Cheap Honey

von Aeroplane
OneshotDrama, Angst / P12
16.05.2019
16.05.2019
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1897
 
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Hi!
Kleines Vorwort: Das hier spielt in der viktorianischen Zeit, ist vermutlich aber nicht sehr historisch akkurat geschrieben.
Außerdem, falls jemand gerne Musik dazu hört, (obwohl es aus der absolut falschen Zeit kommt) beim schreiben habe ich im Loop Can't help falling in Love, Put your head on my shoulder, La vie en rose
Something's gotta give, When you're smiling, Wonderful world, und unchained Melody angehört

Viel Spaß!




Cheap Honey

Kapitel 1 – Blutig gelaufene Füße



Ihr Dach stieß fast bis an die Sterne.

Die in sich verschachtelten Mietskasernen, eng aneinander gereiht wie die miefenden Sardinen in den Büchsen der großen Fabrik, bildeten ein undurchdringliches Netz aus dem Werk des modernen Menschen. Die Nacht war dunkel und trotz des Vollmondes ließ sich kaum die Hand vor Augen erkennen. Der Smog der ewig schuftenden Dampfmaschinen, der Rauch, der aus den qualmenden Schlunden der Eisenwerke stieg, hatte den Himmel vernebelt.

Ein Schleier aus Dunst, gemischt aus den Abgasen der Industrie und der Feuchtigkeit der Jahreszeit, hatte sich auf die verbeulten Straßenschilder und die ganze Stadt gelegt. In den Seitengassen stolzierten die Dirnen herum, einige noch unberührt und besorgt um ihren Lohn, andere die Taschen voller Geld, dem dreckigen Geld ihrer Freier. Wieder andere bemühten sich darum, notdürftig die Male mit Haaren und Kleidern zu überdecken, die sie ihre Arbeit heute schon gekostet hatte.

Aus der Stille der Nacht, der unterschwelligen Geräuschkulisse, die aus den sich meterhoch erstreckenden Schornsteinen kroch, drang das Gelächter der Müden aus den Tavernen der Stadt in Fays Ohr. Erschöpft von der beschwerlichen Arbeit und bemüht um das letzte bisschen Haltung, hievte sie sich an der Seite ihres Begleiters Stück für Stück voran. Wenigstens müsste sie sich heute Nacht keine Sorgen darüber machen, sie könnte einen der Männer nicht zufrieden stellen.

Bedacht auf ihre schmerzenden Füße ließ die junge Maid ihren Blick über den Himmel streifen. Das dunkle blau-grau ließ die Stadt beinahe bedrohlich wirken. Und doch verlieh es ihr in Fays Augen das Gefühl von Heimat. Hier war sie zur Welt gekommen, aufgewachsen, hier lebte sie, würde einen netten jungen Mann heiraten, Kinder zur Welt bringen und letztendlich hier sterben. Das war ihr Leben und würde vermutlich auch das ihrer Kinder sein.

Sie klammerte sich enger an den Arm ihres Begleiters. Dieser hingegen schlenderte verträumt durch die Gasse, pfiff hin- und wieder fröhlich eine Melodie und warf Fay immer wieder kurze Blicke zu. Vielleicht würde es sogar Ash sein, den ihre Kinder einmal Vater nennen würden. Er war ein anständiger Mensch. Er hatte eine gute Arbeit, wenn er sich bemühte, würde er bestimmt bald Vorarbeiter werden. Sicherlich würde Fay ein passables Leben bei ihm führen.

Doch gerade in Nächten wie diesen, wenn der Vollmond auf ihr junges Haupt nieder sah, schweiften ihre Gedanken ab in ferne Welten, in denen sie der Spannung des Lebens erlegen war. Wo ihre Träume nicht bloß vage Gedanken waren, zu verschwommen um richtig erfasst zu werden. Doch hier, in den Londoner Mietskasernen, in denen die Menschen zu Hauf zwischen Ratten hausten, ließ das Leben keine Zeit für Schwärmereien. Die unerbittliche Arbeit lauerte hinter jeder Ecke, jeder musste für die Anderen einstehen und mithelfen, und war doch immer sich selbst der Nächste.

Eine kühle Brise umspielte Fays Nacken sodass sie sich fröstelnd schüttelte. Während sie ihren Schal, den sie sich um die Schultern gelegt hatte, enger um sich zog, rückte sie noch ein Stück näher an Ash heran, innig darauf hoffend, er würde ihre Nähe nicht als Interesse missdeuten.

Doch Ash hatte seine Gedanken weit entfernt von Fay und der Kälte, vielmehr befasste er sich mit den nächsten Schritten, die seine Beine zu leisten hatten. Auch ihm schmerzten die Füße. Die unebene Straße stach durch seine löchrigen Schuhe und die Kälte kroch durch jede Lücke. Schon lange hatte er kein Geld mehr für neue Kleidung gehabt – trotz der vielen unbezahlten Überstunden schien seine Beförderung noch immer unerreichbar.

Doch die Mietpreise stiegen und er brachte es nicht übers Herz, seiner Mutter auf dem Land nicht unter die Arme zu greifen. Deshalb war er schließlich hergekommen. Ash seufzte kurz. Das stundenlange Warten der Dampfmaschinen hatte ihn erschöpft.

Er war schon lange nach Sonnenuntergang und den Beiden würde kaum noch Zeit zum Schlafen bleiben – Ash würde sich noch den großen Kessel in der Kaserne ansehen müssen, Fay würde der Nachbarin kaum verwehren können, die Kinder zu hüten. Und so liefen zwei müde, einsame Gestalten des Nachts durch die leeren Straßen Londons auf der Suche nach jemandem, der ihre Träume verstehen würde, und einem warmen Bett.

Die Kälte wirkte beinahe wie ein Mantel, der sich um sie schloss. Laterne um Laterne floh an ihnen vorbei, während Ash sich darum bemühte weder ihre Straße zu verpassen, noch die Dame fallen zu lassen. Als das rostige Metall mit der Aufschrift Rinsepy Lane das Licht der Öllampe, die am nächsten Hauseingang hing, spärlich reflektierte, atmete Fay schwer aus.

Quietschend schwang die Tür auf, als sie Nr. 13 betrat. Der dunkle Flur war in ein warmes Licht und den Geruch von Ammoniak gehüllt. Ash ließ sie los und verbeugte sich einmal kurz, bevor er sich versicherte, dass es Fay gut ginge, sich von ihr verabschiedete und schließlich in einen Flur im Parterre einbog. Seine hallenden Schritte wurden schnell leiser und nach einiger Zeit konnte Fay seine Tür knarren hören.

Sie sah in die Richtung, in die Ash eben verschwunden war. Eine Sekunde lang überlegte sie, ob sie ihm folgen sollte, in seine Kammer schleichen. Ihm verraten, was sie wünschte und fürchtete. Doch der Gedanke verflüchtigte sich ebenso schnell, wie er gekommen war.

Mit der linken Hand griff sie an das üppig gestaltete und doch so abgewetzte Holzgeländer, ließ einen Fuß schlenkern, ehe sie wieder einen festen Stand ergriff und sich den langen Weg nach oben in ihre Wohnung machte. Die Treppe war lang, eng und steil. Wie oft war sie hier schon gefallen, hatte sich blaue Flecken geholt, über die ihre Nachbarn nur allzu gerne schwatzten. Die Stufen knarzten als die junge Frau sie berührte. Zu müde war sie, als dass sie sich um den Lärm hätte kümmern können.

Müdigkeit. Es war ein Wort, das ihr so sehr im Kopf herumschwirrte. Müde von der Arbeit. Müde von der Mietskaserne, den Nachbarskindern. Müde von den Kommentaren, ob sie nicht bald heiraten wolle, wieso sie denn arbeite, weshalb sie alleine lebe. Müde von den Blicken der Anderen, die sie verurteilten. Müde von der Alltäglichkeit, der Langeweile. Müde vom müde sein. Müde vom Leben.

Der scharfe Geruch stach in ihrer Nase. Noch bevor sie ihn sah, hörte sie ihn. Der alte Mann wälzte sich auf dem Boden, versuchte die Ratten zu verscheuchen, die sich um die Flasche in seiner Hand tummelten.

Der Schnaps war keiner von der Sorte, den die Queen trank, wenn sie Gesellschaft hatte. Es war auch keiner, den sich ein Familienvater einflößte, wenn er nach einem langen Tag nach Hause kam und feststellen musste, dass das Gehalt schon wieder fast verbraucht war. Es war einer von der einzigen Sorte, die man hier kannte. Der dreckig gebrannte Fusel, den man dem gruseligen Gesellen in seiner Wohnung abgetauscht hatte, gegen dieses alte Foto aus Kindertagen und den ranzigen Lippenstift. Genau dieser, den man kaum trinken konnte und doch besser war als alles, wenn man vergessen wollte, wo man war.

„Ehrgw..rhw…“ Das Stöhnen des Alten verfing sich in einem krächzenden Husten. Tief aus der von Qualm und Quecksilber verseuchten Lunge drang das knurrende Geräusch, das Fay die Nackenhaare aufstellen ließ. Schwenkend hievte er die Flasche hoch

„Ehrgw…für den Rest…“, wieder ein Keuchen „Da wird eine Tülle wie du sie bist doch wohl nicht nein sagen?“

Erbost verzog Fay das Gesicht. Alleine die Vorstellung, diesen Kerl zu berühren widerte sie an. Doch zu dem letzten Schluck stinkenden Gesöffs hätte sie nun gerne ja gesagt. Alleine um die Bemerkung zu vergessen. Schnell floh sie die enge Treppe hinauf, bloß weg von den Widerlingen, den Freudenmädchen und der Versuchung des leichten Geldes.

Ihr Zimmer lag im Geschoss unterhalb des Speichers. Sie wusste selten, wer sich oben herumtrieb. Doch oft war es zu hören. Der Staub rieselte von der Decke, der Boden war schon von einer dünnen Schicht bedeckt. Untermalt wurde das Kunstwerk von einer Frauenstimme, die immer wieder „Heenryyy!“ schrie, begleitet von einem tiefen Grummeln eines Mannes.

Bei diesen Geräuschen würde sich die Nachbarin hoffentlich nicht trauen, ihre Kinder bei Fay abzuladen um selber durch die Tavernen zu ziehen.

Beinahe schon gesprungen ließ sich Fay auf ihre durchgelegene Matratze fallen. Die Beine streckte sie in die Luft, streifte ihre Stiefel ab und warf diese achtlos in die Ecke. Und während ihre Hände über das Mieder glitten um es endlich zu öffnen, lauschte sie den Geräuschen des Hauses, der Musik des Ehepaares im vierten Stock, dem grölenden Alten auf dem Flur, und nicht zuletzt den Beiden über ihr und ihrem Traum, sie wäre nun dort.

Die Geräusche um Fay herum wurden leiser, verschwanden in ihrer Traumwelt des Schlafes – lediglich das Bild ihrer selbst, dort oben auf dem Speicher, blieb ihr.




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Hi!

Oi, ich hab hier lange nichts mehr hochgeladen..
Das hier liegt ehrlich gesagt schon seit über nem Jahr auf meiner Festplatte und ist immer noch eine meiner Lieblingsgeschichten. Ich habe angefangen ein zweites Kapitel zu schreiben, die HAndlung ist auch schon geplant, aber das hier funktioniert auch als Oneshot und ich weiß nicht ob ich weiterschreibe, deshalb ist es als fertiggestellt markiert.

Übrigens denkt jeder um Fay herum, dass sie eine Prostituierte ist. Ist sie zwar nicht, aber das glaubt ihr keiner, außer Ash.
Außerdem, sollte das hier weitergehen, wird das sehr sehr sehr sehr lesbisch. Nur so als Warnung (Versprechen?) Dann würde übrigens auch das Rating hochgehen.
Und ja, das hier ist meine Gegenbewegung zu all den ästhetischen Klischees da draußen, hier wird nichts schöngeredet.

Achso, und ich hab keine Ahnung von der viktorianischen Zeit, in der das hier spielt, ich hab versucht es irgendwie akkurat zu halten, aber wer weiß.

Ich würde mich sehr über Reviews freuen! :D

LG
Eli <3
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