Lehre uns bedenken...

KurzgeschichteSchmerz/Trost, Tragödie / P12
15.05.2019
15.05.2019
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Der Verkehrsfunk schaltete sich automatisch an, wie immer. Aber ich brauchte ihn nicht mehr, all das betraf mich nicht. Schließlich war ich fast zuhause, nur noch einen Kilometer war zu fahren.
Was kümmerten uns also die Staumeldungen und Blitzer?

Ein Busunfall auf der Autobahn. Dadurch Stau...
Tragisch, aber soetwas passiert nun mal, das ist alltäglich.

Ich kam zuhause an und vergaß den Verkehrsfunk.
Und dann kam die WhatsApp-Nachricht.

„Hast du von dem Busunfall gehört? Sind unsere Freunde nicht auf der Rückreise von ihrer Klassenfahrt?“

Ja, ich habe es gehört.
Ja, sie sind auf der Rückreise. Mit einem Bus. Auf der Autobahn...

Ich kann nicht mehr logisch denken. Was, wenn es stimmt?

Ein Busunfall!

Es könnte alles passiert sein.
Ich habe es doch eben erst gehört! Die gleiche Nachricht!

Ein Busunfall...

Vor wenigen Minuten war es mir noch egal. Ich habe es kaum wahrgenommen...

Erstaunlich, wie schnell etwas Unwichtiges plötzlich zu einer persönlichen Tragödie werden kann...
Erstaunlich?

Oder doch erschreckend?

Hoffnung. Hoffnung und Ungewissheit.
Und ein verzweifeltes Bangen und Warten auf Nachrichten.

Gibt es im Internet schon Berichte? Zahlen?
Gibt es Verletzte...

...Tote?

Sagt es mir... Bitte... Irgendjemand.
Mein bester Freund ist dort. Und ich weiß nicht, was mit ihm passiert ist...

Erste Nachrichten werden veröffentlicht. Leichtverletzte...Schwerverletzte...
Und erste Bilder.

Meine Augen blicken auf den Bildschirm, suchen einen Anhaltspunkt, irgendetwas...
Da, ist das nicht seine Jacke?

Die Hoffnung wächst, doch die Ungewissheit bleibt.
Eigentlich ist es ja nur ein Busunfall, einer von Unzähligen, die ständig passieren...

Schließlich kommt die erlösende Nachricht: Alle haben das Unglück überlebt!
Alle...außer einem.

Mein Freund ist nur leicht verletzt, kann bald nach Hause.
Doch ein Kind hat es nicht geschafft.

Warum ausgerechnet dieses eine Kind?
Warum ausgerechnet dieser Bus, mit so vielen Kindern?
Warum...

Fragen ohne Antworten.

Und doch Erleichterung. Die Ungewissheit ist vorbei.
Es hätte schlimmer ausgehen können...

Und Verletzungen können heilen.

Doch was bleibt, sind die Erinnerungen.
An schreckliche Momente der Ungewissheit.
An ein Warten zwischen Hoffnung und Verzweiflung.

Wie hat es sich angefühlt, dieser Moment, als es passierte?

Und Erkenntnis bleibt. Dass der Tod zum Leben gehört.
Täglich sterben unzählige Menschen. Eine Tatsache? Eine Tragödie?
Oft bemerken wir es erst, wenn es uns selbst betrifft.

Wahrscheinlich ist es gut so. Wahrscheinlich würden wir sonst daran zerbrechen.
Aber wir dürfen es nicht vergessen...

Oft gibt es ein Happy End. Doch das Entscheidende ist das, was davor passiert.
Jedes Leben ist ein Geschenk. Und ob es nun kurz oder lang ist, das wichtige ist, dass es gelebt wird. Und das kann jeder Einzelne.
Denn es gibt Hoffnung - und Liebe.

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Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.
~Die Bibel, Psalm 90,12
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