Stimulus

von Ohayo
KurzgeschichteAllgemein / P16
Beyond Birthday L Watari
06.05.2019
04.05.2020
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06.05.2019 1.987
 
Stimulus
Stimulus (lat.) = ein aus psychologischer Sicht bezeichneter Reiz, der eine Reaktion auslöst

                                                                                ~   ~   ~   ~   ~   ~   ~   ~

Das Leder des Handschuhs knarzte hörbar, als die Faust darin geballt wurde. Der zusammengepresste Kiefer und die Enttäuschung in seinen Augen sprachen Bände. Blitzschnell schoss er nach vorne und erwischte ihn. Treffsicher und hart.
Kurze Zeit später folgte ein tiefsitzender, beißender Schmerz. Die wütende Stimme des Angreifers hallte durch die Dunkelheit und ließ die alten, knöchrigen Mauern erzittern. Der zu Boden geworfene kicherte. Er stützte sich auf dem dreckigen Betonboden ab. Mit dem Gesicht nach unten. Sein Kichern wollte nicht mehr aufhören. Und jedes einzelne bohrte sich tief in das Herz des Angreifers.

Was für ein Schlag!, dachte der junge Mann und beendete das hämische Kichern. Er sah auf. Sein Gesicht hatte sich wieder in das einer leblosen Puppe verwandelt.  
Er ging in die Hocke und fasste sich ins Gesicht. Die Situation fesselte ihn und die wohltuende Erkenntnis, einen Sieg eingefahren zu haben, durchfuhr seinen schmalen Körper. Die Wahrscheinlichkeit, dass sein Plan funktionierte, lag nämlich bei unter fünfzehn Prozent. Aber viel wichtiger und erstrebenswerterer war für ihn die Reaktion einer ganz anderen Person. Der blutende, junge Mann hatte genau gehört, wie eben jene Person ins Mikrofon gebrüllt hatte... kurz bevor der Schlag sein Gesicht traf. ER war tatsächlich laut geworden.
Das er diesen Triumph überhaupt hören konnte, hatte er jahrelangem, hartem Training zu verdanken. Durchschnittliche Menschen erreichten ein solches Hörvermögen nie. So etwas blieb nur den wahren Monstern vergönnt. Monstern wie ihm. Monstern - wie sie!

Fast hätte ihm dieser Gedanke wieder ein Kichern entlockt. Aber nur fast. Er zwang seine Gedanken wieder in die Realität. Verärgert stellte er fest, dass er in letzter Zeit gedanklich stark abschweifte. In solchen Situationen konnte und durfte er sich diesen Luxus aber nicht leisten. Er musste sich konzentrieren. Musste seinen messerscharfen Verstand kontrollieren.

Die mit leichten Schatten umringten Augen richtete er wieder auf seinen ‚Gast‘.
Gegen ihn hatte er, körperlich gesehen, nicht die geringste Chance. Trotz des recht hohen Alters. Schließlich war die graue Eminenz nicht nur als Spion und Kontaktmann ausgebildet, sondern auch als Mörder.
Die ersten beiden Tatsachen waren dem jungen Mann von Nutzen. Die letzte Tatsache war ihm völlig schnurz. Denn um sein Leben brauchte er sich nicht zu fürchten.  Zumindest lief die Wahrscheinlichkeit gegen Null und ein reizvolles Gefühl der Übermacht legte sich wie einen Schleicher um seine geschundene Seele.  
Alleine für dieses Gefühl würde es sich zu sterben lohnen… - dieser Satz spiegelte sich ungeniert in seinem Blick wider. Darum der Faustschlag.

Aufs Neue dröhnten Schmerzen durch seinen Kopf. Seine Muskulatur jedoch zuckte nicht einmal. Der Aufprall war hart gewesen und das Blut, welches er seitlich auf den Betonboden spie, wirkte von oben pechschwarz. Die klägliche Beleuchtung über ihnen flackerte einige Male nervös.

Nun waren sie hier. Gefangen in der Düsterheit und fernab jeglicher, ernstzunehmender Zivilisation. Wie geplant. Der junge Mann wollte sein Erwachen nämlich ungestört kundtun. Es hatte schließlich viel mehr Stil, den Showdown persönlich anzukündigen. Denn die Person, die immer mit Abwesenheit glänzte, tat das nie. Es war die Person, deren ‚Backup‘ er war.  Der leibhaftige ‚Plan B‘.

Für die Ausarbeitung seines großen Plans war dieser alte Lagerhauskomplex einer ruhenden Firma bestens geeignet. Schon vor einigen Tagen wurde er auf den toten Betonriesen aufmerksam. Sie hatten etliche Gemeinsamkeiten und er fühlte er sich wie durch eine unsichtbares Band mit dem Gebäude verbunden. Die alten, schwarz verfärbten Holzbalken, die das undichte Dach stützten, erinnerten ihn an den Brustkorb eines todbringenden Ungeheuers. Eines Monsters.
Schon bald würde es hier vor Polizeibeamten nur so wimmeln. Sie würden noch schwerer bewaffnet sein, als der Mann im schwarzen Mantel vor ihm.
Ihm blieb also nicht mehr viel Zeit.

Doch der Krampf in seinem Kopf wollte einfach nicht aufhören. Während er auf dem Boden kauerte, berührte er mit seinen staubigen Fingern vorsichtig den Unterkiefer. Er fühlte die angenehme Kühle des Bodens durch den Stoff seiner Jeans. Dann sah er zur Seite, den Schmerz unterdrückend, und konzentrierte sich auf einen ganz bestimmten Punkt. Jenen Punkt an einem der Mauerdurchbrüche, die einmal Fenster beherbergt hatten und deren spitze Überreste zu Hunderten auf dem kühlen Boden zersplittert waren.

Bereits vor Tagen hatte er die ganze Gegend ausgekundschaftet. Jede Ecke, jeden Winkel prägte er sich ganz genau ein. Angefangen beim Treppenhaus neben dem leeren Aufzugschacht. Von da infiltrierte er den einst prunkvollen Eingang in jedes Stockwerk. Natürlich auch in den Keller, einem stadtbekannten Drogenlabor. Dessen Gestank, eine Mischung aus Cannabis, kochendem Crystal Meth, Schweiß und sonstigen Ausdünstungen würde er in der kurzen Zeit, die er noch bleiben würde, sicher nicht vermissen.
Die ersten beiden Etagen des Lagerhauses boten Pennern und illegal eingereisten Personen, gelegentlich auch ein paar ausgerissenen Jugendlichen, einen trockenen Unterschlupf. Tagsüber war das Gebäude leer. Im Hinterhof wurden kleinere und größere Drogendeals abgewickelt. Regelmäßige Razzien fanden hier schon lange keine mehr statt. Es interessierte schlichtweg niemanden, was hier vor sich ging. Diejenigen, die hier landeten, waren bereits kriminell. Auf lange oder kurze Zeit würde man sie vergessen. Und entweder fand man sie tot oder im State Prison wieder.
Während seiner Erkundung stellte er fest, dass es in den anderen Bauten des Geländes noch viel armseliger aussah. Die Gebäude waren bereits abbruchreif und nicht mehr sicher. Das ehemalige Lagerhaus bot wenigstens noch einen sicheren Schlafplatz.
Durchtrennte Kabel lugten aus dem Mauerwerk heraus. Noch größer als die aneinandergereihten Einschusslöcher. Mit den Fingern fuhr er an die Wand gesprühte Graffitis nach. Kunstwerke, wie ‚Dying is my Chance‘ dienten ihm als persönliches Weissagung. Die rostigen Nägel, die aus Decken und Wänden herausragten, erinnerten ihn an die eiserne Jungfrau, einem Folterinstrument aus dem Mittelalter.
Die gemauerten Stücke, die einmal Räume abgegrenzt hatten, waren bis auf wenige Ausnahmen, in sich zusammengefallen. Nur die stabileren Tragwände waren noch intakt und würden ein paar weitere Jahre halten.  
Bis auf ein wenig altes, aber nutzbares Mobiliar, das von Pennern, Junkies oder Herumtreibern in die unteren Stockwerke geschleift wurde, war hier kaum etwas Nennenswertes. Hier und da, neben alten Bettgestellen und versifften Matratzen oder Laken, hingen Kreuze an den Wänden. Auf seinem Rundgang fand er in sämtlichen Ecken benutzte Spritzen oder andere Gegenstände, womit der Drogensucht gefrönt wurde. Dem einzigen Ausweg, den es hier noch zu geben schien.

Je weiter man sich in das Gebäude wagte, desto gefährlicher wurde es. Doch die meisten 'Bewohner' hielten sich nahe der Ausgänge auf, um jederzeit flüchten zu können. Nach hier oben, zu ihm, traute sich niemand. Dadurch hatte er seine Ruhe.  
Er selbst benutzte nie den Haupteingang, sondern gelang über das Dach eines kleinen Anbaus in das Gebäude. Keine hundert Meter Luftlinie entfernt lag der Temescal Canyon Park. Ein weiterer Rückzugsort von ihm. Tief im Schutze der Natur verborgen, beschlagnahmte er einen verlassenen Schutzbunker des National Park Services.

Was hätte A von alldem gehalten? Diese Frage spukte ständig in seinem Kopf herum. Eine Antwort würde ihm jedoch für immer verwehrt bleiben...

Alles, worauf er und seine Taten abzielten, war, seinen stärksten Gegner herauszufordern. Um ihm aufzuzeigen, dass sein ausgeklügeltes System Lücken hatte. Nicht viele, aber es gab sie. Es war sein größtes Bestreben, ihm diese Lücken restlos aufzeigen. Lücke für Lücke.
Der alte Schutzbunker spielte hierbei eine wichtige Rolle. Hier konnte er diverse Hilfsmittel sicher aufbewahren. Ohne Befürchtung, dass jemand Wind davon bekam.

Lässig und entspannt wirkend, hievte er seinen schmerzenden Körper empor.
Er fühlte die Taubheit seines Kiefers, als er ihn kreisen ließ. Es schmeckte nach Blut.
Die roten Flecken auf seinem weißen Shirt ergaben mittlerweile ein kunstvolles Muster.
Und Blut hatte ihn schon immer faszinierte.
Erneut drehte er den Kopf und prägte sich seinen Angreifer ein weiteres Mal genau ein: Er trug einen ins Gesicht gezogenen Hut, einen aufgestellten Mantelkragen und einen langen, schwarzen Mantel. Den mal mehr, mal weniger schwer bewaffneten Körper verhüllend. Seine tödlichen Hände umgaben edle Lederhandschuhe. Alles Maßnahmen, damit Außenstehende nie dahinterkommen würden, wer sich darunter verbarg. Zusätzlich war er mit der modernsten und besten Technik verkabelt, damit sein Hintermann auch alles mitbekam. Folglich war er also nie alleine anzutreffen. Und dadurch noch unverwüstlicher und noch viel gefährlicher, als er es ohnehin schon war.  Man sollte ihn also keineswegs unterschätzen.
Und das würde der junge Mann gewiss nie einfallen. Welch glücklicher Umstand also, dass ihm der Angreifer nicht wirklich etwas antun wollte, sondern vielmehr einen nervtötenden, kläffenden Yorkshire-Terrier darstellte.
Der gefährliche Pitbull, das Objekt seiner Begierde, lauerte im Hintergrund. Und das Gute daran war, dass diese Beschreibung auch auf ihn selbst zutraf. Auch er hatte vorgesorgt und sich etwas ganz besonderes einfallen lassen.

Wieder ertönte, kaum hörbar, ein herrliche Knacken. Der wichtigste Teil der Technik befand sich im Ohr des Terriers. Ein kleines, etwa 0,5 cm rundes, hautfarbenes Klangwunder. Mit ihm hörte er, was der Pitbull zu sagen pflegte. Der andere Teil verbarg sich irgendwo im Inneren des Kragens und war multipel als Mikrofon einsetzbar. Damit zeichnete das winzige Gerät sämtliche Geräusche in unmittelbarer Umgebung auf.
Ein unablässiges Arbeitsgerät also - für einen Privatdetektiv.
Und das ‚privat‘ konnte man hier wortwörtlich nehmen. Ganz unter Ausschluss der Öffentlichkeit klärte er all seine Fälle auf. Niemand, bis auf wenige Auserwählte wussten, wer er war und wie er aussah. Hinter vorgehaltener Hand sagte man, er würde nie selbst an einen Tatort gehen. Seine Augen, Ohren und Hände waren stets sein Assistent. Loyal und vertrauensvoll. Eben jener Mann im schwarzen Mantel, der ihm beinahe das Gesicht zertrümmert hatte.
Der junge Mann hatte ihn bereits vor ihrem Treffen beobachtet. Zuvor hatte der Terrier das Gebäude  ebenfalls ausgespäht. Außerdem war es für ihn sehr aufschlussreich, die Beiden bei ihrer 'Kommunikation‘ zu beobachten. Diese Information würde sich vielleicht einmal als lebensrettend erweisen.

Eine Berechnung der Wahrscheinlichkeit ergab, dass der Privatdetektiv seit geraumer Zeit damit beschäftigt war, die Situation zu deeskalieren. Möglichst ohne den Beamten eine Verbindung zwischen der mysteriösen Ankündigung, gerichtet an das Los Angeles Police Department und dem noch kommenden Einsatz offensichtlich werden zu lassen.
Der beste Privatdetektiv der Welt würde dem hysterischen Chief of Police also beschwichtigen müssen. Der junge Mann war schon sehr auf das Ergebnis gespannt. Denn nur so war es ihm möglich, weitere Details zu entschlüsseln, die er für sein weiteres Vorgehen benötigte.

Wie genau die Reaktion des Detektivs ausfallen würde, ließe sich bald feststellen. Inhaftieren konnten sie ihn, ohne Vorliegen eines Verbrechen, sowieso nicht. Auch nicht im Bundesstaat Kalifornien. Und so fragte er sich, ob der Detektiv schon etwas ahnte?
Schließlich mochten sie beide die gleiche Art von Spiel. Doch für den klugen jungen Mann war es weit mehr als das. Es handelte sich hierbei um die Generalprobe. Anschließend würde er seinen Plan in die Tat umsetzen. Aber noch nicht heute. Erst in einigen Tagen. Voraussichtlich Ende Juli würde er sein Spiel beginnen und sehen, wie der Privatdetektiv den Ball zurückschlug.

Als ein weit entfernter Schrei ertönte, störte das keinen der beiden. Ganz langsam setzte sich der barfüßige junge Mann in Bewegung. Er drehte seinem Angreifer den Rücken zu und ignorierte ihn. Lässig und mit den Händen in den Hosentaschen lehnte er sich an die Maueröffnung. Die frische Luft tat gut und war perfekt geeignet, den Gestank der Drogendämpfe aus seiner blutigen Nase zu wehen.

Als er nach draußen sah, strahlten ihm Millionen Lichter entgegen. Weit entfernt tummelten sich die riesigen Wolkenkratzer von Los Angeles.
Los Angeles, dem Mekka für Luft- und Raumfahrt sowie der Musik- und Filmindustrie. Nicht allzu weit entfernt lag der Stadtteil Santa Monica mit dem berühmten Pier.
Luxuriöse Geschäfte, schillernde Bars, teure Restaurants und ein Vergnügungspark lag fußläufig in der Nähe des alten, toten Lagerhauskomplexes.
Reich und Schön neben Verbittert und Verdorben - eine durchaus passende Metapher, die auch auf seine 'Familie' zutraf.
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