Das Licht im Fenster

von Azaria87
OneshotRomanze, Fantasy / P12
OC (Own Character)
09.05.2019
12.06.2019
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Fröhliches Stimmengewirr erfüllt den Schankraum – so wie jeden Abend im Tänzelnden Ork. Diese Taverne war schon immer gut besucht, aber seitdem der Wirt lauthals verkündete, dass die Wölfe Verduns hier nächtigen, scheint sich die Anzahl der Gäste verdoppelt zu haben. Und ein voller Schankraum füllt nicht nur die Börse des Gastwirts. Nein, auch der Barde, der das Glück hat, einen Platz zum Spielen gefunden zu haben, freut sich über das leicht verdiente Geld. Normalerweise würde Renon alles dafür tun, um sich als Barde selbst einen Platz zum Auftreten und somit die Aufmerksamkeit der Gäste zu sichern. Heute jedoch hängt er anderen Gedanken nach und überlässt seinem Kollegen gerne die Bühne für diesen Abend. Abwesend betrachtet er das Weinglas in seiner Hand und schwenkt es sachte hin und her und bemerkt gar nicht, wie die zarten Flötenklänge verstummen. Erst als sich der Barde neben ihn an die Theke setzt und beim Wirt eine Bestellung aufgibt, hört er auf, das Glas zu schwenken und trinkt einen Schluck. „Zwei Feuerwasser.“ Spricht dieser und als er die zwei Schnapsgläser erhalten hat, schiebt er einen davon zu Renon hinüber. „Nun mach doch nicht so ein betrübtes Gesicht, Renon. Du vergraulst uns sonst noch die ganze Kundschaft.“

Obwohl sein Weinglas noch halb voll ist, greift Renon zum Schnapsglas und leert diesen in einem Zug. Er unterdrückt den erwarteten Hustenreiz, als der Schnaps heiß seine Kehle hinabläuft. Als Tiefling besitzt er zwar eine Resistenz gegenüber Feuer, aber Schnaps brennt trotzdem und dieser brennt verdammt gut. Renon sieht seinen Freund dankbar an, der ebenfalls sein Glas direkt hinterkippt. „Schon genug gespielt für heute, Umadil? Sieht dir gar nicht ähnlich, so früh am Abend mit dem Spielen aufzuhören. Es ist noch nicht einmal Mitternacht.“

Umadil seufzt theatralisch. „Ich weiß, aber wenn ich noch länger spiele, befürchte ich, dass die Dame am Tisch dort drüben mir hier in aller Öffentlichkeit um den Hals fällt und mir die Kleider vom Leib reißt. Nicht, dass mich das stören würde, doch ich würde das lieber diskret hinter geschlossenen Türen erleben.“

Kurz lässt Renon den Blick schweifen und schaut zu jener Dame rüber. Es fällt ihm nicht schwer zu erkennen, wen sein Freund meint, denn die Frau rutscht bereits unruhig auf ihrem Stuhl herum. „Hast es wohl ein wenig übertrieben, was?“ beginnt er Umadil zu necken. Doch das macht diesem nichts aus, denn er zuckt nur mit den Schultern. „Nicht meine Schuld, wenn sie so anfällig ist.“ Meint er leise und ohne jede Reue in der Stimme. Renon nickt verstehend. Auch er lockt oft genug Frauen mit seinen verzauberten Lautenklängen in sein Bett. Einer der Tricks, die sie beide auf der Bardenakademie gelernt hatten. Nur heute steht ihm nicht der Sinn danach, eine Frau zu bezaubern.

„Nun erzähl mal, was dich heute so beschäftigt, mein Freund.“ Wie immer direkt, denkt sich Renon, als er dem anderen Tiefling in die goldenen Augen schaut. Ehrliches Interesse ist darin zu sehen und da Renon sich mit der Antwort Zeit lässt, kommt ihm Umadil zuvor. „Du denkst an Eos, oder?“ Langsam nickt Renon. Er hatte eigentlich nicht vor, über das Thema zu sprechen. Aber ohne Umadil wüsste er vermutlich immer noch nichts von seiner Tochter.

„Und du hast wirklich nichts von einer Tochter gewusst?“ Fragt Umadil nach. Das ihm die Fragerei langsam auf die Nerven geht, drückt Renon mit einem tiefen Seufzer aus. „Nein.“ Antwortet er knapp. Doch sein Freund lässt immer noch nicht locker. Offenbar hat er es sich zur Aufgabe gemacht, ihm jedes Detail zu seiner gerade erst gefundenen Tochter aus den Rippen zu leiern. „Und du bist dir absolut sicher, dass …. sie deine Tochter ist? Nicht, dass es sich um einen Irrtum handelt.“ Würde seine Stimme nicht ernsthaft besorgt klingen, würde Renon einfach aufstehen und seinen Freund an der Theke sitzen lassen. Er macht sich schon genug Sorgen um Eos. Sie ist noch sehr jung und so zierlich, sowohl von ihrer Statur als auch in ihrem Herzen. „Warum interessiert dich das überhaupt? Du hast mich doch selbst hergelockt, weil du dachtest, sie wäre meine Tochter.“ Renon hebt die Hand, um dem Wirt zu signalisieren, dass er was bestellen möchte. Als dieser bei ihm ist, bestellt er zwei weitere Feuerwasser. Er behält jedoch beide bei sich, wovon er einen hinterstürzt. Er bekommt so langsam das Gefühl, dass er sich in dieser Nacht nicht genug betrinken kann. Der andere Tiefling zuckt nur mit den Schultern. „Reine Neugier. Wir kennen uns nun schon so lange und nie wäre es mir in den Sinn gekommen, dass du eine Familie haben könntest. Nicht bei deinem .. ähm… Lebensstil.“

„Also ob deiner besser wäre.“ Kontert Renon da brummend. „Aber da du vermutlich ohnehin keine Ruhe gibst, bevor du die Geschichte kennst, kann ich sie dir genauso gut erzählen. Aber sei gewarnt. Sie ist nicht so gut, wie du vielleicht denkst.“

*** 18 Jahre zuvor ***


Buntes Laub segelt getragen vom kühlen Herbstwind zu Boden herab und bedeckt den Marktplatz Azmaars. Sanfte Lautenklänge vermischt mit einer tiefen und warmen Singstimme vertreiben die Kälte des herannahenden Winters und erfreuen Ohr und Herz der Zuhörer gleichermaßen. Renon, ein junger Absolvent der Bardenakademie, liebt es seine Zuhörer mit seinem Lautenspiel zu erfreuen – ja regelrecht zu verzaubern. Eine Laute spielen kann ja schließlich jeder. Aber einen Zauber in die Klänge hineinzuweben -  das vermögen nur Absolventen der Bardenakademie. Und darauf ist der junge Tiefling schon etwas stolz. Als die Sonne die Dächer der Stadt zu berühren beginnt, lässt er die Melodie seines letzten Liedes langsam ausklingen. Es ist Zeit sich eine Unterkunft für diese Nacht zu sichern. Er blickt durch die Menge, die nun versteht, dass sein Auftritt für heute beendet ist. Während Renon nach seinem Münzbecher greift, fällt ihm aus dem Augenwinkel unter seinen Zuhörern, die sich zu zerstreuen beginnt, eine junge Frau auf. Er zwinkert ihr zu und kann noch einen flüchtigen Blick auf ihre roten Wangen erhaschen, ehe sie davoneilt. Sie war ihm gestern schon aufgefallen. Und am Tag zuvor ebenfalls. Es freut ihn, dass sie jeden Tag extra vorbeikommt, um ihm beim Spielen zuzuhören. Und das ohne, dass er sie dazu bezaubert hätte. Eigentlich ist sie gar nicht sein Typ. Die junge Frau hat blasse Haut, schulterlanges braunes Haar, ihre Figur war durchschnittlich, ein bisschen zu mager für seinen Geschmack und ihre Kleidung wies sie als einfache Bürgerin dieser Stadt aus. Kurz: Sie ist ein Mädchen, dass nicht besonders in der Masse auffällt. Es sei denn, man ist die einzige, die jeden Tag vorbeischaut. Das einzige beständige Gesicht in der sich stets verändernden Masse von Zuhörern. Als sie davoneilt, zuckt Renon nur mit den Schultern. Er ist nicht an ihr interessiert, aber ihr Interesse schmeichelt ihm. Als er nun in seinen Münzbecher schaut, macht sich schnell wieder Ernüchterung breit. Viel hat er heute nicht eingenommen. Sein Schweif zuckt unruhig hin und her als er einen Fluch unterdrückt. Es wird immer schwieriger, genug Geld für eine Unterkunft zu bekommen. Kein Wunder eigentlich. Der Winter steht vor der Tür und die Leute halten ihre Münzen beisammen. Egal – mit dem Rest an Münzen von gestern wird es für diese Nacht noch reichen. Und vielleicht probiert er sich doch einmal an diesem kleinen Zauber, den sein Freund ihm auf der Akademie beigebracht hat.

Am nächsten Tag scheint Renon mehr Glück zu haben. Es ist Markttag und viele Besucher schlendern von einem Stand zum nächsten - auch Abenteurer sieht man hier und da auf der Durchreise. Und diese sind meist etwas spendabler als die Bürger der Stadt. Er hat sogar genug eingenommen, um sich am frühen Nachmittag eine warme Mahlzeit leisten zu können. Gerade trinkt er seinen Becher heißen Tee aus, als ihm die junge Frau auffällt, die auf der anderen Seite des Brunnens steht und ihn anschaut. Renon kann es sich zwar nicht erklären, aber auch nicht leugnen, dass er sich freut, sie zu sehen. Gerade will er zu ihr hinübergehen und sich bei ihr dafür bedanken, dass sie jeden Tag zum zuhören vorbeikommt. Doch kaum, dass er sich erhebt, eilt sie bereits wieder davon. ‚Sie muss wohl ziemlich schüchtern sein.‘ denkt sich der Barde und fasst sich stirnrunzelnd an die Hörner auf seinem Haupt. ‚Oder hat sie Angst vor Tieflingen?‘. Tatsächlich ist ihm bereits aufgefallen, dass er nur sehr wenige andere Tieflinge hier in der Stadt gesehen hat. Und das waren ausschließlich Leute auf der Durchreise. Zugegeben wirken Tieflinge nach außen hin oftmals etwas bedrohlich, immerhin haben sie ein recht dämonenhaftes Aussehen – nicht ohne Grund. Doch die meisten Leute wissen, dass Tieflinge nicht dämonischer sind, als alle anderen Völker auch. Er schaut dem braunhaarigen Mädchen noch kurz nach, ehe sie in der Menge verschwindet. Dann beschließt er, noch selbst etwas über den Markt zu streifen und später in seiner Taverne nach einem Platz für den Abend zum Spielen zu fragen.

Am frühen Abend ist das Glück erloschen. Der Tavernenwirt begrüßt den Tiefling mit einem Fausthieb mitten ins Gesicht. Und das vor all seinen Gästen! „Wie kannst du es wagen, du elender Herumtreiber-“ schnauft der Wirt wütend. „Meine Tochter zu entehren?“ Wieder versucht er nach Renon zu schlagen, aber diesmal kann er dem Schlag ausweichen. Abwehrend hebt er beide Hände und weicht etwas zurück. Sämtliche Blicke im Schankraum sind nun auf ihn gerichtet. Klasse. SO hat er sich die Aufmerksamkeit nicht gewünscht. „Ich kann das erklären, wenn ihr mich nur zu Wort kommen lassen würdet.“. „Zu Wort kommen lassen!?“ donnert der Wirt und stapft weiter auf den Tiefling zu, bis dieser die Wand im Rücken spürt. „Als ob ich einen elenden Lügner zu Wort kommen lasse. Deine Worte sind Gift.“ Und um seine Abscheu zu betonen, spuckt er aus. Renon hat inzwischen längst erkannt, dass es ein Fehler war, die Tochter des Wirtes zu verführen. Nur will ihm nicht einfallen, wie der Vater das so schnell mitbekommen hat. „Ich denke, meine täglichen Zuhörer würden das etwas anders beurteilen.“ Versucht er sich dennoch herauszureden. Kurz schaut er zum Tresen und blickt dort in das irritierte Gesicht der Wirtstochter. Ihr Blick lenkt ihn so sehr ab, dass er den nächsten Hieb ihres Vaters zu spät bemerkt. Der Fausthieb trifft ihn mit voller Wucht in den Magen und lässt den Tiefling wie eine gekappte Marionette zu Boden sinken. Nach Luft ringend, kann er nur noch abwarten, bis die Prügel des wutentbrannten Wirtes endlich nachlässt. Was bringt es schon, dem übervorsorglichen Vater zu erklären, dass nicht er es war, der seine Tochter entjungfert hatte. Schließlich greifen nach einer Weile doch die ersten Gäste ein und bringen den Wirt davon ab, ihn noch totzuprügeln. Rausgeschmissen wird er trotzdem. Und als die Türen des Gasthauses sich schließen, kommt es Renon so vor, als würde die aufkommende Kälte nicht nur einen Körper bedrohen. Es dauert lange, bis er die Kraft findet, sich aufzurappeln. Als ihm ein stechender Schmerz zusammenzucken lässt, kann er sich einen infernalischen Fluch nicht verkneifen. Es scheint, als hätte der Wirt ihm eine Rippe gebrochen. Als dann noch die ersten Regentropfen zu fallen beginnen, ist der Tiefling restlos davon überzeugt, dass die Götter ihn für seinen Frevel letzte Nacht bestrafen wollen. „Schönen Dank auch, Umadil….“ Murrt er leise und setzt sich schlurfend in Bewegung. Wohin weiß er nicht. Vielleicht zum nächsten Gasthaus. Falls sich die Kunde über seine Taten nicht bis dahin herumgesprochen hat. Der anfängliche Nieselregen wird bald immer stärker und bald fallen dicke schwere Tropfen auf die Stadt hinab und gewähren der kalten Herbstluft bis unter die tropfnasse Kleidung zu kriechen. In der Hoffnung, eine Abkürzung genommen zu haben, schleppt sich Renon eine dunkle Gasse entlang. Die Dunkelheit macht ihm zum Glück nichts aus. Er kann als Tiefling immer noch hervorragend sehen und im Gegensatz dazu bemerken die nachtblinden Menschen seinen Zustand nicht. Als in einem der Fenster plötzlich ein Licht erscheint, schaut er neugierig hin. Jemand hat eine Kerze ins Fenster gestellt. Einen Kurzen Moment lang betrachtet der Tiefling das warme Licht – das einzige Licht in dieser dunklen Gasse. Kurz darauf taucht ein Gesicht neben der Kerze im Fenster auf und als Renon es erkennt, zuckt er leicht zusammen. Es ist die junge Frau, die ihn seit mehreren Tagen verstohlen beobachtet. Hat sie ihn bemerkt? Vermutlich nicht. Menschen sehen furchtbar schlecht im Dunkeln und er kann auch gut darauf verzichten, dass er bemerkt wird. Zumal er sie nicht noch mehr verängstigen will. Langsam schlurft er weiter. Verdammt, der Regen ist schon verdammt lästig. Und kalt. Er wird sich beeilen müssen, sonst wird er sich noch erkälten. Ohne darüber nachzudenken schaut er noch einmal zurück. Das Licht im Fenster ist wieder erloschen. Schade eigentlich. Das Licht strahlte eine angenehme Wärme aus. Als er fast an der Kreuzung zur Hauptstraße angekommen ist, spürt Renon, dass sich etwas verändert hat. Zuerst weiß er nicht genau, was, aber einen Herzschlag später bemerkt er den fehlenden Regen auf seinem Kopf. Verdutzt blickt er auf und erkennt den Schirm, der über ihn gehalten wird. Er dreht sich stirnrunzelnd um und schaut direkt in das Gesicht des braunhaarigen Mädchens. Sie hält in der einen Hand den Schirm und in der anderen eine Laterne mit einer Kerze drin. Ihr Blick zeigt Besorgnis aber auch Vorsicht. Und obwohl im gefühlt jeder Knochen im Leib schmerzt, ringt er sich ein Lächeln ab. „Was macht ihr denn hier draußen, mein Fräulein? Ihr erkältet euch noch.“Sie zögert mit ihrer Antwort, als könne sie es sich selbst nicht so recht erklären. „Ihr seid verletzt.“ Haucht sie schüchtern. Er winkt ab. „Nur eine kleine Meinungsverschiedenheit.“ Doch sie schüttelt den Kopf. „So wie ihr ausseht ist es mehr als eine Kleinigkeit.“ Und bevor der Barde reagieren kann, drückt sie dem Barden ihren Schirm in die Hand und greift nach seiner anderen Hand, um ihn sachte mitzuziehen. Verblüfft über ihre Kühnheit, lässt er es zu. Zumal die Aussicht dem Regen zu entkommen, wirklich verlockend ist.

Sie führt ihn zu ihrer kleinen Wohnung, die über einem Apothekenladen liegt. Dort angekommen hilft sie ihm aus seinem klatschnassen Mantel und bedeutet ihm zu warten. Während er sich an den Küchenofen stellt, um sich etwas zu wärmen, hängt sie den nassen Mantel auf und holt einen Stapel frischer Wäsche aus einem Schrank. Verdutzt betrachtet er die Sachen und als sie ihm mitteilt, dass er sich ausziehen soll, wandern seine Augenbrauen irritiert nach oben. „Ihr müsst aus den nassen Sachen raus, sonst werdet ihr noch krank. Und ich möchte eure Verletzung behandeln.“ Verstehend nickt er. „Kennt ihr euch denn damit aus, Fräulein?“ Nun nickt sie und dreht sich von ihm weg, damit er seine restlichen nassen Sachen ausziehen kann. Es dauert ein wenig, da es ihm Mühe und Schmerzen bereitet. Doch sie wartet geduldig ab. Im Stillen dankt sein männlicher Stolz es ihr, dass sie keine Hilfe anbietet. „Die Apotheke und diese Wohnung gehörte früher meinen Eltern. Nun, da sie nicht mehr leben, kümmere ich mich darum. Ich habe viel von ihnen gelernt.“ Als er – nunmehr mit einer trockenen Hose – vermutlich die ihres Vaters, aber was soll er sich beklagen? – bekleidet ist, tippt er sie sachte an der Schulter an, damit sie sich wieder zu ihm herumdrehen kann. Nun, wo er sie von nahem und bei Licht betrachten kann, fällt ihm erst auf, dass ihre Augen grün sind. So grün wie Smaragde. Ihm gefällt diese Farbe. Und das Rot auf ihren Wangen, das sich bildet, als sie seinen nackten Oberkörper sieht. Es bringt ihn zum Schmunzeln. „Ich möchte ganz gewiss nicht undankbar erscheinen, mein Fräulein. Aber wieso bin ich hier? Bisher schient ihr mir doch lieber auf Distanz zu bleiben.“Ihre roten Wangen ignorierend drückt sie ihn sachte auf einen Stuhl und holt einen Koffer herbei, der, als sie ihn öffnet, allerlei medizinisches Zeug offenbart, von dem der Barde keine Ahnung hat. Auf seine Frage erhält er dieselbe Antwort wie schon in der Gasse. „Ihr seid verletzt.“ Das scheint wohl Grund genug zu sein. Und obwohl sich der Barde damit nicht zufriedengibt, beschließt er, die Frage später noch einmal zu wiederholen. Zunächst ist er wirklich dankbar, dass sich jemand Fachkundiges um seine angeknackste Rippe kümmert. Und um die anderen Prellungen und Blutergüsse, die der Wirt ihm eingebracht hat. Schweigend lässt er die junge Frau Salben auftragen, Verbände anlegen und gehorcht ihr aufs Wort, wenn er sich etwas drehen oder ihr die Schmerzen beschreiben soll. Als nach getaner ihren Koffer wieder aufräumt, schlüpft er umständlich in das trockene Hemd, das sie ihm gegeben hat. „Ich danke euch vielmals, mein Fräulein. Wie kann ich euch das nur vergelten? Ich fürchte viel Geld habe ich nicht.“ Ratlos zuckt sie mit den Schultern. „Ich überlege mir morgen etwas. Für heute Nacht könnt ihr im freien Zimmer schlafen.“

Alarmiert schaut der Barde sie an und schüttelt entschieden den Kopf. „Das geht auf keinen Fall. Das schadet nur eurem Ansehen.“ Sie legt fragend den Kopf auf die Seite. „Und wo wollt ihr stattdessen schlafen?“ Darauf weiß Renon keine Antwort und resigniert seufzt er. „Einverstanden. Aber nur diese Nacht. Und schließt euer Zimmer ab. Nicht dass ich noch einmal verprügelt werde, weil ich einem Mädchen zu nahe komme.“ Sie lässt diese Bemerkung unkommentiert und zeigt ihm das freie Zimmer, welches sie erwähnte. Dort stellt sie die brennende Kerze aufs Fensterbrett. „Ich lasse sie für euch brennen. Dann habt ihr etwas Licht.“ Meint sie leise und geheimnisvoll. Als er kurz aus dem Fenster lunzt, bemerkt er, dass es wohl das selbe Fenster ist, welches er unten von der Gasse aus gesehen hat. „Ihr seid zu freundlich, mein Fräulein. Darf ich noch euren Namen erfahren? Dann kann ich diese Nacht den Göttern für eure Güte danken.“

Wieder errötet sie ein wenig und haucht ihren Namen eher, als dass sie ihn wirklich laut ausspricht. „Mein Name ist Alysha.“ Der Tiefling betrachtet die junge Frau einen Moment lang. Sie ist wirklich nichts besonders schön. Normalerweise wäre sie ihm wohl nie aufgefallen. Es gibt wahrlich hübschere Frauen als sie. Und doch strahlt sie eine wohlige Wärme aus, die ihn fasziniert. Könnte sie sogar mit einer Knospe zu vergleichen sein? Was verbirgt sich wohl unter ihrer zurückhaltenden Art? Er bekommt Lust, das herauszufinden. Auf die altmodische Art. Umadil kann seine betörenden Zauber ruhig für sich behalten.„Mein Name ist Renon.“ Stellt er sich mit warmer und tiefer Stimme vor. „Und ich danke euch von Herzen.“
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