Time for Miracles

GeschichteDrama, Romanze / P16
11.05.2019
15.05.2019
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Ich nehme mein Handy aus der Tasche und rufe meine Kontakte auf. Kurz zögere ich, bevor ich Neds Namen auswähle und ihm eine WhatsApp schreibe.

„Muss mit dir reden. 16 Uhr im Red Pipe?“

Die Antwort kommt prompt.

„Ja klar.“

Das Red Pipe ist nicht das modernste Café New Yorks aber wahrscheinlich das mit dem meisten Charme. Wie waren oft hier, als noch alles in Ordnung war. Ich betrete das Café und schaue mich nach Ned um. Der Duft von Kaffee und Gebäck steigt mir in die Nase. Einige Leute sitzen mit ihrem Laptop am Tisch, andere mit einem Buch oder einer Zeitung. Das Red Pipe ist ein veganes Café, zu dem Peter und Ned nur mir zuliebe gegangen sind. Meine vegane Zeit ist vorbei, aber das Red Pipe ist geblieben.
Ich entdecke Ned in der hintersten Ecke und laufe zu ihm. Ich lasse meine Tasche neben dem Stuhl auf den Boden fallen und schaue Ned aus zusammengekniffenen Augen an.
Vor Schreck bleibt ihm der Mund offen stehen und das Stückchen Kuchen auf seiner Gabel, fällt wieder zurück auf den Teller.
Ängstlich schaut er sich um, als wollte er sich seine Chancen auf eine Flucht ausrechnen.
Ich lasse mich auf den Stuhl gegenüber von ihm nieder, verändere aber nicht den Ausdruck auf meinem Gesicht.
„Wer ist Steve Rogers? Und lüg mich nicht an. Ich merke wenn du lügst“, sage ich ohne jegliche Begrüßung streng.
„Was? Wer?“ Sein Gesichtsausdruck zeigt mir sofort, dass er wirklich keine Ahnung hat. Enttäuscht lehne ich mich auf meinem Stuhl zurück und nehme einen Schluck von seinem Kaffee.
„Ja, bedien dich gerne“, nuschelt er beleidigt und widmet sich wieder seinem Kuchen.
Nachdem wir einen Moment geschwiegen haben, mustert Ned mich abschätzend und ich sehe das er sich fragt, warum ich aus heiteren Himmel mit diesem Namen um die Ecke komme.
Ich überlege kurz, ob ich ihm alles erzählen soll. Mir hat er immerhin auch nicht alles erzählt.
Ich versuche was anderes: „Wohin ist Peter gegangen, nachdem ihr euch das letzte Mal gesehen habt? Hör zu… ich weiß, dass du was weißt und das bringt mich fast um. Also: bitte, bitte sag mir irgendwas… egal was. Nur einen Anhaltspunkt. Irgendwas was mir weiterhilft.“
„Dieser Steve Rogers hat was mit Peter zu tun“, das war keine Bestätigung, nur eine Feststellung.
„Vielleicht, ich weiß es nicht. Er hat behauptet er kannte ihn.“
„Glaubst du ihm?“
„Ich weiß nicht, was ich glauben soll Ned. Keiner redet mit mir.“ Die Verzweiflung in meiner Stimme ist nicht zu überhören.
„Ich kann dir nichts sagen, dass ist nicht meine Aufgabe.“ Verwirrt gucke ich ihn an.
„Wer soll mir dann was sagen? Peter??“ Ein verbittertes Lachen kommt aus meinem Mund.
„Falls es dir nicht aufgefallen ist: Peter ist tot.“ Erschrocken über meine Worte, schießen mir die Tränen in die Augen. Erst jetzt ist mir aufgefallen, dass ich es nie ausgesprochen habe. Nie habe ich es laut gesagt. Plötzlich erscheint das alles real: nie wieder Spaziergänge im Central Park. Nie wieder Spieleabende zu dritt, bei denen wir uns bei Monopoly fast an die Gurgel springen. Nie wieder Konzerte im Red Pipe. Nie wieder Diskussionen über die neueste Technik. Nie wieder Peter.
„Tut mir Leid.“ Die Entschuldigung kommt mir nur sehr leise über die Lippen, sodass ich mir nicht sicher bin, ob Ned sie überhaupt verstanden hat.
„Mir auch.“ Er hat. Und ich glaube ihm. Er muss einen guten Grund haben, mir nichts zu sagen. Auch wenn ich 5 Jahre gebraucht habe, dass zu erkennen. Ned stochert in seinem Kuchen herum, als wäre er auf einmal schlecht geworden.
„Was hat dieser Rogers gesagt?“ Möchte er nach einer Weile wissen.
„Nicht viel. Er hat mir einen Zettel seiner Selbsthilfegruppe gegeben und behauptet er kannte Peter.“
„Selbsthilfegruppe?“, fragt er überrascht, denkt eine Weile darüber nach und sagt dann:
„Das ist doch gut. Du kannst hingehen und ihn ausfragen.“
„Könnte ich…“
„Aber?“
Ich zögere. Innerlich schlage ich mir mit der flachen Hand gegen den Kopf und ärgere mich erneut darüber, wie dumm ich gewesen bin.
„Aber ich hab den Zettel in den Mülleimer geworfen.“ So jetzt ist es raus.
„Du hast was?“ Das entsetzen ist ihm ins Gesicht geschrieben.
„Ich dachte er wäre ein Mörder!“
„Was? Ein Mörder?“
„Wer quatscht sonst kleine Mädchen auf Friedhöfen an?“
„Du bist 22!“ Er schlägt die Hände über dem Kopf zusammen.
„Na und? Und überhaupt: wer sagt denn, dass er mir mehr erzählen kann als du? Du bist mein Freund. Er ein Fremder. Du sagst mir nichts. Warum sollte er mir was sagen?“
Er zuckt nur mit den Schultern, weil er genau weiß, dass ich Recht habe. Aber vielleicht würde dieser Steve gerade deswegen was sagen. Weil er nicht Peters bester Freund war. Es hätte sicher geholfen eine andere Seite zu hören.
„Einen Freund, den du seit 5 Jahren kaum gesprochen oder gesehen hast.“ Autsch.
Er hat Recht. Ich bin wahrscheinlich die schlimmste Freundin, die man sich nur vorstellen kann. Unser Kontakt war bis jetzt eher sporadisch. Ich habe mich generell viel zu sehr von der Welt abgekapselt. Ich will nicht kitschig klingen, aber meine Welt, wie ich sie kannte ist, davon mal abgesehen, auch nicht mehr existent. Doch natürlich noch lange kein Grund Freunde aus ebendieser abzustoßen.
„Ich weiß…“, Murmel ich und wage es nicht, ihn anzusehen. Nervös spiele ich bin meinem Armband rum, als Ned wieder das Wort ergreift.
„Internet?“
Ich schüttele den Kopf. Keine einzige Information, war über diesen Kerl zu finden. Er ist wie Spiderman. Beziehungsweise… ist wie Spiderman zumindest damals war. Dieser ist seit dem Vorfall auch nie wieder gesehen worden.
„Er ist wie ein Geist.“

Ich hole mir einen Kaffee. Ich habe seit Ewigkeiten keinen mehr getrunken, weil mich das an die Zeit hier im Red Pipe erinnert hätte.
„Du warst an seinem Grab?“, fragt Ned als ich mich wieder an den Tisch setze.
Ich blicke von meinem schwarzem Gebräu auf und schaue Ned in die Augen, überrascht über seinen Themenwechsel.
„Ja, wieso?“, frage ich, als wäre das selbstverständlich. Tatsächlich ist es das aber nicht. Die ersten vier Jahre, habe ich es nicht besucht. Ich habe den Stein zusammen mit May ausgesucht, wir haben das Beet gemeinsam hergerichtet und das wars dann. Nie wieder habe ich mich dem Grab auf mehr als fünfhundert Metern genähert. Ich vermute, am Anfang war es noch der Schock. Das nicht wahrhaben wollen. Es war alles so surreal. Nach ein paar Wochen, fiel es einem dann auf.
Keine SMS mehr. Kein Klopfen am Fenster, mitten in der Nacht. Niemand der mich zur Schule abholt. Keine intelligenten Einwürfe beim Unterricht. Als mir das alles so präsent wurde, wollte ich nicht mehr zu diesem Ort.
„Du warst sehr lange nicht da.“
„Ich weiß. Ich konnte nicht.“
Verständnisvoll nickt Ned und nimmt einen Schluck seines Kaffees.

Nachdem wir uns darüber unterhalten haben, was in der Zeit passiert ist, in der wir uns nicht gesehen haben, schaue ich auf die Uhr.
Es ist schon spät. Auch wenn mir das Gespräch mit ihm nicht mehr Informationen gebracht hat, war es toll Ned wiederzusehen und einfach mit ihm zu reden.
Wir umarmen uns zum Abschied und mir wird erst jetzt bewusst, dass mich lange keiner mehr in den Arm genommen hat.
„Was wirst du jetzt tun?“, fragt er als ich mich daran mache, meine Tasche zu nehmen.
Ich halte kurz inne. Ja, was wirst du tun Ella? Eine Frage die ich mir mehr als einmal gestellt habe.
„Warten und auf ein Wunder hoffen, denke ich.“

Als ich am nächsten Morgen aufwache, scheint die Sonne ins Fenster, als hätte sie mit jemandem eine Wette am laufen. Verschlafen trotte ich ins Bad und mache mich fertig für die Arbeit. Meine blonden Haare, die mir bis zur Schulter gehen, sind ganz verstrubbelt und meine Schminke, die ich gestern vergessen habe abzumachen, lässt mich aussehen, wie einen Waschbär. Oder als wäre ich übel verprügelt worden.

Nach meiner morgendlichen Routine, schaue ich auf mein Handy und sehe, dass ich eine neue Nachricht habe. Sie ist von Ned.

Er hat mir einen dieser Witze geschickt, die überall auf Instagram zu finden sind:

„Letzte Nacht einen Anhalter mitgenommen:
Sagt er: „Haben Sie keine Angst, dass ich ein Mörder sein könnte?
Darauf ich: „Haha, nee…
Die Chance, dass gleich zwei Mörder zur selben Zeit im selben Auto sitzen, ist sehr unwahrscheinlich.“


Lachend schüttele ich den Kopf. Unter dem Bild hat Ned noch etwas geschrieben:
„Probier es nächstes Mal doch damit.“
Ich schreibe ihm rasch drei lachende Smileys zurück und laufe dann runter zum Briefkasten.

Als ich nach der Post sehe, sticht mir ein dunkler Zettel ins Augen. Verwundert reibe ich mir die Augen, für den Fall, dass ich noch nicht ganz wach sein sollte. Das kann doch nicht sein. Ist das...
Ohne den restlichen Briefen und Prospekten Beachtung zu schenken, reiße ich den Flyer aus dem Kasten.

“Wohin sind sie gegangen?
Samstags 18:30 Uhr
Van Buren Street
The Bronx, NY 1705
USA“


Glücklich und unglaublich erleichtert presse ich das wertvolle Papier an meine Brust und danke Gott oder wer auch immer dafür verantwortlich ist, für seine Hilfe.
Als ich den Zettel umdrehe, entdecke einen rosa Post-It mit einer Notiz:
“Brauchen Sie vielleicht doch Hilfe?
PS: Ihren hübschen Kopf sollen Sie bitte nie wieder in eine Mülltonne stecken.
S.L “

S.L? Wer ist S.L? Ich dachte er heißt Steve Rogers. Wofür steht dann das L?
Abgesehen davon ist es ja nicht peinlich genug, dass ich das getan habe. Nein, man muss mir auch noch unter die Nase reiben, mich dabei gesehen zu haben.
Sehr toll.
Heute ist Freitag. Das bedeutet, ich muss noch einen ganzen Tag warten. Ich sage das sonst nie aber zum Glück muss ich arbeiten. Hier zu Hause, hätte ich mich nur verrückt gemacht. So kann ich mich wenigstens etwas ablenken.

Aber diese Initialen… S.L… angestrengt denke ich nach. Der Name war doch Rogers oder? Vielleicht habe ich ihn auch nicht richtig verstanden und er hat irgendwas mit L gesagt?
Nein, eigentlich bin ich mir sehr sicher mit dem Nachnamen richtig zu liegen. Ein Anderer muss mir den Zettel plus Post-It in meinen Briefkasten geworfen haben, was bedeutet, dass ich entweder gleich zwei Stalker habe, oder die Sache in der Peter drin gesteckt hat, war viel größer als ich vermutet habe. Gott, bitte lass es nicht die Mafia sein oder irgendeine verrückte Sekte.

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✏ Hiiii! :D
Ich hoffe, euch hat das Kapitel gefallen und ihr hattet beim Lesen
genauso viel Spaß wie ich beim Schreiben.
Die Straße in der Bronx und das Red Pipe in Queens gibt es wirklich.
Danke an Moosmutzel10 für die liebe Review.
Und DANKE für die ganzen Favos und Aufrufe! :)

xx Aliena
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