Der König und das Löwenherz

GeschichteFreundschaft / P12
17.05.2019
17.05.2019
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Vor langer, langer Zeit lebte einst in einem weit entfernten Königreich ein König. Sein Volk schätzte ihn, denn er war gut und gerecht und unter seiner Herrschaft erblühte das Reich. Der König, der weder besonders alt, noch besonders jung war, liebte es, wann immer es die Regierungsgeschäfte erlaubten, auszureiten und sein Reich zu erkunden.
Eines Tages kam der König auf einer seiner Reisen zu einem großen, dunklen Wald. Über die Landesgrenzen war dieser Wald berüchtigt, denn man erzählte sich, dass etwas Böses in diesem Forst hauste. Des Königs Gefolgsleute versuchten ihren Herrscher zu einem anderen Weg zu überreden. Vergessen war die eigene Erschöpfung und Müdigkeit; lieber nahmen sie einen Umweg von einer weiteren Tagesreise in Kauf, als durch diesen verfluchten Wald reiten zu müssen.
Doch der König war ohne Furcht und versprach seinem Gefolge, dass er sie sicher durch das finstere Gehölz nach Hause führen würde. Und um ihnen zu beweisen, dass es nichts zu befürchten gab, lenkte er sein Pferd auf den Pfad, der sich zwischen den dunklen Stämmen entlang schlängelte. Es war als stünden sie für ihn Spalier, während die Laubkronen wie ein Dach über ihm thronte. Als sein Pferd jedoch die ersten Schritte getan hatte, stießen seine Männer erschrockene Rufe aus. Der Wald hatte sich hinter dem König und seinem Pferd zu einer undurchdringbaren Mauer aus Ästen und Zweigen verschlossen. Ein Durchkommen war unmöglich. Anstatt aber in Panik zu geraten, rief der König seinem Gefolge zu, dass sie einen anderen Weg suchen sollten, damit er sie auf der anderen Seite des Waldes treffen könne.
Obwohl nun doch ein wenig verzagt, trieb der König sein Pferd voran und folgte dem Pfad. Dieser führte ihn in sanften Kurven mal bergan, mal bergab, während die Bäume immer dichter an den Weg heranrückten und beinah alles Sonnenlicht jenseits der Wipfel verschluckten. Dabei wurde die Luft immer stickiger und auch der Gesang der Vögel verstummte zusehends. Die zunehmende Eintönigkeit schläferte den König ein. Er wurde so müde, dass er absteigen und sich für ein Weilchen am Wegesrand ausruhen musste.

~*~


Ein wildes und lautes Gebrüll riss ihn schließlich aus einem unruhigen Schlaf. Inzwischen war der Mittag vorüber gezogen und der König stellte gerade bekümmert fest, dass er keine Ahnung hatte, wo er sich befand oder wie er jemals wieder aus diesem Wald herauskommen sollte, als das Gebrüll erneut erklang.
Neugierig geworden beschloss der König nach dem Ursprung dieses seltsamen Lautes zu suchen. Und so stieg er wieder auf sein Ross und ritt noch tiefer in den Wald hinein.
Es dauerte nicht lange, da kam er an den Rand einer Lichtung. Die Nachmittagssonne erleuchtete den freien Platz, auf dem sich ein riesiger Lindwurm und ein Löwenherz in einem Kampf auf Leben und Tod befanden. Es war das erste Mal, dass der König einen wahrhaftigen Lindwurm sah. Er hatte von ihnen gehört und wusste, dass sie furchterregende Bestien waren. Gespannt verfolgte er deshalb den Kampf und die beiden Kontrahenten. Der Lindwurm war groß, glänzende Schuppen umschlossen seinen Körper einem Panzer gleich. Die Klauen waren mit scharfen Krallen besetzt und die Zähne blitzten gefährlich im Licht. Im Vergleich zum Lindwurm war das Löwenherz klein und schutzlos. Doch war es dafür flink und wendig und seine Hiebe zeugten von Kraft und Schnelligkeit.
Dennoch war der Lindwurm im Vorteil. Als das Löwenherz mit einem angriffslustigen Gebrüll vorschnellte, erwischte der Lindwurm es mit einer seiner Klauen und schmetterte das Löwenherz zu Boden. Doch noch ehe der Lindwurm nach seinem geschlagenen Kontrahenten schnappen konnte, trieb der König, der sich bisher im Verborgenen gehalten hatte, sein Pferd voran und warf sich, das Schwert in der Hand und einen Kampfschrei auf den Lippen, zwischen den Lindwurm und das am Boden liegende Löwenherz.
Zusammen bekämpften der König und das Löwenherz das Untier und schließlich gelang es dem König den Lindwurm zu erschlagen. Als der Lindwurm tot zu des Königs Füßen lag, sprach das Löwenherz: „Ihr habt mir das Leben gerettet und so stehe ich nun tief in Eurer Schuld.“
Der König, der davon nichts wissen wollte, widersprach.
Doch das Löwenherz beharrte: „Mein Leben ist das Eure wert. So werde ich mit Euch kommen und meine Schuld abtragen.“
Und so begleitete das Löwenherz den König durch den Wald, der nun, da der Lindwurm tot war, seinen bösen Atem verloren hatte. Dennoch dämmerte der Abend bereits, als die beiden Gefährten den Wald endlich hinter sich ließen und auf des Königs Gefolge trafen. Gemeinsam setzten sie ihre Reise fort. Und als sie schließlich nach mehreren Tagen das Schloss erreichten, befahl der König, dass es seinem Gast an nichts mangeln sollte.

~*~


Da der König mit all seinen Nachbarn in Frieden lebte, gab es für das Löwenherz keine Gelegenheit seine Schuld abzutragen. Stattdessen half es bei den Regierungsgeschäften, gab kluge Ratschläge, wenn der König ein schweres Urteil fällen musste und begleitete diesen auf seinen Reisen durch das Land. Und so kam es, dass aus Herr und Schuldner, Freunde und Gefährten wurde.
Eines Tages jedoch, erreichte ein Bote das Schloss. Das Fell seines Pferdes glänzte nass vom Schweiß und der Bote selbst taumelte erschöpft vor den König. Atemlos berichtete er von einem feindlichen Heer, das das Königreich seines Herrn überrannt hatte und nun auf dem Weg war, um sich das nächste einzuverleiben. Es kam über die Berge und auf seinem Weg plünderte es Dörfer und Städte. Wohin es auch kam, hinterließ es nichts als brennende Ruinen.
„Nun ist also die Zeit gekommen“, sagte der König bekümmert zum Löwenherz und dachte an den Schwur des Anderen.
Das Löwenherz bejahte. „Ich werde Euch helfen Euer Volk zu retten, mein Freund“, erwiderte es feierlich.
Der König beschloss, dass all jene, die zu alt, zu jung oder zu schwach waren, um zu kämpfen zu den Anfurten geschickt werden sollten, damit sie sich in Sicherheit brachten. Nur jene, die stark genug waren, um an einer Schlacht teilzunehmen, waren gezwungen zu bleiben.
War der König zu Beginn noch zuversichtlich, dass seine Truppen den Feind besiegen konnten, verzagte er zunehmend, als er von der Übermacht des feindlichen Heeres erfuhr. Nichts schien sie aufhalten zu können. Und überall hinterließen sie Trauer und Tod.
Bekümmert gestand sich der König ein hoffnungslos unterlegen zu sein. „Wir werden untergehen“, sagte er zu seinem Gefährten. „Ich bin alt geworden und meine Armee ist nicht stark genug. Meine Männer werden sterben und mein Königreich wird verloren gehen.“
Löwenherz jedoch sprach: „Noch ist nicht aller Tage Abend. Ihr seid ein guter König und Euer Volk wird Euch helfen dieses Königreich vor dem Niedergang zu retten.“
Doch der König glaubte nicht daran. „Das sind nichts als schöne Worte.“
Des Königs Gefährte betrachtete den entmutigten Herrscher nachdenklich, ehe er sagte: „Selbst wenn alles verloren scheint, gibt es doch immer einen Funken Hoffnung.“ Und als der König das Löwenherz fragte, was es denn damit meinte, antwortete es: „Wenn Ihr die Schwarze See bezwingt und zum weißen Turm jenseits dieses Landes segelt, findet Ihr dort die Waffe, die Euren Kampf zu gewinnen vermag.“
Aber des Königs Zweifel saßen tief. Wusste er doch, dass die Schwarze See gefährlich und voller bösartiger Kreaturen war. Wenn diese Waffe ihm jedoch den Sieg und Freiheit für sein Volk versprach, war es dann nicht seine Pflicht es zumindest zu versuchen? Schließlich entschloss er sich dem Rat seines Freundes zu folgen.
So machte er sich bei Morgengrauen, trotz der eigenen Bedenken und der seiner Familie und Gefolgsleute, zusammen mit dem Löwenherz auf den Weg zu den Anfurten, von wo aus sie mit einem Segelschiff in See stachen.
Der Wind stand günstig, als sie, die goldene Morgensonne vor Augen, die Leinen lösten. Und so erreichten sie bereits am dritten Tag ihr erstes Ziel.
Das Schwarze Meer war eine gefürchtete Untiefe. Bösartige Seeungeheuer bevölkerten es und unter der glatten Oberfläche lagen unzählige schwarze Felsen verborgen, an denen bereits viele tollkühne Seefahrer gescheitert waren.
Entmutigt betrachtete der König aus diesem Grund die Schwarze See, die dunkel und bedrohlich vor ihnen lag. „Es ist aussichtslos“, klagte er. „Wie sollen wir zwei die Schwarze See bezwingen, wenn sie selbst die besten und tapfersten Seefahrer verschlungen hat?“
„Um mein Leben zu retten, habt Ihr Euch einem Lindwurm gestellt“, antwortete das Löwenherz ruhig. „Fürchtet Ihr die See tatsächlich mehr als dieses Untier und ist das Leben Eures Volkes etwa weniger Wert als das Meine?“
Betroffen lauschte der König diesen Worten. Sein Gefährte hatte Recht. Er musste sein Volk schützen und wenn er sich dafür mit den Kreaturen der See messen musste, so würde er auch diese Prüfung bestehen. Mit neuem Mut und Zuversicht im Herzen trieben sie auf die Schwarze See hinaus.
Aber der Wind, der sie bisher so schnell vorangetrieben hatte, frischte im Laufe des Tages immer mehr auf. Die See wurde unruhiger, die Wellen immer höher und die Passage zwischen den scharfkantigen Felsen hindurch nahezu unmöglich. Doch der König hielt tapfer durch und trotzte Wind und Wellen. Und mit jeder Seemeile, die sie hinter sich brachten, wuchs sein vertrauen in seine Fähigkeiten ein kleines bisschen. Und so konnte ihn auch der Gewittersturm, der mit der Abenddämmerung heranzog, nicht schrecken. Die ganze Nacht hindurch hielt der König das Schiff trotz Blitz und Donner auf Kurs. Das Löwenherz treu an seiner Seite.
Als der Morgen graute, vertrieb der Wind die dunklen Wolken und die See beruhigte sich. Der König war müde und erschöpft, doch auf seinem Gesicht erstrahlte ein stolzes Lächeln. „Wir haben es geschafft!“, frohlockte er. „Wir haben die Schwarze See passiert, ohne einem ihrer Untiere zu begegnen.“
Das Löwenherz erwiderte: „Die wahren Untiere der Schwarzen See sind ihre Winde, die jeden vom Weg abbringen, und ihre Felsen, die jeden Schiffsrumpf aufschlitzen. Nur wer auf sich selbst vertraut, vermag die Schwarze See zu bezwingen.“

~*~


Gegen Mittag konnten die beiden Reisenden dann endlich Land erkennen. Vor ihnen befand sich  eine einsame Insel. - Das Ziel ihrer Reise.
In einer Bucht gingen sie vor Anker und wateten ans Ufer, das steil und steinig war, während sich dahinter ein mächtiges Gebirge erhob. Und weit, weit oben thronte ein einziger Turm, der sich deutlich vom schwarzen Stein abhob. Der weiße Turm. Die Hilfe, die sich der König von dort erhoffte, schien so nah und war doch noch so weit entfernt.
Der Weg war mühsam und beschwerlich. Uneben und steil führte ein schmaler Pfad vom Ufer in die Berge hinauf. Erbarmungslos brannte die Sonne auf die zwei Wanderer hinab. Immer wieder mussten sie innehalten und sich ausruhen. Irgendwann während einer dieser Pausen setzte sich der König müde an den Wegesrand und sah den Weg zurück, den er bereits gegangen war.
„Dort unten liegt unser Schiff. Ich kann es noch immer deutlich sehen. Ich fürchte fast, dass wir diesen Berg niemals bezwingen werden“, sagte er zu sich selbst.
Und wieder war es das Löwenherz, das ihm Mut zusprach. „Schaut nicht auf das, was hinter Euch liegt, sondern blickt nur auf Euer Ziel. Und mit jedem Schritt, den ihr tut, wird es ein wenig näher kommen.“
Also folgten sie dem Pfad ohne ein weiteres Mal zurückzublicken und gelangten schließlich an eine tiefe Schlucht. Als der König über den Abgrund schaute, glaubte er weit unten die Ewigkeit rauschen zu hören. Nur ein schmaler Steg führte über die lauernde Dunkelheit.
Entschlossen ging das Löwenherz voran und balancierte über den dunklen Schlund. Als es sich umsah, musste es feststellen, dass der König bewegungslos auf der anderen Seite stand, die Augen fest auf den Abgrund gerichtet. „Worauf wartet Ihr?“, fragte das Löwenherz den König.
Dieser antwortete jedoch nicht, sondern sah weiterhin in die Dunkelheit zu seinen Füßen. Also kehrte das Löwenherz um und reichte dem König die Hand. „Schließt die Augen, mein Freund. Ich werde Euch sicher auf die andere Seite führen.“ Und Schritt für Schritt überquerten die beiden Gefährten die Klamm, die sich vor Jahrhunderten ins Gestein gefressen hatte.
Als sie schließlich die andere Seite erreichten, konnten sie ihren Weg ohne weitere Beschwerden fortsetzen, sodass sie schon alsbald vor einer in den Fels gehauenen Treppe standen. Eilig erklommen sie die unzähligen Stufen, die sich in die Höhe wanden.
Der König, der aufgeregt voran gelaufen war, musste oben jedoch enttäuscht feststellen, dass es keine Waffe gab. Nur ein Spiegel lehnte am Ende des Raumes auf einem kleines Sockel.
„Hier ist nichts!“, grollte der König deshalb auch. „Der ganze Weg war vergebens. Hier gibt es keine Hoffnung für mich.“
Aber zum ersten Mal in all den Jahren widersprach das Löwenherz. „Ihr irrt Euch, mein Freund. Schaut in den Spiegel und er wird Euch Hoffnung zeigen.“
Widerwillig trat der König vor den Spiegel und schaute hinein. Zuerst sah er nur sein eigenes Spiegelbild: Das Bild eines Mannes, der alt geworden war. Er trug Sorgenfalten auf der Stirn, die Augen leuchteten nicht mehr so wie einst und der Zug um seinen Mund war schon lange nicht mehr so entschlossen wie früher.
Plötzlich aber veränderte sich das Bild. Der König bemerkte, dass das Löwenherz neben ihn getreten war und ebenfalls in den Spiegel blickte. Mit den Augen seines Gefährten sah der König plötzlich einen Mann, der zwar gealtert war, doch seinen Kopf noch immer stolz erhoben hielt. In dessen Augen grimmige Entschlossenheit loderte. Er sah Mut und Tapferkeit, sowie Liebe und Hingabe.
Und der König verstand. Er brauchte keine Wunderwaffe. Alles, was er brauchte, ruhte in ihm. Wenn er seine eigene Furcht besiegte und an sich glaubte, dann hatte er alle Fähigkeiten, um siegvoll zu sein. Dankbar sah der König seinen Freund an. „Danke, dass du mich daran erinnert hast, wer ich bin.“

~*~


Sie machten sich wieder auf die Rückreise, die sie ohne Zwischenfälle hinter sich brachten. Als sie schließlich nach drei Tagen wieder das Schloss erreichten, hatte das feindliche Heer bereits das nahe Hügelland erreicht. Doch der König, der nun um seinen Wert wusste, verzagte nicht, sondern bereitete seine Truppen nach bestem Gewissen auf die bevorstehende Schlacht vor.
Als der Tag schließlich gekommen war, standen der König und das Löwenherz Seite an Seite und harrten den Ereignissen.
Die Schlacht dauerte viele Stunden und forderte viele Tote auf beiden Seiten. Und als das Ende bereits besiegelt schien, da sprach der König seinen Soldaten noch einmal Mut zu und führte sie ein letztes Mal aufs Feld; begleitet vom wilden Gebrüll des Löwenherz.
Am Ende trugen der König und seine Truppen, obwohl auch sie viele Opfer zu beklagen hatten,  den Sieg davon.
Sofort wurden Boten ausgesandt, dass die Alten und Schwachen, die Frauen und Kinder zurückkehren sollten, damit sie alle in das Land zurückkehrten, das die tapferen Soldaten mit Blut verteidigt hatten.
Nachdem sie die Verletzten versorgt und die Toten beerdigt hatten, standen der König und das Löwenherz auf dem höchsten Turm der Festung und sahen über das weite Land, das nun friedlich im Abendlicht vor ihnen lag. Zu ihren Füßen erstreckten sich das grüne Hügelland und die großen Wälder, die ewigen Berge und das leuchtend blaue Meer, sowie sprudelnde Bäche und unergründliche Seen.
Und wie sie so dastanden, da wandte sich der König an das Löwenherz: „Deine Schuld ist abgetragen, mein Freund. Du kannst nun gehen, wohin du willst.“
Doch das Löwenherz erwiderte: „Ich werde bleiben, bis unsere Zeit sich dem Ende zuneigt. Bis dahin werde ich weiterhin treu an deiner Seite stehen. Denn du bist mein König und ich bin dein Löwenherz.“



Inspiriert von: Of Monsters And Men: King And Lionheart. My Head Is An Animal. 2011.
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