Blue Ice Cream [Arbeitstitel]

GeschichteRomanze, Familie / P16
09.05.2019
15.05.2019
2
6908
4
Alle Kapitel
2 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 Datenschutzinfo
 
 
Hallo ihr Lieben!
Heute geht es weiter mit dem zweiten – sehr langen – Kapitel.
Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen und hoffe, ihr lasst mir ein Review da :)
LG mini-hanuta





Ich überlebte die Woche mit meiner Mutter irgendwie. Ich hatte kein so gutes Verhältnis zu ihr, wie viele meiner Freunde das mit ihren Müttern hatten, aber es war immerhin um Welten besser als das Verhältnis zu meinem Vater. Und dabei war ich gar nicht das schwarze Schaf in der Familie.
Die restlichen Semesterferien nutzte ich für meine zwei Hausarbeiten, die ich beide bereits eine Woche vor Abgabe einreichen konnte. Das erzählte ich auch meiner Freundin Nina, als ich ihr am darauffolgenden Montag auf dem Campus in die Arme lief. Eigentlich wollte ich nur meine Bücher in der Bibliothek zurückgeben und genau dort begegneten wir uns auch und beschlossen, gemeinsam etwas zu Mittag zu essen.
Wir unterhielten uns über unsere Semesterferien, fachsimpelten über die Hausarbeit und schließlich schlug Nina mir vor, sie am Mittwoch auf ein Konzert zu begleiten.
Blue Ice Cream spielt im Cobra“, erzählte sie. „Die sind richtig cool. Und ich stehe ein bisschen auf den Sänger.“ Dabei grinste sie schelmisch und ich lachte.
„Die wurden mir tatsächlich auch schon empfohlen“, sagte ich. Es war eine der Empfehlungen von Consti gewesen, um genau zu sein. Ich hatte ihn nicht nochmal wiedergesehen seit dem Tag in der Werkstatt. Am Ende hatte nämlich ein anderer Mitarbeiter der Werkstatt angerufen und zwar nicht bei mir, sondern bei meiner Mutter, die ihre Handynummer wohl auch hinterlegt hatte. Sie war letzten Endes auch alleine losgegangen, um das Auto abzuholen. Es war auch nicht so, dass ich mir ein Wiedersehen erhofft hatte. Am Ende war Consti einfach nur ein netter Kerl gewesen.
„Okay“, stimmte ich also zu und Nina jubelte.
„Am besten treffen wir uns um halb acht an der Hauptwache und nehmen die U-Bahn.“

Und genauso machten wir es. Am Mittwochabend um halb acht trafen wir uns am Gleis und nahmen die nächste U-Bahn. Wir hatten uns sogar ein bisschen schick gemacht, wobei Nina sich noch deutlich mehr Mühe gemacht hatte als ich. Während ich eine enge High-Waist-Jeans, hochhackige, schwarze Stiefelletten, und ein weites Red Hot Chili Peppers-T-Shirt im Unisex-Schnitt trug, das ich mir in die Hose gesteckt hatte, hatte Nina sich für ein knappes, enges Glitzerkleid entschieden.
„Niemand wird uns glauben, dass wir auf dem Weg zur selben Veranstaltung sind“, kommentierte ich das. „Bist du sicher, dass es dir nicht eigentlich nur darum geht, den Sänger aufzureißen?“
Nina grinste.
„Vielleicht“, gab sie zu, woraufhin ich die Augen verdrehte.
„Groupie.“
Um viertel vor acht erreichten wir das Cobra, wo schon ordentlich was los war. Genauer gesagt war es bereits rappelvoll. Offenbar war Blue Ice Cream schon recht bekannt und auch recht beliebt. Es waren größtenteils Leute in unserem Alter da, darunter einige Frauen, die offenbar mit den gleichen Ambitionen wie Nina hier aufgekreuzt waren. Zumindest hatten sie sich ähnlich gekleidet.
„Viel Konkurrenz für dich, was?“, konnte ich es mir nicht verkneifen, woraufhin sie mir einen vernichtenden Blick zuwarf.
„Halt die Klappe.“
Während Nina nach der Band Ausschau hielt, kämpfte ich mich zur Bar durch und bestellte mir einen Äppler.
„Pur oder gespritzt?“, fragte mich der Barkeeper.
„Pur natürlich“, grinste ich und fügte ich meinem schlechten Hessisch hinzu: „Mer sin‘ her doch net in Offebach.“
Er lachte und füllte mir etwas Apfelwein in ein Geripptes. Ich bezahlte und machte mich dann auf zu einem der Stehtische. Nina gesellte sich bald zu mir, weil man von hier aus einen sehr guten Blick auf die Bühne hatte, wo die Band sich jedoch noch nicht blicken ließ. Nina trank ein Schluck aus meinem Glas.
„He!“, beschwerte ich mich und holte mir meinen Äppler zurück. „Hol dir gefälligst selbst was.“
Etwas verspätet – um fünf nach acht – betrat dann endlich die Band die Bühne, was laut bejubelt wurde. Mir dagegen blieb erstmal die Spucke weg. War das nicht…?
Ich war mir nicht sicher. In der seltsam bunten Bühnenbeleuchtung war das Gesicht schwer auszumachen. Zudem war es nun beinahe sechs Wochen her, dass ich ihn gesehen hatte.
„Weißt du, wie der Sänger heißt?“, fragte ich Nina.
„Klar“, sagte sie. „Das ist Constantin Stehler.“
Stehler. Wie die Autowerkstatt Werner Stehler. Soso. Zumindest wusste ich jetzt, warum Consti mir die Band Blue Ice Cream empfohlen hatte.
Die Band begann mit dem ersten Lied. Es war eine fetzige Rocknummer, mit viel Schlagzeug und viel Bass und ich musste zugeben, dass es mir gefiel. Nina neben mir sang eifrig mit, während ich erstmal nur beobachtete und meinen Apfelwein trank.
„Hallo Bockenheim!“, begrüßte Consti das Publikum, nachdem das Lied verklungen war, und erntete dafür frenetischen Jubel. „Wir sind Blue Ice Cream, die beste Band diesseits und vor allem jenseits des Mains und wir freuen uns sehr, heute für euch spielen zu dürfen. Wir sind ja mittlerweile so eine Art Stammgast hier im Cobra und deswegen sind wir auch sehr froh, dass wir ausgerechnet hier unser CD-Release-Konzert spielen dürfen.“ Er grinste stolz. „Wir haben nämlich im November ein paar unserer Songs aufgenommen, so richtig professionell im Studio, und ihr seid die ersten, die heute diese CD kaufen können.“ Wieder jubelte das Publikum.
„Und bevor ich jetzt noch weiter vor mich hin brabbele, würde ich vorschlagen, wir spielen einfach mal ein paar der Lieder.“ Begeistertes Gejohle.
„Okay“, sagte Consti und spielte einen Akkord auf seiner Gitarre. „Der nächste Song heißt ‚You don’t make me cry ‘.“
Der Schlagzeuger zählte ein und dann spielten sie.

You know, you hurt me.
You let me down.
When I most needed you,
you turned around.

You chose to leave
And now you’re back
Hoping that I’m gonna let you in.
But baby, you better remember this:

You don’t make me cry
Not anymore
You don’t move a thing inside me
Not anymore
And I won’t let you in
Never again
‘Cause you don’t mean a thing to me
Not anymore


Bisher traf die Musik meinen Geschmack. Nicht nur der Stil, den Consti und seine Band hatten, sondern auch Constis Stimme gefiel mir. Sie war melodisch und gleichzeitig etwas rauchig, hatte Volumen und Gefühl. Ich verstand, warum die Frauen hier ihn so anhimmelten.

Das Konzert ging fast zwei Stunden und danach stürzten sich alle auf den Verkaufsstand, wo es die CDs gab.
„Wow“, kommentierte ich das. „Die haben ja eine treue Fankultur.“ Vor allem eine sehr weibliche. Ich kam nicht umhin, davon überzeugt zu sein, dass zumindest ein Teil der Leute allein wegen Consti hier war und nicht wegen der Musik.
„Komm, schnell.“ Nina packte mich am Handgelenk und boxte sich einen Weg zwischen den Leuten hindurch, um auch eine CD zu ergattern. Sie ging dabei so rücksichtslos vor, dass wir nur fünf Minuten später beide ein Exemplar in der Hand hielten. Nicht schlecht.
„Komm mit, die Band gibt Autogramme.“ Und sie zog mich weiter. Tatsächlich stand die fünfköpfige Band an zwei Stehtischen am Rand des großen Saals und unterschrieb fleißig auf den gekauften CDs. Ich überlegte kurz, ob ich Consti ansprechen sollte, verwarf den Gedanken dann aber. Er würde mich höchstwahrscheinlich gar nicht wiedererkennen. Ganz offensichtlich hatte er ja viel Kontakt zu Frauen in meinem Alter.
Dennoch beschloss ich, mir das Album signieren zu lassen. Jetzt war ich ja eh schon hier, da konnte ich noch ein paar Trophäen mitnehmen. Also legte ich Consti das Album auf den Tisch. Er sah gar nicht auf, während er es zu sich zog. Vermutlich lohnte sich das nicht, bei so vielen Leuten.
„Für wen?“, fragte er.
„Charlie“, sagte ich. Er nickte, schrieb „Für Charly“ auf das Cover und seinen Namen darunter. Dann stockte er plötzlich und hob den Blick.
„Hey!“, rief er erfreut aus, als er mich sah. „Das ist ja ‘ne Überraschung.“ Und dann kam er um den Tisch herum, um mich in eine freundschaftliche Umarmung zu ziehen, die ich etwas überfordert erwiderte.
„Ich hab‘ ja nicht wirklich dran geglaubt“, sagte er.
„Woran geglaubt?“, fragte ich verwirrt nach.
„Dass du vorbeikommst.“
„Du hättest mir sagen können, dass das deine Band ist“, erwiderte ich nur.
„Hätte, hätte, Fahrradkette“, war sein Kommentar, ehe sein Blick hinter mich fiel.
„Was hältst du davon, wenn wir uns später an der Bar treffen?“, schlug er vor.
„Klar, sicher“, sagte ich sofort. „Ich halte hier nur den Verkehr auf.“ Consti schob mein Album zu seinem Bandkollegen, der uns neugierig lauschte.
„Ich denke, in einer halben Stunde bin ich hier fertig“, fuhr Consti fort. „Kannst du solange warten?“
„Logisch.“
Consti grinste.
„Sehr schön.“

„Was war das denn eben?“, fragte Nina, als wir fertig waren mit der Autogrammjagd. „Du kennst Constantin Stehler?“
„Kennen ist eigentlich zu viel gesagt“, zügelte ich sie. „Wir sind uns nur einmal begegnet.“
„Charlie, er hat dich umarmt!“
„Das hat mich auch überrascht.“
„Und warum hast du nichts gesagt?“, wollte sie zu wissen.
„Nina, ich hatte keinen Plan, dass er der Sänger dieser Band ist!“, verteidigte ich mich. „Wirklich nicht.“ Das akzeptierte sie.
„Du musst mich ihm vorstellen!“, verlangte sie. Ich seufzte.
„Du hast doch gehört, er kommt später an die Bar. Wenn du dann noch hier bist, kann ich ja nichts daran ändern.“ Nina quietschte aufgeregt und ich rang mir ein Lächeln ab. Eigentlich hatte ich keine Lust, sie ihm vorzustellen.

Nina quatschte mir die nächste dreiviertel Stunde das Ohr ab. Sehr zu meinem Leidwesen benötigte Consti doch etwas länger, als zunächst angenommen, und so musste ich mir Ninas Plan anhören, wie sie ihn ins Bett kriegen würde. Ich benötigte noch einen Apfelwein und ein Bier, um das zu ertragen.
Versteht mich nicht falsch, ich mochte Nina. Aber letzten Endes waren wir sehr verschieden und auch deshalb zählte sie nur zu meinem erweiterten Freundeskreis. Manchmal war sie mir einfach zu oberflächlich.
„Hey!“, begrüßte ich Consti überglücklich, als er mich endlich erlöste.
„Wow, das war euphorischer, als ich erwartet hatte“, lachte er und bestellte sich ein Bier. Nina stieß mir währenddessen den Ellenbogen in die Rippen.
„Au!“, beschwerte ich mich. Sie deutete mit ihrem Blick nachdrücklich auf Consti.
„Ja, also das ist Nina“, ergab ich mich. „Eine Freundin.“
Consti lächelte sie kurz an.
„Hi“, sagte er, nahm sein Bier entgegen und wandte sich dann wieder an mich. „Also, Charlie, haben wir deinen Geschmack getroffen mit unserer Musik?“
Ich grinste.
„Überraschenderweise habt ihr das“, antwortete ich. „Ist das nicht ein glücklicher Zufall?“
Er lachte leise.
„Du siehst aus wie jemand, der gute Musik mag“, meinte er. „Das habe ich schon damals in der Werkstatt gedacht.“
„Und worauf begründest du diese Annahme?“
„Das klingt vielleicht oberflächlich, aber dein Kleidungsstil sendet da ganz eindeutige Signale“, grinste er. Ich sah an mir herunter.
„Du magst die Red Hot Chili Peppers auch, nehme ich an“, kommentierte ich.
„Ganz offensichtlich“, bestätigte er und deutete überflüssigerweise auf sein T-Shirt, das ebenfalls aus dem Merchandise der Red Hot Chili Peppers stammte.
„Für mich eine der besten Bands der letzten drei Dekaden“, stellte ich meine Meinung in den Raum.
„Definitiv“, stimmte Consti mir zu und hob dann seine Bierflasche, um darauf anzustoßen.

Nina kam sich dann wohl irgendwann überflüssig vor. Jedenfalls verabschiedete sie sich gegen elf mit dem Hinweis auf die U-Bahnen, die nicht mehr so oft fuhren.
„Irgendwie komme ich schon noch nach Hause“, meinte ich nur, ehe sie ging. Ich wollte nämlich gerne noch bleiben. Eine halbe Stunde quatschte ich noch mit Consti, ehe seine Bandkollegen ihn zum Abbau riefen. Das Cobra hatte sich mittlerweile beträchtlich geleert. Morgen war Donnerstag, da mussten viele arbeiten, vermutlich blieben sie deshalb nicht zu lange.
„Wann musst du morgen raus?“, fragte mich Consti, bevor er ging.
„Gar nicht“, grinste ich. „Ich hab‘ Semesterferien.“
„Sehr gut“, meinte Consti. „Dann macht es dir doch sicher nichts aus, auf mich zu warten?“
„Ich kann auch gerne mithelfen“, bot ich an.
„Oh, das ist nicht nötig.“
„Ja, aber die Alternative ist, dass ich währenddessen hier tatenlos rumsitze und mich langweile.“
Das überzeugte ihn. Also half ich den fünf Jungs von Blue Ice Cream dabei, ihre Instrumente zu verstauen, Kabel aufzurollen und Verstärker zum Auto zu tragen. Sie hatten einen alten VW-Bus, auf den sie groß ihr Bandlogo gemalt hatten: eine Eistüte mit drei Kugeln blauem Eis (was auch sonst?).
Benny, der Drummer, hatte heute Busdienst, wie er mir erklärte. Er würde mit dem Bus zum Probenraum fahren, wo sein Auto stand, mit dem er dann heimfahren würde. Consti und die anderen drei waren damit entlassen. Wir verabschiedeten uns voneinander und dann folgte ich Consti in die Nacht.
„Hast du auch so Hunger?“, fragte er mich.
„Also ich würde jetzt nicht Hunger sagen, aber essen geht immer.“
„Sehr gut. Fastfood?“
„Gerne.“
Consti hatte sein Auto – einen kleinen, schwarzen Lupo – drei Straßen weiter geparkt. Wir zwängten uns hinein. Das galt vor allem für Consti, der ganz schön lange Beine hatte. Er war bestimmt 1,90. Zumindest überragte er mich beinahe um einen Kopf.
„Anschnallen und ab geht’s“, grinste er mich an, legte den Rückwärtsgang ein und parkte aus.
Wir fuhren zu McDonalds, bestellten uns jeder ein Menü und setzten uns damit an einen der Tische in dem leeren Fastfood-Restaurant. Es war die einzige Filiale in Frankfurt, die um diese Uhrzeit noch geöffnet hatte. Was Consti so genau wusste, weil er öfter nach Konzerten hierherkam.
„Also, Charlie“, ergriff er das Wort, während ich mich über meinen Burger hermachte. „Du studierst?“
„Jap“, antwortete ich mich vollem Mund. „Comperative Literature im Master.“
„Und wie alt bist du?“
„Siebenundzwanzig.“ Jetzt wirkte er überrascht.
„Und dann studierst du noch?“
„Also erstens habe ich erst mit zweiundzwanzig angefangen“, verteidigte ich mich. „Und zweitens schreibe ich im Herbst meine Masterarbeit.“ Er nickte verstehend.
„Ich habe zuerst sechs Semester Germanistik und Romanistik studiert und jetzt beginne ich mein viertes Mastersemester.“
„Und was hast du in den drei Jahren vor deinem Studium gemacht?“, fragte er weiter.
„Also zunächst war ich zwei Jahre in Spanien als Au-Pair“, erzählte ich. „Und dann habe ich mich von meinen Eltern breitschlagen lassen, hier in Frankfurt Musik zu studieren. Das habe ich aber nach einem Jahr abgebrochen.“
„Musik?“ Consti hob interessiert die Augenbrauen.
„Jap.“ Ich nickte und schob mir eine Pommes in den Mund. „Der Studiengang nannte sich KIA. Künstlerische Instrumentalausbildung. Und mein Instrument war das Klavier.“
„Du machst also auch Musik.“
„Nicht so wie du“, widersprach ich. „Manchmal spiele ich ganz gerne, aber nur für mich.“ Er nickte verstehend.
„Und warum wollten deine Eltern, dass du Musik studierst?“, wollte er wissen. „Meine Eltern wären an die Decke gegangen, wenn ich ihnen das vorgeschlagen hätte.“
„Tja“, murmelte ich und stocherte mit einer Pommes im Ketchup herum.
„Mein Vater ist Pianist“, erklärte ich dann.
„Ah, okay.“ Consti lachte. „Das erklärt einiges.“
„Was ist mit dir?“, drehte ich den Spieß um. „Wie lange arbeitest du schon bei Onkel Werner in der Werkstatt?“
„Eigentlich seit ich siebzehn bin“, erzählte er mir. „Ich habe nur meinen Realschulabschluss gemacht und danach direkt eine Ausbildung bei ihm angefangen.“
„Und das ist das, was du machen willst für den Rest deines Lebens?“
Consti zuckte die Schultern.
„Lass es mich so sagen: Es wäre cool, wenn ich mein Geld irgendwann mit der Musik verdienen könnte. Aber ich bin auch zufrieden mit meinem Leben, so wie es jetzt ist.“
„Mit den ganzen Weibern, die dir zu Füßen liegen“, konnte ich es mir nicht verkneifen. Consti grinste.
„Ja, das fühlt sich schon ganz gut an“, gab er zu.

Als wir fertig gegessen hatten, sah ich auf mein Handy, um die Uhrzeit zu erfahren, und entdeckte dabei, dass Nina mir vor zwei Stunden eine Nachricht geschickt hatte. Das musste gewesen sein, kurz nachdem sie gegangen war.
>Der steht ja total auf dich!
Ich musste grinsen.
„Was ist?“, fragte Consti neugierig, während er seine Jacke anzog.
„Nichts, nichts“, sagte ich schnell, steckte das Handy weg und schlüpfte dann ebenfalls in meine Jacke.
„Willst du nach Hause oder kommst du noch auf ein Bier mit zu mir?“, fragte Consti, während wir zu seinem Auto zurückkehrten.
„Ein Bier klingt gut“, fand ich.
„Sehr schön.“ Consti lächelte mich an.

Wir fuhren zu seiner Wohnung in Rödelheim. Es war eine Dachgeschosswohnung mit drei Zimmern, in der er alleine wohnte, seit seine Ex ausgezogen war, wie er mir erzählte. Das war allerdings schon über ein Jahr her.
„Ihr habt zusammengewohnt?“, fragte ich nach.
„Ja, aber eigentlich mehr aus Geldgründen. Es ist einfach deutlich billiger, sich die Miete zu teilen. Nachdem wir uns getrennt hatten, ist sie in eine WG gezogen.“
„Und du kannst dir das alleine leisten?“
„Ja, aber das konnte ich vorher auch schon. War mehr ihretwegen.“
Ich nickte.
Wir machten es uns mit einem Bier auf seiner Couch gemütlich. Mittlerweile war es halb drei.
„Wie alt bist du eigentlich?“, fragte ich Consti, nachdem wir angestoßen hatten.
„Im Herbst werde ich dreißig.“
„Dann sind die wilden Zwanziger vorbei, was?“, grinste ich und Consti lachte.
„Ich bin ehrlich gesagt ganz froh, dass ich sie nicht mit einem Studium vergeudet habe.“
„Ey!“, gab ich mich beleidigt.
„Willst du irgendeinen Film sehen?“, fragte er mich dann.
„Du willst um die Uhrzeit noch einen Film anfangen?“, fragte ich zurück. „Ich schlafe dir auf der Couch ein, wenn wir das machen.“
„Bist du schon so müde?“
„Geht noch, aber wenn ich mich jetzt nicht ein bisschen bewege…“
„Wir könnten eine dieser Yoga-Challenges machen“, schlug er vor. Überrascht sah ich ihn an, dann lachte ich.
„Das meinst du nicht ernst.“
„Doch, natürlich.“
„Hast du denn irgendeine Ahnung von Yoga?“
„Ne, aber die machen einem das doch vor.“
Ich seufzte.
„Ja, aber bei Yoga gibt es bestimmte Grundprinzipien, die in diesen Challenges überhaupt keine Rolle spielen.“
„Was denn für Grundprinzipien?“
„Na, zum Beispiel ist die Atmung sehr wichtig. Und außerdem soll man beim Yoga nicht über seine Grenzen gehen.“
„Machst du Yoga?“, fragte er.
Ich nickte.
„Einmal die Woche, zwei Stunden.“
„Okay, dann kannst du das Ganze ja beaufsichtigen.“
„Ich könnte dir ein paar einfache Übungen zeigen, wenn du willst“, schlug ich vor. „Welche, die schwierig aussehen, aber einfach sind.“
Er holte sein Handy hervor.
„Kannst du das da?“, fragte er mich dann und hielt mir ein Bild hin.
„Klar“, sagte ich. „Die Krähe ist wirklich einfach.“
Ich stellte mein Bier zur Seite, stand vom Sofa auf und ging auf dem Fußboden in die Hocke, sodass meine Fersen auf dem Boden standen. Dann stützte ich mich mit den Händen ab, lehnte mich vor und positionierte meine Schienbeine auf meinen Oberarmen, die Füße in der Luft.
„Das sieht gar nicht so schwer aus“, meinte Consti.
„Es ist nur eine Frage des Gleichgewichts.“
Consti gesellte sich zu mir und während ich die Position löste, versuchte er mich nachzuahmen, kippte dabei jedoch um. Ich lachte.
Ich zeigte ihm ein paar Übungen, ehe wir schwer atmend nebeneinander auf dem Fußboden lagen, den Blick zur Decke.
„Yoga ist anstrengender als es aussieht“, meinte Consti. Ich grinste.
„Dafür braucht es schon einiges an Gleichgewicht, Dehnbarkeit und Kraft“, stimmte ich ihm zu. „Aber das Schöne an Yoga ist eigentlich, dass du es auch praktizieren kannst, wenn du nichts davon hast. Das kommt alles mit der Zeit, man muss seinem Körper nur Zeit geben.“
„Für mich wäre das, glaube ich, trotzdem nichts“, meinte er.
„Musst du morgen eigentlich nicht arbeiten?“, fiel mir plötzlich ein.
„Nein.“ Er grinste. „Donnerstags habe ich frei.“
„Wieso?“
„Ein Erfolgsgeheimnis meines Onkels ist, dass er die Werkstatt sonntags geöffnet hat – als einziger im Umkreis von was weiß ich wie vielen Kilometern. Dafür hat er donnerstags zu.“
„Und es gibt Leute, die sonntags in die Werkstatt kommen?“
„Überraschend viele“, nickte Consti. „Es sind selten dringende Sachen, aber manchmal ist es ja auch einfach so, dass man es werktags nicht schafft, das Auto vorbeizubringen.“
„Stimmt, daran habe ich gar nicht gedacht.“
Ich drehte mich auf den Bauch und streckte mich nach meinem Bier. Ich trank einen Schluck, was wirklich erfrischend war nach dem Yoga.
„Was ist das peinlichste, was dir je passiert ist?“, fragte ich Consti dann.
„Das peinlichste?“ Er runzelte die Stirn. „Mir sind eigentlich wenige Sachen wirklich peinlich. Meistens kann ich drüber lachen. Hm.“ Er schien nachzudenken.
„Einmal habe ich mich in der U-Bahn fast auf jemanden draufgesetzt“, erzählte er dann. „Ich wollte zwei Sitze für mich, bin in den Vierer rein und habe meinen Rucksack auf den Platz am Fenster gestellt. Dann wollte ich mich auf den Sitz daneben setzen, aber da saß plötzlich jemand. Ich habe mich richtig erschreckt.“
Ich lachte.
„Das seltsamste war ja, dass in der Bahn richtig viel Platz war. Ich habe überhaupt nicht damit gerechnet, dass sich in der halben Sekunde, in der ich auf meinen Rucksack achte, jemand unbemerkt auf den Platz daneben hockt.“
Er grinste und sah mich dann an.
„Was ist mit dir?“
„Mir passieren dauernd Dinge, die mir peinlich sind“, erzählte ich. „Aber die Krönung ist bis heute folgendes: Ich war achtzehn, die letzten Sommerferien vor dem Abitur. Ich war mit ein paar Freundinnen am Badesee und da war so ein Kerl, der vielleicht Mitte oder Ende zwanzig war. Wir fanden alle, dass er ziemlich heiß ist, und haben gewettet, wer sich traut, ihn anzusprechen und nach einem Date zu fragen. Ich hab’s gemacht. Es war auch gar nicht so schlimm, er fand es wohl irgendwie witzig, hat mir aber einen Korb gegeben. Nun ja. Eine Woche später geht die Schule wieder los und jetzt rate mal, wer mein neuer Mathelehrer war.“
Consti riss die Augen auf.
„Nein!“, entfuhr es ihm ungläubig. „Ernsthaft?“ Ich nickte.
„Ich war daraufhin erst einmal eine Woche krank. Er hat mich natürlich sofort erkannt und man hat ihm angesehen, dass ihm das unangenehm war. Meine Freundinnen fanden das total witzig und haben das rumerzählt. Alle wussten davon und es hat damit geendet, dass ich, meine Eltern und mein neuer Mathelehrer zum Direktor mussten zum Gespräch. Das war übrigens auch ein Grund, warum ich danach erstmal für zwei Jahre weg bin.“
„Scheiße!“, stieß er aus. „Das ist ja wirklich schrecklich.“ Dann lachte er. „Und irgendwie wirklich witzig.“
„Ich gebe zu, mittlerweile kann ich auch drüber lachen, aber das letzte Schuljahr war der Horror.“
„Das glaube ich dir.“
„Meine Eltern waren übrigens echt sauer, dass ich meinen Lehrer angemacht habe. Es war ihnen egal, dass ich zu dem Zeitpunkt ja gar nicht wusste, dass er mein Lehrer ist. Ich glaube, meine Mutter hält mich seitdem für ein Betthäschen, das keine besonders hohen Ansprüche hat.“
„Ehrlich? Das denkt sie immer noch von dir? Aber das ist doch jetzt fast zehn Jahre her.“
„Das kannst du ja mal meiner Mutter erzählen.“ Mühsam rappelte ich mich auf und ging zu der Ecke, wo ich seine Gitarre entdeckt hatte. Ich brachte sie Consti.
„Spiel mir dein Lieblingslied vor“, trug ich ihm auf. Er grinste, und spielte einmal alle Saiten durch, um zu überprüfen, ob das Instrument noch gut gestimmt war. Dann begann er zu spielen, und ich erkannte das Lied sofort. Er hatte definitiv Geschmack.

When you were here before
Couldn't look you in the eyes
You're just like an angel
Your skin makes me cry


Bei der zweiten Strophe stieg ich ein und Consti verstummte, als er das bemerkte.

You float like a feather
In a beautiful world
I wish I was special
You're so fucking special


Als wir dann zum Refrain kamen, überließ er mir die erste Stimme und sang begleitend zu mir die zweite Stimme.

But I'm a creep, I'm a weirdo
What the hell am I doing here?
I don't belong here


„Wow“, meinte Consti, als er nach dem Refrain aufhörte. „Du hast wirklich eine schöne Stimme.“
„Danke“, lächelte ich. „Gesangsunterricht war Teil der väterlichen musikalischen Erziehung.“
„Das hört sich irgendwie nach Zwang an“, meinte er stirnrunzelnd.
„War es auch irgendwie.“ Ich legte mich wieder auf den Fußboden, weil ich mittlerweile irgendwie doch sehr müde war, und stieß einen Seufzer aus. „Mein Vater konnte nicht zulassen, dass ich keine Musikerin werde, nachdem er bei meinem Bruder schon versagt hatte.“
„Du hast einen Bruder?“ Consti legte die Gitarre zur Seite und nahm zwei Kissen vom Sofa, reichte mir eines und machte es sich mit dem anderen neben mir gemütlich. Er leg auf der Seite, sodass er mich ansehen konnte und ich drehte mich jetzt ebenfalls zu ihm.
„Ja“, sagte ich. „Joe ist sieben Jahre älter als ich. Mein Vater wollte aus ihm einen Superpianisten machen, der sein Erbe antreten kann, aber Joe hat sich dagegen gewehrt. Meine Mutter hat sich dann irgendwann durchgesetzt, dass Joe ja nicht Klavier spielen müsse, wenn er nicht wollte. Mein Vater hätte ja noch mich, die daran viel mehr Spaß hatte. Was ja auch stimmte. Ich habe am Klavier spielen schon immer mehr Gefallen gefunden als Joe. Und ich spiele nach wie vor gerne. Aber es war mir nie so wichtig wie meinem Vater. Und nachdem er Joe vom Haken gelassen hatte, hat er sich voll auf mich konzentriert.“ Ich verdrehte die Augen. „Ich hatte sieben Tage die Woche Klavierunterricht, außer wenn mein Vater unterwegs war.“
„Und dein Bruder?“
„Der ist drei Jahre später, als er achtzehn war, nach Berlin abgehauen. Spielt da jetzt in einer Punk-Rock-Band.“ Ich seufzte. „Ich sehe ihn seitdem kaum noch. Anfangs kam er noch an Weihnachten nach Hause, aber das hat nach ein paar Jahren aufgehört. Es ist friedlicher so, wenn er nicht mit meinem Vater an einem Tisch sitzt.“
„Dein Vater war wahrscheinlich ziemlich betroffen, als du dein Studium abgebrochen hast.“
„Betroffen?“ Ich lachte verächtlich. „Er war enttäuscht. Das war viel schlimmer. Ich habe die Musik aufgegeben, um Literatur und Sprachen zu studieren. Ich habe die Kunst verworfen, um Wissenschaftler zu werden. Und mich dann noch so einer unnützen Wissenschaft gewidmet. Was bringt uns schon die Erforschung geschriebener Worte?“
„Das klingt heftig“, meinte Consti.
„Unser Verhältnis ist auch ziemlich belastet“, gab ich zu. „Ich besuche sie trotzdem einigermaßen regelmäßig, an Weihnachten, an Ostern, an ihren Geburtstagen. Nachdem Joe sich von ihnen abgenabelt hat, kann ich ihnen das nicht auch antun. Und irgendwie liebe ich sie ja auch, sie sind meine Eltern.“
Er nickte verstehend.
„Meine Mutter kommt ja sogar damit klar, dass ich meinen eigenen Weg gehe. Ich glaube, sie ist ganz froh, dass ich das alleine mit meinem Vater geregelt habe, und sie nicht einschreiten musste wie bei Joe.“
„Und du fährst dann in zwei Wochen zu deinen Eltern?“, fragte Consti. Ich schüttelte den Kopf.
„Dieses Jahr sind sie über Ostern hier“, erzählte ich. „Mein Vater spielt am Ostersamstag, Ostersonntag und Ostermontag in der Alten Oper.“
Consti hob die Augenbrauen.
„In der Alten Oper?“ Er runzelte die Stirn. „Dein Vater ist aber nicht zufällig Rainer Michelstedt?“
„Du kennst ihn?“, fragte ich überrascht. Das war selten bei Leuten meines Alters.
„Meine Eltern sind große Fans. Die haben sogar Karten für Ostersonntag.“
Ich grinste.
„Dann sollte ich wohl nichts schlechtes mehr von meinem Vater erzählen.“
„Krass“, meinte Consti.
„Was?“, fragte ich.
„Na, wie klein die Welt ist. Du bist die Tochter des Pianisten, den meine Eltern so anhimmeln.“
Ich lachte.
„Wir können ja ein Meet & Greet organisieren“, schlug ich vor. „Mein Vater freut sich sicher über Leute, die seine Musik wertschätzen.“
Consti grinste.
„Und deinen Bruder musst du mir auch mal vorstellen“, sagte er dann. „Wenn der auch Musik macht, möchte ich ihn gerne kennenlernen.“
„So so“, murmelte ich und lächelte ihn an. Consti erwiderte mein Lächeln und dann lehnte er sich plötzlich vor und küsste mich. Überrascht riss ich die Augen auf, dann musste ich grinsen. Consti löste den Kuss.
„Tut mir leid“, entschuldigte er sich. Ich lachte und er stimmte ein.
„Hat dich meine Familiengeschichte so berührt, ja?“ Ich veränderte ein bisschen meine Position und rutschte dabei unwillkürlich näher an ihn heran.
„Wahrscheinlich“, gestand er. „Aber findest du nicht auch, dass Küssen ein unglaublich schöner Zeitvertreib ist?“
Ich musste lachen.
„Du bist irgendwie seltsam“, fand ich, ließ es aber dennoch zu, dass er mich erneut küsste. Eine Weile lagen wir so da, seine Hand an meiner Wange, meine Hand an seiner Seite, und küssten uns, einfach so.
„Was ist mit deiner Familie?“, fragte ich irgendwann.
„Meine Familie?“ Consti stieß geräuschvoll die Luft aus. „Also mit meinem Onkel verstehe ich mich super.“
„Wer ist bei euch das schwarze Schaf?“, bohrte ich nach.
„Das wäre dann wohl ich.“ Consti grinste beinahe entschuldigend.
„Wieso?“, wollte ich wissen.
„Mein Vater wollte mir gerne seine Firma vererben, aber ich habe mein Abitur nicht gemacht und konnte dementsprechend kein Wirtschaftsstudium beginnen. Mal ganz davon abgesehen, dass ich nie Interesse an seiner Firma hatte. Dass ich bei Werner arbeite, ging ihm anfangs auch gegen den Strich, aber meine Mutter meinte, dass sei besser, als wenn ich gar nichts machte und den beiden nur auf der Tasche läge. Zum Glück sind die Zwillinge an der Firma interessiert.“
„Die Zwillinge?“
„Meine Brüder“, erklärte Consti. „Sie sind vier Jahr jünger als ich und zoffen sich mit unserer Schwester dauernd wegen der Firma.“
„Du hast noch eine Schwester?“
„Ja. Marlene liegt genau zwischen den Zwillingen und mir und verfechtet ihren Alleinanspruch auf die Firma, seit ich ausgestiegen bin.“
„Das ist ja dann wohl kaum harmonischer als bei mir zu Hause“, meinte ich.
„Wohl kaum“, stimmte Consti mir zu.


+++


* „Creep“ – Radiohead
Review schreiben
 
'