Der Spiegel

von Roki
KurzgeschichteHorror / P12
15.05.2019
15.05.2019
1
3546
1
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 Datenschutzinfo
 
 
 
Meine Hand gleitet über das schwarze Metall. Die Finger erfühlen jede Erhebung und wandern langsam zur Mitte des dunklen Ungetüms. Die Nacht ist so finster, dass kein Sternenlicht durch die staubigen Fenster fällt und so still, dass allein das Knarzen der Weiden aus den tiefen der Wälder zu mir an meine Ohren dringt.
Doch für mich zählt in diesem Augenblick nur der Spiegel mit seiner glasklaren Reflektion in der ich mich nicht sehen kann. Wie lange habe ich schon in seine Bilder gestarrt? Wie lange verliert sich mein Blick schon beim Anblick dieses Ungetüms…
Die Glocke in der Eingangshalle läutet. Das muss er sein. Ich werfe das graue Tuch über den Spiegel und mache mich daran meinen Gast zu begrüßen. Eine lange Nacht kann dies werden, eine furchtbar lange Nacht, doch ich hoffe, dass sie endlich vorüber gehen wird...


Er verlagerte sein Gewicht ungeduldig von den einen Fuß auf den anderen. Ihm war so unangenehm kalt, dabei hatte er heute Mittag noch den Tag im T-Shirt und im Freiem verbracht. Das musste diese grauenhafte Atmosphäre sein, die dichten Wälder und das alte Bauwerk selbst, bei dem bereits einige Balken vom Dachboden aus dem Weg ins Untergeschoss gesucht hatten.
Und hier sollte jemand wohnen. Nein, nicht nur das. Hier sollte jemand wohnen UND im Besitz eines wertvollen Sammlerstücks sein. Natürlich, was auch sonst. Wenn nur die Beschreibung nicht so unglaublich akkurat gewesen wäre… Ein Spiegel aus dem 18. Jahrhundert mit einem schwarzen Geflecht aus Metall als Rahmen, welches entfernt an Blumen erinnerte, letzten Endes aber keiner genauen Form zuzuschreiben war. Dabei war es aber die Beschreibung der Spiegelung die ihm keinen Platz für Zweifel übriggelassen hatte.
Die Tür wurde geöffnet. So leise und so schwungvoll, dass er das Gleichgewicht verlor und stolpernd in das Haus hineinfiel. Gerade eben noch bekam er den Türrahmen zu fassen und verhinderte somit einen tatsächlichen Sturz. Er richtete sich hastig wieder auf, nur, umso gleich in das faltige Gesicht eines alten Mannes zu starren. Tiefe Furchen klafften ihm da mit einem Mal entgegen und ein eindringlicher, durchbohrender Blick.
“Ah ja, Herr Storck nehme ich an, richtig?” Man konnte die Jahre aus der Stimme des Alten heraushören, dennoch war jedes einzelne Wort deutlich und klar zu vernehmen.
“Ähm... ja... genau! Herr Storck der Name. Wir hatten telefoniert. Sie müssen dann Herr Murraud sein? Freut mich Sie persönlich...” Herr Storck streckte die Hand aus, um einen freundlichen Gruß mit Herr Murraud zu wechseln, doch dieser war bereits daran sich von der Tür zu entfernen und in das Haus hineinzugehen. Die Hand landete in der Leere und Herr Storck folgte dem alten Herrn hastig, der für sein Alter einen erstaunlich scharfen Schritt anschlug.
Das Innere des Hauses verbreitete die gleiche Stimmung, wie es der Wald bereits vor der Haustür getan hatte. Spinnenweben und morsches Gebälk füllten die Luft mit einer bedrückenden Schwere, gegen die auch der frische Luftzug durch die Löcher in Dach und Wänden nichts ausrichten konnte. Das hier jemand wohnen sollte schien mehr als unwahrscheinlich, dennoch ging dort eine gebückte Gestalt vor ihm schnurstracks auf die Wendeltreppe zu, die in den ersten Stock hinaufführte.
“Führen Sie diesen Beruf schon lange aus, Herr Storck?” Herr Storck fuhr zusammen, als er Herr Murraud so plötzlich sprechen hörte. Etwas lag da in seiner Stimme, es war wie das Ächzen der Bäume dort draußen, kalt und gefühllos kam es daher.
“Was?... ich, äh...” Mit einem lauten Knall fiel die Eingangstür in die Angeln. Herr Storck zuckte zusammen und wirbelte herum. Durch das elektrische Licht hinter ihm ging ein Zucken und einige der Lampen erloschen für einige Augenblicke sogar ganz. Da war niemand zu sehen gewesen und einen so starken Luftstoß hatte es ganz sicher nicht gegeben, das hätte er doch mitbekommen, oder etwa nicht?
“Das ist ein sehr altes Haus, wissen Sie? Komische Dinge geschehen hier hin und wieder. Türen, die zufallen, Schritte, die man auf dem Dachgeschoss hört... Glauben Sie an Gespenster, Herr Storck?”
Herr Storck hatte sich vom Eingang abgewandt und war dem alten Mann zügig hinterher gestolpert und das im wahrsten Sinne des Wortes, denn die zersplitterten Treppenstufen machten es unmöglich schnell und zugleich sicher hinauf zu gelangen. Er sah Herr Murraud verwundert an.
“Ähm... Gespenster Herr Murraud? Was meinen Sie? So etwas wie Geister in Kindergeschichten, blasse Wesen, die nachts die Friedhöfe heimsuchen?”
“Oh, nein.” Der alte Mann lachte laut. “Nein, ich meine jene Gestalten, die einem wahnhaften Sinne verfallen sind. Die, die aus der Dunkelheit selbst geboren worden. Die, die nicht ruhen und nicht rasten können, bis sich ihre schmerzenden und alles verzehrenden Sehnsüchte erfüllt haben. Jene, die in unseren dunkelsten Alpträumen auftauchen, doch wenn man die Augen öffnet, dann sieht man ihre entstellten Gesichter noch immer ganz nah vor sich... von diesen Gestalten spreche ich.” Er hatte so langsam gesprochen, dass Herr Storck glaubte die Luft hätte sich um seinen Kopf zu einem dicken Ballen verdichtet, zudem war er sich sicher, dass es um sie herum ein ganzes Stück dunkler geworden war.
“Also... ähm... ob ich an solche Dinge glaube? Ich... ähm... nun also ich glaube was… äh… was Sie da beschrieben trifft eher auf einem Dämonen zu… Aber… ähm… wieso fragen sie denn?” Er versuchte die Frage so aufrichtig wie möglich klingen zu lassen, keinesfalls wollte er seinen, offensichtlich etwas sonderbaren, Geschäftspartner einfach so vergraulen.
Derweil hatten die beiden die Wendeltreppe verlassen und schritten einen langen Flur entlang, der mit einem fleckenhaften roten Teppich und den Fetzen einer bläulichen Tapete ausgeschmückt worden war.
“Dämon…“ Es war so, als müsse Herr Murraud das Wort auf der Zunge abschmecken. „Ja, das könnte es sein… Ach, wissen Sie, man sagt diesem Haus nur schon sehr lange sehr sonderbare Eigenschaften zu. Schlimme Dinge, die man des Nachts hier sehen soll. Stimmen aus dem Nirgendwo, die einem furchtbare Geschichten zu flüstern… Haben Sie vor heute hier Ihre Nacht zu verbringen, Herr Storck?”
“Nein, ich... äh... ich wollte mir nur ihr... ähm... wunder... wunderschönes Sammlerstück ansehen, von dem Sie in der Zeitung geschrieben hatten. Ich... äh... alles andere würde ich dann gerne mit Ihnen in den kommenden Tagen besprechen.” Herr Storck wurde es sichtbar mulmig zu mute. Kleine Schweißtropfen sammelten sich auf seiner Stirn, die er immer häufiger mit einem Taschentuch beiseite wischen musste.
“Meinen Sie denn, Sie finden sicher zurück in die Stadt um diese Zeit? Die Wege sind schmal und die Bäume breit, Sie wären nicht der erste, der in einer so dunklen Nacht statt ins sichere Heim in einen feuchten Graben gelangt.”
Der Flur führte an ein gutes Dutzend Türen vorbei, die allesamt keinen Einblick in die dahinter liegenden Räumlichkeiten gewährten. Am Ende des Flurs aber prangte eine Tür, die größer war als alle anderen. Sie war auch wesentlich besser instandgehalten. Ja fast schon so, als hätte sich um diesen Teil des Hauses doch tatsächlich jemand gekümmert.
„Nein, ähm… vielen Dank, aber ich werde schon nach Hause finden, denke ich. Der… äh… Spiegel, er befindet sich dort hinter der Tür, ja?“ Herr Storck war alles daran gelegen das Thema der Gespräche auf den eigentlichen Grund seines Besuchs zu legen und Herr Murraud, schließlich lief ihm ohnehin schon ein kalter Schauer über den Rücken, jedes mal wenn der alte Herr zu sprechen begann, auch ohne dass er von Gespenstern und Autounfällen erzählte.
„Der… Spiegel? Ja, dieser befindet sich gleich dort hinter der Tür. Doch ein Wort der Warnung bevor wir hineingehen werden: Fassen Sie NICHTS ohne meine ausdrückliche Erlaubnis an. Haben wir uns da verstanden?“
„Aber selbstverständlich! Ich bin ein Profi, Herr Murraud, ich weiß, dass derartige Kostbarkeiten nur das höchste Maß an Vorsicht genießen dürfen! Darauf haben Sie mein Wort!“ Es war eine Floskel, die er schon allzu häufig ausgesprochen hatte. Dies war nicht der erste eigensinnige Alte, dem er eine Rarität abnehmen wollte.
„Nein…“, seufzte Herr Murraud kopfschüttelnd, „ich fürchte Sie haben es nicht verstanden. Es geht mir bei dieser Warnung nicht um meinen Spiegel, von dem ich befürchte, dass er Schaden erleiden könnte durch eine Ihrer ungehobelten Bewegungen. Es ist IHR Wohl, um das ich mich sorge, Herr Storck. Nicht um meinetwegen sollten Sie nur dann etwas anfassen, wenn ich es Ihnen sage, sondern um selbst nicht in die Gefahr zu geraten einen… Schaden… zu erleiden.“
„Wie… ähm… wie… wie meinen Sie?“ Herr Storck spürte, wie ihm die Farbe aus dem Gesicht wich. Hatte der Alte ihn gerade… bedroht?
„Achten Sie einfach auf sich selbst in dem Sie genau darauf achten was ich Ihnen sage. So. Da wären wir.“
Herr Murraud zog einen Schlüssel aus seiner Hose und schloss damit langsam die massive Eichentür auf vor der sie beide mittlerweile standen. Es klackte mehrere Male dumpf, dann sagte der alte Mann mit leiser Stimme:
„Ich hoffe Sie haben keine Angst in der Dunkelheit.“ Und alle Lichter in dem heruntergekommenen Gebäude erloschen gleichzeitig.
Zuerst wollte Herr Storck schreien, besann sich dann aber eines Besseren und ließ ein heiseres Stöhnen seiner Lunge entfahren. Aus Reflex drückte er sich mit dem Rücken gegen die nächste Wand, die er finden konnte und ließ seine Augen hektisch hin und her zucken in der Hoffnung, dass sie sich jeden Augenblick an die Dunkelheit gewöhnen würden.
„Wenn Sie nicht an Gespenster glauben," Die Stimme von Herr Murraud erklang unmittelbar neben seinem Ohr. „dann sollten Sie auch keine Angst vor der Dunkelheit haben. Na los, kommen Sie, gleich werden Sie wieder etwas sehen können.“
Zögernd folgte er der Aufforderung und tastete sich der Stimme folgend durch die Tür hindurch. Tatsächlich brauchte es nicht lange, bis Herr Storck wieder dazu imstande war blasse Umrisse und Silhouetten erkennen zu können. Es war ein weitestgehend leerer, in den sie nun hineingingen, nur am Ende, nahe der Fenster, konnte er einen Gegenstand ausfindig machen. Ein hohes Etwas, das offenbar mit einer grauen Plane abgedeckt worden war. Herr Murraud stand bereits daneben und schien ungeduldig auf Herr Storck zu warten.
„Ist es… ähm… ist das der besagte Spiegel?“, fragte Herr Storck und trat neben den Alten.
„Ja, das ist er. Ich schätze, dass Sie einen Blick drauf werfen wollen?“
„Selbst… äh… liebend gern würde ich ihn sehen wollen. Schließlich… äh… bin ich ja dafür gekommen.“ Er presste ein gezwungen klingendes Lachen heraus, auf welches Herr Murraud keine Anstalten machte zu reagieren, stattdessen zog er langsam die Plane weg und gab Preis, was sich darunter befand. Herr Storck konnte nichts anders, als Luft ruckartig durch seine Zähne zu ziehen, als er den ersten Blick auf den Spiegel werfen konnte.
Das war er, ganz ohne Zweifel. Das war das Objekt, nachdem er solange gesucht hatte. Seine Hände begannen zu zittern, während sie sich auf das Stück zubewegten.
„Was hatte ich Ihnen gesagt?“ Ein kräftiger Schlag ließ Herr Storcks Finger zurückschrecken. „Glauben Sie mir, wenn ich Ihnen sage, dass es nicht gerade in Ihrem Interesse ist diesen Spiegel einfach so zu berühren.“
„Ich… äh… ja natürlich, ver… ähm… verzeihen Sie vielmals.“ Die Stärke hinter dem Schlag hatte Herr Storck überrascht, zumal er nicht einmal gesehen hatte, dass sich Herr Murraud gerührt hätte. „Aber ist es nicht… ähm… ein wenig dunkel hier? Gibt es keine Möglichkeit den Schatz in vollem Umfang be… äh... bestaunen zu können?“
„Oh nein, Herr Storck, ich fürchte Sie müssen erst einmal mit dem bisschen vorliebnehmen, was Sie hier an Licht vorfinden können.“
„Aber… ähm… Sie haben doch selbst die wunderbaren Reflektionen des Spiegels beschrieben, wie… äh… wie soll ich diese so bewundern können?“
„Wagen Sie doch einen Blick hinein, Herr Storck. Ich garantiere Ihnen, dass es Sie bereits jetzt schon etwas sehen können, wenn Sie nur ganz genau hinschauen.“
Herr Storck kann der Aufforderung nach und wandte sich der spiegelnden Fläche zu, die, wie er überrascht bemerkte, selbst in der vorherrschenden Dunkelheit leicht zu schimmern schien.
„Ich… also ich…“ Er unterbrach sich selbst. Da war tatsächlich etwas. Eine Bewegung unterhalb des Schimmers, ein fließender Schatten, der das Licht wölbte. Als er es zu beobachten begann kam es mit einem Mal zum stehen und ihm war, als würde dort etwas unter der Oberfläche ihn geradewegs anstarren.
„Bleiben Sie jetzt ganz ruhig Herr Storck.“, flüsterte ihm Herr Murraud zu. „Keine ruckartigen Bewegungen. Es weiß, dass Sie es beobachten. Haben Sie keine Angst… es kann diese schmecken.“
Herr Storck spürte, wie seine Hände zu zittern begannen, doch es war nicht die Furcht, wie manch einer in diesem Augenblick annehmen mochte. Es war Faszination. Faszination und Freude. Wieder glitten seine ausgestreckten Finger auf den Spiegel zu.
„Ich rate Ihnen erneut dies zu unterlassen, Herr Storck.“ Aber die Warnung traf nun auf taube Ohren.
„Ich muss doch sehen, wie sich mein neuer Spiegel anfühlt…“ war die geistesabwesende Antwort von Herr Storck.
„Noch ist es nicht Ihr Spiegel, es ist meiner, auch wenn mir klar ist, dass Sie vorhaben Ihn mir in dieser Nacht zu entwenden.“ Das führte nun tatsächlich dazu, dass Herr Storck aus seiner Trance erwachte und in seiner Bewegung innehielt.
„Sie… äh… was sagten Sie?“ Er drehte sich verwundert um und die Männer starrten einander an. Der eine so, als wäre er zu früh aus einem wirren aber schönen Traum gerissen worden, der andere ließ keinen Gedankengang hinter den tief eingefallenen Augen erblicken.
„Oh, ich weiß nur zu gut, dass Sie nicht der sind, für den Sie sich bisher ausgegeben haben. Sie handeln nicht mit Antiquitäten, sind nicht auf der Suche nach alten und wertvollen Schätzen, beziehungsweise nur nach eben diesen einen hier.“
„Ich… äh…“
„Sparen wir uns im Weiteren die Fassade, Herr Storck. Ich frage mich ja, wo Sie zum ersten mal von dem Spiegel gehört haben… ein alter Bekannten? Ein altes Buch? Bei mir waren es ‚Artefakte der Vergangenheit – Verlorene und wiedergefunden Legenden' von Arthur H. Wince. Aber das tut nichts zur Sache. Nur eines ist jetzt relevant: Sie müssen wissen, dass ich Ihnen den Spiegel nicht geben werde…“ Jetzt schrak Herr Storck auf.
„Was wollen Sie damit sagen?“, setzte er schnell redend an. „Wir hatten uns doch geeignet, dass…“, doch er wurde ebenso schnell wieder unterbrochen.
„Erweisen Sie mir die Höflichkeit und lassen Sie mich ausreden. Ich werde Ihnen nicht geben, zugleich will ich ihn aber loswerden, Her Storck. Ich will nicht, dass Sie in den Besitz des Spiegels kommen, ich will, dass Sie ihn für mich vernichten.“
Herr Storck starrte Herr Murraud fassungslos an.
„Sie... äh... sie wollen… was?! Ihn… den... äh... den Spiegel vernichten?!“ Es war offensichtlich, dass Herr Storck Herr Murraud für verrückt erklärt hatte. „Das kann niemals Ihr Ernst sein. Wissen Sie nicht, was dieser Spiegel hier für eine Bedeutung hat? Wissen Sie denn nicht, was ihm alles nachgesagt…“
„Doch. Deshalb biete ich Ihnen nun eine Gelegenheit, die man mir auch damals geboten hat, als ich in den Besitz des Spiegels gekommen bin. Sie sind schon sehr lange auf der Suche, so wie ich es auch damals gewesen war und auch mir wollte man dieses Ding dann am Ende nicht einfach überlassen, sondern verlangte, dass ich ihn zerstören würde. Heute gewähre ich Ihnen, Herr Storck, die gleiche Möglichkeit in der Hoffnung, dass Sie heute nicht den selben Fehler begehen, den ich damals begangen habe.“ Herr Storcks Mund hatte sich weit geöffnet, er konnte einfach nicht glauben, was für ein Gefasel der Alte da von sich gab.
„Wenn Sie den Spiegel berühren, gehört er Ihnen.”, setzte der alte Mann fort. “Doch ich bitte Sie inständig stattdessen lieber diesen Hammer dort zu nehmen und das Ding zu zertrümmern.” Es war das erste Mal, dass Herr Storck das Werkzeug am Fuße des Spiegels bemerkte, ging dann aber sofort wieder dazu über es zu ignorieren.
„Dann… ähm… schenken Sie ihn mir einfach so, ja? Ich muss nichts weiter tun, als ihn zu berühren und dann ist er für immer mein?“ Herr Storcks Augen glitzerten und funkelten, während er seine Gedanken aussprach. Herr Murraud entfuhr dagegen nur ein resigniertes Seufzen und sagte nichts mehr.
„Dann…“, sagte Herr Storck zu sich selbst, „habe ich es endlich geschafft. Nach all den Jahren… nach all den Büchern…“ Seine Hand suchte erneut nach dem Spiegel, dieses Mal um ihn wirklich und wahrhaftig anzufassen. „Wissen Sie wie schwer es ist etwas zu finden, dass über die Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg immer seine Erscheinung ändert. Mal war es als ein bronzener Handspiegel aus der Antike, mal lediglich eine blankpolierte Scheibe aus grauer Vorzeit. Aber in der Spiegelung, so wurde es überall gleich beschrieben, in der Spiegelung würde man unvorstellbare Dinge sehen können. Die Welt, glasklar wie sie ist, doch zu gleich ganz anders. So, wie sie wirklich ist, so, wie sie sein könnte, so, wie sie sein sollte… Zukunft und Vergangenheit.“ Herr Storck war völlig ruhig geworden, so dass keiner seiner Finger zitterte, als er das kühle Metall berührte.
„Ja, so zeigt er einem die Welt.“, sagte Herr Murraud ohne einen Hauch von Emotionen in der Stimme. „Aber es gibt etwas, das er einem nie wieder zeigen wird und etwas, dass er einem viel zu häufig zeigt…“
Das Licht des Mondes und der Sterne brach durch die Wolken. Und unter dem silbernen Schimmer begann sich der Spiegel zu verändern. Die fein verflochtenen Drähte des Rahmens wanden und entwirrten sich, während sich ihr Schwarz langsam zu Silber färbte. Der Spiegel schrumpfte. Noch eben hatte er Herr Storck bis zum Scheitel gereicht, nun ging er ihm gerade mal bis zur Brust. Zeitgleich mit dem Wandel der Gestalt veränderte sich auch das Etwas, das bis gerade still im Spiegel gewartet hatte. Was bis eben noch eine matte Reflektion gewesen war, zeichnete sich jetzt langsam als deutliche Linie ab. Es war eine Gestalt. Ein Mensch? Ein Tier? Herr Storck konnte es nicht mit Gewissheit sagen, doch es hatte eindeutig einen Kopf, in dem sich langsam Mund und Augen immer deutlicher zu sehen waren.
„Was… ähm… was geschieht hier Herr Murraud…?“, fragte Herr Storck mit unsicherer Stimme, während er sich keinen Zentimeter weit vom Spiegel abwandte. Doch von Herr Murraud bekam er keine Antwort. Derweil waren im Spiegel weiße Augen und strahlende Zähne zu sehen, die sich zu einem breiten Lächeln versammelt hatten.
„H-Herr… ähm…“ Er schluckte schwer und fiel zu Boden. Langsam begann er rückwärts zu kriechen. Das Lächeln wurde immer breiter und die Augen leuchteten immer heller, heller sogar als das Mond- und Sternenlicht. Oder war dieses gerade wieder dabei zu verblassen?
„Herr Murraud…“, zischte er flüsternd und verzweifelt, seine Hand tastete dabei nach der Stelle, an der Herr Murraud bis eben noch gestanden hatte. Sie traf ins Leere, dennoch bekam er dieses Mal eine Antwort, allerdings schien diese nicht von irgendwo hinter ihm, sondern direkt aus dem Spiegel zu dringen.
„Sie hätten ihn einfach zerstören sollen, Herr Storck. Hätten ihn einfach zerstören sollen...” Es war Herr Murraud, der dort sprach, aber seine Stimme klang fern und blechern, wie, als säße er hinter einer dicken Wand in einem großen Raum voller Metall.
Herr Storck bekam Atemnot, versuchte sich über den Boden zu ziehen, doch brach unter seinem eigenen Gewicht immer wieder zusammen.
Was war das für ein Ding?! Das konnte unmöglich das sein, was einem der Spiegel offenbaren sollte! Es sollte einem die Welt zeigen, die Welt ohne ihre Schleier und Fassaden! Dieses Ungeheuer... man hatte ihn hereingelegt! Man hatte ihn hereingelegt!
“Armer. Kleiner. Mann.” Es war, als kratzte jemand gegen die Innenseite des Spiegels. Herr Storck hielt augenblicklich in der Bewegung inne. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er auf das schwarze Gesicht vor ihm, welches den Mund nicht bewegte, doch eindeutig Urheber der Stimme war.
“Denkt. Er wurde. Verraten. Sieht. Er. Denn nicht. Dass. Ich. Der Anfang. Und. Das Ende. Bin?”
Herr Storck sprang auf und rannte zur Tür. Kein einziges Mal drehte er sich um, kein einziges Mal blickte er zurück. Das war nicht das, wofür er sich auf die Suche gemacht hatte, das war nicht das, wonach er all die Jahre getrachtet hatte. Nur schnell raus hier. Zum Teufel mit dem Spiegel, zum Teufel mit diesem Haus, mit Herr Murraud und allem, was hier sonst noch war!
Die Treppen flog er hinunter, scherrte sich nicht um die morschen Bretter oder die Gefahr schnell und unfreiwillig in den Tod zu stürzen. Nur zur Tür, nur dieses Haus verlassen, das war alles, woran er jetzt noch denken konnte. Er gelangte schließlich an die Haustür und riss diese auf, nur um im nächsten Augenblick gegen eine Reflektion der Inneneinrichtung zu rennen. Die Wucht des Aufpralls holte ihn von den Füßen. Blut lief über seine Schläfe und Wände und Möbelstücke wirbelten um ihn herum.
“Aber. Aber. Wovor. Rennen. Sie denn?”
Herr Storck wischte sich das Blut aus den Augen. Betäubt schaute er sich um, nur um vor sich auf die Fratze zu blicken, die er gedacht hatte oben im Zimmer und im Spiegel hinter sich gelassen zu haben.
“Warum. Fliehen? Bald. Werde ich. Eh. Jeden. Haben.”
Er taumelte und fand gerade noch so Halt an einer Kommode, die quer in den Raum hineingestellt worden war.
“Ich. Zeige. Ihnen. Was die. Zukunft. Alles. Bringt.”
Das Gesicht und die Reflektionen vor ihm verschwanden. Dunkelheit machte sich breit und erfüllte jedes Fenster und jedes Loch, welches einen auf die Welt außerhalb des Hauses blicken ließ.
Erst spät, sehr spät, bemerkte Herr Storck, dass es keine Finsternis war, die ihm die Kreatur da zeigte, sondern eine sternenlose Nacht. Im Himmel klaffte ein gewaltiges Loch und die Erde bebte unter dem Lächeln des breiten Mundes voller scharfer Zähne.
„Ich. Bin. Das Ende. Nachdem. Sie. Und. So. Viele. Andere. Gesucht haben.“, sagte das Kratzen des Spiegel.
Und dann, ganz nah an seinem Ohr:
„Freuen Sie sich denn nicht?“