Between Brothers

GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P18 Slash
15.05.2019
15.05.2019
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"Sie haben ein Match! Wählen Sie Ort und Zeitpunkt des Treffens aus."
Mattheos Augen glitten müde über das perfekte Gesicht des Models, das ihm auf dem Screen angezeigt wurde.
Lustlos prüfte er die Statistiken des Mannes und checkte seine Gesundheitsdaten. Er hatte keine Geschlechtskrankheiten, sein Test war erst drei Tage alt. Er war attraktiv und wirkte nicht gerade clever. Genau das richtige für Mattheos letzte Nacht in Freiheit.
Er klickte auf das Kalender-Symbol und setzte ein Date im Hotel für 20:00 Uhr an. Genug Zeit um vorher zu duschen und einen Happen zu essen.
Mattheo schlurfte ins Badezimmer und quetschte sich in seine viel zu enge Duschkabine. Er hatte seine winzige Wohnung immer gehasst, doch jetzt, da der Abschied nahte, fühlte er Wehmut. Ja, seine Wohnung war schmutzig, brüchig, eng – aber es war sein Zuhause. Und es gehörte ihm allein, hier konnte er ganz er selbst sein und Ruhe finden. Der einzige Ort, an dem nicht alles reguliert und kontrolliert wurde. Seine dreckige, heilige, winzige Zuflucht.
Er drehte das Wasser auf und seine Augen brannten, ein komischer Kloß bildete sich in seiner Kehle. Die Tropfen liefen über seine Wangen und er wusste nicht, ob Tränen darunter waren. Seit das System ihn ausgewählt hatte, fühlte er sich entsetzlich leer... Er versuchte es auszublenden.
Er rasierte sich gründlich für sein Date, schließlich war von vornherein klar, was geschehen würde. Man benutzte die App QuickMatch, fand einen heißen Kerl, schrubbte und rasierte sich, traf sich für sterilen, glatten Sex und das war es. Es war im Grunde öde und hohl, aber etwas tiefgehenderes als derart zweckmäßige Treffen erlaubte der Staat nicht. Die Regierung musste den Bürgern sexuelle Entfaltung über QuickMatch ermöglichen, um sie im Zaum zu halten, doch über Beziehungen und Ehen entschied sie gnadenlos, ohne den Menschen eine Wahl zu lassen.
Mattheo trat aus der Dusche, wickelte sich ein Handtuch um die Hüften und besprühte sich mit Deo und Aftershave, ehe er zurück in sein Schlafzimmer tapste und in frische Kleidung schlüpfte. Er hatte noch eine Stunde Zeit, also nahm er seine Schlüssel an sich und verließ die Wohnung, um beim Asiaten um die Ecke ein Schälchen Ramen zu bestellen.
Grimmig verkroch er sich in eine Ecke des Restaurants und schlürfte die Nudeln in sich hinein, seine Ohren waren mit Kopfhörern verstöpselt. Trotz seiner lauten Musik hörte er die Klingel über der Tür des Restaurants, als eine Gruppe weiterer Gäste eintrat. Es waren vier laute junge Frauen, die sich jede Menge Essen bestellten und dann direkt hinter Mattheo Platz nahmen.
Mattheo verkrampfte sich und wollte seine Musik lauter drehen, doch dann hielt er inne, als er mitbekam, weshalb die Mädchen so aufgedreht waren.
"Oh Gott, endlich ist es so weit!!", freute sich die Hauptperson des Abends und ihre Freundinnen gaben anerkennendes Geseufze von sich.
"Herrlich, du Glückliche!"
"Gratulation!"
Mattheo pausierte das Lied und lehnte sich mit gespitzten Ohren zurück. Auf einmal fühlte er seinen Appetit verschwinden und die bisher vertilgte Brühe begann in seinem Magen zu brodeln und zu rumoren.
"Ich war so überrascht, als das System mich informiert hat – ich war grade bei der Arbeit und bin fast in Ohnmacht gefallen vor Schreck und Freude!", jubelte die Glückliche. "Schade nur, dass man kein Foto von seinem Seelenverwandten kriegt... Ich wüsste schon zu gerne, wie er aussieht!"
"Aber du siehst ihn ja bald schon von Angesicht zu Angesicht! Wann ist denn die Hochzeit?"
"Die standesamtliche Hochzeit ist in 14 Tagen angesetzt. Ich sterbe schon vor Neugier...!! Das System hat mir gesagt, er ist mein perfekter Partner, er wird mich vervollständigen. Wir passen zu 100% zusammen und der Algorithmus irrt sich nie!"
Die Mädels kicherten ausgelassen und Mattheo bekam eine Gänsehaut von dem grauenvollen Klang. Ihre schrillen Stimmen waren wie das unheilvolle Läuten von Totenglocken. Wie konnte sich diese Frau nur darüber freuen? Wie konnte sie so leichtgläubig sein? Das System hatte ihm genau das gleiche gesagt, es spuckte für jeden "Auserwählten" dieselben generischen, verlogenen Sprüche aus. Ewige Liebe, Seelenverwandtschaft, perfekte Partner, ein unfehlbarer Algorithmus für menschliche Gefühle... Soetwas existierte nicht.
"Endlich kann ich diesen beschissenen Job hinschmeißen und aus meiner WG ausziehen...", seufzte die zukünftige Braut. "Ich weiß nicht, wie ich es mit zwölf Mitbewohnern so lange ausgehalten habe."
Mattheo knetete seine Finger. Da hatte der Staat mal wieder sein Ziel erreicht. Das ganze System der Zwangsehen war angeblich eingeführt worden, um "soziale Ungleichheiten" auszumerzen. Dafür wurden arme Bürger mit reichen Snobs gepaart und es gab erschreckend viele Menschen, die das befürworteten, um ihrem Elend zu entkommen.
Aber Mattheo wäre lieber weiterhin in seiner muffigen Wohnung voller Kakerlaken und Silberfische geblieben und hätte sich mit ätzenden Gelegenheitsjobs durchgeschlagen, als seine Freiheit aufzugeben. Doch man hatte ihm keine Wahl gelassen. Der Staat wollte ihn ja unbedingt von seinem "Leid" erlösen und ihn mit einem Menschen der Oberschicht zusammenbringen.
Er schluckte schwer und drehte die Musik auf, das naive Geplapper der Mädchen konnte er nicht mehr ertragen. Er hatte sich in den letzten Tagen seit der Systemmeldung so viel Mühe gegeben, seine bevorstehende Vermählung auszublenden und das Gespräch der giggelnden Frauen machte all das zunichte und wühlte ihn erneut auf...
Der harte Punk-Song schmetterte gegen sein Trommelfell und er knirschte mit den Zähnen. Er versuchte die Erinnerungen zu verdrängen, aber sie sickerten zu deutlich zurück in sein Bewusstsein. Mitten in der Nacht hatte ihn das System geweckt, der Screen war vor seinen Augen aufgeflammt. Der sanfte blaue Schimmer hatte ihn eingehüllt und schneeweiße Buchstaben waren spöttisch vor ihm herumgetänzelt: Endlich haben wir ihn, wir haben deinen Seelenverwandten gefunden, deinen Geliebten, die fehlende Hälfte deines Herzens!
Und dann war der Name erschienen. Der falsche Name. Levi. Nicht Aaron.
Nie zuvor hatte sich so bittere Enttäuschung pfeilartig in sein Herz geschossen. Nie hatte er etwas hässlicheres verspürt. Er hatte gewusst, dass die Welt unfair und finster war, er hatte gewusst, dass die Chancen schlecht standen, mit Aaron für eine Ehe ausgewählt zu werden. Und dennoch... Dennoch hatte ein kleiner Teil von ihm innig und sehnsüchtig darauf gehofft. Ein dummer, naiver Teil. Dumm und naiv, genau wie diese Hühner, die noch immer hinter seinem Rücken kicherten und sich blind und kopflos auf eine Zwangsehe freuten.



"Fühlt sich das gut an?", japste der Kerl mit dem Model-Gesicht, während er sich an Mattheos Körper austobte. Mattheo spreizte die Schenkel und presste seinen Hinterkopf in das hübsche Kissen des Hotelbettes.
"Ja", stöhnte er. Und für seinen Körper fühlte es sich tatsächlich gut an. Er spürte den Fremden tief in sich und er ahnte, dass sie beide rasch zum Orgasmus kommen würden. Aber in seinem Kopf und seinem Herzen herrschte ein merkwürdiges, dumpfes Gefühl. Er hatte es für eine gute Idee gehalten, sich in dieser Nacht mit Sex abzulenken, aber eigentlich stimmte es ihn nur traurig zu wissen, dass dies seine letzten intimen Augenblicke waren, die er mit einem anderen Menschen als diesem Levi teilte. Schon morgen Nacht würde er neben seinem neuen Ehemann einschlafen, in einem fremden Bett, in einer fremden Wohnung... Er würde nie wieder QuickMatch benutzen. Würde nie wieder Sex mit einem Fremden haben. Oder mit Aaron...
"Fuck...", keuchte das Model, zog sich zurück und spritzte ächzend auf Mattheos Bauch ab. Mattheo blickte enttäuscht an sich herab. Er selbst war nicht gekommen, aber sein Glied erschlaffte sowieso bei all den frustrierenden Gedanken, die sich ihm aufdrängten.
"Ich... ich werde morgen heiraten...", murmelte Mattheo, während er schwer atmend neben seinem QuickMatch-Partner auf dem Bett lag.
"Glückwunsch!", antwortete der Kerl und zündete sich genüsslich eine Zigarette an. "Das ist schön für dich."
"Ist es das...?", murmelte Mattheo.
"Warum denn nicht?" Das Model setzte sich auf. "Ich kann es kaum erwarten. Das Leben ist beschissen, wenn man nicht in eine reiche Familie reingeboren wurde. Ich bin es Leid, mich durchzuschlagen. Ich will endlich die Sonnenseiten des Lebens genießen. Ich will mit meinem Lover mit einer Yacht über das Meer schippern, Meeresfrüchte essen, Champagner trinken und mal einen Tag lang keine Sorgen haben."
"Aber was wäre, wenn dein seelenverwandter Partner sich als Arschloch entpuppt? Und du musst den Rest deines Lebens an seiner Seite verbringen?", hakte Mattheo misstrauisch nach.
"Das ist ausgeschlossen. Der Algorithmus ist schließlich perfekt. Vom System für die Ehe ausgewählt zu werden-... das ist einfach ein Traum, eine Fahrkarte ins Glück!"
"Die Welt ist voller Arschlöcher. Kein System und kein Algorithmus auf dieser Erde kann einen davor bewahren."
"Na, dann führt das System eben auch seelenverwandte Arschlöcher zusammen, dann gibt es keine Probleme. Die würden wahrscheinlich gar nicht erkennen, dass sie Arschlöcher sind und eine glückliche Ehe führen und allen anderen auf den Sack gehen."
Mattheo schwieg und drehte sich weg. Überall bekam er zu hören, wie perfekt das System war. Nicht nur die Propaganda des Staates lobte den Algorithmus und die Kontrollmechanismen, auch die Bürger selbst machten sich bereitwillig zu Sklaven dieser Weltordnung. Aber er kannte die Wahrheit. Er kannte Liebe. Er kannte Leidenschaft. Und er hatte sie bei Aaron gefunden. Bei einem Mann, den nicht das System für ihn ausgewählt hatte. Sie hatten sich ebenfalls in diesem Hotel getroffen, wie jedes andere QuickMatch hatte ihre Begegnung begonnen, doch sie hatte sich so rasch in etwas anderes verwandelt... Mattheo spürte Aarons Finger noch immer jede Nacht auf seiner Haut, er schmeckte seine Lippen, er hörte seine dunkle Stimme nah an seinem Ohr und er wälzte sich jede Nacht unbefriedigt und einsam hin und her. Bevor Aaron ihm begegnet war, hatte er nie gewusst, dass ihm etwas gefehlt hatte. Doch nun konnte er nicht mehr zurück in die süße Unwissenheit. Er war auf ewig mit einer Person verbunden, die er nie wieder sehen würde, der er nie wieder nah sein würde. Es war wie ein Fluch.
Und morgen würde er einen Mann namens Levi heiraten und wer auch immer dieser Mann war, egal wie sanftmütig, treu und gutherzig er auch sein mochte – Mattheo wusste, dass dieser Levi den Fluch weder lindern noch vertreiben würde. Der Algorithmus hatte versagt. Er würde diesen Levi niemals lieben können.
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