Verzweiflung

von neutina
GeschichteDrama, Familie / P12
Dr. Verena Auerbach Emilie Hofer Katharina Strasser Markus Kofler Michael Dörfler Tobias Herbrechter
24.05.2019
10.10.2019
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Tobias und Emilie hatten Mia schon ins Bett gebracht. Franz war auch schon auf sein Zimmer gegangen. Nun saßen beide noch bei einem Glas Rotwein auf der Bank vor dem Haus.
Emilie schaute verträumt über die Wiesen und nippte an ihrem Wein. Die letzten Tage hatten sie dazu gebracht, über einige Dinge nachzudenken. Sie freute sich, jetzt einmal in Ruhe mit Tobias zusammenzusitzen und den Tag gemeinsam ausklingen zu lassen. Und das Ganze ohne um jemanden besorgt zu sein. Nach dem heutigen Besuch und den Eindruck, den Markus bei ihr hinterlassen hatte, war Emilie optimistisch, was seinen Heilungsprozess betraf.
Ihr Blick fiel auf Tobias, der neben ihr saß. Er hatte den Kopf an die Hauswand gelehnt und die Augen geschlossen. Seine Gesichtszüge waren entspannt und er lächelte. Gerade, als sie beginnen wollte zu erzählen, was in ihr vorging, hörte sie ein Geräusch aus dem Haus. Tobias öffnete die Augen, stand auf und sagte,
„Bleib du mal sitzen. Ich schaue mal nach. Das ist bestimmt die Mia, die noch herumgeistert.“
Dankbar lächelte Emilie ihn an.
„Danke. Das ist lieb von dir.“ Er beugte sich zu ihr und gab ihr einen Kuss.
„Ich bin gleich wieder da. Nicht weglaufen.“
„Ich warte“, sagte sie leise.
Tatsächlich traf Tobias auf Mia, die sich in der Küche noch etwas zu trinken holen wollte.
„Na, junge Dame. Kannst du nicht schlafen?“ Sie nickte und wirkte irgendwie traurig und bedrückt. Tobias bemerkte das und ging auf sie zu.
„Was ist los? Dich beschäftigt doch irgendetwas.“ Mia schaute ihn an und kaute auf ihrer Unterlippe. Er legte den Arm um sie und sagte,
„Was meinst du, soll ich dich nochmal ins Bett bringen?“ Sie nickte.
Zusammen gingen sie in ihr Zimmer und nur langsam legte sich das Mädchen ins Bett. Sie blickte sich um und ihre Augen trafen auf ein Bild im Regal. Darauf war ihre Mutter zusammen mit Markus abgebildet. Es war an dem Tag entstanden, an dem sie abgestürzt war. Tobias setzte sich zu Mia ans Bett.
„Du vermisst die Mama?“ Wieder gab sie nur ein Nicken als Antwort. Er fragte weiter,
„Und den Markus?“ Erneut nickte sie. Nun konnte Tobias allerdings sehen, dass sich in ihren Augen ein paar Tränen gesammelt hatten. Er nahm ihre Hand.
„Hey, du hast doch heute selbst gesehen, dass es ihm schon viel besser geht. Schau, das dauert bestimmt nicht mehr lange und er ist wieder hier bei uns. Okay?“
Mia blickte ihn mit großen Augen an, seufzte und sagte,
„Ja, ich weiß. Aber bei der Mama war es ja genauso. Da dachten wir auch, sie kommt bald nach Hause. Und dann … dann …“ Weiter kam sie nicht. Plötzlich floss ein unaufhaltsamer Strom an Tränen aus ihren Augen. Tobias kniete sich vor das Bett und strich ihr über den Kopf.
„Du hast Angst, dass beim Markus das Gleiche passiert?“
Schluchzend antwortete sie, „Ja.“
Tobias nahm sie bei den Händen und schaute sie an.
„Mia. Das ist etwas ganz anderes. Deine Mama hatte nach ihrem Sturz schwere innere Verletzungen. Da kann so etwas leider auch noch nach einer Weile passieren. Aber beim Markus ist es so, dass er nur äußerliche Verletzungen hat. Die sehen jetzt schlimm aus, aber heilen auch schnell wieder. Darum geht es ihm ja auch heute schon viel besser. Das hast du ja gesehen. Verstehst du?“ Mia schluckte, hatte sich aber schon wieder etwas beruhigt.
„Ich muss mir also nicht mehr so große Sorgen machen und Angst haben, dass der Papa stirbt?“ Tobias lächelte sie an.
„Nein. Du solltest dir nur Sorgen machen, dass du morgen in der Schule müde bist, wenn du nicht langsam schläfst.“ Da verdrehte das Mädchen die Augen.
„Ach Menno. Muss ich wirklich morgen wieder in die Schule? Ich könnte doch auch in die Klinik und dem Papa helfen.“ Tobias sah sie mit leicht gespielter Strenge an.
„Nix da. Du kannst am Nachmittag in die Klinik. Und das wird nicht verhandelt.“
Dann lächelte er sie an. „Na komm. Nun wird geschlafen. Es ist schon spät.“
Er streichelte ihr noch über den Kopf und wollte wieder nach draußen gehen. Mia griff seine Hand. Bittend sah sie ihn an.
„Kannst du noch kurz bei mir bleiben? Der Papa liest mir meistens noch eine Geschichte vor.“ Tobias seufzte. „Na gut. Aber dann wird geschlafen. Rutsch mal.“
Er nahm sich das Buch und begann zu lesen.
Emilie, die immer noch auf der Bank saß, schaute auf die Uhr. Tobias war jetzt schon eine halbe Stunde weg. Sie beschloss im Haus nachzusehen. Da sie ihn weder in der Küche, noch im Wohnzimmer fand, ging sie zu Mia ins Zimmer. Was sie dort sah, ließ es ihr um das Herz ganz warm werden. Sie lächelte und war auch etwas gerührt. Tobias lag neben Mia im Bett. Das Mädchen lag in seinem Arm und schien tief und fest zu schlafen. Er gab ihr ein Zeichen, dass er gleich zu ihr kommen würde. Emilie nickte und zeigte ihm ihrerseits, dass sie im Bett auf ihn warten würde. Lächelnd schloss sie leise die Tür und ging hinunter, um sich auch fertigzumachen. Dieses Bild bestärkte sie umso mehr in ihrem Beschluss, den sie nach den letzten Tagen gefasst hatte. Morgen würde sie die Zeit nutzen, um auch mit Tobias darüber zu sprechen. Sie hoffte, er hatte seine Meinung noch nicht geändert.

Sie hatte es geschafft! Endlich erlaubte man ihr ein Telefonat. Sie musste nur die Nummer angeben. Sollten doch alle glauben, dass es die ihres Cousins war. Auf alle Fälle würde sie jetzt ihren Gefallen einlösen. Schon nach wenigen Augenblicken hob er ab. Als sie sich meldete, herrschte kurz Stille am anderen Ende der Leitung.
„Was ist los? Hat es dir etwa die Sprache verschlagen?“, fragte sie.
„Nein. Ich habe nur nicht mit deinem Anruf gerechnet. Und außerdem bin ich beschäftigt. Was willst du?“, fragte er.
Sie musste lächeln. Er klang nervös! Und das war gut so!
„Ich brauche dich wohl nicht daran zu erinnern, dass du noch in meiner Schuld stehst? Du musst mir einen Gefallen tun. Bist du noch in München?“ Ihre Stimme klang eiskalt und berechnend.
Er war stehen geblieben. Sein Herz schlug wild und seine Hände wurden zittrig. So sehr hatte er gehofft, nie wieder etwas von ihr zu hören. Diese eine Dummheit von damals hatte dazu geführt, dass sie ihn in der Hand hatte. Sollte die Wahrheit jemals ans Licht kommen, war seine ganze Zukunft, alles, was er sich aufgebaut hatte, in Gefahr! Und gerade jetzt, wo sein Leben endlich wieder in geordneten Bahnen zu laufen schien, konnte er das auf keinen Fall riskieren.
„Ja! Wo denn sonst. Also, was willst du?“, fragte er deutlich gereizt.
Sie spürte, wie er litt. Aber genau das gefiel ihr! Er würde schon tun, worum sie ihn bat.
„Das erkläre ich dir lieber persönlich. Aber du musst zu mir kommen. Ich bin zurzeit etwas unflexibel, was meinen Aufenthaltsort angeht.“
Nachdem sie ihm erläutert hatte, wohin und wann er kommen sollte, legte sie auf. Er wusste, er hatte keine Wahl. Zumindest hatte er, was seinen Aufenthaltsort betraf, nicht ganz die Wahrheit gesagt. Aber sie musste ja nicht alles wissen. Wütend machte er sich auf den Heimweg.
Isabella hingegen war bester Laune. Genauso hatte sie sich seine Reaktion vorgestellt und gewünscht. Wieder war sie einen Schritt weiter in ihrem Plan und ging zufrieden zurück in ihre Zelle.

Die Flure des Krankenhauses waren schon abgedunkelt. Michael ging leise in Richtung des Zimmers seines Freundes. Er hatte heute einen Transportflug und es deswegen nicht eher geschafft, Markus zu besuchen. Auch wenn es schon spät war, so wollte er doch wenigstens kurz zu ihm schauen und dann gleich Verena mit nach Hause nehmen.
Vorsichtig öffnete er die Türe des Zimmers und trat sachte an Markus` Bett. Wie schon geahnt, schlief dieser schon. Er hatte nicht einmal bemerkt, dass jemand sein Zimmer betreten hatte. Nachdenklich betrachtete der Pilot den Bergretter. Er musste an den Augenblick denken, als er in diese völlig verqualmte Hütte kam und ihn dort gefunden hatte. Auch wenn er bei den meisten Einsätzen mit dabei war, so war es oft ein anderer, der an vorderster Front bei einer Rettung aktiv wurde. Häufig war es Markus, der unten am Tau hing und sich um die Bergung kümmerte. Nicht nur, dass Michael diesmal die Rolle des Retters angenommen hatte, so war es ausgerechnet einer seiner Freunde, den er befreien musste. Für einen Moment hatte der Pilot da oben gezweifelt, dass sie rechtzeitig gekommen waren. Zum Glück lag Markus damals fast direkt vor ihm. Michi seufzte. Leise sagte er,
„Hey, ich komme morgen wieder. Werd bloß schnell wieder gesund. Wir brauchen dich, verstanden?“
Kurz drückte er sanft den Arm seines Freundes, bevor er das Zimmer wieder verließ. Wie es der Zufall wollte, lief ihm Verena über den Weg. Sie freute sich, ihn zu sehen.
„Hallo, das ist aber schön, dass du da bist. Warst du bei Markus? Ist der noch wach?“
Michi gab ihr zur Begrüßung einen Kuss.
„Nee, der pennt wie ein Murmeltier, hat mich nicht mal bemerkt. Kommst du mit nach Hause? Wir könnten noch ein Glas Wein trinken.“ Verena lächelte den Piloten an.
„Ich war gerade auf dem Weg, um mich umzuziehen. Wenn du kurz wartest, bin ich gleich da.“ Michi nahm die Ärztin in den Arm.
„Ich könnte dich doch begleiten. Vielleicht kann ich dir ja behilflich sein, zum Beispiel beim Ausziehen.“
Dabei gab er ihr einen Kuss. Sie lachte und wand sich aus seiner Umarmung und sagte,
„Das dürfte dir so passen. Du wirst dich schon bis zu Hause gedulden müssen.“
„Na toll. Dann beeil dich aber. Sonst komme ich doch noch zu dir und hole dich raus.“
Sie nickte und machte sich auf, in Richtung Umkleide.
Michi stand nachdenklich auf dem Flur und ließ die letzten Tage im Kopf Revue passieren. Es war viel geschehen! Oft hatte er über seine Beziehung zu der Ärztin nachgedacht. Auch wenn er mit seiner ersten Ehe keinen großen Erfolg gehabt hatte, so war Verena für ihn die Frau, mit der er sich ein gemeinsames Leben vorstellen konnte. Bei ihr hatte er das Gefühl, angekommen zu sein. Lange hatte er immer wieder versucht, mit ihr über seine Empfindungen zu sprechen. Doch er war nicht der Typ, der so einfach über solche Themen reden konnte. Das, was sie alle in den letzten Tagen erleben mussten, hatte ihm jedoch gezeigt, wie kostbar die gemeinsame Zeit war. Und so kam er zu dem Entschluss, ihr nun seine wahren Gefühle zu gestehen und den nächsten Schritt in ihrer Beziehung zu gehen.
Schon nach kurzer Zeit stand Verena fertig umgezogen vor ihm und sie verließen Hand in Hand die Klinik.

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Bis bald und liebe Grüße!
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