Die Entwicklung

CrossoverAllgemein / P12
16.05.2019
16.05.2019
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Knirsch, knirsch, knirsch

Meine Füße tragen mich über den Feldweg. Unter ihnen der Kies.

Knirsch, knirsch, knirsch.

Warum auf einem Feldweg Kies ist, weiß ich auch nicht.
Was ich aber weiß, oder besser was ich bemerke, ist, wie ich schneller werde. Nicht etwa, weil es bergab geht, also schon auch, aber hauptsächlich, weil es mich wegzieht.
Weg vom Stress. Weg vom Druck. Weg von Stigmata. Weg von der Enge. Weg von daheim.
Einfach weg. Weg von allem.

Ich weiß schon, es ist wiedermal länger her, dass ich einen solchen Text geschrieben habe. Was den einfachen Grund hatte, dass eigentlich alles beim alten war und ich mich ohnehin ständig wiederhole.
Aber jetzt, jetzt hat sich was geändert. Ich habe mich geändert.
Von klein auf, da lernte ich, dass ständiges Fragen, Wollen, um Hilfe bitten, auf sich selbst schauen, etc nicht gern gesehen war. Es wurde verabscheut. Man galt als selbstverliebt, egoistisch. Wurde ausgegrenzt oder zurecht gewiesen. Man sollte nicht nur immer auf sich schauen.
Was macht eine kleine, eingeschüchterte Miss Marpel, die keinen Ärger bekommen wollte? Natürlich, sie hört auf damit.
Sie lässt das Bitten. Lässt das Fragen. Meidet das Wollen. Lässt das auf sich selbst schauen.
Ich war plötzlich das brave, gute Kind, dass zwar manchmal oder manchmal auch öfter bisschen spinnt, im Großen und Ganzen aber folgte.
Nicht auf sich achtend. Es immer den anderen recht machend. Mehr und mehr selbstlos.

Nun aber bleibt die kleine Miss Marpel nicht für immer klein. Nein, sie wird groß. Und sie wird reif, viel zu schnell, wenn es nach ihr ginge. Vorallem aber wurde sie auch nachdenklich. Fängt an Dinge zu hinterfragen.
Der, nun großen Miss Marpel fällt auf, dass ihr einiges fehlt.
Ihr fehlt es, unendlich viele Fragen stellen zu können. Ihr fehlt es, Hilfe zu bekommen, wann auch immer sie die braucht. Ihr fehlt es, auf sich selbst zu schauen, auf ihr Inneres zu hören.
Dieser Miss Marpel fällt auch auf, dass andere, nicht so selbstlose Menschen, ihren Willen bekommen.
Was also tut die große Miss Marpel? Korrekt, sie beginnt, die Sachen zu tun, die ihr bis dato gefehlt haben.
Sie beginnt auf sich selbst zu schauen. Achtet nun mehr auf sich. Nimmt sich selber ernst. Sie beginnt zu fordern was sie braucht.
Ihren Willen bekommt sie dadurch nicht unbedingt, aber es geht ihr in mancher Hinsicht besser.

Für sie geschieht das nach und nach und meist noch zu langsam. Sie will nämlich frei sein. Sich wohlfühlen. Sich mögen. Sich weiterentwickeln. Ihr bestes Selbst sein. Ihr Potenzial entfalten.
Für andere hingegen ist es die Hölle auf Erden. Was soll es nur, dass sie sich verändert? Wie nur kann sie plötzlich so rebellisch sein? Warum entwickelt sie sich? Wieso beschäftigt sie sich so mit sich selbst?
Sie war doch sonst so brav...

Ja wie kann ich nur?
Das frag ich mich auch.
Allen voran frage ich mich, wie ich nur je so selbstlos sein konnte.
Wie konnte ich versuchen es allen Recht machen zu wollen?
Wie konnte ich so blind sein und nicht sehen, dass egal wie oder wer ich bin, es immer einen gibt, dem/r ich nicht gefalle?
Wie verzweifelt konnte ich sein, dass ich versuchte richtig zu sein, wo ich doch längst allen anderen ständig prädige, dass es kein richtig und kein falsch gibt?
Wie nur konnte ich so dumm sein und glauben, es würde alles besser werden, würde ich nur so sein, wie mich andere gerne hätten?

Vielleicht hatte mein Vater früher doch recht. Denn ich war dumm. Ich war unfassbar dumm. Noch dümmer: ich hab es nicht gesehen, dass ich dumm war.

Nun aber schaue ich auf mich. Das kann manchmal sehr unangenehm für andere werden, besonders dann, wenn sie selbst und ihr Handeln in Frage gestellt werden. Das ist lange nicht gern gesehen. Aber rechtmachen kann ich es so oder so keinem.

Ich habe mich lange genug für andere verbogen, versucht es jedem Recht zu machen und mich selbst dabei verloren. Irgendwann ist das Ende der Kräfte erreicht.
Ich kann nicht mehr. Eigentlich schon lange nicht mehr.
Aber kennt ihr das noch aus der Schule? Der altbekannte Ausdauerlauf? Man läuft eine halbe Ewigkeit, ist aber die Zeit rum, bemerkt man, wie die Beine sich plötzlich anfühlen, als würden sie von selbst laufen und dann läuft man eben noch ein paar Runden. Danach aber ist man gefühlt kurz vorm Herzinfarkt.
So fühlt es sich an. Die Entwicklung. So fühlt sie sich an.

Knirschknirschknirsch

Meine Füße laufen. Ich kann sie nicht stoppen. Sie tun es bereits allein. Wie nur aber breche ich da aus?

Knirschknirschknirsch
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