Zwei Brüder und ein Geheimnis

GeschichteRomanze, Familie / P18 Slash
Boris Saalfeld Viktor Saalfeld
07.05.2019
07.05.2019
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Seit geschlagenen zwei Stunden hämmerte der Regen mittlerweile unablässig ans Fenster und ließ die Aussicht aus den Büroräumen des „Fürstenhofs“ verschwommen und unscharf erscheinen.
Boris Saalfeld, derzeitiger Geschäftsführer des Hotels und Sohn des Anteilseigners Christoph Saalfeld, starrte mit leerem Blick auf die Berge an Papier, die sich vor ihm auf dem Schreibtisch türmten.
Schon seit dem frühen Morgen war er mehr oder minder damit zugange, sich durch die Horde an Akten, Belegen und Unterlagen zu arbeiten, konnte sich jedoch kaum konzentrieren, weil seine Gedanken ständig abdrifteten und ihre ganz eigenen Wege gingen.
Angestrengt versuchte er, sich zu besinnen, doch die Zahlen schienen vor seinen Augen zu verlaufen, den Regentropfen am Fenster nicht ganz unähnlich. Seit mehreren Stunden ging das jetzt schon so. Seit Stunden wollte er im Grunde nichts weiter tun als seiner gewohnten Arbeit nachgehen, doch es gelang ihm einfach nicht, die notwendige Konzentration hierfür aufzubringen, weil ihm unablässig Dinge durch den Kopf jagten, die er überhaupt nicht wahrhaben wollte, die er verdrängen wollte, ganz weit in die hinterste Ecke seines Bewusstseins verbannen.
Dinge, die ihn inzwischen schon seit längerer Zeit verfolgten und ihm immer wieder schlaflose Nächte bereiteten, weil er selbst noch immer nicht fassen konnte, dass er tatsächlich so etwas dachte.
Dabei war bis vor knapp zwei Monaten seine Welt noch völlig in Ordnung gewesen. Bis vor zwei Monaten war er mit sich im Reinen gewesen und sein Leben in geordneten Bahnen verlaufen – bis ein einziger Moment alles verändert hatte.
Der Moment, in dem er plötzlich wie aus dem Nichts seinem bis dahin verschollenen Bruder Viktor gegenübergestanden war, von dem er niemals geglaubt hatte, ihn je wiederzusehen.
Bis zu diesem schicksalhaften Moment war das Leben des jungen Mannes glatt verlaufen, hatte er sich niemals derartige Gedanken gemacht, geschweige denn, schlaflose Nächte gehabt.
Erst, seit Viktor wieder hier war, seit sie sich ausgesprochen hatten und das alte Vertrauen von früher wieder zurück war – seitdem sah Boris sich mit gleich zwei Problemen konfrontiert, denen er sich in keiner Art und Weise auch nur im Ansatz gewachsen fühlte.
Zum einen war da sein jahrelang wohl behütetes und für ihn selbst schon fast in Vergessenheit geratenes Geheimnis, das er bislang niemandem offenbart hatte – mit einziger Ausnahme seiner besten Freundin und engsten Vertrauten Tina Kessler, welcher er nach einem Annäherungsversuch ihrerseits die Wahrheit offenbart, sowie sie darüber hinaus auch eingeschworen hatte, gegenüber niemandem auch nur ein Sterbenswörtchen zu verlieren.
Sie war die einzige, die wusste, dass Boris den Weg, welcher sein Vater Christoph für ihn vorgesehen hatte, niemals einschlagen würde. Die einzige, die wusste, dass Christophs Vorstellung von der erfolgreichen, angesehenen Schwiegertochter nie in Erfüllung gehen würde. Die einzige, die wusste, dass Boris nicht der Typ war, der sich in Frauen verliebte.
Bereits seit vielen Jahren war er sich selbst darüber im Klaren, dass er sich für Männer interessierte. Und es gab keinen Wunsch, der sehnlicher in ihm brannte, als offen dazu stehen und glücklich werden zu können.
Aber Boris wusste genau, dass das vollkommen illusorisch war. Falls Christoph jemals dahinterkam, dass Boris schwul war, würde er ihn nicht nur verstoßen, sondern ihm mit Sicherheit auch irgendetwas antun.
Er kannte seinen Vater. Und er wusste genau, dass es für ihn nichts Abscheulicheres und Widerwärtigeres gab als homosexuelle Liebe. Das hatte er ihn bereits oft genug, wenngleich auch ungewollt, spüren lassen. Und Boris wollte sich nicht ausmalen, was passieren würde, wenn Christoph je dahinterkam.
Das war das eine Problem, an dem er immer wieder zu nagen hatte, wenngleich er es über die letzten Jahre hinweg geschafft hatte, damit umzugehen und trotz seines homophoben Vaters Erfahrungen zu sammeln.
Die weitaus größere, kräftezehrendere Schwierigkeit jedoch waren die Gedanken und Emotionen, die ihn immer wieder unerbittlich heimsuchten. Und wenn er es jetzt und hier gekonnt hätte, hätte er liebend gerne die Zeit bis zu dem Tag zurückgedreht, an dem sein Bruder Viktor überraschend wieder in sein Leben getreten war. Denn mit dieser Begegnung hatte genau das Problem angefangen, dem Boris jetzt gegenüberstand und das er am liebsten sofort aus seinem Kopf verbannen wollte.
Noch nie hatte er mit solchen Gedanken gespielt, nie hatte er sich so schmutzig und schuldig gefühlt wie in den letzten zwei Wochen. Nie in seinem Leben hatte er damit gerechnet, dass er ausgerechnet am „Fürstenhof“ einem Mann begegnen würde, der ihn so sehr um den Verstand bringen würde. Und noch weniger, dass dieser besagte Mann ausgerechnet sein eigener Bruder sein würde.
Boris hasste und verurteilte sich selbst dafür, wünschte sich immer wieder, es irgendwie abschalten zu können – doch jeder neue Versuch scheiterte kläglich. Er wusste, dass es keinen Sinn machte, es vor sich selbst zu leugnen oder sich noch länger einzureden, dass es nur ein furchtbar böser Albtraum war.
Der junge Geschäftsführer hatte ohne Zweifel sein Herz verloren. Und das ausgerechnet an seinen eigenen Bruder.
Er wusste selbst nicht mehr, wie es passiert war. Er wusste nicht mehr, warum ausgerechnet Viktor geschafft hatte, was schon lange keinem Mann mehr gelungen war – nämlich sein Herz lichterloh in Flammen zu setzen.
Boris erinnerte sich nur noch daran, dass sie sich eines Nachmittags beim Stall getroffen und über alte Zeiten geredet hatten. Dass Viktor wie üblich herumgealbert und ihn in seiner unnachahmlichen Art aufgezogen hatte. Er erinnerte sich an sein schelmisches Grinsen, als das Gespräch in Richtung Partnerschaft gegangen und Boris gekonnt ausgewichen war, indem er sich mit der Begründung, beruflich eine Menge Stress zu haben, herausgeredet hatte.
Natürlich hatte Viktor keine Ahnung davon gehabt, welch wunden Punkt er damit bei seinem jüngeren Bruder getroffen hatte. Und nur allzu gerne hätte Boris ihm von seinem Geheimnis erzählt, hatte aber letztlich doch nicht die Kraft und den Mut dazu gehabt. Ganz besonders nicht mehr, nachdem Viktor ihn im Scherz darauf hingewiesen hatte, dass man ihn noch für schwul halten könnte, weil er so lange schon ohne Frau an der Seite durch das Leben ging.
Am liebsten hätte Boris in diesem Moment einfach gesagt, dass er Recht hatte – aber ihm hatte jegliche Kraft dazu gefehlt, es auszusprechen. Stattdessen hatte er schnell das Thema gewechselt und gehofft, dass Viktor nicht weiter nachbohren würde.
Dieser hatte sich zum Glück damit zufriedengegeben und sich nebenbei wieder seiner Arbeit zugewandt – und zum ersten Mal seit ihrem Wiedersehen hatte Boris bemerkt, was für ein attraktiver, junger Mann aus seinem älteren Bruder geworden war.
Er besaß zweifellos eine faszinierende Ausstrahlung – und Boris wäre jede Wette eingegangen, dass der Ältere sich vor Verabredungen kaum retten konnte. Viktor war ganz einfach sympathisch, das ließ sich nicht bestreiten – nicht einmal aus seiner zu diesem Zeitpunkt noch neutralen Perspektive.
Und als er dann auch noch sein Hemd aufgeknöpft hatte, was den sommerlichen Temperaturen geschuldet gewesen war, hatte Boris es einfach nicht mehr abstreiten können: Viktor war umwerfend.
Und dass er ihn umgeworfen hatte, daran bestand nicht der geringste Zweifel. Der junge Mann wusste nicht mehr, was der Auslöser gewesen war, aber während er Viktor so beobachtet hatte, voll und ganz in seine Arbeit vertieft, da war es fast so gewesen, als hätte man irgendeinen Schalter im Kopf des jungen Geschäftsführers umgelegt und unzählige Glückshormone freigesetzt.
Dass genau das der Moment gewesen war, in dem es kein Zurück mehr gab, hatte Boris auch erst im Nachhinein so richtig realisiert. Zunächst hatte er es jedoch als natürliche Faszination wahrgenommen und es damit abgetan.
Erst am Abend, als er nach ein paar entspannten Stunden im „Bräustüberl“, die er gemeinsam mit seinem Bruder verbracht hatte, nach Hause gekommen war, waren zum ersten Mal diese Gedanken aufgetaucht, die einerseits tabu und verboten, doch andererseits wiederum wunderschön und beflügelnd sein konnten.
Begonnen hatte es damit, dass er sich seinen Traummann herbeifantasiert hatte, der genau so sein sollte wie sein großer Bruder Viktor. Und dass er sich nur in so jemanden ernsthaft verlieben würde. In jemanden, der so war wie Viktor. Der so dachte wie Viktor. So handelte wie Viktor. So aussah wie Viktor. Weil der Ältere ganz einfach süß war.
Boris verabscheute dieses Wort zutiefst, weil es für ihn mit zu vielen Klischees behaftet und ausgelutscht war. Aber auf Viktor passte es in diesem Moment wie die Faust aufs Auge. Der Ältere war süß. Und schön. Viel zu schön, um ganz allein zu sein.
Und genau in dem Moment, als Boris so vor sich hin fantasierte und sich den entspannten Nachmittag mit seinem Bruder ins Gedächtnis rief, krochen langsam aber sicher Emotionen in ihm hoch, die er bislang nur bei ganz wenigen Männern empfunden hatte.
Und als er sich dann ein Bild von Viktor angeschaut hatte, welches als Erinnerung an den netten Nachmittag entstanden war, sah er seinen Bruder plötzlich mit ganz anderen Augen und seine Fantasie begann, mit ihm durchzugehen.
Er hatte plötzlich Szenen im Kopf, die er sich weder erklären, noch sagen konnte, woher sie überhaupt kamen. Er sah sich und Viktor zusammen beim Stall, Hand in Hand. Sich und Viktor Seite an Seite beim See – jeder seine Arme um den jeweils anderen geschwungen. Und dann schließlich: Sich und Viktor zusammen im Bett, so nah und ungeschminkt wie man normalerweise nur dem Menschen kommt, den man ehrlich und aufrichtig liebt.
Diese ausgeflippte Fantasie riss Boris den Boden unter den Füßen weg, da er sich selbst nicht erklären konnte, woher sie überhaupt gekommen war. Er war schließlich sein Bruder, ein Teil von ihm, ein Tabu, das er nicht übertreten durfte.
Und dennoch – dieser Gedanke, mit Viktor Haut an Haut zu sein, fühlte sich so intensiv und schön an, dass Boris von seinen Empfindungen vollständig übermannt wurde.
Ohne es richtig zu realisieren, verschwand er für einige Zeit im Badezimmer und befriedigte sich selbst, während die romantischen Szenen gemeinsam mit seinem Bruder sich immer wieder in seinem Kopf wiederholten. Er dachte an Viktors Lächeln, seine Haut, sein Haar, seinen attraktiven Körper, während er sich ganz auf das Gefühl einließ, das ihn da gerade überkam.
Erst im Nachhinein, als die Ekstase vorüber war, realisierte er richtig, was er da gerade getan hatte – und konnte daraufhin gar nicht anders als sich zu übergeben. Er hatte gerade wirklich die Fantasien mit seinem eigenen Bruder benutzt, um...
Nein. Nein, er konnte diesen Gedanken nicht vollenden. Das war viel zu absurd. Das war krank. Das war ohne Zweifel vollkommen krank.
Viktor war sein BRUDER! Er konnte doch nicht scharf auf seinen eigenen Bruder sein. Er konnte nicht empfinden, was er gerade empfand. Das war verboten. Das war tabu. Eine unaussprechliche Todsünde.
Nie und nimmer hatte er sich in Viktor verliebt. Das war unmöglich. Er hatte nur aus einer Laune heraus so gehandelt. Diese Überlegungen und Fantasien waren einfach das Resultat seines nun schon zu lange währenden Singledaseins.
Ja, genau, das war es. Ihm fehlte ganz einfach ein Freund. Ihm fehlte die Wärme und zwischenmenschliche Nähe eines festen Partners. Die Zuwendung und Zuneigung eines geliebten Menschen.
Und weil es in seinem Leben sonst niemanden gab, hatte er all diese Sehnsüchte jetzt auf Viktor projiziert. Weil er ganz einfach der einzige war, den Boris im Moment zur Verfügung hatte. Nur deshalb war es zu diesem Fauxpas gerade eben gekommen. Natürlich war er nicht in Viktor verliebt. Das war doch komplett absurd. Die Sehnsucht hatte ihn dazu angetrieben und seine Gedanken aus der Reihe tanzen lassen. Nicht mehr und nicht weniger.
Und mit dieser festen Überzeugung ging der junge Mann schließlich ins Bett, nicht ahnend, dass bereits das nächste Zusammentreffen mit seinem Bruder ihn erneut aus der Bahn werfen würde.

In der vorangegangenen Nacht hatte Boris einen äußerst pikanten Traum gehabt, weshalb er sich am nächsten Morgen ziemlich geschlaucht fühlte und kaum fähig war, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren.
Erneut hatte Viktor eine entscheidende Rolle darin gespielt – um genau zu sein, hatte er im Traum die Rolle von Boris' Lebensgefährten bekleidet und es war zu mehreren, äußerst anzüglichen Situationen gekommen, die der junge Mann überaus positiv erlebt hatte.
Wenig verwunderlich also, dass Boris am nächsten Morgen kaum in der Lage war, sich zu konzentrieren und dieses Wirrwarr, das in ihm tobte, zu ignorieren oder abzustellen. Viktor hier, Viktor da – egal, womit er auch den Kopf freizubekommen versuchte, jeder zweite Gedanke führte ihn unweigerlich zu seinem Bruder zurück und zu den schönen Momenten, die sie im Traum zusammen geteilt hatten.
Boris schämte sich so sehr dafür, dass er diese Überlegung überhaupt zuließ, aber ein Teil von ihm war glücklich über diese stillschweigenden Fantasien und Vorstellungen. Er wusste genau, wie krank und auch pervers es war, doch zu leugnen, dass diese Gedanken sich schön anfühlten, wäre reiner Selbstbetrug gewesen.
Und auch die heimliche Frage, ob sein Bruder tatsächlich so gut küssen konnte wie in seinem Traum, ließ ihm fortan keine Ruhe mehr. Der junge Mann kämpfte vergeblich dagegen an, peitschte sich selbst dafür aus – doch er wurde diese Überlegung auch mit aller Mühe nicht los.
Und als er seinen Bruder am Nachmittag beim Schwimmen im See beobachtete, passierte erneut das, was schon am Abend zuvor beim Betrachten seines Fotos passiert war. Und noch bevor der Ältere die Gelegenheit hatte, ihn anzusprechen, ergriff Boris panisch die Flucht und sperrte sich zu Hause in seiner Wohnung ein.
Das konnte nicht wahr sein. Das konnte ganz einfach nicht wahr sein, was da gerade passiert war. Viktor war sein BRUDER, verdammt noch einmal! Er konnte doch nicht allen Ernstes solche Gefühle für seinen eigenen Bruder haben. Das war tabu. Ein Verbrechen. Eine Schande.
So etwas durfte niemals wieder passieren. Er musste damit aufhören. Er musste aufhören, über Viktor zu fantasieren. Musste aufhören, solche Dinge von ihm zu denken. Aufhören, sich in diese aussichtslosen Fantasien zu flüchten. Es durfte nicht sein, was er da empfand.
Er durfte kein Herzklopfen haben, wenn er Viktor begegnete. Er durfte nicht zittern bei dem Gedanken, ihm nah zu sein. Das war geisteskrank. Vollkommen geisteskrank. Er unterdrückte das jetzt. Er ließ diesen Wahnsinn nicht mehr zu. Nie wieder. Viktor war sein Bruder. Und damit Ende.
Zumindest dachte Boris das so lange, bis er ungewollt einen weiteren, sehr nahen Moment mit seinem Bruder teilte. Als er wenige Tage später im Park unterwegs war und ins Stolpern kam, war ausgerechnet Viktor derjenige, der ihm aufhalf und sich fürsorglich danach erkundigte, ob alles in Ordnung war.
Und abermals spürte Boris sein Herz klopfen, als der Ältere bedächtig seine Hand berührte und ihn mit seinem unverkennbaren Lächeln ansah. Und in genau diesem Augenblick wurde dem jungen Mann klar, dass es keinen Sinn hatte, es zu leugnen. Der Blitz hatte ohne jeden Zweifel eingeschlagen. Und zwar mitten ins Herz.
Er sah Viktor mit anderen Augen. Durch eine rosarot gezeichnete Brille. Und wäre sein Wille nicht so stark gewesen, hätte er ihn in diesem Moment am allerliebsten in den Arm genommen und nie wieder losgelassen.
Ein Zurück gab es jetzt nicht mehr. Es hatte ihn erwischt. Und diese bittersüße Erkenntnis zog ihm abermals jeglichen Halt unter den Füßen weg.
Mit aufgesetzter Souveränität versicherte er Viktor, dass alles in Ordnung war und er sich nicht verletzt hatte, ehe er sich schließlich von ihm abwandte und seine Tränen dabei kaum mehr zurückhalten konnte.
Danach meldete er sich für die nächsten Tage krank, verschanzte sich in seiner Wohnung und ließ nicht einmal mehr seine beste Freundin Tina an sich heran. Er hatte keine Nerven, mit ihr zu reden, geschweige denn, sich ihr anzuvertrauen.
Sie würde ihn für völlig übergeschnappt halten. Und das Schlimmste war: Sie hätte damit absolut Recht gehabt. Er war wirklich übergeschnappt. Und krank. Vor Sehnsucht und Ratlosigkeit.
Was er fühlte, war blanker Wahnsinn. Es ließ ihn nicht nur in ein Loch fallen, sondern ihn auch an seiner eigenen Zurechnungsfähigkeit zweifeln.
Viktor. Von allen Männern auf dieser Welt ausgerechnet Viktor! Wie um alles in dieser Welt hatte das nur passieren können? Wie hatte er sich ausgerechnet in ihn verlieben können? Warum konnte er diese Gedanken nicht einfach abschalten? Warum geriet sein Leben gerade so sehr aus der Bahn? Und vor allem: Wie kam er aus dieser irren Geschichte je wieder heraus?

Einige Wochen war es nun her, seit Boris erkannt hatte, dass er seinen eigenen Bruder auf diese Weise liebte. Schon einige Wochen lang verfolgten ihn immer wieder diese Gedanken, gemischt mit Zorn, Ekel und Ratlosigkeit, sowie abwechselnden Glücks- und Schuldgefühlen.
Einerseits war es so unbeschreiblich schön, an Viktor zu denken und ließ ihn im siebten Himmel schweben – andererseits brachte ihn allein die bloße Vorstellung dieser Todsünde zum Würgen und ließ ihn mehr und mehr an seinem Geisteszustand zweifeln.
War er wirklich komplett wahnsinnig geworden? Konnte er diese Sache denn nicht einfach überwinden und halbwegs normal weiterleben? War es denn wirklich so schwer zu begreifen, dass das, was er fühlte, verboten war?
Aber andererseits: Konnte etwas, das sich so schön, tief und nah anfühlte, wirklich verboten sein? War er wirklich geisteskrank, nur weil er ehrlich und aufrichtig liebte? War er wirklich so ein schlechter Mensch, weil ausgerechnet sein eigener Bruder sein Herz berührt hatte?
Boris weinte selten, aber in diesem Augenblick konnte er seine Emotionen einfach nicht unterdrücken. Ohne dass er selbst es richtig wahrnahm, kullerten bittersüße Tränen seine Wangen hinunter und tropften beinahe synchron zum Regen auf den Schreibtisch vor ihm, hinterließen ihre Spuren auf einem Geschäftsbrief, der an den „Fürstenhof“ adressiert war.
Ja, er hatte schon oft aus Liebe gelitten. Aber dieses Mal war alles anders. Dieses Mal war ausgerechnet sein eigener Bruder der Grund für seinen Liebeskummer. Und Boris wusste, dass er alles verlieren würde, sollte jemals irgendwer von dieser Sache Wind bekommen.
So oder so – es war aussichtslos. Er musste damit abschließen. Andernfalls würde ihn diese innere Zerrissenheit früher oder später noch umbringen.

Es war bereits nach Feierabend und Boris immer noch damit zugange, seine Arbeit zu verrichten, die während des Tages aufgrund einiger Aussetzer liegengeblieben war. Noch immer brannte der Schmerz in ihm – und auch der Regen hatte vor etwa einer Stunde wieder eingesetzt, doch der junge Mann kümmerte sich gar nicht darum.
Auch seinem Vater gegenüber, der sich inzwischen in den Feierabend verabschiedet hatte, war er ganz souverän geblieben und hatte seine Essenseinladung mit der Begründung ausgeschlagen, dass er noch einiges zu erledigen hätte.
Er hatte im Moment wirklich keinen Nerv dafür, sich aufgesetzt fröhlich zu geben, geschweige denn, ihm die heile Welt vorzuspielen. Denn heil war bei ihm schon lange nichts mehr. Er wollte im Moment einfach nur allein sein und in Ruhe gelassen werden – von seinem Vater, von Tina, sowie vor allem natürlich von Viktor. Jede Begegnung mit ihm brannte wie Feuer – jedes Wort, das sie miteinander sprachen, setzte dem jungen Mann zu und machte ihm klar, dass seine Sehnsucht niemals einen Sinn haben würde. Daher war es das einzig Vernünftige, diese aussichtslosen Gefühle zu begraben. Es durfte nicht sein. Und es würde auch niemals sein. Boris würde dieses Geheimnis mit ins Grab nehmen. Das Geheimnis seiner verbotenen Liebe.
Hastig schüttelte er all diese Gedanken ab und wandte sich wieder seiner Arbeit zu, gerade als ein leises Klopfen an der Zimmertür ihn hochschreckte. Hastig wischte er sich den Rest seiner Tränen aus dem Gesicht, gerade noch rechtzeitig, bevor ausgerechnet Viktor seinen Kopf zur Tür hereinsteckte und ihm einen kurzen, freundlichen Blick schenkte.
„Noch am Arbeiten?“, wollte er wissen, was Boris nur mit einem flüchtigen Nicken bestätigte. „Diese beiden Abrechnungen müssen bis morgen fertig sein“, gab er dann bekannt, so gefasst wie möglich, und hoffte, dass Viktor sich damit zufriedengeben und wieder verschwinden würde.
Doch stattdessen spazierte er gemächlich ins Zimmer und setzte sich dann seinem Bruder gegenüber an den Schreibtisch, nicht ahnend, was er damit erneut in ihm auslöste.
„Noch was?“, wollte Boris fast kühl wissen und sah kurz auf, vermied allerdings jeglichen Blickkontakt.
„Nein, nichts“, entgegnete Viktor kopfschüttelnd. „Ich wollte dich nur fragen, ob du noch mit ins „Bräustüberl“ kommst. Auf ein Feierabendbier, was meinst du?“. „Ich muss noch arbeiten“, lehnte Boris eilig ab und deutete auf den Schreibtisch. „Wie gesagt, das muss bis morgen fertig sein. Lässt du mich also bitte weiterarbeiten? Ich möchte nicht die ganze Nacht hier sitzen“.
Sein Tonfall war offenbar kälter als geplant, denn Viktor wurde prompt stutzig und legte leicht den Kopf zur Seite. „Alles in Ordnung?“, erkundigte er sich, was Boris mit einem raschen „Ja, ja“, beantwortete.
„Naja, du hast es ja nicht eilig“, meinte Viktor und fing an zu grinsen. „Zu Hause wartet ja niemand auf dich. Das ist der Vorteil von uns Junggesellen, stimmt's?“.
Natürlich wusste er es nicht, aber mit diesen Worten jagte Viktor seinem Bruder die nächste Nadel mitten ins Herz. Boris tat sich schwer damit, standhaft zu bleiben, was den Älteren natürlich erst recht stutzig machte.
„Hab ich was falsches gesagt?“, wollte er wissen, was Boris abermals mit einem Kopfschütteln verneinte. „Nein“, erklärte er dann so gefasst es ging. „Nein, ich... ich bin einfach nur geschafft“.
„Dann mach doch Schluss für heute“, schlug Viktor ihm vor und lächelte. „Die Abrechnungen kannst du doch auch morgen früh noch fertig machen, oder? Komm doch mit mir ins „Bräustüberl“ und lass uns...“.
„Nein!“, rief Boris aus, dieses Mal deutlich emotionaler und lauter. „Hast du es nicht begriffen? Ich habe keine Zeit. Und auch keine Lust dazu. Also geh einfach und lass mich in Ruhe, Viktor!“.
„Tut mir Leid“, meinte der Ältere, überrascht von dieser leichten Überreaktion. „Ich wollte nur nett sein. Deshalb musst du nicht gleich bissig werden“. „Tut mir Leid“, entschuldigte Boris sich rasch, um Viktor nicht noch misstrauischer zu machen. „Das war nicht so gemeint“.
„Schon gut“, meinte der Ältere verständnisvoll. „Man merkt schon, dass du ein wenig überarbeitet bist. Vielleicht solltest du dich doch mal wieder nach einer Freundin umschauen, hm? Mit einer Frau an der Seite sieht man die Dinge doch gleich wesentlich entspannter“.
Oh nein, dachte Boris stillschweigend und biss sich auf die Lippe. Nicht dieses Thema. Alles – nur bitte nicht die alte Beziehungskiste! Konnte er denn nicht einfach verschwinden und ihn in Ruhe lassen?
„Ja, vielleicht“, gab Boris ihm schließlich widerwillig Recht, in der Hoffnung, dann endlich Ruhe zu haben. Aber natürlich ließ Viktor jetzt nicht so einfach locker. Nein – er fing gerade erst richtig an.
„Und?“, fragte er schließlich neugierig und grinste. „Was in Aussicht?“. „Nein“, antwortete Boris knapp. „Und ich habe im Augenblick auch weder die Zeit, noch den Kopf dafür“.
„Ach komm, das sagst du immer“, stichelte der Ältere gekonnt und hatte keinen Schimmer, wie schwer er es seinem Bruder dadurch machte. „Gibt's wirklich keine, die dich anspricht? Was ist denn zum Beispiel mit Tina? Ist doch eine sympathische Frau, findest du nicht?“.
„Hmm“, murrte Boris widerwillig und bemühte sich um Beherrschung. „Ihr zwei würdet finde ich gut zusammenpassen“, setzte Viktor unbeirrt fort. „Vielleicht solltest du dich da mal ranhalten. Bevor es möglicherweise ein anderer tut. Wenn du willst, kann ich ja mal...“.
„Viktor, hör auf!“, fuhr Boris ihn scharf an und schlug mit seiner Hand auf den Schreibtisch. „Ich brauche keine Beziehungsratschläge. Also tu mir einen Gefallen und lass mich damit in Ruhe!“.
„Jetzt sei mal nicht so bissig“, mahnte ihn der Ältere gespielt. „Ich wollte dir doch bloß...“. „Was wolltest du?!“, zischte der junge Mann giftig. „Mir helfen? Danke, aber darauf kann ich verzichten. Also hör auf und lass mich endlich in Ruhe. Du hast sowieso keine Ahnung!“.
„Mensch, Boris, was ist denn los?“, fragte Viktor nach, inzwischen mehr besorgt. „Warum wirst du dauernd so aggressiv, wenn es um das Thema Beziehungen geht? Du weichst ständig aus und redest dich heraus. Was steckt da dahinter, hm?“.
„Gar nichts!“, erwiderte der Jüngere hastig. „Ich will nicht darüber reden. Also lass mich zufrieden und geh einfach. Du weißt doch sowieso nicht...“.
Er konnte seinen Satz nicht vollenden, denn seine angestauten Emotionen machten ihm einen Strich durch die Rechnung. Ohne es zu wollen, musste er sich ihnen ergeben und spürte erneut Tränen über sein Gesicht kullern, weshalb er sich rasch von Viktor abwandte, um sie vor ihm zu verstecken.
Doch sein Bruder hatte es natürlich längst bemerkt. „Boris...“, sagte er ganz sanft und fürsorglich, genauso wie früher, während er ihn einen Moment lang musterte. „Was ist denn los, hm? Dich bedrückt doch was. Bitte sprich mit mir. Ich möchte dir helfen“.
„Das kannst du nicht!“, fauchte Boris ihn an und wandte sich vollständig ab. „Keiner kann das! Lasst mich alle in Ruhe!“.
Der ansonsten so souveräne Gentleman hatte keine Kraft mehr dazu, noch länger stark zu sein, vor allem nicht jetzt, da er seinem heimlichen Traum so nah war – und dennoch Lichtjahre von ihm entfernt. Er ertrug es einfach nicht mehr, noch weiter zu lügen. Früher oder später würde ohnehin alles rauskommen. Warum also nicht gleich alles beichten? Dann hatte er die Scham und Blamage schneller hinter sich. Und er konnte sich eher damit abfinden, alles, was ihm je etwas bedeutet hatte, für immer zu verlieren.
„Boris...“. Viktor erhob sich von seinem Platz und ging dann neben ihm in die Hocke, versuchte, Augenkontakt mit ihm zu bekommen. „Brüderchen, was hast du? Was bedrückt dich? Bitte sprich mit mir“.
„Dann hasst du mich...“, schluchzte der Jüngere verzweifelt, vermied es nach wie vor, seinen Bruder anzusehen. „Quatsch“, wehrte Viktor eilig ab und schüttelte den Kopf. „Wieso sollte ich? Was immer es auch ist, Boris, du kannst mir vertrauen. Ich erzähle es niemandem weiter, das verspreche ich dir hoch und heilig. Also sag schon, Brüderchen, was bedrückt dich?“.
„Okay...“, willigte Boris schließlich ein und holte tief Luft, ehe er wieder aufsah. „Okay, wenn du es wissen willst: Da gibt es jemanden. Jemanden, den ich sehr, sehr gerne habe. Unendlich gern sogar“.
„Wirklich?“, fragte Viktor nach und fing an zu lächeln. „Aber Boris, das ist doch schön. Das freut mich sehr für dich“. Der Andere schluchzte nur, woraufhin Viktor ihm sanft auf die Schulter klopfte.
„Bist du deshalb so aufgelöst?“, fragte er dann weiter. „Ist es eine einseitige Geschichte? Will sie nichts von dir?“.
Jetzt oder nie, dachte Boris für sich, nahm all seinen Mut zusammen und sprach dann ungeschminkt die nackten Tatsachen aus, auch auf die Gefahr hin, alles zu verspielen. „Es ist keine Frau“, offenbarte er Viktor schließlich und fühlte sein Herz dabei vor Aufregung rasen. „Es ist ein Mann“.
„Ein... ein Mann?“, wollte Viktor wissen, nachdem er diese Bekanntgabe einen Moment lang auf sich hatte wirken lassen. „Das heißt, du bist...?“. „Schwul“, beendete Boris unter Tränen seinen Satz und fuhr herum. „Sag's ruhig, Viktor. Sprich es aus. Ich bin schwul. Eine Schwuchtel. Eine Enttäuschung für die Saalfelds“.
„Quatsch!“, rief Viktor hastig aus und schüttelte den Kopf. „Das bist du nicht. Wer sagt denn so etwas?“. Er hielt kurz inne, ehe sein Ton ein paar herausfordernde Züge annahm. „Christoph“, meinte er dann kalt. „Hat er das gesagt? Hat er dir diesen Schwachsinn eingeredet? Na warte, dem werde ich was erzählen...“.
Noch bevor er jedoch dazu kam, wurde er von Boris zurückgehalten, indem er ihn am Handgelenk packte. „Warte“, bat er ihn eindringlich. „Papa weiß nichts davon. Er hat keine Ahnung. Du... du bist der erste, dem ich es sage“.
„Das heißt, er ist dir nicht dumm gekommen?“, wollte Viktor wissen, was Boris kopfschüttelnd verneinte. „Aber... warum bist du dann so aufgelöst?“, erkundigte er sich weiter.
„Weil... weil... ich Angst habe“, gestand Boris ihm offen und blickte ihm ins Gesicht. „Angst?“, wollte Viktor irritiert wissen. „Vor mir?“. „Davor, dass du mich jetzt nicht mehr magst“, antwortete der Jüngere nervös. „Oder dass du nichts mehr von mir wissen willst“.
„Aber Boris, so ein Unsinn!“, widersprach der Ältere hastig und schüttelte den Kopf, ehe er nochmals neben seinem jüngeren Bruder in die Hocke ging. „Warum soll ich dich denn nicht mehr mögen? Wie kommst du auf so einen Unfug?“.
„Ich... ich...“, stotterte Boris, woraufhin Viktor ihm behutsam eine Träne von den Wangen wischte. „Du bist mein Bruder“, erklärte er ihm ruhig und fürsorglich. „Und ob du jetzt Frauen liebst oder Männer – oder beides – daran wird sie niemals irgendetwas ändern. Wichtig ist, dass du glücklich bist und es dir gut geht. Also schlag dir diesen Blödsinn sofort aus dem Kopf, ja?“.
Ohne irgendeine Vorwarnung nahm der Ältere den jungen Mann in die Arme, erschwerte ihm damit seine Selbstbeherrschung noch zusätzlich. „Beruhig dich, Boris“, flüsterte er ihm zu und klopfte ihm auf den Rücken.
Wortlos ließ Boris die Umarmung einfach zu, spürte erneut, wie gut ihm Viktors Nähe tat und hatte mehr denn je das Bedürfnis danach, ihm auch noch den Rest der Wahrheit anzuvertrauen.
Gleichzeitig wusste er, was das für die Zukunft bedeuten und dass er damit alles für immer verspielen würde. Warum nur musste Viktor es ihm so verdammt schwer machen?
„Jetzt verstehe ich auch, warum du bei diesem Thema stets so kurz angebunden warst“, schlussfolgerte Viktor unterdessen und war versucht zu schmunzeln. „Aber ehrlich, Boris: Das hättest du mir jederzeit sagen können. Gerade mir“.
„Was... was meinst du?“, wollte der junge Mann wissen, woraufhin Viktor erneut neben ihm in die Hocke ging. „Kann ich dir auch ein Geheimnis anvertrauen?“, fragte der Andere und schmunzelte. Dann beugte er sich etwas näher an sein Ohr heran, wodurch er Boris ungewollt eine Gänsehaut über den Körper jagte.
„Ich hab auch Erfahrungen mit Männern“, flüsterte er ihm leise zu und ließ das Herz des Jüngeren beinahe stillstehen. „Und ich kann sagen, dass das überaus positive Erfahrungen waren. Wie hat doch ein ehemaliger Bekannter von mir immer gesagt? Ein bisschen bi schadet nie“.
„Wa-was?“, fragte Boris leicht perplex, woraufhin Viktor jedoch nur schmunzelnd die Schultern zuckte. „Du... du bist... bisexuell?“, wiederholte er dann, während er versuchte, diese Nachricht einigermaßen zu begreifen.
„Gelegentlich schon“, erklärte Viktor ihm mit einem Schmunzeln. „Feste Beziehungen hatte ich zwar bislang nur mit Frauen – aber wenn mal ein süßes Bürschchen vorbeikommt... na, wer weiß, was sich ergibt“.
„Meinst... meinst du das wirklich ernst?“, hakte Boris noch einmal nach, woraufhin Viktor ein gespielt ernstes Gesicht machte. „Nein“, sagte er dann. „Ich nehme dich nur auf den Arm. Ach, Boris, natürlich meine ich das ernst. Ich habe einfach gemerkt, dass ich Frauen und Männer gleichermaßen mag. Na und? Ist doch nichts dabei. Genauso wenig wie an der Tatsache, dass du eben nur Männer magst“.
„Also... macht es dir wirklich nichts aus?“, fragte Boris erneut, woraufhin Viktor wieder schmunzelte. „Wenn du willst, gebe ich es dir schriftlich“, sagte er dann. „Boris Saalfeld, du kannst lieben, wen immer du möchtest. Das ist mir vollkommen egal. Hauptsache, du bist glücklich und es geht dir gut dabei. Reicht das als Antwort?“.
„Ich...“, versuchte Boris zu sagen, brach dann jedoch wieder ab und atmete auf. Einerseits fühlte er sich gerade endlos erleichtert darüber, dass sein jahrelang gehütetes Geheimnis endlich raus war – andererseits war da noch die andere Sache, von der Viktor nichts ahnte und die ihr offenes Verhältnis zueinander mit Sicherheit vollkommen zerschlagen würde.
„Nachdem das jetzt geklärt wäre...“, fügte Viktor schließlich nach einer Pause hinzu. „...und wir offen darüber reden können: Darf ich neugierig sein und fragen, wer denn derjenige ist, den du so gern hast? Weiß er denn von seinem Glück?“.
„Nein“, antwortete Boris, darum bemüht, sich einigermaßen zu beherrschen. „Nein, er weiß es nicht. Und es ist auch besser, wenn er es nicht erfährt. Niemals. Das würde alles verändern und kaputtmachen“.
„Aber wieso das denn?“, wollte Viktor wissen. „Weil es nicht sein kann“, erklärte Boris so beherrscht wie möglich. „Es darf nicht sein. Niemals. Es ist verboten“. Wieder kamen ihm die Tränen, als er das gesagt hatte und veranlassten Viktor dazu, ihn beruhigend zu streicheln.
„Aber Liebe kann doch nicht verboten sein“, entgegnete er irritiert und ermutigend zugleich. „Warum sagst du so etwas, Boris? Warum glaubst du, dass es nicht sein darf?“.
„Weil...“, antwortete der Angesprochene mit einem Schluchzen, nicht mehr stark genug, noch länger zu lügen. „Weil...?“, wiederholte Viktor leise, als der Jüngere den Kopf senkte und sich vollständig von ihm abwandte.
„Weil... er mein Bruder ist“, platzte er dann schließlich heraus und knickte ein, wohlwissend, dass nach diesem Satz alles für immer vorbei war. Viktor würde ihn hassen, ihn verstoßen, das wusste er. Er würde nie wieder etwas mit ihm zu tun haben wollen, ihn verachten und meiden. Weil das, was er da empfand, ganz einfach geisteskrank war.
„Dein... dein Bruder?“, fragte Viktor schließlich, nachdem er Boris' Worte richtig realisiert hatte und musterte den Jüngeren eine Weile. „Du... du redest von mir? Ich... ich bin derjenige, in den du dich...?“.
Boris nickte nur schweigend und ließ ein Schluchzen verlauten, stützte seinen Kopf in die Hände und brach endgültig in Tränen aus.
„Wow... ich... ich... ähm...“. Der Ältere war nicht in der Lage dazu, einen vernünftigen Satz zu formulieren, konnte noch nicht richtig begreifen, was Boris ihm da gerade offenbart hatte. Sein eigener Bruder, der Mensch, mit dem er aufgewachsen war, hatte solche Gefühle für ihn?
„Boris, ich... ich weiß echt nicht, was ich sagen soll“, brachte er schließlich hervor und atmete tief durch. „Ich... ich verstehe nicht, wie du... ich meine...“. „Ich versteh es doch auch nicht!“, schluchzte der Jüngere aufgewühlt und noch immer nicht fähig, ihn anzusehen. „Ich verstehe es auch nicht, Viktor! Ich weiß, dass es krank ist. Ich weiß, dass es nicht so sein dürfte. Aber es ist nun einmal so!“.
„Boris...“. Viktor bemühte sich vergeblich darum, den Anderen zu beruhigen, während er andererseits versuchte, diese Offenbarung irgendwie zu verdauen, sofern man so etwas überhaupt verdauen konnte.
Dass Boris schwul war, war die eine Sache. Aber dass er sich ausgerechnet in Viktor verliebt hatte – das war eine völlig andere Hausnummer. Und noch dazu ein eindeutiges Tabu, ein Verbot, das alle Grenzen von Viktors Vorstellungskraft um Längen sprengte.
Inzest war ein Straftatbestand – von der moralischen Verwerflichkeit mal ganz abgesehen. Und wenn Boris tatsächlich die Wahrheit sagte, wenn er sich wirklich in Viktor verliebt hatte, dann war das definitiv ein Schritt zu weit. Es war abartig.
Das war das, was Viktors gesunder und logischer Menschenverstand dazu sagte. Aber sein empathisches Einfühlungsvermögen sprach da vollkommen andere Töne. Natürlich stand völlig außer Frage, dass Boris ihn mit diesem Geständnis überrumpelt und überfordert hatte. Aber konnte man einen Menschen wirklich dafür verurteilen, dass er liebte? Konnte man ihn deswegen fertigmachen und als krank ansehen?
Viktors Verstand sagte ganz klar Ja. Weil es eben ganz einfach tabu war. Aber sein Bauchgefühl hielt eindeutig dagegen. Es sagte ihm, dass das, was Boris empfand, nur menschlich war. Und Liebe hielt sich nun einmal an keine Regeln. Weder an moralische, noch an gesetzliche.
Vielleicht war es unvernünftig und falsch, so zu denken – und vielleicht hätte Viktor als großer Bruder auch die Pflicht gehabt, den Jüngeren wachzurütteln und in seine Schranken zu weisen. Vielleicht war es falsch, Bauchgefühl über Vernunft zu stellen. Und vielleicht würde es irgendwann bitter bereuen, wenn er Boris jetzt nicht abwies und auf Distanz hielt. Vielleicht würde er damit riskieren, zum Gespött zu werden und gegen das Gesetz zu verstoßen.
Aber all das war ihm in diesem Augenblick egal. Er hatte gerade einfach nur Mitgefühl für seinen jüngeren Bruder übrig, der sich selbst ohnehin schon die größten Vorwürfe zu machen schien. Musste Viktor ihn wirklich noch zusätzlich treten, wenn er ohnehin schon am Boden lag?
Nein, entschied er schnell für sich. Nein, das musste er nicht. Natürlich war er immer noch überfordert und hatte keine Ahnung, wie die Zukunft aussehen würde. Aber jetzt im Moment hatte er einfach nur das Bedürfnis, für seinen kleinen Bruder da zu sein. Ihm Nähe zu geben, Halt, Sicherheit – und vor allen Dingen Verständnis.
Boris war so ein offener, wunderbarer Mensch. Er hatte es nicht verdient, verspottet und ausgelacht zu werden. Nicht einmal dann, wenn er seinen eigenen Bruder liebte.
Ohne auch nur ein Wort zu verlieren, schloss Viktor ihn noch einmal fest in seine Arme und hielt ihn, bis er sich wieder ein bisschen beruhigt hatte. Dann fasste er ihn bedächtig an der Hand, zeigte ihm auf diese Weise, dass er keinerlei Absicht dazu hatte, wütend auf ihn zu sein oder ihn gar für seine Gefühle zu verurteilen.
„Es... es tut mir Leid“, schluchzte Boris verzweifelt, im Glauben, Viktor dadurch für alle Zeit verloren zu haben. „Es tut mir so Leid. Ich... ich wollte das nicht. Ich wollte es abstellen. Aber es ging einfach nicht!“.
„Liebe kann man nun einmal nicht abstellen“, erklärte Viktor ganz ruhig, wodurch er Boris zugegebenermaßen verwunderte. „Glaub mir, ich weiß das, Brüderchen. Und ich möchte auch, dass du weißt, dass ich dir keine Vorwürfe mache. Es ist eben einfach passiert. Dafür kann keiner etwas. Du nicht und ich nicht“.
„Viktor, ich...“, versuchte Boris zu erklären, doch der Ältere fiel ihm sanft ins Wort. „Du musst nichts sagen“, versicherte er ihm gelassen. „Überhaupt nichts, Boris. Es ist einfach so, wie es ist. Daran können wir nichts ändern. Wir können nur versuchen, es zu akzeptieren“.
„Aber Viktor...“, wollte Boris erneut erwidern, doch sein Bruder schüttelte nur bedächtig den Kopf. „Ich mache dir keine Vorwürfe“, wiederholte er dann. „Dazu habe ich überhaupt kein Recht, Boris. Niemand sollte dafür verurteilt werden, dass er liebt. Und niemand sollte sich dafür rechtfertigen oder erklären müssen. Liebe passiert. Und sie geht oft die seltsamsten Wege“.
„Aber... du bist mein Bruder!“, protestierte Boris heftig, dem diese aufgeschlossene Reaktion von Viktor ein Rätsel war. „Das stimmt“, gab dieser ihm daraufhin Recht. „Ich bin dein Bruder, Boris. Aber mit deinen Augen siehst du mich nicht als solcher. Du nimmst mich als Mann wahr. Und das macht einen Unterschied“.
„Was... was meinst du damit?“, fragte Boris irritiert. „Du siehst mich nicht als Bruder“, wiederholte Viktor. „...sondern als Mann. So ist es doch, oder etwa nicht?“. „Ich... ich...“, stotterte der Jüngere, der nicht wusste, was er auf diese Frage antworten sollte. „Ich weiß, dass das jetzt völlig verrückt klingt“, fügte Viktor nach einer Pause hinzu. „Und dass alle Vernunft und alle Regeln gegen das sprechen, was ich jetzt sage, aber: Kann Liebe wirklich verboten sein, wenn sie ehrlich und aufrichtig ist? Kann man jemanden dafür verurteilen, dass er etwas fühlt, was eigentlich nicht sein darf?“.
Noch bevor Boris die Gelegenheit hatte, etwas darauf zu erwidern, beantwortete Viktor seine eigentlich rhetorisch gemeinte Frage selbst, indem er ihm noch einmal versicherte, dass er ihn nicht dafür verspotten wollte und würde. Weil er es ganz einfach nicht konnte.
„Vielleicht ist es falsch, dass ich so denke“, meinte er und versuchte, seine Gedanken irgendwie zu ordnen. „Und ich muss dir auch sagen, dass mich das überfordert und ich im Augenblick nicht weiß, wie es weitergehen soll. Es ist einfach... krass. Aber hassen werde ich dich sicher nicht. Das könnte ich gar nicht, selbst wenn ich es wollte. Aber du wirst sicher verstehen, dass ich Zeit brauche, um das irgendwie zu verarbeiten“.
„Ja“, gab Boris ihm rasch Recht und wischte sich übers Gesicht. „Ja, natürlich. Ich kann es ja selbst noch immer nicht glauben“.
„Hmm“, entgegnete Viktor und stieß ein deutliches Seufzen aus, während er ein wenig auf Abstand zu seinem Bruder ging. „Ich auch nicht, ehrlich gesagt“, meinte er dann und lachte gezwungen auf, während er die Hände in die Hüfte stemmte und tief Luft holte. „Ich schätze, wir brauchen beide einfach Zeit, um damit fertigzuwerden. Vielleicht sollten wir in der nächsten Zeit ein wenig auf Distanz gehen. Ich muss das wirklich erst einmal sacken lassen“.
„Ja“, willigte Boris rasch ein, der Viktors Überforderung mehr als nur gut nachvollziehen konnte. „Ja, natürlich. Und ich würde es auch gut verstehen, wenn du jetzt nie wieder mit mir sprichst. Ich weiß, dass es krank ist“.
„Ist es nicht“, versicherte Viktor ihm einfühlsam. „Es fällt aus dem Rahmen, keine Frage. Und ich muss ehrlich sagen, dass ich das niemals erwartet hätte. Aber krank ist es nicht. Du bist nicht krank. Okay?“.
Er warf dem Jüngeren ein Schmunzeln zu, wenngleich er immer noch sehr verwirrt über die ganze Geschichte war. Aber trotzdem wusste er jetzt schon sicher, dass er Boris nicht dafür hassen konnte. Nicht einmal trotz dieser unmoralischen Gefühle.
„Gib mir Zeit“, bat er seinen jüngeren Bruder und warf ihm einen möglichst positiven Blick zu. „Gib uns beiden Zeit. Ich... ich kann im Moment überhaupt nichts dazu sagen. Ich muss das erst richtig verdauen. Lass uns in der nächsten Zeit einfach Abstand halten, okay? Ich weiß gerade echt nicht, wie es weitergeht“.
„Natürlich“, willigte Boris rasch ein und nickte. „Alle Zeit, die du brauchst. Und wenn du mich hassen willst, dann...“. „Nein“, lehnte Viktor ab, bevor sein Bruder den Satz beenden konnte. „Nein, das werde ich nicht. Aber ich muss das einfach verdauen und darüber nachdenken. Wenn ich weiß, wie es weitergeht, komme ich auf dich zu. Und dann reden wir noch einmal in Ruhe darüber, okay? Jetzt gerade kann ich das nicht. Sonst sage ich vielleicht noch irgendetwas, was dir wehtut. Und das will ich nicht“.
Mit diesen Worten wandte er sich ab und ging zur Tür, hielt dort noch einmal inne und drehte sich herum. „Ich melde mich“, versprach er Boris und versuchte trotz der ausgeflippten Situation zu lächeln. „Und dann reden wir nochmal darüber. Ganz in Ruhe“.
Der Jüngere nickte nur und musterte ihn einen Moment lang, gab schweigend sein Einverständnis dazu.
Viktor wandte sich unterdessen zum Gehen, zögerte dann jedoch noch einen Augenblick. „Boris“, sagte er mit etwas unsicherer Stimme, woraufhin der Jüngere ihm nochmals einen Blick zuwarf. „Das war mutig“, fügte er hinzu, weil er trotz allem anerkennen musste, wie viel Überwindung der junge Mann für dieses Geständnis gebraucht hatte. „Und egal, was passiert: Du bist und bleibst mein kleiner Bruder, okay?“. Abermals nickte der Andere, äußerte sich jedoch nicht weiter dazu, sondern beobachtete den Älteren stattdessen, wie er das Zimmer verließ und die Tür hinter ihm ins Schloss fiel.
Einerseits fühlte er sich gerade hundeelend und hätte am liebsten laut geheult – doch andererseits ließ Viktors offene, neutrale Reaktion zumindest einen kleinen Funken an Hoffnung übrig.
War möglicherweise doch nicht alles endgültig verloren?

Gute zweieinhalb Wochen zogen vorüber, in denen Boris und Viktor ihren Umgang miteinander auf das Unvermeidliche beschränkten und sich ansonsten so gut sie konnten aus dem Weg gingen.
Abgesehen von geschäftlichen Dingen, wechselten sie kaum ein Wort miteinander, geschweige denn, traute einer von beiden sich, die Sache anzusprechen oder in Erwähnung zu bringen. Boris' Scham und Schuldgefühle saßen immer noch tief – und je mehr Zeit verstrich, desto geringer wurde seine anfängliche Hoffnung darauf, dass es doch irgendeinen Weg gab, mit seinem Bruder wieder so entspannt wie früher umgehen und die Angelegenheit vergessen zu können.
Um seiner Arbeit gewissenhaft nachzugehen, dafür fehlte ihm seit jenem Abend beinahe sämtliche Konzentration – und nichtsdestotrotz meldete er sich nicht krank, um bei niemandem unnötiges Misstrauen zu erregen oder sich am Ende gar noch zu verraten.
Die Begegnungen mit Viktor, ganz gleich, wie flüchtig sie auch waren, setzten ihm auf der einen Seite arg zu, fühlten sich jedoch andererseits auch beflügelnd an – und er wusste genau, dass sich an seinen Empfindungen nicht das Geringste geändert hatte. Und vielleicht würde sich daran auch nie mehr etwas ändern.
Im Moment konnte er nicht viel tun, lediglich abwarten, bis Viktor auf ihn zukam und dazu bereit war, mit ihm darüber zu sprechen. Das hieß, falls er dazu überhaupt je bereit sein würde. Denn Boris konnte nur allzu gut verstehen, dass sein älterer Bruder sich schwer damit tat, diese Sache zu verarbeiten. Und dass er am Ende möglicherweise zu dem Schluss kommen würde, dass es nicht ging.
Wie sollte er auch in der Lage sein, so zu tun, als gäbe es die ganze Angelegenheit nicht? Boris schaffte es ja selbst kaum, nicht darüber nachzudenken und es auszublenden. Wie musste es da erst Viktor gehen, der ganz allein mit der Gewissheit im Raum stand, dass sein perverser kleiner Bruder heiß auf ihn war?
So oder so, dachte der junge Mann für sich – früher oder später würde Viktor den Kontakt endgültig abbrechen. Und vielleicht war das auch der einzig logische Schritt und die sinnvollste Konsequenz, die man daraus ziehen konnte.
Boris war sich zwar sicher, dass er das nicht überleben würde – aber in Anbetracht der Umstände war es das einzig Vernünftige, das sie machen konnten. Den Kontakt abbrechen und sich für immer aus dem Weg gehen.
Das war mit Sicherheit hart – aber letztendlich wohl das Beste. Für alle Beteiligten.

Einige weitere Tage zogen vorüber, in denen Boris eine Menge nachdachte und schließlich zu der Entscheidung kam, den „Fürstenhof“ zu verlassen und irgendwo anders ganz neu zu beginnen. Er wusste genau, dass er sich der Situation, so wie sie im Moment war, nicht mehr länger aussetzen wollte und konnte.
Er musste raus, ganz einfach aus aus diesem Chaos – und vor allem weit weg von Viktor. Er durfte ihm nicht mehr länger über den Weg laufen. Sonst würde die Wunde niemals verheilen und jedes Mal aufs Neue wieder aufreißen. Das konnte er sich nicht zumuten. Und genau deshalb musste er weg – vorerst nur auf unbestimmte Zeit –, bis er sich im Klaren darüber war, was er wollte und wohin er gehen würde. Wenn er diese Situation auch nur einen Tag länger so weiterlaufen ließ, dann drehte er unter Garantie noch durch. Er musste einen Schlussstrich ziehen – und das war nicht möglich, wenn er Tag für Tag an die Quelle seiner Misere erinnert wurde.
Da half nur ein radikaler Schnitt, um endlich von all dem loszukommen und seine Gedanken wieder halbwegs ins Reine bringen zu können. Erst dann, wenn er wieder einen klaren Kopf hatte, konnte er entscheiden, wie es weitergehen sollte. Im Augenblick fehlte ihm dafür jegliche Kraft und Konzentration.
Dass alles ganz anders kommen würde, ahnte er dabei zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht. Stattdessen versuchte er, sich irgendwie abzulenken und auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren, wenn ihm das auch zugegebenermaßen schwer fiel.
Seiner Arbeit gewissenhaft und zufriedenstellend nachzugehen, erwies sich aufgrund der Umstände zwar als Herausforderung, doch nichtsdestotrotz gab er wie immer sein Bestes – wenngleich seine Gedanken stetig Gefahr liefen, in eine völlig andere Richtung abzudriften.
Genau daher kam ihm eine spontane Überraschung seiner besten Freundin Tina wie gerufen, wenngleich sie sehr wohl bemerkte, dass mit Boris irgendetwas nicht zu stimmen schien. Doch er wich gekonnt aus, hatte weder die Kraft, noch den Mut dazu, offen mit ihr über diese Sache zu sprechen, zumal er trotz aller Offenheit Bedenken hatte, wie sie darauf reagieren würde.
Sie wünschte ihm zwar, seit sie von seiner Homosexualität erfahren hatte, nur das Beste und viel Glück, sowie baldigen Erfolg bei seiner Partnersuche – aber ganz ohne Zweifel würde sie die Tatsache, dass er sein Herz ausgerechnet an Viktor verloren hatte, nie und nimmer begreifen, geschweige denn, akzeptieren können. Schließlich war und blieb das verboten, ganz egal, wie man es auch drehte und wandte.
Und genau deshalb verlor er ihr gegenüber auch kein Wort von dieser Sache. Sie würde ihn nur für verrückt halten. Wahrscheinlich, weil er es auch war.
Den Rest der Zeit schlug er irgendwie mit Arbeit tot, auch wenn er sich bei manchen Dingen nicht sicher war, ob er sie auch richtig gemacht hatte. Doch um das noch einmal zu kontrollieren, dafür hatte er gerade wirklich nicht die Nerven.
Vielleicht war es doch das Beste, einfach nach Hause zu gehen, bevor ihm noch ein Missgeschick oder ein gravierender Fehler unterlief. Aber andererseits wollte er sich auch nicht nachsagen lassen, dass er eine Memme war, besonders nicht von seinem Vater, der für seine zurechtgelegte Ausrede von wegen sich anbahnende Erkältung mit Sicherheit nur wenig Verständnis aufbringen würde.
Also blieb er und tat, was er zu tun hatte – zumindest, so gut es in seiner Situation eben möglich war. Und gerade, als er sich einem neuen Stapel an Papieren zuwenden wollte, schweifte sein Blick zur Tür und entdeckte dort etwas.
Unscheinbar und fast versteckt lugte unter dem Türschlitz ein weißes Zettelchen hervor. Wie oder wann es dort hingekommen war, davon hatte Boris keine Ahnung. Er war so in seine Arbeit vertieft gewesen, dass er weder jemanden gesehen, noch gehört hatte. Eventuell handelte es sich um eine Nachricht von der Rezeption – auch wenn ihm das zugegebenermaßen höchst unwahrscheinlich erschien. Die Büroräume waren schließlich immer offen. Wieso machte sich also jemand die Mühe und schrieb eine Nachricht, anstatt einfach hereinzukommen und sein Anliegen vorzutragen?
Letztendlich schüttelte Boris all diese Spekulationen ab und erhob sich von seinem Platz, um der Sache auf den Grund zu gehen. Er bückte sich nach dem kleinen, zusammengefalteten Briefchen und klappte es bedächtig auf, ehe er in einer unverkennbaren, säuberlichen Schrift entziffern konnte:

Hallo Boris!

Nachdem ich mir genügend Zeit genommen habe, über die ganze Sache nachzudenken, würde ich gerne noch einmal persönlich mit Dir über alles reden.
Komm bitte heute nach Feierabend zur Koppel. Ich warte dort auf Dich.

Liebe Grüße,
Dein Viktor


Schlagartig fing das Herz des jungen Mannes an, ein ganzes Stückchen schneller zu schlagen, während er noch einmal die Worte seines Bruders las. Viktor wollte sich tatsächlich mit ihm treffen. Er war bereit, über die Sache zu sprechen. Und das schon heute Abend.
Würde das möglicherweise die Gelegenheit sein, das Ganze endgültig aus der Welt zu schaffen? Würde ihr Verhältnis zueinander nach diesem Gespräch wieder so sein wie früher? Würden sie es schaffen, die Dinge zu akzeptieren und damit umzugehen?
Boris wusste es nicht. Er hatte keine Ahnung, was ihn erwarten würde. Aber immerhin war es eine kleine Chance. Und vielleicht, nur ganz vielleicht, hatte er seinen Bruder doch nicht für alle Zeiten vergrault.

Als Boris sich am Abend schließlich auf den Weg machte, war er wie bereits einige Zeit zuvor vollkommen hin- und hergerissen. Einerseits rechnete er damit, dass Viktor ihm gehörig den Kopf waschen und all das herauslassen würde, was er bislang stets vermieden hatte. Doch andererseits gab es da auch die klitzekleine Hoffnung darauf, dass vielleicht doch nicht alles ganz aussichtslos war und sie beide irgendwie einen Weg finden würden, damit umzugehen und fertigzuwerden.
Das war sicherlich viel erwartet und eine große Herausforderung, der sie sich da zu stellen hatten, das stand völlig außer Frage. Aber nichtsdestotrotz hoffte ein Teil von Boris, dass Viktor sein Versprechen halten und ihn nicht dafür verurteilen würde, dass es gekommen war, so wie es gekommen war.
Möglicherweise war das die einzige Gelegenheit für sie beide, alles zu klären und damit abzuschließen. Und Boris schwor sich, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um diese Gelegenheit so sinnvoll wie möglich zu nutzen.
Dass alles anders kommen und etwas passieren würde, womit er niemals im Leben gerechnet hatte, das ahnte er in diesem Augenblick selbstverständlich noch nicht. Stattdessen bereitete er sich innerlich auf die anstehende Konfrontation mit seinem Bruder vor und versuchte, sich irgendwie zurechtzulegen, was er ihm eigentlich sagen wollte.
Aber wenn er ganz ehrlich war, dann wusste Boris das selbst nicht so genau. Wie konnte man auch etwas erklären, für das es im Grunde keine Erklärung gab? Was konnte er schon sagen oder tun, um Viktor nicht noch mehr zu verschrecken als er es ohnehin bereits getan hatte? Wie sollte er Worte für etwas finden, das eigentlich unaussprechlich war?
Letztendlich entschied er sich dazu, sich nicht mehr mit solchen Fragen aufzuhalten, sondern es einfach auf sich zukommen zu lassen und abzuwarten, was Viktor ihm zu sagen hatte. Und danach würde man schon sehen, was kam.
Als er nach einiger Zeit schließlich bei der Koppel ankam, konnte er in einiger Entfernung bereits seinen älteren Bruder ausmachen, der, noch immer in Arbeitskleidung gehüllt, bereits sein Eintreffen erwartete.
Boris schluckte schwer und packte all seinen Mut zusammen, ehe er sich traue, ihm gegenüberzutreten und zur Begrüßung einen unsicheren Blick zu schenken. Viktor erwiderte es und versuchte ein Lächeln, das sich jedoch relativ rasch wieder auflöste. Offenbar war er mindestens ebenso nervös wie Boris selbst. Aber in Anbetracht der Umstände war das wirklich alles andere als verwunderlich.
Der junge Mann musterte ihn einen Moment lang und konnte dabei gar nicht anders als ein weiteres Mal die Feststellung zu machen, welche Ausstrahlung und Anziehung der Ältere auf ihn ausübte. Viktor besaß die unverwechselbare Gabe, einfach immer gut auszusehen und einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen – ganz gleich, ob er jetzt Joggingklamotten, ein Freizeitoutfit oder, wie in diesem Fall, seine Arbeitskleidung anhatte.
„Hallo Boris“, sagte er mit etwas kratziger Stimme zu ihm, die eindeutig seine eigene Nervosität und Unsicherheit durchschimmern ließ, welche er gekonnt mit seinem aufgesetzten Schmunzeln zu überspielen versuchte. Aber Boris konnte es ihm nicht verdenken. Ihm selbst erging es gerade nicht wesentlich anders.
„Hallo“, erwiderte er scheu seinen Gruß und senkte reflexartig den Blick, als er sich selbst dabei ertappte, wie er den Älteren mit seinen Augen fixierte. „Du... du hast mir eine Nachricht geschrieben“.
„Ja“, bestätigte Viktor, nun ebenfalls den Blick zu Boden geheftet, und tippte mit seinem rechten Fuß auf und ab. „Ich... ähm... ich habe nachgedacht, Boris. Viel nachgedacht. Über die ganze Sache und das, was du mir gesagt hast“.
Er machte eine Pause und holte tief Luft, bevor er schließlich fortfuhr. „Es ist mir wirklich nicht leicht gefallen, mich damit auseinanderzusetzen“, erklärte er seinem jüngeren Bruder so ruhig wie möglich. „Und ich habe offen gestanden immer noch keine Ahnung, was ich eigentlich davon halten soll. Dass du mich so gern hast... auf diese Weise... ich kapiere das irgendwie immer noch nicht so richtig“.
„Ich auch nicht“, gab Boris zu, noch immer jeden Blickkontakt zu dem Älteren vermeidend. „Und es tut mir Leid, dass ich...“. Viktor hob eine Hand, um ihn zu unterbrechen, bevor er schließlich fortfuhr.
„Lass mich bitte zuerst ausreden“, bat er ihn bestimmt, aber keineswegs mahnend. Der Andere nickte nur und wartete dann angespannt darauf, was Viktor ihm zu sagen hatte. „Ich weiß nicht, warum oder wie das passiert ist“, erklärte der Ältere weiter und warf ihm einen kurzen Blick zu. „Es kommt mir irgendwie total surreal vor. Wie eine ganz schlechte Seifenoper. Ohne das jetzt irgendwie böse zu meinen. Du weißt denke ich, was ich sagen will, oder?“.
Boris nickte nur, erwiderte jedoch nichts darauf. „Wir sind Brüder“, führte Viktor ihm daraufhin noch einmal klar vor Augen. „Und so gesehen ist das, was du mir da offenbart hast, eigentlich vollkommen indiskutabel. Es wäre absolut falsch und verwerflich, würde ich das zulassen oder dem Ganzen eine Chance geben. Ich hätte eigentlich direkt abblocken müssen, weil ich weiß, dass das niemals funktionieren kann und würde. Und an sich ist es sogar schon falsch, dass ich mir überhaupt Gedanken darüber mache. Doch trotzdem...“.
„Trotzdem...?“, fragte Boris nach und konnte vor Anspannung kaum mehr atmen. „Du hältst mich jetzt ganz bestimmt für verrückt“, antwortete Viktor und konnte angesichts der absurden Situation ein Schmunzeln nicht unterdrücken. „Und wahrscheinlich bin ich es auch. Aber irgendwie, auf eine merkwürdige Art und Weise, schmeichelt es mir ein bisschen, dass du mich so siehst. Ich weiß, das klingt total bescheuert und verrückt, aber ich fühle mich trotzdem irgendwie geschmeichelt“.
„Ge-geschmeichelt?“, wiederholte Boris perplex, was Viktor nur mit einem Schulterzucken zu beantworten wusste. „Möglicherweise bin ich auch einfach nur plemplem“, kommentierte er dann und lachte etwas gezwungen auf. „Und mein gesunder Verstand sagt auch, dass ich nicht so denken sollte, es noch nicht einmal in Erwägung ziehen dürfte. Und trotzdem fühlt sich ein Teil von mir wirklich geehrt, dass du mich mit solchen Augen siehst. Auch wenn das jetzt sicher komplett absurd klingt“.
„Viktor, ich...“, versuchte Boris zu erwidern, doch der Ältere brachte ihn ein weiteres Mal zum Schweigen. „Weißt du noch, was ich dir an diesem Abend gesagt habe?“, fragte er ihn dann und musterte ihn einen Moment. „Erinnerst du dich, was ich dir über Liebe gesagt habe, die ihre ganz eigenen Wege geht und sich nicht an Regeln hält?“.
Wieder nickte Boris nur zur Bestätigung, woraufhin Viktor ein Schmunzeln über das Gesicht flog. „An dieser Meinung hat sich absolut nichts geändert“, entgegnete er dann und ging einen Schritt auf den Anderen zu. „Ich weiß zwar immer noch nicht, was ich von all dem halten oder wie ich damit umgehen soll. Aber nachdem ich mir lange Zeit genommen habe, darüber nachzudenken, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es nur einen einzigen Weg gibt, das ganz sicher herauszufinden und festzustellen“.
„Welchen... welchen Weg denn?“, wollte Boris angespannt wissen und hatte alle Mühe, sich zusammenzureißen, als Viktor ihm direkt in die Augen sah.
„Ich muss es versuchen“, klärte dieser ihn dann schließlich auf, nachdem er sich diesen Schritt zuvor gut überlegt hatte. „Der einzige Weg, um es herauszufinden, besteht in einem Versuch. Und auch wenn ich lange hin- und herüberlegt habe, bin ich mir inzwischen sicher darüber, dass ich diesen Versuch machen möchte. Erst dann kann ich mit absoluter Sicherheit sagen, wie ich zu der Sache stehen und damit umgehen soll“.
„Ver-versuch?“, fragte Boris nach, in der Annahme, sich gerade verhört zu haben. „Was... was meinst du mit Versuch, Viktor?“. „Einen Versuch mit dir“, gab der Ältere ihm offen zur Antwort, sich voll und ganz darüber im Klaren, was er gerade sagte und verlangte. „Mir ist bewusst, wie wahnsinnig das klingt – und dass es über zehntausend Gründe und Verbote gibt, die dagegensprechen, wenn man vernünftig an die Sache rangeht. Aber um wirklich ganz sicher zu wissen, wie es ist, möchte und muss ich das einfach riskieren“.
„Riskieren?“, hakte Boris erneut nach, als Viktor einen weiteren Schritt auf ihn zuging und wollte ausweichen, als er nach seiner Hand griff, schaffte es aber nicht. „Was riskieren?“.
„Einen Kuss“, antwortete Viktor ihm offen und sah ihm dabei direkt ins Gesicht. „Nur einen einzigen Kuss, Boris. Ich muss wissen, wie sich das anfühlt. Und genau darum bitte ich dich jetzt, auch wenn ich weiß, dass es unsagbar viel verlangt ist: Gib mir diesen einen, einzigen Moment. Schalt für einen Augenblick deinen Verstand komplett aus. Ignorier die Dinge, die dagegensprechen, die ganzen Verbote, Regeln und Tabus. Vergiss alles andere, vergiss die Welt und lass dich nur ein einziges Mal auf diesen Moment ein. Erst dann, wenn ich ganz sicher weiß, wie es sich anfühlt, kann ich wieder klar sehen und schauen, wie es weitergeht“.
„Du... du willst, dass ich...?“, fragte Boris perplex und spürte das Herz in seiner Brust hämmern. „Einmal“, bat Viktor ihn erneut, während er ihn behutsam an beiden Händen fasste. „Nur ein einziges Mal. Vergiss für einen Augenblick alles um uns herum und konzentrier dich nur auf mich. Nur so kann ich herausfinden, wie es ist. Nur so können wir beide es herausfinden“.
„Ich...“, entgegnete der Jüngere verwirrt, doch Viktor ließ nicht locker. „Bitte“, insistierte er noch einmal. „Ich möchte klar sehen können, ohne dabei von Vorurteilen und Ängsten bedrängt zu werden. Und nur du kannst mir dabei helfen. Bitte, Boris. Es bleibt auch ganz sicher unter uns, versprochen“.
Der junge Mann zögerte noch immer, konnte noch nicht wirklich begreifen, was sein älterer Bruder ihm da gerade vorgeschlagen hatte. Er wollte ihn küssen? Er wollte ihn wirklich küssen? Auch wenn das vermutlich eines der verwerflichsten Dinge war, die es überhaupt gab? Machte Viktor trotzdem ernst? Wollte er das jetzt wirklich durchziehen?
Um sich zu vergewissern, sah Boris ihm sehr lange in die Augen, in denen ganz plötzlich ein Funkeln lag, das der Jüngere vorher noch nie bemerkt hatte.
War das die Aufregung, die da herausleuchtete? War es Schüchternheit? Oder steckte hinter diesem Glanz möglicherweise doch irgendetwas anderes? Was würde passieren, wenn er das jetzt wirklich machte? Würde er es dann sein Leben lang bereuen? Oder hatte Viktor möglicherweise Recht und es ließ sich nur so herausfinden, was da wirklich zwischen ihnen war?
Letztendlich schob er all diese Fragen beiseite und ging auf den Vorschlag seines älteren Bruders ein, sämtliche warnenden Stimmen in seinem Kopf großzügig ignorierend. Immerhin hatte er in seiner Fantasie schon oft von einem Moment wie diesem geträumt. Und jetzt war er wie zum Greifen nah, kurz davor, Wahrheit zu werden. Alles, was er tun musste, war mutig zu sein und es einfach zu tun. Und selbst wenn er dadurch alles zerstörte, was jetzt zwischen ihnen bestand – für diesen einen Moment würde und wollte er dieses Risiko eingehen.
Vorsichtig und behutsam legte er Viktor seine Hand auf den Rücken und schob ihn noch ein Stück näher an sich heran, wodurch er seinen Bruder leise zum Schmunzeln brachte. „Lass einfach los“, empfahl Viktor ihm flüsternd, dessen Herzschlag sich inzwischen auch beschleunigt hatte. „Wir versuchen es einfach. Vielleicht sehen wir danach beide wieder klar“.
Mit diesen Worten legte er Boris seine Hand an die Wange und schmunzelte, bevor er schließlich den entscheidenden Schritt machte und die nächste Grenze sprengte. Er führte seine Lippen bedächtig mit denen seines jüngeren Bruders zusammen, schenkte ihm einen langen, intensiven und auch aufregenden Kuss, der die Welt um sie beide herum zum Schweigen und Stillstehen brachte.
Es war schlicht und ergreifend ein berauschendes Gefühl, noch viel inniger als Boris es sich je in seinen heimlichen Fantasien hätte ausmalen können. Und auch für Viktor war dieser Augenblick entscheidend, denn er half ihm tatsächlich dabei, seine Gefühle zu ordnen und herauszufinden, was er wollte. Und ganz nebenbei machte er noch die Feststellung, dass sein kleiner Bruder ziemlich gut küssen konnte.
Einige Momente später lösten sie sich schließlich wieder voneinander und sahen sich kurz an, wobei weder Boris, noch Viktor es verhindern konnten, dass sie rot wurden. Für den Jüngeren war dieser Moment überwältigend und noch tausendmal schöner als sich je in seiner Fantasie hätte ausmalen können. Und wäre er in diesem Augenblick gestorben, hätte er rein gar nichts bereut. Nicht eine einzige Sekunde lang.
„Und...?“, fragte er seinen Bruder schließlich, nachdem er seine Stimme wiedergefunden hatte, die sich etwas rau und kratzig anhörte. „Siehst du jetzt klar?“. „Ja“, bestätigte Viktor ihm mit einem Lächeln, das ohne jeden Zweifel verriet, wie glücklich er gerade war. „Glasklar“.
Und noch ehe Boris wusste, wie ihm geschah, wurde er auch schon von einem zweiten Kuss überrascht, der sein ohnehin schon pochendes Herz noch schneller rasen ließ. Auch wenn es möglicherweise nicht in Ordnung war, was sie da gerade machten – es fühlte sich trotzdem so verdammt gut und richtig an.
Als Viktor schließlich auch den zweiten Kuss auflöste, fühlte der Jüngere sich wie betäubt und konnte noch nicht richtig begreifen, dass das gerade wirklich passiert war. Er hatte tatsächlich gerade Viktor geküsst. Seinen eigenen Bruder. Den Mann, an den er ohne jeden Zweifel sein Herz verloren hatte.
„Viktor, ich...“, versuchte er zu sagen, doch ein weiteres Mal ließ der Ältere ihn nicht zu Wort kommen, legte ihm stattdessen nur einen Finger an die Lippen und lächelte ihn zufrieden an.
„Ich glaube...“, sagte er dann und fasste den Anderen erneut an die Hand. „..dass ich jetzt ganz genau weiß, was ich möchte“. „Und... was möchtest du?“, fragte Boris beinahe atemlos, woraufhin das Lächeln des Älteren nur noch breiter wurde.
„Eine Chance“, erklärte Viktor ihm flüsternd und beugte sich dabei dicht an sein Ohr heran. „Eine ehrliche Chance für uns beide. Denn auch wenn ich niemals gedacht hätte, dass es möglich ist, aber ich glaube, ich habe gerade einen Mann gefunden, der sehr gut zu mir passen würde“.
„Und... was heißt das jetzt? Ich... ich meine, was bedeutet das?“, fragte Boris verwirrt und musterte den Älteren einen langen Augenblick. „Das bedeutet, Boris Saalfeld...“, gab Viktor zur Antwort und hielt ihn an der Hand. „...dass du mich ab jetzt nicht mehr los wirst. Ich glaube nämlich, dass das gerade der Beginn einer sehr, sehr schönen Zeit war. Und wenn du dich darauf einlassen möchtest und kannst, bin ich gerne bereit, herauszufinden, was diese Zeit für uns bereithält“.
„Viktor, ich...“, versuchte Boris zu antworten, doch sein älterer Bruder schmunzelte nur. „Wenn du es willst, sag einfach nur Ja“, ließ er ihn wissen. „Und ich verspreche dir, dass ich gut auf dich aufpasse. Jetzt sogar noch mehr als je zuvor“.
„Aber was ist, wenn...?“, entgegnete Boris zögernd, wenngleich er eigentlich am liebsten gerade zersprungen wäre vor Glücksgefühlen. Dass der heimliche Traum, der ihn schon seit langem begleitete, eines Tages wahr werden würde, damit hatte er niemals im Leben gerechnet.
Und trotzdem stand Viktor ihm jetzt so hautnah gegenüber und war tatsächlich bereit, sich auf ihn einzulassen – jeglichen Gesetzen, Verboten und Bedenken zum Trotz. Konnte das wirklich echt sein? Konnte er das tatsächlich tun?
„Ja?“, fragte Viktor schließlich nach und lächelte, woraufhin Boris einfach alles über Bord warf und sich dazu entschied, auf sein Bauchgefühl zu hören. Denn sein Bauchgefühl wollte mit Viktor zusammen sein. Mehr als jemals zuvor.
„Ja“, rief er schlussendlich aus und ließ damit auch noch den Rest an Zweifeln, der sich in ihm geregt hatte, endgültig sterben. „Ja, Viktor. Einfach nur ja“. Und mit diesen Worten schlang er schließlich die Arme um den Älteren und ließ sich voll und ganz von dem Gefühl treiben, das ihn in diesem Moment durchströmte.
Zwar hatte er nie ernsthaft in Erwägung gezogen, dass es passieren würde – aber jetzt wusste er ganz sicher, dass es das war, was er wirklich wollte. Viktor hatte doch von Anfang an Recht mit dem gehabt, was er gesagt hatte: Liebe konnte ganz einfach nicht falsch sein. Egal, wie viele Hürden und Widerstände sie auch überwinden musste – am Ende würde sie dennoch Sieger sein.
Immer und überall.

Vier Monate später hatte sich das Leben der beiden Brüder grundlegend verändert. Nachdem sie beide den Versuch gewagt und sich aller Bedenken zum Trotz aufeinander eingelassen hatten, hatten sie den „Fürstenhof“ verlassen und waren gemeinsam nach Hamburg gezogen, um der Vergangenheit den Rücken zu kehren und sich voll und ganz auf das zu konzentrieren, was noch vor ihnen lag.
Den wahren Grund für ihren Abschied kannte selbstverständlich niemand, geschweige denn, ahnte irgendjemand etwas davon, wie nahe die beiden sich wirklich standen. Jeder in Bichlheim glaubte, dass es sich um berufliche Motive handelte, die die beiden zu diesem Schritt veranlasst hatten. Aber die Wahrheit kannten einzig und allein sie beide. Und das war auch gut so.
Hier in Hamburg wusste niemand, wer sie waren oder ahnte etwas von ihrem wahren Verhältnis zueinander. Man hielt sie lediglich für ein junges, glückliches Paar, das sich wie alle anderen per Zufall irgendwo kennengelernt hatte. Nicht mehr und nicht weniger.
Und selbstverständlich hatten die beiden alle notwendigen Maßnahmen ergriffen, damit das auch immer so blieb. Dass sie in Wirklichkeit Brüder waren, ging keinen etwas an und spielte darüber hinaus auch überhaupt keine Rolle.
Sie wollten sich nicht vorschreiben lassen, ob und wie sie sich lieben durften. Diese Entscheidung lag einzig und allein bei ihnen und hatte niemanden sonst zu interessieren. Und für den Fall, dass doch mal jemand fragte oder neugierig wurde, hatten sie sich eine perfekt aufeinander abgestimmte Geschichte ausgedacht, die garantiert bei niemandem auch nur das geringste Misstrauen wachrufen würde.
Zu ihrer Familie und ehemaligen Freunden hielten sie in regelmäßigen Abständen Kontakt und hatten den Dreh dieses Spiels auch relativ schnell raus gehabt, sodass niemand Verdacht schöpfte oder gar auf die Idee kam, genauer nachzuhaken. Es ging keinen etwas an. Es war ihr Geheimnis. Ihr gemeinsames, aufregendes Geheimnis. Und genau das würde es auch immer bleiben.
Mit einem leisen, entspannten Seufzen drehte Boris sich langsam zu seinem Freund herum, welcher genau wie er in Gedanken versunken war und dabei ein sanftes Schmunzeln auf den Lippen hatte.
Behutsam legte er den Kopf auf seiner Schulter ab und erregte dadurch seine Aufmerksamkeit. Fast wie automatisch zog Viktor die Bettdecke noch ein Stückchen höher und schwang seinem Freund dann einen Arm um die Schultern, sagte jedoch nichts, weil er genau wusste, woran Boris in diesem Augenblick dachte und auch, wie er sich jetzt fühlte.
Als es vor einiger Zeit zum ersten Mal passiert war und sie in der Nacht direkt nach ihrem Einzug zum allerersten Mal miteinander geschlafen hatten, war alles fast ganz genauso gewesen. Nur dass sie damals beide noch nicht richtig gewusst hatten, wie es letztendlich sein würde und ob man dabei die Tatsache, dass man eigentlich blutsverwandt war, einfach so ausblenden und ignorieren konnte.
Doch heute wussten sie beide, dass das sehr wohl möglich war. Weil sie ineinander nicht den Bruder, sondern den Mann sahen. Sie waren keine Brüder mehr. Sie waren Partner. Und genau das würden sie auch immer bleiben.
Zwei Seelenverwandte, die das Schicksal auf eigensinnige Art und Weise zusammengeführt hatte. Ihr ohnehin schon enges Band war durch diese ganze Sache noch viel stärker geworden. Und jeder von ihnen beiden wusste, dass es nicht abreißen würde.
Ihr Geheimnis würde sie für alle Zeit miteinander verbinden. Weil es das schönste und aufregendste Geheimnis war, das man sich nur vorstellen konnte. Das Geheimnis einer ehrlichen, aufrichtigen Liebe.
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