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Unser Abschied

OneshotDrama, Schmerz/Trost / P12 / Gen
15.05.2019
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Entspannend.

Beruhigend.

Wohltuend.

Schmerzlindernd.

Als ob all der Schmerz, die Wut, die Trauer… die Angst verflogen wäre.
Die Spieluhr.
Sie spielte ihr ruhiges und besänftigendes Stück.
Wie schon bereits vor einigen Minuten. Und die Minuten – vielleicht bereits Stunden – davor.
An den Wänden der dunklen Höhle hallte das entfernte Rauschen von Regen wieder, auch den sanften Tönen wurde ein wohliges Echo verliehen. Irgendwoher kam das stete Tropfen von Wasser, welches durch die Decke zu sickern schien und sich in einer Pfütze sammelte. Doch der Schatten schien sich nur auf das Spiel der Musik-Box konzentriert zu haben. Die Augen geschlossen, die Hände ineinander verschränkt, ein Ausdruck von unsäglicher Ruhe, ausgebreitet auf seinem Gesicht…
Kahle, felsige Wände. In der Höhle regierte die Kälte, die Dunkelheit.
Von einigen, wenn auch äusserst kleinen Spalten in der Decke, drang schwaches und mattes Licht hinein, welches jedoch kaum das Dunkle aus dem Raum vertreiben konnte.
Die Musik wurde langsam leiser, bis sie schliesslich vollkommen verstummt war.
Es war an der Zeit, dass die kleine Box wieder aufgezogen wurde, bevor sie ihr Spiel fortsetzen konnte.

Einen Moment lang herrschte völlige Stille.
Das Rauschen des Regens, das nun einzige Geräusch, war nun nicht mehr zu überhören. Der Schatten schien zu zögern, bis er schliesslich doch seine gelben Augen öffnete.
Er hob seinen Blick und liess ihn einen Moment durch die leere Höhle schweifen, bevor er ihn an die Spieluhr heftete.
Diese musternd, streckte er langsam und etwas schwerfällig die Hand danach aus.
„Wieso besitze ich dich…?“, sprach der Schatten.
Obwohl seine Worte kaum mehr als ein nachdenkliches Flüstern waren, war die Stille in der Dunkelheit durchbrochen. Er drehte die Spieluhr vorsichtig in seinen Händen, während er sie weiterhin betrachtete. „Und wieso hast du eine solch besänftigende Wirkung auf mich…?“
Der gelbäugige, kühle Schatten legte seine Hände auf den Schoß, den Blick noch immer auf das darauf liegende Kästchen gerichtet. „Ich weiss nicht, woher ich dich habe, aber ich besitze dich schon… immer. Du warst schon immer in meinem Besitz.“

Ein weiterer Moment verging ehe der Schatten, offensichtlich empört über sein eigenes ‚schwaches‘ Verhalten, das kleine Kästchen wieder neben sich auf den kalten Stein abstellte. Genervt wandte er den Blick ab, stiess einen ebenso genervten Seufzer aus und liess seinen Blick in die Dunkelheit schweifen. „Unglaublich jämmerlich… wie kommt es, dass ich diese alberne Spieluhr nicht schon lange weggeworfen habe…!“ Seine Ruhe wich nun schnell der Wut. Der Wut über sich selbst.
Er war Pitch! Der Herr über die Angst, König der Albträume!
Wieso konnte eine so unbedeutende Box aus dunklem, altem, abgenutzten Birkenholz mit einem leicht angerosteten Schlüssel eine solch grosse Reaktion bei ihm hervorrufen?

Momente der Stille setzten ein, einzig durchsetzt vom Geräusch des Wassers und des Regens, während die Welle der Wut langsam wieder verschwand.
Und wieder verspürte Pitch dieses unerklärliche Verlangen, die Melodie noch ein weiteres Mal zu hören. Sein Blick glitt zum kleinen Kästchen, betrachtete es, bevor er die Hand danach ausstreckte, um es wieder zum Leben zu erwecken. Doch kaum berührten seine Fingerspitzen das glatte Holz, zuckte er leicht zusammen und hielt inne, er zog seine Hand etwas zurück. Pitch legte seinen Kopf leicht zur Seite, zog die Augenbrauen etwas zusammen und betrachtete das Kistchen aus Holz etwas kritischer.
Etwa eine Erinnerung? Ein Kind. Doch wen sprach es mit ‚Vater‘ an? Es war ein stattlicher General.



« Vater…! Vater, oh bitte, warte doch…! »

Ein kleines Mädchen. Wallendes braunes Haar, welches ihr bis über die Schultern reichte.
Der Mann, an den der Ausruf der Kleinen gerichtet war, schien gerade irgendwohin aufbrechen zu wollen. Doch er hielt inne, liess seinen Blick verwundert umherschweifen bis er das Mädchen erblickte, welches gerade auf ihn zugelaufen kam. Ein trauriges Lächeln schien auf sein Gesicht zu treten, als er seine Tochter näherkommen sah. Auch ihr standen ihre Gefühle ins Gesicht geschrieben – Trauer, Angst, Besorgnis.

« B-Bevor du gehst, will dich dir noch etwas mitgeben… »

Die Stimme des jungen Mädchens schien zu zittern, als sie nach den passendsten oder einfach allgemein nach den Worten dafür suchte.
Der Mann lächelte sanft bevor er sich hinhockte, um auf Augenhöhe mit dem Mädchen zu sein. Immerhin war dies ihr Abschied. Er legte ihr die Hände auf die Schultern und blickte in ihre Augen.

« Was ist es denn, meine Kleine…? »

Das Mädchen liess ihren Kopf leicht hängen, während sie aus einer Jackentasche ein kleines, sorgfältig eingepacktes Päckchen hervorzog und es ihrem Vater reichte. Man konnte an den Tränen in ihren Augenwinkeln erkennen, dass sie ihren Vater nicht gerne gehen liess. Doch sie wusste, seine Arbeit rief ihn. Immerhin war er ein angesehener General der Armeen des Goldenen Zeitalters.
Und der Gedanke daran, dass er bald die Bösewichte – Traumpiraten und Albträume –  in ihren Gefängniszellen bewachen wird, erfüllte sie sogar in gewissem Masse mit Stolz.
Der Mann richtete sich langsam auf, während er sorgfältig das kleine Päckchen öffnete um den Inhalt darin zu erfahren. Voller Erwartung schaute das Mädchen zu ihm auf.
Es brauchte keine Worte des Dankes. Der Mann bückte sich noch einmal zu seinem Kind hinunter, dieses Mal um es fest in die Arme zu schliessen. Dieses begann zu schluchzen, eröffnete seinem Vater erneut, welch unglaubliche Angst es doch davor hatte, dass er es vergessen würde.
Doch er strich über ihr Haar, lächelte sie sanft an um sie zu beruhigen.

« Mit einem so wundervollen Erinnerungsstück wie diesem, werde ich dich nie vergessen können…
Ich schwöre dir, dass ich jeden Tag an dich denken werde. Sei also unbesorgt… »


Pitch’s Verwunderung über diese ziemlich zusammenhanglos erscheinenden Gedanken spiegelte sich in seinem Gesicht wieder. War es denn eine Erinnerung? War es überhaupt seine eigene Erinnerung?
Nun noch nachdenklicher gestimmt zog er seine Hand zurück. Er strich sich leicht über das Kinn, während sein Blick einmal mehr die Dunkelheit der Höhle durchstreifte.
Bereits nach kurzer Zeit stiess er einen Seufzer aus und schloss die Augen.
Er griff nach dem Musikkästchen und begann sorgfältig, dieses wieder aufzuziehen.

Als die Melodie von neuem begann, verschränkte er wieder seine Hände ineinander. Und während er der Musik lauschte, breitete sich langsam ein Lächeln auf seinen Lippen aus.
Schwach, nur ein Hauch von einem wirklichen Lächeln.
Und mit einer unübersehbaren Spur von Trauer…
Pitch schien endlich einen halbwegs nachvollziehbaren Grund dafür gefunden zu haben, wieso er dieses kleine Kästchen aus Holz noch immer bei sich hatte. Er war sich zwar nicht sicher, aber er konnte sich nicht sicherer sein. Denn in Wirklichkeit war es nur eine weitere ‚Erklärung‘, um sein Gewissen und seine Gedanken wieder etwas zur Ruhe zu bringen.
Etwas, an dass er sich klammern konnte.
An einen möglichen Funken der Wahrheit, der Hoffnung in seiner Einsamkeit.

„Es weckt in mir das Gefühl, ein Mensch zu sein…“
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