Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Vampire Academy-Der Eidbruch

von Alvadas
GeschichteAbenteuer, Romanze / P16
Dimitri Belikov Rosemarie "Rose" Hathaway Vasilisa "Lissa" Dragomir
11.05.2019
04.07.2019
9
198.352
5
Alle Kapitel
11 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
11.05.2019 22.342
 
Vampire Academy

Der Eidbruch

Eine Geschichte nach den Büchern von Richelle Mead.

Fortsetzung von „Die Silberne Hand“

Prolog

Sie hatten mir es nie gesagt. Es nie auch nur beiläufig erwähnt, wo sie mich gefunden hatten. Mein Dad und Lucian schwiegen eisern, wenn ich sie fragte, wo ich gefangen gehalten worden war. Ich konnte nicht einmal mit Gewissheit sagen, dass es hier in den Staaten war, zwar wusste ich, dass man mich in den Staaten entführt hatte und als ich wieder zu mir gekommen war, da war ich auch in den USA gewesen, aber ob ich vielleicht dazwischen einmal oder mehrmals den Kontinent verlassen hatte, wusste ich nicht. Ich erinnerte mich noch an das prunkvolle Haus, in dem ich erst wie ein Tier gehalten worden war und an den Keller dachte ich des Öfteren in meinen Träumen, aber ich hatte nie erfahren wo dieses Haus gelegen hatte. Das einzige, was Lucian verraten hatte war, dass er das Haus zerstört hatte, nachdem sie mich daraus geholt hatten. Wie viele Strigoi sie getötet hatten, hatten sie auch für sich behalten, aber ich wusste, dass er überlebt hatte, denn wenn er anwesend gewesen wäre, dann bin ich mir sicher, hätten wir drei es niemals lebend aus diesem Haus geschafft. Cailean, das war sein Name. Cailean. Dieser Name weckte einerseits eine tiefe Furcht und gleichzeitig ein bittersüßes Verlangen. Unbedingt wollte ich ihn wiedersehen, nicht weil er mir etwas bedeutete, nein! Ich wollte mich persönlich für seine Gastfreundlichkeit bedanken! Ihm jedes Glied einzeln ausreißen, so wie er es bei mir getan hatte! Aber die beiden Moroi waren die einzigen, die wussten, wo dieses verdammte Haus gewesen war und die hielten natürlich dicht!

Ich wusste dass sie mich nur beschützen wollten, aber obwohl ich jetzt glücklich war, zusammen mit Dimitri und unserer gemeinsamen Tochter Lilly, nagte noch etwas an mir. Ich hörte es wie Ratten in den Wänden. Zum einen war es der Drang nach Rache, der mich wach hielt und zum anderen war es eine unergründliche Angst. Die Angst, dass ich eines Tages aufwachen und wieder in diesem oder einem ähnlichen Keller hing und er vor mir stünde, lächelnd, mich zärtlich berührend und dort weitermachte, wo er aufgehört hatte. Dieses Mal, das war mir bewusst, würde mein Verstand es nicht überstehen, noch einmal würde man die Scherben nicht zusammenfegen und so etwas wie eine Rosemarie Hathaway daraus formen können! War also diese Sehnsucht, dieses Bestreben, diesen Mistkerl zu finden und zur Strecke zu bringen, gut oder schlecht? Ich wusste es selber nicht! Allein der Gedanke daran, dass er noch da draußen war, vielleicht ganz in der Nähe und mich mit meinen Liebsten beobachtete, ließ mich schweißgebadet und nach Luft schnappend hochfahren. Dann musste ich zitternd aus der Umarmung von Dimitri klettern, als würde es ihn beschützen, wenn ich nicht in seiner Nähe wäre. Was sollte ich nur tun? Sollte ich den Strigoi jagen? Mich meinem größten Dämon stellen, auch wenn meine Chancen auf einen Sieg mehr als gering waren? Oder sollte ich meine Zeit mit den Personen, die ich liebte, genießen, selbst wenn diese plötzlich wieder enden könnte? Hatte ich nicht eine Verantwortung gegenüber der Welt da draußen, dass ich dieses Schwein zur Strecke brachte und so viel Unheil wie möglich abwendete? Ich fühlte mich auf jeden Fall so, als würde diese Last auf meinen Schultern liegen, doch immer wenn ich nachts aufwachte und dachte, dass es nun endlich Schluss sein müsste mit diesen Albträumen und schon kurz davor war meinen Pflock zu packen und mich auf die Suche zu machen, dann sah ich zu Dimitri und dachte an Lilly. Auch den beiden gegenüber habe ich eine Verantwortung, schoss mir dann durch den Kopf. Ich bin eine Mum, eine Partnerin, da konnte ich nicht einfach verschwinden! In diesen Momenten überkam mich eine Verzweiflung, weil ich einfach nicht wusste, was ich machen sollte! Diese Unsicherheit machte mich fertig, denn ich kannte so etwas einfach nicht. Früher hatte ich einfach getan, was ich für richtig gehalten hatte und selbst wenn es vielleicht nicht immer die klügste Entscheidung gewesen war, so hatte ich immer hinter ihr gestanden und gewusst, was zu tun war. Jetzt wusste ich das nicht mehr und das machte mir Angst! Was war, wenn etwas passierte? Dimitri sagte immer, dass ich nicht alleine sei und nicht die ganze Welt retten müsse, dass auch andere diese Rolle ausfüllen könnten und vielleicht mochte er ja Recht haben, doch was für ein Mensch wäre ich, wenn ich rumsaß, einen auf heitere Familie machte, während die Welt um mich herum in Dunkelheit versank und ich genau wusste, dass ich es hätte verhindern können, es wenigstens hätte versuchen müssen? War es so, dass man das Glück anderer dafür eintauschte, damit man selbst glücklich war oder gab es doch einen Weg wie man beides haben konnte? Ich wusste es wirklich nicht und zum ersten Mal in meinem Leben wünschte ich mir nicht ich zu sein. Nicht Rose Hathaway, zu der alle auf sahen, als wäre sie die allmächtige Heldin aus irgendeiner Geschichte, denn das war ich nicht, nicht mehr und ich fürchte den Tag, als man genau so eine Heldin gebraucht hätte und stattdessen mich bekam...

Kapitel 1

Das Jahr 427 n.Chr. In einem Gebiet des späteren Rumäniens

„Es gab keine Überlebenden. Die oder der Angreifer müssen überraschend und brutal vorgegangen sein!“, vermutete Danapher. Der große Dhampir mit dem langen, blonden Haar, welches fast völlig unter der Kappe aus gehärtetem Leder verschwand. „Das ist schon der dritte Überfall in diesem Mond!“, seufzte Wassili Dragomir und erhob sich. Bis eben hatte er noch neben der blutleeren Leiche einer jungen Maid gehockt, die so jung war, dass sie sicherlich noch nicht einmal ihre erste Blutung gehabt hatte. Nun starrten ihre leblosen Augen an dem Moroi vorbei in die Ferne. Fast hätte man glauben können, sie schliefe, wären die roten Bissspuren an ihrem dünnen Hals nicht gewesen, über den das flachsblonde Haar wie ein Vorhang gefallen war, als hätte jemand es so drapiert, weil er den Anblick dieses Verbrechens nicht mehr hatte ertragen können. Traurig sah sich der Moroi mit den goldenen Haaren und den grünen Augen in der kargen Holzhütte um, in der seine menschlichen Vasallen gehaust hatten. Das Mädchen war leider nicht das einzige Opfer, welches sie nun zu bestatten hatten, denn jedes Mitglied der fünfköpfigen Familie war auf dieselbe Art und Weise ums Leben gekommen: Bisse in den Hals und dann bis auf den letzten Tropfen ausgesaugt. Wassili wusste welche Bestie hier für verantwortlich war, denn es gab nur eine, deren Hunger nach Blut nicht gestillt werden konnte.

Wassili hatte nun einunddreißig Winter kommen und gehen gesehen und viele davon waren hart und entbehrlich gewesen, selbst für ihn als Fürst dieses Landstreichs. Er konnte sich noch gut an den Frostwinter vor sechs Jahren erinnern, wo es so erbittert kalt gewesen war, dass er und die seinen sich gefürchtet hatten einzuschlafen, weil sie dachten, dass sie dann nicht mehr aufwachen würden. Oder der eine Winter, in dem die Wölfe vor Hunger in die Siedlungen eingefallen waren und er sich mit seiner Garde ihnen in den Weg hatte stellen müssen, weil es zu viele Tote unter der Bevölkerung gegeben hatte. Doch das alles verblasste gegen den Schrecken, der in dieser Hütte zugeschlagen hatte. „Brennt die Hütte nieder, das geht schneller und einfacher als fünf Löcher in den Boden zu schlagen!“, befahl Wassili einem seiner Vasallen, der nickend entschwand, um seiner Anordnung Folge zu leisten, während der Moroi und der Dhampir die Hütte verließen. Mit zusammen gekniffenen Augen spähte Wassili gen Osten, wo sich der erste Silberschleier des nahenden Tages andeutete. „Wir sollten los reiten, Mylord!“, bemerkte Danapher, der Hauptmann seiner Garde, der ihm auf Schritt und Tritt folgte. „Ja, das sollten wir wohl“, stimmte ihm Wassili zu und stieg auf seinen Schimmel, der schon mit schnaufenden Nüstern auf ihn gewartet hatte. Auch der Rest seiner Garde saß auf und gemeinsam ritten sie zurück zu seinem Anwesen, dem Anwesen der Familie Dragomir. Da es ein langer Ritt war, hatte er die Muße seine Gedanken schweifen zu lassen, die immer wieder zu dem jungen Mädchen glitten, deren Körper mittlerweile zu Asche geworden sein musste und nun ein letztes Mal im Wind tanzte, bevor es die ewige Ruhe empfing. Hätte er dieses Mädchen retten können? Diese Frage stellte er sich unentwegt. Als ihr Lehnsherr verließen sich seine Vasallen auf ihn, aber er hatte nichts unternommen, als ihn die Nachricht ereilt hatte, ein Strigoi sei in seine Gefilde eingedrungen. Einer jener Verwandten, die der Macht des Blutes erliegen waren und nun ein Dasein im ewigen Brennen des Hungers nach mehr fristeten. Seine Untätigkeit hatte ihn nun schon fast ein Dutzend Untertanen gekostet, doch nun würde er etwas unternehmen, um das Morden zu beenden, das schwor sich Wassili Dragomir bei seiner Ehre und der Ehre seiner Familie. Der Moroi seufzte innerlich, als er daran dachte, was für Vorwürfe ihm sein jüngerer Bruder Markesch machen würde. Dieser hatte von Anfang an darauf gedrängt den Strigoi zu jagen und zur Strecke zu bringen. Dabei hatte er jedoch nichts von den Risiken und den Anstrengungen hören wollen, die eine solche Jagd mit sich brachte. Erzürnt bleckte Wassili seine Zähne und fuhr mit der Zunge über die langen Spitzen seiner Eckzähne. Körperlich unterschieden sich Moroi und Strigoi nicht allzu sehr, doch hatte man erst einmal den dunklen Pfad betreten, wuchsen die Kräfte des Betroffenen schnell ins unermessliche, sodass schon der Tod eines einzelnen Strigois einen hohen Blutzoll unter den Vollstreckern forderte. Bisher war Wassili zweimal auf so einer Jagd gewesen, was für sein junges Alter schon häufig war, denn es war die Angelegenheit der Familie ein verkommenes Mitglied der ewigen Ruhe zu zuführen und nur selten musste man um die Hilfe anderer Familien bitten. Zum Glück gab es in seiner Familie nur wenige Verblendete, die den Weg des Strigoi nahmen, sodass er bisher nur einen aus seiner Familie hatte töten müssen. Er hatte es zum Glück geschafft, seinen damaligen Onkel schnell zu stellen und zu enthaupten, denn an seiner zweiten Jagd, bei der von der Familie Voda um Hilfe gebeten worden war, hatte er gesehen, was passierte, wenn man diese Bestien zu lange ihrer Existenz fristen ließ! Mehr als zwanzig Mann waren nötig gewesen, um diesen Strigoi zu töten und das war dann immer noch eine riskante Angelegenheit gewesen!

Wassili wusste, dass der Strigoi nicht aus seiner Familie gekommen war und so würde er wohl ein Konzil mit den übrigen Familien aus der Nähe einberufen müssen, um zu erfahren wer seine Pflicht vernachlässigt hatte und ihm so eine Blutschuld von zehn Seelen schuldete, die unter den Angriffen des Strigois bisher gefallen waren. Auch wenn er sich keine großen Hoffnungen machte, diese Schuld ersetzt zu bekommen.

Drei Tage später

„Warum haben wir keinen Wasserbeschwörer mit genommen?“, beschwerte sich sein Bruder Markesch, der neben ihm ritt und wie Wassili und die anderen Männer seinen Umhang fest um sich gezogen hatte, um dem heftigen Regenfall zu trotzen, der sie schon seit geraumer Zeit begleitete. „Du hättest nicht mit kommen sollen, wenn schon Wasser reicht, dich aus der Ruhe zu bringen!“, tadelte Wassili seinen jüngeren und impulsiveren Bruder. Am liebsten hätte er ihn zu Hause gelassen, doch er war nun einmal alt genug und ein mächtiger Erdbeschwörer, sodass er nicht auf seine Unterstützung hatte verzichten wollen. Am gestrigen Tage hatten sich die sechs Familien aus der Umgebung bei ihm zum Konzil eingefunden und wie Wassili schon vermutete hatte, schien der Strigoi aus keiner der ansässigen Familien zu stammen. Ob dies nun der Wahrheit entsprach oder sich einfach nur jemand um die zu entrichtende Blutschuld drücken wollte, konnte er nicht mit Gewissheit sagen, doch das änderte weder an dem Problem des herumstreunenden Strigoi, noch an der daraus resultierenden Konsequenz eine Jagdgesellschaft zusammen zustellen zu müssen. Wenigstens hatte sich die Familie Voda um ihr Oberhaupt Barim Voda bereit erklärt ihm zu helfen und so ritten sie nun mit zwei Dutzend Mann nach Westen, der Meute Hunde hinterher, die eine Spur aufgenommen hatten und nun verfolgten. Anders als bei anderen Hunden hörte man kein Gebell oder Gekläffe, sondern höchstens das gleichmäßigen Hecheln der drei starken Tiere, die im vollen Lauf ihrer Beute hinterher jagten. Diese drei Hunde waren der ganze Stolz von ihm und seinem Bruder, hatten die beide ja viel Zeit und Mühen in die Zucht dieser Exemplare gesteckt! Es bestand nur noch eine grobe Ähnlichkeit mit normalen Hunden, denn diese Tiere waren fast so groß wie ein Pony, hatten schwarzes kurzes Fell und leicht leuchtende gelbe Augen. Der Moroi wusste nicht mehr, wie viele Würfe er hatte töten müssen, weil die Tiere einfach nicht seinen Wünschen entsprochen hatten und entweder zu aggressiv oder zu zahm gewesen waren. Doch mit der Hilfe der Erdmagie seines Bruders und seiner eigenen war es ihnen schließlich doch noch geglückt einige prachtvolle Exemplare zu züchten, die ihren Anforderungen gerecht wurden. Noch hatten sie keinen Namen für diese Art gefunden, doch schon jetzt waren sie beeindruckend! Die großen Tiere bewegten sich leichtfüßig über das rutschige Gelände und hatten noch aus den Überresten einer Behausung, die vor mehr als einen halben Mond angegriffen worden war, eine Fährte aufgenommen und hetzten nun in eine Richtung, die Wassili behagte. Nur wenig weiter war eine hügelige Landschaft, in der ein weitläufiges Höhlensystem lag. Wassili vermutete stark, dass sich dort der Strigoi ausruhte, wenn am Tag das Sonnenlicht ihn am Jagen hinderte. Nun war es dunkel und die Bestie würde rausgehen, um seine nächste Beute zu suchen und zu erlegen. Doch dieses Mal würde er nicht weit kommen! Am Fuße der Böschung des Hügels, in dem der Eingang der Höhle verborgen lag, stiegen sie ab und banden die Pferde fest. „Zwei Mann bleiben hier!“, ordnete Danapher an, der mit einem metallenen Reißen sein Schwert aus der Scheide zog und sich neben Wassili, seinem Herrn, stellte. Auch Wassilis Hand schloss sich um den Lederumwickelten Griff seines Schwerts, doch noch zog er es nicht blank, denn er wollte seine Hände frei haben. Die Gruppe ging hinauf zur Höhle, wo einige seiner Vasallen dicke Fackeln unter ihrem Umhang hervorzogen und diese entfachten. Ein Pfiff genügte und die drei Hunde teilten sich auf. Während ein Tier bei den beiden Wachen und den Pferden blieb, schlossen sich die anderen beiden der Gruppe an und liefen neben Wassili und Markesch her. „Verteilt euch!“, befahl Wassili angespannt und ging in das große Erdloch. Es war feucht hier drin und es roch modrig, was mit seiner feinen Nase eine noch größere Zumutung für ihn war, als für seine Vasallen, dennoch schritt der Moroi voran. Die Gruppe hinter ihm weitete sich aus und nahm nun die gesamte Breite des Tunnels ein, der tiefer ins Innere führte. Dieser war gerade groß genug, dass sich die Moroi nur leicht bücken mussten, um vorwärts zu kommen, aber sie gingen langsam und vorsichtig weiter, denn die Sicht war mehr als schlecht, selbst für ihre empfindlichen Augen. Nicht nur einmal spielte die flackernde Fackel Wassili einen Streich und sein Kopf ruckte angespannt in die Richtung, aus der ein tanzender Schatten ihm einen Feind vorgegaukelt hatte. Immer tiefer ging es in die Höhle hinein, bis sich diese aufteilte und zwei verschiedene Wege weiterführten. Mit einem Nicken deutete Markesch auf den rechten Weg und setzte sich dorthin in Bewegung, begleitet von einem Hund und einigen ihrer Männer. Auch Barim Voda folgte Wassilis Bruder, als dieser ihn mit einem Blick darum bat. Es war ihm lieber, wenn jemand erfahrenes wie das Oberhaupt der Voda-Familie seinem hitzköpfigen und vorschnellen Bruder zur Seite stand. Als der letzte der Gruppe in dem Tunnel verschwunden war, setzte sich auch die Gruppe um Wassili in Bewegung und folgte dem Weg vor ihnen. Nach einigen Schritten fing der Hund, der neben Wassili ging an zu knurren und das Tier spannte sich an. Dies war ein klares Zeichen, dass ihre Beute vor ihnen in der Nähe sein musste!

Der Tunnel weitete sich und eine Grotte erschien, die so groß war, dass das Familienhaus der Dragomirs dort hinein gepasst hätte und dieses war nicht klein ausgefallen! Wassili schaute sich um, so gut es die schwachen Lichtverhältnisse es zu ließen, doch er konnte nichts erkennen, was den Hund hätte alarmieren sollen. Schon wollte er die Gruppe weiter führen, als auf einmal ein einzelner Tropfen vor ihm auf die Spitze seines Stiefels fiel. So still war es in der Grotte, dass das Klatschen ohrenbetäubend laut erschien und Wassili guckte auf seine Füße. Zwar waren diese schon nass und ein weiterer Tropfen wurde da nichts mehr ändern, aber irgendetwas irritierte ihn daran, dass dieser Tropfen gefallen war. Er kannte andere Höhlen, in denen Wasser beständig von der Decke tropfte und sogar Stacheln aus Stein bildeten, aber das hier war etwas anderes. Der Moroi forderte eine der Fackeln ein und als er diese von einem seiner Vasallen erhalten hatte, bückte er sich und hielt die Fackel so, dass er sich seine Stiefelspitze genauer ansehen konnte. Ganz vorne auf dem Leder glänzte etwas Flüssiges und nun wusste Wassili, was ihn daran gestört hatte: Wenn hier Wasser von der Deckel tropfen würde, dann würden sie dieses andauernd hören, aber hier hörte man gar nichts, als würde die Dunkelheit alles verschlucken, was Geräusche hätte machen können. Langsam strich Wassili mit der behandschuhten Fingerspitze seiner freien Hand über den Flecken und leckte diesen ab. Ein metallischer Geschmack erfüllte seinen Mund und angewidert spuckte er aus, bevor er aufstand und schrie: „Über uns!“ Seine rechte Hand fuhr automatisch zu seinen Schwert, doch bevor er es zur Hälfte rausgezogen hatte, ließ sich ein Schatten von der Decke fallen und landete vor ihm. Reflexartig ließ sich Wassili Tür Seite fallen und rollte sich über die Schulter ab, wobei er die Fackel verlor, die nun auf dem Boden lag und die Szenerie mit langen Schatten bedachte. Doch dank dieses Manövers entkam der Moroi nur knapp der Klaue, die sonst seine Kehle zerfetzt hätte. Ein schrilles Fauchen ertönte und der Strigoi ging auf seine Leute los, die versuchten sich so gut es ging zu wehren, doch zwei seiner Vasallen fielen, bevor diese gemerkt hatten, dass sie angegriffen worden waren. „Fass!“, schrie Wassili dem Hund zu, der aber schon längst im Getümmel war und die Bestie anging, die sie gejagt hatten. Der Strigoi war stark und schnell und wich dem schnappenden Kiefern des Hundes aus, welcher schlau genug war, sich zurück zu ziehen und nicht in der Reichweite des Strigois zu bleiben. Ein andere Mann war jedoch nicht so schlau gewesen oder einfach zu langsam, denn ein Faustschlag gleich eines auskeilenden Pferdes traf ihn und schleuderte ihn im hohen Bogen gegen die steinerne Wand, an der er leblos herab rutschte. Wassili musste nicht nachsehen, ob der Mann noch lebte, selbst bis hier war das hohle Knacken des gebrochenen Genicks zu hören gewesen. Der einzige, der ansatzweise Widerstand leistete war Danapher. Der gerüstete Dhampir schwang in der einen Hand sein Schwert, in der anderen eine Fackel und attackierte den Strigoi unentwegt. Zwar traf er nicht, jedoch lenkte er die Bestie von seinen Kameraden ab, sodass sich diese sammeln konnten. Endlich hielt auch Wassili blanken Stahl in seiner Faust und eilte dem Hauptmann seiner Garde zu Hilfe. Gemeinsam schafften sie es den Strigoi in eine Ecke zu drängen, aber noch war das Monster nicht bezwungen! Drei der übrigen Männer versuchten mit Schlingen am Ende von Seilen ihren Gegner zu fesseln und zu fixieren, aber immer wieder schaffte es der Strigoi sich los zu reißen. Dann traf eine der Schlingen und zog sich um den linken Arm des Strigois, dieser zog jedoch kräftig an dem Seil und der Mann, der die Leine gehalten halte schoss nach vorne, direkt in die Klauen des Strigois, die ihn zerfetzten. Jedoch hatte Danapher diese Gelegenheit genutzt und hatte einen mutigen Schritt nach vorne gewagt und stieß die Fackel wie eine Klinge gegen das Monster, welches schreiend zurück wich. Es hatte Angst vor Feuer, dass wusste jeder Moroi und Wassili erinnerte sich an die Fackel, die er zu Boden hatte fallen lassen. Halb drehte er sich um und hob die linke Hand. Wie von Geisteskraft schnellte die noch brennende Fackel in seine Hand und Wassili tat es dem Dhampir gleich und bedrängte den Strigoi mit Feuer. Immer wieder versuchte der Strigoi aus diesem Kreis auszubrechen und es war allein der Standhaftigkeit des Dhampirs zu verdanken, dass dies nicht geschah. Blut lief am Kinn von Danapher herunter und auch seine Seite war aufgerissen, dennoch kämpfte der Hauptmann unermüdlich weiter und traf schließlich den Strigoi mit der Fackel. Brüllend knickte die Bestie ein und schlug auf die Glut ein, die auf ihn nieder geregnet war. Plötzlich schoss der Hund wie aus dem Nichts an Wassili vorbei und verfing sich mit seinen langen Fängen im Oberschenkel des Strigois und hielt diesen damit fest. Ohne Nachzudenken stürmte auch Wassili nach vorne, rammte sein Schwert bis zum Griff in den Bauch des Strigois und packte die Fackel mit beiden Händen. Das Monster kippte um, als wäre es tot, doch Wassili wusste, dass es nicht sterben würde, bis man es entweder enthauptet oder verbrannt hatte und tat man nichts von beidem, würde sich das Biest schnell wieder erheben! Dazu würde es aber nicht kommen! Deine Schandtaten enden hier und jetzt, dachte Wassili und fuhr mit der Fackel hinab, direkt ins Gesicht des Strigois. Sofort fingen die Haare an zu glimmen und es roch nach verschmortem Horn, während die Haut des Strigois erst flackerte wie schmelzendes Wachs und dann grau wurde. Auch Danapher drückte seine Fackel gegen den Leib ihres Gegners, der daraufhin leicht zu brennen anfing, aber die beiden hörten erst auf, als der Körper des Monsters plötzlich zusammensackte und nur noch ein Haufen Asche übrig blieb. Grimmig sah der Moroi zu den Überlebenden seiner Gemeinschaft. Fünf waren tot, doch es waren nur Menschen gewesen und das war ein vergleichsweise geringer Preis gewesen, den Wassili zu zahlen bereit gewesen war. Sein Blick fiel auf den keuchenden Danapher, der sich nun seiner Verletzung gewahr wurde und in die Knie sackte. Sein Wert hatte sich ausgezeichnet, dachte Wassili und ging zu dem Dhampir hinüber. Er legte eine Hand auf die Schulter des Mannes und schickte seinen Willen aus, um diesen zu heilen. Schnell schlossen sich die Wunden des Hauptmannes, der ergriffen zu seinen Herrn aufsah. „Danke, Mylord!“, ereiferte er sich, doch Wassili nickte nur knapp. „Du hast gute Arbeit verrichtet, Danapher“, sagte er. Es war schon immer ungewöhnlich gewesen, wenn Moroi Dhampire hielten, denn meistens wurden die unliebsamen Zeugnisse einer gemeinsamen Nacht mit einer Dienerin sich selbst überlassen, doch Wassilis Vetter hatte das Kind, welches er gezeugt hatte, behalten und es stattdessen zu einem Krieger herangezogen. Seitdem stand Danapher im Dienste der Dragomir Familie und hatte sich schon im manchen Scharmützel bewiesen. „Suchen wir meinen Bruder und dann nichts wie weg hier!“, meinte Wassili und ging wieder zurück. Die Leichname seiner gestorbenen Vasallen würde er später holen lassen, um diese angemessen zu bestatten, doch nun wollte er nur noch Heim und in die Wärme seines Kaminfeuers und der Umarmung seiner Frau. Sie gingen den Gang zurück, der sie in die Grotte geführt hatte und bogen in den rechten Tunnel ab, denn Markesch und Barim Voda gewählt hatten. Wieder fing der Hund neben Wassili an zu knurren und dieses Mal hörte der Moroi eher auf dieses Zeichen, auch wenn des Konsequenz daraus nicht sein durfte! „Fass!“, rief er dem Vieh zu, welches sofort nach vorne in die Dunkelheit schnellte. Die schnellen Schritte hallten tapsend an den Wänden des Tunnels wider und er schaffen eine unheimliche Atmosphäre. Wassili und die anderen hetzten dem Tier hinterher, welches wohl etwas wahr genommen hatte. Als sie weiter im zittrigen Fackellicht dem Tunnel entlang liefen, erreichten sie die erste Leiche. Es war einer der Gefolgsleute der Familie Voda gewesen, dessen Bauch aufgebrochen war. Wassili musste nicht lange überlegen, welcher Schrecken dazu im Stande war. „Es gibt noch einen zweiten!“, rief der Moroi seinen Männern zu und rannte weiter. Er dachte nicht daran, dass es nicht möglich sein konnte, dass es zwei Strigoi gab, denn das würde bedeuten, dass man nicht nur einmal, sondern zweimal seine Pflicht missachtet und der Welt einen großen Schrecken aufgehalst hatte. Falls er den folgenden Kampf überleben würde, würde er erneut ein Konzil einberufen und seinem Unmut Luft machen, schwor sich Wassili. Irgendjemand aus den Familien spielte ein falsches und gefährliches Spiel! An immer mehr Opfern des zweiten Strigois kamen sie vorbei, der die Gruppe um seinen Bruder Markesch wohl durch den Tunnel gehetzt haben musste. So schnell konnten sich die Rollen vertauschen und die Jäger zu Gejagten werden, bemerkte Wassili verbittert und hoffte nur, dass es seinem Bruder gut genug ging, um ihn nach Hause bringen zu können. Der Tunnel weitete sich auf die dreifache Breite aus und mitten darin standen vier Männer Seite an Seite. Erleichterung durchflutete Wassili, als er sah, dass sein Bruder zwar verletzt, aber lebendig in dem Kreis der Getreuen stand und einem Schatten Widerstand leistete, der immer wieder wie aus dem Nichts zu schlug und sich wieder zurück zog. „Haltet aus, wir eilen zur Hilfe!“, schrie Wassili den Überlebenden der zweiten Gruppe zu und eilte weiter. Doch wie es sich zeigte, waren sie es, die Hilfe benötigen würden, denn der Strigoi hatte sie wahrgenommen und griff sie sofort an. Wieder sah sich Wassili so einem Ungeheuer entgegen, welches aber deutlich vernünftiger agierte, als sein bereits toter Artgenosse in der Grotte. Anstatt sich einem offenen Kampf zu stellen, huschte das schnelle Wesen immer wieder weg, um dann urplötzlich
von einer anderen Seite aus zu zuschlagen. Diese Taktik kostete Wassili die letzten seiner Vasallen, sodass nur noch er und Danapher nebeneinander standen. Der Dhampir focht wie ein Berserker und hielt die Bestie auf Abstand, konnte aber nicht verhindern, dass er selbst erneut verletzt wurde. Auf einmal ruckte die Tunnelwand und ein Kopfgroßer Klumpen löste sich daraus und verfiel zu grob körnigen Staub, der sich immer schneller werdend um sich selbst drehte und einen kleinen Sturm aus winzigen Teilchen erzeugte. Wassili kannte diese spezielle Technik seines Bruders und ergriff den Dahmpir, um zu verhindern, dass dieser in diesen Strudel geriet. Man könnte meinen, dass etwas wirbelnder Dreck nicht gefährlich sei, doch Wassili hatte damals als er und sein Bruder noch Kinder waren, am eigenen Leib erfahren, was es bedeutete, wenn tausende von kleinen Steinkörnchen einem durch die Haut ins Fleisch schnitten. Wäre er kein Heiler gewesen, hätte er den damaligen Streich seines jüngeren Bruders nicht überlebt, welcher nur seine Kleidung hatte schmutzig machen wollen. Von da an hatte er diese Technik verfeinert und das Resultat war erschreckend. Kreischend vor Schmerz torkelte der Strigoi hin und her, als ihm buchstäblich die Haut weg geschält wurde, sodass nur noch blutiges Fleisch übrig blieb. Aber wieder einmal zeigte sich, wie zäh diese Monster waren, denn blind vor Zorn Hieb der Strigoi gegen die Tunnelwand, sodass Brocken von der Decke rieselten. Alarmiert hetzte Wassili nach vorne, denn er wusste, was das Biest vor hatte. Es wollte den Tunnel zum Einsturz bringen und sie alle lebendig begraben! Mit seinem Schwert ausholend schlug der Moroi nach dem Strigoi, doch dieser hatte sich längst zu ihm umgedreht und schlug ihm das Schwert aus der Hand, welches klirrend über den Boden schlitterte. Schon holte der Strigoi erneut aus, auch wenn Wassili nur das Flimmern der unglaublich schnellen Bewegung wahrnahm. Doch der Schlag verfehlte den Moroi, als sich Danapher gegen den Strigoi schmiss und diesen umriss. Sofort standen beide wieder und gingen auf einander los. Der Dahampir schaffte es tatsächlich den Strigoi mit seinem Schwert zu verletzen, aber auch ihm wurde die Waffe aus der Hand geprellt, als der Strigoi auf ihn los ging. Entschlossen stand der Dahmpir da und guckte grimmig seinem Ende entgegen, als der Strigoi seinen Kopf nach vorne reckte, um dem Hauptmann seine Fangzähne in den Hals zu stoßen. „Nein!“, schrie Wassili und reckte die Hände hoch. Als hätte ein unsichtbares Netz den Strigoi erfasst, hing dieser in seiner Angriffsbewegung fest und zitterte wie wild, um sich wieder bewegen zu können. Schweiß sammelte sich auf der Stirn von Wassili, als dieser Zähne zusammenbeißend weiter den Strigoi fest hielt, doch er spürte, wie sich die rohe Kraft des Monsters gegen die seinige wehrte und nicht mehr lange und sie würde obsiegen! Wassilis Blick glitt zu seinem Schwert, dass einige Schritt entfernt lag. Sie hatten nur eine Chance, diese Bestie zu bezwingen! Mit einem Wink schleuderte der Moroi den Strigoi gegen den Tunnelwand, packte dann sein Schwert mit seinem Willen und schmiss dieses zu dem Dhampir, welcher einen Satz nach vorne machte, das Schwert ergriff und dieses in einem weiten Bogen schwang. Polternd fiel der abgetrennte Kopf von den Schultern des Strigoi, dessen zur Klaue gereckten Finger nur Handbreit vor Wassilis Gesicht verharrten. Erst blieb der Körper aufrecht stehen, als sei er sich noch nicht bewusst, dass er tot sei, doch dann sank er nach vorne und Wassili wich hastig zur Seite, um nicht in Berührung damit zu kommen. Schwer atmend stand Danapher da, das Schwert in beiden Händen haltend. Es war ein mächtiger Hieb gewesen, denn nichts anderes war nötig, um einem Mann den Kopf glatt und mit nur einem Streich abzutrennen. Auf einmal erschien der Dhampir Wassili in einem neuen Licht und ihm kam ein Gedanke, der vieles verändern könnte, doch jetzt war nicht die Zeit dafür! „Ihr kamt spät!“, meinte Markesch, mehr erleichtert als erzürnt. Der linke Arm des Moroi hing schlaff herab, was sich nach einer Berührung durch Wassili jedoch sofort änderte. „Wir waren auch auf einen von ihnen gestoßen“, gab er nur zurück und sah nach den anderen Überlebenden. Sie waren nur noch zu sechst, den Hund nicht ein gezählt, der mit gebrochenem Rückgrat im Tunnel lag und winselte. Auch diesen heilte Wassili, denn er hatte ihm ebenfalls gute Dienste geleistet und war viel zu kostbar, als ihn hier verrecken zu lassen! „Wie kann das sein? Es können doch nicht zwei Strigoi der Verfolgung ihrer Familie entkommen sein!“, regte sich Barim Voda auf. Der ältere Moroi hatte auch überlebt, wofür Wassili dankbar war, denn er wollte nicht dem Rest der Voda-Familie erklären, dass ihr geliebtes Oberhaupt gestorben war. „Ich weiß es nicht!“, gab Wassili ratlos zu. Ein Strigoi war schon eine Seltenheit, doch zwei hatte es noch nie zur selben Zeit an einem Ort gegeben! „Das war kein Moroi!“, stellte Danapher fest, der neben dem Leichnam des Strigois hockte. Der Dhampir deutete auf den deutlich kräftigeren Körperbau des Monsters und hob sogar den abgetrennten Kopf auf, um die Lefzen anzuheben und die Reißzähne zu entblößen. Sie waren lang, aber nicht so markant, wie sie hätten sein müssen, wenn dieses Biest ein Moroi gewesen wäre. „War das ein Mensch?“, fragte Markesch überrascht. Ja, dachte sich Wassili im Stillen. Sprachlos sahen sie auf den Kopf. Noch nie hatte es menschliche Strigoi gegeben, Wassili hatte nicht einmal gewusst, dass so etwas überhaupt möglich war und doch lag der Beweis in den starken Händen des Dhampirs vor ihm. „Mylord!“, holte die Stimme von Danapher den Moroi aus seinen Gedanken. Der Dhampir hatten den Kopf fallen gelassen und kniete nur mit gesenktem Kopf vor ihm, das blanke Schwert auf seinen Händen ihm entgegen gereckt. Wassili ergriff die Klinge, die er von seinem Vater erhalten hatte und strich über den stilisierten Drachenkopf, der in den Knauf der Waffe geschnitzt worden war. Er steckte es in die Lederscheide an seiner Seite und öffnete dann seinen Waffengurt, um diesen mitsamt Schwert dem Dhampir zurück zu geben. „Das beste Schwert sollte auch dem besten Kämpfer gebühren. Es ist deins, Danapher!“, schenkte er dem überraschten Danapher die Klinge. Gerührt zog dieser vorsichtig die Waffe blank und schaute auf den Schein der Fackeln, der sich im Stahl widerspiegelte. „Danke, Mylord! Ich werde es in Ehren halten!“, versicherte der Dhampir und Wassili nickte. Nichts anderes hatte er erwartet. „Lasst uns anderenorts weiter reden, Brüder!“, meinte Barim Voda erschöpft und Wassili musste ihm beipflichten. Das hier war kein geeigneter Ort für ein Gespräch! Mit deutlich weniger Männern ritten sie wieder zurück und trennten sich von den Voda-Mitgliedern, an der Grenze zu deren Ländereien. „Ich habe einiges mit euch beiden zu besprechen!“, verkündete Wassili Danapher und seinem Bruder, als sie endlich Daheim angekommen waren. Er hatte vor, seine Idee aus der Höhle in die Tat um zusetzen und seine menschliche Garde zu verstärken!

Kapitel 2

Sechs Jahre später, das Anwesen der Dragomir-Familie

Stolz sah Wassili auf den Hof hinab. Er stand auf den Stieg vor seinem Gemach und sah nach draußen. Unter ihm konnte er den Klang von aufeinander schlagendem Holz hören und die Rufe von Danapher, seinem Hauptmann und Ausbilder. Wassili sah zu, wie der Dhampir den jungen Burschen den Umgang mit dem Schwert beibrachte. Bei seinen Schülern handelte es sich nicht nur um seine Söhne und die, der anderen Dhampir-Familien, sondern auch um Wassilis eigene Kinder. Der Moroi war schon immer der Meinung gewesen, dass ein Fürst selbst für den Schutz seiner Vasallen einstehen müsse, notfalls mit Stahl in der Hand und deshalb ließ er seine Söhne von dem Besten unterrichten, den er kannte. Zufrieden wandte er seinen Blick von dem Treiben der Burschen ab und ließ ihn stattdessen über sein Anwesen gleiten, welches in den letzten Jahren gewachsen war. Eine hölzerne Palisade mit zwei starken Toren umspannte im Kreis drei große, zweistöckige Gebäude. In einem davon wohnte Wassili mit seiner Frau und den Kindern, in einem anderen sein Bruder Markesch mit dessen Gemahlin und Nachkommen. In dem dritten lebte der Rest seiner Familie, die aus zwei Vettern und entfernteren Verwandten bestand, die nichts desto trotz Teil der Dragomir-Familie waren. Innen am Zaun befanden sich insgesamt acht kleiner Hütten, in denen seine Untergebenen hausten, die hier ihren Dienst leisteten. Seit einigen Jahren befanden sich darunter auch drei Dhampir-Familien. Nach dem Kampf gegen gleich zwei Strigoi hatte sich Wassili in den Kopf gesetzt seine Garde mit Hilfe von Dhampiren zu verstärken und es hatte ihn einiges an Mühen gekostet, weitere von diesen Mischlingen zu finden. Es hatte ihn überrascht, dass die nicht gerade zahlreichen Dhampire offenbar es vorzogen, eigene Familien zu gründen. Es schien dem Moroi sogar so, als würden diese von einander angezogen werden! Es hatte nicht lange gedauert bis sein Hauptmann, Danapher, eine Dhampirin zur Frau gewählt und mir ihr Kinder gezeugt hatte, aber genau das war es ja auch, was Wassili von ihm gewollt hatte. Nun hatte Wassili fünf Dhampire in seiner Garde und weitere würden dazu kommen, wenn diese die Kampfausbildung absolviert hatten. Im erschreckendem Tempo hatten die neuen Rekruten das Kriegshandwerk gelernt, als hätten sie eine verborgene Begabung dafür. Eine Begabung, die sich mehr als nützlich erwiesen hatte, wie Wassili zufrieden festgestellt hatte, als gleich mehrere Versuche von Plünderern in die Siedlungen unter seinem Schutz einzufallen, vereitelt worden waren. Und das mit maximalem Erfolg bei minimalen Verlusten! In Gedanken versunken bemerkte er erst gar nicht, dass Markesch an ihn heran getreten war. „Bruder, Barim Voda lässt dich um ein Gespräch bitten!“, erklärte er. Wassili drehte sich um und sah zu seinem Bruder, der mit dem Alter auch Vernunft und Geduld erhalten hatte. Er legte seinem Bruder eine Hand auf die Schulter und drückte diese kurz. „Dann wollen wir Barim Voda nicht warten lassen!“, antwortete er und stieg hinab in die große Halle, in der seinen Besuch zu empfangen pflegte. Dort wartete bereits der ältere Moroi auf sie, der in einem feinen Stoffumhang und -Kleidung gekleidet war. Mit offenen Armen empfing Wassili seinen Gast und die beiden Moroi umarmten sich herzlich. Sie hatten sich seit einigen Jahren nicht mehr gesehen, als hätte es sie beide auseinander getrieben, weil der jeweils andere düstere Erinnerungen an das Gemetzel in der Höhle hervorgerufen hätte. „Mein Freund! Willkommen unter meinem Dach! Komm, lass uns das Brot zusammen brechen!“, begrüßte Wassili den Mann und deutete auf den langen Holztisch, auf dem bereits ein frischer, noch dampfender Laib Brot stand, zusammen mit einem Eintopf. Sicherlich war es Markesch zu verdanken, dass sie dem unerwarteten Besuch etwas auftischen konnten und Wassili nahm sich vor, sich für diese Weitsicht bei seinem Bruder zu bedanken, doch erst einmal galt es in Erfahrung zu bringen, was den Moroi zu ihm geführt hatte. Brot und Eintopf waren es gewiss nicht!

Zu dritt setzten sie sich an den Tisch, ließen sich Wein einschenken und brachen das Brot gemeinsam. Sie aßen erst ein wenig, denn der Weg von dem Anwesen der Voda bis hier her war weit und anstrengend und so wollte Wassili Barim eine Rast und Stärkung gönnen, bevor sie redeten. Als er seine Zeit des Wartens für angemessen hielt, wischte sich Wassili den Mund ab und schaute zu seinem Gast. „Also, Barim, was führt dich zu uns?“, fragte er. Ruhig stopfte sich Barim noch einen Kanten Brot in den Mund und kaute erst einmal gemächlich, bevor er redete. „Leider führen mich keine glücklichen Umstände zu mir und es scheint, als läge ein Fluch der Jagd auf unseren Familien!“, verkündete der Moroi schicksalsschwanger. Ernüchterung legte sich über Wassilis Gemüt, denn er wusste, worauf sein Besucher hinaus wollte. „Es gibt wieder einen Strigoi in unseren Landen?“, wollte er wissen und schob seine Schüssel mit Eintopf von sich weg. Die Nachricht hatte ihm den Hunger geraubt. Schwach nickte Barim, doch da schien noch mehr zu sein. „Wassili, mein Freund, ich glaube wir haben damals vor sechs Jahren einen großen Fehler begangen!“, meinte er. „Und der wäre?“, mischte sich Markesch düster ein. Barim sah von Wassili zu dessen jüngerem Bruder. „Ich glaube wir taten falsch daran zu glauben, dass es nur zwei Strigoi waren, die dort in dieser grässlichen Höhle gehaust haben! Ich glaube nämlich, es waren drei und irgendwie haben sie einen Weg gefunden sich zu vermehren!“ Schwer strich sich Wassili übers Gesicht. In vielen Nächten verfolgten ihn die Ereignisse aus dieser Höhle und ließen ihn immer wieder gegen diese Bestien antreten. Nur selten gewann er dabei. Auch er hatte sich die Frage gestellt, wie es sein konnte, dass ein Mensch zum Strigoi wurde, da der eigentliche, der ursprüngliche Weg ihnen nicht hätte offensten sollen. Wollte ein Moroi zum Strigoi werden, müsste er ein Opfer finden und es dadurch töten, dass er es aussaugte, bis auf den letzten Tropfen Blut. Ein Leben auf diese Art zu nehmen und gleichzeitig diese immense Menge an Macht zu sich zu nehmen, veränderte das Wesen des Täters. Die Magie, die in jedem Moroi schlummerte und sich in Gesundheit, Weisheit und den unglaublichen Fähigkeiten des Beschwörens äußerte, verband sich tief mit dem Fleisch des Willigen und schenkte diesem die Fähigkeit des ewigen Lebens. Aber es hatte einen Preis! Nicht nur, dass die eigene Magie versiegte, da diese ja nun in den Erhalt des Körpers und die Steigerung dessen körperlicher Leistungen floss, man war dazu verdammt immer auf der Suche nach weiterem Blut zu sein, damit diese unheilige Kraft nicht endete, auch verwehrte man sich selbst den Weg zur ewigen Ruhe, die auf jeden nach dem Tod wartete, wenn man sich nicht dieses Verbrechens schuldig machte. Man verlor ein Teil seiner selbst, um den Rest für immer zu erhalten. In Wassilis Augen war es kein gerechter Tausch, noch ein lohnenswertes Erstreben, aber nicht alle besaßen diesen Glauben und wählten die ewige gequälte Existenz, anstatt ein endliches und gutes Leben mit der Aussicht auf ewiger Ruhe danach. Ein Mensch konnte gemäß diesen Vorgehens nicht zu einem Strigoi werden, da sie keine Magie besaßen, die ihnen diesen Weg hätte bieten können. Sie hatten nichts, was sie gegen ewiges Leben eintauschen konnten! Das zu mindestens hatte er bis vor sechs Jahren gedacht, bis er eines besseren belehrt worden war. Aber dass die Strigoi nun einen Weg gefunden haben sollen, sich von allein zu vermehren, vielleicht sogar andere zu einer Verwandlung zwingen konnten, das war neu für Wassili und dennoch mehr als beunruhigend. „Worauf stützt du deine Äußerungen?“, wollte er wissen, denn Barim Voda war niemand, der leichtfertig Gerüchte verstreute, nein, dieser Mann wusste etwas und das hatte ihn hier her getrieben, also musste es etwas gewaltiges sein! „Es gab wieder Überfälle, vermehrte Überfälle, mein Freund!“, verriet der Moroi mit einem vielsagenden Blick. „Nicht nur hier bei uns, sondern auch südlich des Istar, sollen Strigoi am Werk sein und ich befürchte, dass es dieses Mal mehr als nur zwei sind, Wassili!“ Barim beugte sich vor und sah Wassili ernst an. „Ich habe die Befürchtung, dass es eine ganze Horde von ihnen ist!“ Kurz dachte Wassili daran, was eine Meute von Strigoi anstellen könnte. Entvölkerte Landstriche, Haufen blutleerer Menschen, Zerstörung, das war es, was ihm durch seinen Verstand schoss und kurz stoppte sein Herz und gewährte ihm einen Augenblick des blanken Schreckens. Niemals würden sie so eine Horde aufhalten können, sollte diese wirklich existieren! Wassili sah zu seinem Bruder, in dessen Gesicht der selbe Schrecken hauste, wie vermutlich in seinem. Markesch nickte ihm stumm zu, es war seine Zustimmung, sein Versprechen hinter ihm zu stehen, was auch immer kommen möge! Derweil wandte sich Wassili wieder seinem Gast zu. „Barim, mein Freund, ich kenne dich schon lange, unsere Familien verbindet ein Band der Freundschaft und des Vertrauens, deshalb maße ich mir an, zu behaupten, dass du nicht ohne Grund zu mir gekommen bist, anstatt ein Konzil der Familien einzuberufen, wie es der Brauch unserer Väter verlangen würde“, Wassili mustere seinen Gegenüber. „Nein, du hast einen Plan, einen Vorschlag, den du mir unterbreiten möchtest und bei dessen Umsetzung du meine Hilfe brauchst, ist es nicht so?“ Schwach lächelnd neigte Barim den Kopf. „Ich sehe du hast den scharfen Verstand deines Vaters und die noch schärfere Zunge deiner Mutter geerbt! Ja, du hast Recht, ich habe einen Plan, bei dem ich eure Hilfe brauche. Auch wenn es nicht wirklich mein Plan ist, sondern dein eigener, mein Freund!“, meinte Barim und sein Lächeln wurde eine Spur breiter. „Wie das?“, fragte Wassili nur. Zufrieden lehnte sich er Alte zurück, nun hatte er ihn ja, wo er ihn haben wollte. „Ich vernahm mit Überraschung die Kunde, dass du im ganzen Land nach Dhampiren suchst und ich fragte mich, was du mit diesen Bastarden anstellen könntest!“ Der Blick des alten Moroi schweifte zur Tür, hinter welcher der Hof lag, auf dem Danapher und Kinder sicherlich sich noch ertüchtigten. „Ich habe nicht vergessen, wie eindrucksvoll dein Hauptmann im Kampf gegen die Bestie war“, flüsterte er schon fast zu Wassili. „Und mir selbst kam der Gedanken ebenfalls Dhampire zum Kampf auszubilden!“, verriet er. Wassili nickte wissend. Es überraschte ihn nicht, dass dieser Fuchs seinen Plan durchschaut und ebenfalls ersonnen hatte. „Aber wir besitzen wohl beide nicht genug Dhampire als Krieger, um gegen eine Horde von Strigoi bestehen zu können!“, sagte er nur und schaute zu Barim. Noch konnte das nicht alles gewesen sein, was der Moroi sich ausgedacht hatte. „Das mag sein, doch es gibt genug Dhampire, dass wir es könnten!“ „Und wie willst du diese Dhampire finden, geschweige denn für unsere Sache gewinnen?“, wollte Markesch wissen. „Wir binden sie an uns Moroi. Damit sichern wir uns ihre Loyalität und was das Suchen und Finden angeht, so habe ich gehört, dass auch andere Familien bereits nach Dhampiren gesucht und diese gesammelt haben!“, verriet er nun mit einem frechen Grinsen. Nun erkannte Wassili die Weite dieses Plans, der nicht erst seit ein paar Monden gereift sein musste. Nein, so wie er Barim Voda kannte, hatte dieser schon vor Jahren den anderen Familien den Rat gegeben sich Dhampire als Krieger zu halten oder diese zu mindestens in ihre Dienste zu bringen. „Wie viele?“, fragte Wassili nur. Er musste wissen, wie groß die Bestrebungen waren, die Barim angeregt hatte. „Familien oder Dhampire?“, hakte Barim nach. „Beides!“, meinte Markesch fordernd, der wohl wusste, was sein älterer Bruder gerade dachte. „Elf. Elf Familien haben sich bereit erklärt, gemeinsam gegen dieses Übel von Strigoi vor zu gehen und mit euch wären es zwölf! Wie viele Dhampire es sind, dass weiß ich nicht so recht, doch es mögen sicherlich mehrere Dutzend sein!“ Zwölf Familien von Moroi, das war eine Menge! Dachte sich Wassili. Barim musste einiges an Weg hinter sich gebracht haben, um so viel Zustimmung zu erlangen. „ Wann und wie soll es geschehen?“, fragte Wassili. „Beim nächsten Vollmond gibt es ein Konzil, das größte, welches jemals abgehalten wurde! Dabei werden wir nicht nur unseren Zusammenschluss verkünden, sondern auch die gesammelten Dhampire in unseren Dienst nehmen!“, erzählte Barim. Vollmond, das war eine mächtige Zeit! Wassili überlegte lange und ausführlich, doch er fand immer mehr Gefallen an diesem Vorschlag. Vielleicht widerstrebte es ihm, Dhampire rigoros in seinen Dienst zu zwingen, doch allein die Vorstellung, dass zwölf mächtige Familien in Zukunft an einem Strang ziehen wollten, überzeugte ihn davon. Letztlich waren sie verantwortlich dafür, dass die Plage der Strigoi nicht ausbrach und alles vernichtete, was in ihren Weg kam. Wenn er dazu die Dhampire benutzen musste, war das ein Preis, den er für das höhere Wohl zahlen würde, gestand sich Wassili ein. „Was brauchst du von uns?“, verlangte Wassili zu wissen. Barim erzählte es ihm und nun wusste er, warum ausgerechnet er gebraucht wurde, um diesen Plan in die Tat um zu setzen.

Am nächsten Vollmond, einige Stunden vor Mitternacht trafen sich die zwölf Familien im Friedenskreis. Diese heilige Stätte war schon von ihren Ahnen für Versammlungen und Rituale benutzt worden und gebot eine Aura der Macht und der Besinnung. Im Grunde war es ein hoher Hügel, auf dessen Spitze ein zwanzig Schritt breiter Steinkreis ausgelegt war, in dessen Mitte sich kunstvolle Ritzungen und Kerbungen in dem harten Boden zeigten. In der Mitte des Kreises stand ein großer, weißer Stein, den man dort gefunden und an Ort und Stelle bearbeitet hatte. Es war eine Art Opferstätte, auch wenn schon seit langem keine Opfer mehr dargebracht worden waren. Dennoch huldigte dieser Ort allen Anwesenden Respekt ab und Gewalt wurde hier nicht geduldet, weshalb es der perfekte Ort für schwierige Gespräche war. Wassili hatten neben seinem Bruder auch alle männlichen Vertreter der Dragomir-Familie, mit ihm und Markesch sechs an der Zahl, mitgebracht. Dazu kamen die fünfzehn Dhampire, die sich in seinem Dienst befanden. Der Moroi staunte nicht schlecht, als er die schiere Masse an Gestalten sah, die sich rund um den Hügel angesammelt hatte. Noch nie hatte er so viele Moroi auf einem Fleck gesehen, geschweige denn Dhampire. Zähneknirschend sah Wassili, dass nicht alle Familien zimperlich mit ihren Dienern umgegangen waren, auch schienen nicht alle Dhampire freiwillig im Dienste ihrer neuen Herren zu stehen, dass zu mindestens bezeugten die Ketten und die stumpfsinnige Blicke, mit denen einige gefesselt waren. „Zwang!“, spuckte Markesch neben ihm aus, auch er hatte die Dhampire bemerkt und nahm genauso Anstoß an den Methoden seiner Brüder und Schwestern wie Wassili. Barim hatte den beiden Brüdern versprochen, dass sie nur Freiwillige rekrutieren wollten, doch offensichtlich hatte der Alte gelogen und zwar hemmungslos. Wie aufs Stichwort bahnte sich der besagte Moroi ein Weg durch die anderen direkt auf Wassili und dessen Gefolge zu. „Ah, meine Freunde! Schön zu sehen, dass die Dragomir-Familie endlich da ist!“, begrüßte er sie mit offenen Armen. Kalt blickte Wassili zu dem Oberhaupt der Voda-Familie. „Mir scheint einige unserer Diener gewöhnen sich nur langsam an ihre neuen Herren“, sagte er und wies auf eine Gruppe von Dhampiren, die mit Ketten an ihren Füßen zusammen gebunden waren, damit sie nicht weg laufen konnten. Nicht eine Spur reumütig, nickte Barim Voda nur mit dem Kopf. „Ich weiß, Wassili, es ist nicht so, wie vereinbart, doch auch du musst doch erkennen, wie aussichtslos unsere Chancen gegen eine große Anzahl von Strigoi sind, wenn nicht auch wir eine große Anzahl an Kriegern aufbieten können!“ Ja, das wusste Wassili und dennoch behagte es ihm nicht so viele gegen ihren Willen zu knechten. Aber was sollte er tun? Nun war er hier und zu gehen wäre unehrenhaft gewesen! „Wir sollten das Konzil beginnen, damit wir die Angelegenheit endlich hinter uns haben!“, meinte er nur. Er wollte so schnell wie möglich wieder weg von hier! Barim nickte erneut. „Ein guter Vorschlag, mein Freund!“ Zusammen gingen die Moroi auf die Spitze des Hügels und versammelten sich beim Steinkreis. Auch die anderen Familien gesellten sich zu ihnen, sodass am Ende fast Einhundert Moroi auf dem Hügel standen. Es war das größte Konzil, welches jemals stattgefunden hatte, zu mindestens darin hatte Barim die Wahrheit gesagt...

„Brüder und Schwestern, Oberhäupter der Familien, die sich heute und hier versammelten haben!“, Barim stand im Steinkreis, weitete die Arme aus, als wolle er diesen umarmen und drehte sich, damit er die Anwesenden ansehen konnte. Er sprach mit lauter, klarer Stimme und Wassili wusste, dass dieser Mann ein geborener Redner war. „Ich heiße euch willkommen, hier am Friedenshügel und ich danke euch, dass ihr dem Ruf der Vernunft gefolgt seid!“ Der Alte macht eine Pause und ließ seine Worte wirken, bevor er fort fuhr. „Wir sind hier zusammen gekommen, weil eine dunkle Bedrohung gleich einem Gewittersturm aufgezogen ist und uns mit Leid und Tod begießen will, wenn wir nicht endlich handeln!“ Leises Gemurmel brandete auf. Jeder der hier stand, wusste wovon Barim Voda sprach: Die Strigoi. Wassili hatte sich im Vorfeld zu diesem Konzil erkundigt und tatsächlich schien es viele Berichte von Überfällen im ganzen Land zu geben. Wie es aussah, gab es wirklich mehrere Strigoi, die umherstreiften. Als Barim wieder sprach, wandte Wassili seine Aufmerksamkeit wieder dem alten Moroi zu. „Überall töten diese Bestien unsere Leute und unsere Vasallen und bisher mussten wir tatenlos zusehen, denn einem allein fehlt die Kraft sich diesen Monstern entgegen zustellen, doch damit ist nun Schluss! Ich habe euch gerufen, weil wir endlich einsehen müssen, dass nur gemeinsam diese Bedrohung vernichtet und Frieden erlangt werden kann!“ Wassili sah, wie einige der Moroi nickten und war überrascht. Zwar besprachen viele Familien miteinander Themen auf Konzilen, doch sie beugten sich nur ungern einer Meinung, die nicht die ihre war. Zu sehen, dass so viele bereit waren sich einem Herrscher zu unterwerfen, war neu für ihn. Entweder musste Barim bedeutende Arbeit geleistet haben oder die Bedrohung war deutlich größer als Wassili bisher angenommen hatte. „Ihr seid hier, weil ihr bereit seid für das höhere Wohl zu handeln und von nun an unsere Probleme und Sorgen gemeinsam anzugehen, unsere Güter und Kräfte zu teilen, wie es in einer Familie üblich ist, denn nichts anderes sind wir: Eine Familie!“ Er blickte umher. „Ich weiß, nicht alle hier mögen sich oder teilen bereitwillig, was sie sich hart erarbeitet haben, doch wir alle wissen, dass man manchmal nachgeben muss, um voranzukommen und deshalb lasst uns nun bestimmen, wie vom heutigen Tage an unsere Geschicke gemeinsam verbunden werden sollen!“ Barim trat zurück und der Reihe nach traten andere Moroi vor und stellten einige ihrer Vorschläge vor. Wassili war sich mit den anderen darüber einig, dass sie zusammenhalten mussten und dieser Zusammenhalt erforderte gewisse Regeln und jemanden, der die Einhaltung dieser beaufsichtigte. Drei Stunden lang diskutierten die Oberhäupter der zwölf Familien die Vorschläge, bevor sich die Familien noch einmal einzeln zurückzogen, um sich mit ihren Verwandten zu besprechen. Danach versammelten sich alle wieder am Kreis und die zwölf Oberhäupter traten einen Schritt vor. Vorschläge wurden zur Wahl gebracht. In den meisten ging es um einfache Sachen wie das Recht auf Nutzung von Wäldern und Wiesen für die Jagd und die Viehzucht, das Schützen gemeinsamer Grenzen, dem Handel untereinander und so weiter. Aber auch einige Vorschläge waren eher heikler Natur: So verlangte einer der Oberhäupter, ein gewisser Bajoschk Ivashkov, einen Ausgleich im Form von Blut. Wie es schien war die Familie Ivashkov recht groß und hatte Probleme ihre gesamten Mitglieder mit dem lebensnotwendigen Blut zu versorgen. Am Ende eines hitzigen Streitgesprächs einigte man sich darauf, dass man der Familie weitere Diener für ihren Hunger zur Verfügung stellte, wenn die Familie Ivashkov im Ausgleich dazu die anderen Familien an ihrer Ausbeute der Erzminen beteiligte.

Als alle Wahlen getan waren, wurden die Ergebnisse auf Pergament festgehalten und jedes Familienoberhaupt unterschrieb mit seinem Blut. Als letztes war Wassili an der Reihe und während er sein Messer zog, seinen Finger anritzte, sodass ein dünner Fluss Blut herauskam, mit dem er schreiben konnte, betrachtete er die vorherigen elf Unterschriften. Voda, Zeklos, Tarus, Badica, Ivashkov, Lazar, Ozera, Dashkov, Drozsdov, Szelsky und Conta standen bereits auf dem Rinderhaut und nun fügte Wassili auch seinen Namen hinzu: Dargomir. Nich nur die Unterschrift war wichtig, sondern auch der magische Schwur, der mit dem Blut geleistet worden war, sich an das Geschriebene zu halten. Der Moroi schritt zurück aus dem Kreis zu seiner Familie. Er spürte die Größe, die Bedeutung dieses Moments. Es war der Beginn eines neuen Zeitalters, da war er sich sicher! Sein Bruder Markesch kam ihm entgegen. „Nun wird der zukünftige Anführer dieser Verbunds gewählt und du weißt, wer es nicht werden darf!“, zischte er Wassili leise zu. Dieser nickte. Auch er konnte sich die Ambitionen von Barim Voda vorstellen ihr neuer Anführer zu sein. Gleichwohl wusste er auch, dass es nicht dazu kommen durfte, denn dieser Mann kannte nur wenige Skrupel, wenn überhaupt! „Kommen wir nun zur Wahl des Führers, des ersten unter uns!“, verkündete der alte Moroi auch sogleich und schritt in den Kreis. Es war entschieden worden, dass einer von ihnen führen sollte und dieses Recht sollte durch einen Kampf vergeben werden. Seit jeher war es Brauch, dass der stärkste führte, so war es bei den Tieren, so war es bei ihren Ahnen gewesen, so würde es auch bei ihnen sein! Teilnehmen konnten nur die Oberhäupter der Familien und auch nur, wenn sie sich bereit dazu erklärten. Starb der Anführer, würde man sich erneut versammeln und Wählen, war man mit dem Anführer nicht zufrieden, konnte man diesen auf einem Konzil, welches jährlich stattfinden sollte, herausfordern. Es war der effektivste Weg zur Bestimmung des Anführers und ein Weg, der nur wenig Blutvergießen bedeutete. „Ich stelle mich zur Wahl! Die Götter berufen mich zu unserem Anführer!“, verkündete Barim Voda auch sofort und schaute sich um, ob ihm jemand diesen Anspruch streitig machen wollte. In ihrem Glauben wählten die Götter denjenigen, der leiten sollte und wie es aussah, fühlte niemand anderes sich dazu berufen der erste unter ihnen zu sein. Erschrocken stellte Wassili fest, dass die meisten Familienoberhäupter dem Blick von Barim Voda auswichen, der als mächtiger Luftbeschwörer galt. „Niemand? Niemand fordert mich heraus? Dann ist es also der Wille der Götter, dass von nun an ich über..“ „Ich fordere dich heraus!“, rief Wassili aus und trat ebenfalls in den Kreis. Er konnte einfach nicht zulassen, dass dieser machthungrige Moroi ihr Herrscher wurde, denn sonst würde diese Gemeinschaft schneller zerbrechen als ihnen lieb war. Enttäuscht sah Barim zu ihm hinüber. Er traute ihm wohl nicht zu, eine ernste Bedrohung für ihn zu sein, denn Wassili galt nicht gerade als begnadeter Beschwörer. Doch Wassili wusste um seine Stärken und Schwächen, denn wie sein Vater ihm einst gelehrt hatte, zeigte man seine wahre Macht nur, wenn sie von Nöten war! „Dann sei es so!“, sprach Barim verbittert und stellte sich Wassili gegenüber. „Tod oder Aufgabe beenden diesen Kampf! Mögen die Götter ihre Wahl treffen!“ Wassili löste die Schnalle seines Umhangs, der ihn in einem Kampf nur behindern würde, und lies den Stoff zu Boden fallen, bevor er einen Schritt auf den alten Moroi zu machte. „Tod oder Aufgabe beenden diesen Kampf. Mögen die Götter ihre Wahl treffen!“, sagte Wassili den rituellen Text auf, der zugleich Einverständnis, als auch Regel eines solchen Kampfes war. Wassili schloss die Augen und konzentrierte sich auf die Energien um sich herum. Er fühlte wie Barim seine Kraft sammelte und ihm entgegen schleuderte, doch Wassili blieb einfach stehen. Er wollte diesen Kampf so schnell wie möglich zu Ende bringen, aber den Moroi auch nicht töten, denn so sehr verabscheute er ihn nun auch nicht! Wassili tastete mit seinem Geist nach der Energie, die auf ihn zu schoss und anstatt sie abzuwehren, wie man es vielleicht bei einem Schwertstreich getan hätte, weichte er die Energie auf und nahm sie ihn sich auf. Für die Zuschauer musste es so aussehen, als hätte sich nichts getan. Kein Lufthauch regte sich zwischen den beiden Kontrahenten, egal wie viel Macht auch Barim Voda aussandte. Einen Fuß vor den anderen setzten, ging Wassili weiterhin mit geschlossenen Augen auf seinen Gegner zu, bis er diesen mit ausgestreckter Hand berührte. Sofort brach der alte Moroi in die Knie und keuchte vor Erschöpfung. Wassili hatte ihm fast alle Kraft geraubt, die er besessen hatte. Mit einer Gewissheit, die weit über dem verständlichen hinaus ging, öffnete Wassili seine Augen und sah auf den schwachen Barim, der vor seinen Füßen kauerte. „Gib auf, Barim Voda und erkenne mein Recht zu Herrschen an!“, befahl er ihm mit harter Stimme. Niemals würde Barim Voda aufgeben, dass wusste Wassili, wie fast alle hier und dennoch tat er es. „Ich...ich gebe....auf!“, stotterte Barim schwer. Noch einen Moment hielt Wassili den Verstand des Mannes vor ihm in seiner geistigen Gewalt, bevor er diesen losließ und sich zu den anderen umdrehte. „Dann ist es der Wille der Götter! Ich führe uns an!“, verkündete er laut und alle Anwesenden neigten huldvoll ihren Kopf, um das göttliche Urteil anzuerkennen. Einige Mitglieder der Voda-Familie eilten zu ihrem Oberhaupt und halfen diesem auf. Wassili sah zu seinem Bruder, der zufrieden nickte. Er war einer der wenigen, die wussten, wozu Wassili in der Lage war. Der neue Herrscher der Moroi reckte seinen Kopf gen Himmel und sah zu der großen leuchtenden Scheibe, die fast ihren Zenit erreicht hatte. „Widmen wir uns nun dem Ritual!“, sprach er und griff nach der Silberschale und dem Messer, den zwei alten Artefakten, mit denen seine Vorfahren damals den Göttern Tieropfer dargebracht hatten und mit deren Hilfe sie nun eine ganze Rasse versklaven würden.

Kapitel 3

Heutige Zeit, Königshof

Die Zeit des Abschieds war gekommen! Naja, es war natürlich nur ein vorübergehender Abschied, aber dennoch ein Abschied! Mit meinem Rollkoffer in der Hand sah ich mich noch einmal in der Wohnung um, in der Dimitri und ich gelebt hatten. Nun war es nicht mehr mein Zuhause, sondern nur noch eine normale, protzige Wohnung. Nichts sprang mir ins Auge, das ich noch unbedingt mitnehmen wollte und so drehte ich mich um und ging zur Tür. „Kommst, mein Spatz?“, rief ich Lilly zu. Meine Tochter nickte, ihren Kuschel-Pinguin fest an ihre Brust gedrückt und mit ihrem kleinen rosa Rucksack auf dem Rücken. Sie ergriff meine freie Hand und zusammen verließen wir die Wohnung und machten uns auf den Weg nach draußen, wo bereits alle auf uns warteten. Lissa, Christian, Eddie, Jill, Adrian und meine Mum standen dort zusammen mit Dimitri, der unsere letzten Sachen gerade in den Kofferraum des Wagens packte, mit dem wir zum Flugplatz hier auf dem Gelände fahren sollten. Danach ging es per Privatjet zur St. Vladimir-Akademie, die unser neues Zuhause sein würde. Als ich mit Lilly im Schlepptau ankam, rannte Lissa auf mich zu und umarmte mich stürmisch. Überrascht ließ ich den Koffer los und legte die Hand auf ihren Rücken. „Du rufst mich an, wenn ihr gelandet seid, ja?“, wollte Lissa wissen und ich hörte ein leichtes Schniefen. Beruhigend strich ich ihr über den Rücken. „Na klar, ich werde dich jeden Tag anrufen, versprochen!“, sagte ich zu ihr und Lissa löste sich von mir. Tränen glitzerten in ihren grünen Augen und ich sah an ihren angespannten Kiefer, dass sie sich alle Mühe gab nicht los zu weinen. „Ich vermiss euch jetzt schon!“, gestand mir die Königin der Moroi, die dazu auch noch meine beste Freundin war. „Wir dich auch, Tante Liss!“, sagte Lilly und hob die Arme, um noch einmal von Lissa hochgehoben und geküsst zu werden. „Pass mir auf deine Eltern auf, vor allem auf deine Mum, ja? Die bringt sich nämlich immer in Schwierigkeiten!“, meinte Lissa und lies die Kleine wieder runter. „Ich weiß!“, gab Lilly genervt zurück. Hey? Was sollte das denn heißen? Streng sah ich zu Lilly, die jedoch ungerührt zu den anderen ging und sich von jedem noch einmal knuddeln ließ. Selbst meine Mum drückte ihrer Enkelin einen Kuss auf die Stirn und lächelte ihr zu. Lilly hatte es geschafft durch den kühlen Panzer direkt in das Herz der strengen Wächterin zu gelangen und sich dort einen festen Platz zu ergattern. Auch ich verabschiedete mich von meinen Freunden. „Wir sehen uns nächste Woche!“, verhieß Christian und ich grinste. Ab nächster Woche würde das Training der Jäger, der Gruppe aus Dhampiren und Moroi, die Jagd auf Strigoi machen würden, beginnen und er hatte sich dafür eingeschrieben , auch wenn ich mir sicher war, dass seine Verlobte, Lissa, alles nur erdenkliche tun würde, damit er niemals auch nur in die Nähe eines Strigois kam. Sie hatte mir erzählt, dass ihr eher eine leitende Position für ihren Liebsten vorschwebte, aber da Christian sich gesträubt hatte etwas zu leiten, was er selbst nicht kannte, hatte sie zähneknirschend erlaubt, dass er die Ausbildung absolvieren durfte. „Seit ihr beide soweit?“, fragte Dimitri, der bereits meinen Koffer verstaut hatte. „Ja, das sind wir!“, sagte ich und lächelte ihn an. Auch auf seinem Gesicht bildete sich ein Lächeln und er trat an mich heran, um mir einen flüchtigen Kuss zu geben, danach stiegen wir ein. Dimitri saß am Steuer, ich auf dem Beifahrersitz und Lilly auf einem Kindersitz hinten. Die Fahrt war kurz und wir kamen schnell beim wartenden Flugzeug ein, wo bereits einige Leute unser Gepäck aus dem Wagen in den Frachtraum des Flugzeugs packten. „Willst du deinen Pinguin nicht auch lieber einpacken, Lilly?“, fragte Dimitri unsere Tochter, doch die schüttelte heftig mit dem Kopf. „Nein, Herr Flatterich hat Flugangst und es ist besser, wenn er bei mir bleibt, damit ich ihn beruhigen kann!“, äußerte sie und drückte das Stofftier fest an sich. Dimitri lächelte und hob die Kleine hoch, um mit ihr auf den Armen die Gangways hinauf zu gehen. Dabei stupste er ihre Nase, was sie zum Kichern brachte. „Da bin ich aber froh, dass Herr Flatterich eine so gute Freundin wie dich hat, die sich um ihn kümmert!“, meinte der Wächter ernst und die beiden betraten das Flugzeug. Ich folgte ihnen und setzte mich neben Dimitri in einen Sessel, wo ich mich in die Lehne sinken ließ. Vier Wochen war es nun her, dass wir Lilly aus den Klauen von Solomon Bambasi, dem Anführer der Inferni, befreit hatten und seit dem waren wir als Familie uns immer näher gekommen. In der ersten Woche hatte es noch einige Dinge zu klären gegeben. So hatte Lissa zum Beispiel rigoros Jagd auf die übrigen Zellen der Inferni machen lassen. Sie hatte jedem der Extremisten die Wahl gelassen: Von den Prinzipien dieser Gruppe Abstand nehmen und ihr die Treue schwören oder lebenslang Gefängnis. Bei ihrer Überzeugungskunst war es nicht verwunderlich, dass sich die meisten sofort auf die Knie hatten fallen lassen, um ihr die Füße zu küssen. Tja, Lissa war ein sanfter Engel, ein zartes und scheues Reh, keine Frage, aber genauso gut konnte sie zu einem unerbittlichen Dämon und wütenden Bär werden, wenn es nicht nach ihren Willen ging. Darüber hinaus war ich vollständig rehabilitiert und wieder als Wächterin vereidigt worden, während Dimitri aus der Königsgarde entlassen worden war. Wir hatten bereits unsere Versetzungsbefehle erhalten, in denen wir zur St. Vlad abkommandiert worden waren, wo auch Lilly nun angemeldet worden war. Unser Ziel war es, gemeinsam mit unserer Tochter leben zu können, ihr beim groß werden zuzusehen und dennoch unseren Beitrag leisten zu können, indem wir die zukünftigen Wächter und Jäger ausbildeten.

Als das alles geregelt war, hatten wir drei uns zwei Wochen Urlaub gegönnt, erst meinen Dad zurück in die Türkei begleitet und waren dann weiter nach Sibirien geflogen, um Dimitris Familie zu besuchen. Alle waren ganz aus dem Häuschen gewesen, als sie erfahren hatten, dass Dimitri nicht nur wieder mit mir zusammen war, sondern sogar eine Tochter hatte. Wie nicht anders zu erwarten war Lilly mehr als freudig aufgenommen worden und auch die Kleine hatte sich immens darüber gefreut, dass ihre Familie nun gewachsen war. Letzte Woche dann waren wir wieder zum Königshof zurückgekehrt, um die letzten Vorbereitungen für unseren Umzug zu erledigen. Ein Großteil unserer Sachen war bereits an der Schule, zusammen mit Lucian, der schon einige Dinge erledigte, um dann rechtzeitig mit der Ausbildung der Jäger anfangen zu können. Der leicht verwirrte, aber nette und überaus mächtige Moroi, der mal so gar nicht wie die meisten Moroi war, war nicht nur Lissas älterer Halbbruder und trug nun den Namen Dragomir, er war auch mein bester Freund und hatte mir unzählige Male das Leben gerettet. Gedankenverloren hob ich meinen rechten Arm und betrachtete das Konstrukt aus Silber, welches anstatt von Knochen , Muskeln und Haut an mir saß. Ich hatte meinen Arm verloren und meinen Verstand, als ich von einem Strigoi entführt und gefoltert worden war und es war Lucian und meinem Dad zu verdanken, dass ich nun wieder unter den Vernunftbegabten weilte. „Ist alles okay?“, wollte Dimitri wissen und lehnte sich zu mir rüber, sodass sein Kopf an meiner Schulter ruhte. Ich drehte mich zu ihm und neigte meinen Kopf so, dass er den seinigen berührte. „Es ist mehr als okay“, sagte ich zufrieden. Es stimmte, denn ich war glücklich. Ich hatte die Liebe meines Lebens zurückerhalten, meine beste Freundin, meine Tochter und war nun auf dem Weg in ein neues Leben mit neuen Herausforderungen.

So saßen wir eine Zeit lang und sahen Lilly zu, die sich zusammen mit Herrn Flatterich an das runde Fenster des Flugzeugs drückte und nach draußen spähte. „Siehst du, Herr Flatterich! Ich sagte doch, dass du fliegen kannst!“, meinte sie und drückte den Pinguin aufmunternd. Als ich das sah, musste ich einfach kurz kichern. Sie schaute einfach so süß aus, wenn sie so ernst war! Leider konnten wir nicht ewig so bleiben, denn der Flug dauerte nicht lange und der Privatjet sank hinab zum Flugplatz der Akademie. Neugierig beugte ich mich zum Fenster. Selbst aus dieser Höhe konnte ich die Gebäude der Schule sehen und mir fielen sofort die Veränderungen auf, die seit meinem letzten Besuch vor über sieben Jahren von Statten gegangen waren. Zwar hatten mir Lissa und Adrian schon ein wenig davon erzählt, was hier alles passiert war, doch jetzt wo ich es mit eigenen Augen sah, konnte ich es fast nicht glauben! Es waren einige neue Gebäude dazu gekommen, die aufgrund des hohen Bedarfs an Wohnplatz für die Moroi, die den Umgang mit Magie lernen wollten, nötig waren. Auch war ein neues Projekt angestrebt, so hatte es mir Lissa erklärt, in dem man auf dem weitläufigen Gelände der Akademie einige Wohnkomplexe errichtete, um auch anderen Leuten einen sicheren Platz zum Leben zu geben. Lissa dachte vor allem daran alleinerziehende Dhampir-Frauen und deren Kinder hier unter zu bringen. Ich hatte das für eine gute Idee gehalten und es war schön zu sehen, dass sich wirklich etwas in dieser Sache tat. Das Signal für den Landeanflug blinkte auf und ich beugte mich vor, um Lilly zu schnappen, sie richtig auf ihren Sitz hinzusetzen und anzuschnallen. Danach legte ich auch meinen Sicherheitsgurt an und wartete darauf, dass der Pilot die Maschine sicher zu Boden brachte. „Wir sind da!“, rief Lilly erfreut aus und reckte die Arme in den Himmel, bevor sie Anstalten machte, sich losmachen zu wollen. „Wir müssen noch warten bis das Flugzeug still steht!“, sagte Dimitri zu ihr und hielt ihre kleinen Hände fest. Die Kleine machte einen ungeduldigen Gesichtsausdruck, sie konnte es wohl kaum erwarten, endlich die Schule zu erkunden, an der ich und Lissa so viele Abenteuer erlebt hatten, die ...Abenteuer...mit Dimitri mal ganz außer Acht gelassen. Endlich kam das Flugzeug zum Stehen und Lilly schüttelte Dimitris Hände ab, schnallte sich los und rannte zur Tür, die gerade geöffnet wurde. „Von wem hat sie bloß diese Ungeduld?“, fragte Dimitri mit einem wissenden Seitenblick auf mich. Ich zog eine ratlose Miene auf und tat, als wüsste ich nicht, was er meine. „Keine Ahnung, muss sie wohl bei meinem Dad aufgeschnappt haben!“, sagte ich und erhob mich ebenfalls von meinem Platz. „Ja, das muss es wohl sein“, pflichtete mir Dimitri bei, obwohl sein amüsierter Tonfall was anderes sagte. Hand in Hand nahmen wir unsere Taschen und folgten Lilly die Gangway hinunter. Die Kleine stand wie angewurzelt am unteren Ende der Treppe und schaute auf eine Frau, die ich erst beim zweiten Hinsehen erkannte. Es war eine junge Moroi, die eine weiße Chinohose und ein rotes Oberteil trug, über dem sie einen weißen, offenen Mantel trug. Die Moroi lächelte mich freudig an und an dem roten schmalen Lippen erkannte ich die Person, die mir irgendwie bekannt vorkam. „Mia?“, fragte ich erstaunt und das Lächeln der Frau wurde eine Spur breiter. Sie machte eine leichten Knicks. „Genau die bin ich!“, sagte sie und lachte über mein verdutztes Gesicht. Das sollte Mia Rinaldi sein? Das kleine zierliche Püppchen, welches mir und Lissa am Anfang echt das Leben schwer gemacht hatte, war nun zu dieser einen Frau geworden? Unverhohlen musterte ich Mia, die sich wirklich stark geändert hatte und das zum positiven, will ich meinen! Sie hatte ihr dunkelbraunes Haar wachsen lassen, sodass sie es nun zu einem kurzen Zopf zusammen gebunden hatte. Ihr Porzellan-artiges Gesicht hatte etwas von seiner Zerbrechlichkeit verloren und an Selbstbewusstsein gewonnen. Alles in allem wirkte sie souveräner und kecker als früher, was wohl auch daran liegen musste, dass sie schon seit einigen Jahren sich im Umgang mit Magie und den Kampf mit dem Pflock übte. „Wow! Du siehst...anders aus!“, sprach ich verblüfft und umarmte die lachende Moroi. Nachdem ihre Mum bei einem Angriff von Strigoi getötet worden war und unser gemeinsamer Freund Mason ebenfalls durch einen Strigoi umkam, waren wir zwei Freundinnen geworden oder hatten uns zu mindestens nicht mehr angefeindet. Danach war Mia von der St. Vladimir-Akademie gegangen und war zu ihrem Dad gezogen, der eine Anstellung am Königshof bekommen hatte. Sie nun hier wieder zu sehen war großartig! „Ich hoffe doch du meinst mit anders gut!“, sagte sie und drückte mich fest. „Ja, du siehst umwerfend aus!“, gab ich zu und wir lösten uns von einander, um uns beide gegenseitig anzusehen. „Danke, du hast dich aber auch ziemlich verändert!“, meinte sie und nickte zu meiner Rosentätowierung. „Ja, das kannst du laut sagen!“, murmelte ich. Mia nickte wissend, sie hatte sicherlich einiges von ihrem Freund Eddie gehört und wusste bestimmt genug von mir, sodass wir nicht viel erklären mussten. „Hallo, Mia!“, kam nun auch Dimitri dazu und die beiden umarmten sich ebenfalls. Auf einmal zupfte etwas an meinem Hosenbein und als ich runter sah, stand Lilly hinter mir. „Wer ist denn diese Frau, Mum?“, wollte sie leise wissen. Dennoch schien Mia sie gehört zu haben und bückte sich etwas, um mit Lilly auf Augenhöhe zu sein. „Ah, du musst Lilly sein! Ich habe schon ein wenig von dir gehört und freue mich dich endlich kennen zu lernen! ich bin Mia Rinaldi und ich bin hier Lehrerin!“, stellte sie sich vor, doch Lilly lugte nur an meinem Bein hervor und sagte nichts. Sanft strich ich ihr über den Kopf. „Das ist Mia, eine Freundin von mir!“, sagte ich. „Aha“, machte Lilly nur. Hmm, sie wurde mit Moroi bei weitem nicht so schnell warm wie mit Dhampiren, was wohl daran lag, dass die meisten Moroi keine Geschichten über Strigoi zum besten geben konnten. Aber da kannte ich vielleicht einen Ausweg, dachte ich mir. „Sie hat mir damals geholfen meine ersten beiden Strigoi zu töten!“, erzählte ich der Kleinen, die auf einmal neugierig zu Mia hinüber sah. Dann machte sie einen vorsichtigen Schritt auf die Moroi zu und reichte ihr die Hand. „Hallo, ich bin Lilly!“, stellte sie sich vor. „Schön dich kennen zu lernen, Lilly“, sagte Mia und schüttelte ihr die Hand. Danach richtete sie sich auf und wandte sich wieder uns Erwachsenen zu. „Ich heiße euch offiziell hier an der St. Vladimir-Akademie willkommen und ich freue mich, dass ihr hier seid!“, sagte sie mit geschäftlicher Miene. Dann zeigte sie auf eine Gruppe von Leuten, die hinter ihr standen. „Diese Herren werden sich um euer Gepäck kümmern und es zu eurer neuen Wohnung bringen. Ihr werdet bereits im Büro des Hauptmanns der Wächter erwartet!“, sagte sie uns. Ich nickte, so etwas hatte ich mir bereits gedacht. „Können wir Lilly mitnehmen?“, fragte Dimitri. Mia verzog das Gesicht. „Ich glaube es wäre besser, wenn ihr beide allein gehen würdet. Ich könnte in der Zeit Lilly die Akademie zeigen, wenn ihr zustimmt!“ Dimitri und ich sahen uns kurz an. Wir hatten beide nichts dagegen einzuwenden. „Wenn das okay ist, Lilly?“, fragte ich die Kleine, die nickte und nach Mias Hand griff. „Das geht schon klar“, meinte sie bestimmt und die beiden gingen zusammen weg. Ich hörte nur noch wie Lilly fragte: „Und du hast Mum geholfen, ihre ersten Strigoi zu töten?“ „Ja, das habe ich!“, antwortete Mia. „Erzähle mir alles!“, verlangte Lilly und die beiden zogen ab. „Ich bin mir nicht sicher, ob wir mal mit ihr über diese Geschichten reden sollten?“, fragte Dimitri unsicher. Ich schüttelte den Kopf. „Ne, ich glaube es ist okay!“, gab ich zurück. Es konnte ja nicht schaden, wenn die Kleine sich schon früh für ihr späteres Leben als Wächterin interessierte, insofern sie so eine werden wollte! „Tja, ich denke wir sollten den Hauptmann nicht allzu lange warten lassen!“, sagte Dimitri und wir gingen zusammen zu den Gebäuden, in denen das Büro untergebracht worden war.

Gespannt betraten Dimitri und ich das Büro des Hauptmanns der Wächter an der Akademie. Es überraschte mich nicht, dort hinter dem Schreibtisch ein bekanntes Gesicht zu sehen. „Setzen Sie sich doch, bitte!“, forderte Alberta Petrov uns auf Platz zu nehmen, was wir gerne taten. Das Alter war Alberta an zusehen, doch noch immer wirkte die Wächterin fit und zäh wie Schuhleder. Mit einer undeutbaren Miene musterte die Frau erst Dimitri und dann mich, wobei sie sich vor allem bei mir sehr viel Zeit dafür ließ und ich spürte, wie ich unter diesem Blick nervös auf der Sitzfläche meines Stuhls hin und her rutschte. Bei diesem Blick wurde ich an meine Zeiten in diversen Büros von Leitern irgendwelcher Dinge, vor allem Schulleiter, erinnert und sofort fragte ich mich, ob ich etwas ausgefressen hatte, obwohl ich noch keine Stunde hier war. „Es ist schön, Sie beide wieder zu sehen!“, äußerte sich Alberta dann endlich mit so einer Art Lächeln auf ihren Lippen. „Wir freuen uns auch, Alberta. Es ist schön zu sehen, dass Sie immer noch hier sind!“, antwortete Dimitri, während ich bekräftigend nickte. Dimitri hatte im Voraus darauf bestanden, dass er den größten Part beim Sprechen übernehmen wolle, weil, und ich möchte hier zitieren, "Meine Aussagen unweigerlich zu einer Kernschmelze wie in Tschernobyl führen mit Konsequenzen ungeahnten Ausmaßes." Ich hatte ihn darauf hin nur verschnupft angesehen und gemeint, dass es ja wohl immer zwei Parteien bei einem Gespräch gab, hatte ihm aber im besseren Wissen das Feld überlassen. „Ich will ehrlich zu Ihnen beiden sein!“, fing Alberta an. „Mir kommt es sehr gelegen, dass mir zwei weitere Wächter zugeteilt worden sind, denn wir sind mehr als ausgelastet! Die Umstellung der Ausbildung der Novizen, die verschärften Sicherheitsmaßnahmen, das neue Wohnprojekt von Königin Vasilisa und nun noch die Ausbildung der Jäger... Ich weiß gar nicht,wie ich das alles bewerkstelligen soll!“ Sie schüttelte mit den Kopf, bevor sie uns jeweils einen Bogen Papier überreichte. „Das sind Ihre Dienstpläne, zu mindestens die vorläufigen, denn vor allem Sie, Dimitri, werden sich daran gewöhnen müssen, deutlich öfters zu unterrichten, als Sie es noch bei ihrem letzten Dienst hier getan haben!“, meinte sie zu Dimitri. Ich warf einen schnellen Blick auf dessen Dienstplan, auf dem, in verschiedenen Farben markiert, seine verschiedenen Stunden über die ganze Woche verteilt notiert waren, so sah ich dort in einem Himmelblau jeden Tag mehrere Stunden mit der Bezeichnung Ausbildung: Jäger, darüber hinaus hatte er noch weitere Pflichten, wie Patrouille, Unterricht: Novizen, Weiterbildung und sogar etwas, was Diverses hieß, womit wohl die super coolen und geheimen Ninja- Tricks gemeint waren, die wir Wächter zu tun pflegten! Erwartungsvoll drehte ich meinen Dienstplan um, denn wenn Dimitri schon so viel zu tun hatte, dann musste bei mir die Hölle los sein! „Äh, Alberta, Mrs. Petrov, Sir, ich glaube Sie sollten mal die Tintenpatronen Ihres Farbdruckers auswechseln, die sind nämlich leer!“, wies ich sie netter Weise darauf hin, denn auf meinem Dienstplan gab es nur einsame Farbinseln in einem Meer aus blankem Weiß. „Mit dem Drucker ist alles in Ordnung.“, sagte Alberta ungerührt. „Und warum habe ich dann so wenige Stunden?“, fragte ich irritiert nach. Alberta seufzte. „Ich hatte schon befürchtet, dass Sie darauf zu sprechen kommen würden! Also gut, Rose, dann reden wir mal Tachles!“, sprach sie und zog ein weiteres Papier aus einem Stapel Dokumente. Sie setzte sich eine Brille auf und schaute auf das Papier. „Mit Ihrem Versetzungsbefehl habe ich auch dieses nette Schreiben von Königen Vasilisa erhalten, in dem mir unsere Majestät unmissverständlich klar macht, dass Sie, Rose, einige psychische Probleme haben, weshalb Sie keinen vollwertigen Dienst leisten können, noch dieses dürfen!“ Alberta sah mich über den Rand ihrer Brille hinweg an, als ich getroffen nach Luft schnappte. Wie konnte mir Lissa nur so in den Rücken fallen? Fragte ich mich. Alberta in des fuhr unbeirrt fort. „Deshalb sind Ihre einzigen Stunden, neben der Ausbildung der Jäger, so genannte Untersuchungen , die von großzügigen Erholungsphasen begleitet werden!“ Ich starrte wieder auf meinen Dienstplan, der tatsächlich nur aus zwei Farben bestand, nämlich das Himmelblau, welches ich von Dimitri's Plan schon kannte und ein sattes Honiggelb, was die Aufschrift  Untersuchung hatte. Mir fiel allerdings auf, dass es anscheinend drei verschiedene Untersuchungen zu geben schien. Es gab es Untersuchung-K, D und O „Was sind das für... Untersuchungen ?“, fragte ich, wobei es mir schwer fiel, dieses Wort laut auszusprechen. „In diesen Stunden werden Sie sich entweder mit Dr. Olendzki, Mrs. Karp oder mit Ihrer Therapeutin Deirdre treffen!“, antwortete mir die Wächterin, die warnend ihre Hand erhob, als sie sah, wie sich mein Mund zum Protest öffnete. „Schlucken Sie es herunter, Rose, was auch immer Ihnen auf der Zunge liegt, denn das ist ein direkter Befehl von Königin Vasilisa an Sie, wie auch an mich!“ Beleidigt schloss ich meinen Mund wieder. „Ich erkläre es Ihnen!“, meinte Alberta und zeigte dabei auf meinen Dienstplan.„Ihr Plan erst recht flexibel und zwar in beide Richtungen! Wenn diese drei Frauen gemeinsam der Meinung sind, dass Sie mehr Arbeit verkraften, dann gebe ich Ihnen gerne mehr Stunden!“, sagte Alberta, dann lehnte sie sich jedoch vor und betrachtete mich mit einem drohenden Gesichtsausdruck. „Meint aber nur eine von denen, dass Sie überfordert oder sogar unkooperativ sind, dann, naja,... Ich hoffe Sie haben ein erfüllendes Hobby, denn arbeiten würden Sie dann nicht!“, drohte sie mir. „Das ist nicht fair!“, beschwerte ich mich sofort. Alberta verzog keine Miene. „So ist das Leben, Rose. Das sollten Sie eigentlich schon wissen!“ Schmollend verschränkte ich meine Arme vor der Brust. Das war nicht wirklich das, was ich mir erhofft hatte, schließlich war ich an die Akademie gekommen, um kleine Novizen auszubilden und nicht um eine Kur zu machen! Naja, ich wollte auch Lilly aufwachsen sehen, doch das hatte ja nichts hier mit zu tun. Dimitri legte mir beruhigend eine Hand auf meinen Oberschenkel. „Nimm es nicht so persönlich, Rose! Lissa macht sich einfach Sorgen um dich und wie Alberta gesagt hat, kann sich dein Dienstplan doch auch weiter füllen. Ich bin mir sicher, dass wenn du mit den Damen sprichst, du schnell mehr Stunden wirst machen dürfen!“, versuchte er mich aufzumuntern. „Hoffentlich!“, gab ich zurück. Das schien alles zu sein, was Alberta von uns wollte und ich hatte auch kein weiteres Thema zu besprechen, also erhob ich mich zusammen mit Dimitri. Als wir an der Tür waren, wollte Alberta uns aber doch noch etwas sagen: „Ach, bevor ich es vergesse. Rose, ich weiß, Sie waren eine verdammt gute Wächterin, aber ich weiß auch, dass Sie eine genauso schwierige Schülerin waren. Es wäre also sehr freundlich von Ihnen, wenn Sie sich jetzt als Lehrerin und Ausbilderin etwas benehmen würden, um die Schüler nicht zum Nacheifern zu motivieren!“ Sie warf mir einen mehr als strengen Blick zu. „Und was Ihre Tochter angeht, so bete ich doch inständig, dass sie genug Gene von ihrem Dad erhalten hat, damit sie nicht genauso eine Rebellin wird wie Sie, Rose! Im Klartext: Ich will weder von Ihnen, noch von Ihrer Tochter etwas Negatives hören, habe ich mich klar genug ausgedrückt?“ „Glasklar!“, erwiderte Dimitri an meiner Stelle und ich schloss mich dessen an. Auch ich wollte nicht schlecht auffallen und Lilly sollte das schon mal garnicht! Immer noch schmollend verließ ich an der Seite von Dimitri das Büro von Alberta und wir gingen zur Verwaltung, wo uns dann endlich gesagt wurde, welche Wohnung man uns zugeteilt hatte. Den ganzen Weg über dachte ich jedoch an diesen blöden Dienstplan und die noch blöderen Untersuchungen. Mir ging es mehr als gut! Redete ich mir selbst ein. Plötzlich spürte ich, wie mich Dimitri zurückhielt und zu sich umdrehte. „Sieh mich an, Rosa!“, forderte er leise, aber betont. Nur widerstrebend raffte ich mich aus meinem Selbstmitleid und meinem Zorn auf und sah ihm in die Augen. „Hör auf dir Gedanken darüber zu machen! Es wird nichts daran ändern, also nimm es hin, wie es ist und du wirst schnell Erfolge erzielen, da bin ich mir sicher!“, versuchte er mich zu ermutigen. Kurz dachte ich darüber nach und musterte ihn Stirnrunzelnd. Der Wächter machte einen so vollkommen ruhigen Eindruck, dass mir ein schrecklicher Verdacht kam. „Du wusstest davon?!“, rief ich empört aus und schlug ihm gegen die Brust, was ihn aber nicht zu stören schien, stattdessen fing er meine zurückschnellende Hand auf und zog mich daran zu sich in eine feste Umarmung. Sein Mund war ganz nahe an meinem Ohr, als er sprach: „Ja, Lissa hat mir davon erzählt und ich war mit ihr einer Meinung, dass du dich ausruhen musst, nicht nur körperlich, Rose!“ Enttäuschung machte sich in mir breit. Wie hatte er mir das nicht sagen können? Fragte ich mich, doch ich wusste die Antwort selbst: Er machte sich einfach große Sorgen um mich und deshalb verflog meine Enttäuschung und meine Wut wieder und ich drückte mich an seinen starken Körper. „Es ist nur nicht das, was ich mir vorgestellt hatte!“, gestand ich bitter. Liebevoll strich Dimitri mir über den Kopf. „Ich weiß, mein Schatz, aber wir haben so viel Zeit, da kann sich vieles ändern und vertrau mir: Am Ende wird es genauso sein, wie du es gedacht hattest, wenn nicht sogar besser!“ Hoffentlich, dachte ich nur. „Alles wieder gut?“, wollte er wissen, als wir uns von einander lösten. Ich nickte mit einem schwachen Lächeln. Es war okay, was die beiden getan hatten, denn es war ja nur zu meinem besten! Dennoch würde Lissa noch was zu hören bekommen, wenn ich sie nachher anrief! Nachdem wir bei der
Verwaltung der Schule waren, die uns die Schlüssel zu unserer neuen Wohnung gab, trennten Dimitri und ich uns fürs erste. Er wollte nach Lilly und Mia schauen und dann zu unserer Wohnung gehen und schon einmal ein wenig auspacken. Wir hatten uns dafür entschieden, dass Lilly fürs erste bei uns wohnen sollte, auch wenn sie natürlich die Möglichkeit hatte im Wohnheim bei den anderen zu schlafen, da wir aber als Familie noch recht kurz zusammen waren, wollten wir so viel Zeit wie möglich miteinander verbringen. Ich verabschiedete mich von Dimitri mit einem Kuss, als dieser in Richtung des Unterstufen-Gebäudes ging, wo sich vermutlich Lilly und Mia aufhielten, während ich zu der Trainingshalle ging, in der das Training für die Jäger sein sollte. Dort sollte man auf Lucian treffen können, hatte man mir gesagt. Der Moroi war schon seit einigen Wochen hier und hatte neben einigen Maßnahmen zur Sicherheit der Schule auch schon die ersten Erledigungen für die Ausbildung getätigt, während Dimitri, Lilly und ich Urlaub gemacht hatten. Unter anderem hatte Lucian einige Bekannte rekrutiert uns bei der Ausbildung der Jäger zu helfen, da die Gruppe der Teilnehmer, die an diesem Training teilnehmen sollten, mit vierzig Personen zu groß war, um nur von Lucian, Dimitri und mir unterrichtet zu werden. Ich war schon gespannt, für wen sich Lucian entschieden hatte. Wahrscheinlich würde es noch einige Probleme mit Alberta und der Schulleitung geben, denn viele von Lucians Freunden waren von zweifelhafter Natur... Bei diesem Stichwort fiel mir wieder ein, dass ich ja versprochen hatte Lissa anzurufen, wenn ich angekommen war und so zückte ich sogleich mein Smartphone und wählte die Nummer der Königin. Es brauchte nicht einmal richtig zu Klingeln, schon war Lissa am Apparat. „Du rufst aber spät an! Das Flugzeug ist schon lange gelandet!“, erklang ihre vorwurfsvolle Stimme durch das Gerät an meinem Ohr. „Ja, tut mir leid, aber ich musste noch einen kleinen medizinischen Eingriff vornehmen!“, meinte ich zuckersüß. „Wieso denn das? Ist alles in Ordnung?“, fragte Lissa besorgt. „Och, nichts weiter, Liss. Ich musste mir lediglich das Messer aus dem Rücken ziehen, als ich bei Alberta war, sonst geht's mir gut“, sagte ich nur gelassen. Stille. „Rose, du weißt doch, dass es nur zum deinem besten ist, oder?“, fragte sie kleinlaut. Es tat richtig gut, sie so betrübt zu hören. Es tat ihr also leid, dass sie mich so hintergangen hatte! „Jetzt weiß ich es schon, aber es wäre nett gewesen, wenn ich es vorher von dir erfahren hätte, als so vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden. Und dass Dimitri eingeweiht war, macht es nicht gerade besser, Liss!“, sprach ich streng und ich hörte, wie Lissa am anderen Ende der Leitung seufzte. „Ach, Rose, was hätte ich denn deiner Meinung nach machen sollen? Du hältst dich doch an keine Absprachen, wenn diese gegen dich sind und so fand ich es besser, dass gleich mit Alberta zu besprechen.“ Ja, das hatte ich zu spüren bekommen, dachte ich mir im Stillen, doch meine Wut auf meine Freundin verflog so schnell wie sie gekommen war. „Ich weiß, ihr macht euch nur Sorgen um mich und wollt mir helfen, aber bitte keine Überraschungen solcher Art, okay?“, schlug ich ihr vor. Lissas Stimme wurde wieder gelassener. „Okay, aber du schonst dich bis die Damen der Meinung sind, dass du mehr leisten kannst, ja?“, verlangte sie im Gegenzug. Ich grübelte noch etwas, aber mir bleib ja sowieso nichts anderes übrig. „Okay, Liss!“, antwortete ich ihr und ich merkte, wie sie erleichtert und zufrieden ausatmete. Wir wünschten uns noch einen schönen Tag und ich versprach ihr morgen wieder anzurufen, dann legten wir auf und ich setzte meinen Weg zur Halle weiter.

Ich erreichte die neu gebaute Trainingsstätte, in der die Jäger exklusiv unter sich sein sollten. Sie war zwar etwas kleiner als die Halle der Wächter, aber genauso gut ausgestattet! Ich musste nicht lange nach Lucian suchen, denn der Moroi stand wie versteinert in der Halle und starrte auf eine Wand, wo ein Schild von dem Fluchtweg hing. Irgendetwas schien ihn daran zu stören. „Alles okay?“, fragte ich ihn, als ich mich von hinten näherte. „Nein, etwas stimmt hier nicht!“, sagte er ohne sich umzudrehen und schaute weiterhin auf den grünumrandeten Plan. Ich sah diesen genauer an, die eine Seite hing deutlich tiefer als die andere. „Könnte es vielleicht daran liegen, dass er schief ist?“, wagte ich zu fragen. „Also ich bitte dich, Rose! Der ist doch nicht schief!“, meinte Lucian sicher, bevor er erst den Kopf nach links und dann nach rechts neigte. „Also ich bin mir ziemlich sicher, dass er es nicht ist...“, ,milderte er seine vorherige Aussage etwas ab. Kopf schüttelnd ging ich an ihm vorbei zum Plan und rückte diesen gerade, dann drehte ich mich um und sah Lucian direkt an. „So besser?“ Überlegend strich sich der Moroi über seinen Bart. „Hmmm, er ist jetzt zwar immer noch gerade, aber auf eine Art, die mir gefällt. Danke, Rose, gut dass du hier bist!“, sagte er gedankenverloren. Plötzlich blinzelte er, als hätte er einen Gedanken erhalten. Sein Blick wanderte zu mir und ich lächelte ihn freudig an. Vorsichtig kam er auf mich zu. Sein Finger hob sich und pickte mir in die Wange, als wolle er testen, ob ich wahrhaftig vor ihm stehe. Als er mich berührte und merkte, dass ich keine Erscheinung war, zuckte er zurück und sah mich staunend an. „Rose!“ „Lucian!“ „Du bist ja hier!“, bemerkte er. „In der Tat!“, gab ich grinsend zurück und rieb mir die Hände. „Du weißt ja, was das bedeutet!“, sagte ich nur und bevor er seinen Mund zum Protest öffnen konnte, hatte ich ihn schon umarmt. Wie immer versteifte sich sein ganzer Körper wie ein Brett. „Hab dich vermisst!“, gestand ich ihm, während ich mich ungeniert an ihn drückte. „Äh...ja, ich dich natürlich auch!“, sagte er zurückhaltend und tätschelte mir unbeholfen den Rücken. Zu seiner Erleichterung ließ ich ihn los und wir lächelten uns beide an. „Wie geht's euch?“, erkundigte sich der Moroi. „Och, ganz gut“, antworte ich nur. Sofort veränderte sich Lucians Miene, denn er spürte, dass es nicht ganz die Wahrheit war und so erzählte ich ihm von der Sache mit meinem Dienstplan und dass ich keine vollwertigen Dienst schieben durfte. Auch Lucian schien nicht wirklich zu verstehen, warum man mir das antat. „Also ich kann ja nachvollziehen, dass du dich erholen sollst, aber ist das nicht doch etwas übertrieben?“, meinte er und ich nickte heftig zur Zustimmung. Lucian war derjenige, der mich aus der Welt der stetig-sabbernden in die der stetig-sabbelnden gebracht hatte. Wir hatten einige Jahre viel zusammen erlebt und er wusste gut, was ich verkraftete und was nicht. Seiner Meinung nach half es auch nicht viel, wenn man sich seinen Problemen nicht stellte, denn nur wenn man ab und zu an seine Grenzen ging, wusste man auch wo diese waren und konnte diese dann verändern. Hielt man sich zu sehr zurück, dann konnte man irgendwann in eine Situation kommen, in der man sich und seine Kräfte überschätzte und das war seiner Meinung nach gefährlicher als sich ab und zu mal zu sehr anzustrengen. Aber wie es aussah, hatten weder er noch ich großen Einfluss darauf, wie man mit mir und meinen Konstitution umgehen sollte.

Weil ich mich nicht noch mehr aufregen wollte über diese Thema, wechselte ich es und fragte Lucian, was er schon alles hier getan hatte und war erstaunt, als er mir es erzählte. „Och, so viel war das noch gar nicht!“, meinte er schüchtern. „Ich habe das komplette Gelände mit einem Draht aus einer Silberlegierung im Boden umgeben, der die Schutzzauber speichert und fokussiert, dann habe ich bei dem Bau einiger Kilometer Zäune geholfen, habe mir schon einmal die Akten unserer künftigen Schüler angesehen, die Halle hier hergerichtet und erwarte in den nächsten Tagen die Ankunft unserer Helfershelfer“, meinte er. „Du warst ja ein ganz schön fauler Sack!“, zog ich den Workaholic auf. Lucian winkte nur ab. „Wir haben ja noch ein paar Tage Zeit“, sagte er, womit er ja auch Recht hatte. „Komm, lass uns zu Dimitri und Lilly gehen, dann können wir gemeinsam was essen!“, schlug ich vor und hakte mich bei dem Moroi unter. Wir machten uns auf den Weg zu der Adresse, die mir die Verwaltung für unsere Wohnung genannt hatte. „Sag mal ist eigentlich Herr Flatterich mitgekommen?“, wollte Lucian auf einmal wissen. Ich nickte, Lilly ging selten ohne den Stoff-Pinguin irgendwohin. „Jupp, der ist mit von der Partie!“, antwortete ich. „Wieso?“ „Ach, dieser Teufelskerl schuldet mit noch eine Revanche beim Kartenspielen, da hat er mich vor ein paar Wochen bis aufs Hemd ausgezogen!“, sprach Lucian verärgert. Sprachlos sah ich den Moroi an, der in dieser beschämenden Erinnerung vertieft zu sein schien. Klar, dachte ich, Pinguin waren ja auch weithin für ihr Pokerface bekannt!

Angestrengt wich ich dem schnellen Hieb aus und schlug meinerseits zu, doch Lucian war schon wieder woanders, sodass mein Schlag ins Leere ging. Sofort schnellte ich wieder zurück und ging etwas auf Abstand, um wieder zu Atem zu kommen. Es tat immer gut mit Lucian zu kämpfen, dachte ich grimmig. Der unscheinbare Moroi war eine gewaltige Herausforderung und mir mehr als ebenbürtig. Vor allem wenn man so wütend war wie ich, war es gut, wenn man seine Frust ablassen konnte und gleichzeitig auf andere Gedanken kam. Wieder machte ich einen Satz nach vorne, setzte eine Finte zu seinem Kopf an und tat gleichzeitig nach seinem Bein, doch mein Tritt wurde abgefangen und ich war kurz davor das Gleichgewicht zu verlieren, deshalb machte ich einen Satz nach rechts, ließ mich zu Boden gleiten, drehte mich auf meinem rechten Knie und schlug nach Lucians Knie, welches jetzt fast auf Augenhöhe war. Der Moroi sprang über mich hinweg und wäre fast in meinem Rücken gelandet, eine perfekte Position für einen Überraschungsangriff, doch ich rollte mich nach vorne ab und kam gerade rechtzeitig hoch, um die Attacke des Morois abzublocken. Wieder lösten wir uns für eine Zeit von einander und umkreisten uns lauernd. Trotz dieser Anstrengung spürte ich noch den Zorn und die Enttäuschung über den heutigen Morgen. Nachdem wir gestern hier an der Akademie angekommen waren und ich herausfinden musste, dass Lissa und Dimitri hinter meinem Rücken dafür gesorgt hatten, das ich kaum Stunden auf meinem Dienstplan hatte, war ich heute Morgen aufgewacht mit der Hoffnung diesen Umstand schnell zu ändern. Zu dritt hatten wir gefrühstückt, bevor wir Lilly zur Vorschule gebracht hatten, denn sie hatte noch gut zwei Wochen, bevor die eigentliche Schule für sie anfangen würde. Aber so lernte sie schon einmal die anderen Kinder in ihrem Alter kennen und das war gut so! Also waren Dimitri und ich gemeinsam etwas trainieren gegangen, bevor er auch schon zur Arbeit gemusst hatte. Alberta hatte nicht übertrieben damit, dass sie und die Wächter total ausgelastet waren, wenn sie uns nicht einmal einen freien Tag hatte gönnen können. Umso mehr schmerzte mich die Tatsache, dass ich die ganze Woche nichts zu tun haben würde, denn meine Arbeit würde erst beginnen, wenn nächste Woche die Ausbildung der Jäger anfangen würde. Bis dahin hatte ich keine Wächterdienste zu verrichten, was mich sehr grämte. Als ich dann auch noch bei den drei Grazien vorstellig geworden war, die darüber entschieden wie viele Stunden ich arbeiten durfte, war der Tag schon sehr früh sehr enttäuschend geworden. Erst war ich bei Dr. Olendzki gewesen, einer Ärztin, die ich aus meiner Schulzeit gut kannte, da ich ein häufiger Gast auf ihrer Krankenstation gewesen war. Damals hatte ich gedacht, dass uns eine tiefe Zuneigung verbunden hatte, die sich aber mit meiner Abstinenz zerfasert haben musste, denn nachdem ich einen gründlichen Gesundheits- und Fitnesscheck absolviert hatte, erfolgreich möchte ich meinen, sah mich die in die Jahre gekommene Moroi nur verschnupft an und sagte mir, dass sie bereits Untersuchungsunterlagen von ihrer Kollegin vom Königshof erhalten habe, in denen gewisse Probleme mit Drogen und Alkohol und eine Schlafstörung erwähnt würden. Als ich ihr daraufhin versucht zu erklären hatte, dass das alles nicht mehr zu traf, hatte sie nur gemeint, dass ich die fachliche Diagnose ruhig ihr überlassen könne und sie alle zwei Wochen Bluttests bei mir machen würde, damit sie auch sicher war, dass ich keine Drogen und nicht mehr allzu viel Alkohol zu mir nahm. Danach war sie darauf zu sprechen gekommen, dass ich immer noch deutliche Anzeichen von Übermüdung zeigen würde und dass sie nicht glaube, dass ich so schnell wieder als Wächterin arbeiten könne. Tja, ich hatte nicht viel dazu gesagt, denn alles was mir durch den Kopf geschossen war, hätte mich nur tiefer in den Mist hinein geritten und ich wollte unbedingt als Wächterin arbeiten und nicht meine Frührente genießen! Also hatte ich meinen Unmut herunter geschluckt und war zu der Therapeutin gegangen, die ich ebenfalls schon kannte. Deirdre hatte mit mir einige Stunden abgehandelt, als herausgekommen war, dass ich Geister sah, das war kurz nach Masons Tod geschehen und ich hatte eine lange Zeit gedacht, dass ich verrückt werden würde. Dass ich tatsächlich Geister gesehen hatte, die mich vor dem Angriff der Strigoi auf die Akademie hatten warnen wollen, war erst später herausgekommen. Auch das Gespräch hätte besser laufen können, denn auch die junge Moroi, die noch immer so aussah, als wäre sie nicht viel älter als ich, hatte gleich erzählt, dass sie ebenfalls Unterlagen vom Königshof erhalten habe. Als sie das gesagt hatte, hätte ich am liebsten laut aufgeschrien und mir die Haare gerauft. Ich konnte mir schon denken, was dort in den Papieren stand, die sie hielt. Sicherlich hatte die Therapeutin vom Königshof, zu der ich gegangen war, weil Lissa mich damals gezwungen hatte, nicht viel Gutes über mich erzählt. Vor allem das Wort unkooperativ würde den Text prägen und ich verfluchte stumm das Schicksal, welches sich sicherlich gerade darüber schlapp lachte, dass diese Geschichte mit den Therapeuten nun wie ein Bumerang zu mir zurückkam und mir direkt ins Gesicht klatschte. Auch Deirdre hatte nichts von einer Stundenerhöhung hören wollen. „Sehen wir erst einmal, wie Sie mit mir arbeiten!“, hatte sie ruhig gesagt, doch ich hatte die unterschwellige Drohung schon verstanden. Wenn ich nicht kooperativer sein würde, würde es ganz duster für mich aussehen. Niedergeschlagen hatte ich mich daraufhin zu dem kleinen Häuschen geschleppt, welches am Rande des Waldes stand, der das Gelände der Akademie umgab. Schon von weitem hatte ich gesehen, dass dort nur Sonya Karp wohnen konnte, denn vor dem schönen Haus war ein riesiger Garten angelegt worden, in dem bereits unzählige hübsche Blumen am Blühen waren. Ich war den Kiesweg durch die Beete zur Tür gegangen und hatte an die Holztür geklopft. Kurz darauf wurde die Tür geöffnet und ich schaute in das bekannte Gesicht eines männlichen Wächters mit braun-grauem Haar. Milde braune Augen sahen mich an und die Tür wurde ganz aufgemacht. „Ah, Rose, ich hatte schon gehört, dass du vorbei kommen wolltest!“, begrüßte mich der Mann und hielt mir die Hand hin, die ich freudig ergriff und schüttelte. „Hallo, Mikhail. Wie geht es dir?“, fragte ich den Wächter. Der grinste und bedeutete mir hinein zu kommen. „Bestens, danke der Nachfrage!“, antwortete er und als wir drinnen waren, folgte ich ihm durch einen hübsch eingerichteten Flur in den hinteren Teil des Hauses. „Wie es dir geht, brauche ich wohl nicht zu fragen, schließlich sind...deine Aktivitäten...in aller Munde“, meinte er und führte mich in einen Anbau. Es war ein gläserner Wintergarten, der die komplette Rückseite der Hütte verlängerte. Dort drinnen waren weitere unzählige Blumen und dazwischen eine zarte Moroi-Frau, Sonya Karp. Mikhail war einst der Wächter der Moroi gewesen, die eine Geistmagie-Nutzerin war. Doch sie hatte dem psychischen Druck dieser Magie nicht standhalten können und hatte sich freiwillig in einen Strigoi verwandelt. Vor einigen Jahren hatten Dimitri und ich sie mit der Hilfe von Victor Dashkov und dessen Halbbruder Robert Doru zurückverwandelt, damit sie uns sagen konnte, wer Lissas Halbschwester war, die wir damals gesucht hatten. Die Moroi hatte uns dann zu Jillian geführt und war uns sehr dankbar über ihre Rettung gewesen. Mikhail, mit dem sie eine Beziehung gehabt hatte, hatte sie vor einigen Jahren dann zur Frau genommen und war mit ihr hier an die Akademie zurückgekehrt, damit Sonya wieder als Lehrerin arbeiten konnte. „Wie geht es ihr?“, fragte ich leise. Ich hatte Mrs. Karp lange nicht mehr gesehen und sie war schon immer eine eher wankelmütige Person gewesen. Zwar war sie immer nett und hilfsbereit, doch man hatte ihr deutlich die Strapazen der Geistmagie angemerkt. Mikhail blickte liebevoll zu seiner Frau, die im Wintergarten kniete und gerade eine Blume umtopfte. „Es geht ihr gut, glaube ich. Sie hat das Trauma ihrer Zeit als Strigoi einigermaßen bewältigt und hinter sich gelassen. Auch die Geistmagie macht ihr nicht mehr so viel zu schaffen, seitdem sie auf sich achtet“, sagte er. „Das klingt ja wundervoll für euch!“, sprach ich und drückte kurz den Arm des Wächters, der mich dankbar ansah. „Ja, wir sind glücklich darüber, dass wir wieder zusammen sind und das jeden Tag!“ Ja, das glaubte ich ihm sofort! Mikhail Gesicht wurde wieder lockerer. „Komm! Gehen wir zu ihr!“, meinte er und wir betraten den Wintergarten. Sonya freute sich sehr, als sie mich sah und umarmte mich fest. Sie wirkte etwas ruhiger und gefasster, was mir sehr gefiel. Es schien der Moroi wirklich gut zu gehen und so setzten wir uns zu zweit auf Stühle in den Wintergarten, betrachteten die bunten Blüten und tranken Tee, den Mikhail uns servierte. Anders als bei den anderen beiden Frauen, bei denen ich war, war Sonya weniger darauf fixiert mir helfen zu wollen. Sie musterte mich nur neugierig und ich konnte mir vorstellen, wie sie mir ihrer Aurasicht meinen Geist betrachtete. „Ein Wunderwerk von Magie, Rose. Das sollte dir bewusst sein!“, sagte sie dann und nahm einen Schluck aus ihrer Tasse. „Ja, ich weiß und ich bin auch sehr froh darüber!“, gab ich zurück. Sonya nickte. „Ich wüsste nicht einmal, wie ich so etwas“, sie deutete knapp zu mir. „Hinbekommen sollte. Dass es dieser junge Moroi hingekriegt , ist wirklich erstaunlich!“, rief sie. Ich zögerte etwas, doch dann musste ich einfach fragen: „Haben Sie Lucian noch nicht kennen gelernt?“ Die Moroi schüttelte traurig den Kopf. „Leider nein, obwohl ich mich darum bemüht hatte, doch es scheint, dass er mich nicht treffen wolle, denn er weicht mir aus und antwortet auch nicht auf die Nachrichten, die ich ihm
habe zukommen lassen.“ Ich runzelte die Stirn über dieses Verhalten von Lucian. Klar, er lernte ungern neue Leute kennen, doch da Sonya wie er eine Geistmagie-Nutzerin war, hatte ich gedacht, würde er sich gerne mit ihr austauschen wollen. „Ich werde mal mit ihm reden, wenn Sie es wollen!“, bot ich meine Hilfe an und Sonya nickte entzückt. „Das wäre toll, Rose! Sie würden mir einen großen Gefallen damit tun!“ Ich lächelte verlegen und trank weiter meinen Tee. Eine Zeit lang schwiegen wir und gingen unseren eigenen Gedanken nach, bis Sonya die Stille beendete. „Es tut mir leid, was Ihnen passiert ist, Rose. Ich kann mir nicht einmal ansatzweise vorstellen, was Sie erleiden mussten. Aber Sie wieder munter und gesund zu sehen, erfüllt mich mit großer Freude und ich möchte Ihnen gerne helfen, dass Sie dieses grausige Ereignis hinter sich lassen können!“, versprach sie mir und griff nach meiner Hand. Da ich links von ihr saß, war es mein rechter Arm, auf den sie ihre schlanke Hand legte. Mein Arm aus Silber. „Sie werden nie wieder diejenige sein, die Sie einst waren, Rose, aber ich verspreche Ihnen, dass Sie wieder Sie selbst werden!“ Ich nickte nur und sah in meine Tasse. Danach hatte mir Sonya noch ein paar Sachen erzählt, meist belangloses Zeug von der Schule oder so und dennoch war ich froh darüber. Irgendwie füllte es sich normal an, wie die Moroi mit mir umging und das tat verdammt gut! Bald darauf hatte ich mich von dem Ehepaar verabschiedet und hatte mich auf die Suche nach Lucian gemacht, der nun mit mir trainierte. „Mach dir keinen Kopf darum, Rose! Es wird schon wieder werden!“, meinte dieser, als wir eine Pause von unserem anstrengenden Kampf machten. „Ich weiß nicht, Lucian. Irgendwie fühlt es sich nicht so an“, gestand ich geknickt, denn ich war mit weit größeren Erwartungen an die Akademie zurückgekehrt und ich war nicht für meine Zurückhaltung bekannt! So ins Grübeln geraten, bemerkte ich die drei jungen Dhampire erst spät, die am Rande der Halle standen und tuschelten, wobei sie immer wieder zu mir und Lucian herüber sahen. Irgendwann dann fassten sie sich ein Herz und schlenderten fast wie zufällig an uns vorbei. Es waren drei Jungen, die um die sechzehn sein müssten, also war ihr Abschluss zum Wächter in greifbarer Nähe. „Sie ist es wirklich!“, flüsterte einer von ihnen begeistert seinen Freunden zu. „Ich seh's, du Spinner. Schrei hier nur nicht so rum!“, gab ein anderer zurück. „Kann ich euch helfen?“, fragte ich, als mir dieses Getue doch etwas zu lästig wurde. Schlagartig verstummten die drei und sahen mich mit riesigen Augen an. Ich wedelte mit der Hand, dass sie ruhig näher kommen konnten, was die drei auch taten. „Wow, sie sind Rose Hathaway!“, sagte einer von ihnen dann ehrfurchtsvoll zu mir. Ich lachte. „So zu mindestens hat man es mir gesagt!“, antwortete ich. „Stimmt es, dass Sie schon mit siebzehn zwei Strigoi getötet haben?“, wollte einer der Jungs wissen. Ich nickte. „Ja, das stimmt, aber ich hatte Hilfe und ein guter Freund musste vorher sterben, damit ich die Gelegenheit dazu hatte“, sprach ich ernst. Jetzt, wo das alles Jahre hinter mir lag, hatte ich einen anderen Blick auf diese Geschichte und ich hätte gerne auf den Ruhm und die Erfahrung verzichtet zwei Strigoi getötet zu haben, wenn dafür Mason noch unter uns weilen würde. Ich vermisste den lustigen Dhampir mit den roten Locken und den Sommersprossen im Gesicht, der mich stets hatte aufheitern können. „Könnten Sie uns vielleicht ein paar Sachen zeigen?“, fragte einer von ihnen. Ich überlegte kurz und sah dann zu Lucian, der mit den Schultern zuckte. Ihm war es egal, also stand ich auf. „Gerne, wenn ihr wollt!“, meinte ich und die drei sprangen vor Freude in die Luft. „Yeah, wir trainieren mit Rose Hathaway, Leute!“, schrie einer und ich musste lachen, denn ich konnte deren Aufregung um meine Person nicht wirklich nachvollziehen. „Was habt ihr drei denn geschluckt, dass ihr so drauf seid?“, wollte ich wissen. Die drei sahen mich ungläubig an. „Sie sind die Wächterin, Ma‘am! Wir kennen alle ihre Geschichten, wie sie mit Königin Vasilisa weggelaufen sind, gegen den fiesen Victor Dashkov gekämpft haben und den Angriff auf die Akademie abgewehrt haben! Sie werden sogar in unserem Wächterunterricht erwähnt!“ Wow, diese Aussage war in vielen Punkten total krass für mich! Nie hätte ich gedacht, dass mal irgendwann Novizen ausflippen würden, wenn sie mich sahen, so wie wir es damals getan hatten, als Dimitri noch unser Lehrer gewesen war. „Erstens: Nennt ihr mich noch einmal Ma‘am, dann zieh ich euch das Fell über die Ohren! Ich sehe ja wohl nicht so alt aus, dass man mich so bezeichnen muss! Und zweitens bin ich mir sicher, dass eure Lehrer nicht nur im positiven über mich reden!“ Da war ich mir absolut sicher, denn ich war nicht gerade eine leichte Schülerin gewesen. „Also, Ihre Methoden werden durchaus gewürdigt und als beispiellos bezeichnet, Ma...Wächterin Hathaway und Sie sehen wirklich heiß aus!“, gestand mir einer der Jungs. Ich zog nur die Augenbraue hoch und die anderen beiden schlugen ihrem Freund auf den Hinterkopf für seine Aussage. „Idioi, sie ist mit Wächter Belikov liiert, willst du, dass der uns den Arsch aufreißt, weil du seine Freundin anmachst?“ „Schon gut, Jungs. Ich weiß ja, dass er es nett gemeint hat!“, ging ich dazwischen. „Na kommt, ich sollte euch ja ein bisschen was zeigen!“, erinnerte ich sie und stellte mich vor Lucian auf, der mein Partner sein sollte. Etwa eine Stunde lang übte ich mit den drei Novizen einige Manöver, von denen sie mir versicherten, dass sie alle durchweg megakrass und voll die Härte waren. Dann endlich mussten die drei los zum Unterricht und Lucian und ich konnten uns verkrümeln. „Jetzt bist du schon ein Idol für die jungen Kids von heute“, stellte Lucian fest und grinste mich an. Das Grinsen wischte ich ihm mit einem harten Stupser gegen den Oberarm sogleich weg, aber ich musste auch grinsen. Das würde mir sicherlich niemand glauben, wenn ich erzählte, dass ich jetzt ein Vorbild war!

Nachdem ich geduscht und mich umgezogen hatte, war es auch schon an der Zeit Lilly abzuholen und so machte ich mich auf dem Weg zum Unterstufentrakt. Von weitem sah ich schon eine Gruppe von kleinen Knirpsen, die sich um eine Moroi-Lehrerin versammelt hatten und dieser gebannt lauschten. Anscheinend waren sie gerade mit ihrem Rundgang über das Gelände fertig und nun verabschiedeten sie sich von einander. Da ich die Lehrerin nicht unterbrechen wollte, blieb ich in einer gewissen Entfernung stehen und sah ihnen zu. „Also, Kinder, das war es dann auch schon mit eurem heutigen Schultag! Aber, vergesst nicht: Morgen sehen wir uns wieder und dann beginnen wir schon mit dem ersten Unterricht, der euch auf die Schule vorbereiten soll!“, sagte die Frau. „Ich wünsche euch noch einen schönen Tag und bis morgen!“, verabschiedete sie sich. Nun konnte ich wohl herantreten und das tat ich auch. Sofort wurde ich von Lilly entdeckt, die mir freudig entgegen lief. „Mum!“, rief sie und sprang mir in die Arme. „Hey, mein Schatz!“, begrüßte ich sie und gab ihr einen Kuss. Danach bemerkte ich erst, dass wir beide von den anderen Kindern komisch angeguckt wurden und es dauerte bis mir einfiel, dass Elternbesuche hier mehr als selten waren. Eigentlich alle Schüler, die hier lebten, sahen ihre Eltern wenn überhaupt in den Ferien oder manchmal an einem Wochenende, wenn die Eltern viel Geld hatten, aber das eine Mutter vorbei kam, um ihr Kind abzuholen, war hier bestimmt noch nie vorgekommen. „Hey, Leute! Ich bin Lillys Mum!“, stellte ich mich vor und winkte den anderen zu. „Ich hab euch doch gesagt, dass meine Mum eine Wächterin ist!“, sagte Lilly und streckte einem anderen Mädchen die Zunge heraus. Wie es aussah, hatte sie gleich Anschluss gefunden, bemerkte ich. „Sie haben mir nämlich nicht geglaubt, dass du und Dad hier an der Schule Wächter seid!“, erklärte sie mir ihr Verhalten. Ich schüttelte nur den Kopf und ließ sie wieder zu Boden. „Komm lass uns gehen! Dad müsste auch bald wieder zu Hause sein“, meinte ich. „Okay!“, gab Lilly zurück und winkte noch schnell sich der auflösenden Gruppe von Kindern zu. „Tschüss Mandy, Tschüss Max! Wir sehen uns dann morgen!“, schrie sie zwei Kindern zu, die daraufhin zurück winkten. Auf dem Weg zu unserer Wohnung fragte ich die Kleine, wie ihr Tag war. „Er war bombastisch, Mum! Mrs. Nancy hat uns das ganze Gelände gezeigt! Ein bisschen was kannst ich ja schon von Tante Mia, aber es war so cool die ganzen Trainingsorte zu sehen, wo ich später den Kampf gegen Strigoi üben werde!“, brachte sie aufgeregt vor. Ich lachte. „Ja, es ist schon ziemlich eindrucksvoll hier, nicht wahr?“ Lilly nickte zustimmend. Als wir nach Hause kamen, wartete bereits Dimitri auf uns, der uns mit einem selbst gemachten Essen begrüßte. Nachdem wir fertig waren und Lilly auch ihm berichtet hatte, was sie heute alles schon erlebt hatte, flitzte der Zwerg ab in ihr Zimmer, um mit Herrn Flatterich zu spielen, sodass Dimitri und ich etwas Zeit für uns hatten. Ich ließ mich auf dem Sofa in seine starken Arme sinken und drückte mich an ihn. „Und wie war es bei dir, Rose? Warst du bei den Damen?“, fragte er mich neugierig. Ich verzog das Gesicht, als ich mich wieder an diese drei Gespräche erinnerte, von denen zwei bei weitem nicht so gut verlaufen waren, wie ich gehofft hatte. „Um die Wahrheit zu sagen, war es nicht so toll, auf jeden Fall nicht bei Dr. Olendzki und Deirdre. Die beiden Frauen waren nicht davon begeistert, wie ich mich bis jetzt gegen über Ärzten verhalten habe und die beiden verlangen drastische Besserung von mir!“, Gestand ich traurig. Dimitris Hand fuhr über mein Gesicht und strich eine verirrte Strähne meines Haares sanft hinter mein Ohr. „Na, na, Rose. Lass dich davon nicht so unterkriegen, ja? Es ist dein erster Tag hier und es werden noch viele folgen, in denen du beweisen kannst, was du alles drauf hast!“, munterte er mich auf und ich lächelte ihn dankbar an. Es tat gut zu wissen, dass er an mich glaubte! „Bei Sonya lief es besser. Sie hat gesagt, dass sie mir helfen will!“, erzählte ich und Dimitri blickte neugierig in die Luft. „Ich sollte auch mal Sonya und Mikhail besuchen!“, meinte er und ich nickte. Er und Sonya waren bisher die beiden einzigen bekannten Personen, die man von den Strigoi wieder zurückverwandelt hatte. Auf beiden hatte die Verbrechen, die sie als Strigoi begangen hatten, schwer auf der Seele gelastet und sicherlich würde es beiden gut tun darüber zu reden. „Ja, ich denke darüber würde sie sich sehr freuen!“, stimmte ich zu und kuschelte mich wieder an Dimitri, der mich eng an sich zog. So saßen wir eine ganze Weile bis Lilly wieder ins Wohnzimmer geschossen kam, weil sie Fernsehen wollte. Schnell krabbelte der Knirps zu uns aufs Sofa, während ich nach der Fernbedienung griff und die Flimmerkiste anschaltete. „Irgendetwas mit Pinguinen!“, verlangte Lilly und tatsächlich fanden wir nach kurzem Zappen eine Dokumentation über die schwarz-weißen, flugunfähigen Vögel.

Kapitel 4

Am nächsten Montagmorgen, Trainingshalle der Jäger an der St. Vladimir Akademie

Endlich war es so weit und die trübe Tristesse von Untätigkeit und Langeweile hatte für mich ein Ende, denn die Ausbildung der Jäger begann jetzt! Alle hatten sich in der Halle versammelt und es waren sehr viele Leute, die nun hier standen und zu der kleinen Gruppe schauten, welche die Lehrer und Ausbilder stellen würden. Am letzten Wochenende waren die Teilnehmer vom Königshof gekommen, unter denen neben vielen bekannten Gesichtern von dem dortigen Training zwei meiner Freunde waren: Christian und Eddie. Dass Christian an dem Training teilnehmen würde, hatte ich schon gewusst, doch die Anwesenheit des Dhampirs, der eigentlich Jillians Wächterteam angehört hatte, hatte mich zuerst überrascht. Doch als ich Mia unter den Rekruten entdeckt hatte, konnte ich mir zusammen reimen, warum der Dhampir seiner Freundin nachgeeifert hatte und nun ebenfalls hier stand. Ich für meinen Fall freute mich meinen Kumpel wiederzusehen und Eddie würde eine große Bereicherung für die Jäger sein, die bisher aus zweifelhaften Material bestand. Ließ man die Moroi außer Acht, die sowieso nicht viel Kampferfahrung hatten und betrachtete nur die anwesenden Dhampire, alles Wächter, war ich doch etwas enttäuscht. Klar, es waren alles ausgebildete Kämpfer, doch die eine Hälfte bestand aus unter zwanzigjährigen Grünschnäbeln, während die andere Hälfte grauhaarige Knacker waren, wenn man es mal grob ausdrücken wollte. Alle Wächter hatten sich bewerben müssen und diese Bewerbungen waren erst über den Wächterrat gegangen, der die qualifiziertesten Kandidaten dann weitergereicht hatte. Ich war mir sicher, dass der Wächterrat diese Auswahl mit Absicht getroffen hatte, um nicht gutes Wächtermaterial zu verschwenden und das ärgerte mich ungemein. Schließlich hatte der oberste Wächter, der Vorsitzende des Wächterrats, mir noch vor wenigen Wochen erklärt, dass er die Jäger mit allen verfügbaren Mitteln unterstützen würde. Anscheinend hatte dieses Versprechen nicht lange gehalten oder der Wächterrat zerrte von so geringen Ressourcen, dass man uns nicht einmal eine Handvoll Wächter in ihren besten Jahren zugestehen konnte. Naja, ich würde mit dem arbeiten müssen, was mit zur Verfügung stand und ich würde das Beste aus jedem einzelnen hier heraus holen! Es waren fünfzehn Dhampire und fünfundzwanzig Moroi, die sich für die Ausbildung zum Jäger eingeschrieben hatten. Vor allem die hohe Anzahl an Moroi freute mich, denn es zeigte, dass die Kalkleisten durchaus daran interessiert waren für ihr eigenes Leben und das Wohl anderer zu kämpfen, was in der Vergangenheit nicht oft vorgekommen war. Wirklich interessant wurde es aber, wenn man sich die Gruppe an Ausbilder ansah, die hier bei mir stand. Neben mir, Dimitri und Lucian, die alle für sich ja schon hochkarätige Klunker waren, gab es weitere Lehrer, die alle aus Lucians Bekanntenkreis kamen. Sicherlich würde es noch einiges an Ärger mit Hauptmann Petrov und Direktorin Kirova geben, denn es war eine...besondere...Mischung aus Leuten hier! Allen voran war ein Paar, welches uns einem großen Dhampir und einer zierlich wirkenden Moroi bestand. Diese beiden kannte ich persönlich, denn Lucian und ich hatten uns des Öfteren mit den beiden getroffen, als wir noch für die CIA gearbeitet hatten. Der große und massige Dhampir, der sicherlich an die zwei Meter groß war und mindestens hundertzwanzig Kilogramm pure Muskeln auf die Waage brachte, wurde von allen Bulls genannt. Seine Frau, die kleine und schlanke Moroi mit den purpurroten Haaren, die sich seidenglatt an ihrem feinen, bleichen Gesicht entlang wandten, hieß Becca und war eine talentierte Wassermagie-Nutzerin. Zusammen jagten die beiden schon seit Jahren Strigoi und waren deshalb ein wertvoller Gewinn für uns. Sie würden der Gruppe zeigen, wie man als Moroi und Dhampir am besten zusammen arbeitete, wenn man gegen einen Strigoi kämpfte. Als nächstes kamen wir zu zwei Dhampiren, einem älteren Herrn und einer jungen Frau. Den Mann kannte ich vom Hörensagen, denn Lucian hatte mir mal erzählt, dass er bei der Suche nach mir damals vor sechs Jahren geholfen hatte. Er war vier Jahre nach seinem Abschluss zum Wächter vom Dienst zurückgetreten und hatte sich seitdem durch einige Dienste bei der amerikanischen Regierung gearbeitet. Momentan war er ein hochrangiger FBI-Agent und hatte schon so manchen Fall erfolgreich abgeschlossen. Nach Lucian war er ein geborener Ermittler und sollte den Rekruten beibringen, wie man Strigoi ausfindig machte und auch wie man Tatorte von Überfällen, die man Strigoi zuschrieb, untersuchte. Die junge Frau, die kaum älter als ich sein konnte, war seine Kollegin. Damit endete auch schon der Part der akzeptablen Anwesenden und nun kam der Teil, der für Furore sorgen würde, da war ich mir sicher. Da hatten wir drei Moroi, zwei Frauen und einen Mann, welche als Lehrer für die restlichen drei Magie-Arten, Erde, Luft und Feuer, dienen sollten. Das Heikle war an ihnen, dass die Tattoos auf in ihren Gesichtern und auf ihrem restlichen Körpern sie als klare Gangmitglieder auswiesen. Sie alle waren Mitglieder in der Gang, in der auch Lucian war, als er sich in Hongkong nach dem Tod seiner Mutter allein durchschlagen musste. Er selbst war zwar kein aktives Mittglied der Blood Dragons, doch man würde es nicht gutheißen, dass ein königlicher Moroi Kontakt zu so einem Gesindel hatte. Ich war gespannt darauf zu erfahren, ob Lissa wusste, mit welchen Leuten sich ihr Bruder abgab und wenn ich raten sollte, war sie vollkommen ahnungslos. Mir selbst machten die drei Gestalten nicht viel aus, solange sie sich an die Regeln hielten und gute Lehrer waren, in dieser Hinsicht vertraute ich auf Lucian, der sich für alle drei verbürgt hatte. Der letzte im Bunde war ein älterer Mann um die sechzig und es gab zwei Punkte an ihm auszusetzen. Zum einen war er blind, wie die milchig weißen Augen verrieten und zum anderen war er ein Mensch! Ein richtiger, waschechter Mensch, hier zwischen Moroi und Dhampiren! Selbst ich war fassungslos darüber, doch ich merkte, wie sich Dimitri neben mir nur arg im Zaum halten konnte. Der Herr war Asiate und als ich gesehen hatte, wie sich Lucian vor diesem vorneigt hatte, mit der Faust in der anderen offenen Hand, wusste ich, wer hier gelandet war. Es war Sifu Toga, Lucians ehemaliger Meister, der dem jungen Moroi fast alles beigebracht hatte, was dieser über Kampfkunst wusste. Ich kannte die Geschichte von Meister Toga, auf dessen Wange eine goldene Tätowierung im Form eines chinesischen Schriftzeichens, welches meines Wissens nach geläutert bedeutete, prangte. Vor etwas mehr als dreizig Jahren war dieser Mann von zwei Strigoi überfallen und verletzt worden. In der Folge dieser Verletzung hatte er sein Augenlicht verloren, hatte sich dennoch zur Wehr gesetzt und es tatsächlich geschafft beide Strigoi solange aufzuhalten, bis die alarmierten Wächter eingetroffen waren. Angeblich hätte Meister Toga den Kampf sogar gewonnen, wenn Striogi nicht nur durch Feuer, Enthauptung oder das Pfählen mit einem Silberpflock zu töten wären. Daraufhin hatte man dem Menschen, der bis dato nichts von der Existenz der geheimen Vampir-Gesellschaft gewusst hatte, eingeweiht und mit der Tätowierung versehen, die ihm nicht nur einige nette Fähigkeiten gab, wie seltener krank zu werden, erhöhte Stärke, Geschwindigkeit und Sinne, sondern ihn darüber hinaus auch daran hinderte, anderen, Uneingeweihten, zu erzählen, was er wusste. Was dieser Kerl hier zu suchen hatte, wusste ich nicht, doch wenn es stimmte, was man über ihn hörte, dann war er der mit Abstand beste Kämpfer, den es auf diesem Planeten gab. Selbst mir würde es schwer fallen, unbewaffnet gegen zwei Strigoi zu bestehen, aber blind hätte ich das garantiert nicht geschafft! Tiefer Respekt erfüllte mich, als ich den kleinen Mann sah, wie dieser neben Lucian stand, die Hände in seinen Ärmeln vergraben. Noch standen die beiden Gruppen von Ausbildern und Auszubildenden etwas auseinander, damit sich diese erst einmal untereinander kennenlernen konnten und so nutzte Lilly die Chance und tigerte zu den Rekruten herüber. Die Kleine musste erst in einer halben Stunde zur Vorschule und so lange hatte ich ihr versprochen, dass sie zu gucken durfte. Aber was sie nun tat, sprengte doch etwas den Rahmen des Zuschauens. Sie ging auf die vierzig Mann starke Gruppe zu und stellte sich vor dieser auf, Herrn Flatterich an einem Flügel haltend hinter sich her ziehend. Die erwachsenden Männer und Frauen sahen das kleine Mädchen irritiert an und ihre Verwunderung stieg sicherlich noch etwas an, als diese die Gruppe laut stark anschrie: „Wollt ihr gefälligst Haltung annehmen, ihr lausiges Bündel von verwelkten Zierblumen!“ Tatsächlich kam etwas Spannung und Haltung in die Rekruten, die sich ordentlich in Reihen aufstellten, was Lilly mit einem knappen, zufriedenen Nicken quittierte. Neben mir machte Dimitri Anstalten zu seiner Tochter hinüber zu gehen, doch ich hielt ihn auf. „Lass sie!“, forderte ich ihn auf und nach einem eindringlichen Blick von Dimitri zu mir, entspannte er sich und richtete sein Augenmerk wieder auf das Geschehen bei Lilly. Diese schritt nun nacheinander die Reihen ab und mustere unverhohlen die Auszubildenden. „Also, so ein trauriger Haufen von Weichpappen ist mir noch nie unter die Augen gekommen! Ihr wollt tatsächlich Strigoi jagen?“, fragte sie ungläubig und schritt weiter. „Wer bist du über...“, wagte es einer der Rekruten zu sprechen, sofort stand Lilly vor diesem und schnauzte ihn an: „Habe ich gesagt: Mülleimer rapple ?“, fragte sie laut und der Mund des Moroi schloss sich wieder. Unbeirrt fuhr Lilly ihren Gang fort. „Ihr steht hier, weil ihr Jagd auf unseren größter Feind machen wollt. Vielleicht denken einige von euch, dass es einfach wäre oder sicher, doch ich kann euch sagen, das es nicht so ist! Diese Ausbildung ist kein Zuckerschlecken,
sondern wird euch auf den harten und fast aussichtslosen Kampf vorbereiten, den ihr führen werdet, wenn ihr diesen Weg weitergehen wollt!“ Sie schwieg einen Augenblick. „Einige von euch werden diese Ausbildung nicht überleben, das kann ich euch verraten und nur die besten von euch werden sich nach erfolgreichem Abschluss Jäger nennen dürfen und ihr Leben im Kampf gegen den schwarzen Mann zu wagen. Aber wenn ich euch so sehe, werden dass nur sehr wenige sein!“ Sie schritt wieder zurück und kam in der Mitte der Reihen an, dort drehte sie sich wieder zu den Rekruten um und betrachtete diese erneut. „So, dann gibt euer bestes und wenn das nicht reicht, dann gibt wenigstens euer Leben! Corporal!“, rief sie laut und Lucian schritt hastig nach vorne und nahm zackig Haltung an. Der Moroi salutierte vor Lilly und rief: „Sir, ja, Sir!“ „Die Gruppe gehört Ihnen! Nehmen Sie die Kerle hier hart ran oder auch nicht, nur schaffen Sie mir diese Ansammlung von Einweg-Plastikflaschen aus den Augen!“, befahl sie streng und Lucian nickte eifrig. „Ihr habt den General gehört! Alle zwanzig Runden laufen!“, ordnete Lucian an und wirklich setzte sich die Gruppe in Bewegung und fing an zu laufen. Währenddessen hopste Lilly zu mir herüber. „Ha, das war lustig! Ich sollte öfters hier vorbeikommen!“, meinte sie. „Das würde die anderen sicher freuen!“, sagte ich amüsiert und blickte in die ratlosen Blicke der anderen Ausbilder, von denen es niemand wagte etwas zu sagen, solange der General anwesend war. „Na, komm, meine Kleine“, sagte Dimitri zärtlich und hob Lilly auf seinen Arm. „Ich bring dich mal zur Vorschule, bevor du noch zu spät kommst! Sag Tschüss zu den anderen!“ „Tschüss! Viel Spaß!“, wünschte die Kleine noch winkend, bevor sie mit Dimitri weg war. „Tja“, sagte ich in die entstandene Stille hinein. „Dann lasst und mal anfangen!“

In den nächsten Tagen war ich froh, dass ich wenigstens ein bisschen zu tun hatte, um die aufkeimende Langeweile zu bewältigen. Zwar durfte ich nur wenige Stunden am Tag der Ausbildung der Jäger beiwohnen, doch wenn es so war, gab ich alles. Es tat mir gut gemeinsam mit Dimitri die anderen zu trainieren, mein Wissen und meine Erfahrung weiterzugeben und jeden einzelnen bis an seine Grenzen und darüber hinaus zu fordern. Die Ausbildung der Jäger verlief acht Stunden am Tag, fünf Tage die Woche. Das war natürlich anstrengend für alle Beteiligten, doch wir durften auch nicht vergessen, dass wir nur noch sieben Monate hatten, bis aus diesem Haufen Rekruten eine funktionierende und einsatzfähige Kampfeinheit werden sollte. Wenn meine Schicht nach drei Stunden am Morgen um war, ging ich entweder zu den Untersuchungen, die nicht gerade vom prickelnden Erfolg gekrönt waren, spielte mit Lilly, die aber oft unterwegs mit ihren neuen Freunden war, oder bereitete mich auf meine nächste Schicht vor. Es entwickelte sich eine alltägliche Eintönigkeit und das schon nach wenigen Tagen, dass ich am liebsten über den Zaun gesprungen und einfach nur gerannt wäre, damit wenigstens etwas in meinem Leben spannend wurde. Klar, ich war glücklich mit Dimitri und Lilly und ich verstand auch, dass ich nicht mehr so fit und stressresistent war wie noch vor einigen Jahren, aber ich war nun einmal ein Charakter, der lieber mitten drin, statt nur dabei war und so fiel es mir schwer mich zurück zunehmen und Däumchen zu drehen, während um mich herum die Welt in Bewegung war. Dimitri fuhr eine Doppelschicht nach der anderen, weil die Wächter drastisch unterbesetzt waren, ich derweil saß zu Hause und blätterte mich durch Modemagazins und Erziehungsratgeber. Lilly unternahm viel mit ihren Freunden oder war bei der Vorschule, ich jedoch hockte meistens alleine herum, weil meine Freunde, die hier waren, alle mit der Ausbildung der Jäger beschäftigt waren. Wie versprochen rief ich Lissa jeden Tag an, doch oft waren es nur kurze Gespräche, weil Lissa als Königin so beschäftigt war, dass ich sie nicht lange von ihren Aufgaben abhalten wollte. Meist verliefen unsere Gespräche nach demselben Schema. Aussagen wie: „Hey, wie geht's dir? Mir geht's gut. Was machst du heute noch so?“ wechselten sich mit: „Ach, das wird schon! Genieße deine Freizeit! Wir sehen uns ja bald wieder!“ ab. Seufzend ließ ich mich aufs Sofa fallen und drückte mein Gesicht in ein Kissen. Wie hatte mein Leben so schnell von voll krass Achterbahn zu voll öde Kinderkarussell werden können? Sollte ich mir vielleicht zwei Dutzend Katzen anschaffen, damit ich mich nicht so einsam fühlte? Ich fand den Gedanken gut, doch leider mochten mich Tiere nicht so sehr, sodass selbst das ausschied. Das Universum musste mich einfach hassen! Eine andere Erklärung gab es nicht! Ich wünschte mir so sehr, dass irgendetwas passierte, damit ich nicht vor Unruhe noch explodierte!

Ich hätte vielleicht vorsichtiger mit meinem Wunsch sein sollen. Das zu mindestens stellte ich am Sonntagnachmittag fest, als ich mit Dimitri zusammen auf dem Sofa kuschelte, während Lilly wieder einmal außer Haus war. Sie war bei ihren Freunden im Wohnheim der Erstklässler, wo wir sie erst in einigen Stunden abholen sollten, sodass wir mal Zeit für uns beide hatten. Doch lang währte diese Zweisamkeit nicht, denn es klopfte an unserer Tür und Dimitri erhob sich schweren Herzens, um nachzusehen, wer dort etwas von uns wollte. Ein Wächter stand vor der Tür. „Wächter Belikov, Wächterin Hathaway, Sie werden von Hauptmann Petrov in Ihrem Büro erwartet!“, verkündete dieser. Dimitri sah mich eindringlich an und ich setzte sofort eine Unschuldsmiene auf. Ich war mir ziemlich sicher, dass ich nichts ausgefressen hatte, auch wenn Dimitri dieses denken mochte. Plötzlich schoss mir die Furcht durch den Verstand, dass vielleicht etwas mit Lilly sei, doch ich beruhigte mich wieder, denn dann hätte man uns nicht in das Büro des Hauptmanns der Wächter zitiert. Alberta kümmerte es nicht, was sechs jährige Novizen anstellten, denn solche Tätigkeiten fielen unter die Aufsicht der Schulleitung. Trotzdem erhob ich mich mit einem mulmigen Gefühl und ging zusammen mit Dimitri zu dem Büro. „Was kann Alberta nur von uns wollen?“, fragte ich Dimitri. Der Wächter zuckte kaum merklich mit den Schultern. „Ich weiß es nicht, aber wir werden es sicherlich erfahren!“, meinte er mit einem komischen Seitenblick zu mir. Ich lächelte ihn an, um ihn seine Befürchtung zu nehmen. „Hey, ich habe ganz sicher nichts angestellt, glaub mir!“ Dimitri schnaubte nur, legte aber einen Arm um mich und zog mich zu sich heran. So umschlungen gelangten wir vor die Tür und Dimitri klopfte daran. „Herein!“, kam die Stimme von Alberta durch die Tür und wir betraten das Büro, welches wir erst Anfang dieser Woche zum letzten Mal gesehen hatten. Für meinen Geschmack zu viele Besuche in kurzer Zeit, aber naja. Verwundert sah ich in den Raum hinein, der gut besucht war. Neben Alberta standen noch zwei weitere Wächter hier, die alle zu mir und Dimitri blickten. Einer von ihnen war Stan, ein ehemaliger Lehrer von mir, der seinen Mund verzog, als er mich bemerkte. Wir waren nicht immer harmonisch miteinander umgegangen. „Ich hatte es nicht glauben wollen, als ich gehört habe, dass Sie wieder hier sind, Rose!“, begrüßte er mich und nickte dann Dimitri zu. „Ich freue mich auch Sie zu sehen, Stan!“, antwortete ich. Es war eine glatte Lüge, doch ich wollte die Vergangenheit nicht wieder aufleben lassen und übte mich etwas in Zurückhaltung, das Motto meines neuen Ichs! Der andere Wächter war ungefähr in Dimitris Alter. Er war nicht ganz so körperlich präsent wie dieser, doch ihn umgab eine gewisse Aura der Selbstsicherheit und der Ruhe, die den ganzen Raum auszufüllen schien. Der Mann hatte die Hände hinter seinem Rücken verschränkt und neigte seinen Kopf mit dem kurzen rotbraunen Haar. „Eine Ehre Sie beide kennen zu lernen! Mein Name ist Sam Walls und ich bin erst seit etwa zwei Jahren hier an der Akademie“, stellte sich der Wächter vor und reichte uns dann nacheinander die Hand. Er hatte wirklich einen festen Händedruck, soweit ich das mit meiner silbernen Hand feststellen konnte und lächelte freundlich zu dem Mann hinauf. „Freut mich auch, Sie kennen zu lernen Wächter Walls!“, sagte ich und schaute in die grau-blauen Augen des Dhampirs, die Gewitterwolken ähnelten. Alberta räusperte sich. „Wenn den Höflichkeiten dann genüge getan ist, würde ich gerne zu dem Punkt kommen, der uns alle von unserem Wochenende abgehalten hat“, meinte sie und ich warf Dimitri einen fragenden Blick zu, den er mit einem leichten Achselzucken beantwortete. Uns war wohl beiden nicht klar gewesen, dass Alberta Petrov so etwas wie ein Wochenende kannte, schließlich war sie sehr gewissenhaft als Hauptmann und ein richtiges Arbeitstier! Ich wandte mich wieder Alberta zu, die vor ihrem Schreibtisch stand und uns einige Großaufnahmen von Bildern zeigte. Der Anblick darauf war nicht schön, denn sie zeigten alle ausnahmslos die toten Körper von Moroi und Dhampiren. „Das hat mich vor einer Stunde erreicht, zusammen mit der Nachricht, dass es einen Überfall auf einen Strang der königliche Familie Lazar gab, die in Rumänien lebten“, sagte Alberta und holte eine Liste hervor, während ich noch die Bilder betrachtete. Die leeren Augen und die aufgerissen Hälse machten deutlich, wer hier für verantwortlich war. „Weiß man schon wie viele Strigoi voraussichtlich an dem Angriff beteiligt waren?“, fragte ich, ohne den Blick von den Fotos zu heben. Es war Sam, der mir antwortete. „Zum jetzigen Zeitpunkt gehen wir von einer Größe von zehn bis dreizehn Strigoi aus!“, sprach er knapp. Entsetzt sah ich zu dem Wächter und dann zu Alberta. Das war eine verdammt große Gruppe von Strigoi. „Wie viele Opfer?“, kam es nur leise von Dimitri, der mit starrem Gesicht auf die Leichen blickte. Ich konnte mir vorstellen, dass unangenehme Erinnerungen an seine Zeit als Strigoi hochkamen und so ging ich zu ihm und legte ihm beruhigend eine Hand auf seinen Arm. Ich drückte diesen kurz, um ihm zu sagen, dass ich bei ihm war. Dankbar schaute er zu mir, bevor Alberta uns antwortete: „Es gab insgesamt dreiundvierzig Tote, Dreißig Moroi und dreizehn Wächter. Überreste von Strigoi wurden nicht gefunden, sodass wir entweder davon ausgehen müssen, dass sie diese mitgenommen haben oder es keine Toten unter den Angreifern gab“ Ich nickte langsam. „Schutzzauber?“, fragte ich. „Durchbrochen, mit einem Silberpflock!“, meinte Stan zornig. Ich konnte sein Gefühl mehr als gut nachvollziehen. Strigoi konnten einen Silberpflock nicht berühren und so musste ihnen ein Mensch geholfen haben, die magischen Sicherheitsvorkehrungen zu durchbrechen. Bei diesem Gedanken wurde mir schlecht, denn ich konnte nicht verstehen, wie irgendjemand diesen Monstern helfen konnte, aber leider gab es eine Menge von diesen Spinnern, die begeistert alles taten, um in einen Untoten mit ewigen Leben verwandelt zu werden. Die meisten endeten wahrscheinlich als Happen für zwischen durch, doch bis dahin konnten sie viel Unheil anrichten, wie die Bilder bewiesen. „Warum sind wir hier, Alberta?“, wollte Dimitri wissen und stellte damit die gleiche Frage, die auch mir im Kopf herum spuckte. Sicherlich, wir waren Wächter und keine schlechten dazu, doch wir waren nicht einmal seit einer Woche hier und es gab keinen offensichtlichen Grund, warum man uns im Vertrauen einweihen sollte. Alberta reichte mir ein weiteres, einzelnes Bild. Darauf war ein junges Moroi- Mädchen zu sehen, welches tot war und ihrer rechten Hand eine rote Rose und in ihrer linken einen Zettel hielt, auf dem mit Blut geschrieben stand: „Du kannst nicht entkommen!“. Mein Herz setzte für einen Moment das Schlagen aus und ich hielt die Luft an. Erinnerungen schossen durch meinen Geist und sie waren nicht der angenehmen Art! Ich wusste, wer diesen Angriff angeordnet hatte! Es war derselbe Strigoi, der mich gefangen gehalten und gequält hatte! „Königin Vasilisa vermutet, dass vielleicht eine Verbindung zwischen Ihnen und dieser Tat bestehen könnte, weshalb wir Sie nun hier her bestellt haben. Rose? Wissen Sie etwas darüber? Irgendetwas?“, fragte mich Alberta eindringlich, doch ich konnte nur mit dem Kopf schütteln. „Es tut mir leid, aber ich habe keine Ahnung, was das soll!“, hauchte ich leise und reichte das Bild wieder zurück. Ein intensiver Blick von Alberta durchleuchtete mich, als könnte sie auf diese Weise an Antworten gelangen, doch ich hatte die Wahrheit gesprochen: Ich wusste nichts! „Nun gut“, sagte Sam. „Es ist eine Sondereinheit von Wächtern einberufen worden, die diesen Überfall untersucht. Sollte Ihnen nicht etwa einfallen, dann zögern Sie bitte nicht, es mir mitzuteilen, Rose.“ Ich nickte abwesend, in Gedanken war ich ganz wo anders. „Wir werden die Details mit der Rose und dem Zettel unter Verwahrung behalten und bitten Sei deshalb mit niemanden darüber zu reden. Es wird auch so schon panisch genug werden!“, meinte Alberta zu Dimitri und mir. „Selbstverständlich, Alberta!“, gab Dimitri zurück. „Das wäre dann erst einmal alles. Entschuldigen Sie die Störung!“, verabschiedete die Wächterin uns. „Geht es dir gut, Rose?“, fragte Dimitri vorsichtig, als wir wieder auf den Weg zu unserer Wohnung waren. Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. „Ich weiß nicht“, gestand ich leise und spürte, wie mir eine einzelne Träne übers Gesicht ran. Der Schrecken, der mich die letzten Jahre befallen hatte, kehrte wieder zurück. Liebevoll nahm mich Dimitri in den Arm und küsste mich sachte auf die Stirn. „Ich bin bei dir, Rose! Ich werde immer bei dir sein!“, versprach er entschlossen. Ich drückte mich an ihn und zog seinen Geruch in mich ein. Ohne Zweifel glaubte ich ihm seine Worte, aber ich zweifelte auch an etwas anderen nicht: Es war noch nicht vorbei!
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast