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Herz oder Kopf?

von MissTea
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Andrea "Anni" Brehme Katrin Flemming-Gerner
10.05.2019
28.06.2019
9
11.873
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25.05.2019 1.296
 
„Hey, kannst du die leeren Gläser von den Tischen abräumen? Dann übernehme ich kurz die Bestellungen.“, fragte Tuner sie und Anni nickte mechanisch. Erst als er ihr ein Tablett vor die Nase hielt, erwachte sie aus der Starre. In ihrem Kopf lief Katrins Kompliment über ihre Haare in Dauerschleife. Angestrengt ließ sie die Luft aus ihren Lungen entweichen und setzte sich mit einem Ruck in Bewegung. Obwohl sie sich alle Mühe gab einen bestimmten Tisch zu übersehen, wanderte ihr Blick fast sekündlich zu Katrin. Sie sah wie die Geschäftsfrau ihr geliebtes Handy aus der Tasche kramte, um es dann unverrichteter Dinge wieder einzustecken, wie sie im Folgenden ihr Getränk umklammerte und doch keinen Schluck trank und wie sie schließlich ihren Kopf anhob und geradewegs zu Anni schaute. Die junge Frau erstarrte erneut mitten in der Bewegung, um sich dann doch zu einem Lächeln hinreißen zu lassen. Ihr Herz pochte laut auf, als sie realisierte, dass Katrin das Lächeln erwiderte. Es gab keinen Grund zu ihr zu gehen – keine leeren Gläser vorhanden – doch Annis Herz übernahm ohne sich darum zu kümmern die Führung. „Das Lächeln steht dir. Das solltest du öfter machen.“
Die grünen Augen ihres Gegenübers blitzten erfreut auf und Anni war sich sicher, von dem vielen Grinsen einen Muskelkater zu bekommen, doch es war ihr egal. Ihr und den Schmetterlingen, die wie wild durch ihren Bauch tobten. Was passierte hier gerade?
Doch noch bevor sie weiter darüber nachdenken konnte, stand Katrin plötzlich auf. Ihr gelöster Gesichtsausdruck war in sich zusammengefallen und sie kramte in ihrer Brieftasche.
Anni zog irritiert die Augenbrauen zusammen. „Habe ich etwas Falsches gesagt?“
Obwohl sie direkt vor der Brünetten stand, schien diese ihre Frage zu überhören. Womöglich mit voller Absicht. Katrin übergab ihr schließlich mehrere Scheine – eindeutig zu viel Trinkgeld – und griff nach ihrer Jacke. Den Blick gedankenverloren nach unten gerichtet, als würde sie sich an einem gänzlich anderen Ort befinden.
Anni geriet in Panik. Eben noch war das seltsam vertraute Kribbeln wieder da und jetzt das! Einem plötzlichen Impuls folgend stellte sie ihr Tablett mitsamt der eingesammelten Gläser auf dem Tisch ab und streckte ihre Hand aus, um Katrin am Arm zu berühren, welche sich so eben an ihr vorbei  schlängeln wollte. Die Geschäftsfrau blickte erstaunt auf. Traurigkeit stand in ihren Augen geschrieben, was bei Anni zu einem Kloß im Hals führte. Eine zentnerschwere Last schien sich in ihrem Bauch anzusammeln, während sie nach der passenden Frage suchte, deren Antwort Katrin davon abhalten würde zu gehen und der ihr zugleich erklärte, was der Grund für diesen abrupten Stimmungswechsel war.



„Ich respektiere deine Entscheidung.“ Katrin sah, wie ihr Gegenüber bei diesen Worten erschauderte. Anni senkte ihre Hand, die noch Sekunden zuvor einem Defibrillator ähnelnd Stromstöße durch den Körper ihrer ehemaligen Chefin geschickt hatte. Für einen kurzen Augenblick schienen die neun Monate der Trennung nicht zu existieren, doch dann wollte es die junge Frau genauer wissen: „Meine Entscheidung?“
Katrin seufzte. Sie stand nur wenige Zentimeter von Anni entfernt, atmete ihren vertrauten Duft ein und realisierte, dass es ihr gerade ganz und gar nicht leicht fiel die Kontrolle zu behalten. Und zwar über sich selbst. Das sie sich wieder so nah sein würden, davon hatte sie schon seit Monaten nicht mehr zu hoffen gewagt. Doch nur weil man nah beieinander stand, hieß das nicht, dass man sich auch innerlich nah war. Es war eine ganze Menge passiert und sie hatte keine Ahnung inwieweit sich Anni verändert hatte. Äußerlich ein wenig, ja. Aber was war sonst noch mit ihr geschehen? Wie und wo hatte sie gelebt? Wen hatte sie getroffen? Was für ein Mensch war sie jetzt?
Sie brauchte dringend Zeit, um das alles zu verarbeiten.
„Ja, deine Entscheidung nicht auf meine Anrufe oder die Mailboxnachricht zu reagieren.“ Sie versuchte es mit einem nichtssagendem Lächeln, scheiterte aber kläglich. Anni sah sie immer noch fragend an; öffnete den Mund und schloss ihn dann wieder. Wusste sie nicht was Katrin meinte?
Die Ältere der Beiden überlegte, ob sie ihr Handy hervor holen sollte, um Anni die Anrufe zu zeigen, doch da fiel ihr ein, dass sie ja sämtliche „Beweise“ gelöscht hatte. Na ja, bis auf die Kopien, die sich in ihrem Büro befanden – aber selbst wenn sie die Anni zeigte, würde sich ja an der Ausgangssituation nichts ändern, oder? Neun Monate blieben neun Monate. Man konnte die Zeit nicht einfach zurückdrehen.
Mit einem entschuldigenden Blick zwängte sie sich erneut an der jungen Frau vorbei, dieses Mal wurde sie nicht aufgehalten. Selbstsicher wie eh und je ging Katrin in Richtung Tür, auch wenn ihr eher nach Selbstmitleid und Verzweiflung zumute war.
„Katrin, warte.“ Sie hörte Annis Stimme, doch noch traute sie sich nicht anzuhalten oder gar umzudrehen – was wäre wenn das Ganze nur einer Fata Morgana glich? War sie tatsächlich schon so verzweifelt?
Aber noch im selben Moment spürte sie wie eine Hand erneut ihren Arm berührte. Wie menschliche Wärme ihr eingefrorenes Herz zum Schmelzen brachte, wie sie den Atem anhielt.
„Ich glaube, Maren hatte Recht. Wir sollten tatsächlich mal miteinander reden.“ Anni war nur wenige Zentimeter von ihr entfernt. Es machte Katrin nervös, doch dieses Mal auf eine positive Art und Weise. Sie nickte leicht. „Wenn du meinst.“
Vergessen war ihre selbst auferlegte Disziplin, in ihrem Kopf war nur noch ein Gedanke: Lass es zu.
Kam das von Bommel? Katrin sah, wie Anni zur Bar ging, ihre Jacke schnappte und ihren Abgang ankündigte, dann zu ihr zurückkehrte und die Tür aufhielt. „Wollen wir?“



Sie schlenderten nebeneinander her, der untergehenden Sonne entgegen und auf einer zunehmend leereren Straße. Es fühlte sich fast schon normal an, zu normal, wenn man bedachte, was alles an ungeklärten Dingen zwischen ihnen lag. Schließlich hielt es Anni nicht mehr aus, sie betrachtete Katrin von der Seite, die eindeutig zu bemüht nach vorne starrte.
„Ich wusste nicht, dass du mich angerufen hast, weil ich mein Handy nicht mitgenommen habe.“, die Ältere der Beiden blieb abrupt stehen, während Anni leise hinzufügte: „Also, als ich von dem Festival losgezogen bin. Ich habe mein Handy zurückgelassen.“
Sie sah, dass Katrin sich alle Mühe gab ihre Fassungslosigkeit zu überdecken, doch die junge Frau kannte sie einfach zu gut. Sie gab der Braunhaarigen den Raum sich zu sammeln, obwohl es ihr geradezu unter den Nägeln brannte. Wie oft hatte Katrin sie angerufen und was hatte sie ihr sagen wollen?  
„Du... du hast nichts von meinen Anrufen gewusst? Und auch nicht die Mailboxnachricht -“ Sie brauchte es nicht mal auszusprechen, da schüttelte Anni bereits den Kopf und der Gesichtsausdruck der taffen Geschäftsfrau wandelte sich von Ungläubigkeit in Furcht. Sie schluckte mehrfach und blickte gedankenverloren in die Ferne. Schüttelte unnachgiebig den Kopf.
„Aber das macht doch nichts, oder?“ Natürlich machte das etwas. Anni erstarrte, als Katrins Augenbrauen nach oben schnellten. Wie blöd war sie eigentlich? Offensichtlich hatten diese Anrufe inklusive der Mailboxnachricht eine enorme Bedeutung für ihr Gegenüber. Doch noch wollte sie sich nicht so schnell geschlagen geben.
„Und was ist, wenn du mir jetzt einfach sagst, was du... na ja, was du damals auf meine Mailbox gesprochen hast? Ich meine, ich werde es mir sowieso anhören, zumindest wenn ich mein Ladekabel wiedergefunden habe.“ Sie grübelte kurz, ehe sie weiter sprach. „Ausgenommen du würdest das jetzt nicht mehr so sagen, vielleicht hat sich deine Meinung geändert... wobei eigentlich weiß ich ja gar nicht, was du gesagt hast und vielleicht war es etwas total Unverbindliches und ich mache jetzt eine Riesenwelle daraus ...“
„Mach die Augen zu!“
„Was?“ Katrins schneidende Stimme brachte sie zurück in die Realität. Die Geschäftsfrau sah sie entschlossen an, als hätte sie eine Entscheidung getroffen. Es war diese selbstsichere Art, die viele an ihr fürchteten, doch Anni so gut  fand. Auch nach all der Zeit.
Kurz legte sich ihre Stirn in Falten, aber dann schloss sie ohne zu Zögern die Augen. Sie vertraute Katrin.
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