Der Waldläufer Nousagi

GeschichteDrama, Romanze / P18
08.05.2019
25.02.2020
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Der Waldläufer Nousagi





“Verdammt” knurrte der Junge vor mir, als ich ihn ein weiteres Mal entwaffnete. Er würde noch viel Training benötigen und ich würde es ihm in aller Härte zukommen lassen. “Heb es auf” befahl ich und der Junge klaubte das Schwert vom Boden auf. “Das bringt doch eh nichts” ließ er seinen Unmut heraus und ich verengte meine Augen. “Wenn du so einen schwachen willen hast, denke ich es wäre wirklich verschwendete Zeit, sich mit dir hier abzugeben” warf ich ihm an den Kopf und schob mein Schwert zurück in seine Scheide. Ich hatte nie wirklich mit dem Schwert gekämpft, denn meine Stärke lag woanders, aber als mich der Junge fragte, ob ich es ihm nicht beibringen könnte, lies ich mich erweichen.

Als ich mich abwendete und gehen wollte, bekam er aber doch Gewissensbisse. “Nousagi-sama bitte bleibt!” bat er und kam einige Schritte auf mich zu. Ich hielt in meiner Bewegung inne und sah über meine Schulter zu ihm hinab. “Hast du es dir anders überlegt?” fragte ich und er nickte knapp, doch in seinen Augen fehlte die Entschlossenheit.  

Seufzend ging ich weiter, hörte wie er kurz schreckhaft die Luft einsog und lies mich dann an der Veranda einer verfallenen Hütte nieder. Schweigend klopfte ich auf das Holz neben mir und der Junge kam zu mir, schob auch sein Schwert in dessen Scheide und setze sich neben mich. Kurz schwiegen wir beide bis ich meine Stimme räusperte. “Weißt du Junge. Manchmal bringt es nichts eine Sache aus dem Stehgreif zu lernen. Manchmal muss man mit dem Leben an einer Aufgabe wachsen.” begann ich und sah zu ihm. Seine Augen hoben sich und erwiderten leicht verwirrt meinen Blick. “Was soll das heißen?” fragte er und ich schmunzelte kurz. So unbeholfen und naiv und das trotz dieser harten Zeiten. “Auch ich lernte durchs Leben mehr, als durch das harte Training welches ich einst genießen durfte.” erklärte ich weiter und hob meinen Kopf zum Himmel, an dem gerade die Sonne aus den dichten Wolken brach und ihre wärmenden Strahlen auf uns niederließ.  

“Erzählt mir davon” bat er und ich öffnete meine Augen einen Spalt weit und blickte in den Himmel. Wo hatte ich mich da nun wieder hineingeredet? Sehr schlau Nousagi, schollt ich mich innerlich. Gab mich dann aber doch geschlagen und sah zu dem Jungen neben mir.  

“Also gut. Ich erzähle es dir”









Am Rande eines Waldes, fern ab des Dorfes, welches eine Stunde Fußmarsch entfernt war, wuchs ich auf. Meine Eltern, beides Yokai der Rasse Inu, waren fromme und Naturverbundene Wesen. Meine Mutter Natsuki, gütig und liebevoll, mit ihrem schneeweißen Hüftlangen Haar, den ebenso bronzenen Augen wie meine. Mein Vater Yuma, stark und Ehrenvoll, ein Meister der Natur, mit pechschwarzem Haar, denselben die er auch mir schenkte und goldenen, strahlenden Augen, zogen mich hier auf.

Ich war untypisch für unsere Rasse, welche mit kräftigen Muskeln und starker Statur gesegnet war, denn ich war eher klein, schmächtig und schlaksig. Somit war ich kaum geeignet unserem Herrn, dem Inu No Taisho zu dienen und somit half ich meinem Vater auf dem Feld, dem Wald und allem was wir verkaufen konnten.  

Vater hatte wirklich eine Gabe für alle Pflanzen, kannte sie mit Namen, ebenso wie sie wuchsen und was sie brauchten, um den besten nutzen aus ihnen zu ziehen. Doch seit seinem Tod vor nun genau einem Jahr, vermisste ich dieses Wissen fast ebenso sehr, wie seine Person selbst. Auch wenn Mutter vieles wusste, so hatte sie allerhand damit zu tun, die Dinge die wir züchteten zu verkaufen. Sie war eine stolze Inu und somit ließ sie sich nicht an der Nase herumführen, wenn es um die Preise für unsere Waren ging. Leider wurde ihr das oft zum Verhängnis seit Vater nicht mehr an ihrer Seite war um sie zu schützen. Doch sie nahm die gelegentlichen Beleidigungen oder Angriffe gerne in Kauf, wenn sie mich so nur anständig ernähren konnte. Ob sie damals ahnte, dass ich das alles zu vollem Bewusstsein mitbekam? Ich weiß es nicht und bin ihr einfach bis heute dankbar, dass sie mir die Mutter war die sie war.  



An einem Sonnigen Tag, der sich alsbald dem Ende zuneigte, half ich Mutter dabei das Abendessen zu bereiten. Wie immer schälte ich die Kartoffeln, die wir am heutigen Tage frisch aus der Erde gezogen hatten. “Du sollst sie nur Schälen! Wenn du so weiter machst, ist bald nichts mehr von ihr übrig, mein Sohn” neckte Mutter mich wie immer. Auch wenn ich sie nicht so akkurat Schälte wie sie selbst, so war ich besser geworden. Sie scherzte trotzdem noch gerne über meine ehemaligen Hackereien an den verschiedenen Gemüsesorten. Schmunzelnd trat sie näher zu mir. “Nousagi, geh bitte und hol noch etwas Feuerholz” bat sie mich und ich nickte gehorsam, rutschte von meinem Hocker und lief zur Tür.

Ich war nun acht Sommer alt. Inus wuchsen ihre ersten Lebensjahre ebenso schnell wie Menschen, wodurch wir uns ihnen gut anpassen konnten. Ich lief also einige Minuten in den Wald hinein und sammelte einige trockene Äste auf, als mir ein ungewöhnlicher Geruch in die Nase stieg. Rauch und Qualm. Aber nicht in der Menge wie man es gewohnt war, wenn das Feuer in der Hütte entzündet wurde, welches einem Wärme und warmes Essen bescherte. Eher von dem Ausmaß, welches ganze Häuser und Wälder zerfraß und zunichte machte.

Sofort sprang ich los und lief so schnell ich konnte in die Richtung aus der ich es roch. Im laufen war ich gut, der schnellste wie Vater immer sagte, was auch wirklich stimmte. Allerdings sah ich damals noch nicht den Nutzen darin, weil ich oft gehänselt und verspottet wurde. Mit Menschen konnte ich schlecht spielen, denn ich war einfach zu schnell, selbst wenn ich versuchte mich zu zügeln. Yokai wollten nicht wirklich etwas von mir wissen und dazwischen gab es nichts.  

Trotzdem hatte ich eine Freundin, im angrenzenden Dorf, welches ich gerade erreichte und geschockt feststellte das es lichterloh brannte. Überall waren schreie zu hören. Umherirrende Kinder, Frauen die um ihre gestorbenen Kinder weinten, saßen dort und all jene die den tot gefunden hatten, pflasterten den Weg der vor mir lag. Voller Schock versuchte ich mich zusammen zu Reißen und lief zu dem Haus in dem meine Freundin lebte. Doch als ich es schon von weitem erblickte, traute ich mich nicht weiter zu gehen, denn es war eines aus dem die Flammen schon nicht mehr herausschlugen. Völlig verrußt und kaum noch als Haus zu erkennen, stand es da.

Aus irgendeinem Grund, trugen mich meine Füße aber weiter darauf zu und als ich, vom weg aus hineinsah, hielt ich die Luft an. Meine Freundin und ihre Eltern, lagen dort. Pfeile hatten ihre Körper durchbohrt und überall haftete der Geruch von Blut, verbranntem Fleisch und Holz. Ich weiß nicht wie lange ich dort stand und auf meine Shizu, die einzige die mich anerkannte und mit mir Spielte, hinabsah, doch als eine Hand an meinem Arm zog blickte ich in die verängstigten Augen einer Frau.  

“Junge was tust du hier?!” rief sie und ich konnte ihre Worte gar nicht richtig aufnehmen. “Lauf schnell zu deiner Mutter! Die Banditen sind weitergezogen. Hoffentlich haben sie nicht auch euer Haus entdeckt” schluchzte sie und brach im nächsten Moment weinend zusammen. Erst jetzt fiel mir der leblose kleine Körper in ihren Armen auf.  

Doch als ihre Worte langsam mein Hirn erreicht hatten, setzte mein Herzschlag einige Sekunden aus und ich lief los. Lief so schnell ich konnte. Meine Luge brannte wie Feuer, als ich durch den Wald preschte. Das mich die niederen Äste und Pflanzen dabei verletzten interessierte mich nicht. Die Wunden würden ohnehin schnell heilen. Bitte bat ich in Gedanken und lief die letzten Meter zu meinem Zuhause. Bitte lass sie sicher sein!  

Mein Wunsch allerdings wurde mir nicht erfüllt. Meine Mutter stand nicht unversehrt an der Feuerstelle und wartete darauf, dass ich mit dem Feuerholz kam. Nein, das Feuer verschlang sie, ebenso wie das Haus in dem wir lebten. Ohne darüber nachzudenken lief ich zum Haus, wurde aber kurz bevor ich an die Tür kam, am Arm gepackt und auf den Boden geschleudert. Schmerzerfüllt keuchte ich auf, denn mein Kopf war auf einen der Steine aufgeschlagen, der den Weg ins Haus markierte. Warme Flüssigkeit fand seinen Weg über meine Schläfe, als ich wieder auf die Füße gezogen wurde.

“Was willst denn du halbe Portion hier?” brummte mich eine tiefe Stimme an und als ich meine Augen zu dessen Besitzer drehte und die Sicht langsam wieder zurückkam, erblickte ich einen älteren ungepflegten Mann in einer Rüstung. Er stank bestialisch nach getrocknetem Blut, ruß, qualm und schweiß, was mir den Magen verkrampfte. Ich musste sehr ängstlich ausgesehen haben, denn dieser Mann lies von mir ab, nachdem er mich ausgiebig gemustert hatte. “Den können wir nicht gebrauchen. Zu schwach und sieht eher aus wie ein Weib.” bemerkte er, als er mich unsanft auf den Boden warf und sich wegdrehte.

Sofort nutzte ich meine Chance und stürzte ins Haus. Der Bandit lachte laut auf und beschimpfte mich als Idioten, denn das Haus war ebenso verloren wie das Weibsbild welches er darin gefunden hatte. Wut kochte in mir auf und ich suchte in dem kleinen Raum nach meiner Mutter. “Mutter!” rief ich einige male und lief dann in den kleinen Nebenraum. In diesem fand ich sie und als ihre Augen sich schwach schlossen, ergriff mich eine ungeahnte Kraft. Ich lief zu ihr, obwohl meine Haut längst verbrannte und höllisch schmerzte.  

Sie lag unter einem schweren Balken, welcher zuvor einmal zum Dach gehört haben musste. “Mutter” flüsterte ich und meine Stimme war längst kratzig und rau geworden. Sie sah mich an und lächelte kaum merklich. “Ich hole dich hier raus!” gab ich uns Hoffnung und zog an dem großen Balken, der sich nicht bewegte. Oh Kami bettete ich und zog noch einmal mit voller Kraft daran.

Warum muss ich nur so schwach sein, weinte ich mittlerweile, denn selbst mit meinen Beinen, die ich dagegen stemmte schaffte ich es nicht den Balken auch nur einen Zentimeter weiter zu bewegen. Die kalte Hand meiner Mutter, die zitternd auf meiner landete, ließ mich zu ihr sehen. “Hör auf Nousagi” bat sie leise. Eifrig schüttelte ich den Kopf und schob mit aller Kraft noch einmal meine Beine gegen den Balken. “Ich lasse dich nicht sterben” versprach ich. Das durfte ich nicht! Ich hatte es Vater versprochen. “Achte auf deine Mutter” hatte er mich gebeten und was tat ich? Ließ sie alleine und brachte sie so in Gefahr.  

“Nousagi” hörte ich die schwache Stimme noch einmal und als ich zu ihr sah, schwand langsam das leuchten in ihren Augen. Die Tränen die längst ihren Weg auf meine Wangen gefunden hatten, versiegten für einen Moment und als ich mich zu ihr beugte, legte sie ihre Hand an meine Wange. “Bitte geh und rette dich” bat Mutter mich. “Niemals” knurrte ich ihr ernst entgegen und presste mein Gesicht an ihre Hand.  

In diesem Augenblick brach der Rest des Daches über uns herein und begrub uns unter ihm. Ich fiel in tiefe Ohnmacht und hätte den Tot mit offenen Armen empfangen, auch wenn ich Vater im Jenseits nicht unter die Augen treten könnte.  



Leider wurde mir auch dieser Wunsch nicht erfüllt.
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