Verurteilt

GeschichteRomanze, Freundschaft / P18 Slash
Frank "Tonmann" Sump Jakob Lundt Jeannine Michaelsen Joachim "Joko" Winterscheidt Klaas Heufer-Umlauf Thomas Schmitt
19.05.2019
20.08.2019
17
39798
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8 Reviews
 
 
Ihr Lieben, ich muss mal kurz was loswerden. Ich habe vorgestern eine Art Bonuskapitel oder Zwischenkapitel hochgeladen, weil es quasi der zweite Teil der "Badeaktion" war. Und obwohl ganz viele von euch sich schon zum 1. Teil geäußert hatten, habe ich für das Bonuskapitel 8 (acht!!) total süße Reviews von euch bekommen... Ich freue mich so sehr, dass euch die Geschichte gefällt und das ihr sie überhaupt lest!

Vielen Dank und viel Spaß mit dem nächsten Kapitel ♥
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Nach der Badeaktion war Klaas sichtlich k.o. Es hatte ihn Kraft gekostet, sich alleine in der Badewanne aufrecht zu halten und auch das An- Und Ausziehen hatte einiges an Kraft von ihm abverlangt.

Sie saßen auf dem Sofa und sahen einen Film an, als der Kleinere plötzlich mit seiner Seite an Jokos stieß und sein Kopf auf dessen Schulter kippte. Erst erschreckte sich der Ältere, aber dann erkannte er, dass Klaas eingeschlafen war. Er nahm lächelnd den Oberkörper des Jüngeren und legte ihn hin, mit dem Kopf auf seine Beine. Dann beugte er sich vor und hob nacheinander Klaas‘ Beine auf das Sofa, sodass der Kleinere gemütlich liegen konnte.

Sanft fuhr er Klaas durch die Haare und sah schmunzelnd auf ihn herab. Er hoffte, dass er es geschafft hatte, heute beim Baden Klaas' Privatsphäre zu wahren, denn er hatte natürlich bemerkt, wie schwer es dem Kleineren gefallen war, sich vor ihm auszuziehen. Joko hatte versucht, Klaas seine Würde zu lassen und ihm dabei trotzdem so gut es ging zu helfen, zumindest da, wo er Hilfe brauchte, denn Joko war schon beeindruckt, wie viel Klaas alleine schaffte.

Er wusste nicht genau was es war, dass ihn so an dem Jüngeren faszinierte. Klaas war auf den ersten Blick jetzt nicht unbedingt der netteste, fröhlichste oder offenste Mensch der Welt, aber Joko durfte immer mal hinter die Fassade blicken und hatte die Mauer entdeckt, die ihn wohl vor Verletzungen und diskriminierendem Verhalten schützen sollte. Joko hatte verstanden, dass Klaas dafür ehrlich war. Er war zuverlässig und man wusste bei ihm, woran man war.

Und warum auch immer, aber Joko verstand die Höhen und Tiefen des Kleineren. Dieser saß erst seit zwei Jahren in diesem Rollstuhl und es gab verständlicherweise immer noch genug Situationen, in denen es Klaas schwerfiel, dieses Schicksal zu akzeptieren. Nicht alleine baden zu können, sich nicht komplett alleine an- und ausziehen zu können, war sicherlich hart oder auch ihr Erlebnis im Eiscafe vor ein paar Wochen, als die Bedienung Klaas nicht zugetraut hatte, selber zu bestellen, war demütigend gewesen. Joko wollte gar nicht wissen, was der Jüngere noch alles erlebt hatte in den letzten zwei Jahren.

Mitfühlend strich er seinem schlafenden Freund über die Wange und schwor sich, dass er ihn beschützen würde, so gut er konnte. Er würde nicht zulassen, dass man den Kleineren verletzte. Klaas hatte wahrlich genug mitgemacht.

Joko schluckte. Irgendwas war bei Klaas anders, als bei Matthi oder Flo. Er konnte es nur nicht zuordnen. Mitleid war es nicht. Mitgefühl und Verständnis schon, aber Mitleid nicht. Sein Beschützerinstinkt war auch stärker ausgeprägt, als bei den anderen Jungs, obwohl er die nach Partys auch sicher nach Hause brachte. Er hatte auch Anderen gegenüber schon immer ein hohes Verantwortungsbewusstsein. Nicht nur bei Klaas, aber bei ihm extrem. Ihn mochte er anders... irgendwie...

Plötzlich gab es eine laute Schießerei in dem Film, von dem er seit Minuten nichts mitbekommen hatte und Klaas zuckte auf seinem Schoß zusammen und wurde wach. Blinzelnd sah er sich um und blickte dann zu Joko hoch, dem sofort warm ums Herz wurde, weil Klaas sich gerade durch die Haare fuhr und sie durcheinander brachte, was bei den aktuell etwas längeren Haaren irgendwie süß aussah. Dazu kamen die kleinen, müden Augen, die sich irritiert umsahen.

Klaas schien jetzt zu bemerken, dass er mit dem Kopf auf Jokos Schoß lag und Joko sah sofort, wie der Jüngere sich anspannte und unruhig wurde. Joko fuhr ihm beruhigend durch die Haare.

„Schhhht… hey, alles gut. Bleib einfach liegen, du wärmst mich gerade so schön. Bitte.“

Klaas legte den Kopf zurück auf Jokos Beine, entspannte sich etwas, wirkte aber nach wie vor leicht beschämt.

„Sorry, dass ich eingeschlafen bin. Die Badeaktion muss mich ziemlich geschlaucht haben.“

„Alles gut, das war ja auch anstrengend für dich.“

„Ja, aber für dich auch. Tut mir leid, dass ich dir so viel Arbeit mach.“

Joko schüttelte lächelnd den Kopf und fuhr mit dem Handrücken über Klaas‘ Wange, bevor er darüber nachdenken konnte.

„Also erstens war es nicht anstrengend für mich, sondern ich bin froh, dass ich dir helfen konnte und dich am Leben gelassen hab. Und zweitens hör bitte auf, dich zu entschuldigen. Du machst mir keine Arbeit. Du bist mein Freund, Klaas. Ich verbringe gerne Zeit mit dir, ich helfe dir gerne. Alles gut. Okay?“

Klaas nickte bloß. Jokos Hand war wieder in Klaas‘ Haare gewandert und der Ältere fuhr mit seinen Fingern leicht über dessen Kopfhaut und durch seine Haare und Klaas genoss das Gefühl so sehr, dass es ihm schwerfiel, die Augen offen zu halten. Joko schien das zu bemerken.

„Schlaf noch ein bisschen, Hase. Ich schau noch den Film zu Ende und dann bringe ich dich ins Bett. Wenn es dir aber zu ungemütlich ist, kann ich dich auch jetzt ins Bett bringen, ist eh grad Werbung.“

Die Entscheidung fiel Klaas nicht schwer, aber sie auszusprechen dagegen schon. Wie formulierte man das am unverfänglichsten?

„Nein, schon gut, ich kann auch noch hier bleiben und dann später mit dir rüber gehen. Mach‘ dir keinen Stress.“

„Klaasi, wenn du in Ruhe schlafen willst bringe ich dich eben. Du bist eh schon fertig fürs Bett, geht ja schnell.“

„Ne, passt schon. Wirklich. Ich bleib noch.“

Joko sah die leichte Röte auf Klaas‘ Wangen und verstand, dass es Klaas gefiel, hier zu liegen, aber es mal wieder nicht aussprechen konnte. Deshalb nickte der Ältere bloß und fing wieder an, durch die Haare des Jüngeren zu fahren, der jetzt losließ und seine Augen schloss und die zärtliche Berührung genoss.

Klaas‘ schien Berührungen intensiver wahrzunehmen, seitdem er in den Beinen nichts mehr spürte. Jedenfalls kam es ihm gerade so vor.

Joko musste schlucken. Er sah, wie sehr Klaas‘ das gefiel und er verstand nicht, warum es ihm so schwer fiel zuzugeben, wenn er etwas genoss. Warum konnte er ihm nicht sagen, dass er gerne bei ihm liegen bleiben wollte, dass er es mochte, wenn er ihm durch die Haare streichelte?

Der Ältere erinnerte sich, wie schwer es Klaas gefallen war, ihm heute zu sagen, dass er sein Lächeln mochte. Dabei hatte Joko sich so darüber gefreut. Gott, war das süß, wie rot der Kleinere geworden war. Genau wie eben.

Joko widmete sich wieder dem Film, aber er hörte die ganze Zeit nicht mehr auf, Klaas zu streicheln.
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Am nächsten Morgen half Joko Klaas schon ziemlich routiniert beim Anziehen und sie waren gerade mit dem Frühstück fertig und räumten die Spülmaschine ein.

„Bist du aufgeregt?“

„Ja, schon ein bisschen. Aber ich freu mich auch drauf. Ich hoffe nur, die wissen alle, dass ich im Rollstuhl sitze und es kommen keine komischen Reaktionen.“

„Das denke ich nicht. Deine Mom hat gesagt, dass dein Onkel Ben dem Chef gesagt hat, dass du im Rollstuhl sitzt. Der wird es sicherlich an seine Mitarbeiter weitergegeben haben. Und wenn doch jemand guckt oder ne Frage stellt, ist das sicherlich nicht böse gemeint, sondern sie zeigen dann halt einfach Interesse an dir und das ist nicht immer Neugierde Klaasi.“

„Das weiß ich doch, aber es fällt mir eben immer noch schwer, darauf angesprochen zu werden und vor allem darauf zu antworten. Ich will nicht immer und immer wieder erzählen, was passiert ist, wo und wie ich gelähmt bin. Das nervt… und es tut weh.“

Joko schluckte.

„Ja, das verstehe ich. Also wahrscheinlich verstehe ich es nicht in vollem Ausmaß, weil ich mich nicht in deine Situation hineinversetzen kann, aber zumindest versuche ich es.“

„Danke, das ist viel Wert. Das versuchen Viele gar nicht erst.“

„Ich weiß, das ist wahrscheinlich leicht gesagt, aber versuche bitte dir Blicke, Fragen oder auch dumme Kommentare nicht so zu Herzen zu nehmen, ich bin mir sicher, die meisten meinen es nur gut.“

„Ich versuch‘s. Danke. So, mein Onkel kommt gleich. Hilfst du mir mit meinen Schuhen?“

„Na klar, komm.“

„Da hatte ich auch mal so ne Situation. Als ich ungefähr ein halbes Jahr im Rollstuhl saß, wurde ich nach der Schule gefragt, ob ich noch irgendwo mit hinkomme und ich hab geantwortet, dass ich keine Zeit hab, weil ich mit meiner Mutter noch Schuhe kaufen muss. Und die gucken mich an und du hast die fragenden Blicke gesehen, so nach dem Motto: Warum braucht der denn neue Schuhe, der läuft ja eh nicht mehr. Dass meine Füße aber mit 15 noch wachsen, darauf ist keiner gekommen.“

Joko schüttelte den Kopf und ihm wurde wieder einmal bewusst, dass Klaas in der Hinsicht wahrscheinlich mehr erlebt hatte, als er sich vorstellen konnte und verstand seinen Frust und seine Mauer immer besser.

Es klingelte an der Tür und Joko lief los, um diese zu öffnen. Ein Mann stand dort und lächelte ihn freundlich an und hielt ihm jetzt die Hand hin.

"Hallo, ich bin Ben, du musst Joko sein."

Joko ergriff lächelnd die Hand.

"Das stimmt. Hallo Ben, komm rein, Klaas ist auch so gut wie fertig."

Joko sah das Strahlen auf Klaas' Gesicht, als dieser seinen Onkel entdeckte.

"Hey, schön dich zu sehen!"

"Hallo Großer, ich freu mich auch."

Ben beugte sich zu Klaas runter und sie umarmten sich. Ben war Birgits jüngerer Bruder, war 35 Jahre alt und hatte eine genauso freundliche und positive Ausstrahlung wie dessen Schwester.

"Danke, dass du das mit dem Praktikum geregelt hast. Du kannst dir nicht vorstellen, wie cool das für mich ist."

"Na hör mal, mein einziger Neffe will in meine Fußstapfen treten, da freu ich mich doch. Außerdem will Thomas den Sender verjüngen und ist auf der Suche nach jungen Talenten, die er zum Radiomoderator ausbilden kann."

"Thomas?"

"Ach so, du kennst ihn als Herrn Schmidt, meinen Chef. Aber im Sender geht's ziemlich locker zu und wir duzen uns alle."

"Und er sucht echt gerade neue Moderatoren?"

"Er sucht Leute, die Talent haben. Die schon ein bisschen was drauf haben. Die keine Angst vor dem Mikro haben und frei reden können. Wer das kann, bekommt die Chance bei uns zu lernen, eine Ausbildung zum Radiomoderator zu machen.“

Klaas grinste breit, aber Ben hob die Hände.

"Also so einfach, wie du dir das wahrscheinlich gerade vorstellst, wird es nicht. Es ist ein langer Weg. Die Ausbildung müsstest du trotzdem machen und selbst danach würdest du nicht gleich deine eigene Sendung haben."

Klaas nickte.

"Ich werde demnächst 17. Schon klar, dass ich nicht direkt nach meinem Schulabschluss meine eigene Sendung moderiere. Aber wenn mir Herr Schmidt einen Ausbildungsplatz geben würde, wäre das schon der Hammer. Es ist halt mein Traum zu moderieren."

"Ich erzähl dir jetzt mal was. Bevor du als Radiomoderator mit deiner Sendung live gehen kannst, musst du es jahrelang lernen. Wenn du dann eine Sendung hast, muss zunächst der Inhalt stehen. Und dieser erstellt sich nicht von allein. Als Radiomoderator bist du auch dafür zuständig, deine Texte auszuarbeiten. Ein gewisses journalistisches Talent sowie ganz viel Kreativität solltest du also für den Beruf mitbringen.

Schließlich musst du nicht nur den Inhalt zu einer bestimmten Deadline fertig haben, sondern auch die passende Ansprache für deine Zielgruppe wählen. Natürlich bist du nicht allein für alle Themen von Interviews über Musik bis hin zu den Nachrichten zuständig, sondern du wirst unterstützt von einem ganzen Team aus Redakteuren, Reportern und Producern, die mit dir gemeinsam inhaltlich und organisatorisch an einer guten Sendung arbeiten. Also ist Teamarbeit wichtig.

In Zeiten der Digitalisierung musst du dich jedoch nicht nur um die Inhalte für deine Radiosendung kümmern, sondern auch die sozialen Medien bedienen. Mal ein lustiges Foto aus dem Studio für die Homepage oder eine interessante Umfrage auf Instagram - auch das gehört zu deiner Arbeit. Sorry, aber ersten Praktikum bis zur eigenen Sendung ist es ein langer Weg."

Vieles davon wusste Klaas natürlich schon, doch der Vortrag seines Onkels zeigte ihm, dass er noch viel zu lernen hatte.

"Na gut und damit ich das alles möglichst schnell lerne, fahren wir jetzt in den Sender, ja?"

Ben lachte.

"Du wirst in dieser Woche viel lernen, aber sicherlich nicht alles."

Joko schob Klaas zur Tür und half ihm in die Jacke. Dann hockte er sich zu seinem Freund runter, umarmte ihn und lächelte ihn an.

"Zeig denen da, wie Ernst es dir ist und dass du genau der Richtige für diesen Job wärst. Denn ich weiß, dass du das Zeug dazu hast. Ich freu mich schon drauf, bald regelmäßig deine Sendung im Radio zu hören."

Klaas lächelte und versuchte sich nicht anmerken zu lassen, wie schön er Jokos Worte fand..

"Danke. Ich geb mir Mühe. Versprochen."

Sie umarmten sich noch mal und Klaas verabschiedete sich von Joko, der vorhatte, sich in der Zeit ein paar Sehenswürdigkeiten anzusehen und das Madame Tussauds zu besuchen.
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