Nothing Is Over

GeschichteDrama, Freundschaft / P16
OC (Own Character) Samu Haber
23.05.2019
21.09.2019
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Hallo zusammen :)

Vielen lieben Dank für die Favos und Reviews!
Ich bin sehr gespannt, wie euch dieses Kapitel gefällt, denn jetzt kommt Alex mal so richtig zum Einsatz...

Viel Spaß und liebe Grüße,
Eva :)
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PoV Alex

Seufzend stehe ich vor dem großen Gebäude der Plattenfirma. Allein und ohne Mikko. Warum? Weil der Idiot natürlich krank werden musste. Also nicht nur Männerschnupfen, sondern Magen-Darm-Virus mit vollem Programm. Und ehrlich gesagt: Bevor er dem Schröder ins Büro kotzt, was die Sache noch schlimmer machen würde, bestreite ich den Termin allein. Mit Mikkos Anweisungen – „führ dich ja nicht zu hitzig auf!“ – im Hinterkopf.

Einmal atme ich noch tief durch, straffe die Schultern und betrete dann zuversichtlich (irgendwie muss ich mich ja beruhigen) den Eingangsraum. Herr Schröder wartet bereits neben dem Aufzug und sein Signal damit ist eindeutig: Ich will das so schnell wie möglich weg haben, also schwing´ deinen Hintern hierher und zwar zackig!

„Guten Tag, Herr Schröder, ich dachte, wir wären erst um fünfzehn Uhr verabredet?“, begrüße ich den dicken Mann nach einem Blick auf meine silberne Armbanduhr, die sagt, dass es erst fünf vor ist. Vielleicht ist es nicht die beste Taktik, den eigentlich Vorgesetzten auf etwas hinzuweisen, aber das konnte ich mir leider nicht verkneifen. Und jetzt ist es eh schon zu spät.

„Guten Tag. Das ist mir durchaus bewusst, aber ich möchte das schnell hinter mich bringen. Ich habe noch andere Dinge zu tun. Wo ist Herr Saukkonen?“, erwidert Herr Schröder mit einer Tonlage, die eindeutig vermittelt, dass diese „anderen Dinge“ weitaus angenehmer sind als unser Treffen. Tja, Pech gehabt.

„Krank“, erwidere ich knapp.

„Gehen wir in mein Büro!“, sagt Herr Schröder, ohne weiter darauf einzugehen.

Dort angekommen setze ich mich ohne eine Aufforderung. Kurz bin ich sogar versucht, nach einem Kaffee zu fragen, halte mich dann aber zurück. Ich will den Herrn ja nicht unnötig verärgern. Oder doch?

„Gut, kommen wir gleich zur Sache! Weshalb sind Sie hier?“

„Das stand eigentlich in der E-Mail, die Herr Saukkonen Ihnen geschickt hat“, entgegne ich ihm leicht vorwurfsvoll. „Aber ich kann es Ihnen gerne nochmal in der langen Version erzählen, das ist sogar besser als die Kurzfassung.“ Innerlich triumphierend warte ich auf seine Antwort; jetzt kann er sich aussuchen, was er möchte.

„Die kurze, so viel Zeit habe ich nicht.“ Nein, dir ist es egal, ob einer der Typen, die bei dir unter Vertrag sind, verrecken oder nicht. Also kriegt er die lange Version. Der weiß ja nicht, dass ich ihm die als kurz verkaufe. Also erzähle ich ihm von Samu und allem was passiert ist. Die ganze Leier von vorne bis hinten, von unten nach oben, von links nach rechts. Erzähle von den Plänen für die Zukunft, unter anderem auch der Bandpause. Irgendwann weiß ich nicht mal mehr, ob der Schröder überhaupt noch zuhört.

„Sind Sie sich sicher, dass Sie sich da nicht in etwas reinsteigern?“, fragt Herr Schröder zweifelnd. Ich könnte schreien. Ist dem das so egal, was gerade los ist?!

„Nein, Herr Schröder, ich denke eher, dass Sie sich was einbilden! Ihnen dürfte aufgefallen sein, dass Herr Haber sehr viel allein erledigen muss und das einfach nicht schafft! Diese ganzen Vorschriften haben ihn kaputt gemacht, er glaubt nicht mehr an sich selbst! Vielleicht sollten Sie mal überlegen, ob Sie auch einen Teil der Schuld tragen!“ Meine Stimme wird um einiges lauter; dieser ***** kann mich mal kreuzweise! „Keine seiner Song-Ideen oder was auch immer war ausreichend für Sie und wurde immer kritisiert!“

„Frau Maurer!“ Wahnsinn, er kann sich an meinen Namen erinnern!

„Herr Schröder!“ Ich kralle mich mit meinen Fingern an den Stuhllehnen fest, bevor ich aufspringe und mich in eine Furie verwandle. „Es kann nicht sein, dass eine Plattenfirma einen ihrer Künstler so dermaßen fertigmacht! Sie waren nicht dabei, als Herr Haber zusammengebrochen ist! Ich schon! Und ich kann Ihnen sagen: Wenn das so weitergeht, dann haben Sie Sunrise Avenue bald nicht mehr unter Vertrag! Und das liegt nicht daran, dass Sie sich eine Plattenfirma gesucht haben!“

„Ich darf Sie darauf hinweisen, dass Sie immer noch zum Teil bei uns angestellt sind!“, ruft Herr Schröder und haut mit der flachen Hand auf den Tisch. „Sie können nicht hierherkommen und meinen, alles nach Ihren Vorstellungen gestalten zu können! Wo kämen wir denn hin, wenn wir jeden Wunsch erfüllen würden? Sie erzählen mir gerade, dass Samu Haber einen Burn-Out hatte, und verlangen, uns nach ihm zu richten! Dieses Verhalten ist absolut angebracht!“

Mir bleibt die Spucke weg. So ein unverschämter Kerl. „Herr Schröder“, beginne ich mit zitternder Stimme, da ich versuche, meine Wut irgendwie zu unterdrücken. „Das ganze ist ERNST. Ich möchte Ihnen einfach nur zeigen, was Sie angerichtet haben. Ich will nur das Beste für Herrn Haber und vor allem für die Band, aber ich kann da allein nichts ausrichten, wenn sie nicht die nötige Unterstützung der Plattenfirma erhalten!“

„Ihnen ist bewusst, dass ich Ihnen jederzeit kündigen kann?“, droht mir Herr Schröder plötzlich, ohne auf den Rest einzugehen. „Ich sitze immer noch am längeren Hebel als Sie!“

„Ihnen ist bewusst, dass mir das gerade ziemlich am Allerwertesten vorbeigeht?“, pampe ich wütend zurück.

„Sie sollen sich um die Band kümmern und nicht nur um die Gesundheit des Frontmanns!“, schreit Herr Schröder und macht dabei den Eindruck eines wild gewordenen Rhinozeros. „Herr Haber muss bis zu einem gewissen Grad funktionieren und er sollte eigentlich wissen, dass das Leben im Musik-Business kein leichtes ist!“

„Kapieren Sie denn nicht, wie schlecht es um ihn steht?“ Verärgert funkle ich ihn an. Dieses „Gespräch“ hat sich sehr schnell in einen handfesten Streit verwandelt, den man wahrscheinlich noch in hundert Metern Entfernung hören kann. Auch als Taubstummer.

„Nein, das verstehe ich nicht! Es muss doch irgendwie möglich sein, während der Therapie trotzdem seinen Terminen nachzukommen!“

„Ich habe absolut keine Ahnung, ob das unter ,Körperverletzung´ läuft, aber ich werde auf jeden Fall einen Anwalt einschalten, wenn Sie nicht einlenken!“, drohe ich ihm. Meine Stimme wird immer leiser, ein gefährliches Zeichen dafür, dass ich kurz vorm Explodieren bin. „Sie können nicht so tun, als wäre nichts geschehen!“

Herr Schröder wird etwas blass; anscheinend hat er inzwischen kapiert, dass es mir sehr ernst ist. Und das will ich auch sehr für ihn hoffen. Wie kann nur ein so mitleidsloser, gefühlskalter Mensch eine führende Person einer Plattenfirma werden? Wie macht der das dann mit neuen Künstlern? Denen drohen, sie sofort rauszuschmeißen, wenn sie nicht nach seiner Pfeife tanzen?

„Frau Maurer, ich gebe Ihnen eine letzte Chance! Ich genehmige Ihnen ein kurze Bandpause, allerdings nur, wenn Herr Saukkonen mich bis spätestens morgen nochmal anruft! Außerdem werden wir uns so bald wie möglich zu dritt zusammensetzen und über das, was Sie uns hier unterstellen, sprechen, genauso wie über Ihr unakzeptables, respektloses Verhalten, das Sie an den Tag legen! Eigentlich sehe ich es gar nicht ein, nachzugeben, aber bevor wir noch wegen dieser Lappalie vor Gericht landen, ist es wohl besser, doch einzulenken!“, ruft Herr Schröder aufgebracht und mit puterrotem Gesicht.

„Glauben Sie denn, dass die Jungs zu faul zum Arbeiten sind? Wir würden doch nie im Leben eine Bandpause verlangen, wenn es nicht absolut notwendig wäre! Ich arbeite auch schon eine Zeit lang im Musik-Business und weiß, wie schwer es sein kann, nach einer längeren Pause wieder Fuß zu fassen! Aber manchmal geht es einfach nicht anders!“

„Guten Tag, Frau Maurer!“, grollt Herr Schröder. Er steht auf, um die Tür zu öffnen, schaut mich dann mit zusammengekniffenen Augen an.

„Guten Tag“, verabschiede ich mich kühl und rausche, ohne ihn noch einmal anzuschauen, aus seinem Büro. Mich würde es nicht wundern, wenn mir Funken hinterherfliegen. So ein Mistkerl! Leise vor mich hinschimpfend fahre ich mit dem Aufzug nach unten und verlasse das Gebäude. Was glaubt der eigentlich, wer er ist? An der frischen Luft atme ich erstmal tief durch…finde meine innere Mitte oder wie auch immer das heißt.

„Scheiße!“, fluche ich laut, als mir bewusst wird, dass ich da ordentlich was angerichtet habe. Eine ältere Dame, die gerade die Straße überquert, sieht mich entrüstet an und schüttelt den Kopf. Kurz vergewissere ich mich, dass niemand zuschaut, dann zeige ich dem Rücken der Frau meinen wunderschönen Mittelfinger.

Ich besorge mir schnell einen Coffee-To-Go, verantwortungslos in einem Pappbecher, aber meinen eigenen habe ich leider nicht dabei. Nachdem dieser halb leer ist, zücke ich mein Handy und suche Mikkos Kontakt. Etwas unschlüssig schwebt mein Daumen über dem grünen Hörer, aber ich dürfte ihn fast informieren. Wahrscheinlich sind schon unzählige Beschwerde-E-Mails über mich eingegangen. Früher oder später muss ich es ihm sowieso sagen, und das lieber jetzt; beim Telefonieren kann er mir wenigstens nicht den Kopf abreißen.

Tuut. Tuut. Tuut. Tuut. Tuut.

Schläft der allen Ernstes? Der sitzt doch schon die ganze Zeit wie auf Kohlen und hat mich noch fünf Minuten vor dem Gespräch mit dem Schröder tyrannisiert!

„Moi?“ Mikko klingt etwas verschlafen, als er sich meldet.

„Moi, Mikko, ich bin´s…willst du wissen, wie´s gelaufen ist?“ Ich falle am besten gleich mit der Tür ins Haus, dann hab ich´s hinter mir.

„Natürlich! Schieß los!“ Schlagartig ist Mikko hellwach. „Ich will alles wissen!“

„Ähm, okay. Also, wir haben eine Bandpause, aber nur eine kurze, und außerdem nur, wenn du ihn bis spätestens morgen nochmal anrufst. Und er will sich nochmal treffen, zu dritt“, beginne ich. Hört sich bis jetzt ganz harmlos an. Aber dann fahre ich mit der eigentlichen Geschichte fort. Mikko versucht immer wieder, mich zu unterbrechen, aber ich lasse ihn nicht zu Wort kommen. Es ist einfacher, eine lange Standpauke am Ende zu ertragen, als zwischendrin angemeckert zu werden.

„…und er hat mir gedroht, dass er mich rausschmeißt, wenn das so weitergeht mit mir…“, ende ich beschämt und senke die Stimme. Ich kann vor meinem geistigen Auge sehen, wie Mikko sich die Haare rauft.

„Mann Alex, ich hab dir gesagt, du sollst dich zusammenreißen!“, ruft er nach einigen Sekunden Stille. „Ich hab keinen Bock, dich illegal beschäftigen zu…“ Ein Hustenanfall unterbricht ihn.

„Mikko? Lebst du noch?“, frage ich erschrocken; der hört sich nämlich an wie ein Kettenraucher mit sechzig Jahren, von denen er fünfzig schon qualmt.

„Jaja, geht schon“, krächzt er. „Ich ruf den Schröder heute noch an, entschuldige mich für DEIN unmögliches Verhalten und mache einen Termin aus. Vielleicht wird´s dann nicht so schlimm.“

„Oh nein, Freundchen, das wirst du nicht tun! Mein Verhalten war wahrscheinlich nicht das höflichste, aber man kann nicht von mir verlangen, dass ich ruhig bleibe, während der mir vorwirft, zu übertreiben! Irgendwann muss dem mal jemand Parole geben, das geht so nicht weiter!“, widerspreche ich ihm sofort.

„Von mir aus…“, lenkt Mikko ein, vermutlich aber nur, weil er krank ist und endlich seine Ruhe will. „Gute Nacht“, murmelt er und legt auf, ohne etwas anderes zu sagen.
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©Kaffeetante3, 2018/19
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