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Herz oder Kopf?

von MissTea
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Andrea "Anni" Brehme Katrin Flemming-Gerner
10.05.2019
28.06.2019
9
11.873
4
Alle Kapitel
37 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
21.05.2019 982
 
Hallo zusammen,
erneut danke für die vielen Rückmeldungen! Ich weiß, die Anfangskapitel ziehen sich etwas, aber es lohnt sich dran zu bleiben.
Ich habe am Wochenende einiges vorgeschrieben und bin schon super neugierig, wie eure Reaktionen diesbezüglich ausfallen werden :) Jetzt aber erst mal zu diesem Teil, der nicht umsonst 'Blicke sagen mehr als tausend Worte' heißt...

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Als Katrin das Vereinsheim betrat, fielen ihr zuerst die vielen Leute auf. Aber klar, es war Freitagabend – wer ein Privatleben hatte, ging heute feiern. Da ihr liebster Lebenspartner allerdings die Arbeit war, hatte sie ihr Handy griffbereit in ihrer Handtasche verstaut, um noch ein paar Geschäftsmails abzuschicken. So ganz konnte sie jetzt doch noch nicht in den Feierabend gehen.
Zuversichtlich lief die Geschäftsfrau zum Tresen, um sich ein Getränk zu besorgen, mit dem sie wenigstens ein bisschen abschalten konnte. Sich so ganz allein zu betrinken, war nicht ihr Stil, aber die Erfahrung sagte ihr, dass sie sich für Maren erst eine richtige Entschuldigung überlegen musste und das am Besten schnell, denn die Mittagessen mit ihrer besten Freundin waren in den letzten Monaten zu einer Konstante geworden, die Katrin nicht missen wollte.
Auch wenn sie sich sicher war, dass Maren bei Anni vollkommen falsch lag – die junge Frau hatte
sich nicht mehr bei ihr gemeldet und ihr dadurch unverständlich zu verstehen gegeben, dass sie ihr nicht verzeihen würde. Das Kapitel war abgeschlossen.
„Guten Abend, ich hätte gerne -“
Mitten im Satz erstarrte die Brünette, denn so völlig in ihre Gedanken versunken, hatte sie nicht wahrgenommen, auf wen sie da beim Tresen zugesteuert war. Anni sah sie mit ihren großen brauen Augen an, mindestens genauso überrascht. Sie biss sich auf die Lippen und versuchte vergeblich ihre Emotionen zu verbergen. Doch gegen die Pokerface-Königin hatte sie keine Chance, wobei die Ältere der Beiden die zweite ungeplante Begegnung an diesem Tag ebenfalls nicht kalt ließ. Katrins Herz pochte und ihr Blut rauschte mindestens doppelt so schnell durch ihre Adern. Ihr Mund fühlte sich rau und trocken an und wie schon Stunden zuvor fehlten ihr die Worte. Zumindest die wirklich Wichtigen. „Du hast ja schnell wieder einen Job gefunden.“
Es klang härter als beabsichtigt und innerlich hätte sie sich dafür selbst eine Ohrfeige geben können.
Doch nach all den Jahren lief ihre persönliche Notfall-Strategie automatisch ab, sie konnte sich quasi gar nicht dagegen wehren zu einem emotionslosen Eisklotz zu mutieren, sobald sie sich auch nur ansatzweise ihrer Kontrolle beraubt fühlte. Es passierte einfach.
Die junge Frau vor ihr zuckte mit den Schultern, während ihr Blick auf einen Punkt hinter Katrin gerichtet war. „Ich helfe einem Freund.“ Sie schluckte mehrfach hintereinander, ehe sie es wagte ihre Augen erneut auf Katrin zu richten. Der Geschäftsfrau stieg die Hitze in den Kopf und sie begann ihre Hände auf dem Tresen abzustützen, damit niemand – vor allem nicht Anni – merkte, dass ihre Finger angefangen hatte zu zittern. „Ich hätte dann gerne ein Bier.“
„Ein Bier?“ Anni gab sich keine Mühe, ihre Verwunderung zu verstecken, was bei Katrin zu einem leichten Lächeln führte. Sie freute sich, dass sie die junge Frau auch nach all den Monaten der Trennung noch aus der Fassung bringen konnte.


„Okay, kommt sofort.“  
Als Anni sich umdrehte, um ihrer ehemaligen Chefin und Geliebten das Bier zu besorgen, wischte sie sich unauffällig ihre Hände an der Hose ab. Sie waren schweißnass und dabei hatte sie mit Katrin gerade mal zwei Sätze gesprochen. Anni wusste nicht, ob es daran lag, dass sie erneut so unvorbereitet aufeinander getroffen waren oder ob sie das Ganze doch überschätzt hatte. Katrins abgeklärte Art einige Stunden zuvor, hatte sie glauben lassen, dass sie beide mit dem Ganzen durch wären und von nun an neutral miteinander umgehen würden. Doch jetzt die Sache mit dem Bier.
Seit wann trank Katrin Bier? Oder wollte sie Anni damit nur aus der Reserve locken?
Unweigerlich schüttelte sie den Kopf. Menschen veränderten sich, sie war ja das beste Beispiel dafür. Sie sollte also nicht anfangen irgendwas zu interpretieren, was eigentlich nichts zu bedeuten hatte. Sie sollte einfach nur ihren Job machen.
Schwungvoll stellte sie die Bierflasche auf dem Tresen ab und versuchte sich sogar noch an einem entspannten Lächeln, was aber mehr wie eine Fratze wirken musste. „Dein Bier.“
„Danke.“ Katrin nahm das Getränk in die Hand und war gerade dabei den Bereich für die Bestellungen freizuräumen, als sie mitten in der Bewegung innehielt und sich erneut zu Anni umdrehte. Diese sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. Hatte sie etwas vergessen? Bezahlt wurde erst am Ende – das musste Katrin doch eigentlich wissen.
„Die langen Haaren stehen dir ziemlich gut, auch wenn mir die Kürzeren ebenfalls sehr gefallen haben.“ Ohne mit der Wimper zu zucken oder auf Annis Antwort zu warten, machte sie sich auf dem Weg durchs Getümmel, um einen Sitzplatz zu suchen. Die junge Frau blieb entgeistert zurück.


Sie hatte das nur gesagt, weil Maren sie feige genannt hatte. Und wenn Katrin eins nicht leiden konnte, dann das jemand mit seinen Anschuldigungen auch noch Recht behielt. Doch was hatte sie jetzt davon? Ihr ganzer Körper zitterte unkontrolliert und es grenzte an ein Wunder, dass sie die Bierflasche noch nicht fallen gelassen hatte. Völlig entkräftet ließ sie sich auf einen freien Stuhl fallen und nahm einige tiefe Atemzüge. Die Leute beschrieben sie als 'taff' und 'bestimmend', hatten teilweise sogar Angst vor ihr – doch wie sah die Wahrheit aus? Sie war auch nur ein Mensch.
Und dieser Mensch schaute jetzt doch nochmal zurück zum Tresen und geradewegs in Annis Augen. Als hätten sie einen Peitschenhieb verpasst bekommen, unterbrachen beide Frauen sofort den Blickkontakt. Die Stimme in Katrins Innerem schrie, sie solle gefälligst aufstehen und nach Hause gehen, wenn sie nicht wollte, dass irgendjemand ihr seltsam unsicheres Verhalten bemerkte.
Und doch blieb sie sitzen. War es eine unentdeckte masochistische Ader oder die Verzweiflung darüber, dass sie möglicherweise morgen aufwachen und feststellen würde, dass sie das alles nur geträumt hatte?
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