Spieluhr

KurzgeschichteAllgemein / P16
Finnland Schweden Sealand
12.05.2019
12.05.2019
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Endlich. Endlich war der Krieg vorbei. Er müsste nicht mehr kämpfen. Er könnte wieder nach Hause zu seiner Familie. Seinem Ehemann. Seinen zwei Söhnen. Alle wieder vereint. Kein Krieg mehr. Kein kämpfen mehr. Endlich.

Er klopfte an der Tür. Niemand antwortete. Er dachte, dass sie wahrscheinlich unterwegs wären. Er hatte nichts geschrieben. Er wollte sie überraschen. Der Ersatz-Schlüssel! Unter dem Top rechts neben der Tür. Er hatte seine Schlüssel zu oft vergessen und in der Kälte stehen müssen.

Stille. Im Haus herrschte Stille. Sie schien erdrückend. Als würde eine Last in der Luft hängen. Als würde das Haus leblos sein. Und ein Geruch. Bilder rauschten durch seinen Kopf. Er kannte diesen Geruch. Aus dem Krieg. Metallisch. Blutig. Blut. Hier musste Blut sein.

Schlucken. Es wird schon alles gut werden. Vielleicht waren es nur Erinnerungen. Ziemlich realistische Erinnerungen. Hier konnte kein Blut sein. Schließlich war hier nur seine Familie, oder?

Eine Spieluhr. Die Spieluhr, die er seinen Söhnen gegeben hatte. Peter und Lönee hatten sich gefreut. Er konnte sich an ihre strahlenden Gesichter erinnern. In einer Zeit ohne Krieg. Kein Sorgen. In einem so entfernten Leben.

Er ging an dem Spiegel vorbei. Er wollte nicht wissen wie er aussah. Der Krieg hatte ihn gezeichnet.

Schließlich trat er ins Wohnzimmer. Viele der Möbel waren selbstgemacht. Berwald hatte lange an ihnen gearbeitet. Und danach hatten Lönee und Peter beim bemalen geholfen. Es war eine schöne individuelle Sammlung geworden. Nur rote Farbe hatten sie nicht verwendet.

Die Farbe hatte sich in einer Pfütze gesammelt. Um einen Körper. Einen toten Körper. Noch ein Toter. In seinem Haus. Dort, wo er sich sicher gesehen hatte. Die Sicherheit eines Zuhauses. Aber sie wurde zerstört.

In der roten Lache lag eine Person. Sein Sohn. Peter. Tot. Umgebracht. Jemand hatte ein Kind getötet. Sein Kind. Ein Monster war in seinem Haus gewesen.

Er zuckte zusammen. Ein Knall ließ ihn herum wirbeln. Panik. Wo waren seine Waffen? Aber er erinnerte sich. Hier herrschte kein Krieg. Hier war ein Monster gewesen. Aber kein Krieg.
Aquamarine Augen. Erschöpft. Ermüdet. Lebend. Leben. Jemand lebte noch.

Er fiel auf die Knie. Tränen fielen auf den Boden. Hoffnungslos schlang er seine Arme um sich. Schloss die Augen. Bilder rauschten vorbei. Roter Schnee. Rote Kleidung. Leblose Augen. Knirschen. Schreie. Schüsse. Knallen. Mehr rote Farbe. Mehr roter Schnee. Mehr Blut. Mehr Tote. Er wollte schreien.

„Tino? W-was ist los?“, fragt eine zarte Stimme. Durch einen Tränenschleier erkannte seinen Sohn. Lönee. Lebend. Verwirrt. Mit seinem Stofffuchs in der Hand. Zitternd atmete er ein. Er konnte kein Wort herausbringen. Die Tränen flossen ununterbrochen. Ein Schaudern lief durch seien Körper. Gedanken rauschten durch seien Kopf.

Eine unerwartete Wärme. Körperliche Wärme. In einer Umarmung. Lönee. Sein Sohn hatte seine Arme um seinem Hals geschlungen. Der Fuchs hing über seinem Rücken. Er schloss den Jungen in die Arme. Dämpfte sein Schluchzen im Oberteil seines Sohnes.

„Wo ist Papa? Was ist mit Peter?“, fragte er. Ein Vierjähriger verstand keinen Krieg. Er verstand Tod nicht. Ein Vierjähriger sollte spielen. Er sollte sich um seinen Vater sorgen. Dieser Krieg zerstörte alles. Leben. Familien. Kindheit.

Er schaffte es ein paar Worte zu formen: „Peter… ist… ist weg.“ Verwirrung breite sich in den Augen vor ihm aus. „Wo ist Peter?“, fragte Lönee. „E-er ist an einem schönen Ort,“ versuchte er zu erklären.

Mehr Verwirrung. Mit schiefgelegtem Kopf fragte sein Sohn: „Wieso weinst du dann?“ Pure Unschuld. Der Kopf eines Kindes. In einer Welt in der es keinen Krieg gibt. In der Welt eines Kindes gibt es keine schlechten Dinge. „Weil Peter nicht wiederkommt.“

Die Tränen zogen in weiter Schlacht. Er verlor. Sieg für die Tränen. Sie eroberten die Wangengebiete. Zogen gen Süden. Übernahmen die Region Kinn und beenden ihren Feldzug auf dem Boden. Zerstört. Wie er selber.

„Wann kommt Papa? Ein paar Männer haben ihn mitgenommen. Ich mochte die Männer nicht. Sie haben nur gebrüllt. Aber ich weiß nicht was sie gebrüllt haben. Und sie haben Papa geschlagen. Papa hat gesagt, dass die Männer es nicht mögen, dass du und Papa zusammen sind.“

Berwald. Seine Stütze. Er war weg. Von Nationalsozialisten verschleppt. Er unterdrückte eine weiteren Tränenflut. Vereinzelt liefen sie dennoch. Ohne Gefühl. Nass auf nass.

„Papa hat gesagt, dass die Männer ihn mitnehmen wollen. Und dass ich und Peter uns verstecken sollen. Papa hat gesagt, dass die Männer ihn an einen Ort namens Aus-Witz bringen.“

Aus-Witz. Auschwitz. Polen. Vernichtungslager. Berwald war weg. Er würde nicht wiederkommen. Peter würde nicht wiederkommen. Tot. Alle tot. Tod. Überall hing der Tod. Wabernde Metallgeruch in Luft. Knirschen unter den Füßen. Schüsse. Schrei. Russische. Aber auch Finnische. Beißende Kälte. Rauschen dunkler Fichten. Dumpfer Schnee.

„Joka ilta kun lamppu sammuu ja saapuu oikeayö, Niin Nukku-Matti nousee, ja ovehen hiljaa lyö.“ Erneut riss ihn die Stimme aus seinen Erinnerungen. Schrecklichen Erinnerungen. Aber eine sanfte Stimme. Und ein sanftes Klingen von kleinen Glöckchen. Die Spieluhr. Ein wenig Ruhe.

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Berwald [Oxenstierna] = Schweden
Lönee [Oxenstierna] = Landonia
Peter [Kirkland] = Sealand
Tino [Väinämöinen] = Finnland
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Erwähnter Krieg ist der sogenannte Winterkrieg zwischen der Sowjetunion und Finnland. Er wurde vom 30. November 1929 bis zum 13. März 1940 ausgetragen.
Finnland stand zumindest Teilweise auf Seiten der Achsenmächte.
Im zweiten Weltkrieg wurden Homosexuelle verfolgt. Circa 53% von ihnen starben.
Die Zeile stammt aus einem finnischem Schlaflied namens „Sinien uni“
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Keine (relevanten) Übersetzungen
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