Strandgut

von Hakuyu
OneshotFreundschaft / P12
Hairu Ihei Koori Ui
16.05.2019
16.05.2019
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„Guck mal, Koori! Eine Sternschnuppe! Darf ich mir jetzt was wünschen?“, Hairus Stimme vermengte sich mit dem sanften Rauschen der Wellen.
Ui legte den Kopf in den Nacken und blinzelte gegen die gleißende Sonne an.
Mehrmals verschwamm das strahlende Blau des Himmels vor seinen brennenden Augen. Wie ein zufälliger, weißer Pinselstrich auf einer in blaue Farbe getunkte Leinenwand zeichnete sich der Kondensstreifen eines Flugzeuges auf dem Horizont ab.
Eine langgezogene, einsame Wolke.  
„Das ist keine Sternschnuppe. Es ist doch mitten am Tag. Das ist doch ein nur ein Kondensstreifen von einem Flugzeug“, Ui senkte den Kopf wieder und sah seiner Partnerin direkt ins Gesicht. Hairu lächelte ihm zu.
„Aber“, sagte sie langgezogen, „Es sieht so aus wie eine Sternschnuppe. Als hätte jemand den Himmel eingefroren, als sie dabei war, runterzufallen. Du bist viel zu unromantisch, Koori!“ Und du zu naiv, Hairu. Naiv, wenn sie in Sitzungen viel zu fröhlich und unaufmerksam war, als würde das Besprochene nicht über Leben und Tod entscheiden.
Naiv, wenn sie ihn versehentlich vor seinen Kollegen beim Vornamen ansprach.
Naiv, wenn es darum ging, unbedingt das Meer sehen zu wollen und ihm alle fünf Minuten vom Beifahrersitz die Frage entgegenschallte, wann sie denn endlich da seien. Sie war nicht naiv, wenn sie tötete. Töten konnte sie gnadenlos.
Ihre gesamte Welt konnte sie in rot tauchen und doch kamen ihr bei dem Anblick des strahlend blauen Himmels solche Gedanken. Dass sie diese graue, rotgesprenkelte Welt noch mit solchen Augen sehen konnte…
Ui schüttelte den Kopf. Nein, heute wollte er nicht an solche Dinge denken. Nicht heute. Heute gab es kein blutrot. Es gab himmelblau und meerblau und sandweiß. Hairurosa. Ein warmer Luftzug fegte über sie hinweg, zerrte an Hairus Haaren. Ihre kinnlangen Strähnen umwehten ihre Wangen, ihren Mund. Das Meer brauste auf. Hairu Augen  weiteten sich, wie aus Überraschung durch den plötzlichen Wind, das plötzliche Rauschen.
Dabei glänzten sie jedoch, so wie sie immer glänzten, wenn Hairu sich freute. Ihr langes, weißes Kleid bauschte im Wind. Gerade schaffte sie es noch, ihre Hand auf den Strohhut zu legen, bevor ihr dieser vom Kopf wehte.
Das um die Krempe gebundene, weiße Band flatterte. Als Hairu sich die Haare mit einer sanften Handbewegung zurückstrich, war es, als würde sie einen wirbelnden Vorhang vor ihrem Lachen lüften. Die Brise legte sich so plötzlich, wie sie gekommen war. Noch immer rauschte das Meer. Doch für einen Moment schien die ganze Welt ein wenig stiller geworden zu sein.
„Dann bin ich halt unromantisch“, murmelte Ui, mehr zu sich, als zu Hairu selbst.
Sie hatte bereits ein neues Thema gefunden: „Hab ich mich erschreckt! Der Wind ist ganz schön heftig!“, lachte sie und sortierte ihre durcheinandergeratenen Haarsträhnen. Vermutlich hatte sie ihn gar nicht gehört. Aber er war unromantisch. Das wollte er nur noch einmal festhalten. Für sich. Aus keinem bestimmten Grund.
Aber er wollte es noch einmal betonen. Punkt.  
„Wir sind am Meer. Der Wind ist hier auch mal ein bisschen stärker“, erklärte Ui.
„Das ist total aufregend, findest du nicht auch?“
Naja. Wind war halt Wind. Und doch spürte Ui, wie er nickte. Hairu hatte unterdessen den Kopf  in den Nacken gelegt, winkte in Richtung Himmel.
„Tschüss Flugzeug! Komm gut an!“ Dann wandte sie sich wieder ihm zu. „Lass uns weitergehen, Koori, ja?“, Hairu ergriff sein Handgelenk und zog sacht daran. Hitze durchzuckte seinen Arm wie einen elektrischen Schlag. Beinahe hätte Ui seine Hand zurückgezogen. Doch er hielt still. Ganz still. Ließ sich von Hairu führen, mitreißen. Seine Füße sanken in den heißen Sand ein, seine Schritte fühlten sich seltsam ungelenk an.
Der Untergrund bot keinen Halt. Müsste man hier kämpfen, hätte man aufgrund der mangelnden Standfestigkeit einen erheblichen Nachteil.
Außer Arima, für den eine solche Umgebung sicherlich kein Hindernis darstellte. Und auch Hairu würde bei ihrer Schnelligkeit und Beweglichkeit sicherlich ohne Einschränkungen kämpfen können. Abermals schüttelte Ui den Kopf.
Für solche Gedanken war dies hier weder der Zeit noch der Ort.
Dass er den Atem angehalten hatte, merkte Ui erst, als Hairu sein Handgelenk losließ.

Unter Uis Sandalen gab der Boden nach mit jedem Schritt nach. Wie lästig. Zwischen der Unterseite seiner Füße und den Sohlen hatte sich Sand gesammelt, der heiß und körnig an seiner Haut rieb. Manchmal, wenn Ui auftrat, knackten Muschelscherben.
Tänzelnd lief Hairu durch den Sand. Mit nackten Füßen. So, als würden sie all die scharfen Kanten der zerbrochenen Muscheln und der glutheiße Untergrundes nicht stören. Hoffentlich würde sie sich nicht irgendwo schneiden. Erst, als sie direkt am Wasser angelangt worden, dort, wo der Boden durch den ständigen Wellengang nass war, wurden Uis Schritte wieder fester. „Oh wow!“, rief Hairu aus und zeigte auf das Meer, welches sich wie ein blauer Teppich vor ihnen ausbreitete, „Es ist wunderschön.“
Ui war sich nicht sicher, jemals so ein Blau gesehen zu haben. Er war bereits öfter am Meer gewesen. Mit einen Eltern. Im Rahmen von Schulausflügen. Aber damals war das Wasser von einem schmutzigen grau gewesen.
Vielleicht war es ihm aber auch nur so vorgekommen.
Bald hatte Hairu Geburtstag, Ui hatte überlegt, ihr eine Kette zu schenken und war bereits in mehreren Schmuckgeschäften gewesen. Besonders ins Augen gefallen war ihm dabei ein Anhänger, an dem ein glitzernder, azurblauer Edelstein baumelte.
So funkelnd lag auch das Meer vor ihnen. Hairus Augen strahlten. Ui wollte erst einmal warten, bis er vielleicht ein besseres Geschenk fand. Doch jetzt war er sicher, dass er ihr diesen Anhänger in der Farbe des Meeres schenken wollte.
Hoffentlich würde er dieses Leuchten in ihren Augen wiedersehen. Auf Zehenspitzen und mit ausgestreckten Armen trippelte sie in das Wasser. Sie quietschte auf, hielt sich die Hand vor dem Mund und lachte.
„Kalt! Dass das so kalt ist, Koori!“ Die Kälte hielt sie jedoch nicht davon ab, tiefer ins Wasser zu waten, bis es ihr bis zu den Knöcheln reichte. Die weiße Gischt klebte an ihren Waden. Sie legte den Kopf in den Nacken.
„Ach, fühlt sich das gut an“, seufzte sie, dann drehte sie sich zu ihm um. „Komm doch auch! So kalt ist es gar nicht.“
„Wenn du meinst…“ Nur vorsichtig trat Ui näher. Wer wusste, was sich in dem Wasser befand? Zugegeben, es war klar genug, dass man auf den Boden sehen konnte und damit wohl sicher. So lange er oder Hairu sich nicht an irgendwelchen spitzen Gegenständen schnitten oder durch eine Qualle verletzt wurden…Eine Welle walzte an den Strand. Hairu lachte, versuchte, über sie hinwegzuspringen.
Die Woge umspülte Uis Füße. Kalte Schauer krochen seine Beine hoch. Leckend zog sich das Wasser zurück, hinterließ weißen Schaum auf seinen nackten Füßen. Schon umfing die nächste Welle seine Füße. Das Wasser rauschte. Etwas Kaltes, Nasses traf auf sein Shirt, spritzte ihm ins Gesicht. Salz brannte in seinen Augen. Wassertropfen rannen seine Wangen hinab. Prustend wischte sich Ui über das Gesicht, fuhr sich mehrmals über die Augen – ihm war, als hätte man Säure hineingeträufelt. Hairu lachte.
„Tut mir Leid, Koori“, sie schnappte nach Luft, „Du warst du abwesend, ich konnte nicht anders!“ „Scheiße, Hairu“, Ui rieb sich abermals über die Augen. Alles brannte noch, aber endlich konnte er wieder sehen. Hairu hielt sie sich beide Hände vor den Mund, doch ihr Lachen konnte sie dadurch nicht gefangen halten.
„Es tut mir Leid, Koori, aber dein Gesicht…sorry!“ Ihr anhaltendes Gelächter machte die Sache nicht glaubwürdiger. In der Schule hatten sich viele der anderen Kinder gerne geneckt, sich auf dem Pausenhof gegenseitig mit Schlamm oder Blättern abgeworfen. „Mach bei solchem Kinderkram nicht mit, Koori!“, hatte sein Vater gesagt. Kinderkram – dabei war er doch selbst ein Kind gewesen.
„Mach dich nicht schmutzig, sonst müssen wir alles wieder waschen und du machst uns nur Ärger.“ „Du bist nicht so.“
„Begib dich nicht auf so ein Niveau herab.“  
Wenn ihn jemand von seinen Mitschülern mit Dreck oder Blättern bewarf, konnte er nur irritiert dastehen, unschlüssig, was er tun sollte. Er konnte nicht sagen, ob sein Mitschüler mit ihm spielen oder ob er ihn schikanieren wollte. Am Ende starrte er nur auf dem Schmutzfleck auf seiner Schuluniform, drehte sich um und setzte sich auf eine Bank, weit weg von den spielenden Kindern und las in dem Buch, welches sein Vater ihm gekauft hatten.
„Spießer.“
„Spielverderber!“
„Arroganter Schnösel!“
So redeten die anderen Kinder über ihn. Bald bekam Ui das Gefühl, dass es keine Einladung mehr zum Spielen war,  wenn man ihn mit Dreck abwarf.
„Mit solchen Kindern brauchst du dich gar nicht abgeben. Wenn sie an so etwas Spaß haben, zeigt sich, wohin das noch führen wird.“
Ui starrte auf den großen Fleck auf seinem Shirt, der mit Salzwasser getränkte Stoff klebte juckend an seiner Haut. Nicht auf das „Niveau“ herabgeben? Von was einem „Niveau“ hatten seine Eltern überhaupt gesprochen? Wer sollte Menschen bemessen? Und an was? Das alles spielte keine Rolle.
Er würde sich nicht mehr umdrehen.
Ui trat ein wenig tiefer in das Wasser, bis es an seine nackten Waden reichte. Dann beugte er sich hinab, formte seine Hände zu einer Schale, tunkte sie ins Wasser…und schob einen Schwall in Hairus Richtung.
„Ihhh, Koori“, lachte sie kreischend, als das spritzende Wasser sie traf, „Das gibt Rache!“ Sie spritzte ihrerseits ihm das kalte Nass entgegen. Ui wehrte sich, Hairu wich aus, entgegnete seinen Angriff. Ui wusste nicht, wie lange das so ging. Die Kälte des Wassers spürte er kaum noch, seine Wangen glühten heiß. Er spürte, wie er lächelte.
Lächeln – das war etwas, was ihm sonst immer schwer fiel. Mit einem Lächeln konnte man die Menschen für sich gewinnen. Vieles ist einfacher, wenn man viel lächelte. Wann immer er es jedoch versuchte, fühlte es sich gezwungen an, steif, es zog förmlich in seinem Gesicht.
Doch wann immer er mit Hairu zusammen war, ging es plötzlich ganz leicht. Wie von alleine. Ui merkte erst jetzt, dass er lächelte.
Ab welchem Zeitpunkt er damit angefangen hatte, daran konnte er sich nicht erinnern. Die Wellen rauschten, umfingen sie. Hairu war bereits so tief im Wasser, dass es ihr bis zu den Knien reichte und ein Teil ihres Kleides bereits vollkommen vollgesogen war. Anfangs hatte sie noch versucht, den Saum hochzuhalten, aber da sie beide Hände frei haben musste, um Ui mit Wasser zu bespritzen, verlor die Trockenheit des Kleides bald an Priorität. Mit einem Mal kam Hairu mit ausgebreiteten Armen auf Ui zugelaufen.
Instinktiv wollte Ui zurückweichen, doch hatte Hairu schon seine Arme um ihn geschlungen, drückte ihren zierlichen Körper mit allem Gewicht gegen ihn. „Hairu! Was soll das denn?“, ächzte er. Ui taumelte nach hinten.
In dem Wasser und auf dem schlammigen Boden fand er keinen Halt. Auch Hairu rutschte weg, klammerte sich umso stärker an ihn.
Doch das half ihm nicht gerade, sein Gleichgewicht wiederzufinden. Vielmehr riss ihn Hairus Gewicht nur stärker hinab. Welle um Welle brach an seinen Beinen, als wollten sie dabei behilflich sein, ihn endgültig umstoßen.
„Upps!“, hörte er Hairu noch sagen.
Dann landeten sie schon platschend im Wasser. Es klatschte und spritzte. Ui landete mit dem Rücken voran im Wasser.
Er spürte Hairus Gewicht auf seiner Brust. Sein Hinterkopf sank in den nassen Sand ein, brennendes Wasser umspülte sein Gesicht. Keuchend und prustend fuhr Ui auf. Salz glühte in seinen Augen, seiner Nase, seinem Hals.  Hairu hatte sich mit den Händen an seine Schultern geklammert. Sie hockte zwischen seinen Beinen. Sie lachte nicht. Ihr Gesicht war plötzlich ernst. „Oh je, das wollte ich wirklich nicht, Koori.“ „Schon gut, ist meine Schuld“, er wischte sich über das Gesicht. Die leichten Wogen stießen gegen ihre Körper, als wollten sie sie beide verspotten.
Alles war nass. Seine Hose, seine Unterhose. Seine Haut. Sein Shirt. Seine Haare. Hairus Kleid. Hairus Sonnenhut. Hairus Haare, in denen Wassertropfen wie kleine Perlen hingen.
Wie dunkel das zartrose war, wenn es nass war…obwohl die Kälte in Uis hochkroch, Schauer ihn durchfuhren – so war ihm im Innern doch seltsam warm.
Das Wasser plätscherte, als Hairu sich aufrichtete, Ui die vor Nässe glänzende Hand reichte. Einen Moment sah er zu ihr auf. Zögerte. Dann griff er ihre Hand und Hairu zog ihn hoch aus den Wellen. „Wir sollten zurück zum Auto“, erklärte Ui, nachdem sie aus dem Wasser gestiegen waren und einige Schritte weiter an der Küste standen, „Sonst holen wir uns noch eine Erkältung.“
Hairu schob die Unterlippe vor.
„Schade…dabei hatte ich mich so gefreut…“
„Sei vernünftig. Ich will nicht, dass du krank wirst.“
„Ich werde schon nicht krank! Siehst du? Die Sonne trocknet doch alles ganz schnell.“
Hairu drehte sich auf der Stelle, der schwere, triefende Stoff ihres Kleides schlackerte. Die warmen Sonnenstrahlen kitzelten auf Uis Haut. „Wir werden uns noch etwas einfangen“, erklärte Ui dennoch, „Aber wir können auf dem Rückweg am Wasser langlaufen, okay? Das ist ja noch ein ganzes Stück.“ Er konnte es nicht ertragen, sie so traurig zu sehen. Aber zu wissen, dass sie wegen diesem Ausflug krank sein würde, konnte er noch weniger ertragen.
Ein Glück lächelte Hairu wieder.
„Okay! Danke, Koori!“  

Sie liefen entlang der Küste.
Während Ui auf dem Sand lief und auf Teufel kaum raus keinen weiteren Schritt ins Meer wagen würde, lief Hairu einige Schritte neben ihm im Wasser.
Aber sie war ihm noch so nahe, dass das Meer ihre Füße nicht einmal ganz bedeckte. Alles nass…wie gerne hätte er jetzt eine Zigarette gehabt.
Er wusste, er hatte etwas vergessen. Ui gab sich Mühe, nicht das Gesicht zu verziehen. Seine triefenden Haare klebten sich an seinem Kopf, an seinen Wangen. Mit jedem Schritt saugte sich der nasse Stoff seiner Kleidung auf neue, unangenehme Art und Weise auf seiner Haut. Ui schauderte, er hatte eine Gänsehaut.
Vielleicht hätte er sich doch etwas Längeres anziehen sollen. Mit der knielangen Hose und dem kurzärmeligen, lockeren T-Shirt und den Sandalen war er sich ohnehin viel zu nackt und nicht zuletzt albern vorgekommen. Dass er sowas überhaupt besaß, hatte er fast vergessen…Selbst wenn er sich mit Hairu privat in der Stadt traf, hatte er sich um möglichst seriöse Kleidung bemüht. Weißes Hemd, schwarzes Hemd, schwarze Hose, schwarze Lackschuhe. Dies war für einen Strandbesuch jedoch alles andere als angemessen gewesen.
Und selbst wenn er etwas Längeres angezogen hätte, wäre das am Ende auch nur noch nass geworden und noch mehr Stoff würde ekelhaft an ihm kleben. Trotzdem der Kälte, der Sand unter seinen Füßen und die Sonnenstrahlen wärmten seine Haut. Hairu lief mit springenden Schritten neben ihm her, ließ ihre schlanken Arme schlingern.
Mit jedem Auftreffen ihrer Füße platschte das Wasser leise. Dabei summte sie leise. Wie schön, dass sie Spaß hatte. Trotz ihrer Enttäuschung, dass sie den Ausflug vorzeitig abbrechen mussten…verdammt, er hatte doch gewollt, dass sie sich freute. Nun gut, wenn sie nicht so übermütig gewesen wäre, hätten sie noch länger bleiben können. Verdammt, das klang wie etwas, was sein Vater sagen würde. Ui schüttelte den Kopf.
„Stimmt etwas nicht, Koori?“, fragte Hairu plötzlich. Ui blinzelte. Dann lächelte er. „Es ist alles gut, mach dir keine Sorgen.“ Hairu blies die Backen auf, betrachtete ihn beinahe argwöhnisch. Dann sah sie ihn jedoch mit einem sanften Gesichtsausdruck an.
Dunkelheit schwamm in ihren Augen. Wie er es hasste, sie so zu sehen.
„Ist es, weil wir früher gehen müssen wegen mir?“, fragte sie.
Meistens schien es, als würde Hairu einfach in ihrer eigenen Welt leben…andererseits jedoch…
„Nein, nein“, Ui räusperte sich, „Ich dachte nur, es ist schade für dich, weil du dich so sehr gefreut hast und ich bin hier gerade ein ziemlicher Spielverderber.“
Hairu lachte auf. „Das bist du manchmal wirklich.“ …das war nicht unbedingt das, was er hören wollte. „Aber heute nicht! Überhaupt nicht! Ich hatte so einen Spaß! Das Meer ist toll und dass ich auch noch mit dir hingehen konnte! Und du machst dir ja nur Sorgen, ich will auch nicht, dass wir krank werden und nicht mehr arbeiten können. Danke Koori, für den schönen Tag!“
Hitze breitete sich auf Uis Wangen aus, er starrte auf den nassen Sand und rieb sich über den Nacken.
„Dafür nicht“, nuschelte er.
Als er wieder aufsah, war Hairu verschwunden. Ein Blick über die Schulter und er fand sie. Einige Schritte von ihm entfernt hockte sie, die Hände ins Wasser getaucht.
Typisch Hairu.
„Was machst du denn da?“ Als Antwort sprang Hairu auf und lief auf ihm zu, etwas eng an ihre Brust gedrückt. Das Wasser unter ihren Füßen plätscherte aufgeregt. „Hier guck mal, Koori!“ Sie streckte ihm die Hände entgegen. Auf den Handflächen lagen zwei große Muscheln. Eine große, rosafarbene mit weißen Sprenkeln, oben war ein großes Stück herausgebrochen, Wasser schimmerte in den Rillen. Die andere Muschel war ganz glatt und glänzte schwarz.
„Sie sehen aus, wie du und ich!“, rief Hairu begeistert.
Blinzelnd betrachtete Ui die Muscheln. „Ja, stimmt schon.“  
Hairu hielt sich die rosafarbene Muschel ans Ohr. „Man kann das Meer hören. Also vielleicht, jetzt hör ich ja noch das richtige Meer“, sie lachte und hielt ihm die Muschel hin, „Bitte schön.“
Abermals blinzelte Ui. „Bitte?“
„Als Andenken für heute!“, erklärte Hairu mit einem Lächeln, „Es macht doch keinen Sinn, wenn ich meine Muschel habe und du deine – ich will mich erinnern, dass ich den Tag mit mir verbracht hast und ich will, dass du dich an mich erinnerst. Also nimm!“
Dabei würde sie doch sicher die rosafarbene Muschel lieber haben…und trotzdem gab sie ihm sie und behielt freiwillig die schwarze…Wegen ihm.
Weil sie sich an ihn erinnern wollte. Ui schluckte den Kloß in seinem Hals hinunter. Vorsichtig, mit Fingerspitzen griff Ui nach der Muschel. Mit dem Daumen fuhr er über die Oberfläche, fühlte die Rillen.
„Danke sehr“, er lächelte Hairu an und ließ die Muschel in seiner Hosentasche gleiten, dort, wo sie sicher war. Auch Hairu bewahrte ihre schwarze Muschel in der Tasche ihres Kleides auf. Das Meer rauschte und plätscherte, als sie sich gemeinsam auf dem Weg zum Auto machten.
Am Ende liefen sie immer weiter und weiter.
Immer weiter durch den Sand, immer weiter gerade aus. Den Pfad zum Parkplatz hatten sie längst verpasst, die Zeit vergessen.
Zeit, die nassen Kleider, spielten keine Rolle mehr.
Die warmen Sonnenstrahlen trockneten den Stoff schnell. Kaltes Wasser umspielte Uis Füße. Hairu lief summend neben ihm.
„Wenn wir immer weiter laufen“, fragte sie irgendwann, „Kommen wir dann ans Ende der Welt? Oder laufen wir im Kreis?“
Ui schüttelte nur den Kopf. Am Ende war es eine Felswand, an der sich gurgelnd die Wellen brachen, welche ihnen den Weg abschnitt.

Während sie diesmal wirklich zum Auto zurückkehrten, wurde die Sonne bereits von dem Meer verschluckt. Das Wasser war rot.
Als würde die rote Sonne sich verflüssigen und ins Meer auslaufen. Wie ein Meer von Blut. „Wunderschön, oder, Koori? Das Wasser sieht aus wie flüssige Rubine!“, schwärmte Hairu.
„Ja“, sagte Ui, „vielleicht.“
Dass sie die Schönheit der Welt noch sehen konnte…Vielleicht ein Meer aus Blut, vielleicht flüssige Rubine. Am Ende war es nur Wasser, indem sich Lichtstrahlen reflektierten.  Es machte keinen Sinn, sich darüber Gedanken zu machen.
Es begann kühl zu werden. An Armen und Beinen bekam Ui erneut eine Gänsehaut. Hairu rieb sich über die nackten Arme und lachte.
„Ganz schön kalt.“ Am liebsten hätte er ihr eine Jacke umgehängt – doch natürlich hatte er keine mitgebracht. Wie hatte er an sowas nicht denken können?
Bevor sie gingen, warf Hairu dem Strand noch einen letzten, sehnsüchtigen Blick zu. Sie seufzte, dann lächelte sie Ui an.
„Danke für den tollen Tag!“
Ui nickte, während sein Herz wieder höher schlug. Sagte nur „nichts zu danken“, auch wenn das seine Gefühle nicht im Geringsten einfasste.
Nein, Gefühle waren nichts, was man mit Worten ansatzweise ausdrücken konnte.
„Können wir mal wiederkommen? Es war so schön“, fragte Hairu und sah Ui mit strahlend an, rote Reflexe der letzten Sonnenstrahlen blitzen in ihren zartrosanen Augen. Ui nickte wieder. „Unbedingt.“ Daraufhin klatschte Hairu in die Hände.
„Toll!“ Nach dem unwegsamen, heißen Sand fühlte sich der Betonboden des Parkplatzes ungewohnt kalt und hart an. Über strahlende, helle Blau hatte sich ein bunter Farbverlauf gelegt. Hairu malte gerne und nun sah der Himmel so aus, als hätte sie wahllos, aber nicht ziellos blau, rosa, gelb, dunkelblau und schwarz genommen und über die Leinwand getuscht.
Richtig, er hatte mal ein Bild von ihr gesehen, das so ähnlich aussah. Die ersten Sterne zeichneten sich am Firmament ab. Die Lichter von Uis Auto blinkten auf, als er es mit der Fernschließanlage aufschloss. Wenige Schritte später standen sie bereits am Fahrzeug. Ui hatte die Fahrertür geöffnet und wollte einsteigen. Dann fiel sein Blick auf Hairu, welche den Kopf in den Nacken gelegt hatte und gen Himmel deutete.
„Schnell, Koori! Eine Sternschnuppe! Diesmal wirklich! Guck, guck!“ Ui sah nach oben und sah gerade noch einen kleinen Streifen verglühen. „Hast du es gesehen?“, fragte Hairu hastig, „Bitte sag, dass du sie gesehen hast?“
„Ja, habe ich.“
Was regte sich Hairu so auf?
„Ich bin so froh! Da haben wir uns ja beide was wünschen können!  Aber nicht sagen, sonst geht der Wunsch nicht in Erfüllung“, rief Hairu aus, „Ich habe mir auch was gewünscht, aber das sage ich auch nicht.“ Dabei legte sie sich verschwörerisch den Zeigefinger auf die Lippen. Was sie sich wohl gewünscht hatte?
Arimas Quinque? Von Arima gelobt zu werden? Irgendetwas in der Art mit Sicherheit.
„Du hast dir doch auch was gewünscht, oder Koori? Oder ist dir das zu kindisch?“
Ui stockte. Nein. Sich bei einer Sternschnuppe etwas zu wünschen, war in der Tat kindisch. Da hatte Hairu ihn perfekt eingeschätzt.
Das brachte doch nichts. Man selbst war für sein eigenes Schicksal verantwortlich. Nur man selbst konnte seinen Pfad bestimmen. Ein Gesteinsbrocken, der in der Atmosphäre verglühte, hatte nichts damit zu tun.
„Ja, ich habe mir was gewünscht“, hörte sich Ui trotzdem sagen, spürte, wie seine Finger in die Tasche seiner Hose wanderten.
Unter seinen Fingern zeichneten sich die Rillen der Muschel ab, welche Hairu ihm geschenkt hatte. „Also doch! Das ist schön, Koori! Ich hoffe, dein Wunsch wird wahr! Aber psst, nichts sagen.“
Nein, er würde garantiert nichts sagen, denn dann Hairu würde ihn bestimmt auslachen.
Ich wünsche mir, dass wir für immer zusammen sein können.
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