Nachtschicht

von Maybe44
OneshotAllgemein / P12
16.05.2019
16.05.2019
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23:35 Uhr
Anja hatte den Abend allein mit einem Glas Rotwein auf ihrer Couch verbracht und einen stumpfsinnigen Film im Fernsehen geschaut. Irgendeine hirnlose Komödie mit reichlich vorhersehbaren Ausgang. Zwischendurch war sie eingenickt. Sie hatte nicht das Gefühl, etwas verpasst zu haben, als sie wieder wach wurde. Trotzdem hatte sie den Film bis zum Ende geschaut. Danach hatte sie den Fernseher einfach weiterlaufen lassen. Eine politische Talkrunde über ein Thema, das sie kein Stück interessierte, wurde gezeigt. Trotzdem hatten die Stimmen etwas Tröstliches an sich. Sie vertrieben wenigstens die Einsamkeit, die lähmende Stille im Haus. Gegen die Müdigkeit jedoch kamen die Stimmen nicht an. Immer wieder fielen ihr die Augen zu.
Schließlich hatte sie kapituliert und war ins Bad gegangen. In ihrem Pyjama, bestehend aus einem Top mit Spaghetti-Trägern und kurzen Shorts, schlüpfte sie einige Minuten später fröstelnd unter die flauschige Bettdecke. Ihr Blick fiel auf die zweite Seite des Bettes. Leer, unbenutzt. Das Kissen und die Bettdecke ordentlich glatt gezogen. Anja seufzte. Da war es wieder zurück, mit voller Wucht. Das Gefühl allein zu sein. Einsam. Sie hasste Abende wie diesen. Und Nächte wie die, die ihr bevorstand. Sie wusste jetzt schon, dass sie miserabel schlafen würde. Wenn überhaupt. Seufzend löschte sie nichtsdestotrotz das Licht ihrer Nachttischlampe.

2:12 Uhr
Ein Geräusch ließ Anja erschrocken aus dem Schlaf fahren, der sie wider Erwarten doch noch übermannt hatte. Sirenengeheul.
Der Rettungswagen? Die Polizei? Hubsi! Er hatte doch heute Nachtdienst. Hoffentlich ein harmloser Einsatz. Sie würde es natürlich nie zugeben, aber sie machte sich Sorgen. Der Ton auf der Straße wurde immer rauer, die Einsätze gefährlicher. Willkürliche, grundlose Angriffe auf Rettungskräfte und Polizeibeamte nahmen zu, selbst im beschaulichen, ländlichen Wolfratshausen. Franz Hubert war ein guter Polizist, ohne Frage. Besonnen, ruhig, souverän und mit vielen Jahren Erfahrung im Streifendienst. Aber selbst ein alter Hase wie er konnte unverschuldet in gefährliche Situationen geraten. Schon allein eine Alarmfahrt durch die Nacht bot viele Risiken. Andere Verkehrsteilnehmer, die überfordert oder betrunken waren und mit einer falschen Reaktion einen Unfall verursachten, wetterbedingt schlechte Straßenverhältnisse. Sie lauschte. Kein Regen prasselte gegen die Fensterscheiben. Immerhin. Hoffentlich ging alles gut. Vielleicht war es ja auch doch nur der Rettungswagen gewesen und Hubsi saß gemütlich bei einer Tasse Kaffee in seinem sicheren Büro. Sie schloss die Augen und versuchte wieder Schlaf zu finden.

2:46 Uhr
Es wollte ihr nicht gelingen. Sie konnte einfach nicht mehr einschlafen. Für wenige Minuten dämmerte sie weg, dann aber warf sie wieder einen Blick auf die Uhr, die die Zeit in blauen Ziffern an die Zimmerdecke projizierte. Und unweigerlich begann sie zu rechnen. Erst fünf Minuten vergangen. Zehn. Dann Fünfzehn. Und dann: Wenn sie jetzt endlich einschliefe, könnte sie immerhin noch fast viereinhalb Stunden schlafen, bevor um 7.30 Uhr wieder ihr Wecker klingen würde...

3:27 Uhr
Wieder und wieder hatte sie auf die Uhr gesehen. Der Lichtschein der Uhr war gerade hell genug, um auch immer wieder ihren Blick auf die leere Betthälfte neben ihr zu lenken. Allein in einem großzügigen Doppelbett liegen zu müssen, das war doch wirklich deprimierend. Vielleicht sollte sie sich einen Hund anschaffen. Dann wäre immer jemand da, an ihrer Seite.
Sie hatte gewusst, dass es eine dieser Nächte werden würde. Den Gedanken mit dem Hund verwarf sie wieder. Sie konnte das Tier tagsüber ja schlecht mit in die Pathologie nehmen. Vielleicht eine Katze? Aber schlechtestenfalls würde diese Nachts draußen herumstreifen und ihr nur noch mehr schlaflose Nächte bescheren.

4:03 Uhr
Endlich forderte die Erschöpfung nach einem langen Tag ihren Tribut und Anja fiel in einen unruhigen Schlaf mit wirren Träumen. Träumen von Blaulicht, Sirenen, von Hubsi und noch mehr Blaulicht und Sirenen. Und immer wieder Hubsi, der sie mit seinen stahlblauen Augen ansah und ihr ein schiefes Lächeln schenkte.

6:15 Uhr
Anja öffnete ihre Augen und blinzelte. Schlagartig war sie erwacht. Wieder ein Geräusch. Eine Tür fiel leise ins Schloss. Schritte. Erst im Hausflur, dann auf der Holztreppe. Nach oben, in Richtung ihres Schlafzimmers. Ihr Herz klopfte schneller und schneller, als sich schließlich eine Gestalt durch die Tür schob und sich langsam und vorsichtig im Dunkeln dem Bett näherte.

"Hallo Schatz. Wie war der Nachtdienst?" fragte Anja halblaut.

"Hab l di geweckt, Liebling?" flüsterte Hubsi, während er sich zu ihr ins Bett kuschelte und sie in seine Arme zog. "Der Dienst war ruhig."

"Okay." Flüsterte Anja zurück und schmiegte sich eng an Hubsis Brust.

Er küsste sie sanft auf die Stirn. "Schlaf weiter mein Engel. Ich liebe dich."

"Und ich liebe dich Hubsi. Aber ich hasse deine Nachtdienste..." murmelte sie, während sie endlich, mit dem beruhigenden Geräusch seines gleichmäßigen Herzschlags im Ohr, seiner Wärme wie eine beschützende Hülle um ihren Körper und einem glückseligen Lächeln auf den Lippen, in einen tiefen ruhigen Schlaf glitt.

ENDE
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