Burg Ravenstein

von Estaniel
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P12
Fabeltiere & mythologische Geschöpfe Gestaltwandler Vampire Werwölfe
16.05.2019
09.11.2019
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Spannungen

Die nächsten Tage herrschte eine fast gespenstische Stille auf der Burg. Vielleicht kam es mir aber auch nur so vor, weil ich Mr. Blakes Geschichte und das Erlebte erst einmal verarbeiten musste.
Uns wurde gesagt, dass die Gefahr vorüber war und die Ausgangssperre, wenn nicht wieder etwas vorfallen würde, nach dem nächsten Vollmond aufgehoben werde. Das freute besonders unseren Sportlehrer Mr. Knutsen, der sich schon seit Tagen darüber aufregte, dass man auf dem leicht hanglagigen Hof der Vorburg keinen vernünftigen Sportunterricht machen konnte. Der nächste Vollmond war schon in wenigen Tagen, was in mir ein mulmiges Gefühl hervorrief. Immer wieder hatte ich Alpträume, in denen mir Helena erschien, die sich in einen Werwolf verwandelte. Evelyn ging es nicht besser, wie ich an ihren Augenringen erkannte.
Am Abend vor Vollmond, als schon alle Türen und Fenster geschlossen waren und die Lehrer noch einmal einen Rundgang durch die Burg gemacht hatten, um sicherzustellen, dass auch alles Mondgeschützt war, kam ich zum Abendessen in den Speisesaal und musste feststellen, dass dort gerade ein ziemlich heftiger Streit vom Zaun brach. Kyle war von seinem Tisch aufgestanden, als Evelyn den Raum betreten hatte und scheinbar direkt verbal auf sie losgegangen. Als ich nun dazu kam rief Evelyn gerade aufgebracht und den Tränen nahe: „Ich kann doch auch nichts dafür, dass ich ihn sehe! Mir wäre es selbst lieber, es wäre nicht so!“
Heith stand hinter ihr und versuchte sie zu beruhigen: „Evelyn, schon gut. Ignorier ihn einfach.“
„Was ist denn los?“, fragte ich und kassierte einen vernichtenden Blick von Kyle.
„Das ist doch alles nur eine dunkle Verschwörung von euch Banshees, um eure eigentlichen Absichten zu verbergen. Wahrscheinlich bist du auch noch schuld am Tod deiner Eltern! Ist es nicht so?“
„Kyle!“, entfuhr es Heith aufgebracht. Evelyn starrte den Werwolf kurze Zeit entsetzt an, dann wirbelte sie herum und stürmte mit tränenüberströmtem Gesicht aus dem Saal.
„Jetzt bist du zu weit gegangen…“, murmelte ich angespannt und Kyle entgegnete meinem feindseligen Blick trotzig.
„Pah, ist doch so.“
Ich drehte mich herum und folgte Evelyn, ohne dem Dreckskerl noch eine Sekunde länger meine Aufmerksamkeit zu geben.

Aus dem Zimmer hörte ich leises Schluchzen und Hanas beruhigende Stimme. Ich war mir unsicher, ob ich klopfen oder sie einfach in Ruhe lassen sollte, entschied mich dann aber doch dafür. Die Tür öffnete sich einen Spalt breit und Haha steckte den Kopf heraus.
„Oh, du bist es. Komm rein.“
Das Zimmer der Mädchen war etwas anders aufgebaut, als das von Heith und mir und die meisten anderen Zimmer. Evelyn und Hana hatten die Aufteilung in zwei Hälften aufgelöst und ihre Betten, die keine Hochbetten wie bei uns waren, beide auf dieselbe Seite geschoben, sowie die Schreibtische nebeneinander gestellt.
Evelyn saß auf ihrem Bett an die Wand gelehnt und das Gesicht in den Händen vergraben. Hana setzte sich neben sie und legte ihren Arm um Evelyns Schultern. Ich trat ein und schloss die Tür hinter mir, etwas ratlos, was ich sagen sollte. Schließlich setzte ich mich auf einen Stuhl und meinte: „Kyle ist diesmal echt zu weit gegangen. Evelyn, hör nicht auf ihn, er hat doch keine Ahnung.“
Hana sah mich an, sagte jedoch nichts. Sie hatte von den Streit nichts mitbekommen und ich wusste auch nicht, wie viel sie von Evelyn erfahren hatte. Evelyn nahm die Hände vom Gesicht und die roten, verheulten Augen zeugten davon, wie verletzend Kyles Worte gewesen waren.
„Leo“, brachte sie zwischen zwei Schluchzern hervor. „Ich saß damals auch im Auto. Meine Eltern wollten mich nach Burg Ravenstein fahren. Sie waren keine Banshees und völlig überfordert mit der Situation, weil ich am Tag zuvor den Schnitter gesehen hatte. Mein Opa, der wie ich war, hat ihnen vor seinem Tod von Burg Ravenstein erzählt, weshalb mein Vater direkt dort angerufen hat.“
Evelyn war wie in Trance gewesen. Der Schnitter war ein traumatisches Erlebnis, zumal sie mit ihren sieben Jahren noch gar nicht kapieren konnte, was das zu bedeuten hatte. Während sie auf der Rückbank des Autos saß und weder verstand, wohin sie fuhren, noch warum ihre Eltern so aufgelöst waren, stürmte es draußen, als ginge die Welt gerade unter. Es war dunkel, die Straßen glatt und der Schnee klatschte gegen die Scheiben, dass man kaum noch etwas sehen konnte.
„Plötzlich war es, als würden wir von einer Welle aus schwarzem Nebel überrollt.“ Evelyn weinte nicht mehr. Sie erzählte mit monotoner Stimme und ich begann, mir Sorgen um sie zu machen. „Den Nebel konnte nur ich sehen und ich verstand nicht, warum. Ich geriet in Panik und schrie und als ich ihn dann am Straßenrand sah… als ich wieder die schwarze Gestalt mit der Sense sah…“ Sie brach ab und zog sich das Kissen vors Gesicht, das sie schon die ganze Zeit an sich presste. „Mein Vater ist so erschrocken, dass er die Kontrolle über den Wagen verlor und in ein entgegenkommendes Auto fuhr.“
Hana nahm sie in den Arm und drückte sie fest an sich. „Es ist nicht deine Schuld, Evvy. Du kannst nichts dafür, dass das passiert ist…“

Als ich den Klassenraum betrat, waren schon alle bis auf Mr. Birsen da. Das Abendessen hatte ich verpasst, doch ich hatte eh keinen Appetit mehr. Evelyn war noch immer in der Vampirklasse und ich glaubte auch nicht, dass sie wieder zurückwechseln würde, dafür waren die Spannungen zwischen ihr und Kyle einfach zu groß.
„Wie geht es ihr?“, fragte Heith, als ich mich neben ihm auf meinen Platz setzte.
„Beschissen. Kyle hat diesmal echt übertrieben.“
Er kniff die Lippen zusammen, sagte aber nichts dazu. Erst, als wir nach dem Unterricht auf unser Zimmer zurückgingen, kam er noch einmal auf das Thema zu sprechen: „Du musst aber auch Kyle verstehen. Er hat seine Freundin verloren. Sie waren schon drei Jahre zusammen und er hat Helena echt geliebt. Und jetzt, wo wieder Vollmond ist, ist es natürlich besonders schwer für ihn. Er macht gerade echt auch keine einfache Zeit durch."
Entgeistert sah ich Heith an. „Willst du Kyle etwa verteidigen?“
„Nein. Was er gesagt hat, geht absolut nicht in Ordnung. Ich meine nur… ich kann ihn auch irgendwo verstehen…“
Ungläubig starrte ich ihn an und glaubte nicht, was ich da gerade hörte. Seit wann setzte sich Heith für Kyle ein?
„Leo… Kyle hat mir ein Angebot gemacht…“
„Ein… Angebot?“
„Er will mich ins Rudel aufnehmen… weil ich, du weißt schon, mich jetzt verwandeln kann.“
„Du hast ihm doch hoffentlich die Meinung gegeigt und gesagt, dass er sich sein Angebot sonst wo hinstecken kann!?“
„Na ja… ich… hab ja gesagt.“
„Wie bitte?“
„Leo, ich habe mir seit ich hier bin gewünscht, zum Rudel dazuzugehören. Und jetzt habe ich dieses einmalige Angebot bekommen, glaubst du wirklich, dass ich da nein sage?“
„Aber…“
„Das bedeutet ja nicht, dass wir nicht mehr befreundet sind.“
„Du verarscht mich grade, oder?“
„Ich… nein!“ Er kniff misstrauisch die Augen zusammen. „Leo, kannst du nicht wenigstens versuchen, es zu verstehen?“
„Nein, kann ich nicht! Hast du etwa schon vergessen, wie Kyle dich immer behandelt hat? Für ihn warst du wie Luft! Der Arsch denkt doch nur an sich selbst!“
„Das stimmt nicht“, wandte Heith kleinlaut ein. „Du kennst ihn doch gar nicht richtig.“
„Ich kenne ihn gut genug!“ Meine Stimme überschlug sich schon fast und ich war so aufgebracht, dass ich immer lauter wurde. „Der Dreckskerl hat dich immer runtergemacht! Er hat sich über dich lustig gemacht, weil deine Reife etwas länger auf sich warten ließ! Er war gemein zu Evelyn und hat sie angegriffen. Wenn ich mich damals nicht dazwischengeworfen hätte, dann hätte er sie umgebracht! Und mich hätte er wahrscheinlich auch totgebissen, wenn Mr. Blake nicht dagewesen wäre! Ist dir eigentlich klar, was du tust, wenn du dich ihm anschließt? WEM du dich da anschließt?" Das Unverständnis machte mich wütend und ich wollte einfach nicht glauben, dass Heith das wirklich ernst meinte. Doch er blieb ganz ruhig und sah mich nur enttäuscht an. Dann meinte er verletzt: „Weißt du, unter einer Bedingung hätte ich das Angebot von Kyle tatsächlich abgelehnt. Und zwar, wenn er von mir verlangt hätte, dass ich mich zwischen dir und dem Rudel entscheide. Doch das hat er nicht. Stattdessen bist jetzt du derjenige, der mich vor diese Wahl stellt. Ich wusste ja, dass du nicht begeistert sein würdest, aber das hätte ich echt nicht erwartet.“
Seine Worte waren verletzend, doch ihre ganze Tragweite und die Wahrheit, die aus ihnen sprach, verstand ich erst später. In dem Moment aber, als er es sagte, war ich so enttäuscht und wütend, dass ich ihn anschrie: „Ach weißt du was? Tu doch, was du nicht lassen kannst! Das ist mir echt sowas von egal!“ Ich drehte mich herum, verließ das Zimmer und knallte die Tür hinter mir zu. Erst als ich, in der Bibliothek an einem Tisch sitzend, aus dem Fenster die Sterne betrachtete und wieder etwas runterkam, wurde mir klar, was ich gerade getan hatte.
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