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Ausgang: Ungewiss

von Jari
KurzgeschichteFamilie / P12 / Gen
09.05.2019
09.05.2019
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Hallo Ihr Lieben :-)

Begonnen hat diese Geschichte als kleines Schreibprojekt für zwischendurch. Ewig dümpelte ich irgendwo um die 500 Wörter herum, aber jetzt bin ich endlich fertig geworden.

Ich hoffe, alles ist verständlich, da ich zum Teil die englischen Begriffe benutzt habe, aber einige auch übersetzen musste.

Jari


Ausgang: Ungewiss

Michael Burns ist kein Exy-Fan. Das Spiel ist ihm zu schnell und zu hart. Skispringen mag er. Und Eiskunstlauf. Dennoch schaltet er zu einem Exy-Spiel seinen Fernseher ein. Nicht irgendeinem Spiel, Michael, hört er seine Kollegen in Gedanken sagen, dem! Spiel. Seit Tagen, ach seit Wochen, kennen diese kein anderes Thema. Exy hier. Exy dort. Hauptsächlich, um am nächsten Arbeitstag mitreden zu können, verbringt Michael nun den frühen Nachmittag vor dem Fernseher und nicht etwa im Kino oder in einem Museum.

Dabei weiß er nicht einmal, ob und wenn ja, welcher Mannschaft er seine Sympathien schenken soll. Bei den Ravens handelt es sich um die wohl berühmteste Mannschaft des NCAA Class I Exys; die Foxes sind eher die Underdogs dieser Sportart - so viel hat selbst er verstanden. In Tierform jedenfalls mag er Füchse lieber als Raben.

Seine Nachbarn haben das volle Fan-Programm aufgefahren. Im Haus links von seinem Appartement flattern orangene Wimpel vor den Fenstern und im Garten steht ein aufgeblasener Gummi-Fuchs. Dagegen sieht das Haus auf der anderen Seite aus wie einem Horror-Roman entsprungen: Schwarze Wimpel an der Eingangstür, schwarze Vorhänge in den Fenstern und an der Fahnenstange, an der sich sonst die amerikanische Flagge befindet, flattert ein Pappmasche-Rabe im Wind.

Michael hofft, dass es nach dem Spiel nicht zu irgendwelchen Ausschreitungen zwischen seinen ansonsten friedlichen Nachbarn George und Harry kommt. Allgemein sind Fans von Mannschafts-Sportarten ja nicht für ihre Umgänglichkeit bei einer Niederlage bekannt.

Auf Michaels Wohnzimmertisch steht eine Kerze -zufällig ist sie orange-, und im nahegelegenen Supermarkt hat er sich Cola, die er sonst nur zu besonderen Anlässen trinkt, und eine Tüte Chips, die er sonst nur zu besonderen Anlässen isst, besorgt. Dadurch sollte dem Ereignis wohl Genüge getan sein.

Noch flimmern über den Bildschirm Statistiken, Tabellen und Lebensläufe der Spieler, die für ihn von keinerlei Interesse sind. Ohnehin werden ihn seine Kollegen wohl kaum fragen, ob er ihnen die Trefferquote der einzelnen Spieler oder ihre Geschwindigkeiten aufzählen kann. Also vertieft er sich in ein Buch.

Fetzen der Anmerkungen der Kommentatoren bekommt er dennoch mit:

„... nach seiner schweren Verletzung ...“

oder

„Coach Wymack mit seinen eher ungewöhnlichen …“

und

„... ein Wunder, dass wir heute ...“.

Erst als die Hymnen der beiden Mannschaften erklingen, legt Michael den Roman beiseite, greift nach der Chipstüte und bekommt mit, wie die Spieler in das Stadium einlaufen.

Das Spiel startet nicht mit der von Michael erwarteten Brutalität, geht aber schnell in solche über. Körper krachen gegen die Absperrungen, Schläger gegeneinander.

Rein objektiv betrachtet sind die Foxes das schlechtere Team – das ist selbst für einen Laien wie Michael erkennbar.

Nur Kevin Day macht eine bessere Figur als seine Mitspieler. Kevin Day, so viel hat Michael den Gesprächen seiner Kollegen entnommen, ist eine Legende und spielte früher auf Seite der Ravens. Ganz weiß Michael nicht, was vorgefallen ist, um ihn aus dem Rabennest in den Fuchsbau zu treiben. Irgendetwas mit einem Skiunfall und einer zerstörten linken Spielhand. An der gegnerischen Abwehr kommt allerdings auch er nicht vorbei.

Ein ums andere Mal feuern zwei der Raben-Spieler ihre Schüsse auf das gegnerische Tor ab, und die Trefferlampe zeigt rot, rot und wieder rot.

Renee Walker, die Torhüterin der Foxes, tut Michael richtig leid. Er braucht ihr Gesicht, das hinter einem mit Netz versehenen Helm versteckt ist, nicht zu sehen, um zu wissen, wie schlecht sie sich gerade fühlen muss.

Beim vierten Treffer durchdringt das Zimmer ein dermaßen verzweifeltes Stöhnen, dass Michael sich verwundert umsieht. Nein, er ist noch immer allein – seine Freundin nicht von der Arbeit zurückgekehrt. Von daher muss der Laut von ihm selbst stammen. Noch verwunderter ist er darüber, dass er ganz an die Kante des Sofas gerutscht ist. Um zu beweisen, dass er nicht! etwa von diesem bescheuerten Spiel gebannt wurde wie ein Kaninchen von einer Schlange, rutscht er zurück und lässt seinen Kopf gegen die Lehne sinken. Seine Augen allerdings kleben weiterhin am Geschehen. Bloß nicht wegschauen. Bloß nichts verpassen.

Zur Halbzeitpause führen die Ravens mit sieben zu drei Punkten.

Michael geht pinkeln und danach in die Küche. Dort beginnt er, das Abendessen vorzubereiten und schneidet Karotten, Porree und Pilze in mundgerechte Stücke. Aus dem Wohnzimmer dringen gedämpft die Stimmen der Kommentatoren. Vermutlich berichten sie gerade darüber, wie aussichtslos die Lage für die Foxes ist und wie mies ihre bisherige Vorstellung. Die nächste Karotte fällt Michaels Messer zum Opfer und wird in winzige Fitzel zerzackt.

Zwei Minuten vor Beginn der zweiten Spielzeit sitzt Michael bereits wieder vor dem Fernseher. Mit dem Auftauchen der Athleten geht ein Raunen und nachfolgend ein ohrenbetäubendes Gejubel durch die Zuschauer. Durch alle Zuschauer. Foxes- und Ravenfans rasten gleichermaßen aus, springen von ihren Sitzen und klatschen. Verwirrt runzelt Michael die Stirn. Ist etwas an ihm vorbeigegangen?

Kevin Day, verkündet eine zitternde Reporterstimme, hat seinen Schläger auf die linke Hand gewechselt und beabsichtigt offensichtlich, das Spiel mit dieser zu beenden. Anerkennend spitzt Michael die Lippen zu einem lautlosen Pfiff. Wie es aussieht, haben die Foxes trotz ihres großen Rückstandes noch nicht aufgegeben und zumindest ein Ass im Ärmel. Auch bei der Aufstellung hat sich etwas verändert. Im Tor befindet sich anstelle der Hüterin nun der Junge Andrew Minyard, von dem Michael durch Erzählungen seiner Kollegen weiß, dass es sich bei ihm um den Zwillingsbruder des Spielers Aaron Minyard handelt.

Aaron Minyard, der als Backliner spielt, befindet sich noch nicht in unmittelbarer Nähe seines Bruders, und doch verursacht der Anblick der beiden ein unbestimmbares Brennen in Michaels Brust. Sie sind klein. Bestimmt werden sie von jedem anderen Spieler, sowohl männlich als auch weiblich, überragt. Vielleicht löst das eine Art Verbundenheit aus. Mit seinen 1,65 m gehört auch Michael zu den kleinen Männern.

Im Gegensatz zur ersten Halbzeit schaffen es die Ravens nicht mehr zu dominieren. Noch immer feuern sie in aberwitziger Geschwindigkeit ihre Bälle auf das Tor der Foxes. Nur gelingt es dem jetzigen Goalkeeper jeden Ball abzuwehren. Dabei liegt in seinen Bewegungen eine unterdrückte Aggressivität, die Michael glauben lässt, dass es sich bei ihm um Ass Nr. 2 handelt.

In der dritten Minute der zweiten Halbzeit schießt Kevin Day ein Tor.

Fünf Minuten später trifft er erneut.

Danach entwickelt sich das Spiel zu einem schwer zu folgenden Durcheinander. Brutal werden die Backliner der Foxes beiseite geschoben. Die Schüsse erfolgen in einer für Michael nicht nachvollziehbaren Geschwindigkeit. Andrew blockiert diese weiterhin.

Michael öffnet die Chipstüte.

Nach siebzehn Minuten haben die Foxes so weit aufgeholt, dass es acht zu sechs steht.

Auf das dritte Tor von Kevin Day hin rastet Reacher, einer der Raven-Spieler, vollkommen aus. Ein wenig Hin- und Hergeschubse ist normal, doch belässt er es nicht bei einem einfachen Angriff, sondern verfolgt Kevin und bedrängt ihn auf eine nicht mehr angemessene Art. Plötzlich ist das Spielfeld voll mit sich prügelnden Teammitgliedern und Hilfskräften, die versuchen die Kontrahenten zu trennen. Nur die zwei Goalkeeper beteiligen sich nicht an dem Gerangel. Schließlich wird Reacher mit einer roten Karte vom Feld geschickt; zwei der Foxes erhalten gelbe Karten.

Dafür bekommt Kevin einen Freischuss zugesprochen, den er prompt in ein weiteres Tor verwandelt.

Für den Moment verlieren die Ravens ihr Interesse an ihm und richten ihre Aufmerksamkeit auf die Backliner der Foxes und deren Goalkeeper.

Beim nächsten Angriff kracht Williams, einer der Raven-Spieler, mit voller Wucht in Andrew, drückt ihn gegen die Wand und lässt die Sensoranzeige Rot aufleuchten, da diese keinen Unterschied zwischen einem Tor oder einem sonstigen Gewicht macht.

Sämtliche Knochen in Michaels Körper werden zusammengepresst und fühlen sich an, als sei er persönlich mit einer massiven Wand kollidiert. Ein Keuchen entweicht ihm. Was um alles in der Welt ist das? Durch den Schock ist es ihm fast nicht möglich, das weitere Geschehen zu beobachten. Obwohl es Andrew anscheinend gut geht und er sich bereits wieder von Williams gelöst hat, kommt Neil Josten mit der Geschwindigkeit eines angreifenden Geparden angerannt und schubst Williams von den Beinen.

Noch lassen ihm die Schiedsrichter dieses Verhalten durchgehen, jedenfalls macht keiner Anstalten, ihn zurückzuhalten oder gar eine Karte zu zücken.

Dafür taucht Matt Boyd, einer der Backliner der Foxes, neben dem Jungen auf und redet auf ihn ein. Solange die Spieler und Schiedsrichter in ihre Gespräche vertieft sind und das Spiel nicht fortgesetzt wird, nutzt Michael die Zeit, um über das Erlebnis hinwegzukommen. Mit zitternden Händen greift er nach der Cola und nimmt einen großen Schluck direkt aus der Flasche. Sofort schießt ihm die Kohlensäure in die Nase. Das unangenehme Kribbeln sorgt dafür, dass der Druck auf seiner Brust etwas vergeht. Gleich morgen will er seine Kollegen fragen, ob ihnen als wirkliche Exy-Fans etwas ähnliches schon einmal passiert ist. Gut möglich, dass sie jedes Mal Schmerzen verspüren, wenn ihr Lieblingsspieler verletzt wird.

Die Frage ist nur, warum widerfährt ihm so etwas ausgerechnet bei Andrew Minyard und nicht etwa, als Kevin Day gefoult wurde? Eine besondere Verbindung zu dem winzigen Goalkeeper vermag er, abgesehen von der Größe, nicht zu erkennen.

Als das Spiel fortgesetzt wird, gibt es eine neue Aufstellung. Anstelle von Matt springt Neil an dessen Position als Backliner, und als Striker an Neils Stelle erscheint Dan Wilds, eine der wenigen Spielerinnen in diesem Sport. Auf Seite der Ravens kassiert Williams eine rote Karte und muss das Spielfeld verlassen.

Andrew ergreift den Ball, schlägt ihn weit über das Spielfeld und der Kampf bis zum Ende beginnt.

Zwischen Neil Josten und Riko Moriyama herrscht eine aggressive Grundstimmung, die über eine bloße Rivalität zwischen den beiden Mannschaften hinausgeht. Wo und wann immer es ihm möglich ist, steht Neil Riko im Weg, schneidet ihn oder blockiert seine Schüsse auf jede erdenkliche Art. Die beiden müssen eine Geschichte haben, die an Michael vorbeigegangen ist oder seine Kollegen nicht für erwähnenswert hielten.

Gemeinsam stürzen Neil und Riko in ihrer wilden Jagd dem Ball hinterher zu Boden. Doch rappelt sich Neil wieder auf, bevor sein Widersacher die Chance dazu hat. Blitzschnell ist er am Ball, spielt ihn zu Allison, die wiederum sofort abgibt und zu Kevin spielt. Kevin zu Dan, Dan zu Kevin und Treffer!

Acht zu acht.

Hart beißt sich Michael auf die Unterlippe, um sich davon abzuhalten laut zu schreien und so möglicherweise seine Nachbarn zu alarmieren. In dem von ihm bewohnten Altbau sind die Wände dünn wie Papier.

Er kennt keinen der Foxes-Spieler persönlich. Fast am Ende des Spiel angelangt meint er aber sagen zu können, dass ihm deren Art mehr zusagt. Auch sie schonen ihre Gegner in keiner Weise, doch die Ravens gehen rücksichtsloser und brutaler vor.

Weitere zehn äußerst frustrierende Minuten verstreichen ohne ein Tor, obwohl sich beide Mannschaften mächtig ins Zeug legen. Letztlich gelingt es einem Raven-Spieler, an der Abwehr der Foxes vorbeizukommen und einen schnellen Schuss auf deren Tor abzugeben. Nicht schnell genug befindet sich Andrew an der richtigen Position, und die Ravens erlangen einen Treffer.

Als Zeugnis seiner Wut schmettert Andrew nachfolgend seinen Schläger gegen die Wand. Auch in Michael lodert es heiß auf. Mehr Cola muss zum Abkühlen her.

Nach einem nächsten Foul der Foxes erfolgt ein weiterer Wechsel. Langsam befürchtet Michael, sich nie im Leben die ganzen Namen merken zu können. Die Bildanzeige verrät ihm, dass Nicky für Allison kommt und Matt für Aaron einspringt.

Nun befinden sich drei Backliner auf Seite der Foxes, und die zwei Striker der Ravens haben keine Chance mehr, ihre Schüsse von einer guten Position aus abzugeben. Viel zu weit sind sie vom Tor entfernt, und dort steht Andrew, der jeden Versuch abschmettert. Ein von ihm zurückgeschlagener Ball fliegt weit und hoch. An den Plexiglaswänden, die das Spielfeld umgeben, prallt er ab, wird von Kevin aufgefangen und dieser schafft wieder einmal den Ausgleich. Neun zu neun.

Unruhig rutscht Michael auf dem Sofa hin und her. Bis zum Spielende verbleiben nur noch wenige Minuten. Und dann? Was passiert bei einem Gleichstand? Shootout? Gibt es das beim Exy überhaupt. Zum ersten Mal bedauert er es, seinen Kollegen beim Erklären der Regeln nicht besser zugehört zu haben. Vielleicht gewinnt auch einfach die Mannschaft, die das erste Tor im Spiel geschafft hat.

In den letzten zwei Sekunden des Spiels schießt Kevin Day allen Kritikern zum Trotz mit seiner angeblich unbrauchbaren linken Hand das entscheidende Tor, das die Foxes gewinnen lässt.

Ungeahnte Glücksgefühle durchströmen Michael. Jubelnd springt er auf. Zur Hölle mit den Nachbarn. Mit einer Hand fegt er die noch halbvolle Chipstüte vom Tisch und der Inhalt ergießt sich auf den Teppich. Von der Straße her erklingt wildes Gehupe, das entweder von euphorischen Fans herrührt oder aber auf den alltäglichen Verkehrswahnsinn zurückzuführen ist.

Tief durchatmend lehnt sich Michael zurück. Noch immer begreift er nicht, wie es ein Exy-Spiel geschafft hat, ihn auf eine Art mitzureißen, die er sonst nur von einer perfekt inszenierten Opernaufführung kennt.

Ja, es war spannend.

Aber war es von der Art, die sonst bei ihm Begeisterungsstürme hervorruft? Nein!

Noch immer zeigen die Kameras das Spielfeld und so wird Michael Zeuge, wie Riko seinen Schläger gegen einen am Boden liegenden Neil erhebt. Ganz kann er sich nicht erklären, wie Andrew in diesem Moment neben den beiden auftauchen kann. Aber er ist da, bringt seinen Schläger in Position und lässt ihn auf Rikos Arm krachen.

Riko taumelt einige Schritte zurück, lässt sich auf die Knie fallen und umklammert schmerzerfüllt seinen Arm. Michaels Mitleid hält sich in Grenzen. Wer dazu bereit ist, nach Spielende einen bereits am Boden befindlichen Rivalen anzugreifen, ist auch jemand, der Kinder oder Tiere quält.

Danach öffnen sich die Türen in den Schutzwänden; Sanitäter, Helfer und bereits ausgewechselte Spieler kehren zu ihren Mannschaften zurück. Es herrscht ein rechtes Durcheinander. Einige der Spieler lassen sich erschöpft fallen, andere nehmen an Ort und Stelle ihre Schutzkleidung ab. Zum ersten Mal sieht Michael deren Gesichter. Zwei von ihnen, die Minyard-Zwillinge, sehen aus wie kleine Arschlöcher und somit ziemlich genau wie er um die Zwanzig. Von ihrer mangelnden Körpergröße bis hin zu dem blassblonden Haar sind sie ein fast perfektes Ebenbild von ihm zu dieser Zeit.

Sein Herz beginnt zu rasen. In seinem Kopf wirbeln die Gedanken durcheinander. Er rechnet und rechnet. Aber das kann nicht sein, oder? Doch kann es schon.

In seinem froschgrünen 67er Mustang, den er noch immer fährt, hatte er sich kurz nach Studienabschluss auf einen Roadtrip durch Amerika begeben. Von der Ostküste nach Los Angeles, wo er noch immer lebt.

Kennengelernt hatte er Tilda -ja, er ist sich zu 98 Prozent sicher, dass ihr Nachname Minyard lautete- auf einem Rummelplatz außerhalb einer kleinen Stadt im Südosten Amerikas. Angehalten war er bloß, um an einer der Buden eine Kleinigkeit zu essen und eventuell eine Runde auf dem Karussell zu drehen. Während er an einem wackligen Tisch seine Wurst und eine Portion Pommes verzehrte, hatte sie ihm von der Losbude gegenüber, wo sie mit einigen Freundinnen stand, Blicke zugeworfen.

Von allen fünf Frauen war sie die hübscheste. Mit ihrem herzförmigen Gesicht, dem sorgfältig zu dicken Locken gedrehten Haar von weizenblonder Farbe und vor allem ihrem schüchternen Lächeln hatte sie ihn gleich in ihren Bann gezogen. Michael hatte die Hand gehoben und ihr zugewunken.

Kurze Zeit später, als der Boden zu ihren Füßen bedeckt war mit Nieten, hatte sie sich von ihren Freundinnen gelöst und war mit wehendem Kleid zu ihm gelaufen. Nach einigen gewechselten Worten waren sie dazu übergegangen, sich wechselseitig mit Pommes zu füttern. Als keine mehr übrig waren, hatte sie ihn kichernd hinter den nächsten Wohnwagen gezogen und geküsst. Ihre Lippen schmeckten nach Salz und Erdbeerlippenstift. Von dem schüchternen Lächeln war nichts mehr zu sehen.

Gleich darauf fickten sie, gelehnt an einen Baum in dem kleinen Wäldchen, das an das Gelände des Jahrmarkts grenzte. Zweimal. Tilda war wie ein Buschfeuer über ihn hinweggefegt. Nie zuvor und nie danach hat er etwas Derartiges erlebt.

Später liebten sie sich in einem billigen Motelbett. Nur einmal. Danach schliefen sie ein.

Selbstverständlich hatten sie verhütet. Nein, sagt da eine Stimme in seinem Kopf, Tilda hat behauptet, sie würde die Pille nehmen und du hast blind darauf vertraut.

Jedenfalls war Tilda am nächsten Morgen verschwunden. Ohne Nachricht. Ohne Angabe ihrer Telefonnummer.

Für einen Moment scheint es ihm, als liege in der Luft ein Hauch ihres Parfums von damals. Etwas Fruchtiges, Mädchenhaftes hatte sie getragen.

Dann seufzt Michael und es riecht nur nach dem Kohl, den die alte Dame in der Wohnung über ihm immer kocht und der durch sämtliche Lüftungsschlitze des Hauses kriecht.

Tilda und er – sie waren beide so jung. Was wohl aus ihr geworden ist? Ist sie verheiratet und glücklich? Sitzt sie in diesem Moment im Stadion oder wie er vor dem Fernseher und sieht zu, wie ihre Söhne Sportgeschichte schreiben? Hat sie jemals versucht, ihn zu finden?

Zu viele Fragen. Keine Antworten.

Michael steht auf, geht unruhig im Zimmer hin und her ohne einem bestimmten Muster zu folgen. Zwischen Sofa, Tisch, Fernseher, Bücherregal, ledernem Lesesessel und Stehlampe ist nicht viel Platz, aber er reicht, um seine aufgewühlten Gedanken in geordnetere Bahnen zu lenken.

Seiner Ansicht nach bleiben ihm nur zwei Möglichkeiten:

1. Vergessen, dass er die Minyard-Zwillinge gesehen hat.

2. Versuchen, irgendwie in Kontakt mit diesen zu kommen.

Vergessen wäre leicht. Von seinen exy-begeisterten Kollegen hat niemand bemerkt, dass er mit seinem hellen Haar und der mangelnden Größe den Minyards ziemlich ähnlich sieht, und von seiner Familie lebt niemand mehr, der eine Verbindung zwischen ihnen herstellen könnte.

Genau das ist der Punkt, der ihn zur Möglichkeit Kontaktaufnahme bringt. Aus dem Nichts sind zwei Jungs aufgetaucht -gleich zwei, ist das zu fassen?-, die mit ihm blutsverwandt … sind? Sein könnten?

Plötzlich findet er sich im Flur wieder. Vor der Kommode, auf der er sein Handy mit Betreten der Wohnung abgelegt hat. Ganz automatisch greifen seine Hände danach. Gewissheit kann er nur durch Mut erlangen. Entschlossen geht er die Liste seiner häufigsten Nummern durch, bis er die richtige gefunden hat und drückt auf das Wählen-Zeichen.

„International Airport. Sie sprechen mit Theresa Miller. Wie kann ich Ihnen helfen?“ Die Stimme klingt auf eine professionelle Art kühl und ist somit genau das, was Michael nun braucht.

„Wann geht der erste Flug nach Palmetto in South Carolina?“

E n d e




Ich bin ja sehr gespannt, ob sich jemand hierher verirrt und ob es weitere „Exy“-Fans gibt ... Ich jedenfalls bin ziemlich besessen ;-)
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