Anfangszauber

GeschichteRomanze / P16 Slash
Boris Saalfeld Tobias Ehrlinger / Saalfeld
08.05.2019
22.09.2019
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Kopfschüttelnd machte Boris sich auf den Weg. Was war denn das gerade gewesen? Er sah sich noch einmal nach Tobias um, als er von der Karwendelhütte auf dem Weg zu seinem Wagen war – und wäre prompt beinahe über eine Wurzel gestolpert. Wie hatte das bloss passieren können?

Sogar den Wein für die wichtigen Gäste hatte er beinahe vergessen – nach diesem besonderen Moment unter dem Sonnensegel. Kurz schloss er die Augen und riss sie sogleich wieder auf, als er Tobias vor sich sah. Dessen Lachen, das irgendwas mit ihm gemacht hatte. Er sah auf seine Hände, die die Weinflasche umklammert hielten. Sie hatten Tobias' berührt. Und diese Berührung hatte eine ähnliche Wirkung gehabt wie das Lachen des Haustechnikers. Wieder schüttelte Boris den Kopf.

Er erinnerte sich an ihre erste Begegnung zurück – im Keller vor dem Sicherungskasten, als im ganzen Fürstenhof der Strom ausgefallen war. Er war mit den Nerven ziemlich am Ende gewesen und dann war Tobias aufgetaucht. Hatte ihn erst mit der Taschenlampe geblendet und ihm diese dann einfach in die Hand gedrückt, um sich um die Ursache des Stromausfalls zu kümmern. Er war so locker an die Sache rangegangen – viel zu locker. Und unbekümmert. Hatte sich nicht gross darum geschert, dass Boris Geschäftsführer war. Auch danach nicht, nach seiner Einstellung als Haustechniker, die sein Vater über seinen Kopf hinweg beschlossen hatte. Was Boris am meisten ärgerte an der ganzen Sache. Und der Ärger hatte sich noch gesteigert, als er mitbekam, dass Tobias seine Arbeit nicht mit der gebotenen Sorgfaltspflicht erledigte. Er war viel zu fröhlich, zu forsch und zu naiv. Und brachte damit Boris' geordnetes Geschäftsführer-Dasein durcheinander. Er war nicht wie die anderen Mitarbeiter, die ihn mit grossem Respekt behandelten und auf ihn hörten, wenn er etwas zu sagen hatte. Tobias gab zurück, wenn er angegriffen wurde. Er hatte ihn von Beginn weg durchschaut und – auch wenn es Boris nicht gefiel – richtig eingeschätzt als ziemlich spiessigen Bürotypen. Ihn kümmerte es nicht, dass Boris sein Chef war und das war...ungewöhnlich.

Und es brachte ihn aus dem Konzept. Tobias brachte ihn aus dem Konzept. Und das ärgerte ihn. Also reagierte er ziemlich unangemessen und zu hart. Er konnte sich nicht erinnern, zuvor schon einmal so mit einem seiner Mitarbeiter gesprochen zu haben – wegen einer Unachtsamkeit. Oder so nah an jemanden herangetreten zu sein, wie an Tobias. Und sogar angestupst hatte er ihn – im Weinkeller, als dieser ihn aus Versehen eingesperrt hatte.

Und auch wenn es Boris ärgerte, dass Tobias nicht auf den Mund gefallen war, es imponierte ihm. Und brachte Farbe in sein Leben. Was ihn zudem leicht verunsicherte. Also gab er sich unnahbar. Hatte es zumindest versucht. Bis heute. Er konnte nicht verhindern, dass sich ein Lächeln auf sein Gesicht schlich und sein Herz schneller schlug, als er sich gestattete, länger als eine Sekunde an diesen Moment vor der Karwendelhütte zu denken – diesen irgendwie magischen. Das Lächeln vertiefte sich.

**

«Willst du wirklich auf dein Glück verzichten – wegen deines Vaters?» Xenias Worte hallten in Boris‘ Kopf wider als er sich spätabends im Spiegel betrachtete. Er hatte mit seiner Mutter im Büro über Tobias gesprochen – als die Zweifel und die Unsicherheit gerade wieder sehr gross gewesen waren. Wegen Christoph. Weil sein Vater nicht wusste, dass er schwul war. Und ob Tobias auf Männer stand, wusste er ebenfalls nicht. Ausserdem war er dessen Chef. Er hatte tatsächlich darüber nachgedacht, dem Haustechniker aus dem Weg zu gehen. Dieser stellte sein Leben auf den Kopf. Er würde alles durcheinander bringen und so vieles verkomplizieren – insbesondere, wenn da nun auch noch Gefühle mit im Spiel waren.

Aber im gleichen Moment, in dem er überlegte, sich von Tobias fernzuhalten, wurde ihm klar, dass das ein schwieriges Unterfangen werden würde. Das Lächeln, das ihm aus dem Spiegel entgegen blickte, wenn er an ihn dachte, sprach eine deutliche Sprache.

Er erinnerte sich an den Moment unter dem Sonnensegel zurück und sah Tobias‘ Lachen vor sich. Hörte es und spürte die Wirkung wieder bis in seinen Bauch. Wo die Schmetterlinge von neuem ihre Runden drehten. Er war drauf und dran, sich in den neuen Haustechniker zu verlieben. Wenn es nicht schon längst passiert war. Wo sollte das bloss hinführen? Den Gedanken schob er diesmal allerdings rasch wieder beiseite. Das Kribbeln, die Wärme, das Lächeln – sie überlagerten alles. Und Boris gab sich diesem Gefühl voll und ganz hin. Er hatte es vermisst, stellte er fest. Vermisst, wie es sich anfühlte, beim Gedanken an einen anderen Menschen Herzklopfen zu kriegen, jedesmal, wenn er kurz die Augen schloss, dessen Gesicht vor sich zu sehen und ständig in dessen Nähe sein zu wollen.

Für einen Moment waren alle Zweifel in den Hintergrund getreten. Und das einzige woran Boris dachte, kurz bevor er einschlief, war Tobias. Der ihn daran erinnert hatte, dass es noch mehr gab als Arbeit. Der Gefühle in ihm geweckt hatte, die er ziemlich tief vergraben glaubte. Was sie nicht waren. Gerade zählten nur sie.
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