Das Leben danach

GeschichteDrama, Romanze / P18
Hikari "Kari" Yagami und Gatomon Mimi Tachikawa und Palmon Taichi "Tai" Yagami und Agumon Takeru "T.K." Takaishi und Patamon Yamato "Matt" Ishida und Gabumon
06.05.2019
19.10.2020
86
425.441
8
Alle Kapitel
20 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
06.05.2019 4.394
 
Donnerstag, 18. Februar 2016
Therapiezentrum Tokyo


Und wieder ein neuer Tag und wieder saß Taichi hier in diesem nüchternen Therapeuten Zimmer, wohl wissend, dass es sowieso zwecklos war, all die Sitzungen, sie hatten nichts gebracht. Es half nicht, dass er sich auch nur einen Moment besser fühlte, er fühlte sich genauso elend wie die letzten Jahre schon. Er hasste seinen Job. Er hasste dieses Therapiezentrum. Er hasste es, bedauert zu werden. Er hasste es, hier zu sein. Und noch viel mehr hasste er sein Leben und begann wohl auch damit, Hass auf sich selbst zu entwickeln.
Er bekam eine neue Therapeutin und er wusste nicht, was er davon halten sollte und immer wieder ging es um die Geschichte mit Sora, ob er ein Aggressionsproblem hätte, wirklich niemand glaubte ihm, dass sie gelogen hatte. Außer Kari, T.K. und Matt glaubte ihm keiner seiner angeblichen Freunde. Und er konnte nicht leugnen, dass es ihm wehtat und auch Sora hatte ihm wehgetan, nicht einmal unbedingt mit ihrem Lügen, sondern viel mehr damit, dass sie ihn hatte fallen lassen, als er selber nicht mehr genug Kraft hatte, er hatte so oft darüber nachgedacht, es einfach zu beenden, Möglichkeiten gab es Hunderte und danach würde ihn das alles nicht mehr kaputt machen können. Und doch konnte er sich nicht überwinden, es zu tun, er hatte immer das Gefühl, damit Kari zu hintergehen und das wollte er auf keinen Fall. Täglich schwirrten ihm immer tausende Gedanken durch den Kopf, wo er heute sein könnte, wenn er dieses scheiß Knieproblem nicht hätte. Mittlerweile war er kurz davor, alles hinzuschmeißen, er wusste, dass er in letzter Zeit immer versuchte, seinen Schmerz im Alkohol zu ertränken, nur funktionierte das nicht, er fühlte sich danach noch elender, also hatte er diesen Plan dann wieder verworfen.  Er richtete seinen Blick zur Tür als diese geöffnet wurde.


Mimi liebte ihren Beruf. Auch wenn sie mit so vielen traurigen Schicksalen konfrontiert wurde, sie liebte ihre Arbeit und es zauberte ihr jedes Mal aufs Neue ein Lächeln ins Gesicht, wenn sie Jemandem auch nur den kleinsten Lichtblick geben konnte. Ihre Arbeit führte ihr auch immer wieder vor Augen, wie gut sie selbst es hatte und seitdem schätzte sie das Leben noch viel mehr als zuvor. Von der Zicke und Modequeen, die sie als Teenager gewesen war, war nicht viel übriggeblieben. Nachdem Michael, ihre erste große Liebe, sie mit ihrer besten Freundin fast ein Jahr betrogen hatte, war Mimis Vertrauen in Partnerschaft ziemlich gebrochen worden und sie hatte sich seitdem nicht mehr festgebunden. Sie atmete tief ein, während sie den Patientenbogen studierte. Sie wusste, dass dieser Fall schwer werden würde, nicht nur, weil der Patient schwierig war, sondern auch weil sie ihn von früher kannte. Hikari hatte seine Probleme bereits angedeutet und Mimi hatte sich des Falls angenommen. Sie glaubte nichts von den Vorwürfen, die Sora ihm entgegengebracht hatte, aber sie würde die Wahrheit schon noch beweisen.
Auf dem Foto schaute ihr ein gebrochener Mann entgegen. Mimi wusste, was er hatte ertragen müssen. Alles lief perfekt für ihn. Er hatte eine liebende Familie, seine kleine Schwester, die immer für ihn da war, Agumon und die Digiwelt, einen richtig guten Abschluss und ein Stipendium für Tokyos renommierteste Sportuniversität. Er hätte es bis in die Nationalmannschaft schaffen können, dann noch sein Glück mit der Rothaarigen. Und dann kam alles anders, wie eine Seifenblase die zerplatzte und alles zerstört hatte. Begonnen hatte alles mit dem Unfall 2010, das ständige Hin und Her, bis es hieß, er sei inoperabel. Das Ende seines Studiums, seiner Karriere und seiner Beziehung. Bis heute fragte Mimi sich, was Sora dazu bewegt hatte, Taichi zu verlassen. War sie nur auf sein Geld und seinen Erfolg scharf gewesen? Von Hikari wusste sie, dass sie sich danach an Yamato heran gemacht hatte, ohne Erfolg. Sie wusste von Taichis Job als Coach, seiner Arbeit im Büro, seinen Problemen, soweit seine Schwester sie hatte beobachten können.
Nun stand sie an der Türe, öffnete diese und mit einem weichen Lächeln begrüßte sie ihren Patienten. „Schön Sie zu sehen, Herr Yagami. Ich bin Ihre neue Therapeutin Tachikawa Mimi, aber ich würde gerne zum Du übergehen, um das Vertrauensverhältnis zu stärken.“ Sie zwinkerte, natürlich hatte sie ihren Jugendfreund erkannt, und platzierte den perplexen jungen Mann in einem Sessel sich gegenüber. „Kaffee oder Tee bevor wir das Gespräch beginnen?“ Mimi wusste, dass es den Menschen leichter fiel, zu sprechen, wenn sie in einer angenehmen Atmosphäre waren und sich eher wie Klienten als Patienten fühlten.


Tai war mehr als überrascht, dass ausgerechnet Mimi seine neue Therapeutin sein würde. Das wollte er nicht unter keinen Umständen, er wusste, dass sie damals die beste Freundin von Sora gewesen war und somit blockte er automatisch etwas ab. Er wusste nicht, ob er ihr vertrauen konnte und was damit passieren würde, falls er ihr überhaupt was erzählen würde, aber auf der anderen Seite wusste er auch, dass es nun wirklich nicht mehr schlimmer werden konnte, er hatte Kari nie die ganze Wahrheit erzählt, sie sollte sich nun auf ihr eigenes Leben konzentrieren und nicht versuchen, seins in Ordnung zu bringen, denn das würde nicht mehr passieren, er fühlte sich genau als das, was er war, ein Versager.
Er wusste nicht, wie er auf Mimi reagieren sollte, Frauen gegenüber war er seit der Sache mit Sora sowieso skeptisch und misstrauisch, irgendwo war es natürlich unfair, aber es fiel ihm einfach so unglaublich schwer, einer Frau zu vertrauen, denn seine Erfahrung hatte gezeigt, dass es nichts als Schmerz bedeuten würde. Auf ihr Angebot hin schüttelt er nur mit dem Kopf.  Er wollte diesen Smalltalk nicht und warum sie ihn plötzlich zu Anfang siezte, verstand er nicht, immerhin war sie nicht unbedingt eine Fremde für ihn und er fühlte sich schon jetzt von ihr verarscht. Er drehte den Kopf Richtung Fenster, um sie nicht ansehen zu müssen, er wusste nicht warum, aber er konnte sie nicht ansehen und mit ihr sprechen, wahrscheinlich, weil er ihre Reaktion nicht sehen wollte, dass er in ihren Augen sehen musste, dass auch sie ihn für einen Versager hielt. Seine Akte und deren Inhalt würde sie wohl kennen, wenn sie nun als seine neue Therapeutin fungieren sollte.
„Was soll ich dir Erzählen was du nicht eh schon weißt?“, er ließ seinen Blick keine einzige Sekunde zu ihr wandern, sondern schaute immer nur aus dem Fenster und verzog vorerst keine Miene. „Frauenschläger, depressiv, Teilzeit Alkoholiker, Aggressionsproblem und ein Versager, vielleicht kommt ja diesmal noch eine so hochprofessionelle Analyse dazu? Schlimmer kann es ja nun nicht mehr werden. Aber bitte, redet so wie ihr es immer tut und lasst mich doch verdammt noch einmal einfach nur in Ruhe.“ Er atmete tief durch, er konnte nicht sagen, wann ihn das alles mal nicht belastete. „Ich will keine scheiß Stimmungsbögen mehr ausfüllen oder zum x-ten Mal meine Gehirnströme messen lassen, nur um zu erfahren, dass es daran nicht liegt. Dieses ganze scheiß Bemitleiden geht mir auf den Sack. Mein Leben lief doch nie besser. als es nun läuft, also verstehe ich nicht, wieso ich jedes Mal hier in diesem scheiß Zentrum antanzen muss.“ //Würde es Hoffnung auf Besserung geben, würde ich der Sache eine Chance geben, aber diese Hoffnung existiert halt nicht, so einfach ist das.// Er sah das gegenüber auf einem großem Parkplatz Kinder mit einem Fußball spielen und alleine das zu sehen, verursachte schon Übelkeit bei ihm, aber nicht so, dass er kotzen müsste, sondern alles kam wieder hoch, es erinnerte ihn wieder daran, wie hoch er versagt hatte damals. Er stand auf und lehnte sich an die Wand, raus gucken konnte er jetzt auch nicht mehr, also lehnte er den Kopf ebenfalls an die Wand und schloss die Augen und hoffte, dass es hier bald endlich vorbei sein würde.

Oh ja, Mimi hatte gewusst, dass es schwierig werden würde, aber dass er von vorne herein sofort abblocken würde, damit hatte sie nicht gerechnet. Sie seufzte innerlich, aber sie war für ihren Kampfgeist bekannt und den würde sie ihm schon noch zeigen.
„Oh du, ich wüsste da eine ganze Menge Dinge die du mir erzählen könntest, die da nicht drinstehen.“ Sie stand auf, schmiss die Mappe auf ihren Schreibtisch, setzte sich wieder hin und überschlug die Beine. „Zum Beispiel, wie du dich wirklich fühlst oder WARUM dich das alles so ankotzt. Und es kommt keine, wie nanntest du es, hochprofessionelle Analyse. Ich habe weder gesehen, dass du ein Frauenschläger bist, noch depressiv, noch Alkoholiker noch sehe ich das Aggressionsproblem. Und was ich nicht mit eigenen Augen sehe, das glaube ich auch nicht. Erzählen kann man mir viel und vor allem gebe ich nichts auf Anschuldigungen einer Ex-Freundin, die sich gleich den Nächsten anlacht.“ Sie schnaubte leise. „Ich garantiere dir, du wirst hier keine Bögen oder so etwas ausfüllen und der Einzige, der dich gerade bemitleidet, bist du selbst. Das brauche ich gar nicht machen, denn du badest ja quasi in deinem eigenen Selbstmitleid. Aber ich sag dir mal was Yagami, wenn du dein Leben so ätzend findest, frage ich mich, warum du noch hier bist und überhaupt arbeiten gehst? Meinst du echt, du bist der Einzige, der einen schlimmen Schlag erlitten hat? Denk mal an unsere Freunde. Takeru und Yamato sind Scheidungskinder, Koushiro hat in frühen Jahren erfahren, dass seine richtigen Eltern tot sind, Ken hat seinen Bruder verloren, Iori seinen Vater und sie alle leben ihr Leben weiter. Und wenn dir das nicht reicht, schau mich an! Mein Exfreund hat mich verdammt nochmal EIN JAHR mit meiner allerbesten Freundin betrogen und wollte es noch nicht mal zugeben, als ich Tessa und ihn erwischt habe! Und sitze ich hier und heule? Du bist ja noch schlimmer als Ken damals und selbst der hat irgendwann die Kurve bekommen.“
Sie schüttelte den Kopf und schwieg einen Moment, war sich nicht sicher, ob sie es übertrieben hatte. Normalerweise würde sie so mit ihren Klienten nicht reden, aber sie kannten sich seit ihrer Kindheit, da war das etwas Anderes. Schweigend hatte sie auch zugesehen, wie er aufgestanden war und sich vom Fenster weggedreht hatte. Mimi legte die Hände in den Schoß. „So und jetzt schau mich an. Du hast zwei Optionen mein Freund. Option 1: Du setzt dich da hin, schaust mich an und sagst mir, was dir in den Sinn kommt und was dich so an deinem Leben ankotzt, damit wir vielleicht irgendeine Idee haben, was du daraus machen kannst. Option 2: Du hörst auf deine und meine Zeit zu verschwenden, knallst mir eine für das, was ich gesagt habe, damit der Punkt Frauenschläger und Aggressionspotenzial abgedeckt ist, betrinkst dich für den Alki und suhlst dich weiter in deinem Selbstmitleid, bis du daran zugrunde gehst. Es ist deine Wahl Taichi, ich bin nicht hier um dir die Wahl abzunehmen, aber ich kann dir ein offenes Ohr bieten und versuchen, zu verstehen, was dich so fertig macht. Ich bin nicht dein Feind und du brauchst nicht so zu tun, als wäre alles prima. Hör auf, dich selbst zu belügen und dir etwas vorzumachen. Und zu aller erst: Hör auf, dir selbst die SCHULD an Allem zu geben. Du hast keine Schuld an dem Unfall, du hast keine Schuld daran, dass deine Exfreundin ein intrigantes Miststück ist, das lieber Gerüchte in die Welt setzt, anstatt zuzugeben, dass sie nur auf Ruhm und Geld aus ist, seit ihre eigene Tenniskarriere geplatzt ist. Aber es ist DEINE schuld, wenn du dein Leben weiter so vor die Hunde gehen lässt!“


Trotz seines Widerstandes hörte Tai zu, was sie zu ihm sagte und ja, sie traf damit mehrere wunde Punkte und das, was sie ihm vorwarf, machte ihn wütend, er war sauer und gleichzeitig enttäuscht und verletzt und er wusste nicht, wie er damit umgehen sollte. Anscheinend wollte sie es drauf ankommen lassen und er entschloss sich nun, ihr die schonungslose Wahrheit direkt vor den Latz zu knallen, verbal natürlich.
„Was mit Ken, Izzy, Cody und den Anderen ist, ist mir wirklich scheiß egal! Ausgenommen Kari, T.K. und Matt, außer den Dreien haben sich alle von mir abgewandt, als die Sache mit Sora beendet war, sie haben lieber ihr geglaubt, anstatt mir zuzuhören. Ich war wirklich so selten dämlich und habe noch versucht, die ganze Sache zu retten, obwohl ich nicht die Kraft dazu hatte, sie hat mich genau da sitzengelassen, wo ich sie am Meisten gebraucht hatte. Das reißt dir erst einmal alles unter den Füßen weg, meine Liebe hat ihr nie gereicht. Aber ganz ehrlich, Liebeskummer habe ich nicht mehr, es ist viel mehr das Menschliche, was mich enttäuscht hat an der ganzen Sache, wie jemand so kalt und unberechenbar sein kann. Anfangs war es noch einer liebt immer mehr und der Volltrottel war ich gewesen, der dachte, Gefühle zuzulassen sei in Ordnung, aber seit die Sache mit Sora vorbei ist, nein danke, ich verzichte“ Er atmete tief durch.
„Ich hasse diesen Job abgrundtief, das ist nur Mittel zum Zweck, um nicht auf der Straße zu landen, wenn Kari nicht da wäre, würde ich jetzt ein paar Meter tief unter der Erde liegen und dieser Wunsch, ganz ehrlich, wird in letzter Zeit stärker, du stehst morgens auf und du fühlst nichts, alles in dir ist so verdammt leer, du siehst dich im Spiegel an und du siehst die Leere und spürst sie noch stärker. Du hast vergessen, wer du warst und weißt nicht mehr, wer du bist und du hast Angst, es zu erfahren, du hast deine Freunde manchmal um dich und fühlst dich trotzdem alleine, sie sagen, sie können es verstehen, aber das können sie nicht. Fußball war mein Leben, alles was ich hatte, was ich wollte und was mich glücklich gemacht hat und dann kam dieses eine Spiel und dann ein paar Monate später die Nachricht vom Arzt und das ist mehr als nur ein Schlag in die Fresse, alles worauf du hingearbeitet hast, wofür du alles gegeben hast. Es ist weg, einfach so, das Studium habe ich geschmissen, weil ich es nicht hätte beenden können, wofür auch noch? Ich habe danach die Erstsemester trainiert, aber das war zu schmerzhaft, jeden Tag daran erinnert zu werden, dass du deine Träume niemals mehr erreichen kannst. Selbst diese verdammten Kinder draußen spielen zu sehen tut weh.“
Das ihm während er redete bzw. er schon kurz vorm Schreien war, weil seine Stimme sehr laut war, ein paar Tränen runter liefen, bemerkte er gar nicht und ansehen konnte er sie immer noch nicht, er wusste nicht wieso, aber er konnte nicht zu ihr sehen, während er ihr Alles erzählte. „Ich habe versucht, meine Schmerzen zu betäuben, mit viel Alkohol, aber es hat leider nicht geholfen, also habe ich damit irgendwann aufgehört, es zerreißt mich Tag für Tag und ich will nicht mehr kämpfen, ich will endlich aufgeben können. Dass dieser Schmerz aufhört, ich freue mich für Kari, dass sie ihre Träume gerade verwirklicht, aber gleichzeitig tut es auch weh, weil ich es nicht mehr kann, aus Sekunden wurden Stunden, dann Tage und dann nur noch dunkle Jahre, meine Eltern hab ich Jahre nicht mehr gesehen, ich schäme mich, ihnen unter die Augen zu treten und irgendwann haben sie auch aufgehört, sich zu melden, also ist es so wie es ist. Auch wenn ich nicht mehr weiß, wer du heute bist, weiß ich, wer du vor 10 Jahren warst und dass ein Typ so mit dir umgeht, das hast du nicht verdient, das hat keiner, aber besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende sagt man doch.“ Er atmete tief durch und überwand sich mit viel Kraft, sie anzusehen. „Ich würde niemals meine Hand gegen dich erheben oder gegen sonst irgendeine Frau, das habe und werde ich niemals.“ Zumindest würde sie wohl in seinem Blick sehen können, wie er sich fühlte und dass er mittlerweile vergessen hatte, wer er mal war, und er auch beim besten Willen nicht mehr wusste, wer er jetzt ist. „Nur glaubt es mir Niemand, weil ich lauter werde, wenn ich wütend bin.“


Mimi hatte es tatsächlich geschafft, er redete. Klar, er wurde laut und schrie, aber sie vertraute auf ihre Menschenkenntnis und wenn es eins gab, dass sie wusste, dann war es, dass Taichi Yagami definitiv kein Frauenschläger war. Es tat ihr leid, dass er weinte, aber vielleicht half es ihm auch, einfach mal alles raus lassen zu können.
„Weißt du, die einzige, die sich von dir abgewendet hat, war Sora. Zu den Anderen hattest du auch vorher schon keinen wirklichen Kontakt mehr und es ist auch nicht durch die Beziehung beziehungsweise das Beziehungsende mit Sora alles so gekommen. Gib ihnen nicht die Schuld dafür, dass sie dich hat fallen lassen, als du sie gebraucht hättest. Sie alle haben ihr eigenes Schicksal zu tragen. Ich weiß einiges von deiner Schwester, was bei euch allen so los ist und sieh mal, dein bester Freund Yamato ist immer noch da und Hikari und Takeru sind es auch.“ Sie stand auf, ging zu ihm hinüber und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Gefühle zuzulassen ist nie falsch, aber es ist richtig, sie machen uns verletzlich. Was Sora dir angetan hat, das war wirklich unterste Gürtellinie und das ist mit nichts zu entschuldigen. Aber wenn du den Rest deines Lebens so weiterdenkst, wirst du nur verbittert. Vielleicht wird es einige Jahre dauern, aber irgendwann findest auch du dein Glück, genau wie ich.“ Sie lächelte leicht. „Weißt du, es ist ja schön und gut, dass du für Hikari weitermachst… aber Taichi… es ist egal, was wir darüber denken. Es ist wichtig, dass DU um deinetwillen Leben willst und nicht für Andere, sonst funktioniert das nicht. Du darfst nicht in den Erwartungen von Anderen leben, du musst deinen eigenen Erwartungen gerecht werden und sonst keinen. Niemand hat das Recht, in dir einen Versager zu sehen und ich für meinen Teil kann dir versichern, dass ich dich nicht so sehe. Du bist kein Versager, weil dir ein Unglück passiert ist und du dich trotzdem von einem Job durch den nächsten quälst. DAS. mein Lieber, ist Mut. Obwohl du weißt, dass du dich von einem Tag in den Nächsten schleppst, machst du weiter. Du stellst dich dem Leben immer noch, auch wenn du es nicht siehst.“ Sie holte nun ebenfalls Luft, sie wollte ihn irgendwie erreichen und hoffte, dass es ihr gelingen würde.
„Ich kann dir nicht sagen: Hey, alles wird wieder gut. Das wäre gelogen. Aber Taichi, ich kann dir eine Hand hinhalten und wir können gemeinsam einen Fuß vor den anderen setzen, bis du wieder laufen kannst. Es ist schlimm, wenn man seine Träume aufgeben muss. Ich dachte, ich würde mit Michael alt werden und mir eine Familie aufbauen. Verdammt Taichi, wir haben sogar ein Kind erwartet… aber der Schock ihn mit Tessa zu sehen, war zu viel, ich habe es im vierten Monat verloren. Ich dachte auch, für wen soll ich weiterleben… bis ich gemerkt habe, dass ich für mich selbst weiterleben muss. Ich habe mein Glück darin gefunden, Anderen auf dem Weg zurück ins Glück zu helfen, das erfüllt mich. Und ich bin mir sicher, auch in dir steckt ein Traum, ein Glück, dass du nur zu finden brauchst. Aber du kannst es nicht sehen, solange du so verbittert an der Vergangenheit festhältst. Das Schicksal geht merkwürdige Wege mit uns, aber wir haben nur die Wahl, uns darauf einzulassen oder daran kaputt zu gehen.“  Mimi konnte es nicht mehr sehen, wie er sich quälte, ging in die Hocke und umfasste fest seine Hand und schaute ihm ins Gesicht, auch wenn er versuchte wegzusehen. In seinen Augen lag so viel Schmerz, so viel Verzweiflung, sie hatte schon lange nicht mehr solch eine Qual gesehen.
„Weißt du, Tai… du kannst nicht auf ewig davon laufen, deine Vergangenheit holt dich ein. Du kannst nur einen Schritt nach vorne in die Zukunft tun und schauen, was sie für dich bereithält. Ich weiß, dass dir der Sport alles bedeutet hat, aber es gibt immer etwas, worüber man sich freuen kann. Aber das kannst du nur, wenn du dich darauf einlässt. Und das funktioniert so im Moment nicht. Kündige diesen grauenvollen Job, halte dich an die Freunde, die immer zu dir gestanden haben und verabschiede dich von dem Rest. Du hast die Chance, noch einmal von vorne zu beginnen. Aber du hast diese Chance nur jetzt. Es ist egal, was ich darüber denke, was deine Schwester darüber denkt oder deine Freunde, es ist deine Wahl. Ich kann dir meine Hand reichen und du kannst sie greifen oder ablehnen. Aber wenn du sie ergreifst, dann bedeutet das für dich: Kein Weglaufen mehr, kein Selbstmitleid und keine Vorwürfe.“ Sie stand auf und setzte sich wieder in ihren Sessel, während sie einen Schluck von ihrem Tee trank.
„Das mit Michael ist vorbei, ich trauere ihm nicht mehr nach. Es geht mir da wie dir mit Sora. Es ist sein Verhalten als Mensch, als Freund, dass mich verletzt hat. Und ich wusste, dass du mich nicht schlägst, ich kenne dich. Es ist nur schade, dass einige unserer Freunde das tatsächlich geglaubt haben.“ Sie sah auf ihre Armbanduhr. „Die Stunde ist vorbei. Du kannst hierbleiben und an dir arbeiten oder du kannst gehen und brauchst nie wieder zu kommen, die Vorgaben hast du erfüllt und das werde ich auch so in deinen Bogen schreiben. Ich war die letzte Station auf deinem Weg hier. Wenn du nicht bleiben möchtest, bist du ab heute wieder auf dich gestellt. Der Unfall ist jetzt fast 7 Jahre her und seit 5 Jahren wirst du vom Therapiezentrum begleitet. Wenn du meine Hilfe auch nicht willst, dann wars das für dich, du bist frei.“


Tai musste zugeben, dass er sich das erste Mal seit Jahren tatsächlich ein Stück weit besser fühlte, ein Teil des Frustes, den er mit sich herumtrug, war von ihm abgefallen, er wollte sie eigentlich gar nicht so anschreien, aber er hatte es einfach nicht kontrollieren können. Er hörte ihr zu, als sie mit ihm redete und ihre ruhige Art war bemerkenswert, dass kannte er so gar nicht von ihr, damals hätte sie ihm wahrscheinlich direkt eine geklebt oder den übelsten Zickenterror gemacht, aber Nichts von dem trat ein. Auf den Mut angesprochen musste er etwas lächeln.
„Weißt du mein Wappen und mein Digivice habe ich immer noch zu Hause sicher verwahrt, dass es nie verloren gehen kann, manchmal da fehlt mir die Zeit, wo wir noch Kinder waren, weißt du? Da war noch alles gut und es gab diese Schmerzen wie jetzt nicht.“ Mittlerweile schaffte er es auch, ihr in die Augen zu sehen, wenn er mit ihr sprach. „Dein Ex ist ein Arsch, der wird die Quittung noch kriegen, ich war Sora gegenüber nicht immer fair. das weiß ich, aber ich habe ihr immer vergeben und sie hat mir nie verziehen und ich weiß nicht, ob das mit der Hauptgrund war, ich habe Fehler gemacht, ja, Dinge gesagt, die mir nachher leid taten, aber wenn immer nur einer seinen Stolz runter schluckt und sich entschuldigt und vergibt und der Andere eben nicht, ist das wie pures Gift, sie schreibt mir zwischendurch noch Nachrichten, die ich nicht beantworte, was sie damit bezwecken will, weiß ich nicht, meistens was sie jetzt für nen arroganten, reichen Typen hat, der ihr alles kauft, was sie will, materielle Dinge waren mir nie wirklich wichtig und das ist mir seit dieser Knie OP noch bewusster geworden, wie glücklich man sich schätzen kann, wenn man gesund ist. Ich weiß nicht, ob ich es noch einmal schaffe, einer Frau mein Herz zu schenken, ich hatte auch Pläne für meine Zukunft, ich wollte eine Familie und meine Kinder aufwachsen sehen, aber das hat sich dann alles zerschlagen mit einem Mal.“
Mit ihrem folgenden Geständnis hätte er aber in 1000 Jahren nicht gerechnet, dass sie schwanger gewesen war und das Kind wegen Michael verloren hatte, musste er erst einmal sacken lassen, es war schwer, die passenden Worte dafür zu finden und er konnte nur erahnen, was sie hatte für Leid ertragen müssen, als sie es verloren hatte, ihre Liebe und ihr Baby, ihr Geständnis trieb ihm Tränen in die Augen, die er jedoch herunterschluckte, er wollte das Thema nicht wieder aufwühlen, aber er wollte auch nicht nichts dazu sagen.  „Ich kann nur erahnen, welches Leid du durchgemacht hast und ich weiß auch nicht zu 100%, was ich darauf sagen soll Mimi.…, aber wenn ein Kind sich glücklich schätzen kann, eine Mama zu haben, dann Deines, was du irgendwann mal haben wirst...es wird so unfassbar stolz auf dich sein und der Mann, dem du irgendwann dein Herz schenkst, kann sich ebenfalls glücklich schätzen.“
Er musste erst einmal tief durchatmen, denn diese Sache nahm ihn doch ziemlich mit, obwohl es ihn eigentlich nichts anging. Und trotzdem stand sie hier und wollte ihm helfen und er tat nichts, außer sie abzublocken und sie hatte recht, dies hier war seine letzte Chance, noch einmal wieder komplett auf die Beine zu kommen. Es motivierte ihn ein Stück, dass sie hier so gefestigt stand, obwohl das Leben ziemlich übel mit ihr gespielt hatte.
„Nach dem Studienabbruch hab ich eine Ausbildung gemacht, zum Sozialarbeiter und hab das eine Zeit lang beruflich auch gemacht, ich hatte ein Mädchen, das ich betreut hatte und wir waren auf einem guten Weg, ihr Leben in den Griff zu kriegen, bis sie eines Tages tot war, sie hatte sich mit einer Überdosis umgebracht....ich habe nicht gut genug nachgeschaut und das Zeugs bei ihr übersehen im Zimmer...das hab ich mir nie verziehen...wenn ich besser aufgepasst hätte bin ich sicher sie würde noch Leben....danach konnte ich das nicht mehr machen und um irgendwie mein Leben zu finanzieren, hab ich diesen Job im Büro angefangen, als Buchhalter, und es ist grauenvoll, wirklich, mein alter Chef sagt zwar, ich kann jederzeit zurück kommen, aber ich weiß nicht, ob ich das schaffe.“ Er musste noch einmal tief durchatmen.
Er ging zu ihr rüber und ging vor ihr in die Hocke. „Aber du hast Recht, ich kann nicht ewig weglaufen, ich gebe der Sache noch eine Chance, ich weiß auch, dass es meine allerletzte Chance ist, mein Leben noch einmal wieder in eine gerade Bahn zu bekommen und ich würde mich freuen, wenn du mir dabei helfen würdest.“ Sanft er legte er eine Hand an ihre Wange. „Danke für deine Hilfe, Mimi und danke, dass du an mich glaubst“ Mittlerweile konnte er ihr auch ein sanftes Lächeln schenken und ihr dabei auch in die Augen sehen. „Also, wie sehen die Therapiemaßnahmen aus?“
Review schreiben