Geschichte: Fanfiction / Prominente / Musik / Rammstein / Blind

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Blind

GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16
OC (Own Character) Till Lindemann
22.05.2019
04.07.2020
39
154.967
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20.06.2020 3.291
 
Ich ließ Kiew also hinter mir und versuchte dieses hoffnungsvolle und positive Gefühl, was sich in mir ausgebreitet hatte, beizubehalten. Ich durfte nicht wieder feige den Schwanz einziehen, obwohl ich mich fragte, ob Fabienne mich überhaupt noch sehen wollte. Oder eher hören. Nach dem Kiew-Foto von Svetlana, mir und den Kindern würde es mich nicht wundern, wenn Mila in ihrer Wut ihrer Mutter doch davon erzählt hätte und Fabienne im schlimmsten Fall die falschen Schlüsse zog. Verdammt, ich hoffte, dass es nicht wirklich darauf hinauslief.
So oder so, ich würde nicht wissen, ob sich ihr Groll gegen mich gelegt hatte, wenn ich sie nicht fragte. Nur wie und wann, darüber war ich mir noch nicht im Klaren. Hier im Flugzeug war sowieso erstmal nichts zu machen.
So begnügte ich mich mit dem Blick auf die Wolken, schloss sogar die Augen, um die Zeit vielleicht zu verschlafen. Was nicht klappte. Na gut.
Nach zweieinhalb Stunden setzte das Flugzeug endlich auf dem Rollfeld des Flughafens Berlin-Schönefeld auf. Ich ließ mir mit dem Aufstehen Zeit, streckte die Finger und Arme lang und erhob mich dann. So eilig hatte ich es ja nicht, denn nach wie vor fehlte mir der Masterplan, um Fabienne zurückzugewinnen.
In der Ankunftshalle schob ich mich durch die Menschen und sammelte mein Gepäck ein. Draußen war das Wetter und der Himmel grau. Gut, das war in der Ukraine auch so gewesen, nur jetzt fühlte es sich weitaus erdrückender an. Ich schlug den Weg zu den Taxiständen ein.
Zäh wälzte sich der Verkehr anschließend vorwärts. Der Fahrer war zum Glück nicht in Small-Talk-Stimmung und ich lehnte nur den Kopf an die Nackenstütze des Sitzes und starrte nach vorne. Bis wir endlich vor dem richtigen Wohnkomplex hielten.
Rasch bezahlte ich den Fahrer, nahm meine Sachen und ging zur Haustür. Drinnen stieß ich erstmal fast gegen eines der Fahrräder, die einer der Mieter abgeschlossen hier rumstehen hatte, obwohl das nicht erlaubt war. Vielleicht sollte ich später meins auch nochmal aus dem Keller kramen und mich einfach ein wenig durch den abendlichen Berliner Verkehr schlagen, um das Chaos in meinem Kopf zu sortieren.
Auch die Wohnung begrüßte mich natürlich mit einer Stille, als wäre hier die letzten Wochen niemand gewesen, was ja stimmte. Ich rollte den Koffer ins Schlafzimmer, auspacken würde ich später machen und machte mich auf den Weg zurück in den Flur. Nachdem ich aus der Jacke und den Schuhen geschlüpft war ging ich in die Küche, wo ich die Heizung aufdrehte und mich setzte.
Das Handy zeigte mir keine neuen Nachrichten an. Ich öffnete WhatsApp und suchte Svetlanas Kontakt. „Bin gelandet und weit davon entfernt die Welt zu retten oder einen Masterplan auszutüfteln für Fabienne. Drück‘ die Kinder feste von mir.“, schrieb ich und fühlte mich seltsam niedergeschlagen.
Die Antwort kam ungefähr sieben Minuten später. Ein Boomerang-Video, wie man es in Instagram erstellen konnte, worin Eva und Tilda mir Luftküsse zuwarfen. Meine Mundwinkel hoben sich und ich fühlte eine gewisse Sehnsucht nach dem Frieden und der Entspanntheit, die ich in der Ukraine gehabt hatte. Das Handy vibrierte erneut. „Wir drücken dir alle die Daumen, dass dir doch noch ein Masterplan einfällt“, hatte Svetlana geschrieben. So wie es aussah wollte sie auch nicht, dass ich den Kopf in den Sand steckte. Oder gar wieder zurückkam, obwohl das Tilda und Eva sicher gefreut hätte. Das wäre das falscheste und verkehrteste, was ich tun konnte. Ich musste hier vorwärtskommen.
Das Handy wurde also wieder in den Stand-By-Modus versetzt und ich stand auf. Ging ins Schlafzimmer, öffnete den Koffer und fing an die Kleidung zu sortieren. Beim Ausräumen stieß ich auch unweigerlich auf die kleine verpackte Schachtel, die das Geschenk für Fabienne enthielt. Kurz betrachtete ich den Karton, spürte ein Ziehen in der Brust und schob ihn dann auf das oberste Regalbrett im Kleiderschrank, in die hinterste Ecke. Es Fabienne einfach so zu geben, ohne Worte, würde sich zu plump anfühlen. Ich brauchte einen richtigen Moment dafür.
Danach verfrachtete ich die Schmutzwäsche in die Waschmaschine und nahm mir die Küche vor. Der Kühlschrank war leer, natürlich. Immerhin war ich seit fast zwei Monaten nicht hier gewesen. Irgendwie empfand ich es gerade als erleichternd die Wohnung noch einmal verlassen zu müssen.
Ich kritzelte also rasch die benötigten Dinge auf einen Zettel und zog mir im Flur wieder Schuhe und Jacke an, bevor ich nach dem Rucksack griff. Ich hatte nicht vor mit dem Auto zu fahren. Es war abends und die Leute auf dem Weg nachhause. Da käme ich mit dem Fahrrad wesentlich schneller durch.
Also rasch die Wohnungstür hinter mir zugezogen, abgeschlossen und ich stieg die Stufen in den Keller hinab, um das Fahrrad zu holen. Draußen schwang ich mich auf den Sattel und fuhr los.
Die kalte Luft im Gesicht und der Wind, der mir durch die Haare fuhr taten augenblicklich gut. Ich ließ den Blick kurz schweifen, über all das Bekannte, was ich in „meinem“ Viertel hier sah und der letzte Rest der Gedanken umzudrehen und zurück in die Ukraine zu fliegen, fiel von mir ab. Die Ukraine war entspannend gewesen und womöglich richtig zum Krafttanken. Aber nichts ging eben über Berlin und den Prenzlauer Berg mit all meinen Lieblingsplätzen. Vielleicht könnten mich Svetlana und die Kinder einmal hier besuchen. Vorausgesetzt, die Sache mit Fabienne klärte sich. Und wieder zog sich mein Herz förmlich zusammen und rasch schüttelte ich den Kopf, um die Gedanken zu verscheuchen. Ich würde einkaufen gehen. Dann darüber nachdenken was mit mir und Fabienne war.
Etwas weiter vorne tauchte schon das rote Logo von Rewe auf. Ich fuhr auf den Parkplatz und schloss das Fahrrad ab.
An einem Mittwochabend war es in Supermärkten nicht so wie an Freitagabenden, wo die ganzen Halbstarken sich mit Alkohol versorgten, um wahrscheinlich für Partys vorzutrinken wo sie aufgrund ihrer nicht vorhandenen Volljährigkeit unmöglich hindurften. Vor mir schob gerade eine Frau einen Kinderwagen mit herumplärrenden Zwillingen durch den Gang. Ich drückte mich rasch an dem Gespann vorbei.
Beim Gemüse schnappte ich mir eine Tüte Äpfel, der Gesundheit willen und fing automatisch wieder an, an Fabienne zu denken. Nicht wegen den Äpfeln, aber, weil mich das Einkaufen an sie erinnerte, immerhin waren wir mehr als einmal miteinander losgezogen. Allein dadurch hatte ich viel im Umgang mit Blinden gelernt und es war immer interessant und lehrreich gewesen mit Fabienne einzukaufen.
Aber jetzt durfte es nicht um Fabienne gehen. Ich wollte einkaufen. Nur einkaufen. Eins nach dem anderen.
Die Äpfel packte ich also in den Wagen, dann schob ich ihn weiter zu den Backwaren, wo ich eine Tüte Aufbackbrötchen einsammelte, sowie ein halbes Brot. Um diese Uhrzeit hatte kein Bäcker mehr offen, es musste also so gehen.
Anschließend drängte sich die Frage auf, ob ich mir zum Abendessen noch etwas kochen sollte. Hackfleisch würde es werden. Mit Reis und sicher hatte ich in der Speisekammer noch ein paar Packungen passierte Tomaten.
Ein Abstecher, um den Reis einzusammeln und ich rollte weiter zum Öl. Konnte nicht schaden eine weitere Flasche davon zu kaufen, bei den vorhandenen Vorräten war ich mir nämlich nicht sicher, ob da wirklich noch eine ausreichend gefüllte Flasche Speiseöl auf mich wartete.
„Ach, das ist ja eine Überraschung. Hallo Till.“, erklang da eine Frauenstimme neben mir.
Erst nach ein paar Sekunden machte es Klick. Marina.
„Hi“ Ich nickte ihr kurz zu, „Was machst du denn hier?“ Blöde Frage. Aber ich hatte absolut nicht damit gerechnet hier noch jemanden zu treffen, den ich kannte. Nicht auf einem Mittwochabend um halb acht.
„Ich wollte Sesamöl kaufen. Bin durch zwei Läden gerannt und nirgendwo hatten sie es.“ Sie hielt die Flasche in ihrer Hand hoch. Da war sie wohl erfolgreich gewesen.
„Ah…Tja. Rewe hat eben das meiste.“ Ich hob die Schultern.
„Und du warst weg, Till?“, fragte sie da.
Moment, woher wusste sie das? Fabienne hatte nicht gewusst, dass ich in der Ukraine gewesen war, es sei denn Mila war in einer Welle der Wut förmlich explodiert und hatte ihrer Mutter doch von dem Foto erzählt.
„Woher weißt du, dass ich weg war? Aber ja…Ich war in Sankt Petersburg. Und anschließend in Kiew.“
Marina lachte amüsiert. „Woher ich das weiß?“, wiederholte sie, „Nun, Fabienne hatte auf einmal so furchtbar viel Zeit. Zeit, die sie ansonsten mit dir verbracht hätte nehme ich an. Ich meine mich zu erinnern, dass sie auch Kiew erwähnte, aber ich bin mir nicht sicher. War es denn wenigstens schön da drüben oder musstest du doch nur arbeiten?“
„Teils, teils“ Wieder zuckte ich die Schultern. Die eine Frage brannte mir auf einmal doch dringender auf der Seele als alles andere. „Und wie geht es Fabienne, Marina? Wir haben uns nur…in den letzten Wochen wenig gesprochen.“ Eher gar nicht. Wusste Marina von meinem und Fabiennes Streit?
„Gut. Es geht ihr gut. Wir hatten endlich mal wieder Zeit für Mädelsgespräche und ausschweifende Kaffeeklatschrunden.“ Sie klang zufrieden, „Nur dich hat sie nicht erwähnt oder nur sehr wenig. Lässt da die erste Verliebtheit etwa schon nach?“ Ein Lachen folgte, das eher amüsiert klang.
Ich schüttelte den Kopf. Schluckte leicht und irgendwie fiel mir es schwer weiterzureden. „Ich und Fabienne haben uns gestritten“, sagte ich dann doch, „Als sie mich in Sankt Petersburg besucht hat.“ Ich erzählte ihr das Nötigste. Wie wir uns in der Gazprom-Arena verloren hatten. Dass sie sich wegen meinen russischen Freunden ausgeschlossen gefühlt hatte. Und dass ich in Kiew bei einer Freundin gewesen war, ohne Svetlanas Namen zu nennen.
Marina hörte schweigend zu. Während ich erzählte verzog sich ihr Gesicht immer mehr, bis sie wahrlich bekümmert guckte. Ich fragte mich, warum Fabienne ihr nichts von unserem Streit erzählt hatte. Sie und Marina waren doch befreundet. Erzählte man da sowas nicht, anstelle es mit sich selber auszumachen?
„Sie hat’s dir nicht erzählt, was?“, schob ich nach, als ich geendet hatte, „Fabienne hat dir nicht erzählt, dass wir uns gestritten haben?“
„Nein. Nein, Till. Das hat sie nicht.“ Marina seufzte und schaute eine Weile auf ihre Schuhe, bevor sie mich wieder ansah, „Das tut mir leid. Jetzt ergibt das auch Sinn, dass sie dich nicht erwähnt hat. Ich frage mich nur gerade warum ich nichts bemerkt habe…“
„Es ist ja nicht deine schuld, Gott bewahre“ Ich hob die Hände, „Vielleicht wollte Fabienne die Sache einfach nur…vergessen?“ Warum machte mir der Gedanke Angst? Dachte ich, sie würde mich vergessen wollen?
Marina mir gegenüber setzte wieder zum Sprechen an. „Soll ich mit ihr reden, Till? Keine Sorge, ich falle nicht sofort mit der Tür ins Haus…So ganz behutsam nur. Würde das helfen, was meinst du?“
„Ich bin mir nicht sicher“ War ich wirklich nicht. Denn entweder machte Fabienne komplett dicht oder sie servierte mich ganz ab. Dann könnte ich in die Ukraine zurück und weiter für Tilda und Eva den Ersatzdaddy spielen. Was nicht meiner ersten Wahl entsprach, verdammt.
„Ich muss jetzt auch los“ Hastig wandte ich mich um. „Danke, Marina“, schob ich dann doch nach, „Es war nett mit dir zu reden…Vielleicht kannst du Fabienne ja doch grüßen, wenn du sie siehst?“ Ich hob die Hand zum Abschied und schob den Wagen weiter den Gang hinunter. In mir versuchte ich den entstandenen Schmerz zu ignorieren. Ich brauchte endlich einen Plan.

Zuhause schnippelte ich eine Zwiebel klein. Holte die passierten Tomaten aus dem Vorratsschrank und setzte den Reis auf. Dann briet ich das Hackfleisch an und nach und nach entstand also mein Abendessen. Nur der schier unglaubliche Masterplan fehlte. Den hätte ich jetzt am meisten gebraucht.
Ich war sogar fast soweit Svetlana zu nerven und anzurufen, nur so, ob es den Kindern gutging. Da die Idee mich aber nicht weiterbringen würde, verwarf ich sie wieder. Und fing stattdessen an zu essen.

Selbst eine Nacht voller Schlaf brachte keine tieferen Erkenntnisse. Wahrscheinlich wäre es das Beste gewesen einfach bei Fabienne vorbeizuschauen. Mit ihr zu reden und alles vernünftig zu erklären. Gleichzeitig war ich mir dabei so unsicher. So wie ich die Lage einschätzte, war sie sowieso bei der Arbeit. Sollte ich dort anrufen und versuchen mit Glück genau ihre Telefondurchwahl zu erwischen?
Ein frustriertes Aufstöhnen verließ meinen Mund. Ich benahm mich hier schätzungsweise wie ein Weichei. Rasch räumte ich die Sachen vom Frühstück in die Spülmaschine und ging ins Bad. Ich musste hier raus.
Das anschließende Laufen half nur bedingt. Dafür hatte ich es geschafft mein Sportprogramm, was ich in Kiew angefangen hatte, auch weiterhin durchzuziehen. Mein Trainer Patrick wäre stolz auf mich.
Zurück in der Wohnung nahm ich dann doch wieder das Handy aus der Hosentasche. Zwar wollte ich nun keine bestimmte Frau in der Ukraine nerven, dafür aber Richard hier in Deutschland. Vorausgesetzt, er war da.
„Till. Schön nach so langer Funkstille mal wieder was von dir zu hören.“ Er klang recht heiter, „Was hast du so getrieben die letzte Zeit? Wir haben uns ja gar nicht gesprochen.“ Er lachte. Dabei kam es häufiger vor, dass man in einer Tourpause wenig bis gar nichts voneinander hörte und das über Wochen.
Eine ausreichende Erklärung wollte und konnte ich ihm allerdings hier nicht liefern. „Kommst du vorbei? Nur so. Zum…Quatschen.“
Auf der anderen Seite blieb es eine Weile still. „Zum Quatschen, soso. Ist es was Ernstes?“ Sicher. Richard war nicht dumm. Wenn ich mich so ausdrückte steckte mehr dahinter als nur ein gemütliches Beisammensitzen und das ein oder andere Bier.
„Erklär‘ ich dir dann, okay?“, meinte ich hinterher.
„Na gut“ Er hielt nochmal inne, „Was dagegen, wenn ich Maxime mitbringe? Wir sind nur gerade unterwegs, ein Geschenk für einen Kindergeburtstag aussuchen und praktisch fast in der Nähe.“ Von mir aus. Richard versprach mir, auf jeden Fall hinne zu machen.
Nachdem ich das Telefon beiseitegelegt hatte, schnappte ich mir den Wohnungsschlüssel und machte mich auf den Weg zu den Briefkästen. Den hatte ich nämlich noch nicht geleert und wer wusste schon wie viel sich angesammelt hatte.
Während ich die Treppen nach unten stieg, fing ich an, mich zu fragen, ob Richard in Sachen Fabienne wirklich die richtige Wahl war. Das Verhältnis der Beiden war immer zwischen gut und weniger gut geschwankt und er war stets skeptisch gewesen was mich und Fabienne betraf. Trotzdem hoffte ich er würde mich verstehen.
Der Briefkasten war voll, natürlich hatte sich einiges angestaut. Ich ließ den Wust an Briefen in meine Hand fallen und machte mich dann wieder auf den Weg nach oben.
Gerade als ich die Wohnungstür hinter mir zugemacht und den Briefstapel auf den Couchtisch geworfen hatte, klingelte es.
„Hi, Till“ Maxime hüpfte gut gelaunt die Treppe hinauf, „Bin ich hier richtig beim Forschungsinstitut für Fischstäbchen?“ Sie kicherte über ihren Witz. Ich auch. „Aber sicher doch“ Ich richtete meinen Blick weiter die Treppe hinunter, wo Richard Maxime hinterherkam, nicht ganz so beschwingt wie seine Tochter.
„Seitdem er nicht mehr auf Tour ist macht Papa gar keinen Sport mehr und treibt nur faul im Pool rum“, flüsterte Maxime mir zu und kicherte wieder.
„Sehr witzig, Maxi“ Richard war oben bei uns angekommen und klopfte mir kurz zur Begrüßung auf die Schulter, „Wer will nach dem Mittagessen immer ein Eis und das jeden Tag? Du oder ich?“ Neckend wuschelte er seiner Tochter durch die Haare, worauf sie empört den Kopf wegzog.
Während die beiden sich aus den Jacken und Schuhen schälten machte ich einen Kaffee und für Maxime ein Glas Mango-Orangensaft mit buntem Strohhalm. Vielleicht brachte das ein paar Sommergefühle zurück, denn heute war es doch recht grau und kalt draußen.
Wir setzten uns ins Wohnzimmer und während Maxime es sich in meinem Schaukelstuhl bequem gemacht hatte und mit dem Strohhalm in ihrem Saft blubberte, sah Richard mich an. „Okay, wie war das mit dem Quatschen?“, fragte er, „Du klangst nicht so, als wäre es etwas Belangloses. Oder täusche ich mich?“
„Nein“ Ich schüttelte den Kopf. „Es geht um Fabienne.“
„Lass mich raten: Stress? Sie hat Schluss gemacht?“ Würde er gleich mit „Ich hab’s dir ja gesagt“ ankommen?
„Sozusagen. Wobei ich nicht hoffe, dass sie wirklich Schluss gemacht hat.“ Die Funkstille, ihre Worte, die sie mir entgegengeschmissen hatte…War das womöglich ein Signal gewesen, dass sie sich endgültig trennen wollte?
Ich fing an, genauso, als ich mit Marina über die Sache gesprochen hatte. Auch Richards Miene verzog sich dabei leicht und er rieb sich ein paar Mal das Kinn.
„Und dann hat Mila angerufen und irgendetwas erzählt von der Geburt von Tilda und dass Fabienne wüsste, dass ich dabei gewesen wäre“ Inzwischen war ich mit der Erzählung bei dem Moment in Kiew angelangt, wo Mila dieses hübsche Bild gefunden hatte.
Hier unterbrach Richard mich plötzlich. „Vielleicht ist das auch ein Stück weit meine Schuld.“
„Hä?“ Warum das denn? Ich wollte fragen, aber er setzte schon wieder zum Sprechen an.
Er stützte die Hände auf die Knie und stieß die Luft aus. „Das mit Tilda und ihrer Geburt hat Fabienne von mir. Ich habe es nicht böse oder hinterfotzig gemeint. Es war nur…eine freundliche Vorwarnung? Kann man das so sagen? Ich wollte eigentlich genau das Gegenteil erreichen von dem was passiert ist. Dass Fabienne die Geschichte nicht in einem ungünstigeren Moment erfährt und ihr euch deswegen in die Haare kriegt.“
„Danke für deine Mühen, aber geklappt hat das ja leider nicht“ Gott. Säße Maxime nicht neben uns, ich hätte Richard geradewegs erwürgt, den Sack. Obwohl die Eifersucht auf Svetlana nicht das Hauptproblem damals in Sankt Petersburg gewesen war, vielleicht wäre die Sache glimpflicher ausgegangen, hätte Fabienne nichts von meiner und Svetlanas Geschichte bei Tildas Geburt gewusst.
„Es tut mir leid, Till“ Richard hob entschuldigend die Hände, „Aber ich hatte auch nicht den Eindruck als würde diese Sache Fabienne viel ausmachen. Sie meinte es wäre ihr egal bei welchen Geburten du dabei warst.“
Ich schnaubte nur. „Hättest trotzdem die Klappe halten können. Idiot!“
„Man flucht nicht, Till!“, kam es mahnend von Maxime, die ich über die letzten Momente völlig vergessen hatte. Ich murmelte eine rasche Entschuldigung und fasste nach dem Poststapel auf dem Tisch, nur, um etwas anderes zu tun zu haben. Bevor ich Richard hier noch mehr anschrie.
Ich blätterte die Briefe durch. Rechnungen. Werbung. Das Übliche. Bis ich auf ein weißes Kuvert stieß, worauf nichts weiter zu sehen war als mein Name. Till, in ungelenker Schrift. Kein Absender, keine Briefmarke. Nichts.
„Was ist das?“ Richard hatte sich zu mir herübergebeugt.
„Fanpost?“ Ich wog den Brief in der Hand, er fühlte sich leicht an. Vorsichtig öffnete ich das Kuvert und zog ein gefaltetes Blatt hervor. Klappte es auf. Es war leer. Nur eine weiße Fläche.
„Zeig her“ Richard machte Anstalten nach dem Papier zu greifen und ich gab es ihm. „Schau her, Till. Ich glaube, ich weiß von wem das ist.“ Er hielt es mir unter die Nase, „Fahr mal mit dem Finger darüber.“
Ich tat was er verlangte und strich über das Papier. Erst, als ich die unebenen Punkte ertastete wurde es mir klar. Fabienne hatte mir einen Brief geschickt. In Braille. Was ich nicht beherrschte.
Ich richtete meinen Blick nochmal auf den gesamten Zettel:

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⠊⠍_⠎⠞⠗⠕⠝⠛_⠑⠝⠕⠥⠛⠓_⠋⠕⠗_⠃⠕⠞⠓_⠕⠋_⠥⠎_⠞⠓⠊⠎_⠊_⠧⠕⠺
⠽⠕⠥_⠁⠗⠑-_⠎⠞⠊⠇⠇_⠙⠁⠝⠉⠊⠝⠛_⠊⠝_⠍⠽_⠓⠑⠁⠙_⠊_⠝⠑⠧⠑⠗_⠍⠑⠁⠝⠞_⠞⠕_⠓⠥⠗⠞_⠽⠕⠥-_⠃⠥⠞_⠊_⠋⠑⠇⠞_⠋⠕⠗_⠽⠕⠥_⠁⠝⠽⠺⠁⠽
⠝⠑⠧⠑⠗_⠎⠁⠽_⠝⠑⠧⠑⠗_⠽⠕⠥_⠉⠁⠝_⠃⠑_⠍⠽_⠎⠁⠧⠊⠝⠛_⠇⠊⠛⠓⠞_⠁⠝⠙_⠑⠧⠑⠗⠽⠞⠓⠊⠝⠛_⠞⠥⠗⠝⠎_⠞⠕_⠛⠕⠇⠙
⠞⠓⠊⠎_⠍⠥⠎⠞_⠃⠑_⠞⠓⠑_⠇⠕⠧⠑_⠞⠓⠑⠽_⠎⠏⠑⠁⠅_⠕⠋

⠊⠝_⠇⠊⠑⠃⠑
⠋⠁⠃⠊⠑⠝⠝⠑

Was?     
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Die _ dienen hier nur als bessere Hilfe, um die einzelnen Wörter auseinanderhalten zu können. Falls wer von euch den Brief übersetzen kann oder mag seid ihr gut, haha. :D Mich hat das "Übersetzen" einige Nerven gekostet. :D

Bis zum nächsten Kapitel, Guys.
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