Geschichte: Fanfiction / Prominente / Musik / Rammstein / Blind

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Blind

GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16
OC (Own Character) Till Lindemann
22.05.2019
04.07.2020
39
154.967
13
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13.06.2020 3.815
 
An einem Donnerstag hatte ich meine Sporteinheit ausnahmsweise in den Abend verlegt. Tilda hatte an diesem Tag Eltern- und Kinderfest in der Kita gehabt und ich als verantwortungsvoller Ersatzvater hatte sie und Svetlana begleiten müssen. Nun, zumindest hatten mich einige Erzieherinnen für den Ersatzvater gehalten.
Jetzt duschte ich mich kurz und zog danach eine Jogginghose und ein T-Shirt über. Die Haare rubbelte ich notdürftig trocken und machte mich dann auf den Weg in die Küche.
Svetlana war einkaufen gewesen, doch als ich das undefinierbare Stück Fleisch auf dem Schneidbrett sah musste ich doch die Stirn runzeln. „Ist das etwa Leber?“
Sie lachte. „Sag bloß, du hast sowas noch nie gegessen.“
„Doch, doch. Ist nur etwas her. Essen die Kinder das denn?“ Das konnte ich mir irgendwie nicht so recht vorstellen.
„Oh, du wärst überrascht was ich meinen Kindern schon alles untergejubelt habe“ Ein Grinsen erschien auf ihren Zügen, „Nein, im Ernst. Die essen das mit einer Selbstverständlichkeit, da würden sich andere Mütter wundern. Ich wollte es mit Kartoffelpüree und Apfelringen machen. Das schmeckt, du wirst sehen.“
„Ich bin für alles offen“ Suchend sah ich mich nach dem Kartoffelschäler um und schnappte mir die erste der braunen Knollen, „Und Leber isst man nicht so oft. Da bin ich gespannt.“ In diesem Moment klingelte mein Handy. Und das hatte es in letzter Zeit selten getan, sodass ich den Klingelton fast nicht erkannt hätte. Ich zog es aus der Tasche. Mila. Moment, Mila?
Sofort bekam ich ein ungutes Gefühl. War womöglich etwas mit Fabienne?
„Hallo Mila“ Ich verließ die Küche und steuerte mein Zimmer an, wo ich mich aufs Bett setzte.
„Hi“ Ein schnaufendes Geräusch, als hole sie schwer Luft, „Na, Till? Geht’s gut?“
Für einen Moment war ich irritiert. Sie klang alles andere als freundlich, eher etwas…auf Krawall gebürstet.
„Danke, kann mich nicht beklagen…“, antwortete ich vorsichtig.
„Ah. Schön.“ Wieder ein Luftholen. „Und deine Loboda? Ist sie glücklich, dass du jetzt in Russland sitzt und den Papa spielst für ihre zuckersüßen Kinder? Scheint wenigstens so.“ Ich zuckte zusammen. Die letzten drei Wochen hatte ich sozusagen in einer Bubbelblase voller Harmonie und Glück verbracht. Jetzt Milas Worte und ihre Stimme mit dem harten Ton zu hören war wie ein Schlag in die Fresse.
„Was meinst du damit?“ Meine Finger umklammerten das Handy fester und das Herz pochte los, „Was zum Teufel meinst du mit ‚es scheint wenigstens so‘? Hm?“
„Rammstein Belgium“ Mila spuckte die Worte beinahe aus, „Such die Seite bei Facebook. Da ist so ein ekelhaftes Bild, wo du doch verdammt glücklich aussiehst. Mit deiner Loboda und ihren Töchtern! So richtig Happy Family! Jakob hat mir das Bild gezeigt und ich musste mich ausfragen lassen was da los ist. Ob du und Mum noch zusammenwärt.“
„Hat deine Mutter das Bild gesehen?“ Arg, verdammt, „Nein, nein. Hast du ihr davon erzählt?“ So etwas wie Panik erfasste mich. Scheiße.
„Wenn, hätte sie dich längst überall blockiert“, erwiderte Mila und ich war kurz erleichtert. Nun, nur kurz. „Aber weißt du, dass sich deine Loboda für besonders toll hält? Hm?“, sprach sie weiter und ich konnte die zunehmende Wut hören, „Vielleicht weißt du das noch nicht, aber sie hat Mum da ein paar schöne Sachen erzählt. Dass du bei ihr im Krankenhaus warst, bei der Geburt ihres beschissenen Kindes! Dass sie deswegen ihre Tochter nach dir benannt hat! Aber was erzähle ich! Du bist offenbar glücklich. Du brauchst uns nicht, Mum nicht. Du-“
„Eine Sekunde, Mila“ Ich tat mich immer schwerer damit, mich zu beherrschen. Und dann platzte ich einfach los. „Erstens“ Ich zitterte und mir war es egal, dass ich sie hier gerade anschrie, „Ich bin in der Ukraine! In der verdammten Ukraine, nicht in Russland, verstanden?! Das ist nochmal was ganz Anderes. Zweitens: Was Svetlana zu deiner Mutter gesagt hat kann dir egal sein. Deine Mutter hat sich ja entschieden zu gehen. Gut! Ich habe sie nicht aufgehalten! Und weißt du was? Ich glaube nicht, dass das mit uns je wieder gut wird, denn hätte sie sich ansonsten nicht längst gemeldet? Oder wie siehst du das?“
„Oh, Mum geht es blendend“, fauchte Mila, „So gut, dass sie dich nicht mal erwähnt. Kommt gut ohne dich zurecht!“ In mir regte sich leiser Zweifel, aber der wurde sofort zunichtegemacht, als Mila eine weitere Salve der Wut abfeuerte.
„Weißt du was, Till?“, sprach sie da weiter, „Es ist mir und Mum egal, wo du bist und was du machst. Bleib in deinem Russland oder Ukraine oder wo auch immer du bist! Deine neue Familie ist sicher froh.“
„Schön, Mila. Dann mach dich darauf gefasst auf längere Zeit nichts mehr von mir zu hören.“ Innerlich krampfte sich mein Herz zusammen. Verdammt. „Und jetzt entschuldige mich. Ich muss kochen, meine zwei hinreißenden Ersatztöchter wollen schließlich was zu Beißen. Und anschließend werde ich meine noch attraktivere Ersatzfreundin vögeln. Wird ein toller Abend.“ Damit legte ich auf, ehe Mila noch etwas erwidern konnte.
Eine Weile blieb ich sitzen, bis das Zittern in den Muskeln nachließ und ich das Telefon fallen ließ. Nur, um es wenig später wieder aufzuheben. Dieses Foto. Was für ein verdammtes Foto meinte Mila denn?
Ich wurde schnell fündig. Eine Rammstein-Fanseite, die bereits erwähnte Seite Rammstein-Belgium, hatte eine Reihe von Beiträgen gepostet. Relativ weit oben war ein Bild: „Till Lindemann and Svetlana Loboda in Kiev, Ukraine, November 15, 2019 – here: Kiev, Ukraine“ Das Foto zeigte mich und Svetlana, zwischen uns lief Eva, ich hatte Tilda auf der anderen Seite an meine Hand genommen und mich lächelnd zu ihr heruntergebeugt, da sie mir wohl gerade etwas erzählte. Außenstehende kämen problemlos auf die Idee, dass es mir blendend ging. Ich…lächelte. Tilda lächelte. Das Bild einer glücklichen Familie.
Ich wusste sogar noch, wann das Bild aufgenommen war. Letztes Wochenende hatten wir uns alle ein wenig in Schale geschmissen, ich hatte meinen Anzug wieder angezogen, Svetlana und die Mädels Kleider und wir waren einfach mal schick essen gegangen. In dem Restaurant hatte es ein Aquarium gegeben, wovor die Mädchen bestimmt eine halbe Stunde gesessen und die Fische bewundert hatten. Gott, was war ich entspannt gewesen. Und glücklich. Jetzt wurde mir dieses Bild wohl zum Verhängnis. Denn auch wenn Fabienne davon nichts wusste – Für Mila war die Sache wohl so eindeutig, dass sie mit mir nichts mehr zu tun haben wollte.
Aber da nagte noch etwas an mir, denn ich wollte doch irgendwie wissen, was Svetlana Fabienne alles erzählt hatte. Allzu viel zusammen waren die Beiden ja nicht gewesen. Trotzdem. Auch, wenn ich sauer war, ich musste es wissen.
Ich nahm mir vor, damit zu warten. Als ich in die Küche kam, musste ich sowieso ein wenig schlecht drauf aussehen, denn Svetlana warf mir einen besorgten Blick zu. „Alles okay?“
Ich wischte ihre Besorgnis mit einer Handbewegung zur Seite. „Fabiennes Tochter hat angerufen. Nichts Wildes. Wir haben uns nur etwas angeschrien und ich habe gesagt, dass sie mich erstmal nicht wieder zu Gesicht kriegen wird.“
Sie runzelte die Stirn. „Willst du drüber reden?“
„Nope“ Ich nahm den Kartoffelschäler wieder in die Hand, „Ich hoffe nur, es ist für dich kein Problem, wenn ich erstmal noch hierbleibe.“

Das Essen war tatsächlich gut und ich staunte darüber, dass Tilda und Eva es ohne zu murren aßen. Leber. Musste ich mir merken.
Danach verzogen sich die Mädels ins Wohnzimmer und ich half Svetlana beim Aufräumen. Währenddessen haderte ich mit mir. Milas Worte, Svetlana habe Fabienne die ein oder andere Sache erzählt, spukten immer noch in meinem Kopf herum.
Ich beschloss, zu fragen.
„Fabiennes Tochter erwähnte da übrigens noch etwas, wobei ich mich frage, ob das wirklich so stimmt“, fing ich an und rieb einen der Teller trocken, den sie mir entgegenstreckte, „Sie meinte du hättest Fabienne erzählt, dass ich bei Tildas Geburt dabei war und du deswegen deine Tochter nach mir benannt hast. Und das muss Fabienne wohl…falsch aufgefasst haben.“
Erneut sah ich Svetlana die Stirn runzeln. Dann schüttelte sie den Kopf. „Sowas habe ich nie gesagt, zumindest teilweise nicht. Gut, wir haben uns kurz über dich unterhalten. Dass du ein besonderer Mensch bist und für mich da warst, als ich im Krankenhaus lag. Und, dass ich sofort nach der Geburt meiner Tochter wusste, dass sie Tilda heißen wird, dir zu Ehren.“
Ich nickte langsam, sah ihr ins Gesicht. „Also kein Wort davon, dass ich bei irgendwelchen Geburten dabei war.“
„Nein“ Sie starrte zurück. Ich hatte nicht das Gefühl, dass sie log. „Wahrscheinlich hat Fabiennes Tochter nur gegoogelt und ist auf die falschen Artikel gestoßen.“, fuhr sie fort, „Du musst mir glauben.“
„Keine Sorge“ Ich nahm das Teller abtrocknen wieder auf, „Ich glaube dir auch. Wirklich. Hundertprozentig.“, setzte ich nach und lachte. Damit war das wohl erledigt, denn Tilda tauchte im Türrahmen auf.
„Till?“, fragte sie und setzte einen Dackelblick der allerbesten Sorte auf, „Liest du mir vor, biiiitteeee?“ Sie hielt ein Buch in den Händen: „Das kleine Ich-bin-Ich“. In der russischen Version.
„Also, du wirst mal wieder gefragt“ Svetlana gab mir einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter, „Wenn du so weitermachst, machst du mir Konkurrenz.“
„Du bist immer noch die beste Mama, Mama“, piepste Tilda darauf, bevor sie sich doch wieder mir zuwandte und ungeduldig wartete, dass ich hinterherkam.

Doch am nächsten Morgen hing ich gefühlstechnisch doch etwas durch. Das fiel sogar Tilda auf unserem täglichen Weg zum Kindergarten auf. Denn ich verzichtete ja dieses Mal mit ihr aufs Singen und wenn das passierte lief etwas gewaltig schief.
„Bist du traurig, Till?“ Sie legte den Kopf schief, sah mich an.
„Hab‘ nur schlecht geschlafen, nichts weiter“, wich ich aus. Sie sah darauf nicht überzeugter aus.
„Oh, guck‘ mal! Ein Dackel!“ Sie blieb vor dem Schaufenster eines Ladens stehen. In der Warenauslage waren verschiedene Figürchen aufgestellt, unter anderem auch ein brauner Dackel.
„Sehr hübsch“, murmelte ich abwesend und besah mir dann das Ladenschild doch etwas genauer. „Lassen Sie sich aus einem Bild Ihre eigene 3D-Figur erstellen!“, stand auf dem Schild im Schaufenster. Daneben waren Beispiele abgebildet, wie aus dem Bild einer Person eine etwa fünfzehn Zentimeter große Figur wurde. Ich dachte an Fabienne. An ihren Wunsch, mich „zu sehen“. Wären wir nicht zerstritten würde ich ihr umgehend eine Figur meiner Wenigkeit anfertigen lassen.
„Komm, Tilda“, meinte ich zu ihr und ging ein paar Schritte weiter, „Wir kommen noch zu spät.“

An der Vertreibung meiner schlechten Stimmung schien nicht nur den Kindern etwas zu liegen. Auch Svetlana machte sich Gedanken.
„Was hältst du davon, wenn wir heute Abend ein wenig feiern gehen?“, fragte sie mich am Samstagmorgen beim Frühstück. „Ich will auch feiern gehen“, brabbelte Eva dazwischen.
„Na, na, dafür bist du ja wohl noch etwas zu jung“ So ungefähr elf Jahre, „Außerdem ist die Musik dir sicher zu laut.“
„Die beiden können bei meiner Schwester übernachten“, fuhr Svetlana fort und wandte sich an die Mädchen, „Wie sieht’s aus, ihr schlaft heute bei Tante Xenia?“
„Oh ja. Dann gibt es Pizza!“ Eva riss begeistert die Arme in die Luft und hätte fast ihren Becher vom Tisch gefegt, „Bei Tante Xenia gibt’s immer Pizza.“
„Dann rufe ich sie gleich an“ Svetlana erhob sich und nickte uns lächelnd zu.
Und auch ich fand, dass ein wenig Feiern mich nicht umbringen würde. Vielleicht brauchte ich das auch.
Gegen Abend war die Wohnung also stiller als sonst. Svetlanas Schwester hatte die Mädels abgeholt und ich stand jetzt vor meinem Kleiderschrank, auf der Suche nach irgendwas partytauglichem. Wahrscheinlich würde es ein T-Shirt am besten tun. Und ‘ne Hose. Hosen waren immer gut, wenn man untenrum nicht nackt rumlaufen wollte.
Im Bad durchwühlte ich meinen Waschbeutel nach der Zahnpasta, als mir eines der Kondome in die Finger rutschte, die ich sonst immer mit mir herumtrug. Ich wollte es schon zur Seite legen, aber hielt dann doch nochmal inne.
Die Frage, ob ich und Fabienne denn jetzt eigentlich getrennt waren, nur, weil wir uns gestritten hatten, drängte sich auf. Ich dachte an Milas Worte und die seit Tagen in mir schlummernde Wut kam wieder an die Oberfläche. Fabienne war ich ja offenbar egal. Und da konnte es mir auch egal sein, ob es sie jucken würde, wenn ich heute jemanden mit nachhause nahm. Sie war nicht hier. Da konnte man ja wohl problemlos-
„Ready?“, unterbrach mich Svetlana von der Tür aus. Sie steckte bereits in einem ihrer Kleider und schien soweit fertig. Ich sah ein amüsiertes Lächeln über ihr Gesicht huschen, als sie das Kondom in meiner Hand entdeckte. „Sag bloß nicht du hast heute Nacht Pläne?“
„Würde es dich stören, wenn es so wäre?“
„Tu‘ dir keinen Zwang an“ Sie zuckte die Schultern, „Solange du deine Bettbekanntschaft morgens wieder rausschmeißt und ich nicht von einem nackten Mädel mit nichts als deinem T-Shirt an in meiner Küche überrascht werde sei dir das gegönnt.“
„Danke. Ich geb‘ mir Mühe.“ Zwinkerte ihr zu und schob das Kondom in die hintere Hosentasche.
Sie drehte sich wieder um und ich folgte ihr, da ich ja jetzt sowieso fertig war. Als ich mir im Flur die Schuhe anzog, schielte ich zu ihr herüber. Das schillernde Paillettenkleid, was sie trug, verdiente auf jeden Fall Aufmerksamkeit. Schmeichelnd legte es sich um all die Stellen, die ich, als Mann, zweifelsohne interessant gefunden hätte. Po. Brüste. Und Hüften. Würde mich nicht wundern, wenn ich heute nicht derjenige wäre, der mit einer Bettbekanntschaft nachhause kam.
„Siehst übrigens rattenscharf aus“ Ich tarnte meine Bewunderung hinter einem lässigen Grinsen und zog mir die Jacke über. Dann hielt ich ihr den Arm zum Einhaken hin. „Also, die Dame. Wenn ich bitten darf…“ Sie lachte nur und griff nach meinem Arm. „Danke, du Schleimer. Und was das ‚rattenscharf‘ betrifft: Ich hoffe, du bist als Unterstützung zur Stelle, wenn ich mir die Kerle mit Knüppeln vom Hals halten muss.“

Den Weg zum Club verbrachten wir mit weiteren albernen Witzchen, sodass unser Taxifahrer im Rückspiegel nur genervt die Augen verdrehte. Offenbar nahm er an, wir seien bereits betrunken.
Im Club verzogen wir uns in den VIP-Bereich und Svetlana stöhnte auf, als uns nach einigen Minuten einer ihrer Songs entgegenschallte. „Als wüssten die, dass ich hier bin, echt“
Ich stupste sie nur lächelnd in die Seite. „Wir tun einfach so, als würden wir das Lied nicht kennen. Also, welcher Künstler ist das? Klingt verdammt schrecklich.“ Worauf sie mich mit gespielt bösem Gesicht in die Rippen boxte.
Darauf stießen wir erstmal an und nach den drei ersten Shotgläsern und zwei weiteren Stunden wagte sogar ich mich zu Svetlana auf die Tanzfläche. Wo sie zum Glück nicht damit beschäftigt war, sich die Kerle mit Knüppeln vom Hals zu halten.
Irgendwann, als ich das letzte Mal auf die Uhr schaute war es halb vier, machten wir Schluss. Und das ohne irgendwelche Bettgespielinnen oder Ähnliches.
Zurück in der Wohnung streifte ich die Schuhe ab. „Wasser wäre jetzt eine verdammt gute Idee“ Ich rieb mir über die Stirn. „Und ich brauche eine Aspirin, fürchte ich“, vernahm ich Svetlana und hörte sie im Bad verschwinden.
In der Küche schenkte ich mir ein Glas Wasser ein und lehnte mich an die Arbeitsplatte. Kurze Zeit später ertönte das Geräusch von nackten Füßen. Svetlana hatte sich ihrer High Heels entledigt. Sie rieb sich die Schläfen, während sie das Glas mit der aufgelösten Aspirintablette schluckweise herunterspülte. „Das gibt zwar einen Kater morgen, aber das war es mir verdammt wert“, sagte sie.
„Hm, bis auf den Moment wo wir uns gefragt haben warum sie ‚Be my Valentine‘ von dir gespielt haben“, meinte ich, „Februar ist noch nicht. Die waren bisschen zu früh.“
Sie lachte. Dabei warf sie den Kopf leicht zurück und irgendwie zog mein Gehirn in diesem Moment die falschen Schlüsse. Mein Blick heftete sich auf ihr Gesicht, auf die Lippen, die Nase.
Ich hob die Hand und legte sie an ihre Wange, spürte ihre Atemzüge, als ich mich weiter vorbeugte und sie küsste. Entfernt nahm ich ihr überraschtes Luftschnappen wahr, aber sie wies mich nicht zurück. Ihre Wange schmiegte sich gegen meine Hand und ich ließ die Finger an ihren Hinterkopf gleiten, durch diese blonden Locken, während sich ihre Zunge in meinem Mund vortastete.
Sie trat ein paar Schritte zurück, weswegen wir uns kurz lösen mussten, aber ich verstand. Die Finger rutschten ihren Rücken herunter, zum Po, während wir über den Flur liefen. Wenig später fühlte ich dann die Matratze unter mir.
Sie hielt die Finger in meinem Nacken verschränkt, ihre Zunge fuhr sachte über meine Lippen und dann spürte ich wie sie mir das T-Shirt über den Kopf zog. Kurz darauf tastete sie sich weiter Richtung Gesäßtasche, wo sie zielsicher nach dem Kondom griff, das ich vor wenigen Stunden dort verstaut hatte. In der irrwitzigen Hoffnung, ich würde es brauchen. Die Frau zu vögeln bei der ich seit jetzt fast vier Wochen wohnte, war ja nicht geplant gewesen. Ich drückte sie sachte auf die Matratze.
Ihre Haare kitzelten mich leicht an der Brust, als sie sich wieder vorbeugte. Die Nase an meiner Halsbeuge vergrub. So wie Fabienne das oft getan hatte.
Mit einem Mal kam es mir vor, als hätte mir jemand einen Eimer eiskaltes Wasser übergeschüttet. Das Herz in der Brust erwachte wieder und fing an einen unregelmäßigen Rhythmus zu trommeln. Ich ließ Svetlana los und rollte mich von ihr herunter auf die andere Bettseite.
Schweigen. Erst, als das Pochen in der Brust sich wieder normalisierte holte ich Luft. „Es tut mir leid“ Meine Stimme fühlte sich an, als hätte ich Sandpapier verschluckt.
„Till“ Ihre Finger streiften für eine Sekunde meine Hand, „Es ist okay. Völlig.“
„Ich…muss nachhause“ Noch immer klang ich so kratzig, „Das geht so nicht weiter. Es tut mir so leid.“
In der Dunkelheit konnte ich zwar nur schemenhaft ihre Umrisse erkennen, aber ich bildete mir ein, dass sie nickte. „Auch mir tut es leid, Till. Das hätte nicht passieren dürfen.“
„Was meinst du?“ Oder sprach sie tatsächlich nur von unserem nicht stattgefundenen Sex?
„Dass ich mir Hoffnungen gemacht habe“ Schweigen und jetzt war ich es, der vorsichtig nach ihrer Hand tastete. Kurz. Auch nur kurz.
Sie klang zögerlich, als sie weitersprach. „Du weißt, dass ein kleiner Teil meines Gehirns…dich nicht vergessen kann. ‚Kann dich nicht vergessen‘“, zitierte sie aus „Frau und Mann“, in so akzeptablen Deutsch, dass ich erstaunt war. „Und als du eingewilligt hast mit mir nach Kiew zu kommen…Ich weiß nicht, was mich geritten hat. Ich fing an…mir mehr Hoffnungen zu machen. Du konntest so gut mit den Kindern. Als hättest du nie was Anderes gemacht. Es hat mich…mit einer unfassbaren Freude erfüllt. Wenn ich mir einen Ersatzvater wünschen müsste wärst du es, ohne Zweifel. Ich muss zugeben, da war der Traum einer kleinen Familie. Klein zwar, aber er war da.“
Ich schluckte. Mit einem Mal fühlte ich mich unfassbar mies.
„Du brauchst dich für nichts schämen“, sprach Svetlana weiter, als hätte sie meine Gedanken gelesen, „Es waren meine Vorstellungen, meine Wünsche, die ich hatte. Aber ich bin kein Unmensch. Ich merke sehr wohl, wie du Fabienne vermisst und dass da etwas ist, an das ich und die Kinder nicht herankommen. Und das ist gut so. Ich denke…du hast deine Zeit hier genossen, getan was du konntest, um deine Gedanken zu sortieren. Und nun ist es deine Entscheidung zu gehen. Niemand wird dir das übelnehmen. Auch ich nicht, ich am allerwenigsten. Weil ich dich glücklich sehen will.“
Ich versuchte etwas zu sagen, aber mein Gehirn war wie leergefegt. Stattdessen richtete ich mich auf und griff nach meinem T-Shirt auf dem Boden. „Ich werde jetzt rübergehen und meine Wut und Verzweiflung wohl in mein Kopfkissen schreien“ Unsicher sah ich ihr entgegen, „Solltest du hören, wie ich auch noch zusätzlich randaliere darfst du natürlich gerne rüberkommen und mich davon abhalten. Und morgen überlege ich mir dann einen Schlachtplan.“ Ich wandte mich zur Tür, hielt dann nochmal inne. „Gute Nacht“ Dann trat ich nach draußen in den Flur.

Letztendlich schrie ich natürlich nicht in mein Kissen und randalieren tat ich auch nicht. Aber ich lag wach. Solange, bis ich sah, wie sich der Himmel vor dem Fenster heller färbte. Um halb acht richtete ich mich auf, zog mich an und ging in die Küche.
Es war keine große Überraschung, Svetlana ebenfalls am Tisch sitzen zu sehen. Sie hatte einen Kaffeebecher vor sich und sah mir entgegen, wobei sie so aussah, als wisse sie nicht, ob sie lächeln oder weinen sollte. Am liebsten hätte ich mich erneut entschuldigt.
„Wir müssen es den Kindern sagen“, meinte sie, nachdem wir einfach stumm uns gegenübergesessen hatten, „Sie werden traurig sein, aber sicher auch verstehen, dass du nicht ewig hierbleiben kannst.“
„Ja. Sicher. Wobei ich mir noch nicht sicher bin, wann ich fliegen möchte. Es…Letzte Nacht kam mir eine Idee, die ich gerne noch umsetzen möchte. Aber das wird ein paar Tage dauern, fürchte ich.“
„Du hast Zeit“, erwiderte sie, „So viel wie du brauchst. Da steht dir keiner im Weg.“

Gegen Mittag kamen die Kinder zurück. Es fiel mir schwer in Evas und Tildas begeisterte Gesichter zu blicken, zu tun, als wäre alles okay, während sie mir erzählten, was sie alles Tolles bei ihrer Tante gemacht hatten. Svetlana hatte beschlossen, es ihnen nach dem Mittagessen zu sagen.
Nach dem Essen plünderten die Mädels die Eisvorräte und während sie mit uns am Tisch saßen und das Eis in sich hineinschaufelten, nickte ich Svetlana unauffällig zu.
„Hört mal her, meine zwei Prinzessinnen“, fing sie an, „Es gibt da etwas was wir euch sagen müssen.“
„Ich werde große Schwester?“ Eva sah erstaunt zu uns hin. „Dann wird Till also doch noch mein Vati?“, brabbelte Tilda weiter. Äh, nein.
„Ich werde bald nachhause fliegen. Am Mittwoch eher gesagt.“, meinte ich. Tilda fiel der Löffel aus der Hand und ihre Augen weiteten sich.
„Aber das sind doch noch zwei Tage bis dahin. Sei nicht traurig, Tilda.“ Eva beugte sich vor, tätschelte ihrer Schwester liebevoll die Schulter und drückte ihr einen dicken Schmatzer auf die Wange.
„Genau. Und deshalb sollten wir die Zeit so gut es geht nutzen.“, meinte ich und hoffte die beiden wieder etwas fröhlicher zu stimmen, „Wie sieht’s aus? Eine Runde Spielplatz im Park, so wie letzte Woche?“

Die restliche Zeit zu nutzen, darum ging es jetzt. Und wir bekamen es hin, sehr gut sogar. Am Montagvormittag setzte ich die Idee für Fabienne in Gang. Die Nachmittage verbrachte ich größtenteils mit den Kindern. Die kleinen Biester würden mir fehlen.
Am Mittwoch holte ich die Überraschung für Fabienne ab und anschließend packte ich meine Sachen. Ließ mich von den Kindern zum Abschied drücken und das so fest, dass ich befürchtete, sie würden mir die Luft abschnüren. Dann folgte ich Svetlana in die Tiefgarage zum Auto.
Nach rund einer halben Stunde standen wir in der Abflughalle des Flughafens in Kiew. Svetlana musterte mich besorgt. „Was wirst du tun, wenn du zurück in Berlin bist?“, fragte sie, „Ich hoffe, du hast dir das alles gut überlegt.“
„Ich werde sehen“ Einen genauen Plan hatte ich noch immer nicht, „Erstmal ankommen. In meine Wohnung fahren. Und dann womöglich die Welt retten, aber wer weiß das schon.“
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