Geschichte: Fanfiction / Prominente / Musik / Rammstein / Blind

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Blind

GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16
OC (Own Character) Till Lindemann
22.05.2019
04.07.2020
39
154.967
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Dieses Kapitel
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06.06.2020 3.583
 
Die erste richtige Nacht nach Fabiennes verfrühter Abreise lag ich größtenteils wach, starrte an die Decke und versuchte mehr oder weniger einzuschlafen. Mit mäßigem Erfolg.
Auch die Reise morgen nach Kiew machte mir Sorgen und ich fing an zu überlegen, ob die Idee Svetlana zu begleiten wirklich so klug war. Andererseits wäre ich in Berlin wieder näher an Fabienne und ehe ich dort in irgendwelche Kurzschlusshandlungen verfiel, erschien mir Kiew als eine bessere Alternative.
Grummelnd und mit einem kleinen Fluch drehte ich mich wieder auf die andere Seite. Gott. Es würde mich nicht umbringen mal was Anderes zu sehen und mich ein wenig abzulenken. Fabienne brauchte Abstand. Und ich auch.

Am nächsten Morgen versuchte ich mir die Gedanken von gestern wieder ins Gedächtnis zu rufen. Fabienne braucht Abstand. Und ich auch. Es gibt keinen Grund jetzt nach Berlin zurückzukehren. Nicht nach all den Sachen, die sie mir an den Kopf geworfen hatte, nachdem wir uns in der Gazprom-Arena verloren hatten.
Ich richtete mich auf und schwang die Beine aus dem Bett. Soweit ich wusste ging der Flug nach Kiew um zehn. Oder so um den Dreh. Svetlana würde das ja besser als ich wissen und mich rechtzeitig einsammeln.
Ich schlürfte erstmal ins Bad. Beim Blick in den Spiegel erschreckte ich mich fast vor mir selber. Eine, oder eher zwei Nächte ohne ausreichend Schlaf und Wachliegen sah man einem doch an. Die dunklen Schatten unter den Augen bewiesen es. Die Sache setzte mir wohl mehr zu als ich dachte. Natürlich. Das zwischen mir und Fabienne war immerhin nicht irgendetwas gewesen. War gewesen. Jetzt konnte ich wohl sagen ‚War gewesen‘.
Rasch drehte ich den Wasserhahn auf und wusch mir das Gesicht, als hoffte ich die Augenringe damit verschwinden zu lassen. Ich wollte möglichst nicht das ganze Hotel daran teilhaben lassen wie Scheiße es einem ging.
Nach Abdrehen des Wasserhahns und Gesicht abtrocknen sah alles nur minimal besser aus. Fast konnte man darauf kommen ich hätte sogar geheult. Das wollte ich nun wirklich nicht.
Nachdem ich auch noch geduscht hatte sah die minimale Verbesserung doch etwas mehr als nach minimal aus. Augenringe hatte ich trotzdem noch. Musste man etwa einen auf Unauffällig-Auffällig machen und mit Sonnenbrille zum Frühstück?
Ich verzichtete schließlich auf die Sonnenbrille, nur die Cappy setzte ich mir auf. Etwas Schutz musste sein.
Auf den Weg nach unten beachtete mich auch keiner. Es war Morgens und da schien der Großteil der Leute hier mit sich selbst beschäftigt.
Beim Frühstücksbüffet holte ich mir nur einen Kaffee und verkrümelte mich in eine Ecke. Senkte den Blick auf die Tasse vor mir und versuchte möglichst nicht nachzudenken.
„Ach, hier bist du“ Svetlana stellte ihr Frühstückstablett ab. Dann musterte sie mich und ihr Gesicht nahm in ungefähr den Ausdruck an, den wohl auch ich zur Schau trug. „Hast du heute Nacht geschlafen, Till? Du siehst…übernächtigt aus.“
„Sag‘ doch gleich beschissen“ Ich warf ihr einen raschen Blick zu und konzentrierte mich dann wieder auf die Tasse. „Im Ernst, du hast nicht womöglich nachher für den Flug etwas Make-Up, das ich mir unter die Augen klatschen kann?“
Sie lachte. Reichlich amüsiert. „Also willst du tatsächlich heute mit?“
Ich hob die Schultern. Seufzte. „Ich denke, ja. Vielleicht tut mir das gut mal was Anderes zu sehen. Das mit Fabienne…“ War ja auch egal. Ich wollte nicht schon wieder davon anfangen.
Svetlana schien es wohl auch vorzuziehen nicht mehr auf dem Thema Fabienne herumzureiten. „Wie gesagt“, setzte sie wieder an, „Es ist nur ein Angebot. Egal, ob du nur zwei Tage bei mir in Kiew bleibst oder länger. Deine Entscheidung.“
„Der Rest war ja mehr oder weniger dafür“ Gut, auch, wenn ich nur mit zwei Leuten darüber gesprochen hatte, „Peter hätte mich ansonsten gerne mit nach Pärlby genommen, aber er muss halt arbeiten und da möchte ich ihm auch nicht vor den Füßen rumlaufen. Und Anar war ja sehr dafür.“ Sicher. In Kiew rumzurennen schien Anar um einiges besser zu finden, als wenn ich in Berlin rumsaß. Da Fabienne ja bekanntlich nicht so gut auf ihn zu sprechen war.
„Also komm‘ ich wohl mit“ Ich sah sie an, „Okay, wann müssen wir nochmal los?“
„Um halb. Du hast noch eine halbe Stunde.“ Sie lächelte mir vorsichtig zu, aber es war nicht zu übersehen, dass sie sich freute, dass ich sie begleitete. „Das wird schön, Till. Du wirst sehen.“, sprach sie weiter, „Die Mädchen werden sich freuen. Erinnerst du dich an Eva?“
„Ja doch. Evangelina. Es ist lange her. Wie alt ist sie jetzt?“ Tatsächlich erinnerte ich mich noch ein wenig an Svetlanas älteste Tochter Evangelina, von allen nur Eva genannt. Damals war sie zwei gewesen.
„Sieben. Sie wird dich wahrscheinlich nicht mehr erkennen. Genau wie Tilda, aber das ist natürlich klar.“

Die Sache war also beschlossen. Nach dem Frühstück sammelte ich im Zimmer meine Sachen ein, so rasch und ohne Denken wie möglich. Versuchte nicht den Blick auf die Wand neben der Dusche zu richten, wo ich Fabienne gegen die kühlen Fliesen gedrückt und in sie eingedrungen war. Versuchte mir nicht vorzustellen wie sich ihre Finger auf meinem Rücken und den Schultern angefühlt hatten und wie sie mir vor Ungeduld in die Lippe gebissen hatte. Wie wir anschließend auf dem Bett gesessen und Pizza gegessen hatten, sie nah an meine Seite geschmiegt. Auch Kiew würde großartig werden, da war ich sicher.
Ich zog wieder die Cappy über und setzte zusätzlich jetzt doch die Sonnenbrille auf. Im Flughafen von Sankt Petersburg würden die Menschenmassen herumlaufen und die Gefahr, dass mich jemand beabsichtigt ablichtete, erschien mir etwas zu groß. Nicht, wenn man mir ansah, dass ich zwei Nächte nicht gepennt hatte.
„Und du gehst also heute inkognito“, bemerkte Svetlana, als wir nach dem Auschecken auf das wartende Taxi zusteuerten, „Wenn man nicht genauer hinguckt erkennt man dich auch wirklich nicht.“
„Ich hoffe es“ Wäre ja noch schöner.

Auch im Flugzeug behielt ich meine „Tarnkleidung“ lieber mal an. Als die Sicherheitsvorkehrungen angesagt wurden, regten sich bei mir jedoch letzte Zweifel. Aber war es dafür nicht zu spät? Und kam Fabienne nicht ohne mich zurecht, ganz so, wie sie das haben wollte? Sie war doch sonst so selbstständig. Auch jetzt würde sie wohl oder übel auf mich verzichten müssen.

Um 10:03 Uhr verließen wir Sankt Petersburg, auf in Richtung Kiew. Ich tat es Svetlana neben mir kurzerhand gleich und suchte in der Jackentasche nach den Kopfhörern. Vier Stunden schienen dafür geeignet auch noch etwas zu dösen.
Doch schon nach drei Stunden erwachte ich wieder. Die restliche Stunde schlug ich mithilfe des Notizbuches tot. Und dann war es irgendwann Zeit für die Landung.
„Aviakompaniya blagodarit dlya vashego puteshestvovat' s name i zhelayet vam priyatnogo dnya.“ Ich steckte das Notizbuch und den Kuli weg und drehte den Kopf in Svetlanas Richtung. „Dann lass uns los, was?“
Wir sammelten wenig später unsere Sachen ein. Draußen schlug uns ein kühler Wind entgegen und ich zog den Reißverschluss meiner Jacke weiter nach oben. Im Gegensatz zu Sankt Petersburg war Kiew um einiges kühler. Dabei hatten wir erst Oktober.
Und jetzt konnte ich definitiv nicht mehr umdrehen. Wollte ich vielleicht auch gar nicht.
Das Taxi brachte uns vom Flughafen vorbei an einigen heruntergekommenen Häusern, bis wir irgendwann eine der „besseren“ Wohngegenden Kiews erreichten. Hier erblickte ich im Vorbeifahren einige Parks und die Häuser sahen teilweise aus, als könnten sie nur schwer von Normalverdienern gemietet werden. Aber da kannte ich mich nicht aus. Gut, Kiew bekam mich schon manches Mal zu Gesicht, aber dann pennte man doch eher in den Hotels der Innenstadt.
„Da sind wir“ Svetlana deutete auf ein Gebäude, vor dem wir gerade gehalten hatten, „Steig‘ du schon mal aus, Till. Ich komme gleich nach.“
Das Haus vor dem wir jetzt standen war mehrstöckig, sandfarben und gefiel mir mit den zahlreichen Verzierungen an den Ecken und Fenstern irgendwie. Bestimmt ließe es sich hier einige Zeit gut aushalten.
„Äußerlich gefällt mir das Haus schon mal“, meinte ich, als wir in den Fahrstuhl stiegen, auf dem Weg drei Stockwerke höher.
„Das freut mich“ Svetlana lächelte mir zu, „Ich zeige dir nachher alles in Ruhe, unter anderem das Schwimmbad unten im Keller.“
„Schwimmbad?“ Hui. Okay, da würde mir definitiv nicht langweilig werden.
Aber zuerst war die Wohnung an der Reihe. „Ich weiß nicht mal, ob die Mädels überhaupt da sind“, meinte Svetlana zu mir, während sie die Wohnungstür aufschloss, „Vielleicht sind sie mit der Nanny in den Park.“
Denn in der Tat, uns schlug Stille entgegen, nachdem wir den Flur betreten hatten. Ich stellte den Koffer an die Seite und zog den Reißverschluss der Jacke auf.
Da tauchte am Ende des Flurs der Kopf eines Mädchens auf. Ihr Gesicht hellte sich augenblicklich auf, als sie uns am anderen Ende erblickte. „Tilda! Mama doma!“, rief sie über die Schulter. Augenblicklich kam noch jemand in den Flur geschossen und die beiden Mädchen sprinteten los, wobei sie sich gegenseitig spielerisch anrempelten, um als erstes bei ihrer Mutter zu sein.
Svetlana ging nur lächelnd in die Knie und breitete die Arme aus. Jauchzend und mit offensichtlicher Wiedersehensfreude warfen sich ihre beiden Töchter in die Umarmung.
Auch das Kindermädchen betrat nun den Flur, eine Frau mit kurzen schwarzen Haaren, die mich überrascht musterte. „Hallo“ Sie kam auf mich zu und reichte mir die Hand, „Ich dachte Frau Loboda käme allein. Von einer männlichen Begleitung erwähnte sie nichts.“
„Na ja…Ich bin eher spontan mitgekommen“ Ich drückte rasch die ausgestreckte Hand, „Till Lindemann. Ein Freund von Svetlana.“
Dann richtete ich den Blick wieder auf die Kinder, die sich inzwischen eingekriegt hatten, sodass Svetlana aufstehen konnte. Interessiert wurde ich nun von den zweien gemustert.
„Hi“ Die Ältere schien nicht schüchtern zu sein, oder nur sehr gut erzogen. Sie reichte mir sogar die Hand und ich ging rasch auf die Knie, um mit ihr auf gleicher Höhe zu sein, „Wer bist du denn? Bist du Mamas neuer Freund?“ Ich sah, wie sich Svetlana hinter mir ein Grinsen verkniff.
„Erinnerst du dich noch an Till, Eva?“, fragte sie ihre Tochter, „Er war mit im Krankenhaus, als Tilda geboren wurde. Du warst zwei.“ Unwahrscheinlich, dass sie sich wirklich erinnerte, denn sie zuckte die Schultern. „Jetzt bin ich ja schon sieben“, sagte sie und ein stolzes Lächeln trat auf ihre Züge, angesichts dieser Tatsache.
„Dann ist er also mein Vater“, kam es da zurückhaltend von Tilda, die sich gegen die Beine ihrer Mutter gelehnt hatte und die Szene skeptisch betrachtete. Äh…Tja. Nicht ganz.
„Oh nein, Schatz. Du hast ja deinen Papa.“ Gut, dass Svetlana das gleich richtigstellte, „Till war nur damals bei deiner Geburt mit dabei, da es Mama nicht gutging. Da ist er hergekommen, damit ich beruhigter bin. Genauso, wenn du deinen Stoffhasen brauchst, um einzuschlafen.“
„Dann ist er ein netter Mensch“ Die Fünfjährige lächelte und löste sich nun auch von den Beinen ihrer Mutter, um auf mich zu zukommen und mich tatsächlich vorsichtig zu umarmen. Mit dem kleinen rosigen Baby, das ich damals nach der Geburt in Svetlanas Armen gesehen hatte, hatte sie längst nichts mehr gemeinsam.
„Willst du sehen was wir gemalt haben, Till?“ Eva zupfte mich jetzt am Ärmel. Dieses Kind war wirklich nicht schüchtern.
„Oder vielleicht willst du ihm erstmal zeigen, wo er schlafen kann?“ Svetlana wandte sich an ihre Tochter, „Und dann kann er sich eure Kunstwerke ansehen?“
„Okay. Komm mit, Till.“ Sie zupfte erneut an meiner Jacke und ich folgte ihr. Wir liefen den mit Teppichboden ausgelegten Flur entlang, bis Eva stehenblieb. „Da schläfst du“ Sie zeigte auf eine Tür, die ich aufstieß. Dahinter ein Gästezimmer mit einem großzügigen Bett und einem Kleiderschrank daneben. „Und hier ist dein Bad“ Sie führte mich mit sich, bis wir in einem kleinen Bad mit Dusche, Waschbecken und Toilette stehenblieben.
„Danke sehr“ Ich lächelte ihr zu, „Bestimmt werde ich mich hier wohlfühlen.“
Anschließend zeigte sie mir die restliche Wohnung, das hieß das Wohnzimmer, wo auf dem großen Tisch in der Ecke tausende Blätter und Buntstifte herumflogen und ihr Zimmer. Ich musste ja unbedingt ihre Sammlung von Mickymäusen und Barbiepuppen bewundern.
Danach passierte nicht mehr viel. Ich packte meine Sachen aus, Svetlana zeigte mir den tatsächlich existierenden Pool im Keller des Hauses und ich beschloss als erste Amtshandlung für morgen mir eine Badehose zu kaufen. Denn aus Berlin hatte ich mir natürlich keine mitgebracht. Hatte ja nicht vorgehabt schwimmen zu gehen.
Und doch…Eigentlich hätte ich gedacht, dass ich hier zur Ruhe kam, besonders vor den Gedanken, die meinen Kopf bevölkerten. Wir hatten am Abend Spaghetti gegessen, die Kinder hatten ausnahmsweise Brause gedurft und wir Erwachsenen hatten Wein getrunken und alles war so herrlich entspannt abgelaufen. Bis ich vor zwanzig Minuten ins Bett geschlüpft war. Da dachte man automatisch wieder nach.
Lag Fabienne jetzt auch wach? Weinte sie sogar oder vermisste mich irgendwie? Tat ihr all das leid, was sie mir an den Kopf geworfen hatte?
Und vor allem: Würde sie sich wundern, wenn ich nicht in Berlin war? Immerhin wusste sie, dass sie mich eigentlich spätestens morgen zurückerwarten konnte. Stattdessen lag ich in einem Bett in der Ukraine, über 1300 km entfernt. Nur für den Fall, falls sie sich wieder einkriegte und reden wollte. Aber wollte ich das überhaupt?
Ich sah es ein. Es war wieder mal an der Zeit sich schlaflos von der einen auf die andere Seite zu drehen. Wie ich das hasste.

Gegen irgendwas um eins schlief ich ein. Geweckt wurde man von einem knallenden Geräusch und Protest. Ich warf einen Blick auf den Radiowecker. Fünf vor sieben am Montag.
„Psst, Tilda! Till schläft noch!“, hörte ich es, als ich den Kopf in den Flur steckte. Svetlana kniete vor ihrer Tochter und versuchte ihr einen grünen Pullover über den Kopf zu ziehen, allerdings wusste die Fünfjährige das zu verhindern, indem sie sich kurzerhand volle Kanne auf den Boden geworfen und sich auf den Bauch gedreht hatte. Wohl ein Anflug von kindlichem Trotz und das um diese Uhrzeit.
„Ich will aber nichts Grünes tragen!“, verkündete sie lautstark, „Und Till ist wach, Mama! Da!“ Sie zeigte auf mich und Svetlana wandte mir den Kopf zu. Sofort trat ein bekümmerter Ausdruck in ihr Gesicht. „Entschuldige, dass wir dich geweckt haben…“ Doch ich winkte ab.
Tilda schien inzwischen auf die gute Idee gekommen zu sein, sich vor dem gefährlichen grünen Pullover hinter meinen Beinen zu verstecken. „Sag bloß nicht du magst kein grün, Tilda. Dabei ist das so eine schöne Farbe.“, meinte ich zu ihr.
Sie machte nur eine verkniffene Miene. „Aber in grün seh‘ ich aus wie ein Weihnachtsbaum!“, verkündete sie, als sei sie die Modeexpertin schlechthin, „Ich will gelb! Oder rosa!“
„Dann gucken wir mal in deinen Schrank, oder? Vielleicht findet sich da was Gelbes. Oder Rosanes.“ Sie griff sofort nach meiner Hand und zog mich mit sich. Ich sah noch wie Svetlana ein lautloses „Danke“ mit den Lippen formte.
Fünf Minuten später hatten wir auch einen warmen und flauschig aussehenden gelben Pullover gefunden, den Tilda sich über den Kopf zog. „Frühstück“ Sie ging zur Tür und wartete geduldig bis ich ihr hinterherkam.
Und offenbar standen heute sämtliche Mitglieder des Loboda-Haushaltes unter Stress. Eva verabschiedete sich um halb acht in die Schule, ihr Fahrdienst wartete schon unten. Und Tilda legte wohl den langsameren Gang ein, sodass ihre Mutter schon ganz gehetzt wirkte.
War es da nicht klasse, dass man einen Gast namens Till hatte? Das fiel mir nur gerade so ein, als Tilda ins Bad schlurfte und Svetlana ihr seufzend hinterherwollte, dabei hätten die beiden wohl längst losgemusst.
„Wie weit ist der Kindergarten von hier?“, hielt ich sie zurück.
„Zehn Minuten, wieso?“ Svetlana drehte sich nochmal nach mir um.
„Ich kann Tilda hinbringen, wenn’s okay ist. Dann kommst du nicht zu spät ins Studio.“
Sie zögerte. Doch dann lächelte sie erleichtert. „Danke, Till. Danke. Ihr könnt zu Fuß gehen, es ist nur die Straße runter, dann links und die zweite rechts. Dann kommen ich und Tilda wenigstens nicht zu spät.“ Bevor sie in Richtung Bad hastete.
Auch ich stattete dem Gästebad einen Besuch ab und um kurz vor acht nahm ich Tildas Hand in meine. Ein Abschiedskuss von ihrer Mutter und wir traten nach draußen. Svetlana hatte mir den Weg nochmal genauer beschrieben, aber auch gemeint ihre Tochter würde ihn kennen. Überließ ich einem Kleinkind also heute mal die Führung.
Es war immer noch kühl, aber das hielt Tilda nicht davon ab fröhlich neben mir her zu hüpfen. „Bist du Russe oder Ukrainer, Till?“, fragte sie mich da plötzlich.
Ich musste lachen. „Weder noch, tut mir leid. Ich bin in Deutschland geboren und wohne eigentlich in Berlin.“
„Aber du sprichst Russisch“ Verwundert sah sie zu mir hoch und wäre fast gegen einen Laternenpfahl gelaufen, wenn ich sie nicht rechtzeitig zur Seite gezogen hätte, „Wie Mama. Und mein Papa.“
„Ja, da hast du recht. Ich habe es früher in der Schule gelernt und ich besuche die Ukraine und Russland oft. Da fand ich es sehr nützlich die Sprache zu lernen.“
Tilda blieb einen Moment still und runzelte die kleine Stirn, als denke sie schwer nach. Nach einigen Minuten sagte sie: „Mama meint du bist Sänger. Wie sie. Singst du dann nur in Deutsch?“
„Meistens, ja. Obwohl ich gerne mal einen russischen Song machen würde.“
„Sing mir was vor!“
„Äh…später vielleicht.“ Was wäre das für ein Bild, auf offener Straße.
„Jetzt!“
„Nein. Heute Nachmittag, wenn du wieder zuhause bist, ja?“
„Nein, jetzt!“ Sie sah mich herausfordernd an.
Na gut. „Aber nur, wenn du mit mir zusammen singst, in Ordnung? Was sollen wir singen? Kalinka?“ Der Klassiker schlechthin und das kannte sie sicher.
„Nö. Was von dir.“ Stille, sie kaute auf ihrer Lippe, „Du hast. Mama hat es uns mal vorgespielt und in Evas Schule lernen sie mit deinen Texten Deutsch.“ Na so was.
Wir standen gerade an einer Ampel, als Tilda sich also dazu entschloss „Du hast“ anzustimmen und ich hatte wohl keine andere Wahl als mit einzusteigen. Ein älterer Herr neben uns warf uns amüsierte Blicke zu.
Danach hörten wir mit dem Singen nicht mehr auf, eher Tilda nicht. Als wir „Du hast“ fertighatten fing sie das Lied einfach nochmal von vorne an.
„Okay“ Vor uns kam ein Gebäude mit buntem Zaun in Sicht, der beschriebene Kindergarten, „Da wären wir wohl.“
„Du hast mich gefragt und ich hab‘ Kindergarten gesagt“ Tilda wollte sich vor Lachen ausschütten. Sie umarmte mich kurz, eher meine Knie und flitzte davon. Reinbringen würde ich sie wohl nicht müssen.
Ich machte mich also auf den Rückweg. Wieder in der Wohnung schmiss ich Google an, um hier in der Nähe nach einem Bekleidungsgeschäft zu suchen. Eine Badehose sollte es ja werden.
Nach einem kleinen Spaziergang ein paar Straßen weiter hatte ich schließlich alles was ich brauchte. Sodass ich wenig später mich in den leeren Pool gleiten ließ. Zum Bahnen schwimmen war der zwar nicht geeignet, aber ich konnte problemlos ein wenig herumpaddeln. Als ich mich auf den Rücken legte und die Augen schloss konnte ich mir sogar einreden, dass alles gut war. Endlich Ruhe und die Gedanken in meinem Kopf schienen auch so unfassbar weit weg.

In den folgenden Tagen spielte sich eine Art Routine ein. Ich stand früh morgens mit Svetlana und den Kindern auf, suchte mit Tilda ein Kindergartentaugliches Outfit heraus und anschließend nahmen wir den Weg zur Kindertagesstätte in Angriff. Tilda legte dabei immer eine bemerkenswerte gute Laune an den Tag und seitdem wir das erste Mal auf dem Weg gesungen hatten, forderte sie mich auf das wieder mit ihr zu tun. Nach einer Woche hatten wir alle Lieder meiner Band, die ich für kindertauglich hielt, durch. Stattdessen sang ich ihr „Frau und Mann“ vor, natürlich ohne den letzten Satz „Gegensätze ziehen sich aus“. Das fand sie so komisch, dass sie erst darüber lachte und dann mit einfiel. Danach war unser Repertoire so ziemlich erschöpft. Ich musste mir etwas Neues überlegen.
Auch den winzigen Fitnessraum im Haus begann ich zu schätzen und nachdem ich Tilda morgens abgeliefert hatte zog ich Sportklamotten über, lief meine Kilometer auf dem Laufband oder fing wieder mit Gewichtheben an. Dabei konzentrierte ich mich nur auf meine Schritte und Atemzüge und wenn ich nach dem Sport eine Entspannungsrunde im Pool zog war ich zu erschöpft, um sonstige Gedanken zu zulassen.
Kurzum, alles hier kam mir vor wie Wellness. Wellness für die Seele, für den Kopf. Ich musste nichts tun und denken was ich nicht wollte. Gut, manchmal kam mir Fabienne in den Sinn und ich rief das Telefonverzeichnis auf, als erwartete ich, dass sie angerufen hätte oder vielleicht wollte auch ich sie unbewusst anrufen. Dann zog sich mein Herz förmlich zusammen und ich versetzte das Telefon rasch wieder in den Stand-By-Modus. Es war doch besser so.
Allgemein ließ der Alltag nicht zu, dass ich großartig nachdachte. Wenn ich es tat sorgten die anwesenden Personen schon für Ablenkung. Die Kinder, die Hilfe beim Bildermalen einforderten oder Svetlana, die mich mit zum Einkaufen nahm, nachdem wir vorher minutenlang mit ihren Töchtern beratschlagt hatten, ob Pfannkuchen oder Schokokuchen ein geeigneteres Mittagessen war.
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Aviakompaniya blagodarit dlya vashego puteshestvovat' s name i zhelayet vam priyatnogo dnya. - Die Fluggesellschaft bedankt sich für Ihr mitreisen und wünscht einen angenehmen Tag.

„Mama doma!“ - Mama ist zuhause!
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Für die Übersetzungen übernehme ich übrigens keine Richtigkeit, der Google-Übersetzer mag in dieser Hinsicht nicht korrekt sein aber dennoch nützlich. :D

Und da es Till gerade in Kiew so gutgeht belassen wir ihn noch ein wenig dort. Ihr habt es sicher schon an der Kapitelüberschrift gesehen, denn Teil 2 gibt es nächste Woche.

Bis dahin, haut rein und ich freue mich auf euer Feedback zum Kapitel, das irgendwie mit zu meinem liebsten zählt in der gesamten Story.
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