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Brotkrumen - Das Leben ist kein Märchen - Band 2: Odyssee

von Kazuu
GeschichteDrama, Sci-Fi / P16 / Gen
Ben Mason Hal Mason Margeret "Maggie" Matthew "Matt" Mason OC (Own Character) Thomas "Tom" Mason
16.05.2019
16.05.2019
13
201.009
 
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16.05.2019 4.313
 
Prolog
Ein kalter Morgen. Anders, als noch vor zwei Tagen. War es überhaupt schon morgen? Ja. Der Blick aus dem Panoramafenster verriet ihr, dass langsam der nächste Tag begann. Die Dunkelheit vermischte sich mit vereinzelnd gelb-roten Lichtstrahlen, die durch graue Wolken brachen und eine klägliche Sicht auf die schattenhafte Umrisse der umgebenden Gebäude erlaubten.

North Adams.

Ja, genau. Sie waren in North Adams. Jess erinnerte sich. Wurde munterer. Diese verdammten Berserkers hatten sie zurückgelassen. John Pope hatte sie mal wieder verraten. Dieser Booth! Wenn sie einen Menschen hasste, dann diesen Mann. Nie wieder würde sie es zulassen, dass er sie bedrohte. Mann. Die junge Frau spürte, dass sie richtig wach wurde. Sie fühlte den kühlen Boden unter ihrem Körper. Lag noch darauf. Ein weiches Kissen schützte ihren Kopf, die angenehm warme Steppdecke den Rest. Sie lag in Wandnähe, hatte eine freie Sicht zur Stadt. Er war neben ihr. Sie sah ihn schlafend auf dem Boden liegen. Hal hatte sich von der Schwester weggedreht, war fast komplett unter der Wolldecke vergraben. Jess erinnerte sich. Sie war in seinen Armen eingeschlafen, hatte zugelassen, dass ihr Bruder sie festhielt. Diese Nähe zu ihm hatte gut getan. Es hatte sie getröstet. Trotzdem. Die 16-Jährige fühlte es. Den Älteren jetzt so zu sehen tat unfassbar weh. Sie spürte das unangenehm heiße, brennende Ziehen an ihrer Lippe. Das leichte Jucken an ihrer Wange. Den Druck an ihrer linken Flanke. Und sie fühlte den Schmerz an ihrer verletzten Schulter.

Hal hatte Jess geschlagen. Und sie hatte es ihm gleich gemacht. Sie hatten sich unglaublich brutal gestritten, sich heftig geprügelt. Das hier war die Konsequenz. Die Geschwister waren so dumm gewesen. Unkontrolliert. Pope auf diese Art zu reizen war das dämlichste gewesen, was sie hatten machen können. Vor einem Tag noch hatte die Mason nicht erwartet, dass sie diesen Sträfling so provozieren würde, dass der sie bedrohte und in einem Kühlraum einschließen würde. Ihr Trotz, die Aggression – vor allem ihre Sturheit – hatten einfach überhand genommen. Jessica Mason hatte sich wie ein rotzfrecher, rebellierender Teenager benommen, der sie im Grunde genommen auch war. Nur, dass sie es sich in der heutigen Zeit – in dieser anstrengenden Welt – nicht leisten konnte, so jemand zu sein.

„Hal“
Sie hatte sanft gesprochen, zog ihre Decke von dem warmen Körper, ging auf die Knie, ließ den Blick auf ihrem schlafenden Bruder haften, der sich an seinem Platz nicht rührte.
„Hal. Komm schon.“
„Lass mich.“
Die protestierende Stimme klang müde. Genervt. Der Bruder blieb von ihr weggedreht, vergrub sich tiefer in seine Decke. Dabei waren der und Ben immer die Frühaufsteher gewesen. Sie waren von klein auf in den Morgenstunden aktiv geworden, waren oft selbst an den Wochenenden und in den Ferien noch vor acht Uhr aufgestanden, selbst, wenn sie erst um zwei, drei Uhr nachts eingeschlafen waren. Bei Matt und Jess war das anders. Das Mädchen konnte es nicht ausstehen, zu früh – also vor neun oder zehn Uhr – geweckt zu werden. Wenn jemand dann auch noch zu gut gelaunt war, bekam sie Probleme, ihre Aggression zu beherrschen. Der Jüngste hatte morgens schon aus Prinzip schlechte Laune. Wehe, jemand sprach ihn vor dem Frühstück an. Dann konnte es lustig werden. Matt. Ben. Sie waren alleine. Die Geschwister waren voneinander getrennt. Nein.
„Wach auf.“
Jess hatte einen herausfordernden Unterton nicht unterdrücken können. Stieß dabei unsanft gegen die zugedeckte linke Schulter des Älteren. Sie konnten sich nicht weiter ausruhen. Die Sonne ging gerade auf. Das hieß, es war bereits nach sieben Uhr. Sie mussten bald wieder zum Stadtzentrum zurücklaufen, falls doch jemand käme, um sie zu holen. Das musste der Bruder einsehen. Die Schwester blieb auf ihre Knie, den Blick weiter auf Hal gerichtet, der sich tatsächlich umwandte, noch auf dem Boden unter der Decke lieben blieb, sie mürrisch betrachtete.

„Du kannst es einfach nicht lassen.“

„Du hast noch gar nichts angefasst.“
Ben hörte die besorgt klingende Stimme des kleinen Bruders. Es war fast halb sieben und beide saßen bereits in der überwiegend leeren Mensa. Viel gab es nicht. Der Blonde hatte den Kleinen eine gute Portion hergerichtet. Gleich zwei Scheiben Brot, eine große Schüssel mit Kürbisstücken, einen Apfel, eine Tasse warmen Früchtetee. Es war wichtig, dass der Jüngste genug zu sich nahm – er durfte erst aufstehen, wenn er alles aufgegessen hatte. Beim 14-Jährigen war das eine andere Geschichte. Sicher. Er benötigte im Grunde mehr Energie als seine Geschwister, sollte daher jetzt gut frühstücken. Aber das ging nicht. Ben fühlte sich schlecht. Er hatte die Nacht schlaflos verbracht, hatte nur den Bruder in seinen Armen gehalten – beide hatten auf Jess' Matratze gelegen – und ihn beim Schlafen beobachtet. Einen weiteren Albtraum war dem Zwerg zumindest erspart geblieben. So um fünf war der Ältere doch aufgestanden, hatte den Captain aufgesucht. Der Jugendliche hatte den Mann in dessen Büro gefunden, der hatte die ganze Nacht durchgemacht. Unterhielt sich gerade mit Peter, als Ben in das Zimmer gestürmt war. Der Junge hatte es versucht. Er wollte gleich nach North Adams fahren. Es war ihm egal, wer mitkäme – solange es nicht Pope war. Sollte der Mason heute auf diesen Kerl stoßen, er könne für nichts garantieren. Dieser Sträfling hatte einfach seine Geschwister zurückgelassen. Weaver hatte es Ben verboten. Natürlich mache er sich ebenso Sorgen um die beiden und sobald es ginge, würde er ein Suchtrupp losschicken. Aber jetzt war es zu gefährlich. Zuerst mussten sie auskundschaften, in welchen Städten sich Skitters befanden und sie beobachten. Es war die oberste Priorität, herauszufinden, wie lange sie hier in der Klinik noch sicher waren. Hal und Jess wüssten, wie sie überlebten. Sie waren zu zweit, das hieß, das Risiko, von den Aliens tatsächlich gefasst zu werden, sei gering. Ben solle seinen Geschwistern vertrauen. Ihn würde der Captain an seiner Seite brauchen. Um acht Uhr gäbe es eine Versammlung. Dann würde der Junge alles erfahren.

Ben war ernsthaft frustriert. Zornig. Es war kindisch, aber sein Trotz war so groß, dass er sich jetzt weigerte zu essen. Und ausgerechnet er hatte sich deswegen früher über die älteren Geschwister lustig gemacht. Er vermisste die beiden. Er vermisste sogar, wie sie sich immer um das Essen gestritten hatten. Um das letzte Pizzastück, um die Milch, um das Kuchenstück mit der meisten Schokolade daran. Dann wieder hatten sie sich gegenseitig versorgt. Ben hatte Matt Süßigkeiten gegeben. Hal hatte seinen Kaugummi mit den Geschwistern geteilt. Oder die Oreo, die Pringels, die jeder von ihnen so liebte. Jess hatte vor allem dem Ältesten sein Essen mit zur Schule mitgebracht – immer dann, wenn der es daheim vergessen hatte. In den Wintermonaten hatte sie den jüngeren Brüdern – überwiegend dem Kränklichen – viel Obst gegeben. Orangen, Äpfel, Mandarinen. Die Vitamine sollten helfen. Jetzt gerade sorgte der 14-Jährige dafür, dass der Jüngste ausreichend aß. Er selbst hatte sein klägliches Frühstück – etwas Kürbis und wässriger Kaffee – nicht angerührt. Lehnte sich an seinem Stuhl zurück, verschränkte die Arme vor seinem Körper. Er betrachtete Matt, der ihm gegenüber saß, ihn besorgt ansah.
„Ich brauch' nichts, Matty. Du schon. Iss bitte alles auf.“
„Aber du auch. In Jess' Tagebuch – du weißt ja, das zweite – steht, dass du durch die Stacheln wahrscheinlich etwa viertausend Kalorien am Tag brauchst. Sie hat es mit Lourdes berechnet. Und du brauchst ganz viel Protein.“
Mann. Vielleicht sollte der Jugendliche mal nachlesen, was die Schwester alles über ihn schrieb. Schließlich waren ihre Hefte für die Brüder frei zugänglich.
„Hat sie noch was darüber reingeschrieben?“
Der Angesprochene schien zu überlegen. Zuckte nur mit den Schultern.
„Nur, dass du wahrscheinlich wieder Vegetarier werden wirst, sobald der Krieg beendet ist und du deine Stacheln los hast. Und sie hat geschrieben, dass sie dir dann alles kochen wird, was du willst. Mann, Ben. Das solltest du ausnutzen.“
Ein leichtes Lächeln des Kleinen, der ihn direkt ansah.
„Immerhin hast du jetzt den Beweis. Sie muss dir dann alles machen und darf nicht motzen. Und sie darf dich dann auch nicht ärgern, so wie früher.“                                        
„Hattest du da nicht mitgemacht?“
Jetzt grinste Matt. Biss dabei kräftig in sein Brot, nickte Ben zu.
„War witzig. Und du hast Hal richtig angeschrien. Und mom hat dann gesagt, wir sollen aufhören, dir Fleisch unterzuschieben.“
Der Ältere erinnerte sich gut daran. Alle seine Geschwister hatten ihn wegen dem Vegetarismus verspottet. Gerade die Großen hatten ihn oft Wurst oder Fleisch in sein Essen gemischt oder direkt versucht, ihn zu zwingen, es zu essen. Hal hatte zusätzlich den Jüngsten angestachelt, da mitzumachen. Irgendwann hatte es dem mittleren Bruder gereicht – er hatte den Ältesten einfach mit gekochtes Gemüse beworfen und einen Liter Milch über ihn verschüttet. Zum Schluss hatten sie sich gestritten, solange, bis mom eingegriffen hatte.
Mom.
Neun Monate war sie jetzt tot. Wie er sie doch vermisste.
„Mom hatte immer gewusst, wie sie mir helfen konnte. Ich glaube, Jess versucht es nachzumachen.“
„Sie sieht ihr so ähnlich. Irgendwie....“
Ben beobachtete den Bruder. Der hatte sein Brot zu Ende gegessen, stocherte nun lustlos in seinem Kürbis. Er wirkte bedrückt. Der 14-Jährige fühlte das unangenehme Ziehen in seinem Magen, als er dieses Kind mit diesem wehmütigen Gesichtsausdruck sah. Ihn traurig sprechen hörte.
„Mom fehlt mir. Und ich will, dass Hal und Jess da sind.“

Ja. Ben verstand es. Er verspürte seine Verzweiflung. Seine stetige Rage. Er hatte gestern auf jeden Fall einen Fehler gemacht. Er hätte Weaver nicht raten sollen, dass die beiden die Mission durchziehen sollten. Wären sie hiergeblieben, wären sie sicher wieder aufeinander losgegangen, aber zumindest wären sie in Sicherheit. Ja. Wahrscheinlich wäre Ben dann noch ehrlich wütend auf die Geschwister, aber sie wären da. Er hätte sie.

Wenn Ben diesen unfassbar dummen Fehler nicht gemacht hätte, wäre seine Familie zusammen.

Hal stocherte eher lustlos in dem von seiner Schwester zubereiteten Haferbrei herum. Für dieses Zeug war es eigentlich nicht schlecht. Sie hatte ihn mit Zimt gewürzt, Rosinen und Dosenobst dazu gegeben. Wahrscheinlich hätte es mom genauso gemacht. Mit dem Verfügbaren improvisiert. Trotzdem war der Appetit nicht besonders groß. Der Dunkelhaarige saß der Jüngeren gegenüber an diesem überfüllten Arbeitstisch – seine Schüssel hielt er in der Hand – begutachtete die Gegenstände vor sich. Alles, was Jess in der Nacht gesammelt hatte, war darauf verteilt. Die Geschwister hatten, seit sie aufgewacht waren, kaum miteinander gesprochen. Hal war für einen Moment auf sie wütend gewesen. Sie hatte ihn einfach wieder grob gestoßen – auch, wenn sie ihn eigentlich nur damit wecken wollte. Die Aggression dabei hatte ihn gestört. Der 17-Jährige hatte es ihr gleich getan und die Andere, sofort nachdem er aufgestanden war, gegen deren rechte Schulter geboxt. Danach hatten beide einen Frieden beibehalten. Jetzt gab es Wichtigeres als sich gegenseitig zu bekriegen. Sie mussten sich vorbereiten. Überlegen, was sie alles in ihre Taschen packen sollten, ob sie dann direkt zur Bücherei laufen und dort warten sollten. Die Jüngere aß mit der gleichen Begeisterung ihr Frühstück wie er. Er bemusterte ihr müdes Gesicht. Die Schramme an der Wange blieb rot unterlaufen, die verletzte Lippe war leicht verschorft. Die Miene erschöpft. Sie wirkte nachdenklich. Der junge Mann lehnte sich ganz an seinem Stuhl zurück, hielt die Schüssel in der linken Hand. Seufzte.
„Wir sollten zuerst nach ein paar Waffen suchen. Ohne die geht gar nichts.“
„So viel Zeit haben wir nicht, um alle Läden abzuklappern. Ich denke, in einem Sportgeschäft haben wir mehr Erfolg, als in einem Waffen- oder Jagdgeschäft. Die Leute werden die als erstes ausgebeutet haben.“
„Du willst dir nur Pfeile holen.“
Ja. Der Köcher mit dem inzwischen gereinigten Mechpfeil hing an ihrem Stuhl, den Bogen hatte die Schwester daran angeschnallt. Mit dem Küchenmesser in seinem Rucksack war das die einzige Waffe, die ihnen zu ihrem Schutz zur Verfügung stand. Inzwischen hatte der Mason den Schaden, den die Jüngere mit seiner Tasche verursacht hatte, entdeckt. Und er konnte es ihr nicht einmal vorwerfen. Immerhin hatte sie so einen möglichen Unfall mit dem Messer verhindert. Hal liebte Jess. Sie war die kleine Schwester. Trotzdem würde es heute spannend werden, sich nicht mit ihr zu streiten, so, wie in den letzten beiden Tagen. Eine richtige Herausforderung.

Die Geschwister schwiegen sich wiederholt an. Waren gerade mit ihrem Essen fertig geworden, standen jetzt nebeneinander an dem Arbeitstisch, sortierten endgültig die benötigten Gegenstände. Spraydosen, Taschenlampen, Wasser, das Messer, Ben' s Buch, Batterien, Verbandsmaterial, Feuerzeuge, Streichhölzer. Hal hatte eine Landkarte gefunden, er würde beide notfalls nach Sunapee führen. Jetzt ging es einzig darum, wie viele Lebensmittel sie mitnehmen sollten. Wenn sie Pech hatten, lag ein mehrtägiger Fußmarsch vor ihnen. Ihre Rucksäcke sollten nicht zu schwer werden. Einen kleinen Topf würde sich der 17-Jährige an seine Tasche binden.
„Erinnert mich an den Drei-Tages-Marsch. Weaver hat uns ganz schön gescheucht.“
Jess' Stimme klang schon fast wehmütig. Warum auch immer. Hal erinnerte sich. Das war im ersten Monat gewesen, als die Masons sich dem Widerstand angeschlossen und die Jugendlichen mit der Kampfausbildung begonnen hatten. Gerade die Geschwister hatten sich dumm verhalten. Sie hatten ernsthaft geglaubt, dass sie schon ausreichend Erfahrung gesammelt hatten und gleich mit ihrer Arbeit als Soldaten beginnen könnten, so wie alle Erwachsenen. Die Masons waren arrogant, vorlaut und störrisch gewesen, hatten sich oft gegen Captain Weaver aufgelehnt. Sie waren auch nicht die einzigen gewesen. Colonel Porter hatte dann zwölf Teenager unter Weaver's Leitung auf einem Überlebensmarsch durch die Wälder geschickt. Sie mussten sich selbst versorgen und ihr zwanzig Meilen entlegenes Ziel erreichen. Es war chaotisch, undiszipliniert. Immer wieder gab es Streitereien, Machtkämpfe. Es war das erste Mal gewesen, dass der älteste Mason- Sohn eine Führerrolle übernommen hatte. Ganz spontan. Automatisch. Hal hatte die Gruppe in ihr Ziel geführt, Jess hatte ihn dabei unterstützt, ihm geholfen, sich bei den anderen durchzusetzen.
Die Masons waren Anführer. In diesen Tagen hatte der Dunkelhaarige es das erste Mal begriffen.

Hal Mason würde heute wieder führen. Er war der ältere, der Verantwortliche. Er war der große Bruder. Er machte die Ansage. Wie jetzt. Das Zusammenpacken dauerte zu lang. Ihnen fehlte der Plan. Das musste sich ändern. Ein kurzer Griff an dem rechten Unterarm der Schwester.
„Hey, Jess. Pass mal auf.“
Ein verwunderter Blick zu ihm. Hal ließ sie wieder los, nahm eine Dose Mischobst in die Hand.
„Jeder von uns nimmt drei Dosen, die Haferflocken teilen wir auf. Batterien sind genug da. Auf die Taschenlampen müssen wir dieses Mal besser aufpassen.“
„Wir? Du weißt schon, dass du meine zerstört hast? Und deine hast du mit deinem Spiel unbrauchbar gemacht. Also sag nicht 'wir'.“
Natürlich musste so etwas kommen. Der Bruder sah zu der Jüngeren missbilligend herunter. Die stand noch neben ihm, griff sich eine der Dosen – irgendetwas Grünes – und packte sie in ihre Tasche. Er machte es ihr gleich, seine Dose landete in den Rucksack. Einen vorwurfsvollen Kommentar konnte er trotzdem nicht unterdrücken.
„Letzten Monat hast du Ben' s Lampe verloren und meine ist dir 'runtergefallen. Und die von gestern war auch schon deine fünfte. Also ja. 'Wir'.“
„Schon gut. Hab' s ja kapiert. Wie viel Wasser willst du mitnehmen?“
Die Geschwister hatten die drei Plastikflaschen wieder mit dem gesammelten Regenwasser aufgefüllt und sie bereits verstaut. Insgesamt eineinhalb Liter – im Grunde zu wenig. Das war kein Problem.
Hal griff sich noch eine Dose Bohnen, eine letzte mit Gulasch – sein Vorrat. Seine Tasche war damit etwa zur Hälfte gefüllt. Viel mehr durfte er sich nicht leisten. Er sprach ruhig, während er den Rucksack verschloss, ihn auf dem Tisch stehen ließ und sich seinen Handschuhen zuwandte.
„Was wir haben, reicht. Falls wir tatsächlich laufen müssen, gehen wir den 'Black stone river' entlang. Der geht fast bis nach Sunapee. Dann haben wir genug Wasser. Wälder sind in der Nähe. Vielleicht können wir irgendein Tier fangen.“
„Aber so dauert' s...“
Nein! Kein Widerspruch. Der Mason hatte die Karte studiert. Er kannte den idealen Weg. Sicherheit ging vor. Für einen Moment klang seine Stimme unbeabsichtigt scharf.
„Es sind vielleicht zwölf Meilen Umweg. Wir nehmen nicht den Highway. Wir nehmen den Weg, den sie wahrscheinlich nicht ablaufen. Und jetzt mach dich fertig, Jess.“
Ein genervtes Kopfschütteln war ihre einzige Antwort. Zumindest gehorchte sie. Jetzt bereiteten sie sich endgültig vor.

Das Wohnhaus vor ihnen stand starr, unverhältnismäßig sauber. Unangetastet. Jetzt, da es heller wurde, konnte es Hal genau erkennen. Kein Wunder, dass Jess bestimmt hatte, es hier zu versuchen. Ein gutes Gespür, das seine Schwester gezeigt hatte. Das Gebäude war im Grunde nichts besonderes. Standard. Schlichtes weiß, normale quadratische Fenster, Balkone, eine Feuerleiter. Die Eingangstür bestand aus einem harten Milchglas. Es faszinierte den 17-Jährigen. Dieser Stadtteil war relativ verschont von den Angriffen geblieben. Von den Plünderungen. Es war eine Künstlergegend. Mit einer Unmenge von Buchhandlungen, Galerien, Modehäuser. Diese Straße wirkte kultiviert. Dort waren sie vor zwei Jahren nicht gewesen. Ben hätte es auf jeden Fall gefallen. Und mom.
„Hey, Hal.“
Jess. Er spürte ihren Griff an seinem rechten Ärmel. Der Blick zu ihm war auffordernd und beinah traurig. Vielleicht hatte sie das gleiche gedacht wie er. Sich wieder erinnert.
„Lass uns gehen.“
Sie hatte Recht. Bis zur Public Libary waren es über zwei Meilen. Sie wären jetzt wahrscheinlich über eine halbe Stunde unterwegs. Es war Zeit, diesen Ort zu verlassen. Der Ältere nickte nur schweigend. Nahm den Rucksack von seinem Rücken, suchte die Spraydose heraus. Ja. Er würde eine Spur für die 2. Mass hinterlassen. Für seine Brüder, für Maggie. Für Pope. Ein Hinweis, dass die Verlorengegangenen noch lebten. Sie hatten es bereits zweimal getan. An der Tür des Kühlraumes, an diesem Auto in dem Parkplatz. Nach getaner Arbeit räumte Hal grimmig das Werkzeug weg, drückte seine kleine Schwester sachte vor sich in Richtung Straße. Die Geschwister drehten dem Haus den Rücken zu, ließen es mitsamt den grellpinken Buchstaben an der Eingangstür zurück.

'Fuck u, Booth'

Lautes Husten. Es war schon beinah ein Chor. Matt hörte es sofort, als er die überfüllte Krankenstation betrat. Alle Pritschen waren belegt – Anne und Lourdes hatten ordentlich zu tun. Drei Kämpfer ließen ihre alte Verbände wechseln. Ein Kind hatte sich wohl irgendwo gestoßen, saß auf einer Liege - mit Tränen in den Augen - starrte nur auf das aufgeschlagene, blutende rechte Knie. Der Neunjährige erkannte an der letzten Liege, die vom Eingang am weitesten entfernt war, Crazy Lee. Die Frau schien fast zu schlafen, ihr olivgrünes Bandana verdeckte die Kopfverletzung. Dieses stürmische Husten, das der Junge schon am Gang vernommen hatte, kam eindeutig aus dem Nebenraum. Jetzt waren es elf Grippeerkrankte. Und viele sahen schlechter aus als gestern. Alle lagen sie in ihren Betten – bei mehr als der Hälfte waren Infusionen angelegt worden. Die Kranken wechselten sich mit dem Husten ab, mit dem Schniefen. Bei einigen wirkte die Atmung flach. Angestrengt. Drei rührten sich kaum noch an ihren Plätzen. Es war ein beängstigender Anblick hinter dieser Glastür. Es erinnerte Matt an den letzten Winter. Da waren die Kranken zum Schluss auch nur dagelegen. Viele von ihnen waren am Fieber gestorben, manche hatten Krampfanfälle bekommen. Mrs. Garcia hatten die Masons direkt sterben sehen. Sie waren damals in dem Haus in Sunapee gewesen. Der jüngste Sohn war dabei gewesen, als die Atmung der Nachbarin abflachte, unregelmäßiger wurde. Der Körper war so heiß gewesen. Sie hatte nicht mehr gegessen, kaum noch getrunken. Sie hatte über zwanzig Stunden am Tag geschlafen. Zum Schluss hatte Mrs. Garcia gar nichts mehr mitbekommen, immer langsamer geatmet. Dann hatte sie einfach aufgehört. Diese tolle, großherzige Frau war vor seinen Augen gestorben. Und die Familie hatte nichts dagegen machen können.

Matt' s Augen blieben an dem Quarantänebereich haften. Anne war da drinnen. Versorgte gerade einen der älteren Patienten. Flößte ihm Wasser ein. Dieser Mann dürfte um die Mitte Vierzig sein. Er war Zivilist – ein Bauarbeiter, soviel der Junge wusste. Er wirkte so schwach, unglaublich blass. Schweißnass. Gefährlich krank. Wie hatte sich die Lage seit gestern Nachmittag so verschärfen können? Anne wirkte sichtlich erschöpft. Hatte sie die Nacht durchgemacht? Sie hatte ja vorher dank den Masons kaum geschlafen. Und trotzdem. Der Blonde konnte darauf keinen Rücksicht nehmen. Captain Weaver hatte den Brüdern untersagt, nach North Adams zu fahren. Schickte keine Einheit dorthin. Jess und Hal galten heute nicht als Priorität. Das durfte nicht sein. Es gab nichts Wichtigeres als die beiden. Nicht heute, nicht morgen. Nicht für Ben. Und nicht für Matt. Wenigstens sollten die Brüder fahren dürfen. Sie brauchten Anne. Die Ärztin musste mit dem Anführer reden. Ihn davon überzeugen, sie gehen zu lassen. Alleine würden es die Jungs nicht schaffen. Aber diese Frau konnte ihnen helfen.
„Hey, Matt. Du solltest nicht hier sein.“
Lourdes. Die Freundin war aus dem Nichts aufgetaucht. Stand nun hinter dem Kind und hielt eine Hand auf seine rechte Schulter. Der Angesprochene sah zu ihr hoch, bemerkte, wie diese in Richtung des Quarantäneraumes sah und Anne bei deren Arbeit beobachtete. Die Helferin wirkte selbst erschöpft, strahlte trotzdem diese traurige Wärme aus.
„Wir haben heute Nacht Angela Wheeler verloren. Sie ist noch im anderen Saal aufgebahrt. Anne hat mit Weaver gesprochen. Die Beerdigung ist heute Abend um sechs.“
Angela Wheeler. Matt kannte diese Frau kaum. Sie war über fünfzig gewesen. Hatte Probleme mit der Gesundheit gehabt – mit ihrer Diabetes. Sie hatte oft den Spüldienst für die 2. Mass übernommen, auch mal den Waschdienst. Sie war vor der Invasion eine Haushalterin gewesen. Diese Frau hatte keine Familie, sie war nach den Masons zu dem Widerstand gestoßen. Zusammen mit Lizzy Baker – einer ehemaligen Arbeitskollegin. Matt hatte von den Frauen oft eine Extraportion bekommen, wenn diese mit der Essensausgabe dran gewesen waren. Angela hatte immer gesagt, er sei ein goldiger, kleiner Junge. Der Blonde hatte es nicht ausstehen können, aber es den Frauen gestattet. Schließlich waren sie sonst nett gewesen.

Und jetzt war Angela Wheeler tot.
Wann würde das Sterben endlich ein Ende haben?

„Schaffen es die anderen?“
Ja. Angela war nun ein neuer Name auf der Liste. Jess würde ihn in das Buch schreiben. Es sollte der einzige bleiben. Der Mason wünschte es sich so sehr. Ja. Ihr Frieden. Die Sicherheit war vorbei. Sie hatten vier Wochen ohne Verluste überstanden. So lang wie noch nie, seit der Invasion. Jetzt änderte es sich. Menschen starben. Matt hatte die Unruhe in seiner Stimme kaum unterdrücken können. Wurde weiter von Lourdes an der Schulter gehalten.
„Wir werden machen, was wir können. Aber du solltest wirklich nicht hier sein. Du könntest dich anstecken.“
„Ich wollte zu Anne. Sie muss mit dem Captain reden. Er will kein Team nach North Adams schicken.“

„Das werde ich machen!“
Eine neue weibliche Stimme, die plötzlich aus dem Hintergrund erschien, schreckte den Jungen für einen Augenblick hoch. Sie klang etwas gebrechlich. Müde. Matt drehte sich von seinem Platz, blickte nun in die Richtung der Frau. Crazy Lee saß ein paar Meter vor ihm auf ihrer Pritsche, zog sich gerade mit verbissener Miene deren Handschuhe an. Der Tonfall änderte sich. Sie sah den Blonden direkt an, wurde entschlossen.
„Ich werde nach deinen Geschwistern suchen, Kleiner. Immerhin standen sie unter unserer Leitung.“
„Ihr habt sie zurückgelassen! Es ist deine Schuld, dass sie nicht hier sind!“
Der Mason hatte sich nicht zurückhalten können. Mit diesen vorwurfsvollen Worten schritt er zu der Erwachsenen, die sich nun ihre Jacke, die über eine Stuhllehne neben der Liege gehangen war, griff. Er hörte Lourdes' besorgte Stimme im Hintergrund.
„Sie können noch nicht aufstehen. Mit Ihrer Gehirnerschütterung sollten Sie heute noch unter Beobachtung bleiben. Das ist keine Kleinigkeit, Lee.“
„Passt schon, Schätzchen.“
Matt blieb vor Lee stehen, die ihn ungehemmt in die Augen sah.
„Hast ja Recht, Kleiner. Ich wünschte, wir hätten bleiben und weiter warten können. Aber wir hatten die Zecken im Nacken. Heute ist ein anderer Tag. Ich werde Hal und Jess holen. Du kannst mir ruhig vertrauen.“
Die Frau stand auf, zog mit einem Schwung ihre Jacke über den Körper.

Ein 'Plong'. Metall, das auf den harten, grauen Fließen krachte. Es war aus einer der Jackentaschen gefallen, lag nun vor seinen Füßen.

Nein!

Matt erkannte es sofort. Den schwarzen, unauffälligen Griff, gute sieben Inches lang. Crazy Lee setzte schon an. Wollte sich vor ihm bücken. Nein! Der Junge war schneller. Ging blitzartig in die Hocke, griff sich diesen heiligen Gegenstand. Schnell stand er wieder gerade, ignorierte die Berserkerin vor sich. Drehte den dunklen Griff in seinen Händen, drückte einmal den Druckknopf an der Seite, ließ die Spitze herausspringen. Sah gleich die Kratzer an dem silbernen Metall. Das Messer war noch gut scharf. Der Bruder ging immer achtsam damit um. Ein paar dunkle Flecke zeigten Bereiche der Klinke auf, die nicht vollständig vom Blut – vor allem das der Skitters – befreit werden konnten. Matt drückte das Messer wieder in den Griff, strich leicht über die von Ben eingeritzten Buchstaben darin. Der hatte es damals zum Spaß gemacht und er hatte damit alle Messer der vier Geschwister mit deren Initialen markiert. An dem kleineren Taschenmesser des Jüngsten standen die Buchstaben 'MSM'. Matthew Spencer Mason. Auf diesem schwarzen Griff in seiner Hand konnte er deutlich die anderen Letter erkennen. Sie ertasten.

'HTM' – Hal Thomas Mason.

„Warum hast du das Messer?“
Matt konnte nur leise sprechen. Schon fast flüstern. Er sah nicht auf. Wartete nur auf die Antwort der Frau. Sprach dieses Mal etwas lauter.  Die hohe Stimme klang schon beinah schrill. Zornig. Der Blick blieb einfach auf diese Klinke haften.
„Das ist Hal' s Messer. Warum hast du das Messer?! Was habt ihr mit Hal gemacht?! Wo ist er?! Wo ist Jess?!“
„Kleiner....“
Matt hatte fast geschrien. Sah endlich hoch. Er konnte nur Crazy Lee vor sich anstarren. In ihre traurigen Augen sehen. Nein! Etwas stimmte nicht. Diese Frau hatte das Messer seines Bruders. Und der hatte es ihr nicht gegeben. Ganz sicher nicht. Die Taschenmesser der Geschwister waren heilig. Sie hatten sie von dad bekommen. Sie waren wertvoll. Niemand von ihnen wagte es, dieses Geschenk abzugeben. Es aus der Hand zu legen. Diese Berserkerin dürfte das Messer nicht haben. Es sei denn, sie hatte es Hal weggenommen. Matt wurde bei diesen Gedanken schlecht.

Irgendetwas stimmte nicht.

Und er musste herausfinden, was es war.
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