Eine etwas andere Beziehung IV

GeschichteDrama, Romanze / P18 Slash
12.05.2019
26.05.2019
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„Arschbombe!“
Mit einem lauten Platscher sprang Amelie in den Gartenpool der Ahrends hinein. Sie hatten Glück, dass es nun, Anfang September, noch unglaublich warm war und die Kinder so die Zeit draußen genießen konnten. Heute stand einer der seltenen Grillabende an, an denen mal alle Familienmitglieder dabei sein konnten.
Matteo und Niklas standen mit einem alkoholfreien Bier am Grill und fachsimpelten über neuste Methoden aus Amerika. Ganz einig waren sie sich dabei nie, aber die kleineren Wortgefechte führten sie freundschaftlich und kumpelhaft aus, so dass am Ende beide darüber lachen konnten.
Judith hatte sich mit ihren fünf Schätzen in den Pool gewagt, natürlich nicht ohne für alle ein Paar Schwimmflügel zu haben und die Teenager an ihrer Seite. Sie konnten sie auf alle Kinder Acht geben und keines würde ihnen untergehen. Emily und Elena konnten auch schon alleine schwimmen und sprangen mit ihrer Schwester Amelie um die Wette.
Julia ließ die Beine im Wasser baumeln und genoss diesen Familienabend ausgiebig. Emily schwamm irgendwann zu ihr herüber, kletterte auf dem Wasser und kuschelte sich in ihren Arm. Sie war noch immer das kleine Nesthäckchen, obwohl Elena die Jüngere war. Dafür ähnelte sie viel zu sehr der temperamentvollen Amelie und baute einen Unsinn nach dem anderen mit ihr. Manchmal fragte die Schwangere sich, ob Amelie nicht Elena in ihrem Bauch vergessen hatte und sie eigentlich die Zwillingsschwestern waren.

„Darf ich mal lauschen?“, fragte Emily da ganz vorsichtig und sah auf den Bauch ihrer Mutter. „Aber natürlich“, erwiderte diese und das kleine Mädchen legte ihr Ohr auf die Babykugel der Schwangeren herauf. Dort verharrte sie einen Augenblick, bis sie schließlich sagte: „Man kann ja das Herz schlagen hören...“ Julia lächelte sie an. „Wenn man ganz leise ist, dann schon ein bisschen“, gab sie zu. „Aber was du da hörst, das ist eher mein Herzschlag oder das Wasser, dass das Baby um sich herum hat.“
„Ertrinkt es dann nicht?“, wollte ihre Tochter etwas ängstlich wissen. „Nein, nein“, beeilte die Mutter sich zu sagen. „Es hat eine ganz lange Schnur, durch die es Nahrung von mir bekommt und atmet erst, wenn es geboren wird. Deshalb müssen Babys auch immer laut schreien, damit sich die Lungenflügel öffnen können.“ „Habe ich auch Geflügel in mir?“, fragte Emily weiter.
Diese Äußerung ließ das Herz der Schwangeren schon wieder dahin schmelzen. „Lungenflügel“, wiederholte sie den richtigen Begriff noch einmal. „Natürlich hast du die. Die hat jedes Baby, also auch jeder Mensch. Und wenn die Babys laut schreien, dann öffnen sich diese Lungenflügel und das kleine Baby kann atmen.“ Emily nickte fasziniert und umarmte ihre Mutter dann ganz fest. „Ich hab dich lieb, Mami“, flüsterte sie ihr dabei ins Ohr. Dann kletterte sie wieder ins Wasser hinein und schwamm zu ihrer Schwester herüber.

Eine Hand legte sich auf die zarte Schulter der Mutter. „Alles in Ordnung?“, wollte ihr Ehemann wissen. „Alles bestens. Hier unter dem Sonnenschirm fühlen Neo und ich uns super wohl.“ Er strahlte regelrecht mit der Sonne um die Wette. Besonders Niklas genoss diese Familienabende sehr. „Wir sind gleich fertig mit den ersten Würstchen und dem gegrillten Gemüse“, sagte er. „Ihr habt doch bestimmt Hunger.“
Er kniete sich hin, um zärtlich über den Bauch seiner Frau zu streicheln. „Hände weg!“, rief sein Sohn da lachend und riss den Vater, der ja auch nur in Badehose gekleidet war, mit in den Pool hinein. Julia lachte begeistert und kringelte sich nahezu vor lauter Lachen.
„Tja, du solltest eben nicht in den Bezirk deines Sohnes kommen“, prustete sie. „Das ist sein kleiner Bruder, nicht vergessen.“ „Wie konnte ich nur“, lachte der Vater, der die Abkühlung sichtlich genoss. „Genau!“, lachte nun auch Alex. „Das ist der kleine Bruder, den ich mir seit Jahren wünsche. Schön die Finger von ihm lassen. Er soll sich in aller Ruhe entwickeln.“

Johanna schwamm heran und umklammerte den Oberkörper ihres Bruders mit ihren Beinen. Er schulterte sie gleich, so, wie er früher mit ihr Pferd gespielt hatte, bevor sie ihre eigenen Tiere bekommen hatten. „Solange ich Lieblingsschwester Nummer Eins bleibe...“ „Klar! Daran wird sich nie etwas ändern“, versprach er.
Die Mutter beobachtete die Szene lächelnd. Ihr entging nicht, wie gelöst und glücklich Johanna heute war. Der enge Körperkontakt im Wasser schien ihr wohl sehr zu gefallen und war unverfänglich für sie. Julia wünschte ihr, dass sie für sich heraus fand, was sie wollte. Ob ihre Gefühle blieben oder ob es nur eine Laune war, weil Alex immer an ihrer Seite gewesen war.

„Alle Kinder raus aus dem Wasser!“, trällerte Judith da und hatte die Bademäntel für alle Kleinen bereits auf eine Sonnenliege abgelegt. „Alle unter 14 schnappen sich ihren Bademantel, ziehen ihn an und setzten sich dann an den Tisch. Essen ist fertig.“
Ohne System und Ordnung kam man in der Großfamilie nun einmal nicht zurecht. Umso mehr freute es die mittlerweile 30-jährige Frau, dass ihre fünf Kinder hervorragend auf sie hörten. Und auch auf den Zusammenhalt untereinander war sie mehr als nur stolz. Natürlich beharrten Lino und Liana oft darauf, dass sie ja ganze neun Monate älter und damit die Größeren waren. Dennoch wollten sie, dass die Drillinge mit ihnen eingeschult wurden im nächsten Jahr.
Die Mutter war sich dabei noch nicht ganz so sicher. Die Drillinge wären erst fünf, wenn sie in die Schule kämen. Zwar würden sie im November des nächsten Jahres sechs Jahre alt, aber auch das war doch noch so jung für ein Grundschulkind. Wenn es nach ihr ging, könnten die Kleinen noch ganz lange die Kita besuchen.

Lino versuchte gerade den Gang seines Patenonkels nachzumachen. Er achtete ganz genau darauf, wie Alex sich bewegte und ahmte es nach. Liana nahm sich an Johanna ein Vorbild und trug stets Mädchenfarben, wie sie es nannte. Blau ging überhaupt nicht und eine Haarspange oder gleich ein Haarreifen zählten zu ihrer täglichen Kleidung. Manchmal fragten die Kleinen, wieso Lino braune Haut, Liana dafür schneeweiße hatte. Sie verstanden zwar, dass das nichts schlimmes war, dennoch wurden die Zwei manchmal angefeindet.
Auch Leeroy, Leei und Leonie waren davon nicht befreit, doch Judith und Matteo hatten einen Kindergarten gefunden, in dem Gemeinschaft groß geschrieben wurde. Es gab viele verschiedene Nationen dort und so fielen ihre besonderen Mehrlinge gar nicht auf. Zum großen Sommerfest konnten dann alle Kinder etwas aus den Heimatländern mitbringen. Den Eltern gefiel dieses Konzept mehr als gut. So lernten ihre Schätze gleich etwas über andere Länder und deren individuellen Kulturen.
Nachdem alle Zwerge – die Ahrend-Kinder eingeschlossen – in ihren Bademänteln am XXL-Gartentisch saßen, tischten die Männer das Grillgut auf. Dazu hatte Matteo sein berühmtes Couscous gemacht und Julia einen Nudelsalat. Außerdem gab es Baguette in Massen, da hier alle gerne und viel aßen. Man brauchte auch für so eine Großfamilie mehr als nur einen kleinen Salat oder ein einzelnes Baguette.

„Die Wurst ist genauso braun wie du, Papa“, stellte Leonie fest und dippte ihr Würstchen gleich mal in einen See aus Ketchup hinein. „Ich mag braune Würstchen“, brabbelte sie genießend. Ihr Vater strich ihr lächelnd über den Kopf. „Und ich mag kleine Schneewittchen“, erwiderte er und nahm gleich mal die Hand seiner Frau in die eigene. Auch Niklas legte den Arm um seine Liebste, die sich genießend an ihn heran schmiegte. Auf der gemütlichen Gartenbank war dafür genügend Platz.
„Was macht eigentlich dein Job, Großer?“, fragte Matteo dann seinen besten Freund. „Du meinst der beim Roten Kreuz? Läuft super! Es macht unglaublich viel Spaß, den Kindergartenkindern die erste Hilfe beizubringen.“
Alex arbeitete seit kurzem in einem Erfurter Kindergarten und brachte ihnen dort erstes Grundwissen über die wichtige erste Hilfe näher. Spielerisch natürlich, aber auch mit einem gewissen Maß an Wissen. Das Ganze bekam er als Ehrenamt verrechnet, verdiente dabei aber immerhin 15 Euro pro Woche, was nur möglich war, da er am Dienstag die ersten zwei Schulstunden frei hatte.
Er war noch immer derselbe fleißige Junge, der er schon mit zehn Jahren gewesen war. Finanzen spielten immer noch eine Rolle in seinem Leben und auch die verschiedenen Spardosen hatte er noch immer aufgereiht auf der Fensterbank stehen.
„Das machst du aber nur, solange die Schule nicht darunter leidet“, mahnte sein Vater ihn. „Ach, quatsch! Ich habe die Biologiearbeit heute zurück bekommen. Eins Plus.“ Er tat ganz cool, dabei konnte man ihm ansehen, wie stolz er war. „Das ist ja toll!“, freute Julia sich. „Dabei hattest du solche Angst.“ „War das das mit dem Foto-Chinesen?“, quarkte Leonie dazwischen.

Alex lachte auf. „Foto-Chinese?“ „Du hast doch mit Johanna irgendwas gelernt, als ich nicht schlafen konnte. War das kein Foto-Chinese?“ „Du meinst Photosynthese“, verbesserte der Onkel seine Nichte. „Sag ich doch! Foto-Chinese.“ Leonie kümmerte sich weiter um ihren gefüllten Teller und tauchte nun ihr Baguette in den Ketchup hinein. „Es gab nur eine Mitschülerin, die mehr Punkte hatte als ich...“ Der große Bruder deutete auf seine Schwester. „Ach...“, spielte Johanna die Situation herunter. „So toll war das auch nicht.“
„Du darfst ruhig damit angeben“, meinte er. „Du bist immer die Klassenbeste. Da kannst du stolz drauf sein.“ Sie lächelte und errötete leicht an den Wangenknochen. Das Kompliment schmeichelte ihr sehr. „Beim Reiten hat sie auch schon wieder den ersten Platz gemacht“, erzählte der stolze Bruder gleich weiter. „Wir haben ein internes Reitstallturnier veranstaltet. Dabei hatten wir anderen keine Chance.“ „Du bist sehr stolz auf Johanna, kann da sein?“, wollte Matteo wissen. „Aber klar bin ich das! Sie ist die beste kleine Schwester auf der Welt.“
Dabei strahlte er sie an. „Ich weiß sogar noch, wie wir sie aus dem Heim geholt haben... Ich wollte sie am liebsten sofort mitnehmen, oder, Mama?“ Julia nickte zustimmend. „Das wollten wir alle.“ „Jetzt hört aber auf!“, lachte Johanna. „Das ist ja voll peinlich.“ „Hey!“, beschwerte Alex sich grinsend. „Das ist der Lieblingsspruch meines jüngeren Ichs! Da habe ich Rechte dran.“

Die Erwachsenen und die Teenager brachen in Gelächter aus. Die jüngeren Kinder sahen sie fragend an. „Alles okay oder müsst ihr zum Arzt?“, fragte Amelie und schüttelte mit dem Kopf. „Meine Familie ist verrückt!“ Niklas schmunzelte. „Musst du gerade sagen, kleine Räubertochter.“ „Große! Ich bin schon acht geworden vor drei Wochen, weißt du das schon nicht mehr, Papa? Wie heißt das, wenn man alles vergisst?“
Alex beantwortete ihre Frage: „Das heißt Demenz, Amelie.“ „Ach ja! Genau! Vielleicht ist Papa schon alt.“ Dabei grinste sie breit. „Alt, ja?“ Amelie saß neben ihrem Vater auf der Bank, so dass dieser sie liebevoll auskitzeln konnte. „Okay, okay!“, japste sie. „Du bist nicht alt, Papa. Nur ein bisschen älter als früher.“ „Damit bin ich zufrieden“, meinte Niklas und wuschelte ihr über den Lockenschopf. Amelie kümmerte sich wieder um ihren Nudelsalat.
„Apropos alt werden...“ Der Vater sah zu seinem ehemaligen Kontrahenten herüber. „Feierst du deinen Fünfzigsten?“ „Ich kann dich gar nicht hören!“
Matteo lachte und hielt sich die Ohren zu. „Kannst du wohl, Papi“, kicherte Liana. „Für mich bist du gar nicht alt, sondern ganz jung.“ Mit klimpernden Augen sah sie ihn an. Sie liebte ihren Vater heiß und innig. Sie bekam dafür ein Küsschen auf die Wange.
„Du bist ein lieber Schatz, aber leider bleibt die Zeit nicht stehen. Aber ja“, sagte er dann an Niklas gewandt. „Ich werde ihn feiern.“ „Ich spare schon mal!“, lachte Alex. „Dann kann ich dir etwas angemessenes besorgen.“ „Das schönste Geschenk wäre, wenn ihr alle kommen könntet...“, erwiderte Matteo gerührt.

„Tun wir!“, versprachen Emily und Elena im Chor. „Wir überlegen uns etwas für dich“, stimmte Julia zu und streichelte lächelnd ihren Bauch. „Neo bewegt sich...“ Sofort hatte sie Alex´ und Niklas´ Hand auf ihrem Bauch liegen. „Boah...“, freute ihr Sohn sich. „Der ist kräftig. Gefällt mir. Er kann mir beim Aufpassen helfen.“ „Oder sich von Papa verwöhnen lassen...“, schwärmte Niklas, schwer verliebt in das ungeborene Baby.
„Wir teilen“, sagte Alex. „Zwei Stunden ich, eine Stunde Mama und fünf Minuten du.“ Der Vater lachte. „Das hättest du wohl gerne. Deine Baustelle ist dort drüben.“ Er deutete zu Lino und Liana, die sich glücklich umarmten und gegenseitig einen dicken Kuss auf die Wange drückten. „Ich würde sagen... Baustelle erfolgreich beendet“, kommentierte Alex die Situation lächelnd. „Sie lieben sich so wie man seine Schwester nur lieben kann, oder Hanni?“
„Was? Ähm... Ja... Ja, klar“, erwiderte der Teenager, aber Julia sah die Traurigkeit in ihren Augen. Es war nicht zu überhören, dass er sie scheinbar nur als kleine Schwester wahrnahm.
Die Traurigkeit war aber schnell verflogen, als Rapunzel angesaust kam und prompt in den Pool hinein schlitterte. „Rapunzel!“, rief Johanna lachend aus und lief schnell zu ihrer Hündin, um sie aus der Seenot zu retten. „Dürfen wir bitte aufstehen und Rapunzel trocken machen?“, fragten Emily und Elena. „Lauft schon los“, lachte ihre Mutter nur. In dieser Großfamilie war immer irgendwas los.
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