(K)Einer von Ihnen

von Mounira
KurzgeschichteDrama, Angst / P12
09.05.2019
09.05.2019
1
3278
1
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
 
Liebe Leser,
nachdem ich vorgestern die Folgen 946-48 gesehen habe, bin ich dann auch endlich dazu gekommen, eine Story mit Till in der Hauptrolle zu schreiben. Das Ergebnis habt ihr hier vor euch liegen. Keine Ahnung, ob ich alles mit Tills Familie richtig in Erinnerung behalten habe. Ansonsten seht's als künstlerische Freiheit an ;-)
Eine kurze Warnung sei an dieser Stelle noch gegeben: In dieser Geschichte werden manipulatives Verhalten, Selbsthass, Selbstwertprobleme und selbstverletzendes Verhalten (SVV) thematisiert. Außerdem enthält sie keine Dialoge. Es gilt also wieder mal: Don't like? Don't read!

(K)Einer von Ihnen


Auch wenn er es nicht zugeben wollte, Till hatte gleich gewusst, dass Martha Recht behalten würde, als sie ihm neulich sagte, er würde am Ende ganz alleine da stehen.
Rein äußerlich hatte er sich von ihren Worten natürlich völlig unbeeindruckt gezeigt, während er sich innerlich einzureden versucht hatte, es würde schon nicht so schlimm werden. Irgendwie war er wohl davon ausgegangen, dass ihn die Erfahrung abgehärtet hatte. Dass es dieses Mal nicht so entsetzlich wehtun würde, wenn er mittendrin und doch spürbar nicht dabei war. Wenn er zusah, wie andere problemlos miteinander lebten – und er außen vor stand, weil er sich nicht integrieren konnte. Oder wollte. Das war immer die spannende Frage bei ihm: Wollte oder konnte er nicht?

Vielleicht war er wirklich nicht in der Lage dazu, vom hohen Ross seines Stolzes zu steigen, seine Fehler einzugestehen und auch mal anderen Leuten den Vortritt zu lassen. Till hatte es schon vor einigen Jahren nicht ertragen, einen Stiefvater vor die Nase gesetzt zu bekommen. Ebenso wenig hatte er es verkraftet, plötzlich seine Mutter und sein Zuhause mit Halbgeschwistern zu teilen. Für ihn waren seine Mutter und er ein Team gewesen, in dem es keine freien Plätze mehr gab. Eine kleine Elite, die sich wacker durchs Leben schlug. Die zusammenhielt, komme, was da wolle. Für die er immer stark gewesen war und von der er im Gegenzug dafür mit Aufmerksamkeit und Anerkennung überschüttet worden war. Exakt so war es auch in seinem alten Freundeskreis und in seinem damaligen Sportverein gelaufen. Till war eben seit je her einer, der immer ganz vorne mitspielte und dafür selbstverständlich auch die Lorbeeren einheimste.
Sobald dem mal nicht so war, überkam ihn gleich das beängstigende Gefühl, alles, wofür er je gekämpft hatte, rinne ihm unaufhaltsam durch die Finger. Als wäre er nicht mehr wichtig, als hätte er nichts mehr zu sagen. Als verliere er die Kontrolle über sein Leben und seine Mitmenschen. Dieser persönliche Super-GAU ließ sich nur verhindern, indem Till alles daran setzte, die Spielregeln des Lebens so zu gestalten, dass sein Sieg vorprogrammiert war. Schließlich mochte bewunderte jeder Gewinner.

Auch seine Mutter hatte es einst bewundernswert gefunden, dass Till seinen ganz eigenen Kopf hatte und seine Ziele außerordentlich diszipliniert verfolgte. Dass er in der Schule und auf dem Sportplatz immer 150 Prozent gab, um einer der Besten zu sein. Jeder Sieg und jedes Sehr Gut hatten ihm die Liebe seiner Mutter gesichert, indem sie dafür gesorgt hatten, dass sich andere Eltern positiv über seine Leistungen äußerten. Dazu musste doch seine Erziehung, seine Mutter, einen erheblichen Teil beigetragen haben. Anders war das doch gar nicht zu erklären. Frau Hainzinger hatte die Komplimente ein jedes Mal dankend entgegen genommen und die Bewunderung ungefiltert an ihren Sohn weitergegeben. Till war ihr ein und alles gewesen. Ihr ganzer Stolz. Natürlich hatte er tun und lassen dürfen, was er wollte.

Erst in der neuen Familienkonstellation hatten sich Tills ungebremste Egozentrik und unbedingter Durchsetzungswille als problematisch erwiesen.
Problematisch.
Was war das überhaupt für ein Wort, um ein Kind zu beschreiben? Till konnte sich noch viel zu gut an den Tag erinnern, an dem ihm seine Mutter und Lutz im Wohnzimmer gegenüber gesessen und die Situation daheim als problematisch beschrieben hatten. Offiziell wegen all der Veränderungen, die sich durch den Zusammenzug und das erst wenige Wochen alte Baby ergeben hatten. Inoffiziell jedoch ausschließlich wegen Tills Benehmen.

Er hatte das selbstverständlich vollkommen anders gesehen. Er hatte es ganz normal gefunden, keine negativen Veränderungen zu akzeptieren. Wer wollte denn bitte von einem Tag auf den nächsten nur noch die zweite Geige spielen? Und wer wollte die Stellung verlieren, die er sich ein Leben lang hart erarbeitet hatte? Und wer wollte zurückstecken, damit seine Mutter wildfremde Kinder mit der Aufmerksamkeit beglückte, die einem selbst zustand? Till war ihr Sohn, verdammt! Und seine Mutter und Lutz, sie hatten Till einfach entmachtet. Früher wäre das Frau Hainzinger im Traum nicht eingefallen, aber ihr Lutz war ein verfluchter Mistkerl, der sie so lange einer Gehirnwäsche unterzogen hatte, bis sie die Spielregeln, die sich im Laufe der Jahre zwischen ihr und Till eingebürgert hatten, nicht mehr toleriert hatte. Es waren jene Regeln, nach denen Till grundsätzlich gewann und die seine Bedürfnisse prinzipiell vorn an stellten. Es waren die einzigen Regeln, nach denen Till je zu leben gelernt hatte.

Das Internat war ihm als Übergangslösung verkauft worden und Till hatte sich dort auf die gleiche Art und Weise etabliert, wie er es sonst auch zu tun pflegte: Indem er einen elitären Kreis um sich zog, zu dem er nur wenigen Auserwählten Zutritt gewährte. Sie waren eben exklusiv. Sie waren TNT. Sie sprengten alles bisher da gewesene. Till hatte seine Worte und Taten so geschickt gewählt, dass es Timo und Nick wie eine Ehre erschienen war, mit jemandem wie Till befreundet sein zu dürfen. Zum Dank hatten sie ihm nichts Weiter als ihre absolute Loyalität schenken müssen. Das verstand sich von selbst. Immerhin war Till besonders.
Besonders clever.
Besonders meinungsstark.
Besonders stolz.
Besonders ehrgeizig.
Besonders stur.
Aber auch besonders wütend und besonders traurig, vor allem nach dem Rausschmiss aus dem Staffellaufteam und nach dem Erhalt der Sprachnachricht, in der Lutz ihm mitteilte, dass Till auch weiterhin auf dem Internat bleiben musste. Wie viel Überwindung es Till im Vorfeld gekostet hatte, Zuhause anzurufen und seinen Wunsch, das Internat zu verlassen, aufs Band zu sprechen, konnte er gar nicht in Worte fassen. Es hatte sich einfach nur grässlich angefühlt. Wie eine Niederlage. Ja, Till hatte seit Beginn des Halbjahres auch im Spiel namens Internat zunächst die Kontrolle und dann zwangsläufig seine Vormachtstellung verloren. Gott, wie er Verlieren doch hasste! Und Verlierer erst! Es war also wahrlich kein Wunder, dass er sich mittlerweile selbst so abgrundtief verabscheute, dass es jedweder Beschreibung trotzte.

Die ihm aus jedem Winkel des Internats entgegen schallende Harmonie machte es nur noch schlimmer, da sie auf Tills flammende Wut wie ein Brandbeschleuniger wirkte. All die Sprüche, all die Hilfsangebote, all der groß geschriebene Zusammenhalt – Timo kam das lediglich hinterfotzig und gekünstelt vor, wie in einem perfekt inszenierten Werbespot. Das Versprechen von Harmonie weckte in ihm genau die gleichen Aggressionen, die er auch empfunden hatte, als man ihm damals hatte weismachen wollen, beim Internat handele es sich lediglich um eine Übergangslösung. Totaler Bullshit! Und er hatte es von Anfang an gewusst! Für ihn würde es nie eine Rückkehr in eine heile Familie geben. Niemand wollte ihn mehr. Alle waren froh, das Problem endlich los zu sein.

Mit diesem Wissen im Hinterkopf war Till schon seit seiner Ankunft im Internat von der Angst verfolgt worden, hier irgendwann genau so im Abseits zu landen wie daheim. Wenn er nicht höllisch aufpasste, würde sich ihm irgendwann niemand mehr unterordnen und keiner würde mehr etwas Besonderes in ihm sehen. Als Durchschnittsschüler würde es ihm selbstverständlich auch nicht möglich sein, eine elitäre Gruppe anzuführen, denn eine solche ließ sich nur mit und von besonderen Schülern in Abgrenzung zu anderen, zu minderwertigeren Schülern bilden.
Zu Beginn dieses Schuljahres war es für Till noch ein Klacks gewesen, die Fronten aufrecht zu erhalten. Das Sportinternat war mit dem Einstein zusammengelegt worden und fortan hieß es: Sportler gegen Einsteiner. TNT versus Martha & Co. Es hatte also ein klares Feindbild gegeben.
Doch dann hatte die ganze Sache plötzlich so viel Fahrt aufgenommen, dass sie Till über den Kopf gewachsen war. Im Eifer des Gefechts hatte er den Bogen gleich mehrmals überspannt. Nicht als Einziger, aber im Gegensatz zu allen anderen war er nie von seinem Standpunkt abgewichen, sondern hatte fortwährend seine Meinung durchzuboxen versucht. Wie immer eben.
Für Timo und Nick war dieses Verhalten irgendwann nicht mehr tragbar gewesen und so hatten sie im Laufe der letzten Monaten wieder und wieder die Grenzen überschritten, die Till einst in penibler Kopfarbeit um sie drei gezogen hatte. Die einzige Abwertung, die sie dabei erfahren hatten, war von Till gekommen. Aus den eigenen Reihen also. Aber er war nicht mehr in der Position gewesen, um seine Freunde zu sanktionieren. Und so waren seine Grenzen irgendwann völlig bedeutungslos geworden. Till war alleine in seinem einstigen Weltreich zurückblieben, dessen Existenz heutzutage keiner mehr anerkannte. TNTs Exklusivität war zu einem Mythos geworden, so wie auch der Glaube, dass die Sportler den Einsteinern haushoch überlegen waren.

.

.

.


Das Lachen von anderen Menschen schmerzt dann bekanntlich besonders, wenn man sich ausgegrenzt fühlt. Till konnte das bestätigen, als er sich schnellen Schrittes in die Küche begab und dabei unablässig von dem munteren Geplauder der anderen Schüler umfangen wurde. Das lebensfrohe Geräusch drang mit der Luft in Tills Lunge und brannte dort wie Chilipulver, schoss ihm tränend in die Augen und ließ ihn auf dem Absatz kehrtmachen. Der Appetit war ihm vergangen.

Seit Frieden an der Schule und im Internat eingekehrt war und Till in seiner selbstverschuldeten Einsamkeit versauerte, verliefen seine Tage alle gleich:
Schon vor dem Frühstück legte er ein Sondertraining ein, bei dem er so lange und so schnell rannte, bis er sich fast übergeben musste. Anschließend duschte er viel zu heiß und viel zu kalt im Wechsel. Später starrte er dann im Chemieunterricht so verdrießlich in die blau leuchtende Flamme des Bunsenbrenners, bis sich ihm unwillkürlich die Frage aufdrängte, wie es wohl wäre, sich an dieser Flamme zu verbrennen. In seine unruhigen Finger fuhr dann ein nervöses Zucken, das sich erst legte, wenn Till nachmittags so lange auf einen Sandsack einschlug, bis sich seine Finger wie gebrochen anfühlten.

Till wusste, er konnte Teil des großen Ganzen namens Internatsgemeinschaft werden, wenn er sich nur entschuldigte, aber das wollte er nicht. Er wollte wieder ein Glanzstück sein – aber das würde nicht passieren.
Niemals wieder.
Und der Zorn darüber, dass man ihn anscheinend nicht genügend liebte und bewunderte, um ihn weiterhin auf ein imaginäres Podest zu stellen, ließ ihn eines Nachmittags komplett ausrasten.

Er ist allein im Zimmer, als ihm die Sicherungen durchknallen. Er urplötzlich all seine Hefte und Bücher vom Tisch fegt, den Schreibtischstuhl brüllend umtritt und seine Federmappe mit voller Wucht gegen die Wand schmeißt. Der nicht mal zur Hälfte zugezogene Reißverschluss überlebt die Kollision nicht und der komplette Inhalt des Mäppchens verteilt sich klirrend auf dem Boden. Füller, Kugelschreiber, Tintenkiller, Textmarker, Büroklammern, Radiergummi, Bleistift – alles liegt kreuz und quer durcheinander. Über den reglosen Gegenständen tost Tills Atem abgehackt durch den Raum und trommelt wie wild gegen Fenster, Wände und die Tür. Vor seinem inneren Auge rasen Szenen aus längst vergangenen Tagen vorbei. Er hört das ohrenbetäubende Weinen seiner nervigen Halbgeschwister und die ungeduldigen Ermahnungen von Lutz, der Till lautstark für das Scheitern ihrer Familie verantwortlich macht. Er hört das grelle Schreien des Babys und das ewig müde Bitten seiner Mutter. Er soll doch bitte ein bisschen Rücksicht nehmen, Verständnis haben, geduldig sein. Immerhin ist es für sie alle schwierig. Aber sie können das schaffen. Es ist nur eine Frage des Willens und der Gewohnheit.

Till wollte sich aber nicht umgewöhnen. Seine Mutter hingegen schon. Sie wollte sich vor allem daran gewöhnen, ihn weniger zu lieben und zu loben und ihn im Zuge dessen auch immer weniger walten zu lassen, bis er schlussendlich gar nicht mehr walten durfte. Sie hat ihn seines Amtes enthoben. Ihm die Krone vom Kopf gerissen, obwohl sie ihn von klein auf hat glauben lassen, dass es sein natürliches Recht ist, zu herrschen. Till kann daraus nur einen Schluss ziehen. Nämlich, dass er weder gut noch liebenswert genug ist. Nicht als Sohn, nicht als Freund und auch nicht als Kapitän des Staffellaufteams.

Von blinder Wut getrieben tritt er wieder und wieder nach den nutzlos am Boden liegenden Stiften, die ihm vollkommen schutzlos ausgeliefert sind. Der Füller verliert seine Kappe, der Bleistift bricht entzwei. Die dämlichen Büroklammern sind zu flach und trotzen deshalb dem Profil seiner Schuhe. Es macht Till rasend. Ohne weiter darüber nachzudenken, bückt er sich nach einer der Klammer und biegt sie unbarmherzig gerade. Bringt sie aus der Form, macht sie zu Seinem. Sie muss nicht glauben, dass sie sein darf, wie sie ist, wenn er nicht für das geschätzt wird, was er ist.

Aber wer kann es der Welt verübeln? Er ist doch bloß ein Verlierer.

Der Gedanke bannt Tills gesamte Aufmerksamkeit auf das schlanke Metall. Seine Erinnerung lässt erneut das haarsträubende Gebrüll seiner kleinen Geschwister aufleben, die Flamme im Chemiesaal, das „problematisch“ seiner Eltern, die eingetroffene Prognose von Martha, die zurechtweisenden Worte seiner Freunde, die Predigt von Herrn Hauser.
Till ist raus. Überall.
Er ist ein unausstehlicher Egomane, der sich lieber selbst von seinen Mitschülern fernhält, als ihnen den Triumph zu gönnen, ihn in die Wüste zu schicken. Denn das ist es doch, was sie insgeheim alle wollen. Und er, er ist auch noch so dämlich und vermisst seine Mutter und seine Freunde. Das Eingeständnis dreht ihm beinahe den Magen um. Im Kampf gegen die Übelkeit gräbt Till mit der Spitze der Büroklammer rote Furchen in seine makellose Haut. Die oberste Hautschicht hängt in hauchdünnen Fetzen. Unter den betroffenen Stellen an seinem linkem Unterarm sammelt sich Tills Wut kochend heiß. Er droht innerlich zu verbrennen und bevor er das zulässt, zieht er die Büroklammer lieber ein weiteres Mal über seinen Arm. Fester, tiefer, hilfreicher. Seine Wut drängt in roten Tröpfchen aus seiner Haut und wächst in Sekundenschnelle zu bedrohlich dicken Tropfen heran.

So war das nicht geplant.
Alles nicht.

Um ein Haar verschluckt sich Till an seinem stockenden Atem. Der Schock erwischt ihn eiskalt. Es ist, als habe man ihm einen Eimer Wasser über den Kopf gekippt. Trotzdem ist Till noch immer nicht bei Sinnen, sondern fühlt sich seelisch wie betäubt. Auf seinem Arm pulsieren die roten Striemen und lodert sein Blut. Es kommt ihm so vor, als würde er entgiften.

Kurzweilig studiert er die allmählich aushärtenden Bluttropfen auf seiner noch dezent sonnengebräunten Haut. Nebenbei senkt sich sein Puls und verlangsamt sich seine peitschende Atmung wieder. Seine tosenden Gedanken ebben ab. Sein Herz brennt nicht länger lichterloh; die Flamme konzentriert sich einzig und allein auf Tills Arm.
Das ist gut, denn es ist so viel erträglicher.
Wenn Till könnte, würde er seine Unzulänglichkeit einfach kurz und klein schneiden, aber das kann er leider nicht. Er ist er und er weiß nicht, wie er je liebenswert genug werden kann, damit Menschen nur seinetwegen bei ihm bleiben. Nicht, weil er das einzige Kind ist. Nicht, weil er gute Zeugnisse und Ehrenurkunden nach Hause bringt. Nicht, weil er sich zum Chef eines elitären Trios erklärt und auch nicht, weil er eine hervorragende Leistung auf dem Sportplatz abliefert. Von all dem abgesehen, ist er gar nichts. Erst recht nicht besonders...

Es ist traurig.
Das alles.
Er und diese Gefühle, die er niemals auch nur einer Menschenseele anvertrauen kann und die vom konstanten Brennen seines Armes in den Hintergrund gedrängt werden.

Mit deutlich ruhigeren Bewegungen liest Till den Inhalt seines Federmäppchens sowie all seine Hefte und Bücher wieder vom Boden auf, legt alles fein säuberlich auf seinen Schreibtisch zurück und kaut nebenbei auf seiner Unterlippe herum. Der Geschmack der Bluttropfen erobert dabei auch seine Mundhöhle. Die gerade gebogene Büroklammer faltet er wie ein Klappmesser zusammen, ehe er sie in seine rechte Hosentasche gleiten lässt. Dort liegt sie gut, ist zur Not immer für ihn da. Er ist nicht alleine.

Nachdem Till auch den Stuhl wieder vor seinem Schreibtisch in Position gebracht hat, atmet er hörbar tief durch und zieht behutsam den Ärmel seines Pullovers herunter. Furche für Furche verschwindet ebenso unter dem dunklen Stoff wie das Blut und die Wut. Es gibt nichts mehr zu sehen. Die Show ist vorbei. Tills großer Wutauftritt beendet.

Auf dem Flur wallen Stimmen und Schritte auf, dann öffnet sich die Zimmertüre und Till schaut demonstrativ weg, als Nick, Pit und Timo den Raum betreten. Kurzes Schweigen ertönt und Till, der so tut, als sei er damit beschäftigt, seinen Rucksack für morgen früh zu packen, hört, wie seine ehemals besten Freunde ihre Sporttaschen abstellen und Pit irgendeinen Gegenstand, vermutlich ein Teleskop, auf seinem Bett ablegt.

„Wir...gehen jetzt runter. Abendessen“, sagt Nick dann in den viel zu stillen Raum hinein.

Till versteht auf Anhieb, dreht sich aber trotzdem nicht um. Der Stoff seines Pullovers kratzt rau über die frische Wunde an seinem Arm und sorgt so dafür, dass Till nicht vergisst, was für ein Verlierer er ist. Obendrein hält ihn sein Stolz an Ort und Stelle gefangen und versiegelt seine Lippen. Morgen vielleicht. Morgen schafft er es vielleicht, sich eine Entschuldigung abzuringen und dann zumindest wieder halbwegs Anschluss an seine Freunde zu finden. Heute kann er sich noch nicht dazu überwinden. Heute kann er nur still und heimlich in seinen Ärmel bluten und sich selbst hassen.

Hinter ihm wird die Zimmertüre zugezogen. Eine neue Wolke Chilipulver wird dabei aufgewirbelt, die Till sogleich in die Augen weht. Zum Glück hat er die Büroklammer noch. Er blutet nämlich lieber kontrolliert statt unkontrolliert zu weinen.

_______________
Danke fürs Lesen~
Noch habe ich mich nicht entschieden, ob ich die Geschichte fortsetzen werde oder nicht. Es wird sich zeigen... Wenn's euch gefallen hat, lasst mir gerne ein Review da.
Review schreiben