(MMFF) Von Büchern und von Blut

MitmachgeschichteMystery, Horror / P18
23.05.2019
30.06.2020
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Von Büchern und Blut


Buch 3-Spaß haben erlaubt




>>>POV Sutemi Erisawa

BAMM

Obwohl Sutemi ebenfalls erschreckte, fand er Genugtuung darin, wie Jason mädchenhaft quiekte.

„Gott im Himmel“, rief das Universalgenie und hob eine Hand zu seinem Herz. „Drei Tage ohne Mord und die verdammte Katze versucht, uns zu Tode zu erschrecken!“ Sutemi lachte atemlos und bemühte sich, sein eigenes pochendes Herz zu beruhigen. Immerhin kannte er das Geräusch, das durch alle Räume gehallt war und er wusste, was es ihnen versprach: eine perverse Belohnung für das erfolgreiche Hinrichten ihrer Freundin.

„Wir sollten zu den anderen stoßen“, schlug Sutemi vor und schob seinen Stuhl zurück. In der großräumigen, stillen Bibliothek war das Geräusch beinahe unerträglich. Auch Jason verzog das Gesicht. „Die Räume werden leerer“, merkte er an. „Am Ende wird es so sein, dass wir uns komplett aus dem Weg gehen können.“

Am Ende war ein Ausdruck, den Sutemi zwar wahrhaben wollte, doch er zweifelte an seiner Echtheit. Für ihn schien es, als ob das Killinggame sich schon ewig hinzog, dabei waren nicht mehr als zwei Wochen vergangen, seitdem sie das erste Mal im Schlafsaal erwacht waren.

Und in diesen paar Tagen waren bisher vier Menschen gestorben. Ein abstrakter Gedanke, dass Leben so endlich waren. Es war beinahe eine Ästhetik für sich, dieses ganze Spiel. Eine grausame Ästhetik, auf jeden Fall, aber es war die Grausamkeit, die es so interessant machte.

Wahrscheinlich war dieser Reiz von Gewalt genau der Grund, warum sie hier gefangen waren. Sie existierten im Moment nur noch für die Perversion von Individuen, die vor dem Fernseher hingen und ihr Schicksal mit Gelächter nachverfolgten. Ob sie Wetten abschlossen, wer als Nächstes ins Gras beißen würde?

Ja, dies waren die düsteren Gedanken, die Sutemi in den letzten Tagen geplagt hatten. Ohne wirkliche Zerstreuung fiel es ihm schwer, sich optimistisch zu halten. Aber jetzt, da es eine neue Etage gab, würden sich die Dinge zum Besseren wenden.

Hoffentlich.

Im Killinggame war nichts sicher.

Als Sutemi mit Jason aus der Bibliothek trat, erblickte er Mayako, Charles, Mingyu und Inari aus dem Raum des Dinosaurierskeletts kommen. Charles grinste sofort, als er sie sah und winkte ihnen zu. „Meine Freunde! Habt ihr es auch vernommen?“, rief er quer durch den Raum. Gerade, als Jason den Mund aufmachte, um zu antworten, fuhr ihm Mayako dazwischen: „Nein, sie haben es nicht mitbekommen! Es war ja auch nur ein ohrenbetäubender Knall!“

„Sarkastisch wie immer“, meinte Sutemi und lächelte Mayako verschmitzt an. Sie zeigte ihm den Mittelfinger. Mingyu seufzte und schüttelte den Kopf. „Wir sollten uns nicht übertrieben auf die neue Etage freuen. Wer weiß, was …“

„Ja, ja, ja – das ganze Gelabere von Teddybären und Messern im Geschenk hab ich noch gut im Hinterkopf“, entgegnete Mayako und verdrehte die Augen. „Aber es ist immer noch mehr Platz, den ich nutzen kann, um euch Schwachköpfen aus dem Weg zu gehen.“

„Wir sind dir inzwischen doch ans Herz gewachsen“, neckte Jason sie. Die Rothaarige sah ihn nur finster an.

Aufgeregtes Poltern war zu hören, als die restlichen Bewohner des Gebäudes ins zweite Stockwerk eilten. Marjories schwarze Haare lugten als Erstes um die Ecke, gefolgt von Rococo und Enoki. „Neue Etage, neue Etage!“, murmelte Enoki aufgeregt vor sich hin und sah sich hektisch um, wo der Aufgang nun verborgen war.

Auch Rococo und Marjorie waren aufgeregt, man sah es an der Anspannung in ihren Schultern. Hinter den beiden kamen etwas langsamer Hideki und Christin die Treppe heraufgeschlendert. Sutemi zuckte innerlich zusammen, als er Christin erblickte: Tiefe Augenringe zeichneten ihr sonst so hübsches Gesicht.

An Hidekis Gang erkannte er, dass der Grünhaarige bereits Alkohol intus hatte. Er schwankte etwas, während er lief. Und wenn er den Kopf drehte, dann schienen seine Augen eine Weile zu brauchen, um der Bewegung zu folgen. „Wie viel hat er denn schon wieder gesoffen?“, wollte Mayako genervt wissen und sprach dabei Sutemis Gedanken auf eine unhöfliche Art aus.

„Vier Bier“, antwortete Rin, die als Letzte um die Ecke ins Museum bog. „Hab versucht, ihn aufzuhalten, aber anscheinend ist das unmöglich.“ Hideki grinste sie breit an. „Ich trinke mir nur Mut an“, lallte er.

„Mut wofür?“, fragte Rococo skeptisch, doch der Brauer grinste nur und torkelte in die Mitte des Raumes, wo er fast mit einer Vitrine kollidierte. „Wenn du die jetzt umgeschmissen hättest, dann wäre all der Alkohol verschwunden!“, tönte es warnend aus den Lautsprechern. Hideki zog den Kopf ein.

„Wo ist denn jetzt dieser Aufgang?“, lenkte Enoki die Aufmerksamkeit wieder zurück auf die neue Etage. „Da drüben!“, kam die lallende Antwort zwischen den Vitrinen. Sofort flitzte die Mykologin los. „Weg ist sie“, kommentierte Jason.

Sutemi schüttelte den Kopf über Enokis Verhalten. So aufgeweckt sie auch war, manchmal ging ihm ihre unbekümmerte Art tierisch auf die Nerven. Die Zeit, die sie damit verbracht hatten, über Daisys und Coralies Tod hinwegzukommen, hatte die Mykoligin darauf verwendet, den Schimmel aus der Kleiderkammer zu kultivieren.

Sutemi wollte auf gar keinen Fall jemanden für seine Traumaverarbeitung beurteilen, aber Enoki wirkte, als sei sie sich der Situation nicht wirklich bewusst. Selbst wenn Charles ebenfalls dezent abgedreht handelte, so sah man doch, wie ihm das alles zu schaffen machte.

Und Mayako … In einer Unterhaltung unter dem Einfluss von Bier hatten sie sich beide darüber unterhalten. Die Rothaarige hatte zugegeben, dass das Töten für sie so selbstverständlich geworden war. Wenn also Leute in ihrem unmittelbaren Umfeld das Zeitliche segneten, dann empfand sie mehr Frust als Trauer.

Diese abgehärtete Art und ihr realistischer Blick auf die Welt passten wirklich in ihre Ästhetik.

Apropos Ästhetik: Der Eingang zur neuen Ebene fügte sich so schlecht in die zweite Etage ein, dass Sutemi eine Grimasse zog. In dem blauem Marmor war eine Tür verankert, die keinen stärkeren Kontrast hätte bilden können.

Im Gegensatz zu den blassblauen Linien auf dem cremefarbenen Stein stand ein violettes und grünes Karomuster aus Stoff, das auf die Tür gespannt worden war. Der Türknauf war aus schwarzer Keramik, auf die viele Punkte in allen Farben gemalt wurden. Ohne Kontext hätte dieser Aufgang sicherlich als interessant und Kunstwerk für sich gegolten, doch mitten in dem altertümlichen, lichten Museum wirkte es mehr wie ein Schandfleck.

Enoki stand vor der Tür und strich mit den Fingern über den Knauf. Plötzlich wirbelte sie herum und grinste die Gruppe an. „Ich hatte letztes Mal die Ehre, die Tür zur neuen Etage zu öffnen“, sagte sie. „Ich denke, dass Christin es jetzt tun sollte. Sie hatte sich so angestrengt, dass wir uns hier wohlfühlen und ihr Dank waren zwei Tote. Es ist das Mindeste, was wir für sie tun können.“

Erwartungsvoll sah Sutemi über seine Schulter zu Christin, die Enoki aus aufgerissenen violetten Augen anstarrte. Dann lächelte sie – das erste wahre Lächeln nach einer Weile. „Danke, das weiß ich zu schätzen. Du bist eine wirklich gute Freundin, Enoki.“ Als Christin vortrat und nach dem Türknauf griff, hängte sich Enoki an ihren Arm und hüpfte aufgeregt auf und ab.

Sutemi spähte über Mayakos Kopf auf die geöffnete Stiege. Sie war genau so breit wie der Aufgang zur zweiten Etage und ging steil nach links oben. Wie in einem schlechten Comic lugten alle um die Ecke den Gang herauf. Was Sutemi verwunderte, war das Design der Stiege.

Während der Aufgang zum Museum durch warmes Lampenlicht und Marmorstufen charakterisiert war und so zu der folgenden Etage passte, so war dieser Aufgang das krasse Gegenteil davon. Anstatt von Steinstufen war diese hier aus einfachem grauem Metallgitter und das Licht stammte aus grellen winzigen LEDs, die wie ein Sternenhimmel an den schwarzen Wänden angebracht waren.

Wo er jetzt diesen Aufgang sah, so kamen Sutemi ehrliche Zweifel, ob die neue Etage wirklich hilfreich sein könnte. Dies erinnerte ihn hier nämlich weder an eine Bibliothek noch an ein Museum sondern mehr an … vielleicht an den Backstage-Bereich einer Bühne.

„Stehen wir hier jetzt nur so rum und warten oder gehen wir die Treppe hoch?“, drängelte Mayako und machte eine scheuchende Handbewegung. Zögerlich setzten sich alle in Bewegung. Einer nach dem anderen gingen sie die Treppe hoch. Dabei hallten ihre Schritte mit einem metallischen Geräusch von den nahestehenden Wänden wider.

Auf einmal hielten Christin und Enoki vorne so abrupt inne, dass Sutemi fast in Mayakos Rücken knallte. Er konnte sich gerade noch an der Wand abstützen, um einer Schimpftirade aus dem Weg zu gehen. Als er seine Hand zurückzog, musste er angewidert feststellen, dass sein blauer Handschuh mit schwarzem Staub bedeckt war.

„Was ist da vorne los, verdammt?“, rief Rin von unten. Auch Mingyu und Mayako stellten fordernde Fragen. „Ähm …“, machte Christin leicht hilflos. „Das ist schwer zu erklären. Wartet kurz.“ Sutemi hörte Schritte, dann einen kleinen Aufprall und einen Fluch. Dann setzten sich wieder alle in Bewegung.

Als Sutemi am Ende der Treppe angelangt war, klappte ihm der Unterkiefer hinunter. Nun fügte sich alles wie ein Puzzle zusammen: das Stoppen von Christin und Enoki und der Knall. Vor ihnen lag nämlich nicht etwa eine offene Etage wie die des Museums oder der weitläufige, geflieste Saal unten, sondern ein Spiegellabyrinth.

Mehrere Abbilder von Sutemi selbst sahen ihm entgegen, als er sich in dem Aufgang umsah. Von allen Seiten wurden er an seine Makel erinnert und es sorgte dafür, dass seine Abneigung gegenüber dieser Etage noch weiter wuchs. Die, die vor ihm gegangen waren, also Christin, Enoki, Mingyu, Marjorie und Mayako, waren schon alle weiter in das Labyrinth gegangen, damit die anderen aufrücken konnten.

„Hab ich mal erwähnt, dass ich Spiegellabyrinthe hasse?“ Marjorie kicherte nervös. Tastend bewegte er sich voran und sah dabei noch betrunkener aus als Hideki. Dieser sah sich mit großen Augen im Labyrinth um. Auch Sutemi musterte die Spiegelwände um sich herum etwas genauer. Die einzelnen großen Platten waren mit violett angestrichenen Holzleisten zusammengehalten. Der Boden bestand aus schwarzem Linoleum wie in der Küche und der gesamte Raum wurde mit violetten, blauen und weißen Lampen bestrahlt, sodass alles in ein fliederfarbenes Licht getaucht wurde.

Mayako schnaubte nur und bog mutig um eine Ecke. „Ist das eine so gute Idee?“, rief Sutemi ihr nach. Die Rothaarige drehte sich nicht einmal um, als sie antwortete: „Ich bin super in so was! Meine Freundin, die hat Probleme! Einmal auf dem Weihnachtsmarkt stand ich zehn Minuten vor dem Labyrinth und hab mich zum Affen gemacht, weil ich sie navigieren wollte. Ich war schon nach drei Minu …“

Prompt lief sie gegen eine Scheibe.

Sutemi kicherte leise hinter seinem rosanem Mundschutz. Langsam wuchs ihm diese Chaotentruppe echt ans Herz. „Was sollen wir jetzt tun?“, jammerte Hideki. „Nüchtern verirre ich mich schon immer. Wie soll ich das jetzt mit Alkohol im Blut machen?“ Rin schlug ihm freundschaftlich auf den Hinterkopf. „Sei keine Memme! Immerhin hast du nicht schon eine Kopfverletzung.“

Kopfschüttelnd versuchte Sutemi, sich einen Weg durch das Labyrinth zu bahnen. Was Mrs. Ms Plan hinter dieser Etage war, ging ihm nicht auf. Wenn der Grundriss der Etage gleich dem der anderen war – was er annahm – dann war dieses Labyrinth riesig. Schnelles Überblicken einer Lage war hier schwierig.

Sicherlich würde es einem Mörder leichtfallen, sich hier zu verstecken oder vom Tatort zu flüchten. Sutemi gefiel der Gedanke nicht, dass er bei jeder neuen Etage daran dachte, wie sie bei einem Mordfall zu gebrauchen wäre. So weit hatte ihn das Killinggame schon gebracht. Er konzentrierte sich nicht mehr auf die Schönheit seiner Umgebung, sondern auf ihren Nutzen.

Wobei man hier nicht von Schönheit sprechen konnte. Immerhin sah er sich von allen möglichen Seiten.

Als Sutemi gerade um eine Ecke biegen wollte, knallte er fast mit Mingyu zusammen. Verwirrt sahen sie beide sich an. „Warst du nicht gerade hinter mir?“, fragte der Violetthaarige. Sutemi zuckte hilflos mit den Schulten. Anscheinend hatten sie sich hoffnungslos verlaufen.

„Könnte man nicht an den Scheiben hochklettern?“, überlegte Mingyu laut, während Sutemi um die Ecke schielte und die Lage auskundschaftete. Die Wände waren nicht sonderlich hoch, vielleicht etwas mehr als zwei Meter, damit man nicht drüberschauen konnte. „Mayako würde so etwas sicherlich schaffen.“

„Hab ich auch schon versucht, Blödmann.“

Beide wirbelten erschrocken herum, um die Rothaarige mit einem kolossal genervten Gesichtsausdruck vor sich stehen zu sehen. „An den Oberseiten sind Spikes angebracht. Mrs. M hat uns alle Möglichkeiten genommen, außer hier wie bekloppt durchzurennen.“

Ein Schnurren drang durch die Lautsprecher und Sutemi bereitete sich auf einen schnippischen Kommentar vor. Dieser ließ auch nicht lange auf sich warten. „Ich habe für alles gesorgt“, sagte Mrs. M mit zufriedener Stimme. „Und ich muss doch auch meinen Spaß haben, während ihr darauf wartet, wer als Nächstes stirbt.“





>>>POV Enoki Akamomitake

Diese Etage gab Enoki Rätsel auf. Das erste war der Sinn hinter einem großflächigen Spiegellabyrinth. Natürlich, es könnte nützlich werden, aber es nervte mehr als alles andere. Und die zweite Frage war, was sich hinter so einem Labyrinth verstecken könnte. Bei der Museumsetage hatte der T-Rex thematisch gepasst. Was würde wohl zu einem Spiegellabyrinth, wie man es von einem Jahrmarkt kannte, passen?

Das würde sie herausfinden, wenn sie aus diesem VERDAMMTEN Irrgarten herauskam. Enoki war meistens ein fröhlicher Mensch, doch nun verflog ihre gute Laune. Schon seit mehr als zehn Minuten liefen die zwölf Teilnehmer schon durch die ewig gleichen Gänge. Und außerdem schmerzte Enokis Stirn von den vielen Kollisionen mit den Spiegeln.

Von irgendwo weiter hinten hörte sie Mayako genervt stöhnen. Enoki achtete nicht weiter auf sie, sondern tastete sich vorwärts. „Meine Freundin!“ Geschockt wirbelte sie herum und sah in Charles´ grinsendes Gesicht. „Hey“, hauchte sie erleichert und immer noch erschrocken. „Hab ich doch noch jemanden gefunden.“

Charles grinste sie weiter an und kam langsam auf sie zu. Gerade, als Enoki fragen wollte, was er vorhatte, griff er ohne Vorwarnung an ihre Schenkel und hob sie auf seine Schultern. Mit einem Quietschen rutschte Enoki nach vorne, ehe das Model sie in einen festen Griff nahm. Als sich Enoki von dem zweiten Schock in weniger als drei Minuten erholte, verstand sie den Sinn hinter dieser Aktion.

Von Charles´ Schultern aus konnte sie das Labyrinth überblicken. Sie schlug sich genervt gegen die Stirn. „Warum sind wir nicht früher drauf gekommen?“, fragte sie. Charles lachte unter ihr. „Keine Ahnung. Aber es ist praktisch und wir umgehen damit Mrs. Ms Einschränkungen.“ Ein enttäuschtes Schnauben klang durch die Lautsprecher. Enoki kicherte leise. Diese Katze hatte wirklich einen lustigen Charakter.

„Okay, was siehst du? Etwas Glanzvolles?“, erkundigte sich Charles und Enoki strengte sich an, einen Überblick über das Labyrinth zu gewinnen. Anscheinend gab es wieder sechs verschiedene Räume:  jeweils zwei an den langen Seiten und einen an den kurzen Enden des Saales. Doch anstelle von Türen waren schwarze, schwer aussehende Vorhänge vor den Eingängen befestigt.

Enoki und Charles waren dem Ende eines Saals am nächsten. So gut es ging versuchte Enoki ihren Träger zu navigieren, bis sie auf einer freien Fläche vor einem doppelten Vorhang standen. Charles setzte sie vorsichtig ab. Dankbar über den festen Boden unter ihren Füßen trat Enoki an den Vorhang.

Sie befühlte den Stoff – eine alte Gewohnheit bei ihren wissenschaftlichen Arbeiten. Wenn sie in Höhlen und tiefere Waldgebiete abstieg, dann untersuchte sie erst den Stein oder die Bäume, was sie wohl erwartete. War zum Beispiel der Stein eines Höhleneingangs nass, dann konnte es sein, dass dort unten Wasser war oder sie ausrutschen und abstürzen könnte.

Der Vorhang unter ihren Fingern war sehr dick und samtig. Er war mit silbrigen Ringen an einer schwarzen Gardinenstange befestigt, die über dem Portal hing. „Bereit?“, fragte sie Charles, der ihr grinsend einen Daumen nach oben gab.

Bestimmt zog Enoki die Vorhänge auseinander. Keine Sekunde später klappte ihr der Unterkiefer hinunter.

„Das ist keine Bücherei“, brachte sie nach einer Weile zustande.

„Oh, welch ein GLANZ!“, rief Charles aus und stürmte in die Manege.

Manege war das beste Wort, mit dem Enoki die Arena vor sich beschreiben konnte. Sägespäne bedeckten den Fußboden, wo sonst hochwertiges Pakett lag. Die Wände waren nicht mit Bücherregalen verdeckt, sondern mit rot-weiß gestreiften Stofflaken. Keine Sitzgruppe befand sich in der Mitte des Raumes. Stattdessen rahmten drei Sitzbühnen diese ein.

Alles erinnerte Enoki hier an einen Zirkus. Selbst der Geruch, eine fast perverse Mischung aus gebrannten Mandeln und Tierexkrementen, war der wie in einem Zirkuszelt. Die goldenen Scheinwerfer, die kreisförmig im Raum verteilt waren, verstärkten die Atmosphäre noch mehr. Charles sprang überglücklich hin und her und kommentierte das „Glänzen“ und den „Schimmer“ dieses Saales.

Oder eher dieser Manege.

Als Kind hatte Enoki nicht oft Sommerfeste und den Zirkus besucht. Natürlich, sie war ein paar Mal dabei gewesen, doch den Reiz an der Sache verstand sie nicht. Viel eher zog es sie in die kühlen Wälder ihrer Heimat, wo sie meist alleine war und weit weg von lärmenden Menschen und den hektischen Städten.

Nicht, dass sie Menschen nicht mögen würde. Ganz im Gegenteil: Sie empfand sie als durchaus nützlich.

„Was zur Hölle?“

Enoki war gerade dabei, sich die freie Unterseite einer der Tribünen anzusehen, als eine Stimme ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Sie wuselte unter der staubigen Treppe hervor, klopfte sich ihren Cardigan ab und begrüßte dann Hideki und Rin, die mit großen Augen im Eingang zur Manege standen.

„Das is´ keine Bibliothek“, sprach Hideki Enokis erste Gedanken in einem lallenden Ton aus. „Geniale Entdeckung, Hide“, schnauzte Rin ihn an. Enoki bemerkte, wie genervt sie aussah. Entweder waren ihre Kopfschmerzen wieder aufgetreten, oder sie war nur fertig mit einem betrunkenen Hideki. Beide Gründe waren sehr nachvollziehbar.

„Ihm ist schlecht“, erklärte Rin und deutete auf Hideki, der dümmlich nickend Charles zuhörte, der immer noch von „goldenem Glanz“ schwärmte. Enoki zog eine Grimasse. Sie hatten bisher einen Raum entdeckt und das Ganze schlug Hideki schon auf den Magen. Dieses Spiegellabyrinth war der absolute Horror bisher.

Auf einmal bemerkte Enoki, wie Rins Blick an ihr vorbeischweifte. Sie versuchte, die plötzliche Aufmerksamkeit der Gärtnerin nachzuverfolgen und landete auf dem Schatten unter den Tribünen. „Perfekt, um eine Leiche zu verstecken“, murmelte Rin und wandte sich wieder ab.

Enoki nickte wortlos. Ihr gefiel es, wie alle anfingen, die Umgebung nach Versteckmöglichkeiten und Mordwaffen abzusuchen. Jeder war nun fokussierter auf das Killinggame und nicht auf das Entkommen. Vielleicht war es genau das, was sie hier rausbringen würde.

„Haben wir alles gesehen?“, fragte Rin und drehte sich in der Mitte der Manege noch einmal um sich selbst. „Ich bin zwar nicht scharf drauf, nochmal in das Labyrinth zu gehen, aber hier können wir auch nicht bleiben.“

„Zumindest müssen wir nicht mehr so stumpf umherirren“, meinte Charles und stupste Enoki schelmisch an. Die Mykologin stieg darauf ein und grinste breit, als sie auf den Rücken des Models kletterte. „Jep. Wir haben eine super Technik gefunden! Und dabei fungiere ich als menschliches Navi.“

Hideki sah Rin eindringlich an. Dann gestikulierte er mit einem Finger zwischen ihr und ihm hin und her. „Hey … Willst du auch auf meinen Rücken?“ Rin rümpfte die Nase. „Damit ich dann runterfalle, weil du dich zum Kotzen vorneüberbeugst? Nein danke.“

Enoki runzelte die Stirn. Es war nie klar, ob sich die beiden gerade vertrugen oder sich stritten. Es war generell schwer festzustellen, ob sie sich überhaupt mochten oder nicht. Doch die Beziehung der beiden war für sie jetzt nebensächlich. Die Abenteuerlust war in ihr entflammt und verlangte neue Räume, um sich zu beruhigen.

Mit schwierigen Manövrierverfahren schafften sie es zur nächsten Tür, die an der linken Seite des Saales lag. Als Enoki von Charles` Rücken kletterte, sah sie ihn nachdenklich an. „Ich bin dir auch nicht zu schwer?“, wollte sie feststellen, doch das Model winkte ab. „Keine Sorge. Kannst du mir sagen, was der leichteste Pilz ist?“

Verwirrt zog Enoki die Augenbrauen zusammen, doch fand schnell eine Antwort: „Zickenbärtchen, die sind so orange und ausgefranst, sind sehr leicht und klein. Warum?“ Charles grinste sie an und schlang ihr einen Arm um die Schulter. „Genau so leicht bist du für mich. Als Model mache ich viel Fitness, weißt du? Und du bist nun nicht wirklich ein Schwergewicht.“

Enoki erwiderte das Grinsen. Sie wurde zwar oft mit Pilzen assoziiert, aber noch nie verglichen. Es war wirklich schmeichelhaft. „Habt ihrs?“, fragte Rin genervt. Enoki salutierte scherzhaft und trat dann an den Vorhang. Die Aufhängung war dieselbe wie an der Zirkusmanege, nur dass statt zwei Vorhängen einer angebracht wurde. Somit war die Abdeckung der Größe des Portals angepasst.

Diesmal zog Rin den Vorhang energisch zur Seite. Sie hob kurz skeptisch eine Augenbraue, dann betrat sie den Raum. Enoki folgte ihr und zuckte zusammen, als der Fußboden unter ihren Sohlen knarrte. Er bestand aus breiten, abgewetzten Dielen, die sich gefährlich wölbten. Hier fühlte man den ganzen abgewetzten Charme des Gebäudes wieder.

An den abgerundeten Wänden des Raumes entlang standen Schminktische. Die großen, kugelförmigen Glühbirnen, die man aus Hollywood-Filmen kannte, waren an den Rahmen der Spiegel befestigt. In der Mitte des Raumes war ein großer Tisch aufgestellt worden, auf dem alle möglichen Schminkpaletten, Perücken und Accessoires lagen. Aus den schattigen Ecken sahen sie gesichtslose Schaufensterpuppen bedrohlich an.

Von der Decke baumelte eine einzige große Lampe, mit orangenem Glassglocken und schweren Messingverzierungen. Die Beleuchtung, die nur von diesem Kronleuchter und von den Lampen an den Spiegeln kam, sorgte für ein Schattenspiel an den glatten, olivgrün gestrichenen Wänden der … Man könnte es Requisitenkammer nennen.

Auf den zweiten Blick konnte Enoki nämlich auch Ausschnitte von Bühnenbildern, wie Pappbäume und Wolken aus Watte erkennen, die an den Wänden lehnten.

„Der Boden schwankt“, beschwerte sich Hideki und balancierte über die Dielen, um sich auf einen der breiten Lederstühle vor einem der Spiegel fallen zu lassen. „Und es ist zu hell“, fügte er hinzu, als er den Kopf in den Händen vergrub. Charles klopfte ihm mitfühlend auf die Schulter. „Keine Sorge mein Freund, du wirst den Glanz zu schätzen wissen, wenn der dunkle Alkohol aus deiner Blutbahn ist.“

Wie auch schon im letzten Raum untersuchte Enoki alles ganz genau. Sie beäugte die eingestaubten Behälter von Mascara und Puder. Einiges war hochwertiges Make-Up, anderes waren Paletten, die man in jedem Faschingskatalog finden konnte.

Es gab Perücken in allen Formen und Farben. Schwarz, rot, blau und in allen anderen erdenklichen Tönen. Aber ein Regal, auf dem mehrere auf Schaufensterpuppenköpfen hingen, jagte einen Schauer über Enokis Rücken. „Das ist verdammt nochmal gruselig!“, rief Rin, die die Übereinstimmung ebenfalls festgestellt hatte.

Enoki schüttelte den Kopf. Rin hatte zwar recht: Die Kopien der Frisuren der zwölf verbliebenen Teilnehmer waren in diesem Kontext absolut abartig. Aber sie konnten sich auch als nützlich erweisen, wenn man eine Tarnung bräuchte. Wie immer dachten alle nur daran, wie schrecklich etwas war und nicht an den Nutzen dahinter.

„Aber sie haben meine Haare falsch hinbekommen“, sagte Rin, nachdem sie sich vom ersten Schreck erholt hatte. Jetzt umspielte sogar ein leichtes Lächeln ihre Mundwinkel. „Die Idioten haben nicht geschnallt, dass meine Haare links länger sind als rechts und nicht andersrum.“ Enoki kicherte leise. Da hatte wohl jemand schlampige Arbeit geleistet.

Je länger Enoki die Perücken musterte, desto mehr Makel vielen ihr auf. „Mingyus Haare sind eher pink als lila, findest du nicht“, bemerkte sie und auch Rin musste nun leise lachen.

„Ja, und Mayakos sieht eher aus wie ein ungepflegtes Vogelnest.“

Beide lachten, was ihnen seltsame Blicke von Hideki einfing. „Sind die beiden jetzt auch besoffen?“, fragte er und sah zu Charles hoch. Dieser schüttelte seufzend den Kopf. „Nein, mein Freund. Sie geben nur ihrer schimmernden Lebensfreude ein Ventil.“

Ein weiteres Knarren der Dielen riss Enoki und Rin aus der Diskussion, ob nun Jasons Haare oder die Imitation von Jasons Haaren schlimmer aussah. Enoki blickte über ihre Schulter und lächelte, als sie Christin und Marjorie erblickte, die unsicher in den Raum traten.

„Oh Mann, ich dachte, ich verliere den Verstand darin!“, stöhnte Marjorie und setzte sich auf die Ecke des großen Tisches. Neugierig sah er sich um. Christin begann ebenfalls aufgeregt umherzustrolchen. Es wärmte Enokis Herz, sie wieder so aufgeweckt zu sehen. Neue Räumlichkeiten brachten auch frischen Wind in die Gemüter.

„Wollen wir uns weiter umsehen?“, erkundigte sich Charles. Mit einem schelmischen Seitenblick auf Christin und Marjorie fügte er hinzu: „Wir sollten ihnen etwas Privatsphäre geben.“ Sofort schoss beiden das Blut in den Kopf. Enoki grinste breit und zog einen ächzenden Hideki aus seinem Sessel.

„Nicht wieder ins böse Labyrinth!“, beschwerte er sich, doch Enoki ignorierte ihn.

„Du solltest dich von deiner Übelkeit ablenken und das klappt am besten mit neuem Terrain“, erinnerte sie ihn. Ein Stöhnen war ihre Antwort.

Auf einmal bemerkte sie, dass Rin gar nicht mehr bei ihnen war. „Kommst du nicht mit?“, fragte Enoki etwas traurig. Die Gärtnerin schüttelte den Kopf. „Nein, ich gehe später mit. Ich brauche mal ne Auszeit von unserem Trunkenbold.“

Enoki zuckte mit den Schultern, als sie der Gärtnerin nachblicke. Sie konnten nicht auf alle Rücksicht nehmen. Es gab noch immer zu viel zu entdecken.





>>>POV Rin Yoshika

„Ich habe das komplette Labyrinth abgelaufen, die Gänge in meinem Kopf abgespeichert und eine grobe Karte erstellt.“

„Was?“, sagten Rin, Christin und Marjorie wie aus einem Mund.

„Ich habe das komple- …“

„Wir haben dich schon verstanden“, unterbrach Rin. „Es ist nur etwas … extrem? Immerhin irren wir hier schon seit gefühlt einer Stunde herum.“ Jason neigte kurz den Kopf zur Seite. „Keine Stunde, nur 48 Minuten und 12 Sekunden. Jetzt 13. 14.“ Rin verdrehte die Augen und entriss ihm Inaris Notizblock, den er stolz hochgehalten hatte.

Fokussiert verfolgte sie die Linien, die schnell mit einem Bleistift gezeichnet waren. Inari hatte jetzt diesen Stift in der Hand und malte einen kleinen Punkt dorthin, wo sie sich gerade befanden. Marjorie lachte ungläubig. „Und das hast du einfach so erfasst?“ Stolz nickte Jason. „Es war keine große Schwierigkeit. Um genau zu sein, ist dieses Labyrinth sogar recht simpel.“

Erneut musste Rin mit den Augen drehen. „Du bist ein verdammter Angeber, Snake.“ Das Universalgenie setzte sein strahlendes Lächeln auf. „Auf frischer Tat ertappt, liebe Rin.“ Der Gärtnerin wurde schlecht bei so viel Selbstbewusstsein.

„Sollen wir euch rumführen?“, fragte Rococo fröhlich und riss Rin somit aus ihrem Ekel gegenüber Jason. „Das wäre echt toll!“, stimmte Christin zu und Marjorie nickte heftig. Rin murmelte „Von mir aus“. Sie war nicht besonders erpicht darauf, mit dem Optimisten-Duo durch die neue Etage zu ziehen, doch die neuen Räume wollte sie auch sehen.

„Ich verabschiede mich hier von euch“, sagte Jason und verbeugte sich spielerisch. „Ich habe die neuen Räumlichkeiten schon begutachtet und möchte meinen Verstand nicht mit Wiederholungen quälen.“ War es möglich, bleibende Schäden vom Augendrehen zu bekommen? Rin würde es wohl bald herausfinden.

Jason zischte ab und ließ die drei mit Inari und Rococo zurück. Als Rin mit Marjorie und Christin durchs Labyrinth gezottelt war, stieß Jason mit den beiden Mädchen auf sie. Sie waren anscheinend die Letzten gewesen, die noch im Labyrinth umherirrten. Natürlich hatte das Genie sich sofort als Retter in der Not dargestellt und ihnen die tolle Karte des Labyrinths gegeben. Dafür war Rin sogar dankbar, aber Jasons Angeberei hätte sie sich ersparen können.

Zumindest waren Inaris peinlich berührter Ausdruck und Rococos angedeutetes Würgen im Hintergrund Comedy-Gold gewesen.

„Was habt ihr denn noch für Räume gefunden?“, erkundigte sich Christin aufgeregt. Die Leichtathletin blühte immer mehr auf, sehr zu Rins Leidwesen. Rococo lächelte verschmitzt: „Lasst euch doch überraschen.“

In weniger als fünf Minuten waren sie vor einem Eingang angekommen. „Der hier liegt gegenüber von der Requisitenkammer“, erklärte Rococo. Inari deutete mit dem Finger auf den Weg, den sie gegangen waren.

Dann wandte sie sich zu dem Vorhang und schlüpfte hindurch. Der Rest folgte ihr und Rin sog scharf die Luft ein. Dunkelrotes Licht flutete ihr Sichtfeld, als sie sich in dem Fotolabor wiederfand. Leinen spannten sich über ihren Köpfen und mehrere Wannen waren auf den geschwungenen Metalltischen abgestellt.

Der Boden bestand aus schwarzen Fliesen und Rin wollte bei dem Gedanken schmunzeln, wie Daisys Schuhe dieses typische Geräusch machen würden, als ihr einfiel, dass Daisy mit pulverisierten Knochen hinter einer Wand verschwunden war. Sie schauderte und verdrängte die Gedanken. Was passiert war, war passiert. Bald würde es einen neuen Mord geben, auf den sie sich konzentrieren müssten.

Neben dem Eingang standen zwei unverschlossene Metallschränke. In einem lagerten Filme und Fotopapier, in dem anderen verschiedene Kameras. Rin sah über die Schulter zu den anderen. Sie alle bewunderten bereits entwickelte Fotos, die an der gegenüberliegenden Wand hingen. Niemand schenkte ihr Beachtung.

So schnell und unauffällig wie möglich ließ sie einen kleinen Fotoapparat in ihrer Westentasche verschwinden. Als sie sich wieder umdrehte, durchschoss sie der heilige Schreck, weil sie Inaris Blick auf sich spürte. In dem roten Licht wirkten ihre tiefblauen Augen beinahe schwarz. Gerade, als sich Rin auf eine peinliche Rechtfertigung einstellte, zog Inari ebenfalls eine Kamera aus den Falten ihres Kimonos. Ein schwer deutbares Lächeln spielte um ihre Mundwinkel.

Sich immer noch unwohl fühlend schlich Rin zu den anderen an die aufgehängten Fotos heran. „Was ist das?“, verlangte sie zu wissen. Marjorie zuckte mit den Schultern. „Ich hab keine Ahnung. Es sind einfach nur zufällige Gebäude.“

Nein, dachte Rin, die sind nicht zufällig. Sie beugte sich über Rococos Schulter und deutete auf eine unauffällige Hütte in einem Kleingartenverein. „Das ist meine Sparte“, sagte sie und verfluchte das Zittern in ihrer Stimme. Alle sahen sie alarmiert an. Dann mischte sich auf einmal Erkenntnis in Marjories Augen. Er zeigte auf ein Abbild eines Motels an irgendeiner einsamen Autobahn. „Nach den ganzen Jahren verschwimmen die Raststätten miteinander, aber ich glaube, ich war dort schon einmal.“

Rin schluckte das Unbehagen hinunter. Ihr Blick wanderte über die verschiedenen Aufnahmen: Eine riesige Bücherwand, eine Tür in einer Mauer, die zu einem Wohnhaus zu führen schien, Tische, auf denen anscheinend Pilze wuchsen. „Das ist so creepy“, murmelte Christin. Rococo rieb sich über die Oberarme. „Da waren Stalker am Werk. Sie haben uns ausspioniert und uns dann hierhin gebracht.“

So seltsam und beängstigend es auch war, Rin sah keinen Sinn darin, weiter in diesem düsteren roten Licht zu verharren. „Wollen wir weitergehen?“, drängte sie und machte eine scheuchende Handbewegung. Inari nickte zustimmend und sah sie aus ihren großen, mandelförmigen Augen an. Rin fühlte sich immer unwohl, wenn die Schäferin sie so musterte. Sie konnte die Schwarzhaarige einfach zu schlecht lesen.

Wieder erreichten sie überraschend schnell den nächsten Raum. Rin stöhnte innerlich, wie lange sie gebraucht hatten, um nur zwei Räumlichkeiten zu finden. Sie hielt sich selbst nicht für überdurchnittlich intelligent oder hochbegabt, aber es gab ihrem Ego doch einen tüchtigen Dämpfer.

„Wir sind jetzt immer noch auf der Seite vom Fotolabor“, erklärte ihr Spiegellabyrinth-Guide Rococo. Sie schritt zu dem schwarzen Vorhang und riss ihn auf. „Et voilà!“

Während Rin bei der Zirkusarena überrascht, bei der Requisitenkammer positiv angetan und beim Fotolabor unbehaglich war, fühlte sie nun eine schwer fassbare Emotion. Am besten konnte man ihre Gemütslage mit „What the fuck?!“ beschreiben. Mit Fragezeichen und Ausrufezeichen.

Denn vor ihr war eine kleine Freifläche von Sägespänen, festgetretener Erde und Heu bedeckt und um sie herum waren fünf verschiedene Ställe gebaut. „Okay, ich verstehe, dass die ganze Etage unter dem Thema Zirkus steht, aber das hier ist abartig!“, stellte sie schließlich fest.

In jedem der fünf Käfige stand ein anderes abstraktes Wesen aus Draht und Holzteilen. Sie alle zeichneten riesige, gruselige Glasaugen aus. Von links nach rechts konnte Rin ein Pferd mit übergeworfenen Lederlappen, ein Zebra mit gestreiften Stofffetzen, eine Giraffe, die über den Käfigrand schielte, einen Elefanten mit halb abgebrochenem Rüssel und einen Affen mit Metallbanane in der Hand erkennen.

Sehr makaber.

Vor allem die herausstechenden, glubschigen Augen machten ihr Angst. „Was ist der Sinn hier hinter?“, wollte Marjorie wissen und trat näher an den Elefanten heran, um den baumelnden Rüssel anzustupsen. „Wollten die hier nur Kunsthandwerk präsentieren oder …?“ Hilfesuchend sah er zu Christin und Rococo, die beide mit den Schultern zuckten.

Inari starrte beinahe bewundernd an den Skulpturen hoch. Rin wurde mit einem Stich im Herzen bewusst, dass es das erste Mal war, dass Inari solche Tiere sah. Aus den kurzen Gesprächen, die sie mit der Schäferin geführt hatte, war ihr klargeworden, dass sie anscheinend noch nie ihren Heimattempel und dessen Gelände verlassen hatte. Direkt aus einem behüteten Leben in ein Killinggame. Obwohl Rin nicht gerne Hoffnung auf nutzlose Träume verschwendete, wünschte sie sich doch, dass Inari mehr von der Welt sehen würde.

„Gibt es hier überhaupt noch mehr zu sehen als diese … Dinger?“, fragte Rin und deutete mit einer Grimasse auf den traurig anmutenden Affen in seiner Ecke. Rococo schüttelte den Kopf. „Nope. Dieser ganze Raum besteht nur daraus.“ Rin zuckte mit den Schultern. „Zumindest ist es keine Folterkammer.“

Rococo sah sie überrascht an. „Was?“, wollte Rin genervt wissen. „Soll ich darüber etwa keine Witze machen?“

„Nein, nein! Es ist nur … Du klangst gerade fast positiv.“

Zum tausendsten Mal an diesem Tag verdrehte Rin die Augen. „Okay, wenn du es so willst: Man könnte den Rüssel des Elefanten auch abbrechen und jemanden damit erschlagen.“ Rococo lachte leise. „Oh Mann, ich hätte einfach den Mund halten sollen.“ Rin nickte übertrieben zustimmend.

„Wollen wir zu dem letzten Raum?“, erkundigte sich die Autorin fröhlich.

„Kommt drauf an“, antwortete Marjorie. „Wenn da wieder komische Tier-Dinger rumstehen, dann kann ich darauf verzichten.“

Ein verschmitztes Lächeln legte sich auf Rococos Gesicht. „Ich kann euch versprechen, dass es wirklich viel besser ist. Es wird dir gefallen, Christin.“ Die Leichtathletin legte sich überrascht eine Hand auf die Brust, lächelte aber: „Da bin ich aber jetzt gespannt.“

Rococo grinste ebenfalls und begann, sie wieder durchs Labyrinth zu führen. Rin ging hinter Inari und kam nicht drumherum, über den kleinen Austausch im Fotolabor nachzudenken. Würde Inari diese Information gegen sie verwenden? Sie schien zwar nicht der Typ dafür, aber man wusste ja nie. Auf jeden Fall musste sie vorsichtig sein, wenn es um die Schäferin ging.

„Dieser Raum liegt jetzt gegenüber von dem … Stall?“, mutmaßte Marjorie. Rococo nickte zustimmend. „Ich denke, wenn wir das Labyrinth jetzt häufiger ablaufen, dann werden wir uns die Wege auch einprägen“, sagte Christin und strich mit den Fingern an den Spiegelscheiben entlang.

„Wir könnten aber auch Inari oder Jason darum bitten, mehrere Labyrinthkarten anzufertigen“, schlug Rin vor. „Wenn sie das tun wollen“, meinte Christin, „dann ist das eine super Idee!“

„Findest du nicht alles super?“

Ein scharfer Blick aus violetten Augen war ihre Antwort. Rin war wenig eingeschüchtert und hob nur eine skeptische Augenbraue.

„Und der letzte Raum!“, verkündete Rococo und schwang den Vorhang auf. Diesmal war Rin erneut positiv überrascht. Wie im Tearoom in der ersten Etage war der Großteil des Raumes von kleinen Tischen und Sitzmöglichkeiten beansprucht. Im hinteren Teil, wo im Teezimmer normalerweise der Tresen mit dem Wasserkocher stand, war hier eine gewölbte Vitrine aufgestellt worden.

„Oh ja, DAS gefällt wir“, rief Christin und eilte dorthin. Bei näheren Hinsehen erkannte Rin, dass es sich um keine Vitrine, sondern um einen Frischetresen handelte. Auf drei Ablagen standen kleine Backwaren, von Croissants über Liebesknochen bis zum einfachen Streuseldonut. „Ist das echt?“, fragte Rin und trat auf dem hellbrauen, weichen Teppichboden näher.

Während der Tearoom von Pastellfarben dominiert war, war hier alles in Erdtönen gehalten. Die Sitzmöglichkeiten erinnerten an Milchkaffee und eierschalenfarbene Creme. An den Wänden, wo unten Glasregale mit Teekannen und -tassen hingen, fand man hier an der hellbraun karierten Tapete verschiedene gerahmte Bilder von Kaffeebohnen und gut angerichteten Heißgetränken. Auch das Licht war anders als unten. Hier wirkte es wärmer, was vielleicht auch am Farbschema lag.

Christin machte sich sofort über ein Erdbeertartlette her, während Marjorie sich für einen Schokodonut entschied. Rin zog eine Augenbraue hoch. Rococo bemerkte ihren Unmut und stellte sich zu ihr. „Denkst du, dass das vergiftet ist?“ Mit einer Schulter zuckend antwortete Rin: „Möglich wäre es. Aber ich neige dazu, alles negativ zu sehen, wie ihr mich öfters drauf hinweist.“

Der letzte Teil triefte nur so vor bitterem Sarkasmus und Rin wusste, dass sie ihre ständig schlechte Laune nicht an Rococo auslassen sollte, die von ihnen allen hier am wenigsten falsch zu machen schien, aber es tat gut, etwas Dampf abzulassen. Ihre Genugtuung verflog, als Rococo zusammenzuckte.

Ein Zupfen am Ärmel ihres hellgrauen Shirts lenkte Rins Aufmerksamkeit auf Inari. Sie reichte ihr ihren Notivblock und Rin las sich schnell die Zeilen durch:

Nichts ist vergiftet. Mayako und Hideki haben sich auch schon den Wanst vollgeschlagen. Und sie sind noch munter und froh.

Rin lächelte Inari gezwungen an und reichte ihr den Block zurück. Sie war zwar beruhigt, dass das Essen unschädlich zu sein schien, aber eine andere Tatsache wurmte sie: Sie hatte sich mit Rococo unterhalten und Inari vollkommen ausgeblendet. Doch die Schäferin hatte ihre Konversation mitbekommen.

Dadurch, dass Inari so still war, vergaß man sie manchmal. Man blendete sie aus, weil sie selten einen aktiven Teil in der Unterhaltung spielte. Meistens stand sie im Hintergrund und las von ihren Lippen ab.

So bekam sie viel mit.

Rin musste sich unweigerlich fragen, ob Inari ihr Talent, unbemerkt zu bleiben, bereits erkannt hatte und es nutzen würde. Die Schäferin könnte Interaktionen beobachten und verstehen, die sie nichts angingen oder die ihr wichtige Informationen beschaffen konnten. Rin wollte Inari keine Superspion-Nummer in die Schuhe schieben, aber eine nagende Unruhe erfasste sie immer, wenn sie die Schäferin sah.

Dies hier war ein Killiggame. Sie musste auf alles vorbereitet sein – vor allem auf das Schlimmste.
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