Anfangszauber

GeschichteRomanze / P16 Slash
Boris Saalfeld Tobias Ehrlinger / Saalfeld
08.05.2019
21.08.2019
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Tobias bremste ab, als er Boris im Park stehen sah. Dieser schien bereits auf ihn zu warten. In T-Shirt und Jogginghose sah er ziemlich verändert aus und Tobias musste ein zweites Mal hinsehen – genauer. Er blieb stehen und nahm die Kopfhörer raus, als er Boris plötzlich singen hörte. «What a wonderful world» trällerte der Geschäftsführer vor sich hin. Dass er nicht wirklich alle Töne traf und schliesslich nur noch mitsummte, war für Tobias gerade ziemlich zweitrangig. Irgendwas war anders. Dieser Moment – er nahm ihn gefangen. Und dann dieser Song - er wusste noch genau, wo er ihn das letzte Mal gehört hatte: vor der Karwendelhütte, als sie beide unter diesem unsäglichen Sonnensegel gefangen gewesen waren. Und nun sang Boris diese Zeilen. Und seine Stimme – sie ging Tobias durch und durch.

Da vor der Hütte hatte er den Geschäftsführer das erste Mal so befreit gesehen – lachend. Und bereits da hatte ihn diese Veränderung fasziniert. Der spiessige und oft angespannt wirkende Herr Saalfeld schien damals wie heute völlig gelöst. Was eine ganz besondere Wirkung auf Tobias hatte, wie dieser nun feststellte. Ein leises Lächeln umspielte seine Mundwinkel. Es kribbelte ganz schön und eine lange Weile blieb er einfach so stehen und hielt diesen Augenblick fest.

Dann lief er los, wollte zu Boris. Dieser schien ihn nicht gehört zu haben und reagierte überrascht. Tobias versuchte, ein Gespräch zu beginnen. Er war interessiert an Boris’ Position, dessen Aufgaben und Familienverhältnissen – wollte so viel wie möglich über den Geschäftsführer erfahren und merkte gleichzeitig, dass er unsicher war. Dieser magische Moment wirkte nach. Boris schien sein etwas holpriger Gesprächsversuch nicht zu stören, dennoch drängte er auf das Training – er habe nicht viel Zeit. Tobias überliess ihm die Wahl der Strecke und heftete sich danach an seine Fersen – ein Lächeln auf den Lippen. Er passte sein Tempo dem von Boris an. Sie sprachen nicht viel und Tobias genoss die frische Luft, das Laufen und den Mann an seiner Seite. Dem er von Zeit zu Zeit verstohlen einen Blick zuwarf.

Noch immer versuchte er, sich zurechtzufinden in dieser neuen Situation. Bislang hatte er stets auf geschäftlicher Ebene mit Boris zu tun gehabt – und meist waren diese Treffen alles andere als harmonisch verlaufen. Er erinnerte sich an ihre erste Begegnung vor dem Sicherungskasten. Boris war alles andere als begeistert gewesen, als Tobias ihm vom Kurzschluss in der Küche erzählt hatte. Dabei war nicht er, sondern der Pfusch seines Vorgängers schuld gewesen am Stromausfall im Fürstenhof. Dass Boris’ Vater ihn eingestellt hatte, ohne vorher mit seinem Sohn darüber gesprochen zu haben, hatte ihren Start nicht einfacher gemacht. Und dass der Geschäftsführer über diese Entscheidung ohne Absprache verärgert war, konnte Tobias bestens verstehen. Er dachte an den Mähdrescher-Kauf auf dem Hof seiner Eltern – bei welchem sein Vater sich genauso verhalten und ihn übergangen hatte. Tobias konnte sich gut vorstellen, dass er und Boris in Sachen Väter so einige Gemeinsamkeiten entdecken würden.

Ansonsten hatten sie wohl eher wenig gemeinsam – soweit er bislang wusste. Zu oft waren sie aneinander geraten in Tobias’ ersten Tagen am Fürstenhof. Er hatte vergessen, ein Zimmer abzuschliessen und den Chef dann auch noch im Weinkeller eingesperrt. War nicht besonders gut angekommen. Und dennoch hatte er nicht alle Vorwürfe von Boris auf sich sitzen lassen können. Er war nicht besonders gut darin, die Klappe zu halten. Ausserdem hatte es irgendwie Spass gemacht, den Geschäftsführer aus der Reserve zu locken. Vor allem, wenn dann sowas passierte wie unter dem Sonnensegel. Als er Tobias erst bescheuert genannt und dann angefangen hatte, zu lachen.

Dass er auch anders konnte, als unnahbar und überkorrekt gefiel Tobias. Sehr. Wie er inzwischen gemerkt hatte. Dennoch wollte er versuchen, es nicht ständig eskalieren zu lassen – so wie im Weinkeller. Da war Boris echt sauer gewesen und er wollte seinen Job eigentlich nicht gleich wieder verlieren. Nun erst recht nicht, wie ihm bewusst wurde. Nicht nach diesem Moment eben im Park. Wo auch immer der hinführen würde. Viel weiter als an das nächste gemeinsame Training wollte Tobias noch gar nicht denken. Schliesslich wusste er nicht, ob auch nur die kleinste Chance bestand, dass Boris seine Gefühle erwiderte. Und ausserdem konnte er nicht riskieren, dass jemand von seiner Homosexualität erfuhr. Noch nicht.

Die Aussicht darauf, mehr Zeit mit dem Geschäftsführer zu verbringen, liess Tobias’ Lächeln dennoch breiter werden. Er beschloss, jede Minute zu geniessen – und diese Chance zu nutzen, um herauszufinden, was das war zwischen ihnen. Ob da überhaupt etwas war. Wobei er nach einem weiteren Seitenblick zum
Mann neben ihm ganz klar wusste, dass da von seiner Seite durchaus was war. Ziemlich viel sogar. Ohne jeden Zweifel.
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