White Pearls and true Lies

GeschichteDrama, Romanze / P18
15.05.2019
25.05.2019
9
29973
10
Alle Kapitel
9 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
Hold back the river

Bella


Eintausendfünfhundert geladene Gäste.

Dreitausend Augen, die auf mich gerichtet sind.

Die Hälfte davon ist mir bekannt.

Die Hälfte ist von der englischen Seite.

Der britische Adel.

Man kennt sich untereinander. Man kennt sich gut … Die Aristokratie ist nicht mehr sonderlich groß, und Fremde bekommen sehr selten Zutritt.

SEHR, sehr selten, jedoch nicht niemals.

Aber die anderen … Yankees. Amerikaner – sie gehören zu ihm.

Ihm, der am Ende des Ganges steht, direkt vor der Kanzel, hinter der sich dieser verdammte Pastor mit dem ewigen Grinsen verschanzt hat.

Was ich diesen Mann in seinem weißen Gewand hasse!

Wie ich alles hier hasse!

Unwillkürlich krampfe ich meinen Arm etwas fester um den meines Vaters, der mich den Gang entlang geleitet. Achte darauf, nicht über mein langes Kleid zu stolpern, dessen harte Spitze an allen erdenklichen Stellen zwickt und und kratzt und juckt. Ich hasse das Kleid, hasste es von Anfang an, schon weil ich in dem starren Korsett kaum atmen kann. Mein Mund ist staubtrocken, und nicht zum ersten Mal wünsche ich mich zu ihm.

Zu dem Mann, den ich liebe.

Jacob.

Der sich natürlich unter den Gästen befindet, der mir jetzt zuschaut, wie ich unter den Klängen Bachs in meinen Untergang schreite.

Ich denke an seine letzten Worte gestern Nacht, als er sich zu mir geschlichen und mich ein letztes Mal in den Arm genommen hatte. Mit einer Verzweiflung, die ich jetzt noch spüren kann, als wäre ein Teil von ihm immer noch bei mir. »Ich kann sie crashen, Baby. Ich kann die verdammte Hochzeit hochgehen lassen. Der Wichser kann allein vorn am Altar stehen. Soll er sich eine andere suchen! Ein Wort von dir, und ich entführe dich! Scheiß auf sie, scheiß auf alles!«

Und ja, verdammt, ich wollte, ich wollte so sehr, dieser Ausweg erschien mir gestern so einmalig, so wichtig, so richtig!

Aber ich kann nicht. Ich kann einfach nicht! Ich kann mich nicht widersetzen. Was für ein Hohn, nicht wahr? Man hat mich vortrefflich konditioniert und abgerichtet, ich bekomme Atemnot allein bei dem Gedanken, mich dem Willen meines Vaters zu widersetzen und einen eigenen zu entwickeln.

Wir haben 2019 und ich werde von meinem Vater mit einem wildfremden Mann verheiratet.

Weil das in meinen Kreisen nun mal so üblich ist.

Und weil sich niemand jemals dagegen aufgelehnt hat.

Die Sicht verschwimmt vor mir, in muss blinzeln, bete, dass die Tränen nicht siegen werden, denn ich werde nicht mit verschmiertem Make-up vor diesen Fremden treten, den ich noch niemals in meinem Leben gesehen habe. Ich werde diese Geschichte hocherhobenen Hauptes durchstehen.

Wenigstens, solange wir in dieser Kirche sind.

Ob ich auch die kommenden dreißig/vierzig Jahre so locker überstehen werde … wir werden sehen.

Konzentrier dich!, bete ich mir vor.

Ein Schritt vor den anderen.

Einer.

Noch einer.

… warum kann dieser Gang nicht unendlich lang sein?

Warum muss er ein Ende haben?



Als wir uns dem Altar nähern, senke ich den Kopf, denn ich will ihn nicht sehen. Ich will nicht in dieses unbekannte Gesicht blicken, das ich schon jetzt hasse. Ich will blind sein.

Lass mich blind sein!

Und stumm!

Wenn ich stumm bin, dann kann ich niemals Ja sagen und sie können sich ihre aufgeblasene Veranstaltung in die Haare schmieren!

Ich bin nicht stumm.

Und ich bin auch nicht blind.

Als wir das Ende erreicht haben, als das Scheinwerferlicht wärmend auf mein mit dem obligatorischen Schleier verhülltes Haar trifft, hebe ich den Kopf und sehe.

Ihn!

Edward


Abgefuckte Drecksfotzenscheiße!

So könnte man es bezeichnen, wäre jedenfalls passend, auch wenn die Hälfte der Anwesenden dann sicherlich Kotzkrämpfe bekommen würden. Oder Ekelpickel. Von all dem »Huch!« und »Empörend!« und den pikierten Mienen ganz zu schweigen.

Aber hey, angemessen wäre es allemal!

Trotzdem stellt sich mir, während ich hier stehe und auf mein Todesurteil warte, das sich gerade weiß gewandet nähert – wie ein Geist –, eine Frage. Und sie stellt sich immer und immer wieder: Was zur Hölle suche ich hier?

WAS?

Diese englischen Adligen haben allesamt einen Stock im Arsch, der ihnen bis zum Anschlag reichen muss. Bis hinein in ihr starres Genick. So sehen sie nämlich aus. Und die Hüte dieser Frauen sind echt gruselig, auf manchen befinden sich tatsächlich irgendwelche Viecher. Sind die ausgestopft oder leben die noch?

Ich will es nicht so genau erfahren, aber ehrlich, diese Engländer haben den Schuss nicht gehört. Lustig hierbei: Ich bin gerade im Begriff, einen davon zu heiraten.

Nun gut, eine!

Warum dauert das so ewig?

Warum laufen sie so langsam?

Warum kann das nicht schneller gehen?

Ich bin hier, oder? Womit ich meine Pflicht und Schuldigkeit getan habe – was überhaupt der größte Witz ist, wenn man es mal genau betrachtet.

Aber hey!

Schon okay, ich bin erpressbar, jedenfalls, wenn der Alte mir damit droht, sämtliche Konten zu sperren – gut, damit hätte ich noch leben können. Aber mir mein Baby nehmen zu wollen. MEIN! Baby – damit hatte er mich an den Eiern – auch nicht gesellschaftlich zumutbar ausgedrückt.

Kann die kleine Bitch sich nicht beeilen, damit wir eine Runde: Einer fragt, sie sagt ja, er sagt ja, spielen und dann abhauen können?

Genau genommen geht mir dieses britische Klima auf die Nebenhöhlen. Schon allein dieser ewige Nebel.

Nein, das ist nicht mein üblicher Stil, auch Drecksfotzenscheiße gehört nicht (mehr) zu meinem üblichen Vokabular. In den letzten Jahren bin ich erwachsen geworden, es gibt ein paar Leute, die dichten mir sogar an, in all den Sitzungen und Arbeitsmarathons meinen Humor eingebüßt zu haben. Doch heute erlaube ich mir für einen kurzen Moment die Rückkehr in meine Flegelzeit. Heute werde ich gezwungen, eine Frau zu heiraten, die ich in meinem ganzen verdammten Leben noch nicht gesehen habe und von der ich nicht mal weiß, wie ihre Titten aussehen. Da kann man schon mal ausfallend werden.

Gedanklich.

IMMER! Nur gedanklich!

Man hat schließlich einen Ruf zu verlieren!

Da war dieses Foto, das mir irgendwann mal gezeigt wurde. Neben etlichen anderen, aus denen ich auswählen sollte.

Coole Sache:

Hey, hier ist der Damenkatalog der neuesten Saison, jetzt such dir mal eine aus, und du kriegst sie. Ist das nicht herrlich?

Ich entschied mich für das nichtssagende Gesicht, das ich noch am ansprechendsten fand, was nicht bedeutet, dass sie in meinen Augen hübsch war oder heiß, sexy, irgendwas, das mich angemacht hätte. Kaum hatte ich es aus der Hand gelegt, hatte ich es wieder vergessen. Wie soll man denn anhand eines Fotos das Wesen eines Menschen ausmachen? Wie dahinter kommen, ob man irgendwie zusammenpasst?

Diese Frage habe ich auch damals gestellt, was meinen alten Herrn gleich wieder an den Rand der Tobsucht trieb.

»Du sollst dir die Frau aussuchen, die dir vom AUSSEHEN HER am meisten zusagt. Alles Weitere wird sich finden, so wie es sich immer findet. Jetzt stell dich doch nicht so dumm an!«

Yeah, stell dich doch nicht so dumm an! Er mag diesen Satz, sonst würde er ihn wohl nicht so häufig verwenden. Besonders oft fällt er in meiner Gegenwart, was ich mir ja nun gar nicht erklären kann.

Sie haben mich erreicht. Der Gruftigeist steht neben seinem Dad, welcher mich feierlich betrachtet. »Hiermit übergebe ich dir meinen größten Schatz«, intoniert er so laut, dass es in der riesigen Katakombe bis in den letzten Winkel zu hören ist. »Hüte ihn, so wie ich ihn gehütet habe, achte ihn, so wie ich ihn achte, behandele ihn wohl, so wie ich ihn wohlbehandelt habe.«

Damit wird ihr weißes Patschhändchen in meine Hand gelegt. Daddy macht eine tiefe Verbeugung und geht.

Jetzt hat auch die Orgel aufgehört zu spielen, es ist so still in der Kirche, dass man eine Stecknadel fallen hören würde. Nun ist der Moment gekommen, den ich am liebsten bis zum Sankt Nimmerleinstag verschoben hätte.

Der Vorhang wird gelüftet.

Vielleicht ist es den drei Joints und der Ekstasy-Pille zuzuschreiben, die ich vor Beginn der Veranstaltung inhaliert habe, dass ich mit Gelächter kämpfen muss und nur krampfhaft mein Gesicht ruhig halten kann.

Also lüfte ich.

Tamm, tammm, tammmmm.

Ich lasse mir Zeit, gehe ganz in der Show auf – hey, ich bin Amerikaner, die lieben Shows jeder Art.

Blasse Lippen kommen zum Vorschein, auch wenn sie voll sind, die weiße Haut, die schon an ihren Händen sichtbar war, erstreckt sich bis auf das Kinn und die Wangen – vielleicht ist sie ja wirklich schon tot. Dichte Wimpern folgen, von den Augen sehe ich nichts, die hält sie gesenkt, dunkles, kunstvoll aufgestapeltes Haar, in das etliche Perlen gewirkt worden sind.

Ich betrachte sie und empfinde nichts.

Rein gar nichts.

Als sie die Wimpern hochschlägt, werde ich mit großen, dunklen Augen konfrontiert. Augen, die mich anstarren, als wäre ich der Teufel höchstpersönlich. Eisiger Hass schlägt mir mit solcher Wucht entgegen, dass ich schlagartig ein stückweit runterkomme, und tatsächlich ein Stück zurückweiche.

Und alles, was ich denken kann, ist: Heilige Scheiße!

Bella


Da ist er ja.

Herzlich willkommen!

Ich schaue in ein nicht einmal hässliches Gesicht, wären nicht die rot unterlaufenen Augen und die stecknadelgroßen Pupillen, die den ganzen Eindruck irgendwie versauen. Der Kerl ist drauf. So drauf, dass er höchstwahrscheinlich nicht viel von dem, was hier abläuft, mitbekommt.

Zum Beispiel, dass er mir gerade das Leben zerstört.

Dass er mich von meinem Liebsten wegzerrt.

Dass er mich zwingt, ihn zu heiraten, weil er es so will.

Wahrscheinlich hat er im Katalog gestöbert und mich unter all den adligen Mädchen im heiratsfähigen Alter ausgesucht. Denn darum geht es ja hier. Um den Adelstitel. Wenn wir verheiratet sind, dann kann er sich zum englischen Adel zugehörig betrachten, unsere Kinder werden bereits eine Stufe höher stehen.

Und ich habe mit meinem Leben bezahlt.

Ich hasse ihn – bemerke ich gerade.

Ich will ihm die Augen auskratzen.

Ich will ihn anschreien. Und nicht nur ihn, die ganze, versammelte Mannschaft, die zulässt, was hier geschieht. Und das, obwohl sie es weiß! Sie alle!

Heuchler!

Dass ich verhökert werde, wie ein Rind auf dem Markt.

Dass ich verkauft werde, weil dieser PROLET scharf darauf ist, in ein Adelsgeschlecht einzuheiraten, das bis auf Artus zurückzuführen ist.

Darum geht es ihm, nur darum!

Ich werde gezwungen, einen Mann zu ehelichen, der am Tag seiner Hochzeit bis zum Ansatz vollgedröhnt vor dem Altar erscheint.

Mit einem Junkie!

EINEM!

DRECKIGEN!

JUNKIE!

Doch ich sage nichts.

Starre ihn nur an, versuche ihm mit dem Eis, das mein Herz längst zum Erstarren gebracht hat, zu würgen. Ich weiß, was meine Augen ihm versprechen, weiß, dass ich ihm wenigstens mit Blicken die Hölle auf Erden wünsche.

Er versteht.

Seine Augen weiten sich einen Bruchteil, seine Lippen, eben noch zu einem zaghaften Schmunzeln verzogen, pressen sich zusammen und er schiebt das Kinn ein wenig vor.

Die Kampfansage hat er begriffen, und ich senke meinen Blick nicht, kein einziges Mal, ich blinzele nicht einmal, diesen Machtkampf, den ersten von einer unbekannten Anzahl, die noch folgen wird, werde ich für mich entscheiden.

Der verdammte Pfarrer beginnt zu sprechen; was er sagt, kommt nicht bei mir an, weil wir uns noch immer anstarren.

Alles Erforderliche wird ausgetauscht. Es ist, als würde unsere »Ehe« schon einmal im Schnelldurchlauf an uns vorbeiziehen. Als wäre dieses Kräftemessen richtungsweisend für alles, was noch kommen wird.

»… eine Verbindung, die in Liebe geschlossen wird …«

Liebe! Dass ich nicht lache!

Noch immer hält er meine Hand, und ich will mich ihm entziehen, wage es aber nicht. Denn neben allem muss ich – müssen wir – hier eine perfekte Show liefern, so wird es von uns verlangt.

»… guten wie in schlechten Zeiten zueinander haltet, euch eine Stütze sein werdet, wenn das Leben …«

Meine Stütze sitzt im Publikum, und ich hoffe, er steht nicht auf und brüllt NEIN!, wenn die entscheidende Frage gestellt wird.

Ich hoffe es nicht.

Und dann hoffe ich es doch.

Ein kleiner Teil von mir, der Teil, der sich die Unvernunft immer noch bewahrt hat, trotz aller stählernen Widerstände, hofft, dass ich diesen Weg nicht gehen muss, dass einmal – ein einziges Mal – die Liebe siegen wird. Diesem Teil ist es egal, dass wir ab sofort Geächtete wären. Ihm ist es egal, dass wir ohne jeden Cent ins Exil gehen müssten, ihm ist es sogar egal, dass ich alles, was mir lieb und teuer ist, aufgeben müsste.

Nun, das werde ich jetzt auch, denn der Junkie wird mich nach Amerika entführen. Nach Seattle, wo seine Familie ihren Sitz hat, neben der riesigen Firma, die ihr gehört.

Sie ist klein, diese Unvernunft, vielleicht ein Überbleibsel aus meiner Kindheit, die mit dem heutigen Tag beendet ist. Und sie hat keine Überlebenschance. Vorgestern bin ich achtzehn Jahre alt geworden, ein Datum, das von meinem Dad ersehnt wurde, denn erst dann konnte er mich verschachern. Tja, da lobt man sich doch die gute alte Zeit, als die Mädchen noch mit fünfzehn, sechzehn an den zahlungskräftigen Kunden gebracht werden durften, nicht wahr?

»… gebe ich euch in Gottes Vertretung meinen Segen …«

Ja, danke, der wird mir auch ganz bestimmt weiterhelfen.

Der gläubige Teil in mir erstarrt, und schüttelt entsetzt den Kopf. Was für eine Blasphemie!

Der andere Teil bleibt cool, denn sind wir doch ehrlich, der liebe Gott hätte schon mal eingreifen können, angesichts des Dramas, das sich vor seinen Augen auftut.

Hat er aber nicht.

Wie in all den abertausend Fällen zuvor auch nicht.

Vermutlich sind Frauen nicht so wichtig, auch das hat ja eine tausendjährige Tradition.

»Willst du, Isabella Marie Gracia PatriciaSwan, den hier anwesenden Edward Anthony Cullen zu deinem rechtmäßigen Ehemann nehmen? Willst du ihn lieben und ehren, ihm gehorsam sein, seinen Wünschen entsprechen und ihm seine Kinder gebären, willst du in Demut und Anbetung zu ihm aufsehen, ihm ein warmes, wohliges Heim bereiten, ihm treu sein bis über den Tod hinaus, so antworte mit ja!«

Japp, mit diesen sehr interessanten Worten wird Frau in diesen heiligen Hallen verheiratet. So sieht das aus. Das sind die ganz alten Sprüche, die hier immer noch Bestand haben; und … sie sind alle wörtlich gemeint. Ich sehe die Lippen des Junkie-Monsters zucken, und verenge leicht die Augen, während ich sage: »Ja, ich will!«

Hell und klar, wie die Singvögel an einem Frühlingsmorgen, erklingt meine Stimme, ist da nicht sogar die erwartete Portion Frohmut dabei?

Verdammt, allein dafür verdiene ich einen Oscar!

»Und willst du, Edward Anthony Cullen die hier anwesende Isabella Marie Gracia Patricia Swan zu deinem rechtmäßigen Weibe nehmen? Willst du in Gottes Glauben Kinder mit ihr zeugen, sie führen und lenken, ihr immer ein guter Ratgeber sein, ihre Schwächen erdulden und ihre Stärken lieben? So antworte mit Ja.«

Sein linkes Lid zuckt ein wenig, doch er blinzelt nicht und wendet auch nicht den Blick von mir ab, als er sagt: »Ja, ich will.«

Auch seine Stimme klingt weit in diesem riesigen Raum. Auch sie hat diesen besonderen Klang, den man bei solchen Worten voraussetzt. Auch er kann spielen – es verwundert mich nicht, sonst wäre er nicht hier.

»… jemand gegen die Verbindung dieser beiden Menschen einen tragenden Grund vorbringen kann, dann möge er jetzt sprechen oder für immer schweigen.«

Zum ersten Mal bin ich versucht, den Blickkontakt mit dem Junkie-Monster zu brechen und Jacob in der Menge zu suchen.

Nein, sende ich ihm mit aller Gedankenkraft, die ich habe. Nein! Tu es nicht!«

Es bleibt still im Saal, wie ich zu meiner Bestürzung feststellen muss. Wie seltsam der Mensch doch ist. Er weiß, was richtig und unumkehrbar ist, aber er hofft doch.

Er hofft immer …

Genau deshalb ist er verdammt.

»Dann erkläre ich euch beide für Mann und Frau. Ihr dürft jetzt die Ringe tauschen.«

Ein junger Kerl in Smoking eilt herbei, stolpert fast, fängt sich aber und reicht dem Junkie-Monster ein Samtkissen, auf dem sich zwei Ringe befinden. Wir halten bereits Händchen, weshalb das Ganze schnell vonstattengeht. Zum ersten Mal lösen wir den Blickkontakt, weil wir auf unsere Hände schauen.

Mein Ring passt wie angegossen.

Er ist silbern und trägt einen geradezu dekadent großen Brillanten in der Mitte – wahrscheinlich Teil der Kaufsumme. Daddy hat das Geld bitternötig, deshalb wurde ich ja verschachert. Dem Hause Swan geht es nach dem letzten Börsencrash nämlich überhaupt nicht gut. Nein, ganz und gar nicht.

Ich stülpe den Ring über seinen Wurstfinger – es funktioniert ohne Probleme, denn selbst das habe ich vorher geübt.

»Wunderbar«, freut sich der Geistliche. »Mister Cullen, Sie dürfen die Braut jetzt küssen.«

Bähm!

Nein!

Ich will weg!

Halt dich von mir fern, du widerlicher Bastard!

Fass mich nicht an, oder ich drehe durch!

Nur mit Mühe kann ich die Panikattacke vollends am Ausbrechen hindern, doch inzwischen steht mir der Schweiß auf der Stirn und mein Atem geht, für ihn bestimmt hörbar, viel, viel schneller, als zulässig.

Um seine Mundwinkel spielt ein spöttisches Lächeln, als er mein Gesicht in seine Hände nimmt.

Es ist nur ein Kuss, Bella! Nur ein Kuss, reiß dich zusammen!

Er stoppt für einen Moment, schaut mich an mit diesen unergründlichen blauen Augen, deren rote Untermalung auf einen regelmäßigen Drogenkonsum schließen lässt. Bosheit glitzert darin.

Reine, ungeschönte Bosheit.

Dann umfasst er mein Kinn, nimmt es in seinen festen Griff, aus dem es keine Flucht gibt, und seine Lippen berühren meine. Bevor ich weiß, wie es passiert, bevor ich meine Barrieren hochfahren kann, hat er mich an sich gezogen, seine Hand auf meinem Rücken, während sich seine Zunge Einlass in meinen Mund erzwingt. Sein Arm um meinen Körper ähnelt einem Schraubstock, seine Zunge ist keine liebkosende, leidenschaftliche, sondern eine strafende, eine brutale, eine, die mir zeigen will, wo mein Platz ist und was ich von ihm zu erwarten habe.

Ein Schauder überfällt meinen Körper, macht es sich auf meiner Haut bequem, lässt mich erzittern, derweil mir nichts anderes bleibt, als es irgendwie zu erdulden. Während sein Geruch mir in die Nase steigt; eine Mischung aus Aftershave, Zedernholz, Tabak und … Dope.

Verdammt, er stinkt nach Gras!

Eine Träne läuft langsam an der Seite meines Gesichts hinab, verharrt flüchtig an meinem Kinn, um dann in die Tiefe zu fallen, doch ich lasse mir nichts anmerken, weil ich verdammt gut konditioniert bin. Weil ich weiß, was ich meinem Vater, was ich den Gästen, was ich dem Establishment schulde.

Als er endlich von mir ablässt, brennen meine Lippen, und auch seine sind ein wenig geschwollen.

Sein Lächeln ist immer noch da, und in seine Augen lese ich das Versprechen: Leg dich nicht mit mir an. Tu es nicht. Du kannst nur verlieren.

Wir werden sehen.