#wokeuplikethis

GeschichteKrimi, Horror / P16
13.05.2019
13.05.2019
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„Guck mal, Mama! Die ist doch soooo hübsch, oder?“, meine Tochter streckte mir ihr Smartphone hin, auf dessen Bildschirm das Gesicht einer jungen Frau zu sehen war, die, die perfekt zerzausten Haare auf einem weißen Kopfkissen ausgebreitet, mit leerem Blick und leicht geöffneten Lippen in die Kamera schaute. Sie sah aus wie eine Puppe.
„Hmhm...“, machte ich nur, bevor ich mich wieder der Tomatensoße widmete, die gerade vor mir auf dem Herd köchelte. Die neuerliche Obsession meiner dreizehnjährigen Tochter für die hübschen jungen Frauen aus den sozialen Medien, oder „Influencer“, wie sie wohl hießen, kostete mich einige Geduld.
„Ich möchte auch mal so schön aussehen. Guck, schon morgens ist sie so hübsch!“, Mia deutete auf den Hashtag unter dem Instagram-Post.
#wokeuplikethis, konnte ich lesen. Direkt darüber sprang mich die utopisch hohe Likezahl des Beitrags an. Kurz wandte ich mich von der Soße ab und schaute meine Tochter an. „Du...“, sagte ich und tippte ihr mit dem Zeigefinger auf die Stupsnase, „bist sowieso die Allerschönste. Und jetzt leg dein Handy mal weg und deck' den Tisch. Das Essen ist gleich fertig.“
„Warte noch kurz!“, rief Mia und streckte mir abermals das Smartphone entgegen. Wieder war Instagram geöffnet und eine andere junge Frau mit genauso nichtssagend hübschem Gesicht wie die vorherige schaute mir entgegen.
„Ist die schöner...“, Mia wischte das Bild zur Seite, „oder die?“
„Die sehen doch alle gleich aus. Ich glaube, so viel Internet tut dir nicht gut.“, erwiderte ich und nahm den Topf vom Herd. „Warum sind das überhaupt immer verschiedene? Ist das nicht eher so, dass man nur Bilder von sich selbst hochläd?“
„Ach, das ist so eine Seite. Die laden immer andere Bilder hoch. Ein bisschen wie bei einer Compilation. Jeder folgt denen im Moment!“, ihre Stimme sprühte vor Begeisterung. „Aber die sind alle sooo schön, so möchte ich auch werden.“, wiederholte sie bestimmt.
Ich seufzte. Ihr noch einmal zu erklären, dass so gut wie alle Bilder im Internet gestellt und bearbeitet waren, würde nichts bringen. So langsam war der Punkt erreicht, an dem ich den Internetkonsum meiner Tochter einschränken sollte.

„Gut, dass du da bist, Elli.“, begrüßte mich mein Kollege Karsten, eine Sorgenfalte auf der Stirn, als ich einige Wochen später an einem Tatort ankam, zu dem ich als Kommissarin bestellt worden war.
Ich nickte nur kurz und fuhr dann ohne ein Wort der Begrüßung fort: „Was ist passiert? Mir wurde am Telefon nur etwas von Mord gesagt. Die ganzen neu Eingestellten sind wirklich zu unfähig für jede Weitergabe von Informationen.“
„Schau es dir einfach selbst an.“, sagte Karsten und führte mich durch die kleine, modern eingerichtete Wohnung.
Der Raum, vor dem wir schließlich ankamen, wimmelte vor Mitarbeitern der Spurensicherung. Es war offenbar ein Schlafzimmer, mit Boxspringbett und einem riesigen Spiegel an der Wand.
„Betreten Sie den Raum bitte nicht jetzt!“, sagte ein abgebrüht wirkender Angehöriger der SpuSi. „Es tut mir wirklich leid, aber es ist gerade wirklich ungünstig.“, ergänzte er etwas sanfter.
„Kann ich einen kurzen Blick auf die Leiche werfen?“, fragte ich und schnaubte genervt, als der Mann den Kopf wiegte. „Ich trage doch Schutzkleidung. Ich will nur kurz den Tatort sehen und stehe Ihnen sicher nicht lange im Weg herum.“, ich klopfte auf die Plastikhaube, unter der ich vor dem Betreten der Wohnung meine Haare hatte verstauen müssen.
„In Ordnung, aber wirklich nur kurz. Wir haben viel zu tun.“, antwortete der Mann und trat einen halben Schritt zur Seite, um mich herein zu lassen.
Auf dem Bett, bis zum Bauch unter der zerwühlten Bettdecke, lag eine Frau. Vielleicht Ende zwanzig, den Kopf zur Seite gedreht, die Augen halb geschlossen. Das Make-Up, dass aus einem mir unerfindlichen Grund säuberlich auf ihr Gesicht aufgetragen war, konnte die Leichenflecken nicht vollständig kaschieren. Es war ein unschöner Anblick und das grelle Licht der Lichtboxen, das jede Ecke des Zimmers ausleuchtete, machte ihn nicht besser. Ich verzog grimmig meinen Mund und warf einen letzten Blick auf das vom Tod verunstaltete Gesicht der Frau, auf die spitze Nase und die vollen Lippen, mit denen sie wohl lebend eine Augenweide gewesen sein musste und wandte mich dann ab, um aus dem Schlafzimmer zu gehen und die Spurensicherung ihre Arbeit machen zu lassen.
Kurz vor der Tür hielt ich inne. „Was ist Ihr erster Eindruck von der Todesursache?“, fragte ich den SpuSi-Mann.
„Höchstwahrscheinlich wurde sie vergiftet. Es gibt keine Anzeichen auf körperliche Gewalt, auch keine geplatzten Äderchen im Gesicht, wie es bei Erstickung der Fall wäre. Näheres wird die Gerichtsmedizin klären müssen.“

„Mamaaa, die zwei Bilder noch!“, quengelte Mia.
Entnervt richtete ich meinen Blick auf das Handy in Mias Hand. Wieder eine der langweiligen Schönheiten. Ich hatte Kopfschmerzen und das grellpinke Kissen, auf dem der Kopf des Models lag, schien mir die Augen auszustechen. Ich nickte nur und hoffte, dass die Aspirintablette bald anschlug.
Das nächste Bild wirkte genauso langweilig wie das erste, es war wiedermal versehen mit dem altbekannten #wokeuplikethis, und ich wollte mich gerade in die Sofakissen zurück fallen lassen, da fiel mir etwas an dem Bild auf. Der leicht zur Seite geneigte Kopf, die spitze Nase, der leere Blick aus den halb geschlossenen Augen. Nur die Leichenflecken gab es noch nicht.
Mir wurde übel.



Nur eine kleine Idee, die mir gerade in den Kopf kam.

Ich hoffe, es hat euch gefallen und vielleicht auch ein kleines bisschen gegruselt.

Wenn ihr Lob oder Verbesserungsvorschläge habt, könnt ihr mir gerne ein Review schreiben, ich würde mich sehr darüber freuen.

Alles Liebe!
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