Lebenswege

GeschichteRomanze, Freundschaft / P12
Julia Schindel Tonio Niederegger
08.05.2019
16.06.2019
6
14.704
1
Alle Kapitel
4 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 
08.05.2019 2.454
 
Disclaimer: Tonio und Julia gehört mir nicht und ich verdiene auch keinen Cent hiermit.

Geplänkel: Ich bin zwar ein bisschen aus der Übung, aber die Serie, vor allem das vermeintliche Traumpaar, haben mich dazu animiert, etwas zu schreiben. Das erste Kapitel könnt ihr gleich lesen.
Ich kann übrigens kein bayrisch und werde es mir deshalb nicht anmaßen, Dialekt zu schreiben.
Abschließend möchte ich mich noch bei meiner Probeleserin Jumipi bedanken. Du bist ein Engel.
Viel Spaß beim Lesen!

*******

Lebenswege

Sommernachtstraum

Es war ein lauer Sommerabend. Wie so oft trafen sie sich am Bergsee. Der Ort war von allen gut zu erreichen und Urlauber verirrten sich selten dort hin. Sie hatten ihren Stammplatz nicht weit vom Badesteg entfernt. Brigitte und Dennis, ihr aktueller Freund, lagen eng umschlungen auf der mitgebrachten Wolldecke und genossen die letzten Sonnenstrahlen, als Tonio sein Rennrad ins Gras legte.

"Hallo", begrüßte er die beiden. Daraufhin löste sich das Pärchen. Dennis nickte ihm zu und schloss wieder die Augen, während Brigitte sich aufsetzte.
"Hey Tonio", erwiderte sie und lächelte ihn an. "Wo ist deine bessere Hälfte?" Insgeheim hatte sie viele Spitznamen für die beiden, Daisy und Donald war der aktuelle. Nur selten traf man einen von beiden alleine an. Brigitte war fest überzeugt, dass ihre Freunde das perfekte Paar sein würden, aber die beiden wollten davon nichts wissen.
"Julia war auf der Suche nach was Trinkbaren für uns, als ihr Vater sie entdeckt hat. Nun isst sie noch mit der Familie, aber sie sollte bald kommen. Das hat sie mir schon vor einer Weile geschrieben."

Er holte sein Handy aus der Tasche und schaute auf das Display, um sicherzugehen, dass er nichts verpasst hatte. Währenddessen legte sich Brigitte wieder hin und fragte sich wie schon oft, wann Tonio oder Julia endlich den ersten Schritt machen würden. So, wie sie die beiden kannte, würden sie in 20 Jahren noch kein Paar sein, schließlich schmachteten sich beide nur an. Dabei waren die beiden voll in die Familie des anderen integriert, so wie es nur bei besten Freunden der Fall sein konnte. Das wohlbekannte Quietschen von Fahrradbremsen kündigte ihre Ankunft an. Im Fahrradkorb stand ein prall gefüllter Leinenbeutel, den sie neben Tonio abstellte. Anschließend umarmte sie ihn freundschaftlich.

"Papa hat es gut mit uns gemeint. Ich sollte die Reste vom Abendessen mitnehmen, damit wir nicht verhungern. Von der Flasche Wein, die ich dabei habe, hat er aber nichts gesagt", erzählte sie grinsend, umarmte auch Brigitte und setzte sich zu Tonio. Derweil legte sich ihre Freundin wieder hin und wendete sich wieder ihrem Freund zu.
"Sind sie schon wieder am Turteln", fragte Julia flüsternd und beugte sich dabei zu ihm, so dass nur er sie hören konnte. Tonio war die Nähe angenehm unangenehm, weshalb er nur mit den Schultern zuckte. Obwohl er nicht auf den Mund gefallen war, wusste er oftmals nicht, was er sagen sollte, wenn sie ihm so nah war. Stattdessen stand er auf und zog sich bis auf die Badehose aus.
"Ich geh schwimmen", erwiderte er, ohne auf ihre Frage einzugehen, und ging zum Steg.

Vorsichtig stieg er die Leiter hinunter, um einem Temperaturschock zu entgehen. Aber seine Vorsichtsmaßnahme half nichts, denn als Julia über den Steg rannte und ins Wasser sprang, war auch er komplett nass. Deshalb ließ er sich danach nur noch von der Leiter fallen und schloss mit wenigen Zügen die Distanz zu ihr. Eigentlich wollte er mit ihr reden, nicht über sich oder das was er neben der Freundschaft zu ihr noch fühlte, aber doch schien jeder Gedanke im Moment darauf hinauszulaufen und er wollte sie nicht verschrecken oder verscheuchen. Also lächelte er sie nur an und schwamm weiter auf den See hinaus. Natürlich hatte er die Rechnung ohne sie gemacht, denn sie folgte ihm. Ohne eine Wort zu wechseln, schwammen sie nebeneinander her bis sie außer Hör- und Sichtweite der anderen beiden waren.

"Ist alles in Ordnung?", fragte Julia unvermittelt. Woraufhin er sein Tempo erhöhte und an ihr vorbei zog. Dann drehte er sich zu ihr um und schwamm rückwärts.
"Ja, alles bestens. War nur ein langer Tag. Ich war mit Papa auf dem Friedhof, danach hat er eine Gruppe Touristen in die Berge geführt und ich war in der Kirche, um die Freizeit für morgen vorzubereiten. Der Pfarrer war da und hat mit mir gesprochen. Er nimmt sich immer viel Zeit und gibt mir so viel zum Nachdenken. Du weißt ja, dass er mir... damals geholfen hat." Für einen Moment schloss er die Augen in Erinnerung an seine Mutter. "Aber diese Gespräche sind auch immer sehr anstrengend." Seine Augen leuchteten, während er sprach. Sie hatte das schon oft bemerkt, seitdem er mehr als nur den Gottesdienst besuchte. Auch Julia war katholisch getauft und hatte die Firmung sowie die Erstkommuniun erhalten. Abgesehen davon war ihre Familie weder besonders gläubig noch besonders oft in der Kirche, aber sein Engagement gefiel ihr. Tonio mochte jedes Lebewesen und behandelte alle mit Respekt. So konnte er auch gut mit Kindern umgehen, was Julia schon häufig miterlebt hatte. Er leistete gute Arbeit, aber sie erwartete auch nichts anderes von ihm.
"Habe ich dir eigentlich schon mal gesagt, dass ich bewundere, was du alles leistest?", fragte sie und schwamm auf ihn zu. Simultan zu ihrer Bewegung machte er ein paar Züge rückwärts, um die Distanz zu wahren. Dann schüttelte er den Kopf.
"Was hat Xaver dir mitgegeben?", fragte er unvermittelt, um von der Nähe abzulenken. Dabei schaute er ihr in die Augen und war wie so oft davon gefangen. Daher bekam er auch ihre Antwort nicht mit und nickte nur lächelnd zur Bestätigung.
"Lass uns zurück schwimmen, sonst werden wir wieder was sehen, was wir nicht sehen wollen", sagte Julia lachend.
"Erinner mich nicht an vorgestern!", erwiderte er ebenfalls lachend und verdrehte die Augen. Dann schwamm Tonio ihr entgegen, während sie sich umdrehte und an seiner Seite zurück schwamm.

Als sie aus dem Wasser stiegen, schauten beide vorsichtig um das Gebüsch am Ufer herum. Tonio und Julia grinsten sich an, als sie ihre Freunde ausnahmsweise nicht knutschend sondern über die Essensreste gebeugt vorfanden. Die Weinflasche hatten sie auch schon geöffnet. Nachdem die beiden wussten, dass sie dazu stoßen konnten, gingen sie noch immer grinsend auf sie zu. Während Tonio und Julia sich abtrockneten, schaute Brigitte zu ihnen hoch.

"Erspart euch das. Ich habe meine Lektion gelernt. Nicht Rumknutschen vor Julia und Tonio." Daraufhin musste Julia herzlich lachen und auch Tonio konnte es sich nicht verkneifen.

Nachdem sie sich beruhigt hatten, zogen sie ein T-Shirt über und setzten sich dazu. Gemeinsam machten sie sich über die Reste und den Wein her. Als der Wein leer war, holte Tonio noch ein paar Flaschen Bier aus dem Rucksack und verteilte sie. Jeder leerte seine Flasche. So saßen sie noch eine ganze Zeit am See, redeten und schwiegen, während sie den Sonnenuntergang beobachteten. Als es zu dunkel wurde, packten sie ihre Sachen zusammen. Brigitte und Dennis verabschiedeten sich, stiegen auf ihre Räder und fuhren los. Als sie außer Sichtweite waren, hatten auch die anderen beiden ihre Sachen zusammen gepackt.

"Ich bring dich nach Hause", erklärte Tonio, als sie sich verabschieden wollte.
"Bestimmt... nicht", erwiderte sie. "Ich bin kein kleines Mädchen, ich kann im Dunkeln alleine nach Hause fahren." Sie lachte über seinen Vorschlag, aber ihn kränkte es nicht. Ihre Freundschaft war zu eng, um sich an so einer Nichtigkeit zu stören.
"Und wenn ich frag, ob ich Dich begleiten darf, weil ich noch nicht heim möchte?"
"Dann würde ich mich freuen." Damit stiegen sie auf ihre Fahrräder und fuhren dem Schindel-Hof entgegen, der außerhalb des Ortes lag. Wie so oft, wenn sie nach Hause kam, brannte noch Licht im Büro. Für ihre Mutter gab es immer was zu tun. "Willst du noch mit reinkommen?", fragte sie in ihrer direkten Art. Obwohl es für Tonio selbstverständlich war, bei ihr zu sein, wurde er hektisch. Daher dauerte es länger als gewöhnlich, bis er antwortete.
"Ja... klar." Für ein paar Sekunden hielt er inne und sammelte sich. "Aber ich will nicht wieder mit Max zusammen sitzen, er ist doch etwas anstrengend - natürlich auch lieb, aber vor allem anstrengend." Darauf kicherte Julia herzlich.
"Das sagst du und du lebst noch nicht mal mit ihm unter einem Dach. Er ist im Moment aber fast nie Zuhause, hat eine neue Freundin. Melanie glaube ich. Max hat sie uns nicht vorgestellt. Eigentlich weiß ich es auch nicht offiziell. Hab ich nur zufällig mitbekommen, als er mit ihr telefoniert hat." Nun lachte auch Tonio.
"Was meinst du, wie lang sie es mit ihm aushält?"
"Wenn sie drei Wochen überstehen, wäre ich überrascht. Du weißt, wie er ist."

Julia brachte ihr Fahrrad in den Schuppen, während Tonio seines draußen anlehnte. Sie gingen durch die Eingangstür rein. Bis auf das Licht, das sie im Betrieb gesehen hatten, war es unten dunkel. Xaver war schon zu Bett gegangen. So mussten sie mit niemanden reden und gingen direkt in Julias Zimmer hoch. Auf dem Weg holte sie noch 2 Flaschen Limo aus der Küche. Die beiden setzten sich auf ihr Bett, so dass sie sich ansehen konnten. Dort hatte Tonio um seine Mutter geweint, sie um ihren ersten Freund, aber auch gelacht hatten sie. Sie kannten sich schon sehr lange und hatten Freude sowie Leid miteinander geteilt.

"Fernsehen oder Musik?", fragte Julia und schaute ihr Gegenüber an. Tonio zuckte lediglich mit den Schultern, ihm war völlig egal, was sie taten, solange sie dabei war. Daraufhin machte sie leise das Radio an und spielte gedankenverloren mit einer Locke, die ihr ins Gesicht gefallen war. Er liebte ihre Locken, liebte es, sie anzuschauen. Den Gedanken mochte er nicht zu Ende denken. Stattdessen fasste er sich ein Herz und Griff nach ihrer Hand. Tonio löste ihren Finger und strich ihr wortlos die Locke hinters Ohr. Dann strich er ihr leicht über die Wange, als er sich zurückzog. Für einen Moment schloss sie die Augen und bewegte sich leicht, fast unmerklich seiner Hand entgegen. Ohne zu wissen, was er tat, legte er seine Hand bewusst an ihre Wange und zog sie sachte zu sich heran. Gleichzeitig bewegte er sich auf sie zu. Ihre Gesichter waren nur noch wenige Zentimeter von einander entfernt, als sie die Augen wieder öffnete. Als Tonio inne hielt, um ihr die Gelegenheit zu geben, der Situation zu entkommen, schloss sie die Distanz und küsste ihn sanft. Er war überrascht, denn er hatte nicht damit gerechnet, dass sie ihn ebenso küssen wollte wie er sie. Doch er überwand es rasch und erwiderte den Kuss. Sie rückten näher zusammen, ohne den Kontakt zu unterbrechen. Ihre Hände suchten einander und so blieben sie für eine ganze Weile verbunden, bis Tonio langsam seine Lippen von ihren löste. Widerwillig gab sie ihm nach.
"Ähm...", begann er. "Ich..." Keinen seiner Sätze konnte er vollenden.
"Ich mag dich, Tonio, sehr sogar", sagte sie daraufhin direkt.
"Ich dich auch. Also mögen." Sie lächelte ihn an. "Ich kann mit dir über alles reden, aber im Moment ist einfach nur Chaos in meinem Kopf. Juli, ich mag dich wirklich gern und ich möchte mit dir zusammen sein." Er wandte den Blick von ihr ab und starrte stattdessen auf ihre Finger, die nach wie vor miteinander verbunden waren. Tonio hatte nicht bemerkt, dass er sie noch immer festhielt, so vertieft war er in diesem Moment.
"Es ist irgendwie merkwürdig mit dir hier zu sitzen, wie immer. Dabei ist alles auf einmal anders. Ich will dich als Freund nicht verlieren und als Freund Freund gewinnen. Du bist meine Welt, schon seit Jahren." Julia entzog ihre Hände seinen und legte sie an seine Wangen. Dann bewegte sie sich wieder auf ihn zu und küsste ihn erneut. Dabei rutschte sie immer näher an ihn heran, bis sie auf seinem Schoß saß. Sie lernten sich jetzt auf eine ganz neue, andere andere Art kennen. Es war alles aufregend, kaum mit Worten zu beschreiben.

Schließlich legten sie sich hin. Er hielt sie in ihrem Arm. Gemeinsam schauten sie durch das Fenster in den Sternenhimmel. Als sie eine Sternschnuppe sahen, wünschten sich beide insgeheim, dass der Augenblick niemals endete. Obwohl sie sonst viel und gerne miteinander redeten, sprachen sie kaum. Die Fakten waren eindeutig und klar. Irgendwann schliefen sie glückselig ein.

Julia hatte sich im Schlaf so bewegt, dass ihr Kopf auf seiner Brust lag. Ihre Locken kitzelten Tonio wach und er musste unwillkürlich grinsen. Erst dann bemerkte er, dass es früher Morgen war, denn fahles Licht erhellte das Zimmer. Tonio hätte längst auf Zuhause sein sollen, besonders weil er die Kinderfreizeit begleiten sollte. Während er darüber nachdachte, kroch das Bewusstsein, dass nichts mehr wie vorher war, in seine Gedanken und machte ihn einfach glücklich. Am liebsten wäre er noch Stunden liegen geblieben, aber es war nicht möglich. Daher streichelte Tonio ihr sanft über die Wange und riss sie so aus ihren Träumen. Die süßen Geräusche, die Julia beim Aufwachen von sich gab, brannten sich in sein Gehirn. Verschlafen schaute sie ihn.

"Morgen", murmelte sie und lächelte ihn zaghaft an. Ihre Locken standen in alle Himmelsrichtungen ab. Trotzdem oder gerade deshalb war sie wunderschön. Auch er musste lächeln, er konnte nicht anders. Tonio strich ihr ein paar Haarsträhnen hinters Ohr.
"Hi", erwiderte er sanft. Dieser Moment sollte niemals enden und doch musste es sein. "Ich muss..."
"Ich weiß."
"Aber ich möchte nicht."
"Ich auch nicht."
Er hätte noch ewig so weitermachen können, nur um den Moment der Trennung hinauszuzögern, aber ihm war klar, dass er gehen musste. Sanft berührte er mit seinen Lippen Julias Stirn. Dabei wollte sie es jedoch nicht belassen und küsste ihn innig. Tonio zog sie in seine Arme und wollte sie nicht mehr loslassen, trotzdem löste er die Verbindung, nachdem erneut eine gefühlte Ewigkeit vergangen war. Behutsam zog er seinen Arm unter ihr hervor und setzte sch auf. Einen Moment blieb er noch auf dem Bett sitzen und spielte mit ihren Fingern. Dann zog er Julia hoch und in seine Arme. In ihm stritten zwei Seiten, die eine wollte das Richtige tun und gehen, während die andere bleiben wollte. Trotzdem stand er schließlich auf. Wieder folgte ihm Julia. Es schien fast so, als ob ein Magnet sie zusammen halten würde. Gemeinsam gingen sie leise die Treppe hinunter und verließen das Haus. Am Schuppen angekommen verabschiedeten sie sich mit einem letzten Kuss voneinander, ehe Tonio auf sein Rad stieg und heim fuhr.
Review schreiben