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Nach dem Feuer

von Lacerta
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 Slash
Seishin Muroi Toshio Ozaki
17.05.2019
23.06.2019
3
7.679
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17.05.2019 2.926
 
Der Himmel über Tokyo hatte eine andere Farbe als über Sotoba. Auch die Luft roch anders, selbst die Zeit schien anders zu vergehen. Auch nach Jahren hatte Toshio noch das Gefühl, dass sich selbst sein Körper mit aller Macht gegen das Leben in der Großstadt sträubte.
Oft, wenn er im morgendlichen Gedränge auf dem Bahnsteig stand, spürte er, wie sein Herz unwillkürlich zu stolpern begann, so als wolle es mit all den hektisch hin- und hereilenden Menschen Schritt halten, während sich der Rest seines Körpers weiterhin bleischwer anfühlte. In solchen Momenten schloss meistens nur die Augen und wartete darauf, dass es vorbeiging.

In den Jahren nach Sotoba hatte sich Toshio mehrmals untersuchen lassen, so ungern er auch einen Fuß in eine Praxis setzte, die nicht seine eigene war. Die Ironie der ganzen Sache war ihm durchaus bewusst. Der Gedanke, dass immer noch irgendetwas, irgendwelche Reste in seinem Blut schwammen, ließ ihn nachts keinen Schlaf finden.
Was für ein bösartiger Scherz das wäre, wenn er irgendwann an etwas anderem starb –vielleicht an dem Lungenkrebs, den ihm seine Ärzte so gerne prophezeiten- nur um dann Tage später in seinem Sarg aufzuwachen. Auch die Tatsache, dass er damals selbst nicht in der Lage gewesen war, an den gebissenen Dorfbewohnern von Sotoba etwas anderes festzustellen als einen ungewöhnlichen Fall der Anämie, trug nicht unbedingt dazu bei, ihn zu beruhigen. Die Ärzte bescheinigten ihm allesamt gute Gesundheit, ermahnten ihn wegen seinem überhöhten Zigaretten- und Kaffeekonsum, und schickten ihn wieder heim.
Das war es, was ihn Nacht für Nacht hochschrecken ließ, die Haut glänzend vor kaltem Schweiß und den Geschmack von Asche auf der Zunge.

Toshio hatte eine Stelle in einem großen, staatlichen Krankenhaus angenommen. Hier in Tokyo war er nur ein Arzt unter vielen, nur ein Mensch unter vielen. Wenn er sich durch das Gedränge in der Innenstadt schob, ertappte er sich manchmal dabei, wie er den manchen Passanten ins Gesicht sah und dachte: Wenn er morgen ein Shiki werden würde, würde es mir nicht auffallen. Ich würde es niemals erfahren…
Wann immer ihm dieser Gedanke kam, verkrampfte sich sein Magen und Säure stieg seine Speiseröhre hoch.

Die Zeit verging. Das tat sie immer. Egal wie glücklich oder unglücklich die Menschen waren, die Zeit verging. Toshio war höflich zu seinen Arbeitskollegen und Patienten, doch er achtete darauf, immer einen gewissen Sicherheitsabstand von ihnen zu wahren.
Umso überraschter war er, als es an einem kühlen Novemberabend bei ihm klingelte. Er hatte gelesen, und markierte nun die Seite mit einem Streichholzbriefchen, bevor er aufstand und zur Tür ging. Es klingelte abermals. „Schon gut, schon gut, ich bin ja auf dem Weg…“ Das Blut in seinen Adern schien sich spontan in Eiswasser zu verwandeln, als er die Tür öffnete.
Seishin lächelte ihn schüchtern an. „Guten Abend. Lange nicht mehr gesehen, was?“
Toshio starrte ihn einfach nur an, unfähig etwas zu erwidern. Es war ungewohnt, Seishin in etwas anderem als einem Kimono zu sehen; er hatte das Gefühl, dass der junge Mönch seit ihrer Jugend nie etwas anderes getragen hatte. Abgesehen von der ungewohnten Kleidung hatte er sich allerdings nicht verändert: dieselbe blasse Haut, dieselben grüngrauen Augen, dasselbe feine Lächeln. Er trug enge Jeans und einen dunklen Mantel; um seinen Hals war ein dunkelroter Schal geschlungen.
Seishin legte den Kopf schief. „Du musst mich schon hereinbitten, Toshio. Oder soll ich die ganze Nacht hier draußen stehen bleiben?“
Beinahe hätte Toshio genau das getan, aus purem Reflex, doch dann endlich war sein in Schockstarre gefallener Verstand wieder in Lage, Querverbindungen herzustellen. Unwillkürlich wich er zurück. Enttäuschung zeichnete sich auf Seishins Zügen ab.
„Du bist auch einer von ihnen“, zischte Toshio zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
„Ja“, antwortete der junge Mönch schlicht. Und er war wirklich jung: im ersten Moment war es Toshio nicht aufgefallen, aber jetzt, wo er ihn genauer betrachtete, konnte er erkennen, dass Seishin seit der verhängnisvollen Nacht in Sotoba nicht einen Tag gealtert war.
Er verfluchte sich, dass er gerade weder sein Kreuz noch einen seiner Talismane zur Hand hatte. Seishin seufzte. „Bitte, lass mich rein, Toshio.“
Besagter Doktor lehnte sich gegen seinen Türrahmen, die Arme vor der Brust verschränkt. „Ich denke nicht, dass das eine gute Idee wäre.“ Er war selbst erstaunt, wie ruhig seine Stimme klang; beinahe hatte er erwartet, dass er vor Angst quietschen würde wie ein Meerschweinchen. Abwehrend hob Seishin die Hände. „Nein, glaub mir, ich will wirklich nur reden, und ich bin auch allein. Wir können gerne in ein Café gehen, wenn dir das lieber ist, oder uns im Park auf eine Bank setzen, es ist mir völlig gleich, aber… Bitte, Toshio.“ Der flehende Tonfall des Mönches zerrte heftiger an Toshios Herz, als er es je für möglich gehalten hatte, selbst wenn er sich selbst zur Ordnung rief und daran erinnerte, dass das vor ihm nicht wirklich Seishin war: es war kaum mehr als Parasit in Menschenform.
Das Schweigen lastete schwer auf ihnen.
„…Ich verstehe.“ Seishin wandte sich ab. „Es war keine gute Idee, hier her zu kommen. Bitte verzeih mir.“ Er neigte den Kopf und machte Anstalten zu gehen. Schatten verbargen seine Augen und hoben die Linien seiner Wangenknochen hervor.

„Toshio, du reist morgen ab?“
„Ja, ich zieh ins Wohnheim der Universität.“
„Das freut mich für dich. Wirst du Sotoba nicht vermissen?“
„Ich weiß nicht. Es ist schon ein ziemliches Nest, nicht wahr?“
„Da hast du wohl Recht.“
„Du gehst doch auch bald auf die Uni, oder?“
„Ja, aber meine ist nicht so weit weg, mit der ganzen Situation mit meinem Vater will ich Mutter nicht komplett allein lassen.“
„Verständlich. Naja, ich muss dann mal los, noch ein paar Sachen packen und sowas. Wir sehen uns.“
„Toshio?“
„Hm?“
„Ich werde dich vermissen.“


„Warte.“
Das Wort  hatte Toshios Mund verlassen, bevor er richtig drüber hatte nachdenken können. Seishin blieb stehen und sah über seine Schulter. „Ja?“
Toshios Geste war eher unwillig als einladend. „Komm rein. Aber diese Erlaubnis gilt nur für meine Wohnung, verstanden? Ich will nicht, dass ich eines Morgens aufwache und alle meine Nachbarn sind Blutsauger geworden.“
„Keine Sorge, das steht nicht zu befürchten.“  Seishin trat ein und sah sich in der bescheidenen Wohnung um. „Mir gefällt, wie du alles hier eingerichtet hast.“
Toshio lachte unwillkürlich auf; er war selbst erstaunt, wie bitter es klang. „Ich hab die Wohnung komplett möbliert gemietet. Hatte ja nicht mehr allzu viele persönliche Gegenstände, die ich hätte aufstellen können.“
Falls ihn diese Aussage traf, ließ es sich Seishin nicht anmerken. „Das tut mir Leid“, sagte er nur, legte Mantel und Schal ab und ließ sich in der kleinen Sitzgruppe nieder, die um den Kaffeetisch gruppiert war.
„Hm.“ Toshio wandte sich in Richtung seiner schmalen Küchenzeile. „Ich weiß nicht, ob ich dir einen Kaffee anbieten sollte, jetzt wo du“
„Kein Mensch mehr bist?“
„Ich bezweifle, dass ich es so höflich ausgedrückt hätte, aber das trifft den Kern der Sache.“ „Wahrscheinlich. Tee, bitte, wenn es keine Umstände macht.“
„Macht es nicht“, antwortete Toshio automatisch und ärgerte sich im selben Moment darüber. Wieso verschwende ich überhaupt einen Gedanken an die Wünsche eines verdammten Blutsaugers? Er hatte das Gefühl, dass der Hass wie Säure in ihm brodelte und alles zerfraß, was in seinem Inneren noch einigermaßen heil geblieben war. Stur starrte er auf den dampfenden Teekessel, den Kiefer so verkrampft, dass er bald zu schmerzen begann.
Seishin saß still auf seinem Sessel; als Toshio aus dem Augenwinkel einen Blick auf ihn warf, hatte er eher den Eindruck, dass dort eine lebensgroße Puppe saß, statt ein Lebewesen. Genau da ist mein Denkfehler, sagte er sich im Stillen, während er den Tee aufgoss.
Irgendwie denke ich immer noch, dass er lebt. Irgendwie denke ich immer noch, dass das da wirklich Seishin ist… Er stellte die Tasse vorsichtig vor ihn auf das Tischchen und setzte sich ihm mit seinem eigenen Kaffee gegenüber. Lieber hätte er sich eine Zigarette angezündet, aber wenn sein Vermieter mitbekam, dass er in der Wohnung rauchte, würde er ihn wahrscheinlich hochkant rausschmeißen.
Seishin hatte seine Hände um den Becher gelegte, als müsste er sich wärmen; sein Blick war unverwandt auf Toshio gerichtet.
„Was?“, fragte er. „Du hast gesagt, du wolltest reden. Also rede. “
„Ich würde gerne mit dir reden, ohne dass du sofort alle deine Stacheln aufstellst wie ein angriffslustiges Stachelschwein.“
Toshio runzelte die Stirn und stellte seine Tasse mit etwas mehr Wucht zurück auf den Tisch, als nötig gewesen wäre. Das Klirren von Porzellan auf Glas ließ Seishin zusammen zucken, und etwas in Toshio, vielleicht sein Herz, zog sich schmerzhaft zusammen.
Seishin, der keine lauten Geräusche mochte. Seishin, dem Kaffee zu bitter war, aber ohne mit der Wimper zu zucken den stärksten Matcha-Tee herunterbekam. Seishin, der seit seiner Kindheit sein Freund gewesen war.
Toshio schloss die Augen und schüttelte heftig den Kopf, versuchte diese Gedanken zu verscheuchen. Das ist nicht Seishin, das ist nicht Seishin! Aber verdammt, die Illusion war fast perfekt. Mehr um sich abzulenken als weil es ihn wirklich interessierte, deutete er nun mit dem Daumen auf die Teetasse. „Ihr Blutsauger könnt auch etwas anderes trinken?“
„Wir können normale Flüssigkeiten zu uns nehmen, ja.“
„Aha.“ Eine erneute Pause entstand. Seishin saß immer noch in seiner kerzengeraden Haltung da, auch ohne seinen traditionellen Kimono immer noch geradezu getränkt in seine Mönchswürde.
„Du bist also entkommen“, sagte Toshio schließlich, weil ihm nichts Besseres einfiel. Die ganze Situation gefährdete sein ohnehin nicht sonderlich stabiles inneres Gleichgewicht in erheblichem Maße.
„Ja“, antwortete Seishin. „Ich bin entkommen.“
„Allein?“
„Nein, Sunako konnte mit mir fliehen.“
Der Name ließ ein Glöckchen in Toshio klingeln, aber er brauchte einen Moment, um den Namen einzuordnen. „Die Kleine von den Kirishikis?“
„Genau die. Wir konnten zusammen entkommen. Die nächsten Tage haben wir dafür genutzt, alle bestehenden Konten aufzulösen und uns neue Identitäten zu beschaffen. Zum Glück hatte Seishiro einige Kontakte in diese Richtung. Dann zogen wir eine Weile durchs Land… Und landeten schließlich hier in Tokio.“ Seishin breitete die Hände aus. „Seishin Muroi ist tot, Toshio. Offiziell im Feuer von Sotoba umgekommen. Jetzt bin ich nur einer von vielen jungen Männern in Tokio, der als Freelancer jobbt und seine kleine Tochter großzieht.“
„Seine Tochter, die zusammen mit ihrem Vater regelmäßig anderen Menschen an den Hals gehen muss. Wie habt ihr das gelöst? Wollt ihr hier ein zweites Sotoba aufbauen?“
Seishin wandte den Blick ab und starrte wieder in seinen Tee. „Nein. Sotoba war einzigartig. So etwas wird es nie wieder geben… Ein sicherer Ort für Shiki ist nun undenkbar.“
„Bitte verzeih, wenn ich deswegen keine Träne vergieße.“
„Das habe ich auch nicht erwartet. Wenn Sunako und ich jagen gehen, dann beschränken wir uns auf junge, gesunde Menschen, und wir beißen niemals dieselbe Person zweimal. In so einer großen Stadt ist das problemlos möglich. Einen einmaligen Verlust eines halben Liters Blut übersteht ein Mensch ohne Schäden. Und so gibt es auch keine weiteren Shiki.“
„Selbst wenn, hier in Tokyo werden Leichen verbrannt, nicht begraben. Aber was erwartest du von mir? Ein Lob? Einen Orden? Dafür, dass du dich nicht wie ein Monster benimmst?“
Verärgert runzelte Seishin die Stirn; seine Augen blitzten flüchtig rot auf. „Nein, ich will kein Lob. Ich wollte es dir nur erklären.“ Er seufzte, und die Falten auf seiner Stirn glätteten sich. „Bitte, Toshio, ich will keinen Streit. Ich habe dich vermisst, ich wollte dich nur wiedersehen.“ „Wenn du keinen Streit willst, dann hättest du damals nicht nach Kanemasa gehen sollen“, antwortete Toshio kalt.
„Wie lang willst du mir das noch vorhalten?“, fragte Seishin, und Toshio spürte, wie sich sein Herzschlag unwillkürlich beschleunigte. „Wie lange? Wie lange, fragst du? Meinst du das Ernst?“ Seine Stimme wurde immer lauter. „Deine Freunde haben die Bewohner von Sotoba abgeschlachtet und in diese seelenlosen Monster verwandelt, und du hast nichts dagegen getan! Ganz im Gegenteil, du bist stattdessen zu ihnen gegangen und hast dich ihnen als… Als.. Verdammter Blutbeutel zur Verfügung gestellt!“
Er stand auf und knallte mit den Knien gegen den Tisch; seine Kaffeetasse kippte um und ein Schwall brauner Flüssigkeit ergoss sich über die Glasplatte. Keiner von beiden beachtete es. „Und wieso? Weil du feige warst! Feige! Weil du dachtest, wir würden verlieren!“ Toshio atmete heftig, seine Augen waren weit aufgerissen.
Seishin erwiderte nichts. Er hatte die Finger fest in den Stoff seiner Jeans gekrallt.
„Soll ich dich deswegen bedauern? Du hast es dir selbst ausgesucht!“
„Es waren keine Shiki, die meine Mutter getötet haben“, sagte Seishin leise.
Das warf Toshio für einen Augenblick aus der Bahn, lang genug, dass ein Großteil seiner lodernden Wut in sich zusammenfiel.
„Du sagst, wir sind alle seelenlose Monster, doch wir können auch fühlen. Wir können auch bluten. Wir können lachen, lieben und weinen. Und trotzdem habt ihr uns alle abgeschlachtet. Ein Mörder bekommt eine gerechte Gerichtsverhandlung bevor er bestraft wird, aber wir haben nicht einmal das bekommen. Also spiel dich hier bitte nicht als der ultimative Hüter der Moral auf, ja? Ich weiß, was wir getan haben. Was ich getan habe. Und glaube mir, die Schuld lastet schwer auf mir, Tag und Nacht, für alle Ewigkeit.“
Toshio ließ sich zurück auf sein Sofa fallen. Kaffee tropfte von der Tischplatte auf den zerkratzten Holzboden. „Willst du damit sagen“ Er schloss die Augen und legte sich eine Hand auf die Stirn. Sie war von kaltem Schweiß bedeckt. „Dass wir genauso schlimm sind wie ihr?“ „Anders herum. Ihr seid nicht besser als wir.“
„Dreht sich diese Argumentation nicht ziemlich im Kreis?“
Seishin nahm einen Schluck Tee und räusperte sich. „Ja, das tut sie wohl. Was ich damit sagen ist, ist wahrscheinlich nur, dass die ganze Situation nicht so… Einfach war.“
„Einfach ist wohl das falsche Wort.“
„Dann eben nicht so schwarz-weiß, wie sie im ersten Moment vielleicht erscheinen mag.“
Toshio war erschöpft. Dieses ganze Szenario war so unglaublich bizarr, und sein letzter Ausbruch schien all seine Reserven in dieser Hinsicht verschlungen zu haben. Er seufzte schwer und legte den Kopf in den Nacken. Ein langer, dünner Riss zog sich durch den Putz der Decke. „Wieso bist du hier, Seishin? Du meintest, um zu reden. Wir haben geredet. Also hau jetzt ab oder sag mir, was du wirklich willst.“
Seishin nickte. „Gut. Ich habe eine Bitte an dich, Toshio.“
„Und was für eine? Ich kann euch keine Blutspenden besorgen, die sind knapp genug in der Klinik.“
„Darum geht es nicht. Lass mich dich verwandeln, Toshio.“
Sein Herz hörte für einen Augenblick auf zu schlagen. Als es wieder anfing, trommelte es geradezu gegen seine Rippen, und er hörte das Blut in seinen Ohren rauschen. Fassungslos starrte er Seishin an. „Das kann nicht dein Ernst sein.“
Seishin schwieg, aber sein blasses, unbewegtes Gesicht sagte genug. „Hältst du mich für so wankelmütig, dass ich einfach meine Ideale über Bord werfe, alles, wofür ich gekämpft habe, und mich von dir beißen lasse?“
„Nein. Aber ich denke, du bist einsam.“ Seishins Handbewegung schien das gesamte Apartment einzuschließen, das Apartment ohne persönliche Dekorationen, ohne Familienfotos, ohne irgendetwas, das darauf hinwies, dass sie überhaupt von einem Menschen bewohnt wurde. Im Bücherregal standen ein paar medizinische Fachbücher, mehr nicht. Sämtliche Bilder waren charakterlose Aquarelle, irgendwelches Zeug, das man an die Wand hängte, damit sie nicht so kahl aussah.
Toshio folgte seiner Geste mit seinem Blick und schluckte schwer. „Ich bin nicht einsam genug, dass ich deswegen unbedingt die Gesellschaft von Blutsaugern suchen muss.“
„Ich verstehe.“ Seishin stand auf. „Danke für den Tee. Falls du es dir anders überlegst, oder dich einfach so noch einmal mit mir treffen willst…“ Er zog einen zusammengefalteten Zettel aus seiner Hosentasche und platzierte ihn auf dem Tisch, sorgfältig den Kaffeesee vermeidend. „Ich bin eigentlich immer da, und wenn nicht, wir haben einen Anrufbeantworter. Auf Wiedersehen, Toshio.“
„Eher Lebewohl“, knurrte Toshio, erhob sich aber ebenfalls, um Seishin zur Tür zur bringen. Der hatte sie allerdings selbst schon geöffnet; kühles Morgenlicht fiel in den Flur. Haben wir wirklich so lange miteinander geredet?, fragte sich Toshio, bevor er vollends begriff, was gerade geschah. Seishin machte einen Schritt nach vorne; noch stand er im Schatten der Wohnung, aber war nur noch einen halben Meter vom Sonnenlicht entfernt.
Das Bild von schwarzroten, aufbrechenden Blasen auf blasser Haut flackerte vor Toshios innerem Auge; der Phantomgeruch brennenden Fleisches stieg ihm in die Nase. „Nein, warte!“
Er wollte Seishins Arm packen, ihn zurückziehen in das sichere Halbdunkel, doch der Mönch wich vor ihm zurück und trat ins Licht.
Zum zweiten Mal an diesem Tag blieb Toshios Herz beinahe stehen.
Doch nichts geschah.
Seishins Haut schlug keine Blasen und verkohlte nicht, und statt vor Schmerz zu schreien lächelte er nur. Es war dasselbe, verschmitzte Lächeln, dass Toshio noch aus ihrer Schulzeit kannte, dieses Lächeln, das er immer aufsetzte, wenn ihm eine Idee gekommen war.
„Ich bin ein Jinrou, Toshio. Mir passiert nichts im Sonnenlicht.“
„Du bist wie Natsuno“, war das Einzige, dass Toshio dazu einfiel. Er befand sich immer noch in Schockstarre; seine Worte kamen leicht verwaschen heraus, so schwer fühlte sich seine Zunge an.
„Ja. Und wie Tatsumi.“ Seishin wandte sich zum Gehen. Im Sonnenlicht glänzte sein Haar wie Silber. „Überleg es dir, Toshio.“ Das war das letzte, das er sagte.
Toshio sah ihm nach, bis er um die Ecke des Apartmentgebäudes verschwunden war. Dann erst schloss er die Tür und lehnte sich erschöpft dagegen. Ein gequältes Stöhnen entrang sich seine Kehle, und er tastete automatisch nach seinen Zigaretten. Sollte der Vermieter doch toben.
Er rutschte das glatte Holz hinunter, bis er auf dem Boden saß. Das Klicken seines Feuerzeuges kam ihm sehr laut vor. Toshio brauchte mehrere Anläufe, bis er seine Zigarette tatsächlich anzünden konnte; seine Hände zitterten.
„Scheiße!“
Er warf sein Feuerzeug quer durch die Wohnung; es prallte an irgendeinem Möbelstück ab.
„Hör auf so mit mir zu spielen, du verdammter Bastard!“
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