STAR TREK - ICICLE: 08. Wechselwirkung

GeschichteAbenteuer, Sci-Fi / P16
Kira Nerys OC (Own Character)
19.05.2019
31.05.2019
11
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SPIEGELBILD DER GEGENWART

1.

Der Auftrag


ISS ICICLE / ICC-79823
Sternenzeit: 59016.4
Nahe des vierten Planeten des Farrolan-Systems - Spiegeluniversum


     Die Brücken-Crew der ICICLE nahm Haltung an und entbot den Imperialen Gruß, als die hochgewachsene Andorianerin die Kabine von Turbolift-1 verließ und das Kommandozentrum des Leichten Angriffsträgers betrat. Die Rangabzeichen am Kragen ihres roten Uniformpullis waren einmalig. Es gab nur einen Großadmiral der  Sternenflotte des Neuen Terranischen Imperiums und nur eine Andorianerin auf dem höchsten militärischen Posten, den der Imperator des Terranischen Imperiums zu vergeben hatte. Auf der linken Brustseite ihrer Uniform glänzte der Kommunikator, in Silber und Gold. Geformt wie das Imperiale Logo, dass seit Jahrhunderten für das, von den Menschen der Erde geschaffene, Sternenimperium stand.
     Anders, als noch im letzten Jahrhundert, waren die Andorianer, die sich im Kampf des Imperiums gegen die Allianz an die Seite der Terraner gestellt hatten, nun gleichberechtigte Partner der Menschen. Keine Sklaven des Imperiums, wie vor zweihundert Jahren noch. Unter der unerbittlichen Knute von Imperatrice Hoshi Sato.
     Großadmiral Varinea Thren blieb stehen, erwiderte den Gruß und sah sich um. In ihren tiefblauen Augen funkelte jener Fanatismus, den man in ihrer Stellung und besonders bei ihren Ambitionen brauchte. Denn Varinea Thren sah sich, trotz ihrer momentanen Stellung, noch nicht am eigentlichen Ziel ihrer Anstrengungen.
     Sie hatte zwar den zweitmächtigsten Mann des Imperiums beseitigt und dessen militärischen Rang übernommen, aber damit war sie eben nur die zweitmächtigste Person im Imperium. Über ihr stand immer noch Imperator Miles Edward O´Brien. Diesen Zustand gedachte die Andorianerin irgendwann zu ändern. Doch nicht so bald. Zuerst musste sie sich in ihrer neuen Stellung behaupten. Als Großadmiral der Imperialen Sternenflotte.
     Ein feines Lächeln umspielte die vollen, dunkelblauen Lippen der andorianischen Frau, deren silbrig-weißes Haar samtweich über ihre Schultern fiel. Sie wirkte wie eine Frau Ende Dreißig, doch sie würde, nach terranischer Zeitrechnung, in einigen Monaten ihren sechsundsiebzigsten Geburtstag haben. Da die mittlere Lebenserwartung für Vertreter ihrer Spezies bei knapp unter einhundertundvierzig irdischen Jahren lag, war sie damit jedoch gerade in den besten Jahren einer Andorianerin.
     Das machte den Captain dieses Imperialen Kriegsschiffes, der gerade einmal die Vierzig überschritten hatte, in biologischer Hinsicht zu einem jungen Hüpfer. Obwohl es jedem Wesen, das auf den Gedanken gekommen wäre so etwas vor Tar´Kyren Dheran auszusprechen, schlecht bekommen wäre. Denn der Captain der ICICLE galt als mitunter ziemlich launisch und sprunghaft. In dieser Hinsicht stand er seiner höchsten Vorgesetzten in nichts nach. Kein Wunder - entstammte er doch derselben Spezies.
     Man sagte Dheran jedoch ebenfalls nach, dass er, trotz seines hoch emotionalen Wesens, selten impulsiv handelte. Zumeist handelte er nur dann so, wenn diese Impulsivität sich nicht mit seinen Zielen und Absichten überschnitt.
     Nicht zuletzt deshalb, um sich von der Erscheinung des Captains selbst ein Bild zu machen, war Großadmiral Varinea Thren persönlich hier erschienen. Sich halb zu Commodore Christina Carey umdrehend, erkundigte sie sich bei der schwarzhaarigen Frau: „Sie kennen den Captain sehr gut, wie ich erfahren habe. Kann man ihm trauen?“
     „Unbedingt, Admiral“, raunte die Irin. Wohl deshalb, weil sich der Andorianer, über den sie gerade redeten, sich ihnen rasch näherte.
     Vor den beiden Frauen nahm der Andorianer Haltung an und meldete seiner höchsten Vorgesetzten: „Großadmiral, die ICICLE und seine Besatzung sind bereit.“
     Varinea Thren sah in das Gesicht ihres Gegenübers, dessen Haut von annähernd dem gleichen Himmelblau war, wie die ihre. Obwohl deutlich jünger, wirkte Dheran etwas älter als sie, denn der Alterungsprozess setzte bei Männern ihrer Spezies früher ein, zog sich aber, in späteren Jahren, dann langsamer dahin, als bei andorianischen Frauen. Was der Oberkommandierenden der Imperialen Flotte sofort auffiel, waren die bläulich-violetten Augen des Captains, eine genetische Eigenschaft, die häufiger bei Andorianern des Sub-Kontinents Ka´Thela verbreitet war, als bei Andorianern des Sub-Kontinents Voral.
     Was noch stärker an ihm ins Auge sprang war die lange Narbe auf seiner rechten Gesichtshälfte. Sie zog sich von der Stirn, über das Auge hinweg, bis einen Fingerbreit über den Mundwinkel. Die Erinnerung an eine Verletzung, die er sich bei seiner Flucht von Andoria zugezogen hatte. Zu einer Zeit, als der Eismond Andoria sich noch im brutalen Würgegriff der Klingonisch-Cardassianischen Allianz befand. Varinea Thren kannte diese Episode aus dem früheren Leben des Captains nur in groben Zügen.
     Die Mundwinkel von Großadmiral Thren zuckten unmerklich, bevor sie erwiderte: „Danke, Captain Dheran. Da sie bereits umfassend über den Ablauf der Mission informiert worden sind, muss ich nicht noch einmal extra betonen, wie wichtig der Einsatz ist. Sobald die ICICLE den Interdimensionalen Übergang bewerkstelligt hat, werden Sie und Ihre Crew auf sich selbst gestellt sein. Die Besatzung dieses Raumschiffs wird einer gigantischen Übermacht gegenüberstehen, Captain Dheran.“
     „Ich möchte dieses Raumschiff und seine Crew nicht zum Gegner haben!“, gab der andorianische Captain zackig zurück und die Haltung aller Mitglieder der Brückencrew straffte sich unwillkürlich.
     Die Andorianerin nickte ernst. Nur das leichte Spreizen ihrer Antennen zeigte unmissverständlich an, wie zufrieden sie mit dieser Antwort war. „Wegen der Wichtigkeit dieses Unternehmens wird Sie Commodore Carey begleiten. Sie, Captain, behalten aber das Kommando über das Kriegsschiff. Zumindest, bis der erste Teil der Mission abgeschlossen ist. Danach, sofern es keine technischen Probleme gibt, übernimmt Commodore Carey das Kommando über die ICICLE und wird sie in dieses Universum zurückführen. Sie selbst kennen ja den Weg, auf dem Sie hierher zurückkehren. Möglichst nach erfolgreicher Durchführung der Mission.“
     Tar´Kyren Dheran war sich darüber im klaren, was die letzten Worte seiner Vorgesetzten bedeuteten. Falls er diese Mission nicht zu einem Erfolg führen würde, so erwartete ihn vermutlich der Tod. Auf die eine oder andere Weise.
     „Ich danke Ihnen für das Vertrauen, Admiral“, erwiderte Dheran. „In den Händen von Commodore Carey wird die ICICLE, während meiner Abwesenheit sicher sein.“
     Großadmiral Thren ging nicht darauf ein. Stattdessen verlangte sie: „Ich will unter vier Antennen mit Ihnen sprechen, Captain. Begeben wir uns in Ihren Bereitschaftsraum.“
     „Natürlich, Admiral. Mit Ihrer Erlaubnis?“
     Varinea Thren machte eine zustimmende Geste und der Captain schritt voran, zu seinem Bereitschaftsraum. Sicher, dass Varinea Thren ihm folgte. Erst nachdem sich das Schott seines Bereitschaftsraums hinter ihnen geschlossen hatte, wandte sich Dheran seiner Vorgesetzten wieder zu. Er deutete zum Replikator hinüber und fragte: „Darf ich Ihnen etwas anbieten, Admiral?“
     „Nein, danke!“
     Varinea Thren deutete zur Couch, die an der Wand stand. „Setzen wir uns, Captain.“
     Entsprechend seinem niedrigeren Rang wartete der Captain, bis seine Vorgesetzte sich gesetzt hatte, bevor er selbst Platz nahm. Aufmerksam sah er die Frau an, wobei sich seine Antennen nach vorn richteten.
     Großadmiral Thren begann ohne Umschweife, indem sie sagte: „Ich bin im Bilde, in Bezug auf Ihr Verhältnis mit Commodore Carey. Solange es dem Erfolg der Mission nicht im Wege steht ist mir das auch herzlich egal. Was mich mehr interessiert ist: Warum hat sich die Freundin ihres Freundes Valand Kuehn zur ICICLE versetzen lassen? Diese MACO war lange Zeit Commander Kuehns Rechte Hand, wie ich in Erfahrung gebracht habe. Doch im Spätsommer letzten Jahres scheint es da wohl einige Querelen gegeben zu haben?“
     Dheran zögerte einen kurzen Moment, bevor er erklärte: „Die Narbe auf der linken Gesichtshälfte von Lieutenant-Commander Mancharella geht auf sein Konto. Ich kenne Mancharella bereits sehr lange. Sie hat seinerzeit die Flucht von Andoria mitgemacht. Darum habe ich mit meinem Freund gesprochen und ihrem Versetzungsgesuch danach zugestimmt. Er hat sowohl sie, als auch mich, versucht umzustimmen. Doch Pasqualina Mancharella ist sehr wohl in der Lage für sich selbst zu entscheiden. Ich denke es ist besser so.“
     „Für Lieutenant-Commander Mancharella oder für Ihren Freund?“
     Die Antennen des Captains bogen sich leicht nach Innen. „Für beide, Admiral. Ich habe die Beziehung beider von Beginn an miterlebt. Etwas hat sich verändert. Etwas, dass sich nicht wieder reparieren lässt. Auch mein Freund hat das inzwischen einsehen.“
     Die Andorianerin nickte nur und kam rasch wieder auf den bevorstehenden Einsatz zu sprechen. „Wann werden Sie Mancharella in den Gesamtplan einweihen?“
     „Noch bevor die ICICLE in das andere Universum versetzt wird“, erwiderte Dheran entschlossen. „Sie soll wissen worauf sie sich einlässt. Ich werde Commodore Carey dazu bitten, denn zusammen mit ihr werde ich die Gesamtplanung für den Einsatz abstimmen.“
     Großadmiral Thren lächelte verhalten. Dabei zeigte das Spreizen ihrer Antennen an, dass sie auch mit dieser Antwort zufrieden war. „Also schön, Captain. In weniger als drei Stunden werden Sie das verabredete Funksignal bekommen, um in das Interphasen-Gitter einzufliegen. Die letzten Probleme, die bei der TITAN zum Desaster führten, wurden von unseren Ingenieuren restlos beseitigt.“
     „Falls nicht werde ich aus der Unterwelt zurückkehren und diese Ingenieure restlos beseitigen!“, drohte Dheran finster. „Das können Sie denen von mir ausrichten.“
     „Vielleicht mache ich das tatsächlich“, gab die Andorianerin ironisch zurück und erhob sich mit einer fließenden Bewegung von der Couch.
     Dheran tat es ihr nach. Als er ihr zum Ausgang des Bereitschaftsraumes folgte, wies seine Vorgesetzte ihn an: „Beginnen Sie sofort mit der Einweisung, Captain. Es genügt, wenn mich meine beiden Leibgardisten von Bord begleiten.“
     „Wie Sie wünschen, Admiral.“
     Am Schott wandte sich Varinea Thren noch einmal zu dem Captain der ICICLE um und ein bedrohliches Funkeln lag in ihren Augen, als sie kühl verbesserte: „Großadmiral lautet die korrekte Bezeichnung meines Ranges, Captain Dheran.“
     „Verstanden, Großadmiral!“, erwiderte Dheran mit Betonung. Dabei dachte er, als sich seine Vorgesetzte endgültig abwandte und den Raum verließ: Wer hoch steigt, fällt tief.

* * *

     Zehn Minuten später saß Tar´Kyren Dheran, zusammen mit Commodore Carey und Lieutenant-Commander Mancharella, in der Besprechung-Lounge. Im Gegensatz zu vielen anderen Raumschiffen der Flotte lag dieses Deck unter der Brücke, auf Deck-2. Dheran hatte Pasqualina Mancharella angewiesen, zwei ihrer MACO´s vor dem Schott der Lounge zu postieren. Er wollte sichergehen bei dieser Besprechung nicht gestört zu werden.
     Anders, als Dheran und Christina Carey trug Pasqualina Mancharella nicht die reguläre Uniform der Imperialen Sternenflotte, sondern den Fleckentarnanzug ihrer Einheit. Agenten des Imperiums hatten bereits vor mehr als einem Jahr berichtet, dass es bei den Taktischen Flotten der Sternenflotte des Primäruniversums auch wieder MACO-Einheiten gab. Die Mitglieder dieser MACO´s trugen jedoch die normale Uniform der Sternenflotte und waren lediglich an der grünen Farbe ihrer Uniform-Pullis zu identifizieren.
     Ein abstruser Gedanke für die Spanierin, denn die MACO-Uniform sollte nicht zuletzt auch Respekt einflößen. Diese Uniform stand in ihrem Universum für Härte, Kampfeswillen und Durchsetzungsvermögen, und die Spanierin war stolz darauf, sie tragen zu dürfen.
     Nachdem er den beiden Frauen selbstgemachten Andorianischen Tee angeboten hatte, lehnte sich der Captain der ICICLE in seinem Sessel zurück und umriss die Lage.
     „Wie Sie beide wissen ist die Crew dieses Raumschiffs, von Großadmiral Thren, mit dem Auftrag geehrt worden, sich an Bord dieses Kriegsschiffes in das uns bekannte Paralleluniversum versetzen zu lassen. Von seinen Bewohnern wird es, vermutlich in einem unheilbaren Anfall von Größenwahn, als Primäruniversum bezeichnet. Dabei werden wir auf der anderen Seite dort ankommen, von wo aus wir hier starten. Also im Farrolan-System, innerhalb des Klentorin-Asteroidengürtels. Anders, als in unserem Universum, gibt es dort eine von ursprünglich zwei Geheimbasen des Imperiums. Die zweite ist leider vor mehr als einem halben Jahr vernichtet worden. Auch in der noch erhaltenen Basis gibt es eine Massenkanone, nach dem Vorbild der Waffe, die es in der zerstörten Geheimbasis gegeben hat. Wir werden sie gegen ein Raumschiff der Sternenflotte einsetzen, wie seinerzeit bei unserem ersten Versuch. Dabei werden wir ein solches Raumschiff, durch einen fingierten Notruf, der schwach genug ist um nicht von der Strategischen Sternenbasis im Forlan-System, oder der dort stationierten Einheiten der Sternenflotte, empfangen zu werden, in das System locken. Ist das geschehen, so werden wir einen zweiten Notruf absetzen, falls das nicht ohnehin durch die Besatzung des zu beschießenden Raumschiffs passieren wird. Man wird daraufhin sicherlich eine kleine Einheit in Marsch setzen. Ich rechne mit einem oder maximal zwei Raumschiffen.“
     „Was passiert wenn Admiral Tarun einen ganzen Flottenverband schickt?“, warf Christina Carey kritisch ein. „Nach den Ereignissen vor sechs Monaten könnte er vielleicht misstrauisch werden.“
     Tar´Kyren Dheran sah der Irin in die Augen. „In dem Fall müssen wir improvisieren. Wir haben ja immer noch unsere Verbündeten. Die Tzenkethi und die Gorn sind auch diesmal wieder dabei. Unsere imperialen Agenten haben bereits wieder Kontakt mit ihren Führern aufgenommen und ihnen den Ablauf unseres Angriffsplans erklärt.“
     „Ahnen die nicht vielleicht längst, dass es sich dabei nicht mehr um die Originale handelt, sondern um Doppelgänger aus diesem Universum?“, wandte Pasqualina Mancharella ein und nahm einen Schluck von ihrem goldgelben Getränk. Dabei warf sie ihr langes, goldbraun gefärbtes, Haar zurück. Als sie das blütenförmige Glas wieder auf die schwarz spiegelnde Tischplatte stellte, sah sie in das amüsiert wirkende Gesicht des Andorianers.
     „Da setzen Sie aber sehr viel Phantasie bei unseren Echsenfreunden voraus“, spöttelte der andorianische Captain. „Nach unseren Erkenntnissen sind die Gorn und die Tzenkethi immer noch völlig ahnungslos, was die Existenz unseres Universums betrifft.“
     „Kommen wir zum Thema zurück“, verlangte Christina Carey. Sie strich sich ihr schwarzes Haar zurück, dass sie etwas länger trug, als die Spanierin, deren Haar ungefärbt ebenso schwarz gewesen wäre wie das der Irin. Dabei sah sie Dheran offen an. „Wenn es Ihnen und dem Commander gelingt, die Strategische Sternenbasis der Föderation zu infiltrieren, so werden Sie die Verteidigungsanlagen sabotieren. So, wie Sie Zwei es in den letzten Wochen gelernt haben. STRATEGICAL STARBASE 71 muss beseitigt werden, wenn wir mit der, von Imperator O´Brien geplanten Phase-3 der Invasionspläne voranschreiten wollen. Sobald Sie mit den Angriffscode senden, werden Flottenverbände der Gorn und der Tzenkethi, etwa in doppelter Stärke der Flotte, die auf SSB-71 stationiert ist, einen Großangriff gegen die Station führen. Sobald dieser Machtfaktor entfällt, wird es möglich sein, die Cardassianer für die Außenwelt-Allianz zu gewinnen. Die haben sich immer schon gerne der Macht angeschlossen die ihnen als die Stärkere erschien.“
     „Dazu werden wir zuvor Präsident Garak beseitigen müssen!“, warf Dheran ein. „Dieser Cardassianer hat zu lange mit der Föderation und ihren Verbündeten zusammengearbeitet, als dass er sich auf ein solches Vabanquespiel einlassen würde.“
     „Darum werden wir uns danach kümmern“, versprach Commodore Carey sardonisch grinsend. „Er hat, nachdem er Tarun zu dem Kommandounternehmen im Gamma-Quadrant überreden konnte, ohnehin ausgedient. Dabei ahnt Garak nicht im Geringsten, dass er uns, mit seinem damaligen Ansinnen, in die Karten gespielt hat. Teile der Jem´Hadar und der Vorta waren nicht besonders begeistert davon, dass Odo dem Militär damals keinen Gegenschlag gegen STRATEGICAL STARBASE 72 befahl. Den Jem´Hadar und den meisten Vorta ist diese Basis im Gamma-Quadrant, seit ihrer Stationierung dort, ein Dorn im Auge, soweit unsere Agenten zu berichten wussten. Unsere Hoffnungen, dass der Einsatz der Sektorenflotte-Bajor, im November letzten Jahres, einen solchen Gegenschlag bewirken könnte, haben sich letztlich als zu optimistisch erwiesen. Doch die Lunte brennt seitdem und es braucht in Zukunft nur einen geringen Auslöser, um dort doch noch das von uns angestrebte Chaos auszulösen.“
     „Das von Ihnen beschriebene Szenario wird insgesamt Jahre brauchen“, beschied Christina Carey dem Andorianer. Danach wandte sie sich Pasqualina Mancharella zu und sagte eindringlich zu ihr: „Unser Agent auf SSB-71 berichtete, dass Ihr Gegenstück, im Rang eines Commanders, den Posten des XO auf der dortigen ICICLE bekleidet. Das ist der Grund, warum Sie, neben Captain Dheran, für diese Mission auserwählt worden sind. Beide Offiziere des Primäruniversums arbeiten eng zusammen. So wird es nicht weiter auffallen, wenn Sie beide  regelmäßig unter vier Augen zusammenkommen. Nebenbei berichtete dieser Agent von einem weiteren Glücksfall. Ihr Spiegelbild, Lieutenant-Commander, ist nicht mehr mit dem Spiegelbild des Captains liiert. Der Dheran aus dem Primäruniversum unterhält nun, letzten Berichten zufolge, eine Liaison mit Konteradmiral Carey. Meinem Spiegelbild. Damit haben wir einen Kontakt bis fast ganz nach Oben, auf SSB-71, sobald die Infiltration geglückt ist. Ihr Spiegelbild, Lieutenant-Commander, wurden indessen wiederholt mit dem neuen Kommandeur der auf der Station stationierten MACO´s gesehen. Ein Lieutenant-Commander mit dem Namen Christian Sinemus. Ein PADD mit dessen Daten wartet in ihrem Quartier auf Sie. Mit ihren Erfahrungen, in diesem Bereich, sollte es Ihnen nicht schwerfallen diesen Sinemus zu umgarnen und unauffällig auszuhorchen.“
     Pasqualina Mancharella wechselte einen raschen Blick mit dem Andorianer, bevor sie zu Christina Carey sagte: „Aye, Commodore. Das wird kein Problem sein.“
     Carey nickte zufrieden. „Dann melden Sie sich jetzt auf der Krankenstation. Die Leitende Ärztin ist bereits instruiert. Sie muss ihre auffällige Narbe verschwinden lassen. Zumindest so lange, bis der Einsatz erfolgreich beendet werden kann. Danach machen Sie sich mit den Einzelheiten über die Angewohnheiten ihrer Doppelgängerin vertraut. Diese Daten finden Sie auf besagtem PADD.“
     Erneut bestätigte die Spanierin. Sie erhob sich und verließ rasch die Lounge.
     Nachdem sie gegangen war, sah Christina Carey den Andorianer an und meinte: „Ich habe zwei Multidimensionale Transportervorrichtungen mitgebracht, die ich dir später übergeben werde. Mit einer wirst du, nach dem Abschluss deiner Mission, zusammen mit Mancharella in unser Universum zurückkehren. Du wirst später übrigens dieselbe Prozedur über dich ergehen lassen müssen, wie die MACO. Dein Doppelgänger besitzt zwar ebenfalls eine Narbe im Gesicht, aber auf der anderen Gesichtshälfte. Deine Leitende Ärztin wird dich dementsprechend zurechtmachen. Außerdem brauchst du einen Haarschnitt, denn dein Doppelgänger dort trägt sein Haar nichts so lang, wie sein Vater.“
     In den Augen des Andorianers spiegelte sich für einen kurzen Moment Widerspruch. Sein Vater war, ebenso wie seine Mutter, auf den Befehl einer Cardassianerin namens Iliana Rakalon, hingerichtet worden, als er neunzehn Jahre alt gewesen war. Seit dieser Zeit hatte er sein Haar so getragen, wie sein Vater. Beinahe schulterlang. Schnell jedoch hatte sich Dheran wieder im Griff, da er wusste, dass er unbedingt aussehen musste wie sein Doppelgänger, wenn diese Mission zu einem Erfolg werden sollte.
     „Du hast Recht“, knurrte der Andorianer. Da er mit Christina Carey nun allein war duzte er sie ganz selbstverständlich. Sie teilten seit nunmehr fast zwei Jahren das Bett miteinander. Damals, im Frühjahr des Jahres 2380, war die Irin noch Captain gewesen. Von Beginn an waren sie beide, auf eine fast diabolische Art, voneinander fasziniert gewesen. Wobei sich ihre anfängliche Ambivalenz zu einer ausgesprochen intensiven Hassliebe weiterentwickelt hatte. Sofern man hier von einer Entwicklung reden konnte.
     Beide erhoben sich und Dheran schritt zu der Schwarzhaarigen. In ihr Haar greifend zog er ihren Kopf etwas zur Seite. Einen Moment später fanden sich ihre Lippen zu kurzen, heftigen Küssen.
     Christina Carey krallte sich mit der linken an der breiten Schulter des Andorianers fest, während ihre Rechte rasch am Leib des Andorianers hinabfuhr. Ein dämonisches Lächeln überflog ihre roten Lippen, als sie fest zupackte und sie die Reaktion ihres Gegenübers in den Augen ablesen konnte. Ein geradezu wilder Ausdruck lag in ihnen, als er heiser zu Christina sagte: „Bei der violetten Kreatur der Frivolität: Pack fester zu!“
     Während die Irin Dherans Aufforderung folgte, öffnete der Andorianer rasch die Magnetverschlüsse ihrer Uniform, öffnete den roten Uniformpulli und ließ seine Rechte unter den Stoff wandern. Auch er packte recht fest zu und die Frau ächzte schwach. Im nächsten Moment entkleidete er die Frau bis zu ihrer Hüfte und sie fragte heiser: „Was ist, wenn Jemand herein kommt?“
     Dheran lachte lautlos. „Die MACO´s vor dem Schott haben eindeutige Befehle. Sollte das also passieren, dann würde ich sie hinrichten lassen. Das wissen die.“
     Christina Carey öffnete hastig die Magnetverschlüsse von Dherans Uniform. Dann drängte sie sich gegen den nackten Oberkörper des Andorianers und erwiderte erregt: „Wir sind also ungestört. Dann nimm mich jetzt, und zwar hart und ungestüm, denn du wirst für einige Zeit keine Gelegenheit mehr dazu haben.“

* * *

USS ORGANIA / NCC-62187
Sternenzeit: 59019.1
Nahe des Klentorin-Asteroidengürtels des Farrolan-Systems - Primäruniversum


     Der Einschlag kam vollkommen unerwartet.
     Vor wenigen Minuten hatte Captain Tarik den Befehl gegeben das Farrolan-System anzusteuern. Von dort aus war ein schwaches Notsignal empfangen worden. Nachdem trotz mehrerer Aufforderungen zu antworten kein Rückruf erfolgt war, hatte der Vulkanier beschlossen, mit der von ihm kommandierten ORGANIA zum Ausgangsort des Notrufs zu fliegen und nachzuforschen, was passiert war. Nach einer Weile war Tarik zu dem Ergebnis gelangt, dass es sich bei dem Notsignal um einen automatischen Ruf handeln musste.
     Im Zuge dieser Überlegungen hatte Tarik befohlen eine Rettungsmission zu starten. Eine entsprechende Meldung an das Oberkommando war, wegen der gebotenen Eile nicht erfolgt. Das hatte Tarik nachholen wollen, sobald man sich vor Ort ein Bild gemacht hatte.
     Doch dazu war es nicht gekommen. Gleich nachdem die ORGANIA, ein Raumschiff der NEBULA-KLASSE, unter Warp gefallen war, kam es zu dem Angriff. Nur um einen solchen konnte es sich handeln, denn natürliche Phänomene schloss Tarik nach den eingehenden Meldungen annähernd aus. Ein Objekt war in die hintere Scheiben-Sektion eingeschlagen und dort explodiert.
     Auf der Brücke versuchte Tarik momentan, sich zu orientieren. Gleich darauf erfolgte der zweite Einschlag. Noch heftiger, als der erste. Dabei wurde Tarik in seinen Kommandosessel geworfen. Instinktiv hielt sich der schlanke Vulkanier an den Sessellehnen fest, bis die Erschütterungen aufhörten. Über die interne Kommunikation lief die Meldung aus dem Maschinenraum ein, dass der Warpkern beschädigt worden war und der Leitende Ingenieur ihn hatte abschalten müssen. Nur Impulsenergie stand noch zur Verfügung und Tarik war klar, dass man damit einen potenziellen Aggressor nicht abwehren konnte. Zu seiner gewohnten Sicherheit zurück findend sagte er mit durchdringender Stimme: „Steuermann, Ausweichkurs! Taktik, Bericht! Was hat uns getroffen?“
     Während der Steuermann sofort bestätigte, dauerte es einen Moment, bis der Taktische Offizier, eine etwas beleibt wirkende Frau von der Erde, die sich eben erst wieder vom Boden der Brücke erhoben hatte, mit tragender Stimme erwiderte: „Die Primärhülle wurde im hinteren Bereich von zwei Projektilen unbekannter Herkunft getroffen. Deren Zusammensetzung ist ebenfalls unbekannt, Captain!“
     „Status der Waffen und Schilde?“
     Die Finger der Frau huschten über die Sensortasten der Taktischen Konsole. Sie schnaufte verdrießlich, als sie die Werte ablas: „Schilde konnten aktiviert werden. Die Leistung liegt aber bei gerade 17 Prozent. Die Waffen sind gegenwärtig nicht online.“
     Der Vulkanier, der sich halb auf die Sesselkante gesetzt hatte, erkundigte sich knapp: „Irgendwelche Angreifer in Scannerreichweite?“
     „Negativ, Sir. Ich kann mir keinen Reim darauf machen was uns getroffen hat.“
     Die Augenbrauen des Vulkaniers hoben sich fragend. „Denken Sie wirklich, dass ein Reim helfen könnte, Lieutenant?“
     Lieutenant Nadia Nemerova überging die Frage des Captains. Zweifellos hatte der Captain sie nicht im Ernst gestellt und so kam sie auf das Naheliegende zu sprechen. „Wenn es ein Angriff war, so kam er höchstwahrscheinlich aus dem Asteroidengürtel! Sir, nur mit Impulsenergie sind wir eine leichte Beute für einen potenziellen Aggressor.“
     Noch bevor der Captain antworten konnte begann das Raumschiff erneut, in allen Verbänden zu vibrieren.
     Gleichzeitig meldete Nemerova: „Captain, fünf Kilometer an Steuerbord bildet sich ein Energiewirbel. Ähnlich einem Wurmlochausgang, jedoch messe ich keine erhöhten Neutrino-Werte an. Außerdem habe ich eine so flache, energetische Schockkurve zuvor noch nie gesehen! Was, zur Hölle, kann das nur sein?“
     Die Vibrationen ließen etwas nach, während sich der Captain ganz in den Sessel zog. „Auf den Schirm!“, ertönte seine Stimme im nächsten Moment - laut aber ruhig.
     Auf dem Hauptbildschirm war zunächst nichts weiter zu erkennen, als das tiefe Schwarz des Weltalls mit seinen Myriaden Sternen. Doch nach einigen Herzschlägen schienen die Sterne zu verwischen. Zuerst glaubte Tarik an eine Täuschung seiner überreizten Sinne. Doch dann erkannte er einen düster Rot glühenden Wirbel. In seinem Zentrum herrschte absolute Schwärze.
     Fast tonlos befahl Tarik, dabei interessiert auf den Bildschirm sehend: „Steuermann, auf Abstand gehen!“
     Der junge, bolianische Ensign brachte die ORGANIA rasch zum Stillstand und ging sofort auf vollen Gegenschub. Das Vibrieren wurde weniger und hörte nach einigen Augenblicken vollkommen auf.
     Auf dem Bildschirm stabilisierte sich der glühende Wirbel und Tarik murmelte: „Das ist bestimmt kein Wurmloch, auch wenn es fast wie eins aussieht.“
     Fast gleichzeitig meldete Nadia Nemerova: „Captain ich messe aus dem Zentrum der Anomalie eine abweichende Felddichte. Aber das ist völlig unmöglich! Es sei denn…“
     Tarik begriff in demselben Augenblick und drängend befahl er: „OPS: Ein Notruf an die Fünfte Taktische Flotte absetzen!“
     Für einen Moment blieb es still auf der Brücke. Dann rief Nadia Nemerova erregt aus: Captain, ich messe einen massiven Gegenstand an. Er scheint aus dem Innern des Energiewirbels zu entstehen. Masse: Etwas mehr als 3 Millionen Metrische Tonnen. Moment, das ist doch ein Raumschiff der Föderation. Den Abmessungen und der Form nach eine modifizierte Version der AKIRA-KLASSE!“
     „Ein Raumschiff der Föderation?“, echote Tarik zweifelnd. „Was hat das denn in einem Paralleluniversum zu suchen. Außerdem wüssten wir bestimmt davon, wenn die Sternenflotte ein Raumschiff dieses Typs vermissen würde.“
     Es dauerte nur einen Augenblick, bis das Raumschiff auch auf dem Bildschirm sichtbar wurde. Tarik erkannte die typische und unverkennbare Silhouette eines Raumschiffs der von Nemerova erwähnten Raumschiff-Klasse.
     Etwas seltsam mutete jedoch das zusätzliche Waffenmodul an, das er über dem Standard-Waffenmodul entdeckte. Doch das war es nicht, was Tarik für einen Moment die Sprache verschlug. Viel mehr waren es die leuchtend gelben Markierungen am Raumschiff. Seit wann trugen die Raumschiffe der Sternenflotte so auffällige Markierungen?
     Der Steuermann hatte die ORGANIA bereits gewendet und beschleunigte sie mit aller Kraft, die der Maschinenraum zur Verfügung stellen konnte. Dennoch holte das andere Raumschiff rasch auf. Ein grell-weißer Quantentorpedo jagte von dem fremden Raumschiff aus auf die ORGANIA zu, verfehlte sie jedoch um gut einhundert Meter.
     „Das war wohl ein Warnschuss“, orakelte Nadia Nemerova. Einen Moment später meldete sie, etwas überrascht: „Sir, wir werden von dem Fremdraumschiff gerufen.“
     „Auf den Schirm.“
     Lieutenant Nemerova bestätigte und nahm die Schaltung vor. Gleich darauf zeichnete sich auf dem Hauptbildschirm der Brücke das markante Gesicht eines Andorianers ab.
     Hier spricht Captain Tar´Kyren Dheran, vom Imperialen Trägerschlachtschiff ICICLE. Sie werden umgehend ihre Fahrt stoppen oder ich werde Ihr Raumschiff vernichten lassen. Sehen Sie den zuvor abgefeuerten Torpedo als eine einmalige Warnung an. Sie haben eine halbe Minute Bedenkzeit!“
     Tarik war für einen Moment lang verwirrt. Der Andorianer auf dem Bildschirm trug die gleiche Uniform, wie er selbst. Erst beim zweiten hinsehen erkannte er, dass der Kommunikator anders geformt war. Ein Schwert mit angewinkelten Flügeln, das von oben eine, von einer goldenen Aureole umgebene, Weltkugel durchstieß. Das Aussehen dieses Kommunikators war ihm unbekannt.
     Tarik war sich bewusst, dass die ORGANIA in ihrem momentanen Zustand keine Chance gegen das schwer bewaffnete Raumschiff dort Draußen hatte. Darum erwiderte er nach kurzem Überlegen: „In Ordnung, Captain Dheran. Ich bin Captain Tarik, von der Sternenflotte der Vereinten Föderation der Planeten. Was wollen Sie und wer sind Sie? Sie tragen die Uniform der Sternenflotte, aber ich denke, Sie gehören nicht zur Sternenflotte.“
     „Wer wir sind geht Sie nichts an, Captain Tarik. Was ich will? Nun, zunächst einmal will ich Ihr Raumschiff haben. Senken Sie jetzt die Schilde. Ich schicke danach ein bewaffnetes MACO-Kommando an Bord. Sagen Sie Ihrer Besatzung sie soll keinen Widerstand leisten. Sie wollen sicherlich ein Blutbad vermeiden.“
     „Wir werden vernünftig sein“, erwiderte Tarik. Gleichzeitig gab er Nadia Nemerova ein Zeichen die Schilde zu senken, was der Frau offensichtlich nicht gefiel. Sie kam jedoch Tariks Aufforderung umgehend nach.
     Der Bildschirm vor Tarik wechselte wieder zur Außenansicht, als der Kommunikationsoffizier des angreifenden Raumschiffs den Kanal schloss. Dabei hörte der Vulkanier von Nadia Nemerova ein düsteres: „Wenn das mal kein Riesenfehler ist.“
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