Stein für Stein

GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P12
Black Widow / Natasha Romanoff Hawkeye / Clint Barton Hulk / Bruce Banner Iron Man / Anthony Edward "Tony" Stark Rocket Racoon Thor
10.05.2019
25.06.2019
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Bruce fällt... und er hält sich reflexartig die Hände vor das Gesicht.
„Hände an den Gurt, Bruce! Körperspannung!“, ruft Tony von unten. Liegt da eine gewisse Nervosität in seiner Stimme?
Bruce umfasst das Seil oberhalb seines Gurtes, holt tief Luft und versucht der Schwerkraft soviel Körperspannung wie möglich entgegen zu setzen, und das Seil fängt ihn und seinen Sprung mitten in der Luft erstaunlich sanft ab. Wieder und wieder ist er in den letzten Tagen gesprungen, er hat geübt sich abzuseilen, mal schnell, mal mit Bedacht, und er hat Verteidigungstechniken geler … nun, er hat sein Bestes gegeben – dass er diese Art der Gegenwehr jemals brauchen würde ist schon paradox. Und heute nun übt er mal wieder den Absprung und den gezielten Abschuss des Seiles, welches ihn halten soll. „Mach es wie Spiderman ... wie Peter! Schau her, so!“, hat Tony ihm eine Woche zuvor bei ihrer ersten Übungseinheit in dieser Sache geraten, nur um mit bildhaften Vergleichen zu arbeiten, denn so versteht zumindest Bruce am Besten was Tony meint und was außerhalb von berechenbaren Formel und Zahlen liegt. Mach es wie Spiderman.  Es war nur dahingesagt, doch im nächsten Moment wurde Tony ein wenig blass ... An diesem Tag war an Training nicht mehr zu denken gewesen und so widmeten sie sich zunächst einer ordentlichen Mahlzeit und dann dem theoretischen Ablauf ihrer Mission – sie haben keine Eile, sie alle nicht. Inzwischen ist ein ganz ordentliches Team zusammen gekommen, hier in der Avengers-Basis. Auch wenn sie im Begriff sind eine knifflige Zeitreise zu planen, so sitzt ihnen doch gerade die Zeit absolut nicht im Nacken. Es wird kein Angriff kommen, sie müssen nicht vorzeitig reagieren, sie selbst können bestimmen, wann sie in Aktion treten wollen. Bis dahin bleiben die Gefallenen sowieso tot, denen ist es egal, wann ihr Schicksal wieder rückgängig gemacht wird... wenn es überhaupt so funktioniert.
Und so haben sie alle hier nichts zu befürchten außer ihr eigenes Scheitern, und das darf bei nur einem einzigen Versuch einfach nicht passieren. Umso akribischer bereiten sie sich alle auf diesen einen einzigen Versuch vor. So auch Bruce. Er ist wie alle anderen Teil der Mission, er muss verlässlich sein. Und dafür muss er trainieren. Allmählich hat er ein gewisses Vertrauen zu diesem dünnen Drahtseil entwickelt, auch wenn er den haltlosen Fall, mit der Gewissheit nicht von den Anderen abgefangen zu werden, noch immer kaum ertragen kann … Eine Weile baumelt er etwas hilflos in der Luft, ehe er es wagt nach unten zu schauen, wo Tony steht und sein Training überwacht und anleitet.

Tonys Daumen geht nach oben, und  Bruce lässt sich Stück für Stück durch Seilzugabe, wie Natasha und Clint es ihm geduldig gezeigt haben, auf den sicheren Boden des Trainings- und Simulationsraumes hinunter. Tony beobachtet auch dieses Manöver ganz genau und fährt sich dann mehr erleichtert als zufrieden durch die verschwitzten Haare: „Bist du dir sicher, dass der Große dir auch hierbei nicht helfen will?!“
Inzwischen hat Bruce wieder festen Boden unter den Füßen, er klinkt das Seil aus, rückt seine Schutzweste zurecht und krempelt die Ärmel seiner Trainingsjacke hoch. Er holt tief Luft und reibt sich kurz die behandschuhten Hände, die Haptik des Seiles hinterlässt trotz allem Spuren auf den Handflächen … zumindest wenn man es nicht gewohnt ist und noch zuviel darüber nachdenkt. Nach einem flüchtigen Blick hinauf zu der Sprungplattform wendet Bruce sich schließlich Tony zu: „Das fragst du mich bei jeder Trainingseinheit … und jedes Mal sage ich Nein.  Oder besser gesagt: Der Andere sagt Nein.  Worauf er wartet kann ich dir beim besten Willen nicht sagen, das weißt du doch auch. Er wird wohl weiterhin einen Sterblichen aus mir machen.“ Er begreift es ja selber nicht.
„Natasha gefällt's...“, grinst Tony..
Bruce hat längst gelernt gewisse Kommentare einfach zu überhören, und so bleibt er beim eigentlichen Thema: „Warum interessiert dich das so?“
Tony verzieht kurz den Mund: „Das weißt du. Meine Meinung hat sich nicht geändert, du kennst selbst die Bedingungen für die Vormir-Mission. Sie ist am einfachsten, auf dem Planeten herrscht so gut wie kein Leben... also auch keine Gefahr für Leib und … Seele, nicht einmal für dich.“ Tony macht sich womöglich einfach nur Sorgen um ihn, sonst würde er nicht so reden. Doch Bruce bemüht sich wirklich darum die Grundlagen des Nahkampfes und das Sondereinsatz-Einmaleins zu lernen, sein einziger Anspruch ist dabei, den anderen keine Last zu sein, mehr will er gar nicht und mehr kann er auch gar  nicht tun.

„Dann lasst doch jemand anderen dorthin gehen.“, Bruce könnte wirklich damit leben. Verletzter Stolz und falsche Eitelkeit gehörten bisher ohnehin nicht zu seinen Charaktereigenschaften. Und im New York des Jahres 2012 würde er sich wenigstens auskennen, aber er wäre wohl in all dem Kampfchaos rund um die Chitauri mehr Ballast als Hilfe - und wenn er Pech hat, würde er womöglich in feinster Ironie von dem Anderen höchstpersönlich einfach zerquetscht werden.
„Wenn ich euch zu schwach bin, dann –“
Tony wirft ihm lediglich einen das-kannst-du-vergessen -Blick zu: Bruce ist weitaus mehr als nur ein schwacher Kämpfer, er ist genauso wichtig wie alle anderen, es zählt eben nicht nur die Kampfkraft. So war es vorher auch nie. Dass Bruce sich verständlicherweise vor allem darüber als würdig für das Team definiert, indem es darum geht wieviel Kraft er beisteuern kann, das liegt einzig und allein an seiner … nun, Vergangenheit. Zwar ist der Andere seit einiger Zeit einfach kein Kriterium mehr, doch Bruce bekommt diese Gleichung nur schwer aus seinem Kopf heraus.
„... oder gebt mir den Hulkbuster mit.“ Bruce wischt sich mit dem Handrücken die verschwitzten Haarsträhnen aus der Stirn und trinkt einen Schluck Wasser.
„Den kannst du gerne als Backup mitnehmen, aber ich fürchte mit dem Hulkbuster wäre dort ganz schnell Endstation. Denk an den Wächter des Steins: Er lässt nur Sterbliche durch.“, sagt Tony ruhig. „Meint zumindest Schlumpfine....“

„Und was passiert dann? Es muss einen Grund geben.“ Bruce stellt die Trinkflasche beiseite und blickt Tony lange und abwartend an. Er hat seinem besten Freund diese Frage schon mehrmals gestellt, seitdem die Teams und ihre Missionen klar sind und sie mit dem Training begonnen haben. Doch ganz entgegen seiner ansonsten mitteilungsfreudigen Natur hat Tony es bisher vorgezogen darüber zu schweigen.
Und Bruce meint inzwischen den Grund dafür zu kennen: „Ihr wollt  gar nicht, dass der Andere mir dieses Mal hilft, richtig? Zumindest nicht bis zu diesem einen entscheidenden Punkt. Und weiß du was: Ich will es auch nicht, weil ich nämlich Nat nicht allein an dem Wächter vorbei spazieren lasse.“
„Das ist die richtige Einstellung.“, meint Tony daraufhin nur vage.
Bruce entgeht das nicht, er neigt den Kopf leicht zur Seite: „Tony, ich meine zu ahnen, worauf du hoffst, worauf wir vielleicht alle hoffen... aber bitte sage mir, ob es notwendig sein wird. Wenn ihr meint, dass der Andere dort auf Vormir doch etwas bezwecken muss,  warum auch immer, dann weißt du, welche Vorwürfe ich mir machen werde, sollte dies nicht der Fall sein und ich hätte euch damit alle enttäusch –“
„Höre ich da mal wieder die berühmten unnötigen Selbstzweifel?“, Natasha gesellt sich aus dem Hintergrund zu ihnen und sie schenkt Bruce ihr ganz eigenes vertrautes Lächeln, welches sie keineswegs jedem gönnt.
„Ach was, der Doktor kommt nur mit seiner Sterblichkeit nicht klar … und dabei hielt ich mich doch sowieso schon immer für den gottgleichen Unsterblichen von uns beiden.“, meint Tony lässig.
„Wie weit Anspruch und Wirklichkeit doch auseinander liegen können.“, stellt Natasha nüchtern fest, dann legt sie einen Arm um Bruce' Taille und blickt ihn fragend an: „Ist alles gut, hm?“
„Im Hinblick auf das Training schon...“, erwidert Bruce langsam und lässt dabei Tony nicht aus den Augen.
„Ich hab seine Zieleinheit an den Handschuhen kalibriert, er trifft nun öfter ins Schwarze als noch vor einer Woche.“, konstatiert Tony trocken.
„Das ist mir vielleicht eine Hilfe, wenn ich damit den Wächter abschießen soll, um mich dann an dem Haken zwischen seinen Augen zum Stein abzuseilen ...“, erwidert Bruce bitter: „Ich meine … liegt er wirklich in einer Schlucht? Die nur auf einem Weg erreichbar ist? Ist das nicht etwas zuviel des Guten?“
Tony gähnt gespielt gelangweilt auf: „Wie in den vergangenen Wochen ist meine Antwort auf diese Fragen immer noch die Gleiche: Wir nehmen es an. Unsere Daten zu Vormir sind in dieser Hinsicht recht dürftig, genauso wie dein Vertrauen. Aber vielleicht hab ihr ja Glück und ihr müsst den Stein einfach nur ausbuddeln. Das wirst du ja wohl noch hinkriegen, Großer?“
„Geht's nicht einmal  ohne Sarkasmus?!“, Bruce macht einen Schritt nach vorne: „Mir gefällt deine sprunghafte Gemütsverfassung nicht, Tony!“
„Da schimpft der Richtige...“, erwidert Tony mit hochgezogenen Augenbrauen, und er findet, er hat dabei nicht ganz unrecht.
Bruce holt tief Luft: „Lenk nicht ab! Das war bei dir schon immer ein Zeichen von Nervosität, und wenn –“
„Hey, beruhige dich.“, meint Natasha beschwichtigend, sie stellt sich vor Bruce, und somit zwischen Tony und ihn, und nimmt sein Gesicht sanft zwischen ihre Hände: „Wenn du dich so aufregst ist das vielmehr ein Zeichen deiner  Nervosität.“
„Willst du  mir jetzt auch noch Dinge einreden, die gar nicht --“, weiter kommt Bruce nicht, denn Natasha gibt ihm einen flüchtigen Kuss, der nicht ganz so flüchtig bleibt, und dann blickt sie ihn an, und sie muss gar nichts weiter sagen. Er kennt diese Geste von ihr inzwischen. Es ist nicht diese Nähe die ihn kurz sprachlos macht, zumal sie diese Nähe nun ohne Zweifel zulassen können, sondern vielmehr, dass sie dies vor Tonys Augen tut, den solcherlei Privatdinge absolut nichts angehen. Natasha ist zwar niemand der aus allem ein Geheimnis macht, aber zwischenmenschliche Beziehungen und Gefühle behält sie doch sehr für sich. Und Bruce auch. Und nun steht Tony mit hier und hebt eine Augenbraue …
Immerhin, Bruce hat sich ein wenig beruhigt.
Er sammelt sich wieder und bleibt fokussiert. Nein, er lässt sich nicht leicht ablenken. Wenigstens diese Art der Selbstbeherrschung hat ihm der Andere übrig gelassen …

Bruce sucht nach Worten: „Es … es sind mir einfach zu viele Fragen offen, versteht ihr?“, fast ein wenig hilflos blickt er zwischen Natasha und Tony hin und her. Das müssen  sie doch verstehen.
Tony legt die Hand auf Bruce' Schulter, er bemüht sich nun hörbar um einen beruhigenden Tonfall: „Das haben Zeitreisen so an sich, Kumpel, auch wenn sie in die Vergangenheit gehen, die man bereits vermeintlich kennt. Komm schon, wenigstens das ist dir doch klar. Wir beide, wir haben das bestens berechnet und durchgeplant, meinst du nicht?“ Tony kann ja selbst nicht sagen ob etwa seine eigene Mission, im New York des Jahres 2012 den drei dort befindlichen Steinen habhaft zu werden, so reibungslos funktionieren wird... keine  ihrer Missionen ist absolut zweifelsfrei ... ein unsicherer Faktor ist immer dabei. Und womöglich mehr als nur einer. Da können sie so lange planen wie sie wollen. Und genauso wie Bruce hasst er Formeln mit dem berühmten X dessen Wert niemand kennt. Vor allem wenn das Ziel erreicht werden muss, was es auch kostet … doch ganz anders als Bruce weiß er um einen einzigen Fakt, der das dürftige Datenmaterial zu Vormir ohnehin völlig obsolet macht, und den er als unvermeidlich einstufen musste, und der ihm mehr ans Herz geht als alle Xe und Risiken sämtlicher Missionen bisher zusammen genommen … was es auch kostet ... jedes Risiko hat seine Konsequenzen. Und manche Konsequenz ist vielmehr ein unvermeidbarer Fakt und gar kein Risiko mehr. Das wissen er und Nebula und …

Bruce nickt langsam – vielleicht ist er wirklich nur zu nervös. Und vielleicht ist dafür ein  entscheidender Fakt, dass er bei seiner allerersten Mission als Mensch einfach nicht scheitern darf. Zweite Chancen, stellt er einmal mehr fest, machen das Leben doch erheblich erträglicher.
„Womöglich ist diese Mission einfach zu groß für mich. So wie ich jetzt bin, in diesem Zustand.“, murmelt Bruce leise und blickt an sich herunter. Dann zieht er langsam seine Schutzweste aus und vergräbt die Hände in den Taschen seiner Trainingsjacke.
Tony sieht ihn an, ein wenig um Fassung bemüht – so weit in die Defensive wollte er Bruce eigentlich nicht zwingen, er wollte nur, dass diese leider durchaus berechtigten Fragen aufhören. Es gibt nun kein Zurück mehr. Sie müssen alle  funktionieren.
Es ist schließlich Natasha, die diese Situation auflöst: „Tony, lässt du uns bitte kurz allein, hm?“, und mit einem eindeutigen Blick gibt sie ihm zu Verstehen, dass dies keine Frage sondern eine Aufforderung ist.
Tony räuspert sich: „In zwei Stunden treffen wir uns zur üblichen Besprechung, klar?“, meint er mit einem kurzen Blick auf Natasha, den Bruce nicht ganz deuten kann. Es wird die letzte Besprechung sein, bevor sie morgen alles auf eine Karte setzen werden. Tony blickt von Natasha zu Bruce und deutet dann mit dem Finger zwischen ihnen hin und her: „Was auch immer ihr beiden vorhabt … zwei Stunden, nicht länger.“, er lässt die Hände in den Hosentaschen verschwinden und hebt kurz die Mundwinkel, das selbstgefällige Lächeln bleibt dieses Mal jedoch aus, ehe er sich auf dem Absatz umdreht und den Trainingsraum verlässt.
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