Die Akademie

GeschichteRomanze, Freundschaft / P18
15.05.2019
15.05.2019
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1.  Prolog

~ Bettys POV ~


Sie hörte, wie die massive Haustür hinter ihr ins Schloss fiel, kurz darauf waren schnelle Schritte aus Richtung der Küche zu hören. Noch bevor sie ihre Strickjacke geöffnet hatte, bog ihre Mutter in eine Küchenschürze gekleidet in den Flur ein. Michelle Stiller war eine unscheinbare Frau. Die matten braunen Haare fielen ihr lockig auf die dünnen Schultern hinab und der jugendliche Glanz in ihren rehbraunen Augen, war in den letzten Jahren immer mehr der Mattheit des Alltags gewichen. Von Fotos wusste Betty, dass ihre Mutter früher eine attraktive Frau gewesen war, die sich mit ihrem natürlichen Charme den einflussreichen CEO James Stiller geangelt hatte. Im Moment waren ihre Wangen vor Aufregung gerötet und ihre schmalen Lippen zu einem breiten Lächeln verzogen.

„Da bist du ja, Schatz.“, rief sie aus, als sie ihre Tochter im Flur erblickte. Sie eilte auf Betty zu und umfasste ihre Oberarme, um ihr anschließend forschend ins Gesicht zu schauen.

„Zieh dich erstmal aus.“ Sanft griff sie nach Bettys Umhängetasche, um diese an die schwere Kirschkommode im Flur zu lehnen und ihr anschließend aus der Jacke zu helfen. Sie nahm sie bei der Hand und führte sie ins Wohnzimmer. Der Duft von frischem Gebäck lag in der Luft, was auch die schmalen Mehlspuren auf der Schürze ihrer Mutter erklärte.

„Was backst du?“, fragte sie, weil sie sich gedrängt fühlte sich interessiert zeigen zu müssen.  

„Zitronenbisquits.“, antwortete ihre Mutter, hielt sich jedoch nicht lange an dem Thema auf. „Erzähl, wie ist es gelaufen?“



1 Monat zuvor...



     Gemeinsam mit ihren Eltern schob Betty sich durch die bunte Menge an Teenagern. Halb London schien auf die Idee gekommen zu sein, diesen Donnerstag Nachmittag zu nutzen, um ihren Kindern die Wahl ihres Studienortes abzunehmen. Überall standen bunt geschmückte Stände, an denen die verschiedensten Studenten und Universitätsmitarbeiter standen, die ihre eigene Lehranstalt anpriesen. Die Stillers hatten bisher an kaum einem Stand halt gemacht. James Stiller führte den Trupp an und er war sehr wählerisch in der Auswahl der infrage kommenden Stände. Entweder die bedruckten T-Shirts der Studenten waren ihm zu bunt, der Stand zu klein, zu viele ausländische Zuhörer davor versammelt, oder zu wenig Zuhörer. Die meisten Universitäten schienen im Vereinigten Königreich zu liegen, aber hier und dort waren auch Banner anderer europäischer Institutionen zu erkennen.
Mutter und Tochter folgen James, als dieser einen Stand ansteuerte, den gerade eine ältere Frau mit einem jungen Mann verließ. Demonstrativ stellte er sich frontal vor den Tisch und setzte seinen einstudierten, nach außen wohl charmant wirkenden, Gesichtsausdruck auf.

„Sie sind von der Queen’s School for Business and Finances?“, fragte er, was Bettys Meinung nach völlig überflüssig war, schließlich verkündete das grüne Banner über ihnen genau das in riesigen weißen Buchstaben.

„Jap, das sind wir.“, strahlte ein blonder Mann Mitte 20. Betty konnte sich das Lächeln nicht verkneifen. Tja, damit war diese Universität wohl auch raus. Eine Uni, die Studenten hervorbrachte, die das Wort „Jap“ benutzten, wäre ihrem Vater nie im Leben gut genug.

„Wen kenne ich denn, der bei Ihnen den Abschluss gemacht hat?“ Der Blonde zögerte, offensichtlich fragte er sich, woher er wissen sollte wen Mr. Stiller kannte und wen nicht. Betty hingegen verstand genau, was gemeint war. Ihr Vater würde sie nur auf eine Uni schicken, wenn er mindestens zwei Kollegen oder andere Wirtschaftsberühmtheiten kannte, die selbst dort zur Schule gegangen waren. Die Kollegin des Blonden schien ihrem Freund aus der Patsche helfen zu wollen, denn sie drängte sich vor ihn und wedelte mit einem Flyer vor seinem Gesicht herum, während sie Betty ein herzliches Lächeln schenkte.

„Ich kann Ihnen von ganzem Herzen garantieren, dass Ihre Tochter eine großartige Zeit haben wird an der QSBF. Ich studiere nun schon zwei Jahre dort und ich habe es noch keinen Tag bereut. Die Lehrer sind alle supertoll und das Freizeitangebot ist hervorragend.“, schwärmte sie. Ihr Vater nahm den Flyer entgegen, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Stattdessen fragte er: „Und was für Förderprogramme bieten Sie an für...Problemschüler?“ Betty versteifte sich neben ihrer Mutter.

„QSBF bietet ein weites Angebot an geförderten Lerngruppen an, in denen die Anfangssemester die Gelegenheit bekommen von älteren Studenten zu lernen. Außerdem haben unsere Lehrer immer ein offenes Ohr, falls mal einer von uns Probleme hat.“

„Vielen Dank, ich denke wir hören uns noch weiter um.“, entgegnete James und signalisierte seiner Tochter und Frau, ihm weiter zu folgen. Betty sah, wie er den mitgenommenen Flyer in den nächstbesten Mülleimer warf. Sie liefen noch eine weitere halbe Stunde auf der Messe umher, doch ihrem Vater schien allmählich die Lust zu vergehen. An dem immer schmaler werdenden Lächeln und den größer werdenden Schritten erkannte Betty, dass er tierisch genervt war, seine wertvolle Zeit hier verschwenden zu müssen.
Schließlich machten sie sich auf, das Messegebäude zu verlassen und betraten den Flur außerhalb der großen Halle mit den vielen Ständen.

„Entschuldigung, haben Sie vielleicht eine Sekunde?“ Sie blieben stehen und Betty sah sich um. Zu ihrer Rechten stand eine ausgesprochen hübsche, junge Frau. Ihre schlanke Figur steckte in einem schwarzen Hosenanzug mit einer fliederfarbenen Bluse. Betty sah sie an und sah all das, was sie nie sein würde. Ihre rotblonden Haare waren locker aber elegant hochgesteckt, das Make-Up war dezent und elegant. Die Haltung war perfekt, die Schuhe hoch und das Lächeln wie aus einer Zahnpastawerbung. Die Art und Weise wie ihr Vater der Unbekannten sofort seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenkte, ließ einen sauren Geschmack in Bettys Hals aufsteigen. Bei den langen Abenden die James Stiller im Büro verbrachte und den vielen Geschäftsreisen, war Betty nicht drumherum gekommen, sich zu fragen womit er sich sonst noch so die Zeit vertrieb.

„Aber natürlich, was kann ich für Sie tun?“ James schenkte ihr ein breites Lächeln und es war, als wären Betty und ihre Mutter gar nicht mehr anwesend. Die junge Frau streckte ihre kleine Hand aus.

„Mein Name ist Kelly Oswald. Ich nehme an, Sie sind auf der Suche nach einer Universität für Ihre reizende Tochter, Sir?“ Als ihn dieses aufreizende Ding Sir nannte, strafften sich seine Schultern noch ein bisschen mehr.

„Ja das stimmt, Elizabeth hat im Frühjahr ihren Abschluss gemacht und ist bisher noch unentschieden.“

„Und wie hat Ihnen die Messe bisher gefallen?“, fragte Ms Oswald.

„Nun ich muss sagen, dass ich mir ein bisschen mehr erhofft hatte. Keine der Institutionen erschien mir wirklich dem Standard zu entsprechen, den ich mir für meine Tochter erhoffe.“ Die junge Frau nickte verständnislos.

„Ich weiß absolut was Sie meinen, Sir. Wenn Sie mir ein paar Minuten Ihrer Zeit geben würden, könnte ich Ihnen eine hervorragende Institution vorstellen, die Ihren Vorstellungen sicherlich weit mehr entsprechen wird.“ Bettys Vater willigte ein und so folgten sie der jungen Ms Oswald, die mit einer beneidenswerten Grazie auf ihren hohen Schuhen den Flur entlang schritt. James Stiller hielt gerade so viel Abstand, dass er ihr ungeniert auf den knackigen Hintern starren konnte. Betty hakte sich demonstrativ bei ihrer Mutter unter, als unausgesprochenes Zeichen der Solidartität.
Kurze Zeit später betraten sie einen kleineren Raum. Betty hatte einen weiteren bunt dekorierten Stand erwartet, bemannt von Studenten in albern bedruckten T-Shirts. Stattdessen wartete in dem Raum nur ein Mann in schwarzem Anzug auf sie. Es gab auch keine farbige Dekoration, die groß den Namen der Universität verkündete, sondern lediglich ein paar schlichte Flyer und Hefte, die auf Tischen ausgelegt worden waren.
Als sie den Raum betraten, kam der Mann sofort mit ausgestreckter Hand auf sie zu.

„Marcus Prince, freut mich sehr. Mit wem habe ich die Ehre?“ Bettys Vater erwiderte die Begrüßung.

„Mr Prince, ich glaube dass Mr Stiller und seine Tochter gerne mehr über die Akademie erfahren würden. So wie ich es verstanden habe, sucht er nach wie vor nach einer Schule für sie und wünscht sich natürlich nur das Beste für seine Familie.“ Die beiden tauschten einen Blick aus.

„Na wenn das so ist, vielen Dank Ms Oswald, dass Sie die drei aufgegriffen haben. Wollen wir uns nicht setzen?“ Er deutete auf einen Tisch am Ende des Raums. Er und Ms Oswald setzten sich auf die eine Seite, während die Stillers mit dem Rücken zur Tür Platz nahmen.

„Und wie ist Ihr Name?“, fragte Mr Prince an Betty gerichtet.

„Betty.“, erwiderte diese und begegnete dem forschenden Blick seiner grauen Augen ohne zu blinzeln. Mr Prince musste etwa so alt sein wie ihr Vater, sah aber für das Alter unverschämt gut aus. Unter dem Anzug ließ sich eine stattliche Statur erkennen, die kurzen dunkelblonden Haare waren gefegt und sein Gesicht war aufmerksam und attraktiv.

„Elizabeth.“, warf ihr Vater sofort ein. Er hasste es, wenn sie ihren Spitznamen verwendete. Elizabeth war so altbacken, überhaupt nicht zeitgemäß. In der Schule hatte kaum jemand gewusst, dass ihr eigentlicher Name gar nicht Betty war. Selbst während der Abschlusszeremonie, hatte der Schuldirektor sie bei ihrem Namenskürzel aufgerufen.

„Nun Elizabeth, wenn Sie erlauben, würde ich Ihnen gerne etwas über unsere Schule erzählen.“

„Äh...okay?“

„Die Akademie von Gran wurde vor 348 Jahren gegründet und hat sich seitdem zu einem wahren Stern unter Europas Eliteuniversitäten entwickelt. Jedes Jahr entlassen wir starke, selbstbewusste junge Menschen in die Gesellschaft, die von Anfang an lernen mit den Herausforderungen des Arbeitsmarktes und der freien Wirtschaft umzugehen. In unserem Haus, lernen die Studenten in exklusivem Rahmen was es bedeutet, eigenverantwortlich und erwachsen zu handeln und für die eigenen Entscheidungen einzustehen. Das Hauptaugenmerk der Akademie liegt auf der Ausbildung in Betriebswirtschaftslehre und Management Training, gleichzeitig bieten wir kleinere Fakultäten für das Studium der britischen Literatur und der Kunstgeschichte an.“ Betty schluckte schwer und sah ihr Gegenüber mit großen Augen an. Das war wirklich eine Menge auf einmal. Ihr Vater hingegen wirkte beeindruckt.

„Ich habe tatsächlich schon von der Akademie gehört. Ich meine das ist die Universität, die auch Mr Rogers Sohn besucht.“, fügte er an seine Frau gewandt hinzu. „Sie liegt im Ausland, oder?“

„Genau. Unsere Studenten und Studentinnen kommen in aller Regel nur über den Sommer und über die Weihnachtsfeiertage nach Hause. Das Jahr hinweg wohnen sie auf unserem Campus, wo sie mit Räumlichkeiten und drei Mahlzeiten täglich versorgt werden. Wenn die Erstsemester sich erstmal eingelebt haben, steht es ihnen außerdem frei, an den Wochenenden in Gruppen die nächstgelegene Stadt zu besuchen und die örtlichen Einkaufsmöglichkeiten wahrzunehmen.“
Betty versteifte sich. Im Ausland? Ihr Vater würde sie doch nicht ernsthaft ins Ausland abschieben wollen.

„Das klingt ja alles ganz hervorragend.“, sagte dieser in dem Moment entzückt. „Das wirft bei mir aber doch die Frage auf, was für Zugangsvoraussetzungen haben Sie? In Form von Noten meine ich.“ Mr Prince lächelte einnehmend.

„Machen Sie sich da mal keine Gedanken, Mr Stiller. Wir bei der Akademie sind davon überzeugt, dass jeder und jede den angestrebten Abschluss mit hervorragenden Noten bei uns erreichen kann, solange die richtige Einstellung und ein gewisses Durchhaltevermögen mitgebracht werden.“
James legte seiner Tochter eine große Hand auf die Schulter und wirkte erleichtert. „Elizabeth möchte ihre Familie ehren und eines Tages in meine Fußstapfen treten. Dabei ist ihr klar, dass ich nur eine Nachfolgerin akzeptiere, die den besten Abschluss mitbringt und bestens für die Stelle qualifiziert ist.“

„Ich versichere Ihnen“, entgegnete Mr Prince. „Nach ihrem Abschluss von der Akademie werden Sie ihre Tochter nicht wiedererkennen. Uns ist viel daran gelegen,  jedem einzelnen unserer Studenten Disziplin und Manieren beizubringen. Regelverstöße und Respektlosigkeit werden bei uns nicht geduldet, nicht wahr Ms Oswald?“ Bei diesem Stichwort schaltete sich die hübsche Frau wieder in das Gespräch ein.

„Nein, jeder unserer Lehrer ist sehr darauf bedacht sicherzustellen, dass wir uns immer an den vorgeschriebenen Verhaltenscodex halten. Die Akademie hat mir sehr viel über Anstand und Respekt beigebracht, Sir.“ In, wie Betty fand, geheuchelter Demut neigte sie den Kopf leicht. Oh Gott, dachte Betty. Wenn ich wirklich da zur Schule muss, werde ich dann auch zu so einem kopflosen Püppchen? Sie war nicht direkt hässlich, aber sie zog auch nicht die Blicke zahlloser Männer auf sich wenn sie einen Raum betrat. Außerdem trug sie am liebsten bequeme Kleidung, unabhängig davon wie sie aussahen. Darüber hinaus davon waren Gummibärchen und Chips einfach verdammt lecker.
Das Gespräch ging noch eine ganze Weile weiter. Als Mr Prince ihrem Vater eröffnete wie viel dieses Internat kostete im Jahr, blieb Betty bald die Spucke weg. So viel Geld für eine Schule. Doch ihr Vater zuckte nicht einmal mit der Wimper, sondern stellte weiter Fragen. Der Charme der jungen Frau und das geschäftige Auftreten von Mr Prince, schienen ihn innerhalb von Minuten um den Finger gewickelt zu haben.
Schließlich erhoben sich alle und Ms Oswald drückte Betty einen verschlossenen Umschlag in die Hand. Es war Mr Prince der sprach, diesmal wieder direkt an sie gewandt: „Ich möchte Sie gerne zu einem offiziellen Vorstellungsgespräch am 31. August einladen. Die Adresse und genaue Uhrzeit finden Sie in dem Umschlag. Überlegen Sie sich bis dahin, ob sie den Ehrgeiz und die Entdeckungslust in sich finden, die Sie bewegen könnte, sich ernsthaft um eine Platzierung in unserer Einrichtung zu bemühen. Wir würden uns über Ihr Erscheinen sehr freuen.“



1 Monat später...



     Anstatt ihrer Mutter zu antworten, zog Betty einen gefalteten Zettel aus der Hosentasche und reichte ihn ihr. Mit zittrigen Fingern faltete sie ihn auseinander und las die wenigen Zahlen. Ein entzücktes Quietschen entwich ihren Lippen und sie warf ihre Arme um den Hals ihrer Tochter.

„Oh Süße, das ist wundervoll! Was für eine unglaubliche Ehre für dich. Dein Vater wird so stolz auf dich sein.“ Das bezweifelte sie zwar, machte sich aber nichts daraus ihre Mutter zu korrigieren. Ihr Vater würde zufrieden sein, mehr aber auch nicht. Immerhin hatte sie nicht mehr getan, als seine Erwartungen zu erfüllen. Tja, somit stand es also fest. Sie würde ins Ausland gehen und ab dem 1. Oktober im Internat leben. Sie war nicht wirklich traurig darüber. Natürlich würde sie ihre Mutter wahnsinnig vermissen, aber ansonsten hielt sie nicht wirklich viel hier in Watford. Die wenigen Freundinnen die sie gehabt hatte, waren mittlerweile im ganzen Land verstreut, sie gehörte keinen Vereinen oder so an und in diesem Haus, das auf jedem Zentimeter ihren Vater auszustrahlen schien, fühlte sie sich schon lange nicht mehr zu Hause. Warum also nicht ein neues Abenteuer wagen?

„Du wirst mir fehlen, Kleines.

„Du mir auch, Mom.“ Mit feuchten Augen presste sie das Gesicht an den Hals ihrer Mutter und genoss diesen einen winzigen Moment in dem die Zeit stillzustehen schien.
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