It's family

von Cobra666
GeschichteFamilie, Freundschaft / P12
13.05.2019
15.03.2020
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Die Geschichte ist (wie immer) frei erfunden. Real existierende Charaktere gehören sich selbst, ich kenne niemanden persönlich.

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Oberhof 1993

Gefühlt seit Stunden stand bereits der große Umzugswagen vor dem Haus und noch immer sah es nicht so aus, als würde der bald leer werden. Himmel, wie hatte das bloß alles dort hineingepasst?!
Die fünfjährige Liz kurvte mit ihrem Fahrrad in der Einfahrt herum, das war zum Glück mit zuerst ausgeladen worden, achtete darauf, nicht im Weg zu sein und sah nebenbei den Möbelpackern zu. Alles drei riesige Kerle, der eine sah so breit aus, als würde er kaum durch die Haustür passen und seine Arme waren voller bunter Bilder, von denen Liz mehr als fasziniert war. In einer Pause hatte er ihr erklärt, dass man das Tätowierungen nannte, die Farbe mit einer Nadel unter die Haut gestochen wurde und da hatte Liz doch das Gesicht verzogen. Das musste doch weh tun!
„Hey, Vorsicht mit dem Tisch!“ rief jetzt ihr Vater von der Haustür aus und eilte zum LKW, um mit anzupacken. Kurz darauf kam auch ihre Mutter wieder hinaus und ging zu dem roten VW Passat, der hinter dem LKW am Straßenrand stand.
„Liz, komm und hilf mir mal, das Auto fertig auszuladen!“
Die Kleine stellte ihr Fahrrad neben der Garage ab und schlenderte zu ihrer Mutter hinüber.


Erik war auf dem Rückweg von einem Spielkameraden und blieb jetzt kurz stehen, um neugierig die Leute zu beobachteten, die in das Haus mit dem orangefarbenen Dach zogen, das seit Monaten leer gestanden hatte. Drei Möbelpacker in Blaumännern waren wohl gerade dabei, die Einzelteile eines  großen Schrankes auszuladen und ein pausbäckiges Mädchen mit roten Zöpfen trug einen Teddybären in den Armen, der fast so groß war, wie es selbst.
Auch Liz hatte ihn mittlerweile gesehen, den rotblonden Jungen in blaurotem Ringelshirt und abgeschnittener Jeans, auf der anderen Straßenseite. Er musste in etwa in ihrem Alter sein und winkte ihr jetzt ein wenig zögernd zu, während sie den wiederholt rutschenden Träger ihrer Latzhose nach oben zurückschob.
Sie winkte kurz zurück und packte Max, den Bären, den sie vorher fast fallengelassen hätte, fester, ehe sie die Haustür ansteuerte und der Junge wieder auf sein schon leicht ramponiert aussehendes BMX-Rad stieg und weiterfuhr. Ob er in der Nähe wohnte? Vielleicht war er ja im selben Kindergarten, den sie ab Montag besuchen würde.


Auf dem Außengelände des Kindergarten herrschte wie immer großes Gewusel, nachdem die Erzieherinnen der Gruppen alle nach draußen gescheucht hatten.
Jetzt rannten und tobten sie auf dem Klettergerüst und der Schaukel herum, stritten um diverse Spielsachen und Bobbycars oder hatten bereits ihr Frühstücksbrot ausgepackt.
Eigentlich wurde gemeinsam an dem großen Tisch gefrühstückt, bei dem schönen Wetter konnten sie es jedoch halten, wie sie wollten.
Liz stand ein wenig unschlüssig herum und wusste nicht recht, auf wen sie zugehen oder wo sie sich anschließen sollte. Sie war gerade nach draußen gekommen, nachdem sie sich von ihrer Mutter verabschiedet hatte, die noch kurz etwas mit einer der Erzieherinnen besprechen wollte, ehe sie sie am Mittag wieder abholen würde.
„Aus dem Weg, du fette Kuh!“ Ein drahtiger Schwarzhaariger rempelte sie unsanft an und das Marmeladenbrot, das Liz gerade aus ihrer Brotdose genommen hatte, fiel zu Boden.
„Hey!“ empörte sie sich. „Du Blödmann!“
Abrupt blieb der Schwarzhaarige stehen, kam zurück und baute sich drohend vor ihr auf. Die Tatsache, dass er fast einen Kopf größer war, als sie selbst, ließ Liz jedoch keinen Millimeter zurückweichen.
„Was hast du gesagt?“
„Hast du’s an den Ohren?“ konterte sie frech und er gab ihr als Antwort einen Schubs, dass sie auf dem Hosenboden landete. Sie rappelte sich jedoch gleich wieder auf und wollte auf ihn losgehen, jetzt schritt jedoch Jule, eine der Erzieherinnen ein und hielt die beiden Kontrahenten mühelos auf Abstand.
„Hey, hey, hey!“ mahnte sie und sah zwischen den beiden hin und her, die einander finster anfunkelten. Der Junge hatte sogar bereits die Fäuste geballt.
„Marcel, du entschuldigst dich sofort bei Elizabeth!“
Der Angesprochene brach in gackerndes Gelächter aus.
„Ehlisssäbäzzz?“ äffte er dann übertrieben die englische Aussprache des Namens nach. „Wie kann man denn so blöd heißen?!“
„Ich heiße Liz!“ Sie holte mit dem Fuß aus, um ihm vors Schienbein zu treten und verfehlte es nur um Haaresbreite.
„Schluss jetzt!“ Jule konnte sich nur mit Mühe ein Schmunzeln verkneifen und hätte es der Kleinen wirklich gegönnt, hätte sie getroffen. Dieser Marcel war ja wirklich eine echte Rotzblage!
Mit dieser Meinung stand sie nicht allein, durfte sich jedoch natürlich nichts anmerken lassen.
„Ihr beide gebt euch jetzt die Hand und versprecht, euch in Zukunft nicht mehr zu piesacken!“
Zögernd und mit angewiderten Gesichtern taten sie, wie geheißen, zumindest Liz kreuzte jedoch hinter ihrem Rücken unbemerkt Zeige- und Mittelfinger. Wenn man das tat, machte es ja nichts, etwas zu versprechen, was man nicht so meinte, das hatte sie erst neulich irgendwo aufgeschnappt.
Dieser Marcel trollte sich anschließnd zu einer Gruppe anderer Kinder, die er ärgern konnte und Liz hob betrübt seufzend ihr Brot auf, ehe sie es in den nächstbesten Abfalleimer warf.
Wenigstens ihr Caprisonne-Trinkpäckchen war noch heil geblieben.
„Mach dir nix draus!“ sagte plötzlich jemand hinter ihr, Liz drehte sich um und sah den Jungen von vorgestern vor sich. „Du bist nicht fett aber der ist einfach doof!“
„Stimmt!“ Sie packte den Strohhalm aus und piekste ihn ein. „Wie heißt du?“
„Erik.“ Er hielt ihr seine geöffnete Brotdose hin, in der sich zwei Salamibrote befanden. „Magst du?“
„Danke!“ lächelte Liz, nahm sich eins und biss herzhaft hinein. „Hmm, gut! Kommst du mit schaukeln?“
„Ja!“

Am Mittag, als Liz‘ Mutter Emma die Kleine abholen wollte, hatte die wohl noch gar nicht mit ihr gerechnet. Schließlich entdeckte sie sie und löste sie sich aus einer Gruppe Kinder.
„Mum!“ Liz rannte mit einem rotblonden Jungen im Schlepptau auf sie zu.
„Das ist Erik, er wohnt bei uns ein Stück die Straße runter und wir wollen heute Nachmittag zusammen spielen“, sprudelte es aufgeregt aus ihr heraus. „Geht das?“
„Warum nicht?“ Emma musterte den Kleinen mit den verblüffend blauen Augen wohlwollend, er machte einen netten Eindruck. „Ich hab nichts dagegen.“
„Klasse!“ Die beiden gaben einander ein wenig ungelenk ein High-Five.
„Soll ich dich mitnehmen?“ bot Emma an, Erik schüttelte jedoch den Kopf.
„Ich bin mit dem Fahrrad da. Trotzdem danke!“
„Darf ich morgen auch?“ bettelte Liz. „Wir könnten zusammen fahren!“
Ihre Mutter lächelte. „Das besprechen wir heute Abend mit Papa!“
Aber warum nicht? Liz fuhr bereits sehr sicher, es war nicht wirklich weit, viel Verkehr gab es hier nicht, sie durften und mussten sowieso noch auf dem Gehweg fahren und noch dazu hatte Liz nette Gesellschaft.
Es war schön, dass sie bereits am ersten Tag einen Spielkameraden gefunden hatte, der auch in der Nachbarschaft wohnte.
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