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Herz oder Kopf?

von MissTea
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Andrea "Anni" Brehme Katrin Flemming-Gerner
10.05.2019
28.06.2019
9
11.873
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28.06.2019 2.229
 
„Ich finde, man sollte immer offen für neue Kulturen sein. Ich meine, was würde man alles verpassen, wenn man fremden Menschen die Chance verweigert, ihre Geschichte zu erzählen.“
„Ein sehr philosophischer Gedanke.“
Katrin hörte die Stimmen schon von weitem, offensichtlich war Herr Sandgarden schon da. Das bedeutete wohl, dass sie das Frühstück auf später verschieben mussten. Schade eigentlich, sie hätte gerne Annis Reaktion gesehen, wenn sie feststellte, dass tatsächlich all ihre Wünsche erfüllt worden waren. Unweigerlich begann die Geschäftsfrau zu schmunzeln.
Na ja, sie hatten ja alle Zeit der Welt. Wobei stimmte das wirklich? Hatte Anni in irgendeiner Form  angedeutet, wie lange sie in Berlin bleiben würde? Katrins Puls beschleunigte sich, aber jetzt hatte sie keine Zeit, um genauer darüber nachzudenken. Geräuschlos stellte sie den doppelten Cappuccino samt der Brötchentüten, in denen sich die Schokocroissants, das Käsebrötchen sowie ihr eigenes Frühstück befanden, auf Annis altem Schreibtisch ab. Den Gesprächsfetzen aus ihrem Büro nach zu urteilen, verstanden sich die junge Frau und der mögliche Investor gut genug, dass Katrin sich noch kurz die Zeit nehmen konnte ihr Outfit glatt zu streichen und ihre Atmung zu kontrollieren, um optimal auf die Präsentation vorbereitet zu sein. Sie wollte gerade die Tür zu ihrem Büro öffnen, als Annis Aussage sie innehalten ließ.
„Freiheit hat übrigens auch eine zentrale Rolle für Till Kuhn gespielt. Haben Sie schon mal etwas von der Till-Kuhn-Stiftung gehört? Ein wahres Herzensprojekt von Frau Flemming und jeden Cent, den sie spenden, wert. Wobei ich mir – wenn ich mir Ihren Anzug so ansehe – sicher bin, dass sie auch mehr als einen Cent spenden könnten!“ Als Antwort ertönte ein herzhaftes Lachen.
Diese derart intimen Worte – ein wahres Herzensprojekt von Frau Flemming – ließen Katrin augenblicklich erstarren. Es war nicht das erste Mal, dass sie mitbekam, wie die junge Frau sich kämpferisch für die Stiftung, für Bommel, einsetzte und doch hatte sie diesmal – ohne es zu ahnen – einen sensiblen Nerv bei ihr getroffen. Vergangene Erinnerungen blitzten vor ihrem inneren Auge auf und eine tiefe Traurigkeit überschattete ihre Gesichtszüge. Katrin blinzelte hektisch.
Sie musste dringend wieder einen klaren Gedanken fassen und das konnte sie am Besten mit der knallharten Pflaster-Abreiß-Methode. Entschlossen riss sie ihre Bürotür auf.
Das Erste, was ihr auffiel, war, dass Anni an ihrem Schreibtisch lehnte, offenbar bestens gelaunt
und sich entspannt mit Herrn Sandgarden unterhielt, der auf einem der Stühle lümmelte. Als würden sie sich schon ewig kennen. Als wären sie alte Freunde.
Katrin zog irritiert die Augenbrauen zusammen.
„Hallo, Frau Flemming. Schön Sie persönlich kennen zu lernen.“ Der Mann, der trotz des Anzugs einen formlosen Eindruck vermittelte, stand auf und reichte ihr die Hand. Er wirkte ehrlich und aufgeschlossen. Aus dem Augenwinkel versuchte Katrin mit Anni Blickkontakt aufzunehmen, um irgendwie die Fragezeichen in ihrem Kopf beantwortet zu bekommen. Was war hier nur los? Sie wusste nur allzu gut um Annis unkonventionelle Art, doch das hier hatte nichts mehr mit einem geschäftlichen Treffen zu tun. Sie wurde das Gefühl nicht los, dass sie zu spät zu einer Privatparty erschienen war oder sich im völlig falschen Film befand. Doch die Geschäftsfrau war Profi genug, um sich nichts anmerken zu lassen.
Mit einem Ruck strafte sie ihren Rücken und schüttelte nachdrücklich die Hand des Geschäftsmannes, während sich ein strenges Lächeln auf ihrem Gesicht abzeichnete. Sie würde das Treffen wieder in die richtigen Bahnen lenken.
„Sie haben eine interessante Assistentin, wissen Sie das? Ein wahres Verkaufsgenie.“ Ihr Gegenüber schüttelte amüsiert den Kopf, doch noch bevor die Ältere der beiden Frauen etwas darauf erwidern konnte, berichtigte Anni ihn. „Ehemalige Assistentin.“
Der Investor riss erstaunt die Augen auf, so dass Katrin das Gefühl hatte, sich rechtfertigen zu müssen. „Es war nicht meine Entscheidung.“
So wie diese ganze Situation nicht ihre Entscheidung war, aber sie würde das jetzt ohne mit der Wimper zu zucken, durchziehen und Anni später zur Rede stellen. Sie hätte sie wenigstens vorwarnen können.
„Ich habe in den letzten Monaten die Welt erkundet.“, erklärte derweil die Braunhaarige, weshalb sie nicht länger Teil von KFI war. Herr Sandgarden schmunzelte. „Der Ruf der Freiheit, ich verstehe. Und ab jetzt sind Sie wieder dauerhaft in Berlin? Wenn Frau Flemming sie nicht möchte, ich würde sie sofort als meine Assistentin einstellen.“ Der großgewachsene Mann zwinkerte schelmisch. Ja, so war es schon immer im Business gewesen, auf den ersten Blick waren die Menschen nett, doch sobald sie einen Vorteil für sich witterten, griffen sie unbarmherzig an.
Katrin konnte nur mit Mühe ihren amüsierten Gesichtsausdruck unterdrücken. In diesem Moment hatte sie die Kontrolle über das Gespräch wieder, denn es befand sich in einem Bereich, in dem sie sich nur allzu gut auskannte. Anni schien dagegen ein wenig unsicher. Die Geschäftsfrau spürte, wie die junge Frau sie fixierte und auf eine Reaktion von ihr hoffte. Vermutlich das sie sich heldenhaft vor sie stellen und das Angebot abschmettern würde, um zu zeigen, dass sie ihre ehemalige Assistentin nicht einfach so zur Konkurrenz gehen ließ. Aber das konnte Anni nicht ernsthaft erwarten, oder? Natürlich hatten sie in der vergangenen Nacht wie ein eingespieltes Team zusammengearbeitet, aber die Stelle des Assistenten war nun mal an Patrick vergeben, den sie schlecht nach Monaten, in denen er hervorragend gearbeitet hatte, kündigen konnte.
„Ich finde, das klingt nach einem vielversprechenden Angebot.“, sie lächelte Herr Sandgarden an, um dann die Gunst der Stunde zu nutzen: „Aber jetzt mal zu dem eigentlichen Grund, warum sie hier sind. Ich würde Ihnen gerne die Präsentation vorstellen, wenn Sie nichts dagegen haben.“
„Nur zu.“ Der Blick des Investors blieb noch einige Augenblicke lang auf Anni gerichtet, doch als sie nach wie vor nicht antwortete, wandte er seine Aufmerksamkeit endgültig der Geschäftsfrau zu.
„Ich bin dann mal weg.“ Die Enttäuschung in der Stimme der jungen Frau war nicht zu überhören, doch Katrin zwang sich ihren Blick auf ihre Unterlagen gerichtet zu halten. Ihre Konzentration wäre endgültig dahin, wenn sie ihren Gefühlen erneut den Vortritt lassen würde. Und außerdem konnte sie nicht wirklich nachvollziehen, was in der jungen Frau vorging. Immerhin hatte Anni gestern Abend doch selber noch erklärt, dass es nur erneut zu gebrochenen Herzen führte, wenn sie dort weitermachen würden, wo sie aufgehört hatten. Die Trennung von Beruflichem und Privatem schien ihr daher die logische Konsequenz. Oder irrte sie sich?



„Scheiße, man!“
Anni war sauer, vor allem auf sich selbst, denn so wütend sie auch auf Katrin war, sie wusste, dass sie ihr damit unrecht tat. Ihre eigenen Gedanken waren hier das Problem, wobei sie nicht umhin kam sich wie eine billige Arbeitskraft zu fühlen. Nachts zusammen an einer Präsentation zu arbeiten, war okay, aber danach hatte die Geschäftsfrau kein Problem damit, sie  an die Konkurrenz weiterzureichen. Gut, vielleicht war Katrin doch das Problem.
„Dir auch einen wunderschönen guten Tag!“, empfing Sunny sie, nachdem Anni volle Kanne die Haustür zugeschlagen hatte. Die aufgestaute Energie musste einfach irgendwie raus.
„Ich habe es ja für ein Gerücht gehalten, aber du bist wirklich zurück!“ Lilly strahlte sie an und zog sie kurzerhand in einer Umarmung, was Annis Wut jedoch nur wenig zähmte. Sie war noch nie der Mensch gewesen, der anderen etwas vorspielen konnte, aus diesem Grund versuchte die Braunhaarige gar nicht erst, ihren Missmut irgendwie zu verstecken. Die Arme vor der Brust gekreuzt, die Unterlippe frustriert vorgeschoben, ließ sie sich schwerfällig auf die Couch fallen.
„Ja, ein echter Segen, dass unsere allseits gutgelaunte Mitbewohnerin wieder da ist.“, zog sie Sunny grinsend auf, war dann aber doch an dem Grund für Annis schlechter Laune interessiert.
„Ich habe ein Job angeboten bekommen.“
„Nein, wie furchtbar! Was tut dir das Schicksal damit nur an?“, mischte sich nun auch Lilly ein. Ihr sarkastischer Unterton brachte alle drei Frauen zum Lachen.
„Macht euch nur lustig über mich!“, versuchte sich Anni schließlich zu rechtfertigen, während Tuner so eben den gemeinsamen Wohnbereich betrat. Er grüßte sie kurz, um sich dann am Kühlschrank zu bedienen. Die junge Frau nutzte den Moment, um sich für ihren plötzlichen Abgang am Abend zuvor zu entschuldigen.
Tuner grinste verschmitzt. „Schon gut, ich habe ja gesehen, mit wem du gegangen bist.“
Er zwinkerte ihr verschwörerisch zu, was sogleich Sunny und Lilly auf den Plan rief. Während die beiden Frauen lautstark versuchten Informationen aus ihrer Freundin herauszukitzeln, nahm Annis Gesicht eine  tomatenähnliche Farbe an. „Du Verräter!“, zischte sie in Richtung des einzigen Mannes in der Runde, doch Tuner lachte nur. Anni rollte mit den Augen – hatte sie ihre Freunde wirklich vermisst? Ihr Blick wanderte von einem zu anderen; sie waren übertrieben nervig, kindisch und zogen sie immerzu gegenseitig auf. Anni liebte sie abgöttisch.
Und so beschloss sie ihren Freunden von den vergangenen Stunden zu erzählen, wie sie mit Katrin im Vereinsheim Blicke ausgetauscht hatte, wie sie sich geküsst hatten und danach Falafel essen gegangen waren, dass sie zusammen die Nacht über an der Präsentation gearbeitet hatten und schließlich dass die Geschäftsfrau das Jobangebot der Konkurrenz emotionslos hingenommen hatte.
„Sie schien geradewegs froh darüber, dass sie mich dadurch los ist.“, beendete die Braunhaarige ihren Bericht. Sie verspürte erneut leichten Ärger aufflammen.
Sunny schüttelte nur ungläubig den Kopf. „Ich glaube, da täuschst du dich. Wenn Katrin froh gewirkt hat, dann nur weil sie sicher weiß, dass du in Berlin bleibst, wenn du den Job annimmst.“
Anni war nicht überzeugt, also legte die Blondine nochmal nach. „Du hast das nicht mitbekommen, aber in den letzten Monaten ging es ihr wirklich schlecht. Erst hat sie kaum noch gegessen, dann sich exzessiv in die Arbeit gestürzt. Sie hat niemanden mehr an sich heran gelassen und einmal habe ich zufällig mitbekommen, wie sie in ihrem Büro saß und geweint hat... Es war schrecklich.“
„Du hast Recht, meine Mum hat ähnliches erzählt, aber wir dürfen nicht vergessen, dass Anni das Herz gebrochen wurde und nicht andersherum...“ Bei diesen Worten kuschelte sich Lilly an ihre Freundin und Anni wurde einmal mehr bewusst, wie sehr sie auch ihre Freunde verletzt hatte, als sie mir nichts dir nichts einfach abgehauen war.
Inzwischen waren mehrere Stunden ins Land gezogen und die drei Frauen hockten – Tuner hatte sich in Richtung Vereinsheim verabschiedet – eng beieinander auf dem Sofa und unterhielten sich. Über alles, was sie gerade so beschäftigte und über Dinge, die in Annis Abwesenheit passiert waren. Es gab eine Menge aufzuholen.
Doch irgendwann hielt es Anni nicht mehr aus. Nur zu reden und nicht zu handeln, war nicht ihr Ding. „Wie wäre es mit einem Abend im Mauerwerk? Ich lade euch auch ein!“
„Das musst du auch, nachdem wir heute Morgen ewig am Frühstückstisch auf dich gewartet haben.“, witzelte Sunny und verschwand im nächsten Moment auch schon in ihrem Zimmer, um sich partytaugliche Klamotten anzuziehen. Lilly tat es ihr gleich, während Anni ebenfalls von der Couch aufstand, dabei jedoch aus dem Augenwinkel einen ihr bekannten, aber auch ziemlich fremden Gegenstand ausmachte. Auf der Fensterbank, in der hintersten Ecke lag ihr Handy.
Wie von einer unsichtbaren Hand gesteuert, nahm die Braunhaarige es in ihre Hand und drückte probehalber auf ein paar Tasten herum. Nichts passierte. Das war aber auch kein Wunder, denn wenn das kleine Mobiltelefon nach neun Monaten tatsächlich noch Akkuleistung besäßen hätte, wäre es wohl ein ziemlich sicherer Kandidat für den Guinness-Weltrekord gewesen.
„Hat jemand von euch zufällig ein Ladekabel zur Hand?“
Sie hatte die Frage nicht sonderlich laut gestellt, denn Annis Gedanken überschlugen sich. Katrins Anrufe, ihre Mailboxnachricht.
„Hier, mein Ladekabel und mein Handy, das du nutzen kannst, falls es besonders dringend sein sollte.“  Lilly streckte ihr mit einem Mal beide Gegenstände entgegen, doch Anni konnte ihren Blick noch immer nicht von ihrem Handy lösen. Tausend Emotionen strömten auf sie ein, zwischen Wut, Enttäuschung, Freude und Unsicherheit.
„Ich glaube zwar nicht, dass ich dich davon abhalten kann, ihr zu schreiben. Aber bitte denke auch an dich, Anni, und gib Katrin nicht immer wieder die Möglichkeit dich erneut zu verletzen. Du hast jemanden verdient, der wirklich zu dir steht.“
Die Braunhaarige hob überrascht den Kopf und blickte geradewegs in Lillys sorgenvolle Augen. Sie wollte ihren Freunden keinen Kummer bereiten, aber sie konnte auch nicht einfach das Knistern ignorieren, das nach wie vor zwischen Katrin und ihr herrschte.
Schließlich nahm Anni dankend die Sachen an sich, öffnete blitzschnell die Option für Benachrichtigungen auf Lillys Mobiltelefon und tippte in Windeseile eine Nachricht: 'Anni hier (mein Handy muss erst laden). Sind auf dem Weg ins Mauerwerk – kommst du auch?'
Bevor sie es sich anders überlegen konnte, schickte die junge Frau die SMS auch schon ab. Sich derart anzubiedern, brachte ihr Selbstbild zwar bedrohlich ins Wanken, aber dafür hatte sich die junge Frau bereits eine Gegenstrategie überlegt. Aus ihrer Jackentasche kramte sie die Visitenkarte von Herrn Sandgarden, die er ihr gerade noch so zugesteckt hatte, bevor sie völlig übereilt verschwunden war. Der Präsentation und dem Frühstück hatte sie sich nicht mehr aussetzen wollen.
War das kindisch gewesen? Vermutlich. Und war das, was sie jetzt vor hatte, vernünftiger? Wohl kaum.
Aber wenn Katrin ihr das Jobangebot so empfohlen hatte, dann würde sie es auch annehmen. Schließlich brauchte Anni Geld. Und vielleicht, ganz vielleicht brachte es die Geschäftsfrau auch aus dem Konzept, wenn sie erkannte, dass Anni nicht abhängig von ihr war und kein Problem damit hatte für ein Konkurrenzunternehmen zu arbeiten. Die Nachricht an Herrn Sandgarden, sie erinnerte sich an seine Worte - „Wenn Sie sich heute noch für mein Angebot entscheiden, ruf ich mein Büro an und sie können Montag bereits anfangen“ - war ebenfalls schnell geschrieben, so dass sich Anni keine zehn Minuten später für den Abend im Mauerwerk fertig machen konnte.
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