Gefährdet nie die Bruderschaft

GeschichteAbenteuer, Drama / P12
09.05.2019
15.05.2019
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Dem Großmeister Frederico Bianchi entwich ein Seufzen, während er die Papiere auf die Seite schob. Weder hatte er eine konkrete Spur gefunden noch brachten ihn diese Unterlagen sonst irgendwie weiter.

Das alles war einfach nur frustrierend.

Langsam erhob er sich von seinem Stuhl und ging nach links zu einer kleinen Kommode. Mit ruhiger Hand leerte er ein wenig von dem Wein in einen Krug, um den Rest dann mit Wasser aufzufüllen. Schließlich musste er einen kühlen Kopf bewahren.

Kaum hatte er einen Schluck zu sich genommen, waren Schritte zu hören, die sich langsam näherten. Der ältere Mann schien nicht überrascht zu sein. Stattdessen setzte das Gefäß wieder auf das Möbelstück und blickte nach rechts zu der offenen Türe.

Er kannte diesen Gang. Und der sich anbahnende Besuch kam nicht unerwartet.

Alessandro Leone, bester Freund und einer der wenigen Meisterassassinen des Florentiner Ordens, kam lächelnd in sein Blickfeld.

Er trug wie so oft seinen hellgrauen Waffenrock, allerdings hatte er kurz vor dem Eintreten seine Kapuze zurückgezogen, so dass sein Kopf gut zu erkennen war. Ein freundliches Gesicht, das geradezu provozierend harmlos wirkte. Schwarze kurze Haare, die sich leicht wellten, dazu dunkelbraune Augen, die offen ihren Gesprächspartner fixierten. Seine Lippen waren eher schmal und wurden von einem ordentlich gestutzten Oberlippenbart begleitet. Sein Kinn war durchschnittlich und unauffällig. Das einzig markante in seine Gesicht war seine Nase – nicht nur dass sie etwas zu groß geraten war, nein, sie kam auch ein wenig krumm daher, wohlmöglich als Folge einer Schlägerei. Dieser Gegensatz bewirkte eine gewisse Komik, was so gar nicht zu einem gewieften Meuchelmörder zu passen schien. Eine Wirkung, die vermutlich bewusst so hervorgerufen werden sollte. Die zahlreichen Wurfmesser, Dolche und das Schwert zur Rechten im Waffengürtel zeigten jedoch die Wahrheit nur zu deutlich – von möglichen versteckten Klingen und sonstigen Mordinstrumenten ganz zu schweigen.

Die Laune des Großmeisters hob sich sofort ein wenig. Ein Lichtblick!

„Salute, Sandro!“ rief er aus und ging sofort auf seinen Gast zu.

Salute, amico mio“. Eine kurze freundschaftliche Umarmung, dann zwinkerte der Besucher seinem Freund verschwörerisch zu. „Wie läuft es, erhabener Großmeister? Suchst du immer noch die berühmte Nadel im Heuhaufen, oder warst du mittlerweile erfolgreich?“

„Mehr Respekt, wenn ich bitten darf!“

Frederico schüttelte tadelnd den Kopf, aber seine funkelnden Augen zeigten keinen Ärger, sondern vielmehr Belustigung. Der Assassine war bekannt für seine lockere und bisweilen freche Art, Dingen beim Namen zu nennen.

Dies war unter anderem der Grund für ihre innige Freundschaft – Bianchi war dankbar für diese erfrischende Ehrlichkeit und einen klugen Kopf an seiner Seite zu wissen.

Davon abgesehen, tat ein wenig Humor ihrer Sache gut und machte es auch für ihn leichter, die Bruderschaft in eine gute Richtung zu lenken.

„Du bist also noch nicht weitergekommen“, schlussfolgerte Leone und ignorierte damit den scherzhaften Tadel des Meisters.

„Nein! Die Beobachtungen unserer Spione oder sonstigen Kontaktpersonen sind leider absolut nichtssagend“, war denn auch die grummelnde Antwort, ehe er in einem etwas freundlicherem Ton fragte: “Möchtest du etwas trinken?“

Con molto piacere, Frederico. Draußen ist es doch recht schwül.“

„Schenk dir einfach an“, schlug der Ältere vor und deutete auf das Wasser und den Wein. „Es ist genug da.“

Alessandro ließ sich das nicht zwei Mal sagen. Rasch griff er nach einem leeren Trinkgefäß und füllte es großzügig mit der roten Flüssigkeit, gut zwei Drittel. Erst dann ergänzte er den Inhalt mit Wasser und probierte einen Schluck.

„Ein guter Tropfen“, lobte er. „Fast zu schade ihn zu verdünnen. Wo hast du ihn her?“

„Von einem Freund aus der Gegend hier“

„Er versteht sein Handwerk.“ Der Auftragsmörder trank erneut, ehe er fortfuhr: „Aber um auf deine Nachforschungen zurückzukommen – dass es schwer ist, etwas herauszufinden, wundert mich nicht. Die Templer sind vorsichtig geworden. Durch Ezio Auditore haben sie erkannt, was ein einzelner Mann ausrichten kann. Das haben sie nicht vergessen, auch wenn sich der Mentor schon vor seinem Tod zurückgezogen hatte. Sein Wein war übrigens auch nicht übel, habe ich mir sagen lassen.“

Ma si, das habe ich auch gehört, wenn ich auch nie davon gekostet habe.“

Beide schwiegen einen Moment. Es war Frederico, der das Schweigen brach. „Sein Einfluss wirkt immer noch nach. Er hat die italienische Bruderschaft gestärkt, bis heute.“  

Leone wirkte nachdenklich als er entgegnete: „Ich vermute, dass die Templer die Hinrichtung seines Vaters und der Brüder heute als großen Fehler ansehen. Wer weiß, ob er sich sonst so stark für unsere Sache eingesetzt hätte. Man nahm ihm seine halbe Familie und in unserem Orden fand er eine neue.“

„Schwer zu sagen. Vergiss nicht, Giovanni und Mario waren beide auch sehr aktiv und hätten ihn früher oder später ausgebildet“, widersprach der Ältere.

Erneut verstummen beide und hingen ihren Gedanken nach. Es war der Großmeister, der das Gespräch wieder aufnahm: „Im Prinzip sind diese Dinge genauso ungewiss wie unser Erfolg, den Edensplitter zu finden. Und so dankbar ich Auditore für seinen damaligen Einsatz bin, so sehr lähmt es unsere Gemeinschaft auch. Viele verehren ihn als einen Heiligen und sind überzeugt, dass er wiederkommen wird. Du kannst es dir aussuchen –entweder sie glauben, er sei gar nicht tot oder er soll aus Geist wiederkehren.“

„Du übertreibst“, lachte der andere. „Als Geist – Assurdo!

„Novizin Carla schwört, ihn gesehen zu haben. Als etwa vierzigjähriger Mann in einer grauen Robe“. Francescos Stimme nahm nun einen resignierten Klang an. „Und er sei in der Menge einfach so verschwunden, als sie in seine Richtung geeilt sei.“

„Carla ist noch jung und hat ihn nie lebend gesehen. Sein Aussehen kennt sie aus Beschreibungen und Gemälden. Da ist es einfach, ihn in das Gesicht eines Fremden hineinzudeuten“. Alessandro deutete auf den Tisch. Es war nicht schwer zu erraten, dass die dort liegenden Dokumente wichtig waren.  „Da wir aber gerade beim Thema sind – was ist mit Roma? Hast du hier auch keine Neuigkeiten?“

„Bisher nicht. Aber er ist dran. Seine Mission braucht Zeit.“

Si. Nicht ganz einfach. Aber wenn jemand es schaffen kann, dann die Klinge.“

‚Die Klinge‘ hatte ihren Spitzname bereits nach der ersten Mission für die Bruderschaft erhalten.  Gekonnt hatte er seine Zielpersonen mit dieser versteckten Waffe eliminiert. Obwohl er auch mit anderen Waffen umgehen konnte, schien dies sein liebtes Mordinstrument zu sein. Er war bereits im Besitz einer Doppelklinge gewesen, als er zum Orden gestoßen war, was selten genug vorkam. Dieser Mann musste reiche Gönner gehabt haben und war allen, außer Rodriguez, der ihn angeschleppt hatte, ein Rätsel. Denn das war seine seltsame Forderung gewesen, als er ihnen beigetreten war. Keine Rückfragen nach seiner Herkunft oder Namen.

Eine ungewöhnliche Art, sich einzuführen – da der Spanier aber für ihn gebürgt hatte und Bianchis Menschenkenntnis ihn selten trog, hatte er sich einverstanden erklärt.

Die Klinge hatte ihre ersten Aufträge mit Bravour bestanden und der Großmeister hatte somit endlich den geeigneten Kandidaten gefunden, um den Templerorden in Rom zu schwächen, bestenfalls komplett zu zerschlagen. Dafür war Geduld nötig, die leider nicht viele in der Gemeinschaft aufbrachten.

Sein Blick traf sich mit dem Leones, der nun seinerseits seine Hand auf die Schulter des Freundes legte. „Du solltest die Hoffnung nicht aufgeben. Vielleicht hat er mittlerweile ja etwas erfahren? Die Stadt ist nun mal weit weg, da brauchen Nachrichten entsprechend lange. Er muss umsichtig handeln und vorsichtig agieren, wenn er Nachrichten verschicken lässt.“

„Ja, ich weiß, Sandro. Und seine Beobachtungen haben auch schon Früchte getragen. Wir kennen nun einige der Drahtzieher im Templerorden und er hat auch schon eine Person entdeckt, die wir vielleicht auf unsere Seite ziehen können.“

„Ein möglicher Verräter in der Riege unserer Feinde?“ Vergnügt grinste der Meuchelmörder in das Gesicht seines Freundes. „Das klingt doch ganz nach meinem Geschmack. Wie heißt der Kerl?“

„Das weiß ich noch nicht. Die Klinge nannte in seiner Botschaft keinen Namen. Es klang so, als wolle er die Person noch testen und vielleicht war es ihm auch zu riskant, konkreter zu werden.“

„Dann hoffe ich mal, dass er weiter auf seinem Posten bleibt und mehr herausfindet. Weißt du sonst noch was?“

„Komm zum Tisch, dann zeige ich es dir.“

Dort angekommen, nahm der ältere Mann jedoch nicht die Papiere vom Stapel, sondern zog eine Schublade heraus, die sich direkt unter der Tischplatte befand. Stolz griff er nach dem Inhalt und drückte Alessandro ein mit Leder umwickeltes Päckchen direkt in die Hand.

Cos‘è?“

„Mach es einfach auf. Es interessiert mich eh, was du davon hälst.“

Bene.“ Geschickt löste der Assassine den Knoten des Bandes, welches das Bündel zusammenhielt und schlug das braune Leder vorsichtig auseinander. Beschriebene Blätter kamen zum Vorschein – etwas mitgenommen, aber die Notizen darauf waren deutlich und akkurat geschrieben.

„Dein Vorzeigemörder hat eine schöne Handschrift“, erklärte Alessandro ironisch. „So akkurat wie er die Doppelklinge führt, nehme ich an?“

„Ich bin froh, dass er schreiben kann. Wenn ich mich recht erinnere erwähnte er, sein Vater habe es ihm beigebracht. Er schien aber nicht weiter darüber reden zu wollen, also ließ ich das Thema fallen.“

„Seltsam.“ Der Auftragsmörder runzelte die Stirn. „Man kann davon ausgehen, dass etwas vorgefallen ist. Man stößt nicht ohne Grund zu unserem Orden. Entweder die Vorfahren waren bereits Assassinen und es ist sozusagen eine tradizione di famiglia, oder man hat seine Wurzeln verloren, warum auch immer. Andere Gründe sind selten. Kein Italiener würde grundlos seine Familie gefährden.“

Bianchi zuckte mit den Schultern. „Rodriguez brachte ihn her und vertraut ihm. Das genügt mir.“

„Hm. Meinst du, der Spanier weiß alles über ihn und auch, warum er über die Vergangenheit nicht sprechen möchte?“, überlegte sein Gesprächspartner.

„Ich gehe davon aus. Du weißt, dass er unsere Leitsätze sehr ernst nimmt und nie unsere Bruderschaft gefährden würde.“

„Ja, da gebe ich dir recht. Er ist zwar kein Italiener, aber ich kenne kaum jemanden, der unserem Kredo so verbunden ist wie er.“

„Davon abgesehen, hättest du Rodriguez Schüler auch nicht nach Roma geschickt, wenn du nicht insgeheim viel von ihm halten würdest.“, ergänzte der Assassine mit einem Lächeln.

„Schüler?“ Der Leiter des Ordens kratzte sich nachdenklich das Kinn.

„Ja ich gebe zu, das ist für diesen Mann nicht der passende Ausdruck“, lachte Leone. „Er ist für sein Alter verdammt gut – schon fast zu gut. Ich bezweifle, wer von uns beiden der bessere wäre, käme es zu einem Kampf“

„Sofern er seine Mission erfolgreich beendet, wirst du wohl einen neuen Meisterassassinen in unserer Mitte begrüßen können. In seinen Aufzeichnungen kannst du auch sehen, dass er neben einer schnellen Klinge einen klugen Geist besitzt.“

„Warum willst du dann meine Meinung wissen, wenn du jetzt schon so voller Lob für ihn bist?“ Alessandro schüttelte amüsiert den Kopf und legte die Aufzeichnungen mittig auf den Tisch. Da die anderen Unterlagen seitlich akkurat aufeinander zu einem Stapel geschichtet lagen, war auf der Tischplatte noch genug Platz.

Ungefragt griff er nach einem Stuhl, setzte sich und begann, die Aufschriebe zu studieren. Jedes einzelne Blatt las er sorgfältig und genau durch, bevor er es zur Seite legte und zum nächsten griff.

Bianchi zeigte sich geduldig. Zwischendurch trank er aus seinem Krug und sorgte dafür, dass auch Leone keinen Durst litt – aber meist saß er einfach gegenüber und wartete stumm, bis der Assassine die Durchsicht der Dokumente beendet hatte.

Es verging etwa ein Stunde, bis dies so weit war und der Jüngere endlich aufsah.

Allora! Was sagst du?“ So ruhig Frederico bisher gewartet hatte, so drängend klang mit einem Mal seine Stimme.

Piano, piano!“, lachte Alessandro. „Wie lange hat dein Mann gebraucht, um all die hier zusammenzutragen?“

„Etwa sechs Monate. Wir mussten seine Mission allerdings fast ein ganzes Jahr lang vorbereiten.“

„Zeit ist relativ. Bene. Er hat auf jeden Fall gute Arbeit geleistet. Eine Liste mit mehreren Templern, die uns bisher unbekannt waren sowie deren Gewohnheiten, Schwächen und ihre Stellung innerhalb des Ordens. Ich würde sagen, der Aufwand war es wert und ich kann ihm nur für das gute Ergebnis gratulieren. Wir könnten nun ihre Zelle in Rom empfindlich schwächen, würden wir diese Männer eliminieren.“

„Sie sind aber auch unsere einzige Verbindung zu dem Edensplitter, die die Templer versteckt haben“, widersprach Frederico.  „Daher möchte ich unseren Assassinen noch nicht von der Sache abziehen.“

„Dann hoffen wir, dass er etwas herausbekommt, bevor sie von der Sache Wind bekommen und untertauchen.“ Sein Freund schien nicht hundertprozentig überzeugt. „Was ist mit der Frau? Lucia Greco?“

„Lucia Greco? Wie kommst du auf sie?“

„Du hast sie in der Vergangenheit mehrfach erwähnt, amico mio. Und sie hält sich doch ebenfalls in Roma auf, oder irre ich mich?“

No, du hast recht, certo“, bestätigte sein Freund. „Was sie betrifft, so ist ihre Person natürlich auch Inhalt meines Plans.“

„Dann lass die Andeutungen sein und erkläre es mir einfach.“

Ein feines Lächeln umspielte die Lippen des Großmeisters. Alessandro würde sich nie ändern, egal, wie lange er aufgrund irgendwelcher Aufgaben für die Bruderschaft unterwegs war.

So erhob er sich von seinem Stuhl und ging erneut zur Kommode, um sich etwas Wasser nachzuschenken.

Danach erläuterte er seinem interessierten Zuhörer, wie die Assassinen diesmal gedachten, den Templern ein Schnippchen zu schlagen und endlich die Oberhand zu gewinnen.



A/N:

Ich kann kein Italienisch, daher bin ich über mögliche Fehlerhinweise natürlich sehr dankbar. Danke Severin Sesachar für die hilfreiche Beratung
 
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