickte ihnen beiden zu und ging in den Flur, wo er unverzüglich disapperierte. Unweit des Schlosses von Hogwarts tauchte er wieder auf. Er hatte eh noch einiges vorzubereiten.


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Die Tage bis zum Schulbeginn vergingen mit einer gewissen Trägheit. Severus saß in seinem Büro und korrigierte noch einige Arbeiten aus dem letzten Schuljahr durch. Jetzt da Voldemort wieder da war blieb immer sehr viel liegen. Über den meisten der Pergamentblätter schüttelte er nur den Kopf. In einigen besonders schrecklichen Fällen konnte er auch nicht anders als laut loszulachen. Er hatte nie nachvollziehen können warum es einigen so schwer fiel den von ihm geforderten Stoff zu verstehen. Nur ein weiteres Zeichen, dass er den falschen Beruf ausübte.

In der Woche vor der Eröffnungsfeier fand wie die Lehrerkonferenz statt, wo in erster Linie neue Kollegen vorgestellt wurden. Severus hatte keine Ahnung, wen Dumbledore dieses Jahr wieder anschleppen würde. Nach einem Werwolf und einem Attentäter wäre es endlich einmal an Zeit für jemanden, der sie nicht einfach alle töten wollte.

An diesem Abend wurde Severus allerdings einmal mehr eines Besseren belehrt. Dumbledore hatte ihm und Minerva gegenüber die Andeutung gemacht, dass das Ministerium sich vermehrt in Hogwarts einmischen würde. Er dachte dabei an Unmengen an zusätzlichen Papierkram. Nicht erwartet hatte Severus das, was sich an jedem Abend im Lehrerzimmer abspielen sollte.

Eine kleine, untersetzte Hexe trat vor sie, die sie mit ihrem zuckersüßen Lächeln einer nach dem anderen taxierte wie ein Wolf seine Beute. Dazu trug sie ein pinkes Kleid und hatte eine ebenso pinke Schleife in ihren langsam ergrauenden Haar. Severus fletschte instinktiv die Zähne. Das schlimmste war jedoch, dass er sie kannte. Er wusste wer oder was sie war.

„Sehr erfreut, mein Name ist Dolores Jane Umbridge. Erste Untersekretärin des Ministers.“, stellte sie sich vor als sei sie keine zukünftige Kollegin, sondern auf einem Behördengang.

Severus erinnerte sich an sie. Sie war die Sekretärin des Dunklen Lords gewesen. Schon damals hatte sie eine Affinität zu diesem zuckersüßen Auftreten und der Farbe Pink. Severus hatte sie damals allenfalls als nervtötend wahrgenommen. Es überraschte ihn allerdings auch nicht, dass jemand wie sie nach dem Krieg nicht besonders hart aufgeschlagen war.

Severus hielt sich den ganzen Abend bewusst im Hintergrund. Allerdings fragte er sich, ob sie ihn erkannte. Immerhin hatte er fast ein Jahr lang jeden Tag mit ihr zu tun.

Dumbledore, der sonst immer viel Wert auf gesellige Gepflogenheiten legte, vermied es sogar ihr seinen berühmten Brandwein anzubieten, den er sonst jeden Neuen im Kollegium unter die Nase hielt. Severus hob die Augenbrauen. Wenn das kein Wink mit dem Zaunpfahl war, dann wusste er auch nicht weiter.

Dieses traditionelle Zusammenkommen dauerte für gewöhnlich den ganzen Abend, heute war es hingegen schon nach einer Stunde vorüber. Auch weil Umbridge sagte sie müsse dem Minister noch berichten.

„Was denken Sie?“, fragte Minerva.

„Wir haben eine Aufpasserin bekommen.“, antwortete Severus. „Hüten Sie sich vor Ihr.“

„Severus …!“, stöhnte Minerva genervt.

„Nein, ich meine es ernst.“, entgegnete er.

„Das wäre das erste Mal in in fünfzehn Jahren, dass Sie nichts an einem neuen Kollegen auszusetzen hätten.“, sagte Minerva ernst.

„Ich kenne Sie.“, gab Severus zu.

„Sie? Woher?“, fragte Minerva erstaunt.

„Sie hat als Sekretärin für den Dunklen Lord gearbeitet. Weiß Albus davon?“

Gerade als er es ausgesprochen hatte kam Dumbledore auf sie zu.

„Was weiß ich?“, fragte er heiter.

„Severus ist der Ansicht Mrs Umbridge zu kennen.“, sagte Minerva.

„Was soll das denn heißen?“, empörte sich Severus. „Ich habe mit ihr gearbeitet. Vor dem Krieg.“

„Sie war aber keine Todesserin.“, bemerkte Dumbledore.

„Mag sein.“, sagte Severus kleinlaut. „Aber wenn Fudge sie schickt, um uns auf die Finger zu schauen, dann wird es hässlich.“

„Solange wir ihr keinen Anlass geben, Severus.“, sagte Dumbledore tadelnd als sei er noch ein Schüler.

Severus brummte nur ungehalten in sich hinein, antwortete jedoch nichts. Als würde er je  irgendjemanden einen Anlass geben!  


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Auf der jährlichen Eröffnungsfeier gab es kein anderes Thema als die Lügen, die im Tagespropheten publiziert wurden. Kaum eine Schülergruppe ging an Severus vorbei ohne  darüber zu reden, ob Dumbledore noch bei Trost war oder Potter ein geltungssüchtiger Idiot. So gern er Letzterem auch zugestimmt hätte, die Realität war weit unangenehmer. Und er hasste es wirklich sich gedanklich hinter Harry Potter stellen zu müssen.

Severus setzte sich an seinen angestammten Platz am Lehrertisch. Minerva hatte sich bereits mit dem Sprechenden Hut in der Hand vor den Hocker positioniert auf dem die Erstklässler ihren Häusern zugeteilt wurden. Die Schüler liefen verunsichert zwischen den bereits besetzten Haustischen hindurch und stoppten vor Minerva, die wie jedes Jahr gut hörbar das kommende Ritual erklärte. Anschließend wurden die Erstklässler nacheinander aufgerufen, setzten sich auf den Hocker und bekamen den Hut aufgesetzt, der sogleich ihre Häuser ausrief.

Nachdem alle Erstklässer zugeteilt waren und sich an ihre Tische setzten stand Dumbledore auf, um – ebenfalls wie jedes Jahr – die Hausordnung wieder ins Gedächtnis zu rufen.

„Des weiteren“, sagte Dumbledore. „begrüßen wir Professor Raue-Pritsche aus dem Ruhestand zurück, während Professor Hagrid krank gemeldet ist. Zudem begrüßen wir Professor Dolores Umbridge auf dem Posten von Verteidigung gegen die Dunklen Künste.“
Verhaltenes Klatschen folgte. Der Schulleiter wollte fortfahren, wurde aber von einem süßlichen „chrm chrm“ unterbrochen. Es war Umbridge, die rechts von Severus saß und sich plötzlich erhob. Nicht einmal er hätte die Dreistigkeit besessen Dumbledore beim traditionellen Festessen zu unterbrechen.

„Wenn Sie erlauben, Professor Dumbledore, ich möchte gern etwas sagen.“

Albus sah sie entgeistert an und zog die Augenbrauen hoch.

„Natürlich.“, sagte er schließlich.

„Ich freue mich hier zu sein und eure strahlenden Gesichter, zu mir aufblicken zu sehen ...“

Absolut niemand strahlte sie an oder lächelte oder schien auch nur im Geringsten zu wissen, was diese Frau von ihnen wollte. Ein Kunststück, dass nicht einmal Severus fertiggebracht hätte.

„Ich freue mich sehr darauf Sie alle kennen zu lernen und bin mir sicher wir werden allerbeste Freunde ...“, sagte Umbridge weiter.

Severus verschränkte die Arme vor der Brust. Er sah demonstrativ auf den leeren Teller vor sich.

Allerbeste Freunde, dachte er. Schon klar.
 
„Das Ministerium hat der Ausbildung junger Hexen und Zauberer immer allergrößte Bedeutung beigemessen. Jeder Schulleiter und jede Schulleiterin von Hogwarts hat etwas Neues hinzugefügt.“, sagte Umbridge und nickte Dumbledore mit süßem Lächeln zu. „Das ist auch gut so, doch dem Fortschritt um des Fortschritts willen muss Einhalt geboten werden. Wir müssen bewahren, was es wert ist bewahrt zu werden und Gepflogenheiten ablegen, die schleunigst verboten gehören.“

Umbridge setzte sich wieder.

„Ähm ja … das war sehr lehrreich.“, sagte Dumbledore und klatschte als Einziger. Er hörte sogleich damit auf und fuhr mit seiner eigentlichen Rede fort.

Severus blickte aus den Augenwinkeln zu Umbridge. Sie lächelte zuckersüß in die Menge.  Er verspürte den Drang mit dem Stuhl von ihr weg zu rutschen, ließ es dann aber doch. Severus wusste ja, dass es Ärger bedeutete, wenn das Ministerium sich in Hogwarts einmischte.  


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Bereits am nächsten Tag erkannte Severus, was es hieß, wenn Dolores Umbridge sich in Schulangelegenheiten einmischte. Vieler seiner Slytherins erzählten ihm von dem unsäglichen Unterricht bei ihr, der sogar schlimmer sein sollte als sein eigener. Diese Art von Kompliment musste Severus erst einmal verdauen.

Tatsächlich wendeten sie keinerlei Zauber bei ihr an und sollten vor allem in Büchern ohne Anleitungen lesen und Texte auswendig lernen. Severus legte die Stirn in falten und kratzte sich an der Schläfe. So einen Unsinn hatte er nicht einmal den Korrekturen letzte Woche gelesen.

Da hatten sie sich ja etwas eingehandelt. Verteidigung gegen die Dunklen Künste nur aus Büchern lernen? Das war absurd. Nicht einmal ihm wäre so etwas für den Unterricht eingefallen. Allerdings war Severus auch kein Bürokrat.

Die Stimmung bei den Hauslehrern war schnell auf dem Nullpunkt angelangt. Zig Schüler beschwerten sich bei Ihnen über ihre neue Lehrerin. Das hatte Severus noch nie erlebt und hier hatten schon so einige Idioten den Posten für Verteidigung gegen die Dunklen Künste bekommen. Sie alle wussten, dass Dumbledore sie nicht loswerden konnte. Sie unterstand Fudge und so konnten sie nicht mehr tun als den Frust auszuhalten.

Das alles war jedoch nichts gegen die Welle der Entrüstung, die eine weitere Woche später folgen sollte. Einige seiner Schüler zeigten ihm ihre Handflächen in die Sätze eingeritzt waren wie „Ich soll keine Lügen erzählen!“ oder „Ich soll die Disziplin einhalten!“

Severus wusste wie das von statten ging. Umbridge hatte zu seiner Zeit eine Feder, die keinerlei Tinte brauchte, weil man damit in seinem eigenen Blut schrieb. Severus hatte damals seinen Arbeitsvertrag bei Tom Riddle damit unterschrieben. Er hatte immer geglaubt diese Feder sei Riddles Idee gewesen, doch nun war er sich da nicht mehr so sicher. Severus konnte nicht mehr tun als den Schmerz seiner Schüler zu lindern. Was Umbridge da tat war absolut inakzeptabel. Leider sah er nur keinerlei Möglichkeit sie davon abzuhalten. Sie war schon damals eine alte Hexe gewesen – im wahrsten Sinne des Wortes.
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